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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Sterbebegleitung



Simplemind66
26.03.2007, 20:00
Hallo zusammen.

Ich habe heute mittag einen meiner Patienten begleitet, der zuhause bei seiner Familie sterben durfte.
Ich bin jetzt seit 19 Jahren in der Pflege tätig und es ist das erste Mal, das ich allein als Pflegekraft diese Situation meistern mußte und auch die Aufgabe hatte dann zu sagen: er hat es geschafft.
Ich bin noch völlig durcheinander, obwohl ich das Gefühl hatte es war gut so wie es abgelaufen war(die Situation an sich),ach es ist wohl doch zu konfus.

Gibt es noch jemanden, der Erfahrungen mit Sterbebegleitung hat?
Wie geht ihr damit um?
Ich hab immer noch die Spanne zwischen dem letzten Atemzug und dem Aufhören des Pulsschlages plastisch vor Augen...die Entscheidung zu sagen : jetzt hat er es geschafft, der bange Blick der Ehefrau und die Verzweiflung; er war noch so jung...und sie hatten noch soviel vor....

rainbow13
26.03.2007, 21:44
Liebe Simplemind,

ich habe zwar keine Erfahrung, möchte Dir aber sagen, es ist bewunderswert was Du heute geleistet hast. Du hast einen Menschen auf seiner letzten Reise begleitet, er wusste, dass er nicht alleine ist. Ein sehr tröstlicher Gedanke, deshalb einfach danke, dass es Menschen wie Dich gibt.

Liebe Grüsse
Rainbow

Rubina
04.04.2007, 12:57
Liebe Simplemind,

Ersteinmal möchte ich Dir meine Bewunderung ausdrücken, dass Du seit so vielen Jahren in der Pflege arbeitest. Wie Du weisst, ist vor 3 Wochen mein Papa von uns gegangen, er ist an Krebs gestorben und ich kann diesen Verlust immer noch nicht begreifen. Mein Papa wollte und durfte zu Hause sterben, im Kreise seiner Familie, seinen letzten Atemzu hat er in den Armen meines Bruders getan, kurz davor habe ich ihm noch gesagt, dass wenn er loslassen will, dann darf er das. Jeden Tag kamen zwei Personen vom Pflegedienst zu uns nach Hause und haben ihn betreut und da ist mir eigentlich zum ersten Mal bewusst geworden, wie wichtig Dein Beruf ist und ich jedes Mal zu den Pflegern sagte, wie toll ich es finde, was sie da eigentlich machen und es ist nicht nur das, sondern auch das Zuhören und Helfen in Gesprächen mit den Angehörigen, das hat mir meist mehr geholfen, als wenn mir ein Bekannter der Familie gesagt hat " Ach das wird schon wieder" oder solch stumpfe unwissende Bemerkungen. Mein Papa lag im Leberkoma und eine ganz liebe Pflegerin sagte mir, dass er alles höre, auch wenn er für uns nicht mehr beim Bewusstsein war, daraufhin habe ich noch viel mehr mit ihm gesprochen, gestreichelt, etc. Das hat mir sehr geholfen.

Was ich damit sagen will ist, dass Du einen ganz tollen Beruf hast, der sicherlich einer der schwierigsten ist und sehr durch die Haut geht. Sicherlich ist es hart, mit all dem Erlebten erstmal fertig zu werden und einfach abzuschalten.
Ich konnte Dir nun keine Antwort auf Deine Frage geben, aber Dir einfach danken, für das was Du für andere Menschen tust.

Deine Rubina

Simplemind66
10.04.2007, 21:31
Danke schön ihr Beiden,

es ist schön zu wissen, das auch `danach` noch gewürdigt wird wie viel Engagement von den Pflegekräften geleistet wird. Es ist halt doch kein Beruf wie jeder andere.

Optimistin68
10.05.2007, 17:23
Hallo,

ich sitze hier und heule - und ja: Du machst eine sehr schwere, aber für die Sterbenden und die Angehörigen wundervolle Arbeit.

