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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Entnahme von Nabelschnurblut zur Stammzellensicherung



Genneris
21.01.2007, 18:13
Hallo,

hat sich jemand von Euch mit dem Thema von Entnahme von Nabelschnurblut bei der Geburt zur Sicherung von Stammzellen für eine evtl. später notwendige medizinische Behandlung beschäftigt oder sowas sogar machen lassen.

Mein Mann und ich sind hin und hergerissen. Auf der einen Seite betragen die einmaligen Kosten bei dem Institut wo wir uns Infomaterial haben schicken lassen 2000 € auf der anderen Seite wenn dann der Fall einträte und das Kind bekäme eine Krankheit die man mit diesen medizinischen Möglichkeiten behandeln könnte hätte man nur die Stammzellen sichern lassen.

Gruß Genneris

Inaktiver User
21.01.2007, 18:31
ich weiß von einer grossen Klinik die jeden Abend die Boxen
mit dem Nabenschnurblut zur Weiterleitung abholen lässt -
in der Regel 2-3 Boxen pro Abend.

gib bei Google ein:
*Nabelschnurblutentnahme bei Neugeborenen*

Strahlerin76
21.01.2007, 18:40
Hallo Genneris,

in der "Bild der Wissenschaft" war mal ein Bericht darüber - leider weiß ich nicht, in welcher, da ich die Hefte nur leihweise hab.
Aber evtl. haben die im Internet ja so eine Art Archiv.
Tenor war eher, dass das Geldmache ist, da vieles durch falsche Handhabung nicht zu gebrauchen ist...

Vielleicht hilft dir das ja.

Gruß
Strahlerin

Antje3
21.01.2007, 18:51
Hallo,

in den USA ist das DAS große Geschäft und auch bei uns versuchen sich Firmen damit.

In Europa neigt die Wissenschaft dazu, daß es gerade das Nabelschnurblut eben NICHT des womöglich erkrankten Kind sein sollte, daß bei einer Behandlung/Heilung in Frage kommt.

In den USA suggeriert man den Eltern, daß es gerade das eigene Nabelschnurblut sei, daß man sichern sollten.

Es ist hier an entsprechend ausgerüsteten Kliniken problemlos möglich, Nabelschnurblut zu SPENDEN, das kostet auch nicht, die Klinik muß dafür eingerichtet sein, den Transport in der entsprechenden Zeit zu sichern - das kann eben nicht jede Klinik.

Einfach fragen.

http://www.nabelschnurblut.de/kliniken.html

In diesem Wikipedia-Artikel werden die unterschiedlichen Vor-und Nachteile und Gesichtspunkte meiner Ansicht nach gut aufgegriffen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Nabelschnurblut

Antje

leni2007
21.01.2007, 18:52
Hallo!

Ich bin zwar noch nicht schwanger, aber unterhalten haben wir uns schon über das Thema. Danke, dass du mir mal die anfallenden Kosten vor Augen hältst.
Das ist ja ganz schön heftig! Aber sicher sehr sinnvoll und eine Investition in die gesunde Zukunft des Kindes. Wenn wir das Geld haben sollten (wobei ja im Falle einer Schwangerschaft sowieso shcon so viele "Kosten" auf uns zukommen), dann würden wir das sicher machen.

Gruß,
Leni

Inaktiver User
21.01.2007, 18:52
Ein Geschäft mit Liebe, Angst und Hoffnung

Von Martina Keller
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung (http://www.faz.de/) (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 8. September 2002, Seite 55)

