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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Tod der Eltern - ich finde keinen Ansatzpunkt



Inaktiver User
21.03.2007, 16:38
Hallo ...

ich glaube, einige hier kennen mich bereits.

Nach dem Tod meines Vaters (vor 3 Jahren) und nach dem Tod meiner Mama (vor 2 Monaten) konnte ich hier nichts schreiben.

Eigentlich kann ich immer noch nichts schreiben, jedenfalls zum Thema nicht.

Ich vermisse meine Eltern. Niemand hat mich so vorbehaltslos geliebt wie diese Menschen. Ich bin noch nicht mal 40. Hab meinen Vater verloren, als er 62 war (da hab ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, hab ihn aus der Karibik per bezahltem Klinikflug hergebracht, OP- Leberversagen - Dickdarmkrebs). 3 Jahre später meine Mama. Sie lebte schon wieder hier, ich hab das Haus in der Karibik auf ihren Wunsch verkauft, sie lebte wieder in meinem Elternhaus. Letzten August ... Kollaps ... Einweisung in Privatspital - Verlegung mit viel Nerven meinerseits, da ein Tumor nachgewiesen wurde. Verfall - sie lebte bei mir. Tod dann ... am 15. Jänner.

Ich fühle mich verdammt alleine. Ich habe Freunde, sehr liebe sogar, einen Lebenspartner (lieb, aber ... bei dem weiß ich nie, wo ich dran bin). Einen Hund (da weiß ich, wo ich dran bin) ein Pferd, ein Haus, eine Firma.

Ich schaffe seitdem kaum mehr was. Bin unkonzentriert, trinke Sekt, trainiere bis zum Umfallen, schlafe schlecht, lese viel ... ich betäube mich, letzlich.

Wie komm ich da raus? Meine Trauer ist tief in mir drin. Selten gibt es Tränen. Mein Freund findet es gut, daß ich bin "wie immer". Ich bin aber nicht immer so. Dann ist er weg. Das kann man als gut oder als schlecht empfinden.

Mir gehts aber nicht um ihn - mir gehts um mich.

Habt Ihr eine Idee?

Lillian2207
21.03.2007, 17:23
Liebe 1of8,

mein Beileid für Dich! Wie schlimm es sein muß, so schnell beide Elternteile zu verlieren.... und wie ich das Gefühl dieser Ohnmacht bzw. Trauer kenne. Nach außen hin sieht man stark aus, niemand merkt wie es in einem aussieht. Und doch wünscht man es sich so sehr, offen trauern zu können, von lieben Menschen nur gehalten zu werden, Verständnis zu finden.

Was könnte ich Dir für einen Tipp geben? Meinen Weg habe ich gefunden: ich schreibe Briefe an meinen verstorbenen Verlobten. Hier im Forum. Jeder kann sie lesen und ich bekomme Feedback und Hilfeleistung. Ich bin hier nicht alleine und ich fühle mich hier geborgen. Ein anderer Weg den ich gehe, sind Gespräche mit einer Therapeutin und einer Trauerbegleitung. Naja, die Trauerbegleitung gibt mir mehr, hier fühle ich mich besser und lieber aufgehoben. Aber beides tut mir in gewisser Weise gut.

Es gibt nichts schlimmeres als diese Einsamkeit die sich wie ein Schleier über einen legt, durch den man keine Zukunft mehr sieht. Nichts ist schlimmer! Aber er lässt sich heben in dem man seiner Trauer Luft macht und sie irgendwann annimmt. Ja, ich weiß ich habe gut reden. Ich bin auch erst auf dem Weg dahin, falle oft wieder zurück, aber mir geht es mit "Offenheit zur Trauer" besser, als Schweigen und nur ertragen zu müssen.....

Ich drück dich mal ganz vorsichtig und wünsche Dir alles Gute. Du findest schon Deinen Weg!

Lieben Gruß
Lillian2207

Henne65
21.03.2007, 17:40
hallo liebe one,

ich möchte dich so gern trösten...

gestern hatte ich so einen tag, an dem ich sehr intensiv über meine *ursprungsfamilie* nachgedacht habe. dann habe ich meinem bruder sozusagen einen liebesbrief geschrieben, weil er der einzige von damals ist, der mir mal was schenkt, was aus dem urlaub mitbringt, immer für mich da ist, egal was ich anstelle (chaotische beziehungen, mein studium usw.) und weil ich glücklich bin, dass ich ihn habe. hast du geschwister?

mein alter vater lebt noch, wir verstehen uns auch gut, aber sehen uns eher alle zwei wochen mal an der theke in seiner oder meiner stammkneipe. er ist nicht so der *fels in der brandung* wie mein großer bruder. meine mutter ist schon fast neun jahre tod.

tja, ich kann dich wahrscheinlich nicht wirklich trösten, denn ich bin ja sozusagen reich mit vater, stiefmutter, bruder und meinem sohn. andererseits gehört gerade das loslassen und verlieren der großeltern und eltern so unbedingt zum leben dazu und macht uns menschen reifer und erwachsener.

hast du rituale von früher, die du in dein leben integriert hast? machst du manchmal unbewusst ähnliche bemerkungen oder gesichtsbewegungen wie ein elternteil? hast du schöne bilder in deinem zuhause hängen? DU bist jetzt deine eltern; du trägst ihr erbgut und ihre erziehung in dir, also sind sie nicht wirklich weg von dieser welt.

vielleicht magst du auch mal briefe schreiben wie lillian *wink*, hier oder für dich allein? ganz wichtig finde ich auch weinen; nimm dir doch mal ein altes urlaubsalbum und koche dir einen kakao dazu wie mama früher und gib dich deiner trauer ganz und gar hin.

und erwarte bitte keine wunder von dir; es ist ja alles noch gar nicht so lange her, vor allem das mit mama und ihrem etwas angefressenen dackel. :smirksmile:

vielleicht konnten meine worte dir ein klein wenig helfen.

was ich lillian auch schon mal versucht habe zu erklären, wenn die grundtrauer gar nicht weichen will, kann es sehr hilfreich sein, irgendetwas zu geben, eine art ehrenamt für wirklich benachteiligte menschen, kinder, tiere...

es kommt soviel wärme zurück. :smile:

ganz liebe grüße an dich; kopf hoch! :wangenkuss:

Inaktiver User
21.03.2007, 18:15
Hallo, Ihr Lieben,

Ihr beide habt mir sehr schöne Gedanken mitgeteilt.

