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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Umstände nicht ideal - dennoch: endlich schwanger!!



Felicy
21.02.2007, 00:12
Ich bin weit in den Dreißigern, schon lange verheiratet. Wir wollten immer Kinder haben, aber verschoben diesen Wunsch immer wieder. Erst wollten wir beide das Studium abschließen, dann noch etwas Berufspraxis sammeln und ein "Nest" bauen - Kinderwunsch verschoben. Plötzlich aber saßen wir beide ohne Job da, wieder nicht der richtige Moment für ein Kind.

Nach einer Phase erfolgloser Bewerbungen um einen Arbeitsplatz (wg. Exoten-Studium weil Uni in einem FH/ BA-geprägten Berufsbild schwierig, da "überqualifiziert") machten wir uns an ein Aufbaustudium, schlossen dieses ab. Jetzt sah es eine Zeitlang beruflich ganz gut aus für uns, bis sich auch dies als Sackgasse herausstellte. Und für eine Selbstständigkeit mangelte es nicht an Ideen und Know-How, wohl aber an Startkapital bzw. den entsprechenden Sicherheiten für einen Kredit.

Wir waren beide älter geworden, durch den zweiten Studienabschluss noch überqualifizierter für den ursprünglichen Studienberuf, der Einstieg in den Arbeitsmarkt noch schwieriger. Es ist vielleicht kaum zu glauben, aber es gibt Leute wie uns, motiviert, gut ausgebildet, die sich ernsthaft um bezahlte Arbeit bemühen und jahrelang nichts finden. Was nicht heißt, daß wir inzwischen aufgegeben hätten, aber es will sich bis zum heutigen Tag einfach nichts auftun, es ist wie zugenäht.

Währenddessen begann für ein Baby die Zeit davonzulaufen, wir waren schon Mitte dreißig. Dennoch warteten wir noch einmal zwei zermürbende Jahre, bis wir tatsächlich wagten, nicht mehr "aufzupassen". Das Zeitfenster zum Kinderkriegen war nicht mehr so groß, daß wir noch länger hätten warten können - wir hätten sonst auf Kinder verzichten müssen. Es hat dann trotzdem noch einmal 1 1/2 Jahre gedauert, aber jetzt bin ich tatsächlich schwanger.

Wir freuen uns r-i-e-s-i-g darüber. Aber natürlich bleibt da so ein Rest an Zweifel. Für meinen Mann wird das Kind die Chancen auf einen Arbeitsplatz weder schmälern noch steigern, und wenn es ihm gelingt, eine Arbeit in seinem Beruf zu bekommen, wird sein Einkommen locker reichen, um die Familie zu ernähren. Für mich bedeutet es, daß ich nach der Geburt und dem Babyjahr sicherlich sehr viel schlechtere Chancen auf dem Arbeitmarkt habe als jetzt ohnehin schon.

Vor allem aber: im Moment leben wir vom ALGII, und das empfinde ich als unglaublich belastend. Niemand da draußen weiß das, wir reden nicht darüber und "tarnen" uns gut, und dennoch empfinde ich es als beschämend. Irgendwie so, als würden die Leute mit dem Finger auf mich zeigen, daß ich so unverantwortlich bin, ein Kind auf die Welt zu bringen, während wir finanziell nicht auf eigenen Füßen stehen.

Ich habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Dabei waren wir beide unser ganzes Leben lang verantwortungsbewußt, haben gründlich geplant und alles durchdacht, unsere Studien in der Regelstudienzeit abgeschlossen mit ausgezeichneten Zeugnissen, wir wollten alles im "abgesicherten Modus" tun. Kinder sollten kommen, wenn alles für sie vorbereitet gewesen wäre, und unseren Teil für die Verwirklichung dieses Traums haben wir getan. Wir waren nie faul oder uns für irgendeine Arbeit zu gut, im Gegenteil.

Und trotzdem: man kann alles richtig machen, und hat dennoch keine Garantie, daß es auch zu den richtigen Ergebnissen führt. Das Leben funktioniert nicht, wie auf dem Reißbrett. Jetzt bekommen wir ein Wunschkind, und das zu diesem Zeitpunkt, weil es sonst für Kinder zu spät gewesen wäre.

Alles ziemlich verzwickt. Das Leben ist nicht vollkommen, es ist nicht fair ... Und ich weiß nicht, ob wir dem Zwerg gerecht werden können. Was, wenn wir nie wieder eine Arbeit bekommen (das klingt pessimistisch, aber die gemachten Erfahrungen lassen das nicht völlig ausgeschlossen sein)? Das Wichtigste für ein Kind ist, daß es geliebt wird, und daran wird es unserem nie mangeln. Aber die materielle Absicherung ist doch auch wichtig.

Ich weiß auch nicht, warum ich das hier alles schreibe, wo so viele beruflich erfolgreiche Powerfrauen unterwegs sind, die mich vermutlich für in der Luft zerreißen. Es ist alles noch so neu und frisch, die Schwangerschaft und was auf uns zukommt, und ich würde mich so gern 100%ig einfach nur freuen können (mein Herz tut das!). Mein Mann hat schon gesagt, daß er alles daran setzen wird, daß er in absehbarer Zeit ... Aber wir setzen schon seit Jahren alles daran, und es hat einfach nicht funktioniert ...

