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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Alkoholmissbrauch und Wesensveränderung



Umtali
11.01.2007, 14:49
Hallo ...

... ich habe im Freundeskreis eine Person, die seit Jahren trinkt und sich in letzter Zeit mehr und mehr sozial isoliert. Sie (es handelt sich um eine Frau) hat es mittlerweile geschafft, fast ihre ganzen Sozialkontakte zu vergraulen, und zwar durch eine Kombination aus völlig überhöhten Ansprüchen (sie ist sehr vereinnahmend) und extrem geringer Frustrationstoleranz (scheinbares "Fehlverhalten" der Freunde/Bekannten wird mit Abbruch des Kontakts "bestraft").

Mich würde interessieren, ob dieses seltsame Verhalten mit dem Alkoholmissbrauch in Zusammenhang stehen kann. Leider habe ich weder im Netz noch hier im Forum etwas Aussagekräftiges dazu gefunden. Wenn von "Wesensveränderung" in Zusammenhang mit Alkoholismus gesprochen wird, betreffen die Beispiele meistens gewalttätiges Verhalten u.ä. Hat jemand hier Lektüretipps oder kann mit eigenen Erfahrungen helfen?

LG
Umtali

Inaktiver User
11.01.2007, 15:05
hallo umtali,

vielleicht hast du meinen nachbar-thread auch gelesen. fraglich natürlich, ob er dir hilft.

aber wesens- und charakterveränderung äussert sich nicht hauptsächlich in gewalttätigem verhalten.
dauerhafte intoleranz und verschlossenheit bei einem vorher sich ganz anders gebendem menschen ist schon eine wesensveränderung, muss aber nicht auf alkoholismus zurückzuführen sein. es kann andere gründe haben. vielleicht zeigt sie auch nur ihr wahres gesicht und hat sich vorher anders verhalten, um anders zu erscheinen? die skrupel sind aber inzwischen verlorengegangen.
der verlust völlig normaler skrupel ist m.e. nach eine wesensveränderung.
auf jeden fall muss alkoholabhängigkeit nicht zwangsläufig die schwelle zur gewalttätigkeit verringern. es gibt alkoholabhängige, bei denen die entwicklung eher andersherum verläuft. :smirksmile: hängt ganz vom typen ab.
könntest du sie und ihre entwicklung aus sicht deiner beobachtung ausführlicher beschreiben?
gruss
lady_julia

Inaktiver User
11.01.2007, 16:58
Hallo Umtali,

lies mal z.b. hier (http://www.saufnix.com/problematik_alkoholiker.php). Die Seite hatte ich bereits Lady_Julia empfohlen; die Informationen, die man dort über Alkoholismus erhält, sind sehr umfassend und gut aufbereitet.

LG,
Zuza

Umtali
12.01.2007, 09:20
Liebe Lady Julia, liebe Zuza,

vielen Dank für die raschen Antworten. Die empfohlene Webseite ist wirklich interessant und umfangreich. Auch in Lady Julias Thread habe ich ein bisschen gestöbert, aber die beiden Fälle scheinen doch sehr verschieden gelagert zu sein. Mehr in die Tiefe bzw. Breite möchte ich hier jedoch nicht gehen, also den Fall nicht ausführlicher beschreiben. Es ist mir allerdings erst bei Julias Nachfrage klar geworden, dass ich natürlich nicht nach euren Erfahrungen fragen kann, wenn ich mich selbst so bedeckt halte. Sorry! Nur so viel: Das Erschreckende bei meiner Bekannten ist für mich diese Mischung aus Maßlosigkeit (in den Ansprüchen) und Radikalität (im Verhalten), und das empfinde ich als eine irritierende Art von Regression. Es handelt sich aber wahrscheinlich nicht unbedingt um eine Wesensänderung, sondern eher um eine radikalere Umsetzung bereits vorhandener Anlagen. Und da bin ich wieder bei der Frage nach möglichen Zusammenhängen, aber das ist vielleicht wie bei der Frage nach dem Huhn und dem Ei ... :wie?:

LG
Umtali

Inaktiver User
12.01.2007, 09:49
hallo umtali,

heisst das, dass du garnicht sicher bist, dass alkohol dafür die ursache ist?