Ja, es ist so, wie Du, Henne schriebst - jemand, der einem was mitbringt. Mein Freund tut das zwar auch. Aber das ist anders. Meine Mama mit den sinnlosen Um-die-Hüfte-zu-schlingenden-Fähnchen ... wie sehr hab ich das geliebt, wenn sie die Dinger ausgepackt hat.

Oder mein Vater, der nie begriffen hat, warum der Stein "Larimar" was Besonderes ist. Der mir sogar - weil er es witzig fand (war es auch) einen Besen geschenkt hat, mit einer Schleife dran, für mich Hexentochter ...

Doch, ich sammle Fotos von meinen Eltern, und ich werde sie bald an einem schönen Platz aufstellen. Ich habe auch auf der Todesanzeige meiner Mutter (wie auch damals bei meinem Vater) ein wundervolles Foto abdrucken lassen. Manchmal wünschte ich mich in diese Welt ... zurück/nach vor?

Ich muß jetzt mein Elternhaus räumen. Mein Freund sieht das professionell (okay, wenigstens einer) - ich kann dort manchmal nicht mal mehr atmen. So sehr bedrückt mich das Vergangene.

Nein, liebe Henne, ich habe keine Geschwister. Von meiner Familie ist niemand mehr übrig. Wenn man von einer angeheiraten, böswilligen Stieftante absieht, der ich den Mund verboten habe.

Ich fühle, und es tut mir weh, daß niemand auf dieser Welt mehr mich uneigennützig in den Arm nehmen wird. Das tun einfach nur Eltern. Merkwürdig, als sie lebten, war das nicht wichtig, sie waren da, das genügte meist. Nun fehlt es mir. Und nun weine ich drum.

Lilian, Briefe schreiben? Das wären doch nur Texte voller Selbstmitleid, voller Hilfeschreie und voller Trauer. Sowas kann ich doch hier nicht abladen. Das mag ich doch selbst nicht von mir hören oder lesen.

Ja, diese Einsamkeit ist wie ein Schleier. Unter diesem Schleier versuche ich zu leben. Doch ... ich lebe nur teilweise. Nur das, was nötig ist. Und vielleicht nicht mal das. Ich bin unkonzentriert, nerve meinen Freund damit.

Der hätte gerne seine starke Freundin zurück. Die gibts aber nicht mehr täglich. Er kann sich es aussuchen, ob er bleibt oder nicht. Merkwürdig, das geht leicht, dieser Gedanke. Wenn er mir schon nicht helfen will, soll er bitte nichts erwarten, was ich nicht kann. Nicht täglich.

Ich fühle mich aufgesplittert. Ich schaffe schon immer den jeweils nächsten Tag. Aber ich komme nicht weiter. Ich dreh mich im Kreis ...

Inaktiver User
21.03.2007, 18:36
Ich schreibe einfach mal weiter.

Vielleicht ist es die Sehnsucht, Menschen zu haben, die einen garantiert niemals hintergehen? Ich hab in meinem Leben schon einiges hinter mir, wie die meisten wohl. Wenn eine Frau fast 40 ist, weiß sie, egal, wie faszinierend sie ist, es ist Makulatur. Garantien gibt es nicht.

Doch, die gab es mal. Die Eltern boten diese Garantien. Ich habe kaum meine Eltern bei Niederlagen gebraucht, weil ich fast keine (Niederlagen) hatte. Ich habe auch jetzt vielleicht keine (Niederlage). Aber das Gefühl ist da. Daß es schön wäre, es nähme jemand einen in den Arm, und alles ist zwar nicht gut, aber ... morgen ist auch noch ein Tag.

Ich schaffe das alles ja wirklich alleine. Ich weine, wenn mein Freund in meinem 2. Haus schläft. Ich reiße mich zusammen, wenn er da ist. Knuddeln tue ich Hund und Pferd (die beiden sind Kummer gewöhnt - nein, die finden das bestimmt in irgend einer Weise nett).

Ich fühle mich alleine, verdammt alleine. Mein Freund ist zwar in diesem Thema hilflos, aber sonst nicht. Der tut schon viel, viel mehr wohl als der "übliche" Mann. Das ist schön. Und bei meiner Trauer kann er mir nicht helfen.

Bei den Beerdigungen war ich so gefaßt, es war gespenstisch. Dafür Tage davor und danach wie versteinert.

Ja, ich trage meine Eltern in meinen Erbanlagen ganz tief in mir jeden Tag aufs neue in jeden neuen Tag mit. Das hilft mir, aber ich fühle mich dem nicht gewachsen.

Ich fühle mich hilflos. Ich kann zwar nebenbei ein Grundstück kaufen und einen Neubau eines Hauses beauftragen, aber ich kann nicht für meine seelische Ausgewogenheit sorgen.

Ich weiß nicht, ob das normal ist. Ich quäle mich von Tag zu Tag, ich versuche bloß, zu überleben und mich möglichst nicht zu blamieren, weil ich mir wenig merke.

Ich bin sicher, es kommen bessere Zeiten. Ich warte darauf ...

Henne65
21.03.2007, 18:51
aber liebe one *schüttel*, natürlich ist das normal!!!

es gibt vermutlich kein schlimmeres *loslassen* als das auferzwungene durch tod. bis die wunden heilen, geht bei dem einem ein jahr ins land, bei dem anderen sind es zehn jahre. jeder mensch ist ein produkt seiner eltern und hat ganz viel selbst dazu getan, ein individuum zu werden. deshalb hat jeder mensch das recht auf seinen eigenen weg der trauer, der in den allermeisten fällen als *normal* zu bezeichnen ist, auch wenn kein weg dem eines anderen menschen gleicht.

du bist bestimmt eine sehr starke frau. alles was ich hier von dir gelesen habe, bestärkt mich in der annahme.

aber wo steht geschrieben, dass du immer stark sein musst???

weinen befreit so sehr; dein freund versteht dich bestimmt, wenn du mal einen abend in seinen armen weinen willst. deine tiere sowieso; hast du mal tränen ins fell vergossen?

schreib' doch bitte weiter hier. so sortierst du deine gedanken ein wenig und bekommst zuspruch, den du jetzt brauchst. ist das denn schlimm? nein, das ist nicht schlimm *bestimm*!

kann das sein, dass es dir ein wenig schwer fällt, einfach nur zu *nehmen*? also außer von den eltern jetzt; kinder kriegen dieses gen bei der geburt mit und das hält normalerweise ewig.
aber auch andere menschen können dir bestimmt sehr viel geben, wenn du sie lässt.

nur so eine idee von mir...:peinlich:

Inaktiver User
21.03.2007, 19:01
Ich schreibe noch ein paar Gedanken auf.