Schwangere mit wohl gerundeten Bäuchen sind gekommen, einige ihrer Partner und auch eine ältere Frau, die sich für ein junges Paar aus der Nachbarschaft erkundigen will. Wie jeden Monat hat die Leipziger Biotech-Firma Vita 34 zum Infoabend in ihre Firmenräume geladen. Es geht um Nabelschnurblut und die darin enthaltenen Stammzellen, vor allem aber um das, was eines Tages daraus werden soll. Phantastische Zukunftschancen tun sich auf, schwärmt die Referentin Margit Müller: Mitwachsende Herzklappen für Kinder zum Beispiel, Zellersatz für zerstörtes Hirngewebe, ein Heilmittel für den jugendlichen Diabetes. "Man kann für die nächsten zehn Jahre eine ganze Menge erwarten." Für das Geschäftliche gilt das auf jeden Fall. Vita 34 hat sich auf die private Aufbewahrung von Nabelschnurblut spezialisiert, und die steht bei jungen Eltern hoch im Kurs. Drei Unternehmen widmen sich in Deutschland diesem Geschäft. Vita 34 hat in nur fünf Jahren 11000 Proben in seinen Stickstofftanks gesammelt und ist damit die führende kommerzielle Nabelschnurblut-Bank in Europa. über eine Hotline ist das Unternehmen rund um die Uhr zu erreichen - binnen 24 Stunden schaffen die Kuriere das Nabelschnurblut eines Neugeborenen zur Kryokonservierung nach Leipzig. Der Service hat seinen Preis. Für 1800 Euro lagert Vita 34 das Nabelschnurblut eines Kindes für 20 Jahre ein. Die Teilnehmer des Infoabends aber scheinen zur Investition entschlossen. "Sonst ärgert man sich in zehn Jahren, wenn die Wissenschaft weiter ist", sagt ein werdender Vater.
Experten bezweifeln allerdings, daß Nabelschnurblut als biologische Lebensversicherung für das eigene Kind taugt. Es sei dafür "keine medizinische Indikation bekannt", schreibt die Bundesärztekammer in ihren "Richtlinien zur Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnurblut". Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation erklärt, die vorbeugende Konservierung von Nabelschnurblut für das eigene Kind sei "aus ökonomischen, logistischen und medizinischen Gesichtspunkten nicht sinnvoll". Die Bundestags-Kommission "Recht und Ethik in der Medizin" fürchtet gar, Eltern könnten sich durch Werbebroschüren "moralisch unter Druck gesetzt fühlen, etwas vermeintlich Notwendiges für ihr Kind zu tun". Ersatzgewebe aus Nabelschnurstammzellen, ob mitwachsende Herzklappen oder insulinproduzierende Zellen, sind Hoffnungen auf eine ferne Zukunft. Noch experimentieren die Forscher mit Tieren und können keine Studien am Menschen vorweisen. Ungewiß ist auch, wie lange eingefrorenes Nabelschnurblut haltbar ist. "Wenn ein Patient mit 30 Jahren ein Lymphom entwickelt, kann niemand sagen, ob sein Nabelschnurblut noch aufgetaut und vermehrt werden kann", sagt Norbert Schmitz, Hämatologe in Hamburg und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Knochenmarkstransplantation.
Dabei ist das medizinische Potential von Nabelschnurblut durchaus anerkannt. Etwa für die Behandlung von Leukämie: Hier wird das blutbildende System durch Bestrahlung und eine Hochdosis-Chemotherapie zerstört. Um es wieder aufzubauen, müssen dann Stammzellen transplantiert werden. Solche aus Nabelschnurblut eignen sich durchaus, allerdings reicht die aus einer Nabelschnur gewonnene Menge oft nur für ein Kind von 40 Kilogramm - und derzeit ist es noch nicht möglich, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut für medizinische Zwecke zu vermehren.
Schon deshalb wird äußerst selten darauf zurückgegriffen - und im Fall der Leukämie ohnehin ausschließlich auf allogenes Blut, also solches von Fremden oder Geschwistern. Hier sprechen nämlich medizinische Gründe gegen die Verwendung des eigenen Blutes: Der Krebs könnte bereits darin angelegt sein, wie Untersuchungen belegen. Eine Rolle spielt auch die sogenannte "Transplantat-gegen-Leukämie-Reaktion", bei der Immunzellen aus dem allogenen Transplantat die restlichen Krebszellen des Patienten angreifen. Diese Reaktion ist für eine vollständige Heilung offenbar sehr wichtig. Erfahrungen mit Stammzelltransplantaten aus dem Knochenmark zeigen, daß die Rückfallquote um 50 Prozent höher liegt, wenn die Zellen vom Patienten selbst herrühren.
Nabelschnurblut für allogene Transplantationen wird schon seit einem Jahrzehnt in öffentlichen Gewebebanken gelagert. In Deutschland gibt es sechs davon. Dorthin kann jeder umsonst Nabelschnurblut spenden. Und es gibt eine reelle Chance, daß die Spende auch wirklich hilft. Von knapp 58000 weltweit öffentlich gelagerten Nabelschnurpräparaten wurden schon mehr als 2000 transplantiert. In der Infobroschüre von Vita 34 liest es sich allerdings so, als würden Eltern die Spende an eine öffentliche Bank mit einem schwerwiegenden Nachteil bezahlen: "Individuell eingelagertes Nabelschnurblut kommt dem Kind selbst zugute und kann in Ausnahmefällen seinen Geschwistern zur Verfügung gestellt werden." Eine Spende hingegen sei "endgültig".
Bislang wurde allerdings kein einziges der bei Vita 34 gelagerten 11000 Präparate für eine Behandlung eingesetzt. Die Bilanz der anderen kommerziellen Firmen ist ebenso ernüchternd: Von den weltweit schätzungsweise 180000 kommerziell gelagerten Präparaten sind nach Angaben von Vita 34 nur vier für die Behandlung des Spenderkindes selbst verwandt worden.