ist sie eine freundin von dir, deine schwester, eine kollegin...???:wie?:

eigentlich hast du sie immernoch nicht genauer beschrieben sondern eben nur zusammengefasst. das kann man in so einem forum als leser schlecht nachvollziehen, weil es für soetwas sicher mehr als eine ursache gibt. (enttäuschung, lange zurückgehaltener zorn, das gefühl die falschen freunde zu haben, einen höhenflug von ganz unguter art und ursache....wer weiss)

dieser plötzliche egoismuss lässt darauf schliessen, dass sie in irgendeiner weise glaubt, ansprüche deutlich machen zu müssen, die sie so bisher nicht geäussert hat. ob das für oder gegen sie spricht, ist erstmal uninteressant. das muss man ihr zeigen, wenn es nötig ist, ihr ihre grenzen deutlich zu machen.
schliesslich hat niemand das recht, einfach andere menschen einzuschränken, aber auch keinen grund, sich selbst einzuschränken oder einschränken zu lassen.

aber, wenn du ursachenforschung betreiben willst, solltest du deine beziehugn zu ihr deutlicher beschreiben und auch ihr verhalten im sinne einer entwicklung (zum negativen).

lg
lady_julia

Umtali
12.01.2007, 18:59
heisst das, dass du garnicht sicher bist, dass alkohol dafür die ursache ist?



Liebe Lady Julia,

natürlich weiß ich das nicht, ich bin weder Ärztin noch Psychologin. Ich würde nur gerne wissen, ob man das als zwei verschiedene Probleme betrachten soll oder ob das eine (Alkoholmissbrauch) das andere (Selbstisolierung) irgendwie bedingt oder befördert. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto unsinniger kommt mir meine Fragestellung vor. Vielen Dank jedenfalls für deine Anteilnahme. Ich wünsche dir und deinem Freund für die Zukunft alles Gute! :blumengabe:

LG
Umtali

Inaktiver User
12.01.2007, 21:17
Liebe Umtali,

deine Fragestellung ist gar nicht unsinnig, überhaupt nicht. Stärker werdende soziale Isolation bis hin zur Vereinsamung ist eine Folgeerscheinung der Alkoholsucht. Inwieweit dies im Fall deiner Bekannten der Fall ist, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Leider habe ich gerade nicht die Ruhe, viel und ausführlicher zu schreiben, da hier 4 Kinder rumwuseln (meine haben Übernachtungsbesuch, hier herrscht noch reges Treiben), darf ich dir deshalb nochmal einen Link (http://www.a-pawelzik.de/Alkohol/Gamma_Alkoholismus/Der_GAMMA-Alkoholismus.pdf)einstellen, in dem auch das Thema Isolation aufgegriffen wird? Ich habe in meinen Favoriten im Browser, da wir bis vor einem Jahr selbst mit dem Thema konfrontiert waren (Schwiegermutter war Alkoholikerin), einige Links abgespeichert, durch die wir uns in den schlimmen Phasen einiges an Informationen geholt hatten. Vielleicht hilft es dir ja ein bisschen weiter.

Kurz umrissen nur: Es ist oft, wenn nicht meistens so, dass Alkoholiker die letzten sind, die vor anderen, vor allem aber vor sich selbst zugeben, dass sie Alkoholiker sind, auch wenn in der Umgebung alle darüber Bescheid wissen oder es zumindest ahnen oder befürchten. Sie verstecken diese Sucht oft, sie versuchen, das Problem so lange wie möglich vor anderen geheim zu halten, was extrem anstrengend ist. Evtl. fühlen sie sich dadurch ständig in einer Art Verteidigungsposition und werden in ihren Reaktionen unangenehmer, harscher. Hinzu kommt, dass regelmäßiger, starker Alkoholkonsum ja nicht nur benebelt, sondern auch Zellen zerstört, irgendwann unwiederbringlich; er schädigt sowohl Hirn als auch andere Organe. Wir erlebten dies alles bei der Mutter meines Mannes; ihre negativen Seiten, die ja nun jeder Mensch hat, traten immer stärker hervor und je stärker sie hervortraten, um so mehr traten die Menschen um sie herum zurück. Und je mehr diese zurücktraten, was sie ja spürte und worunter sie auch litt, um so mehr zog sie sich in die Position, die anderen wären das Problem und nicht sie, zurück - und um so mehr zogen sich wiederum die Menschen ihrer Umgebung zurück. Ein unglückseliger Kreislauf ist das.