Ist hier vielleicht jemand gerade unter ähnlichen Bedingungen schwanger und schlägt sich mit den gleichen Zweifeln und Gedanken herum?

Inaktiver User
21.02.2007, 06:54
Hallo,

herzlichen Glückwunsch! Ihr klingt für mich überhaupt nicht nach verantwortungslosen Menschen und ich kann Euch gut verstehen.
Und wieso solltet Ihr nicht das Recht haben, ein Kind zu bekommen. Schließlich kommt es nicht nur auf das Geld an!! Es gibt Menschen, die finanziell total abgesichert sind, aber völlig gefühlskalt - ob das dann für ein Kind besser ist?
Bei uns war es so, dass mein Mann kurz nachdem ich schwanger wurde, arbeitslos wurde und erst vor kurzem (unser Sohn ist jetzt sechs Monate) wieder einen Job gefunden hat. Mein Vertrag ist auch befristet und läuft im Sommer aus, im Moment bin ich aber sowieso daheim. Ja, toll war die Zeit nicht, aber ich glaube, ich hätte ohne Kind genauso Angst gehabt, dass sich nichts mehr auftut.
Ihr müsst optimistisch sein und es weiter versuchen. Vielleicht auch doch noch mal ganz neu orientieren, falls Ihr mit Eurem Abschluss absolut nichts anfangen könnt? Vielleicht auch einen unterqualifizierten Job machen, falls Euch/Deinen Mann jemand nimmt?
LG cat

nepomuk76
21.02.2007, 08:33
Du hörst Dich nicht an wie jemand um den man Angst haben muss. Ich finde das mit dem ALG gar nicht schlimm und drücke Euch die Daumen. Es IST eine etwas doofe Situation, weil man erstmal als Frau dann kein Geld verdienen kann, aber ich denke, so risikofreudig muss man sein, denn sonst wird man alleine alt. Und was hat das Sicherheitsbedürfnis bisher gebracht? Genau...
Wie gesagt viel Glück :yeah:
Nepomuk

Kascho
21.02.2007, 09:32
Hallo Felicy,

Warum sollte es falsch sein, jetzt eine Babypause einzulegen. Ihr habt eine abgeschlossene Ausbildung. Ein Lebensabschnitt habt ihr abgeschlossen. Es gibt nie DEN RICHTIGEN ZEITPUNKT.

Den Weg eines Zweistudium finde ich supergut. So bildet man sich weiter und verbessert meines achtens seine Chancen einen Job zu finden. Überqualifikation hin oder her...
Ich hätte genau den Weg damals auch genommen, hätte ich keine Arbeitsstelle gefunden.

Ich glaube was euch wirklich bislang gefehlt hat ist ein quäntchen Glück im beruflichen Umfeld. Dass es belastend ist keine Arbeit zu haben kann ich sehr gut nachempfinden.

Um die uns deinem Mann etwas Hoffnung zu machen...
Ende 2005 war ich auch ziemlich verzweifelt, alle Bewerbungen waren erfolglos. Ich schrieb Bewerbungen und veröffentlichte mein Profil im Internet an unterschiedlichen Stellen. Dann kurz vor Weihnachten bekam ich einen Anruf. Mein jetztiger Chef hat mich gefunden. Ein Telefonat, ein Gespräch und eine Woche später arbeitete ich dort. So schnell kann sich die Lange ändern.

Welchem Berufszweig gehört ihr denn an?
Und welche Wege seid ihr denn alle gegangen um Arbeit zu finden?
Und wenn alle Stricke reißen würden gäbe es auch die Möglichkeit als Tagesmutter o.ä. Geld hinzu zu verdienen.
Aber vielleicht hat ja hier jemanden die zündende Idee.


Einen lieben Gruß KaScho :blumengabe:

Muellerin26
21.02.2007, 11:22
Hallo,

ich schlage mich seit langen mit ähnlichen und doch nicht ähnlichen Problemen herum. Den Kinderwunsch haben wir für Jahre auf die lange Bank geschoben. Erst Studium beenden, dann Job finden, heiraten, Haus bauen. Dann ein Kind. So war der Plan.

Nun ist seit Jahren bei uns eigentlich alles, wie es sein soll, aber es klappt eben mit dem Kind nicht. Manchmal denke ich mir: Hätten wir bloß früher angefangen, am Kind zu basteln, dann würde ich nicht jetzt immer noch herumsitzen und mir jeden Monat aufs Neue Gedanken über meinen Zyklus machen.

Ich glaube, eine wirklich perfekte Situation kann man nie zusammen schustern. Irgend etwas wird immer falsch sein, irgendwie ist immer der falsche Zeitpunkt, macht mans ich immer Sorgen und hat Ängste. Wir zahlen momentan den Kredit für unser Haus ab, der Job ist uns beiden nicht wirklich sicher, aber in puncto Kinderwunsch rennt mir langsam die Zeit weg. Und auch mein Mann ist nicht mehr der Allerjüngste...