Dem Interesse werdender Eltern an dem Angebot der Firmen tut das keinen Abbruch, stellt die Hebamme Maike Manz fest. Sie referiert bei Informationsabenden im Frankfurter St. Marienkrankenhaus über Wissenswertes rund um Schwangerschaft und Geburt. Jedes Mal wird sie mit dem Thema Nabelschnurblut konfrontiert: "Tun wir unserem Kind etwas Böses an, wenn wir es nicht machen?" Die Angst, etwas zu versäumen, treibe die werdenden Eltern um, erzählt Manz.
Die PR-Arbeit der Unternehmen zeigt Wirkung. Vita 34 ist darin besonders geschickt. Zahlreiche Fernsehsender haben über das Unternehmen berichtet. Regelmäßig schaltet die Firma Anzeigen in Publikumszeitschriften wie Allegra, Bunte oder Eltern, und auch in Fachblättern für Hebammen und Gynäkologen. Bei der Deutschen Apothekerzeitung allerdings steht die Firma "auf der schwarzen Liste", sagt Chefredakteur Peter Ditzel. Ein Autor namens Mathias Schmidt hatte dort im Februar 2001 einen überaus positiven Artikel zur kommerziellen Nabelschnurblutentnahme veröffentlicht und direkt auf Vita 34 verwiesen. Schmidt hatte der Redaktion jedoch verschwiegen, daß sein Münchener Arbeitgeber redinomedica zum damaligen Zeitpunkt mit Vita 34 kooperierte. "Der hätte sonst nicht schreiben dürfen", sagt Ditzel. Blamabel ist auch die von Absurditäten strotzende Broschüre des Deutschen Grünen Kreuzes über Nabelschnurblut. Darin findet sich etwa die Behauptung, theoretisch habe "die Lebensfähigkeit der Stammzellen eine Halbwertzeit von mindestens 1000 Jahren". Der Beleg: Bei Samenzellen eines Bullen, die 1948 in Holland eingefroren wurden, gebe es keine Anzeichen für eine Schädigung. Der älteste deutsche Gesundheitsverein wirbt für die individuelle Einlagerung von Nabelschnurblut und nennt auf der letzten Seite der Broschüre die Adressen von Vita 34 und dem Mitbewerber Cryo-Cell. Die öffentlichen Gewebebanken werden zwar erwähnt - aber ohne Angabe der Adressen. Die erste, mittlerweile nicht mehr verteilte Version des Heftchens empfahl noch so ausdrücklich die Arbeit von Vita 34, daß Andrea Grüber vom Grünen Kreuz eilig versichert, ihr Verein habe "kein Geld von der Firma für das Schreiben der Broschüre bekommen, auch wenn sie sich so liest". Daß Vita 34 dem Grünen Kreuz 2000 Exemplare abkaufte, wird nicht so gerne verbreitet. Die gezahlte Summe mag man beim Grünen Kreuz dann auch nicht nennen. Aller Werbeaufwand würde nichts nützen, wenn die Kliniken die Zusammenarbeit mit den kommerziellen Nabelschnurblutbanken verweigerten. Doch nach Angaben von Vita 34 haben bereits 800 der 1000 deutschen Geburtskliniken Nabelschnurblut für das Unternehmen entnommen - obwohl sie dazu nicht verpflichtet sind. Die Frankfurter Universitätsklinik beispielsweise richtet sich ganz nach den Wünschen ihrer Kunden. "Ich bin nicht Schiedsrichter, sondern Partner meiner Patientinnen", erklärt Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfe. Bei Infoabenden bemühe er sich um "optimale Aufklärung" der werdenden Eltern. Falls sie sich danach für die Einlagerung entschieden, biete er an, "daß wir Blut entnehmen".
Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit kommt nicht von ungefähr. Vita 34 hat alle 1000 Kliniken angeschrieben und mit 260 Häusern interne Infoabende vereinbart. Ebenso systematisch wirbt das Unternehmen um niedergelassene Gynäkologen. 10000 Praxen bekamen bereits Post aus Leipzig. Viele Ärzte orderten daraufhin Informationsmaterial, 100 erklärten sich bereit, einen Mitarbeiter von Vita 34 zu einem Abend für werdende Eltern zu empfangen. Mit kritischer Expertise seitens des Arztes ist auf solchen Veranstaltungen nur selten zu rechnen. "Ich bin bei der Veranstaltung erst mal als Zuhörer", sagt der Hamburger Reproduktionsmediziner Semsettin Kocak. Für Norbert Schmitz ist die Haltung der Kollegen ein Ärgernis - und mitverantwortlich für den Boom des Geschäfts mit dem Nabelschnurblut: "Im Moment helfen die Ärzte da mit."
Für die Eltern ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Da fragt beispielsweise eine werdende Mutter beim Informationsabend von Vita 34, ob sie das Nabelschnurblut ihres Kindes auch für ihre eigene Mutter verwenden könne. Margit Müller antwortet, die Gewebeverträglichkeit zwischen Kind und Großmutter müsse getestet werden, aber bei einem positiven Ergebnis stünde das Präparat selbstverständlich zur Verfügung. Daß die Menge für einen Erwachsenen oft nicht ausreicht, ist für die Referentin kein nennenswertes Problem. Schließlich sei die Vermehrung von Stammzellen im Labor ja schon geglückt. Für die Pressesprecherin Susanne Engel ist auch ein weiteres Detail kein Hindernis: Vita 34 braucht für Anwendungen bei Verwandten oder Fremden eine Zulassung des Nabelschnurbluts als Arzneimittel - die das Unternehmen aber noch nicht besitzt.
Gleichwohl, die Frau geht mit dem guten Gefühl nach Hause, "etwas Passendes dafür zu haben, wo das Schicksal zuschlägt - ob beim Kind oder bei der Großmutter". Die Hauptschwierigkeit hat die Referentin jedoch verschwiegen: Die Wahrscheinlichkeit, daß die Gewebe von Kind und Großmutter zueinander passen, liegt deutlich unter einem Prozent.