Meine Eltern waren mit mir vor 30 Jahren in Sri Lanka. Dort haben sie bei einem geschäftstüchtigen Tamilen Saphire gekauft. Die haben über die 30 Jahre durchaus an Wert gewonnen. Mama hat mir die schon mitgebracht, als sie noch lebte.

Als sie gestorben ist, habe ich all meine Familienerbstücke, die ich nicht mehr mochte (inklusive meinem Ehering und den meines verstorbenen Mannes) zusammengesucht, und meinem Freund, der gute Kontakte zu Juwelieren hat, mitgegeben.

Nun habe ich einen äußerst opulenten Weißgoldring, der einen dieser Saphire umschließt. Ich bin groß und nicht gerade feingliedrig, ich kann einen so auffälligen Ring tragen. Er repräsentiert für mich alles das, was in den letzten Jahren passiert ist. Klar, Mamas Golduhr und ein paar andere eher ausgefallene Schmuckstücke hab ich behalten. War viel von mir dabei.

Ich sehe den Ring an - und ich weiß um die Vergänglichkeit. Kann ein Mensch froh werden mit diesen Gedanken? Ich dachte anfangs: ja. Zwischendurch: vielleicht. Jetzt wieder: ja. Aber das tröstet nicht, nicht im mindesten. Ich dachte, das tut es.

Ich dachte, das widerspiegelt all das, was die Familie geschaffen hat. Und das trägst Du am Finger. Als (nein, nicht Bürde) - Geschenk. War doch viel an Gold dabei, was mir mein 1. Mann geschenkt hat. Warum macht mich das nicht froh?

Ich glaube, es ist kaum vorstellbar, und auch nicht vermittelbar, was in mir vorgeht. Nicht, daß es so besonders ist, ich kann es bloß nicht wiedergeben.

Vielleicht sollte ich einfach leben. Wie vorher.

Inaktiver User
21.03.2007, 19:03
henne, danke - ich werd mal über Deine Worte nachdenken.

Nein, ich kenne das eigentlich nicht. Ich war meist die Gebende. Vielleicht ist es höchst an der Zeit, mal schwach zu werden.

*bussi*
One

Inaktiver User
21.03.2007, 19:19
In das Fell der Tiere weinen - klar, das tue ich. Seitdem mein Freund sich dafür entschieden hat, bei mir zu wohnen, muß ich das dosiert machen. Also, wenn er nicht da ist.

Beide Tiere sind jung und daher springen sie gerne davon. Macht nix. Hundi kommt zurück, und beim Pferd putze ich halt nach einigen Schniefminuten weiter. Oder ich stelle mich nur so in die Box. Dort kann mir keiner was.

Henne65
21.03.2007, 19:37
In das Fell der Tiere weinen - klar, das tue ich. Seitdem mein Freund sich dafür entschieden hat, bei mir zu wohnen, muß ich das dosiert machen. Also, wenn er nicht da ist.



*musst* du das wirklich? ist es nicht eher so, dass du das möchtest? ist es dir peinlich, wenn er dich weinen sieht?

entschuldige die direkten fragen; das interessiert mich wirklich.

ich bin da ganz anders, kann mich gut -wenn nötig- in andererleuts armen ausweinen, um mich danach alleine wieder aufzurappeln und nach vorn zu sehen. das halte ich für wichtig, dieses selbst-verantwortliche denken.
also nicht so *ich weine jetzt, bringe meine welt wieder in ordnung* sondern *ich weine jetzt und will für einen moment festgehalten werden; gleich geht' schon wieder*. :smirksmile:

Inaktiver User
21.03.2007, 19:38
Okay, alle die Gedanken vermischen in einem neuen Schmuckstück. War ein guter Gedanke. Vielleicht schätze ich das mal.

Später. Wenn der neue Ring nicht mehr drückt.

Was mich viel mehr irritiert: Ich bin mit meiner Vergangenheit d'accord. Meine Eltern und ich, wir hatten viele unterschiedliche Ideen. Aber nur unterschiedlich in der Ausprägung. Nicht in der grundsätzlichen Meinung.

Nun baue ich ein Haus (mein Haus, auf meine Kosten) mit meinem Freund. Der bringt schöne Ideen ein, und er - der Freund - ist trotzdem nicht faßbar. Nicht so ganz. Ich kann so weitermachen - tue ich auch - ist ohnehin mein Eigentum - aber: ich tue mir schwer, zu vertrauen. Aus gutem Grund

Insofern fühle ich mich haltlos. Wer jetzt meint, es ginge nur um die Abicherung: nein, geht es nicht. Es geht um das Gefühl, geborgen zu sein. Und das ist weg.

Niemand mehr kann mir raten. Nicht, daß ich das bräuchte, aber ... es wäre wunderschön. Selbst wenn es Mama wäre, die von Immobilien wenig Ahnung gehabt hätte.

Inaktiver User
21.03.2007, 19:41
Liebe One,

ich habe zeitweise bei dir mitgelesen, es dann aber aus den Augen verloren.
Deine Mama ist tot, seit zwei Monaten schon.

Nachträglich, mein herzlichstes Beileid.

Du hast mit so viel innerer Liebe von dem Hund deiner Mama und natürlich auch von deiner Mama selber geschrieben.
Diese Liebe ist ein Erbstück von deinen Eltern an dich, sie wird immer in dir sein.

Meine Omi ist vor fast genau 5 Jahren gestorben. Jetzt musste meine Tante, ihre Tochter, die Wohnung räumen.
Ich habe einen "Fliegenschrank" geerbt. Materiell völlig wertlos, für mich ein Seeligkeitsding. Er verkörpert für mich so viel von meiner Omi und hat sie begleitet, seit sie 20 war. Sie wurde fast 97.