Ich wünsche Euch auf Eurem Weg ganz viel Glück. Ich glaube, ihr tut das Richtige. Auch wenn alles stimmen mag - die Angst und die Sorge kann einem keiner nehmen. Deshalb: geht Euren Weg. Er ist in jedem Fall richtig.

Liebe Grüße,
die Müllerin

Felicy
21.02.2007, 18:27
Vielen, vielen Dank für Eure liebevollen Antworten. Ihr habt mich beschämt, denn so viel Verständnis und Anteilnahme hatte ich nicht erwartet. Die öffentliche Meinung über Arbeitslose ist ziemlich verletzend, erst recht, wenn diese sich Kinder anschaffen. Um so wohltuender ist es, mit meinen Sorgen und Gedanken hier so aufgefangen zu werden. Danke.

@Cat74: Deine Geschichte macht ja wirklich Mut, ich meine, die Tatsache, daß Dein Mann wieder untergekommen ist ... Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, die sinkenden Arbeitslosenzahlen werden getürkt, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Offenbar aber gibt es doch Menschen, die eine Anstellung bekommen. Warum also nicht auch wir? Versuchen wir es weiter.

@Nepomuk76: Ja, was hat das Sicherheitsbedürfnis bisher gebracht? Genau diesem Gedanken folgend haben wir mit einem gewissen Trotz gesagt "jetzt oder nie".

@Kascho: Auch Deine Geschichte macht Mut. Bewerbungswege - ich glaube, wir haben echt nichts ausgelassen in all der Zeit und unsere Strategie immer wieder geändert. Es hat einfach nie gepaßt. Aber wir sagen uns auch immer, daß es schließlich nicht ewig so weitergehen kann. Wir geben schon nicht auf, und jetzt erst recht nicht!

@Muellerin26: Auch Dir herzlichen Dank für Deinen ermutigenden Zuspruch. Ihr scheint das Leben ja ähnlich angefangen zu haben wie wir. Und auch wir waren, nachdem wir dann endlich entschieden hatten, daß wir jetzt oder nie einem Baby die Chance geben wollen, nach einigen erfolglosen Monaten völlig frustriert und fragten uns: haben wir jetzt so lange gewartet, daß es am Ende zu spät ist und überhaupt nicht mehr klappen wird? Haben wir über dem Kampf um eine "gesicherte Basis", die wir noch nicht einmal erreicht haben, am Ende die Möglichkeit verpaßt, Kinder zu haben? Und jetzt ist es einfach passiert. Mit "einfach" meine ich, wir haben es nicht erzwungen (also keine Fruchtbarkeitsbehandlung oder so), sondern einfach gewartet, ob es uns geschenkt wird. Am Anfang der Zeit habe ich auch bei jedem Zyklus "mit der Stoppuhr" dagesessen. Irgendwann gelang es mir, die Sache loszulassen und zu entspannen - was kommt, kommt, sagte mein Mann immer.

Ich könnte mir vorstellen, daß es bei Euch auch eines Tages einfach so "geschieht". Sollte Dein Nick etwas mit Deinem Alter zu tun haben, ist es ja auch noch nicht so "knapp" wie bei uns. Ich wünsche Dir von Herzen, daß Euer Wunschkind sich bald einstellt!

Muellerin26
22.02.2007, 08:45
Hallo Felicy! Schön, dass du dich noch einmal gemeldet hast.
Wir sind mittlerweile drei Jahre dabei, da macht man es sich manchmal schon nicht mehr so leicht. Sicher gehe ich davon aus, dass wir irgendwann einmal unser Krümelchen haben werden, aber manchmal ist es schon etwas schwierig, in einem Haus mit leerem Kinderzimmer zu sitzen...

Mein Nic hat übrigens nichts mit meinem Alter zu tun. Die 26 ist eine rein zufällige Zahl.

Ansonsten ist es natürlich so, dass ich bisher nicht am Kinderwunsch verzweifelt bin. Eben weil ich davon ausgehe, dass es bei uns schon noch mal klappen wird. Rein körperlich war anscheinend jahrelang alles ok - mittlerweile werde ich wegen einer Schilddrüsenunterfunktion behandelt, die wohl dem Kinderwunsch etwas im Wege stand. Seitdem ich die Medis bekomme, sehe ich wieder etwas zuversichtlicher nach vorne.

Und ganz allgemein: Ich kann ein wenig nachvollziehen, wie schwierig man sich mit einem exotischen Studium ins Arbeitsleben eingliedert. Ich hab manchmal schon dagestanden und mir verzweifelt gewünscht, ich hätte bloß was anderes studiert. Letztendlich kam mir das Glück zu Hilfe.

Ich wünsche Euch weiterhin alles Gute. Macht Euch keine Sorgen. Ich kann´s nur noch einmal wiederholen: Ihr tut das Richtige!