leni2007
21.01.2007, 18:53
Aaaah ... danke Antje!

Inaktiver User
21.01.2007, 18:56
Hallo, meine Hebamme aus dem GVK hat davon abgeraten. Weil erstens die damit zu behandelnden Krankheiten nicht wirklich viele sind und zweitens diese entnommenen Stammzellen meist die Krankheitserreger auch schon inne haben.
LG Katja

alde
21.01.2007, 19:34
Ich hab da von meiner Hebamme und einem befreundetem Arzt in der Frauenklinik (in etwa) die gleichen Infos bekommen wie katkut.

Ich halte es auch (noch) für reine Geldmachererei und würde es nicht machen.

kaj
22.01.2007, 13:48
Hallo,
wir haben das Thema beim Info-Abend im Krankenhaus besprochen. Der dortige Chefarzt hat ebenfalls erklärt, dass es zur Zeit keine medizinische Indikation gäbe, für die das Nabelschnurblut später brauchbar ist. Angeschnitten hat er z.B. auch die Leukämie, bei der eben genau diese Zellen NICHT verwendet werden können. Das Krankenhaus ist prinzipiell zwar bereit, das Blut auf Wunsch der Eltern in einer solchen privaten Blutbank einzulagern, die Ärzte raten jedoch eher davon ab, da die Vermutung naheliegt, dass die Firmen sich finanziell lediglich bereichern wollen. Im übrigen gibt es öffentliche Nabelschnur-Blutbanken, die aber bislang faktisch so gut wie nicht genutzt werden, da die Verwendbarkeit sehr, sehr eingeschränkt ist..
Wir werden es daher nicht machen lassen.
Lieben Gruß
kaj

Blaubaerin
23.01.2007, 11:58
hier noch sehr guter und ganz aktueller Artikel zum Thema (da ich nicht weiß, wie lange er noch online verfügbar ist, versuche ich ihn mal in Gänze zu posten)

Hamburger Abendblatt
Das Geschäft mit dem Nabelschnurblut
In den USA erhielt ein leukämie- krankes Kind eigenes Nabelschnurblut - zusätzlich zur Chemotherapie. Der Einsatz ist jedoch umstritten.

Von Angela Grosse

Zum ersten Mal ist ein an akuter Leukämie erkranktes Kind mit Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut behandelt worden. Das berichten US-Ärzte im Fachblatt "Pediatrics" (Bd. 119). Die erste erfolgreiche Transplantation von Stammzellen aus der Nabelschnur führte Eliane Gluckman vom Pariser Krankenhaus Saint-Louis 1989 bei einem sechs Jahre alten Jungen durch. Das Nabelschnurblut stammte von seiner Schwester. Seitdem wurden weltweit mindestens 4000 Patienten, für die kein passender Spender gefunden werden konnte, so behandelt.