Such dir etwas, was zu dir spricht. Etwas, was ein wenig den Charakter/das Wesen der Person verinnerlicht.
Die selbstlose Liebe wird als Erinnerung in dir bleiben.
Jetzt bist du das Zuhause.

Liebe Grüße

Inaktiver User
21.03.2007, 19:41
Ja, so ist es. Das endgültige Ende der eigenen Kindheit.Jetzt ist keiner mehr "vor" uns.

Ich fühle mich manchmal auch allein wie ein Kind im Wald.

Inaktiver User
21.03.2007, 19:43
Liebe Henne,

doch, ich weine am allerliebsten ganz alleine. Ein warmes Fell und ungestörte Umgebung ist wundervoll.

Die Tiere fragen nicht, wenden sich vielleicht irritiert (aber nicht wertend) ab, und Du kannst weiterheulen.

Ich hab leider noch nie einen Mann getroffen, der das hinkriegt. Und Freundinnen - ich habe gute, liebe - sind auf der Ebene auch überfordert. Ich bin nämlich immer die Starke.

Super ...

Mein Freund liebt mich sicher, und er liest mir auch viele Wünsche von den Augen ab. Aber, mich schwach zu sehen, verkraftet er nicht. Insofern schätze ich Abende wie diese, wo er in meinem 2. Haus schläft und ich kann für mich alleine trauern (und Euch vollabern ... sorry).

Henne65
21.03.2007, 19:46
nun, siehst du, der ring ist doch schon mal ein ritual; sehr schön. :lachen:

wer mal einen bösen vertrauensbruch erlebt hat, kann deine gefühle bestimmt gut nachvollziehen, ich zum beispiel...

es ist schon wahr, im fall der fälle ist es natürlich ein wunderbares geschenk, einen partner zu haben, bei dem man sich -für eine weile- völlig fallenlassen kann, wenn die eltern gestorben sind. fallen lassen wie ein kind.

dummerweise ist das leben kein wunschkonzert, viele dinge, die wir haben möchten, können wir aus dem einen oder anderen grund nicht bekommen.

möglicherweise kommen jetzt auch zwei sachen bei dir zusammen, eine alte? geschichte, die dir dein urvertrauen genommen hat und die erkenntnis, die letzte einer familie zu sein?

du brauchst das jetzt gar nicht zu beantworten; ich rede einfach mal so ins unreine. :smirksmile:

Henne65
21.03.2007, 19:49
(und Euch vollabern ... sorry).

*schimpf* geht's noch???

liebe one, ich vermute mal, dass die allermeisten user hier nette erwachsene menschen sind, die nur das lesen, was sie interessiert und die auch völlig uneigennützig mal mit jemandem quasseln können, der das gerade benötigt. bitte entschuldige dich nicht für deine art, jetzt etwas loswerden zu wollen.

dafür ist die bri-com doch unter anderem da. :lachen:

Inaktiver User
21.03.2007, 20:04
Genau, :blumengabe:
dafür ist die BriCom da und vor allem dieses Trauerforum, unser "Refugium"

1of8, bitte sprich weiter mit uns...... das tun wir doch alle hier!
Mal mehr, mal weniger - und jetzt bist du an der Reihe.

Ich denke, es wird sehr hilfreich für dich sein, Schreiben ordnet Gedanken und Gefühle und vieles erscheint plötzlich klarer.
Auch wenn man Tage, Wochen, Monate später hier nochmal seine Postings liest... dann sieht man, das man Fortschritte gemacht hat, im allg. 2 Schritte vor und einen zurück oder auch mal "zur Seite" und dann hängt man über dem Abgrund - und dann hast du hier deine BriCom-Gefährtinnen, die dich halten und auf deinen Weg zurückbringen.

Liebe 1of8, welcher Mensch möchte nicht geborgen sein und ma im Arm gehalten werden? Das geht auch nicht-trauernden so. Deine Empfindungen und Verhaltensweisen, die du beschrieben hast, lesen sich für mich ganz "normal" !

nur Mut ! :blumengabe:

Inaktiver User
21.03.2007, 20:04
Liebe Henne,

nein, ich muß natürlich nicht alleine vor mich hin weinen. Bloß ... ich kann es nur so. Mein Hund und mein Pferd sind Wesen, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ein Mann ist doch anders, oder?

Mein Mann sieht in mir immer noch ein Fabelwesen. Daß das Fabelwesen ca. 15 Kilo zugenommen hat und nicht mehr von den In-Fotografen hofiert wird, ist für ihn rätselhaft. Tja. Das wird noch ein heftiges Thema werden.

Den Dackel, Henne - ich wünschte, er wäre noch am Leben! Ist er aber nicht, und ich kann mich noch so genau an den Tag erinnern, als ich ihn tot hinter Mamas Bett gefunden habe. Ich habe das Erbrochene weggewischt, Kot und Urin sowieso und habe ihn zum Gemeindegrundstück gebracht. Dort hat ihn ein lieber Freund (im Plastiksack) entgegengenommen und mir gesagt: Fahr heim, und kümmere Dich um Mama. Klar.

Okay ... nein, ich drück mich nicht vor Freund und Weinen. Aber es ist so, daß ich keine Erleichterung finde, wenn ich in seinen Armen weine. Er ist hilflos. Dann weine ich lieber, heule lieber hemmungslos ins Hundefell. Antwort ausreichend?

Muschelkalk, danke für Deine Worte. Egal, was Du mitnimmst, es wird genau das richtige sein. Dieser Fliegenschrank (ich weiß nicht, was das ist), ist für Dich bestimmt genauso wertvoll wie ein Sieb, mit dem Mama immer die verdammten Ribiseln (äh --- Johannisbeeren) abgeseiht hat, und ich mußte die Dingens mit ab-"rebbeln". Es ist egal, was es ist. Hauptsache, Du hast etwas.