Mein Papa ist vor über zwei Jahren auf einer Palliativstation an Krebs gestorben, am Morgen sagte er mir, jetzt sei es soweit, er sei kaputt und was er denn jetzt bloß machen sollte - es war furchtbar. Ich bin den ganzen Tag bei ihm geblieben, mein Bruder kam auch, zwischendurch schlief er - oder war er bewußtlos? Wir wissen es nicht genau. Wenn er aufwachte, sah er uns nur waidwund an und sagte, es sei furchtbar, und wann es denn endlich vorbei wäre. Sie haben versucht, ihn ihn zu betäuben, das hatte er sich gewünscht, aber die Medikamente haben wohl gar nicht mehr so angeschlagen. Schlussendlich ist er an dem ganzen Wasser in seiner Lunge erstickt - wir haben seine Hand gehalten und ich hoffe inständig, dass er dabei wirklich schon bewußtlos war.

Er fehlt mir so

Jedenfalls wäre alles noch viel schlimmer gewesen, wenn die Schwestern und Ärzte auf der Station nicht so super gewesen wären. Wir haben dann statt Blumen und Kränzen um eine Spende für die Station gebeten - das hätte meinem Papa gefallen, denke ich.

Rubina
11.05.2007, 13:23
Liebe Optimistin,

Ich möchte Dir mein ganz tiefes Mitgefühl für den Verlust Deines Vaters ausdrücken. Ich kann sehr gut nachempfinden, wie es Dir geht und wie es in Dir aussieht. Mir geht es genauso, der Tod meines Papas ist allerdings erst 8 Wochen her, er fehlt mir auch so sehr und ich glaube, ich habe es immer noch nicht begriffen, es tut einfach so sehr weh.
Mein Vater war 2 Wochen lang auf einer Palliativstation und sein Wunsch war es nach Hause zu kommen, um dort Abschied zu nehmen. Seine letzten Stunden habe ich so sehr vor den Augen, als würde sich alles jetzt abspielen und werde es wohl nie vergessen.

Ich drücke Dich und gebe Dir ganz viel Kraft mit auf den Weg. Sei stark.

Liebe Grüsse,
Rubina

Optimistin68
13.05.2007, 15:03
Liebe Rubina,

danke - und auch Dir wünsche ich viel Kraft für die nächste Zeit. Zuerst ist es nur schrecklich. Und natürlich werden wir die letzten Stunden nie vergessen. Aber ist es nicht ein Geschenk, dass wir dabei sein durften? Das macht es so klar, finde ich. Ich glaube, wenn ich einfach nur die Nachricht erhalten hätte, dass Papa seinen Weg zuende gegangen ist - ich hätte es gar nicht glauben können.

Am Tag bevor er starb, hat er meinen Bruder gebeten, die Familie zu holen - ich war beruflich auf einer Tagung, 300 km entfernt. Er hat auf mich gewartet, scheint mir und dafür danke ich ihm.

Ich habe mich immer gewundert, wie sich die Welt einfach weiter drehen kann, wo doch so etwas Unfassbares geschehen ist: mein Papa ist tot!

Auch jetzt noch tut es weh. Und ich glaube, es wird den Rest meines Lebens weh tun. Aber es wird leichter - und ich weine auch nicht mehr so viel wie im ersten Jahr.

Es werden noch mehr geliebte Menschen vor uns gehen - das ist nun mal der Lauf der Welt. Und jedesmal werden wir ins Bodenlose stürzen.

Aber irgendwie kommen wir da durch - es wird uns nichts auferlegt, das wir nicht imstande sind, zu tragen. Das ist meine Grundüberzeugung.

Liebe Rubina, irgendwann wirst Du am Ende des Tunnels wieder Licht sehen. Ich wünsche Dir alles Gute,

Optimistin68

Tahnee
13.05.2007, 15:07
Hallo,

ich sitze hier und heule - und ja: Du machst eine sehr schwere, aber für die Sterbenden und die Angehörigen wundervolle Arbeit.