Vielleicht schreibt dir jemand von den Usern hier, die selbst betroffen waren oder sind, etwas detaillierter. :-)

LG,
Zuza

ElisaL
24.01.2007, 22:18
liebe Umtali,

du fragst, ob das Verhalten Deines Bekannten als zwei verschiedene Probleme betrachten soll oder ob das eine (Alkoholmissbrauch) das andere (Selbstisolierung).

Ich war mit einem Alkoholiker verheiratet und lebe jetzt mit einem Mann zusammen, der seit 20 Jahren trocken ist.

Meine Erfahrung sagt, dass die Alkoholkrankheit häufig mit anderen Krankheiten verbunden ist, Depressionen, Angstkrankheiten u.ä.

Es kann tatsächlich so sein, dass Du zwei unterschiedliche Krankheiten wahrnimmst. Wie es aber auch sei, bevor die Seele gesund werden kann, muss das Gift aus dem Körper.

Leica
15.03.2007, 20:36
Ich kenne ein ähnliches Verhalten von einer alkoholabhängigen Bekannten und denke, dass es sich um eine Art Schutzmechanismus handelt: Bevor mich jemand für mein Trinken kritisiert oder fallen lässt, fahre ich lieber allen anderen an den Karren. Allerdings bin ich keine Fachperson und kann deshalb nur Mutmassungen anstellen.

Inaktiver User
25.03.2007, 12:13
Hallo ...

... ich habe im Freundeskreis eine Person, die seit Jahren trinkt und sich in letzter Zeit mehr und mehr sozial isoliert. Sie (es handelt sich um eine Frau) hat es mittlerweile geschafft, fast ihre ganzen Sozialkontakte zu vergraulen, und zwar durch eine Kombination aus völlig überhöhten Ansprüchen (sie ist sehr vereinnahmend) und extrem geringer Frustrationstoleranz (scheinbares "Fehlverhalten" der Freunde/Bekannten wird mit Abbruch des Kontakts "bestraft").

Mich würde interessieren, ob dieses seltsame Verhalten mit dem Alkoholmissbrauch in Zusammenhang stehen kann. Leider habe ich weder im Netz noch hier im Forum etwas Aussagekräftiges dazu gefunden. Wenn von "Wesensveränderung" in Zusammenhang mit Alkoholismus gesprochen wird, betreffen die Beispiele meistens gewalttätiges Verhalten u.ä. Hat jemand hier Lektüretipps oder kann mit eigenen Erfahrungen helfen?

LG
Umtali

Ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten, dass soziale Isolation, die Mischung aus Grössenwahn und bei den kleinsten Unstimmigkeiten Rundumschläge zu starten, sehr wohl mit Saufen zu tun hat.

Vor allem, wenn es jemand wagt, auf das Trinkverhalten anzuspielen...

Dass unter Drogeneinfluss der "wahre Charakter" eines Menschen zum Vorschein kommt, würde ich nicht unterschreiben.

Ich kenne viele trockene Alkoholiker, die sind auch trocken sehr empfindlich - noch empfindlicher als besoffen. Aber sie können ihr Verhalten und ihre Art, mit andern Menschen umzugehen, nüchtern eben anders gestalten - und das ist die Freiheit, die jemand der säuft, verloren hat.

Ich will hier deine Bekannte nicht entschuldigen, oder ihr Verhalten rechtfertigen. Aber Drogen machen was mit Menschen.

Eine Freundin hat mir in dieser schweren Zeit mal gesagt: "Ich weiss, dass du noch da bist und dass du eine wunderbare und lebendige Frau bist, und irgendwann wird die auch wieder durchkommen!"

Es gibt diese wunderbare Szene im "Kleinen Prinzen", der auf einen Säufer trifft:

Warum trinkst du?
Weil ich mich schäme.
Und warum schämst du dich?
Weil ich trinke..