Deshalb hab ich all das (wenige!) Familiengold verkauft und mir diesen Ring machen lassen. Es ist mein Familienring. Groß, aber weißgoldfarben. Und er repräsentiert ca. 50 Jahre Geschichte, inklusive meiner (auch meine Eheringe sind eingeschmolzen). Viel mehr kann ich nicht tun, aber ich weine oft, wenn ich diesen Ring sehe.

rosemary: ja, daß ich alleine bin, ist wohl das schlimmste. Alleine wie das Kind im Wald. Ja. Genauso. Ich will das so nicht, aber, bloß, weil ich es nicht will, wird es nicht anders. Heulen ist eine Alternative. Mehr kenne ich derzeit nicht.

Aber: an alle: ich will nicht jammern, ich will verstehen. Daß ich zwischendurch heule, okay.

Kappuziner
21.03.2007, 20:12
Liebe 1 of 8,

meine Geschichte ähnelt Deiner, nur dass nun schon 1,5 Jahre dazwischen liegen. Deswegen möchte ich Dir kurz erzählen, wie es mir ergangen ist.
Mein Vater starb 2004 an Krebs, nachdem er 3 Jahre wie ein Held gekämpft hatte, er war so tapfer, so "old school", fast immer konnte er seine Angst vor uns verbergen, manchmal kam sie durch. An diese Augenblicke erinnere ich mich heute mit viel Wehmut.
Danach brach eine schwierige Zeit an. Meine Mutter brauchte mich. ich muß dazu sagen, ich bin die einzige Tochter, äußerlich und innerlich ähnele ich meinem Vater sehr, im Gegensatz zu meinen beiden Brüdern, die ganz nach der Mutter geraten. Das Verhältnis zu meiner Mutter war schwierig.
Erst nach seinem Tod, als ich für sie quasi sein Ersatz war, da konnte ich sie mit liebevollen Augen ansehen (es klingt furchtbar, aber ich habe oft, als klar war, dass er bald stirbt, gedacht "warum er? warum nicht sie?").
Jedenfalls, ich näherte mich meiner Mutter an, in dieser Zeit habe ich nochmal einen Entwicklungsschub gemacht.
Das wirst du auch gemerkt haben, wie sich die Familie neu gruppiert, wenn einer fehlt, man verändert sich, alle verändern sich, weil sie anders zueinander stehen.

Ja, und dann, nach einem viel zu kurzen Jahr (eigentlich nur 10 Monate), in dem ich sie noch mal ganz neu kennengelernt hatte, ein Wochenende mit ihr in Rom war, mit ihr Berlin unsicher gemacht hatte, nur 10 Monate später wurde meine Mutter schlimm krank. Eine Metastase, den Urspungstumor hat man nie gefunden. Sie starb innerhalb von 3 Monaten.

Und hinterließ 3 völlig am Boden zerstörte Kinder. Wir waren zu nichts mehr fähig.
Meine Beziehung wäre fast zerbrochen, ich war so verzweifelt, dass mein Freund mich nicht verstand (in der Zeit starb auch sein Vater, was total an mir vorüberging, ich dachte nur "er hat ja noch seine Mutter, ich dagegen bin ein Waisenkind).
Ach, das Wort Waisenkind. Mir kommen jedesmal die Tränen. Ich las mal einen Artikel in irgendeiner US-Frauenzeitschrift "You're never too old to be an orphan". Das ist so wahr. Wenn die Eltern tot sind, dann stirbt auch etwas in einem.

Sie sind unser Gedächtnis. Wer wird mir jetzt sagen können, ob ich als Kind Oliven mochte und Kapern? Wovon ich geträumt habe, als ich klein war? Warum durfte ich "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" nicht alleine lesen, das Buch mit dem schönen rosa Kaninchen? Ich habs nie zuende gelesen und ich wollte immer wissen, warum sie mich davor schützen wollten.

So viele Fragen.
So viele Erinnerungen.

Die schlimme Trauer, das wird langsam besser. Es ist sicher ein halbes Jahr her, dass ich warme Sturzbäche von Tränen vergossen habe. Man tröstet sich. Man lächelt wieder langsam, man spürt ihre Liebe in vielen Kleinigkeiten.

Ich habe so um den Jahreswechsel herum angefangen, Dinge von meinen Eltern, die ich mag, um mich herum zu gruppieren. Ein Bild, das mein Vater gemalt hat, habe ich rahmen lassen und aufgehängt. Für einen schönen chinesischen Schmuckkasaten habe ich von meinem Freund einen kleinen "Boudoir"tisch bekommen, da habe ich den Schmuckkasten meiner Mutter und eine schöne Porzellanfigur von ihr aufgestellt, und meinen Schmuck drumherum.
Das verschafft mir etwas Frieden, aber das kann ich erst jetzt, mit dem Abstand.

Ich scanne ab und zu Briefe, Fotos, etc aus ihrem Nachlass ein. Der Plan ist, daraus ein richtiges Erinnerungsbuch zu machen und auch für meine Brüder auszudrucken.

Ich fahre oft zu ihrem Grab, das leider 600 km weit weg ist. Aber meine Brüder leben dort, ich kann das immer mit einem Geschwisterwochenende verbinden. Meinem Vater bringe ich Bambus oder Rosen, er liebte Pflanzen. Meine Mutter hat Eulen gesammelt und wenn ich eine Dienstreise habe, schaue ich immer, dass ich eine ganz kleine Eule finde, die ich ihr schenke.
Wenn ich die Eulen kaufe, muss ich immer weinen. Aber es ist manchmal ein schönes Weinen, fast wie ein Lachen.

Ich komme aus dem Rheinland und bei uns sagt man immer "Wir lachen, wenn wir weinen und wir weinen, wenn wir lachen". Das ist was dran.
Das Lachen wird auch in dein Leben zurückkommen!
Es wird nie wieder so sein wie früher, aber irgendwann wirst du stolz und glücklich die "Saat" der Liebe spüren, die deine Eltern in dir gesät haben.

Kennst du das Lied von Mike and the Mechanics "The Living Years"? Das habe ich oft gehört, schon als mein Vater starb. Er singt, er wünschte, er hätte seinem Vater all diese Dinge gesagt, als er noch lebte.
Aber das geht nicht - denn du siehst alles erst in dieser Klarheit, wenn sie tot sind.
Auch das ist Teil des Schmerzes.