Die Ärzte in den USA suchten gar nicht erst nach einem geeigneten Spender, sondern setzten gleich auf die körpereigenen Nabelschnur-Stammzellen des kleinen Mädchens. Sie waren von CorCell, der US-Tochter der privaten Leipziger Nabelschnurbank Vita 34, direkt nach der Geburt eingefroren worden. Sie ist eine der Firmen, die sich in Deutschland auf dieses Geschäft spezialisiert haben. Als das Kind mit drei Jahren an einer sogenannten akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL) erkrankte, eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen bei Kindern, nutzten die Ärzte diese Quelle. Denn zehn Monate nach einer ersten Chemotherapie erlitt das Kind einen Rückfall. Die Mediziner führten eine zweite Chemotherapie mit Bestrahlung durch und transplantierten zudem die eigenen Nabelschnur-Stammzellen.

Doch was in den USA und in der Leipziger Unternehmenszentrale als großer Erfolg gefeiert wird, stößt bei deutschen Transplantationsmedizinern auf Kritik. Ob diese Transplantation überhaupt entscheidend für die Heilung des heute sechs Jahre alten Kindes gewesen sei, sei nicht eindeutig bestimmbar, kommentierte die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (Kinderkrebskunde), Prof. Ursula Creutzig. Das Kind hätte sich nach der zweiten Chemotherapie auch ohne die zusätzliche Stammzelltherapie erholen können, wie klinische Erfahrungen zeigten. Dem widersprechen die US-Ärzte nicht.

Erfahrene Mediziner raten bei Leukämie ohnehin vom Einsatz des eigenen Nabelschnurbluts ab. "Da eine Leukämie schon früh angelegt wird, besteht immer die Gefahr, dass mit dem eigenen Nabelschnurblut erneut eine Leukämie transplantiert wird. Das Einfrieren von Nabelschnurblut als Vorsorge für das eigene Kind taugt gerade dann nicht zur Vorsorge für das eigene Kind", sagt Prof. Arnold Ganser von der Medizinischen Hochschule Hannover. Dort behandelten die Ärzte mehrfach Kinder mit dieser innovativen Therapie. Beim Deutschen Register für Stammzelltransplantation, das es seit 1998 gibt, sind bislang 43 Eingriffe, gemeldet. Die Quelle war eine der fünf öffentlichen Nabelschnurbanken. Diese verlangen, im Unterschied zu privaten Blutbanken kein Geld für die Einlagerung des Blutes; hingegen werden beispielsweise bei Vita 34 sofort 1990 Euro und ab dem zweiten Jahr 30 Euro Jahresgebühr fällig. Die Jahresgebühr entfällt, wenn gleich 2400 Euro bezahlt werden. Die Spender können dann auf ihr Nabelschnurblut zurückgreifen. Somit stehen die Vita-34-Reserven nicht, wie bei anderen Blutbanken üblich, der Allgemeinheit zur Verfügung. "Wer das anbietet, der macht das aus geschäftlichen Interessen", kommentiert Prof. Ganser. "Denn die Wahrscheinlichkeit, im Notfall einen geeigneten Spender aus einer öffentlichen Nabelschnurbank zu finden, liegt bei über 90 Prozent. Wir werben deshalb dafür, das Nabelschnurblut öffentlichen Banken zu spenden."

Was früher im Krankenhausmüll landete, gilt inzwischen als wertvoller biologischer Rohstoff. Für die Jünger der regenerativen Medizin sind Stammzellen aus Nabelschnurblut ein begehrtes Ausgangsmaterial, um eines Tages Ersatzgewebe zu züchten, Knochendefekte zu heilen oder Herzgefäße zu erneuern. Für die Transplantationsmediziner haben diese Stammzellen den Vorteil, dass die Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger nicht in so hohem Maß übereinstimmen müssen wie bei Knochenmarkspenden.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe steht der Einlagerung von Nabelschnurblut zur privaten Vorsorge skeptisch gegenüber. Der Nutzen für den Eigenbedarf sei nicht hinreichend bewiesen, sagt Vorstandsmitglied Prof. Joachim Hackelöer, Chef der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Asklepios-Klinik Barmbek. "Daran ändert auch dieser Fall in den USA nichts, da der Ausgang noch nicht gesichert ist. Bei mehreren Millionen Einlagerungen sind bisher 15 Fälle weltweit berichtet worden, bei denen Nabelschnurblut zum Eigenbedarf eingesetzt wurde."

Ein lukratives Geschäft, das zugleich den Aufbau eines umfangreichen Blutbank-Netzwerkes erschwert, das erkrankten Kinder - und in Zukunft vermehrt auch Erwachsenen - helfen könnte.

erschienen am 20. Januar 2007