Mein Papa ist vor über zwei Jahren auf einer Palliativstation an Krebs gestorben, am Morgen sagte er mir, jetzt sei es soweit, er sei kaputt und was er denn jetzt bloß machen sollte - es war furchtbar. Ich bin den ganzen Tag bei ihm geblieben, mein Bruder kam auch, zwischendurch schlief er - oder war er bewußtlos? Wir wissen es nicht genau. Wenn er aufwachte, sah er uns nur waidwund an und sagte, es sei furchtbar, und wann es denn endlich vorbei wäre. Sie haben versucht, ihn ihn zu betäuben, das hatte er sich gewünscht, aber die Medikamente haben wohl gar nicht mehr so angeschlagen. Schlussendlich ist er an dem ganzen Wasser in seiner Lunge erstickt - wir haben seine Hand gehalten und ich hoffe inständig, dass er dabei wirklich schon bewußtlos war.

Er fehlt mir so

Jedenfalls wäre alles noch viel schlimmer gewesen, wenn die Schwestern und Ärzte auf der Station nicht so super gewesen wären. Wir haben dann statt Blumen und Kränzen um eine Spende für die Station gebeten - das hätte meinem Papa gefallen, denke ich.

Ich finde es eine ganz liebe Idee von Euch, Optimistin. Die Schwestern, Pfleger und Ärzte haben sich ganz bestimmt sehr darüber gefreut. :blumengabe: :blume:

Tahnee
13.05.2007, 15:17
Simplemind66, Sterbebegleitung + Hospizarbeit ist ein ganz besonderer und auch schwieriger Bereich in der Pflege. Du hast das sicher ganz toll gemacht und wenn Du das Gefühl hast, dass es gut so war, wie es war, dann hast Du alles wirklich toll gemacht.

Ich kenne es von mir, dass Begleitungen, wo alle an einem Strang zogen (sprich die Angehörigen, der Hausarzt usw.), die besten sind und man mit denen auch am besten zurecht kommt. Eine Begleitung, die ich mal hatte, war so klasse, dass ich sie wohl nie vergessen werde. Es war eine Mutter von 3 Kindern, welche zu Hause mit Blick auf den Garten morgens um 7 einschlief. Ihre Kinder und der Mann waren dabei und etwas entspannteres habe ich danach kaum wieder gehabt. Ihre Freunde organisierten reihum, dass immer jemand da war.

Sie starb genau an dem Tag, wo ich noch vorher sagte, dass ich evtl. etwas später komme, da meine Lütte den KiGa wechselte. Ich kam dann doch pünktlich (Klein-Tahnee war ganz verwundert, dass ich etwas Anlaufzeit eingeplant hatte --> O-Ton *Mama, Du kommst doch nachher eh wieder. Was ist denn los? Ich rufe schon an, wenn was ist.*) und sie war schon ca. eine Stunde tot. Die Familie hatte aber nicht angerufen, da sie wussten, dass ich eh komme und sie sich auf mich verlassen konnten. Das tat auch ganz gut. Ich habe ihr dann mit ihrer besten Freundin ihr Lieblingskleid angezogen und sie noch mit ihrem Lieblingsöl einmassiert.

Tahnee

Simplemind66
14.05.2007, 11:20
@Tahnee,

Recht hast du, wenn die Angehörigen und der Hausarzt richtig mitmachen, dann sind solche Begleitungen möglich.
Nur ist es ganz oft so, das die Angehörigen da ein echtes Problem haben, besonders wenn die Kranken alt sind und sie irgendwie ein gestörtes Verhältnis zu ihnen haben....ich hab da schon abstruse Dinge erlebt, die mir die Haare zu Berge stehen lassen.


Solche Begleitungen wie unsere beiden sind doch noch eher die Ausnahme, zumindest im häuslichen Bereich. Ich erlebe es häufiger, das die Patienten doch noch schnell ins KH kommen.