Ich wünsch dir viel Kraft und auch allen anderen hier, die hier schreiben und einen Elternteil betrauern :blume:

Inaktiver User
21.03.2007, 20:16
Liebe Henne,

mein Freund läuft jetzt schon von mir weg und schläft lieber in meinem Elternhaus (das irgendwann verkauft werden soll). Ob er das jetzt wirklich tut oder woanders schläft, es ist mir heilig wurscht. Sorry.

Okay, Ihr habt Recht. Ich kenne es bloß nicht so, daß ich einfach angenommen werde, ohne was zu bieten. Quatsch, ich hab es gehofft, daß es so ist.


Daß das Leben kein Wunschkonzert ist, finde ich gar nicht mal so übel. Ich acker mich ja meist blöd, und will dann auch Ergebnisse sehen. Das ist aber nur die eine Facette.

Lavendelmond, Du kennst mich - glaube ich - noch von der anderen Seite. Ich bin ein Mensch, der lieber gibt als nimmt. Aber, ich weiß auch - @ all - das das kein Kontoguthaben ist. Ich mag das aber trotzdem so halten. Also, wie meine Pflegetochter letztes Jahr.

Liebe Lavendelmond,

ja, Schreiben ordnet die Gedanken. Du hast damit etwas wirklich Wahres angesprochen. Erstmals, seit Wochen, konnte ich weinen, und es ist nichts passiert. Nichts, was gefährlich wäre.

Daß ich gerne das Zeitrad zurückdrehen möchte -ja, wer will das nicht?

Inaktiver User
21.03.2007, 20:19
Liebe Kappuziner,

danke für Deine Geschichte. Aber ich kann echt nur mehr weinen. Morgen gehts wieder, bestimmt.

Du bist eine Starke - danke für Deine Gedanken.

Kappuziner
21.03.2007, 20:21
ich bin auch nicht stark... niemand ist stark, wenn die Eltern sterben, das haut dich einfach nur um.
Und das darf es auch!
Aber - es geht irgendwann, ganz von selbst, du musst gar nichts tun.
Es klingt so schwachsinnig, dieser Spruch, aber mich hat er auch getröstet "Die Zeit heilt alle Wunden".

Henne65
21.03.2007, 20:24
Liebe Henne,

nein, ich muß natürlich nicht alleine vor mich hin weinen. Bloß ... ich kann es nur so. Mein Hund und mein Pferd sind Wesen, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Ein Mann ist doch anders, oder?


hach ja, gute frage. :allesok:

dass es bei den tieren leichter ist, kann ich mir schon gut vorstellen. dennoch sollte ein lebensgefährte einen schon als *gesamtpaket* nehmen; jede/r von uns ist doch, wie sie/er ist, nicht wahr?


Mein Mann sieht in mir immer noch ein Fabelwesen. Daß das Fabelwesen ca. 15 Kilo zugenommen hat und nicht mehr von den In-Fotografen hofiert wird, ist für ihn rätselhaft. Tja. Das wird noch ein heftiges Thema werden.

ähem, er macht doch hoffentlich keine dummen bemerkungen über dein gewicht, oder?

mmmh, *so was* gehört eindeutig auch zum *gesamtpaket*. als ich meinen schatz kennenlernte, war ich toll schlank, nach einer schlimmen depressionserkrankung. du konntest zugucken, wie die 20 kilo wiederkamen, als ich glücklicher leben durfte. netterweise ist mein partner immer noch der überzeugung, dass ich sein engel bin; das finde ich ganz toll und lieb von ihm. :wangenkuss:


Den Dackel, Henne - ich wünschte, er wäre noch am Leben! Ist er aber nicht, und ich kann mich noch so genau an den Tag erinnern, als ich ihn tot hinter Mamas Bett gefunden habe. Ich habe das Erbrochene weggewischt, Kot und Urin sowieso und habe ihn zum Gemeindegrundstück gebracht. Dort hat ihn ein lieber Freund (im Plastiksack) entgegengenommen und mir gesagt: Fahr heim, und kümmere Dich um Mama. Klar.

*schluck*, der dackel...

ja, das glaube ich gern, dass du ihn noch bei dir hättest. ich hatte ja auch für kurze zeit den adoptierten dackel meiner mutter; er lebte ein wenig länger als sie. wie überaus gern hätte ich einen hund; tiere sind balsam für die seele.


Okay ... nein, ich drück mich nicht vor Freund und Weinen. Aber es ist so, daß ich keine Erleichterung finde, wenn ich in seinen Armen weine. Er ist hilflos. Dann weine ich lieber, heule lieber hemmungslos ins Hundefell. Antwort ausreichend?

du musst dich doch vor mir nicht rechtfertigen, um himmelswillen! :ooooh:
ich bin sicher, dass du deinen weg hinbekommst, auch wenn du im moment ein wenig schwächer da stehst als sonst. es ist so normal wie nur was.

lass dich mal bitte knuddeln. :wangenkuss:

Inaktiver User
21.03.2007, 20:25
Liebe Kapuziner,

Deine Gedanken sind wundervoll. Ich nehme sie mit und hoffe, daß ich ein bißchen von Deiner Stärke reflektieren kann.

Inaktiver User
21.03.2007, 20:33
Liebe Kappuziner,

für eine Power-Frau wie mich sind solche "sinnlosen" Wochen äußerst heftig. Und: keiner versteht das. Naja.

Liebe Henne,

nein, dumme Bemerkungen sind selten. Und selbst dann sind sie mir egal. Damals war ich superschlank, glamurös, eßgestört. Alles klar. Wenn er mich mit mehr Kilos nicht mehr liebt, soll er sich bitte eine andere suchen. Aber das stört ihn gar nicht. Ihn stört, daß ich öfters mal nervös, weinerlich und anhänglich bin, gepaart mit dem, daß ich business-dinge vergesse. Klar, ich bin die Chefin. Ich arbeite auch dran. Aber andere Männer starren lustvoll in meinen Ausschnitt, Freund sieht darüber hinweg (das wär jetzt aber kein Trauerthema mehr, oder?)

Ich laß mich mal von Euch knuddeln, ich glaub, ich bin irgendwie zwischen den Fronten ..

Kappuziner
21.03.2007, 20:48
1of8: ich habe interessanterweise auch zugenommen seitdem. Ich denke, ich wollte mich "erden".
Und ja, die Umwelt findet das gar nicht schlimm.

Für Deinen Freund ist es natürlich bedrohlich, seine starke Powerfrau wird plötzlich ein "Trauerkloß". Das ist schwer. Ich kann ihn - mit meinem Abstand - verstehen.

Aber du mußt auch an Dich denken. Dieses Funktionierenmüssen macht dich nur depressiv. Lass diese Trauer in dein Leben rein, ohne Umwege. Sie wird dich auch wieder aus ihrer Umklammerung entlassen.

Grüß Deinen Freund von mir - ich kann mir vorstellen, es ist auch nicht leicht für ihn. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten, sag ihm das :blumengabe:

Inaktiver User
21.03.2007, 21:01
Hmmmm. Kappuziner ... ich hätte gerne meine Trauer - notfalls auch in Kilos umgesetzt - außen vor.

Aber ich verstehe, was Du sagst. Tut mir letztlich auch nicht gut. Im Gegenteil. Ich werde auch - mit ein bißchen Abstand - seinen Standpunkt überdenken. Danke! (auch wenn ich das sch... finde. ja, das tue ich. ich würde gerne ein trauerkloß sein. und irgendwann - von mir aus - das wieder rückgängig machen)

Soooo Trauerkloß bin ich nur relativ. Aber, wenn ich mich aus den Augen eines Mannes betrachte: Ja, bin ich. Meine Trauer hätt ich gerne ohne der Einsicht der perfekten Frau hinter mich gebracht. Okay. Was, bitte, sagt mir das?

Ich glaube, das führt zu weit, weil ich es ablehne. Also, zurück zum Start: Wie ist Frau trotz Trauer attraktiv?

Inaktiver User
21.03.2007, 21:30
Liebe One,

ich möchte dir auch mein aufrichtiges Beileid aussprechen, es tut mir leid, dass du deine Eltern verloren hast. Über deine Mutter hattest du ja geschrieben, ich war vorhin überrascht, als ich las, dass sie bereits vor 2 Monaten verstarb.

One, es ist nicht wichtig, in der Trauer attraktiv zu sein. Ich meine damit nicht, dass man nicht mehr auf sich achten soll, ich meine damit nur, dass man sich nicht verbiegen soll in seinen Bemühungen, anderen als ein Mensch entgegenzutreten, der man momentan einfach nicht ist. Du wirst in dieser Phase deines Lebens nicht das ausstrahlen können, was du vorher tatest, weil du es nicht bist. Du trauerst, gib dir die Zeit, die du brauchst.

Es fällt mir ein bisschen schwer, darüber zu schreiben, ich denke immer, ich habe kein Recht, anderen kluge Ratschläge zu geben, wenn ich selbst in dieser Situation noch nicht steckte. Aber ich erlebe momentan bei meinem Mann, wie Trauer auch aussehen kann, wenn man ihr nicht den Raum gibt, den sie eigentlich erfordert. Weißt du, dass es mich erschreckt und traurig macht, wenn ich lese, dass du in dem, was du deinem Partner von dir zeigst, so verhalten bist? Auch wenn du jemand bist, der eher immer gab und der machte und von dem man gewöhnt war, dass er Dinge wuppt ... du bist auch ein Mensch und du darfst schwach sein und diese Schwäche zeigen. Das bist doch auch du, One.

Mein Mann verlor seine Eltern letztes Jahr beide innerhalb von 10 Monaten unter ganz anderen, wenig schönen Umständen. Er ist nie der Mensch gewesen, der sein Herz auf der Zunge trägt, der über seine Gefühle großartig redet. Er hat ein großes Herz und redet minimalistisch über das, was ihn bewegt. Sein Vater, den er sehr liebte, ist seit 6 Monaten tot und mein Mann wirkt versteinert. Wir leben unsere Familienleben, er arbeitet sehr viel, seine Firma bietet auch entsprechend Ablenkung, aber er redet nicht. Und nachts, wenn ich manchmal aufwache, sehe ich ihn neben mir liegen - manchmal wach, an die Decke starrend, manchmal weint er. Er kommt mir vor, wie ein großer, erwachsener, heimatloser Junge, der seine Wurzeln verloren hat. Aber er redet nicht.

Sei geduldig mit dir, One. Und sei gut zu dir. Sei weich und zerbrechlich, wenn dir danach ist. Das bist doch auch du.

Lieben Gruß von
Zuza

Inaktiver User
22.03.2007, 16:17
Ihr Lieben!

Ich habe mich erst jetzt wieder reingetraut, da ich diese Facette an mir meist wegschiebe. Ich habe nachgelesen, was Ihr und was ich gestern geschrieben habt.

Ich danke Euch für Eure Worte.

Ich bin bin gestern erschöpft vor Weinen ins Bett gegangen, Eure Worte haben in mir viel bewirkt. Wie weit ich nun bin, wie weit in ein paar Wochen, es ist, wie es ist.

Das Wort "Waisenkind" - ja, das trifft.

Vielleicht - nein, ganz sicher - tue ich mir leichter, wenn ich ein wenig mehr Geduld habe. Daß es mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat, ja ... ist wohl so.

Ich war ja gewohnt, meine Eltern nur sporadisch zu hören und noch viel weniger zu sehen. Weil sie eben in der Karibik gelebt haben. Insofern erschrecke ich oft, wenn ich mir vor Augen halte, daß sie nicht bloß "nicht hier" sind, sondern ganz "weg".

Es ist wohl auch irgendwie ein Gewöhnungsprozeß.

Ich möchte mich nochmals von Herzen bedanken, Ihr habt mir sehr geholfen!

Lieber Gruß von
One

teichmuschel
22.03.2007, 17:51
Liebe One,

es wird am 30.04. ein Jahr, dass meine Mutter gestorben ist. Mein Vater starb als ich 13 Jahre alt war.
Bis heute komme ich mehr schlecht als recht mit dem Verlust klar. Und der Tod meiner Mutter hat auch die nie geweinten Tränen um meinen Vater zu Tage gefördert. Auch ich bin selbständig und mir fällt es auch heute noch schwer meinen Arbeitstag zu meistern. Zum Glück hilft mir hier mein Lebenspartner (wir haben zusammen die Firma) in diesen Zeiten sehr.
Aber der Gedanke keine Eltern mehr zu haben, wurzellos zu sein, ein Waisenkind - und das mit 47 Jahren - macht mir schwer zu schaffen. Und was erschwerend hinzukommt, das ich keine Geduld habe. Alles muss bei mir immer schnell gehen und erledigt sein. Nur in dieser Situation lässt sich nichts schnell erledigen.
Ich habe von Anfang an ein Tagegebuch geführt und auch Briefe an meine Mutter und meinen Vater geschrieben. Es hilft mir auch zu sehen, dass ich in meiner Trauer Fortschritte mache - wenn meistens auch nur ganz kleine. Aber an manchen Tagen denke ich, dass ich wieder am Anfang stehe.
Ich wünsche Dir alles Liebe und viel Kraft Deinen Weg zu gehen, es ist Deine Trauer, und liebevolle Menschen an Deiner Seite die die nötige Geduld zum Zuhören aufbringen. Auf jeden Fall findest Du diese hier.

Liebe Grüße
Teichmuschel

Inaktiver User
22.03.2007, 18:08
Liebe Teichmuschel,

ja, die ungeweinten Tränen für meinen Papa kommen auch hoch. Ich mußte doch damals Halt für Mama sein! Da konnte ich nicht trauern ... Ich mußte ihr auch die Jahre dazwischen Halt sein. Sie konnte sich nicht so auf Freunde einlassen, sie konnte nicht alleine glücklich sein, und ich bin eher ein Freigeist. Noch dazu lief die Beziehung zu meinem Partner auch nicht so gut, was ich aber vor ihr geheimhalten wollte, damit sie nicht wieder die "Flügel" über mich ausbreitet. Außerdem wollte ich für mich alleine klar werden, was das nun alles soll.

Natürlich war da keine Zeit für Trauer. Sicher, mal ein paar Tränchen hier und da, ein Bild von ihm über'm Schreibtisch, das ja. Aber die "Lebenden" brauchten mich - sie brauchte mich.

Nun ist es, als wäre ich auf einen Schlag Waise geworden. Sie hatte doch noch irgendwie auch Papa verkörpert, oder besser gesagt: Familie.

Ja, ich bin auch eine, die schnell, rationell und zielgerichtet arbeitet(e!). Ich vergaß nichts, ich war fleißig. Jetzt sitze ich ganze Stunden hier und kann nichts tun. Das belastet mich sehr. Mein Freund, den ich in die Firma genommen habe, unterstützt mich schon sehr, aber er ist diese Person, die ich jetzt bin, halt nicht gewohnt. Ich habe verstanden, daß ich ihn auch verstehen muß, das tue ich.

Ich werde einfach mir - und auch ihm gegenüber - ein wenig nachsichtiger sein. Verlieren kann ich nichts. Gewinnen aber viel.

Liebe Grüße,
One

Inaktiver User
28.03.2007, 16:47
Es sind ein paar Tage vergangen inzwischen.

Ich habe 2 Ersatzfamilien. Die eine sind Arzt, dessen Frau und die 2 Töchter. Die andere eine Familie, die auch 2 Töchter haben, aber etwas anspruchsvoller sind.

Beide Familien haben mich unter ihre Fittiche genommen, wir kennen einander schon lange. Und schätzen einander. Bloß, wenn ich mir Fotos meiner Eltern ansehe (ich habe derzeit nur Mamas Lieblingsfoto von Papa hier stehen, ihre Fotos muß ich erst raussuchen), merke ich meinen Verlust. Eine Leere.

Ich habe meinen Eltern ganz selten, und dann auch nur in jungen Jahren, mein Leid geklagt (ich hatte selten Leid, ich hab jetzt auch ... keines ...doch, schon, aber ....).

Ich komm nicht gut zurecht damit, daß sie nicht mehr da sind. Ich sehe meinen Vater auf Fotos, und ich meine, ich säße neben ihm. Das ist alles so lebendig. Vielleicht wären (wie in alten Zeiten) steife Gemälde besser. Da wüßte man, daß es nur ein Zerrbild ist. Aber die Fotos, die Mama ausgewählt hat, sind einfach ... Papa. Mir steht noch einiges bevor, von meiner Mama ähnliche Fotos auszuwählen.

Es ist wundervoll und es ist gleichzeitig auch unendlich schmerzhaft.

Wie soll ich das einordnen? Heimatlos? In der Vergangenheit verharrend? Oder einfach schwach, trauernd oder sonstwas?

Kappuziner
28.03.2007, 17:18
"Heimatlos" finde ich einen guten Ausdruck dafür, jedenfalls so, wie ich es empfinde...

Inaktiver User
28.03.2007, 17:24
Liebe Kappuziner, vor meinem Fenster sehe ich Menschen leben. Ich könnte das auch, ich habe einen Hund, der unbedingt raus will. Ich vernachlässige ihn derzeit ein wenig (er lernt weiter, aber das Laufpensum fehlt ihm). Ich habe mein Pferd, das z. B. heute nicht von der Trainierin ausgebildet wird.

Ich kann nicht. Ich kann wirklich nicht. Freund schläft heute in meinem Elternhaus (etwas weiter weg, ist besser für seinen Abendjob), ich genieße das Alleinsein, zelebriere aber fast meine ... nein, nicht Einsamkeit, sondern meine ... ich-gehöre-zu-niemanden-Trauer.

Wie blöd ist das denn?

Notfalls könnte ich Menschen anrufen, aber ich ahne/weiß, daß sie das, was ich fühle, nicht tragen können. Und ich fühle mich wie ein Alien, ich falle aus allen Schematas raus. Ich, die (vermeintlich) starke Frau, resigniert.

Resigniert irgendwie komplett, vielleicht nur für diesen einen Tag.

Kappuziner
28.03.2007, 17:29
Ich muß leider jetzt loslaufen, schade, ich könne so viel schreiben zu diesem "Sich losgelöst fühlen"... resignier ruhig mal zwischendurch, du kommst da wieder raus, das kann man lesen, zwischen deinen Zeilen.
Es ist richtig, da durchzugehen und es nicht rauszuschieben, dann schleicht es sich durch die HIntertür rein und erwischt dich erst recht mit voller Wucht.

Du wirst wieder ganz stark. Anders als vorher, aber nicht schwächer :blumengabe: