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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zeitgeschichte: Die DDR im Spiegel



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Inaktiver User
24.08.2016, 09:38
Da ich ziemlich interessiert an der Geschichte des 20. Jahrhunderts bin, stöbere ich manchmal gerne im Archiv der Wochenzeitung "Spiegel" herum.
Dabei bin ich über einen interessanten Artikel "gestolpert", welcher die Thematik DDR behandelt.
Interessant in mehrerlei Hinsicht. Vor allem das Datum von dem die Ausgabe stammt ist erstaunlich. Nummer 1 aus dem Jahr 1967.
In einer Zeit also, als das Thema anderer deutscher Staat von beiden Seiten aus nicht besonders differenziert und üblicherweise sehr Propagandalastig behandelt wurde, ist dieser Artikel erstaunlich sachlich und fast schon Wertungsfrei.
Und mich verblüfft, dass er ziemlich genau meine Einschätzung trifft welche ich mir als "gelernter DDR Bürger" in den 80-er Jahren selber gebildet habe. Und auch heute, im Rückblick betrachtet, mit einem großen Zeitlichen Abstand, teile ich die allermeisten Einschätzungen und Schilderungen des Artikels noch.


Vielleicht interessiert sich jemand außer mir dafür, darum dachte ich mal den Artikel zu verlinken.

DDR / DEUTSCHLAND II: Der Fakt - DER SPIEGEL 1/1967 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45441128.html)

marylin
24.08.2016, 12:31
Danke für den Artikel, sehr gut, aber in den 70er/80er Jahren in denen ich aufgewachsen bin, wars doch in der Realität noch viel schlimmer...

In meiner Kleinstadt war das mit der Bildung so: Es wurden sehr zeitig ein paar nicht ganz blöde Kinder auserwählt, die Abi machen durften. Deren Eltern waren natürlich Parteigenossen. Alle anderen Kinder (waren sie auch noch so gut in der Schule) hatten keine Chance. Zumal auch der Notendurchschnitt sehr niedrig war (ich glaube 1,2 oder 1,3 - auf keinen Fall höher) um zugelassen zu werden zum Abi. Da hat ne schlechte Sport- u/o. Kunstnote gereicht und der Traum war aus. Die "auserwählten" Kinder allerdings bekamen gar nicht erst schlechte Noten in Sport, Musik oder Kunst - irgendwie haben die Lehrer es eben so gedreht, dass es passte.

Als ich 19 Jahre alt wurde, war der Spuk vorbei. Wenn ich heute noch Menschen höre, dass in der DDR es doch soviel besser war, dann geht mir der Hut hoch.

Binneuhier2009
24.08.2016, 12:35
Als ich 19 Jahre alt wurde, war der Spuk vorbei. Wenn ich heute noch Menschen höre, dass in der DDR es doch soviel besser war, dann geht mir der Hut hoch.

Mir auch! Ich musste den Spuk 27 Jahre lang ertragen und bin bis heute froh und glücklich, dass er vorbei ist.

Inaktiver User
24.08.2016, 14:28
In meiner Kleinstadt war das mit der Bildung so: Es wurden sehr zeitig ein paar nicht ganz blöde Kinder auserwählt, die Abi machen durften. Deren Eltern waren natürlich Parteigenossen..

Interessant wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist. Wir sind ja fast gleich alt, und ích kam 1980 in die Schule.
Tatsächlich habe ich das genannte an meiner Schule nicht beobachten können. Die "erwählten" meiner Klasse waren größten teils keine Kinder von Parteieltern, teilweise sogar mit bösen Westkontakten, und politisch bestenfalls opportun.

Allerdings ist mir das Phänomen aufgefallen, dass wir als Bewohner der sogenannten "Grenzkreise" tatsächlich besser Behandelt und Versorgt waren als beispielsweise Leute aus dem "Tal der Ahnungslosen" oder vom platten Mecklenburger Land.

Inaktiver User
24.08.2016, 15:07
Ich hatte das Glück, im Westen geboren zu werden 8 Jahre nach der Flucht wegen anstehender Enteignung.
Ich erinnere mich, welch einen Aufwand meine Mutter trieb um die Pakete " nach drüben". Herje alles musste aufgeschrieben werden in doppelter Ausführung... was da alles beachtet werden musste:unterwerf: meine Mutter war in dieser Zeit immer ungenießbar, weil sie einfach nie sicher sein konnte ob die Mühe letztlich nicht doch vergeblich war.

Von meinem heutigen Partner höre ich oft " Es war viel viel viel Scheiße drüben, aber eines hatten wir nicht ... so eine Existenzangst wie hier.
Allerdings durfte er auch nicht studieren, weil er die Vereinsmitgliedschaft ablehnte.
Versorgungsengpässe an Lebensmitteln des täglichen Bedarfs kennt er auch nicht,aber er kommt ja auch aus der Messestadt... privilegiert also und das machte wohl schon einen gewaltigen Unterschied.

hillary
24.08.2016, 20:55
Danke KCIO3,
ein sehr interessanter Artikel, schon von 1967!
Ich bin in den 60ern geboren und wenn manche über ihre DDR-Vergangenheit sprechen, denke ich manchmal ich habe ganz woanders gelebt.
Die meiste Zeit meines DDR-Lebens habe ich in der Provinz verbracht, ich kannte keine Lebensmittelknappheit, hatte den Zensurendurchschnitt eines Strebers und bin doch nicht zur EOS gegangen, weil meine Eltern der Meinung waren, ich solle erst mal lernen, was es heißt, mit eigenen Händen Geld zu verdienen. Ich habe also neben der Lehre, das Abitur an der Abendschule gemacht. War ne harte Zeit, würde ich niemandem empfehlen, der die Chance hat das Abitur auf normalem Schulweg zu erreichen. Mein Studium habe ich genau in der Fachrichtung bekommen, in der ich es wollte. Als ich fertig war, bekam ich einen gut dotierten Arbeitsplatz und das erste Kind und fix hinterher das zweite. Dann kam die Wende und nix war mehr wie es war. Jedenfalls bei mir nicht.
Wenn mich jemand fragt, ob ich die Zeit zurückdrehen würde, wenn ich könnte, nein würde ich nicht, ich weiß mittlerweile zu viel. :ooooh: Besonders darüber, was es bedeutet, sich in die eigene Tasche zu lügen. aber da habe ich grade ein deja vue im vereinigten Deutschland.

herbstblatt7
24.08.2016, 21:26
Genau, dieses Dejavu habe ich schon als junge Frau nach meiner Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik gehabt und seitdem hat es sich immer wieder gezeigt. Und zwar in immer stärkeren Maße und jetzt schreit es sozusagen.

Nur denken die Altbundesbürger: 'Das Böse saß im Osten, das Gute saß immer hier bei uns im Westen. Und im Wesentlichen ist es dabei geblieben. Nur ist dazugekommen, dass der Osten jetzt noch zusätzlich undankbar ist, weil wir ihn "befreit" haben.'

hillary
24.08.2016, 21:50
@herbstblatt,
:blumengabe::in den arm nehmen:

Inaktiver User
25.08.2016, 08:17
Nur denken die Altbundesbürger: 'Das Böse saß im Osten, das Gute saß immer hier bei uns im Westen. Und im Wesentlichen ist es dabei geblieben. Nur ist dazugekommen, dass der Osten jetzt noch zusätzlich undankbar ist, weil wir ihn "befreit" haben.'

Ich, Wessi, denke nicht so, ich finde die Zeitgeschichte der DDR sehr interessant und das mit der Bildung in Beitrag 2 war mir bisher noch gar nicht bekannt. Wenn Dokus im Fernsehen sind, sauge ich die Informationen auf, wie ein Schwamm. Und trotzdem weiß ich heute noch zu wenig, um mir ein derartiges oder ähnliches Urteil zu bilden.

Im Übrigen finde ich, dass Wessis und Ossis im allgemeinen gleichermaßen mit Vorurteilen behaftet sind.

Inaktiver User
25.08.2016, 10:50
Nur denken die Altbundesbürger: 'Das Böse saß im Osten, das Gute saß immer hier bei uns im Westen. Und im Wesentlichen ist es dabei geblieben. Nur ist dazugekommen, dass der Osten jetzt noch zusätzlich undankbar ist, weil wir ihn "befreit" haben.'

Generell gebe ich dir recht. Im Grunde war für mich die DDR immer Ausland und die Überlegenheit des Westens war nicht ganz zufällig auch immer Bestandteil westdeutscher Schulrealität. Für einen Wessi war ich sogar bis in die Jugend hinein oft in der DDR (und kenne den Alltag entsprechend ein bisschen). Eigentlich bin ich da gerne hingefahren, wäre da nicht der Staatsapparat gewesen, die Grenzkontrollen, die bürokratische Ödnis und Unfreundlichkeit, der sinnlose Zwangsumtausch etc. Mit 15 habe ich mich dann geweigert, jemals wieder meine Füße in das Land zu setzen. Verwandte hin, Verwandte her.

Versorgungstechnisch war wohl entscheidend, ob du was zum Tauschen hattest. Handwerkern ging es meiner Erinnerung nach eigentlich ganz gut. Akademiker, die nichts zum Tauschen hatten, nicht unbedingt.

hillary
25.08.2016, 11:31
Im Übrigen finde ich, dass Wessis und Ossis im allgemeinen gleichermaßen mit Vorurteilen behaftet sind.

Das stimmt auch, aber ich habe den Eindruck, es verwächst sich mit der Zeit :smile:.
Ich habe einige Male in den alten Ländern gearbeitet, wurde anfangs ziemlich misstrauisch beäugt und es gab auch mal das, "na Ossis können ja nicht arbeiten". Hat sich ganz schnell gelegt, hieß dann eher "was du bist schon fertig?":cool:

Binneuhier2009
25.08.2016, 11:36
Versorgungstechnisch war wohl entscheidend, ob du was zum Tauschen hattest.

Ganz genau. Meine Familie und ich hatten das Pech, in Betrieben zu arbeiten, die nichts Interessantes für einen Tausch abwarfen. Man kann sich nicht vorstellen, was aus den Betrieben rausgeschleppt wurde. Legal (Produkte gegen Bezahlung) und auch illegal.

Eine Bekannte war in der Gastronomie tätig. Die hat dann gerne mal eine Dose Champions, Spargel oder Pfirsiche dort rausgeschleppt. Und wenn sie eine Feier ausgerichtet hat, war immer alles da. Außerdem hatte sie Tauschware, um im Kinderladen dann z.B. Importstiefel oder Hosen für ihren Sohn zu bekommen. Und wenn sie mal zwei Paar Schuhe dort bekam, dann konnte sie diese wieder gegen etwas anderes tauschen.

Da sie auch das Glück hatte, in einer Stadt zu leben, in der es aufgrund der historischen Kulturgüter schon vor der Wende viele "Westtouristen" gab, hatte sie auch immer reichlich DM zur Verfügung, die sie als Trinkgeld bekam. Eigentlich hätte das abgeliefert werden müssen, aber natürlich hat sie versucht, das zu umgehen. Hätte ich nicht anders gemacht. Sie konnte sich in diesem Job sogar eine Halbtagsstelle leisten und hat immer noch ein Vielfaches von dem gehabt, was ich für meinen Bürojob bekommen habe.

Das Leben meiner Familie sah da ganz anders aus. Wir hatten nichts zum Tauschen. 1x im Jahr habe ich bei besagter Bekannten dann Ostmark in DM getauscht. Für 10 Ostmark gabs da 1 Westmark. Für zwei Adventkalender für meine Kinder, 2 Ü-Eier und evtl. zwei Matchboxautos hab ich dann locker mal so 100 Ostmark bezahlt. Meist hat die Oma dann noch was dazu gegeben. Aber die Kinder waren glücklich.

Um (schöne) Kinderklamotten zu bekommen, sind wir regelmäßig nach Berlin gefahren und sind dann dort oft fündig geworden. Aber es war schon eine Rennerei.

Und um mal auf die berühmten Bananen zu kommen, die es in der DDR so selten gab:

Ich kann mich noch erinnern, dass ich mal mit meinem Sohn unterwegs war. Er war ca. 2 Jahre alt und saß in der Sportkarre. Auf der Straße vor dem "Russenmagazin" wurden Bananen verkauft. Das Kilo für 5 Ostmark. Mein Sohn hat damals Bananen geliebt und wurde schon ganz zapplig. Ich wurde auch zapplig, vor Nervosität, denn die Bananen gingen langsam zu Ende, obwohl jeder nur ein Kilo bekam. Promt bekam der Kunde vor mir die letzten Bananen. Nie werde ich das Geheule meines Sohnes vergessen.

Oft hat es aber auch an Dingen gefehlt, die relevanter waren, als Südfrüchte. Mein Kind hat Spee nicht vertragen. Wenn ich die Windeln damit gewaschen habe, bekam er ganz schlimmen Ausschlag. Es gab noch ein anderes Waschmittel. Den Namen habe ich vergessen. Das war oft schwer zu bekommen. Teilweise ein Drama, wenn man Nachschub brauchte.

Sprachlos
25.08.2016, 11:47
In meiner Kleinstadt war das mit der Bildung so: Es wurden sehr zeitig ein paar nicht ganz blöde Kinder auserwählt, die Abi machen durften. Deren Eltern waren natürlich Parteigenossen. Alle anderen Kinder (waren sie auch noch so gut in der Schule) hatten keine Chance.
Ich kann das auch nicht bestätigen. In meiner Klasse und ca. 10 Jahre früher gab es z.B. einen ... ähm ... sehr unbeliebten Streber, der es aber trotzdem nicht auf einen passablen Notendurchschnitt brachte und trotz massivster Intervention seines Vaters (Parteimitglied) nicht zum Gymnasium schaffte.

Opelius
25.08.2016, 12:15
ich habe kurz nach dem Mauerbau in einer Firma in Westberlin gearbeitet. Einer meiner Vorgesetzten lud mich zu einem Jugendfest in die Hauptstadt ein, was ich allerdings ablehnte. Ich bin relativ häufig an Wochenenden über den Grenzübergang Friedrichstraße in die Hauptstadt eingereist, um mit in Westberlin gekauften Karten das Brechttheater zu besuchen. Trotz der Karten musste ich Tagesgeld bezahlen, das bin ich nie los geworden, selbst wenn ich 4 Bier und 2 Würstchen gekauft habe. Um Mitternacht musste ich im Tränenpalast sein, um auszureisen. Das Restgeld wanderte ich die Spendenbox für das Rote Kreuz DDR. Mitnehmen war verboten.
Alle 4 Wochen bin ich mit einem Kumpel mit seiner BMW Isetta (https://de.wikipedia.org/wiki/BMW_Isetta) nach Hause nach Minden in Westfalen gefahren. Das Ding hatte den Vorteil, dass nie die Gefahr bestand, dass wir die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten. Anfangs wurde die Geschwindigkeit mit einem Zeitkontrollzettel bei Abkunft und Ankunft gemessen, wer schneller als 1 Stunde 50 Minuten gebrettert war, bekam eine saftige Geldsstrafe aufgebrummt.
Später gab es Radarkontrollen.

Freitag nachmittags war es die Hölle aus Westberlin rauszukommen. Die Schlange stand vom Funkturm die ganze Avus runter bis Drewitz. Dort kontrollierte dann ein einsamen Grenzbeamter die Autos. Stöckchen in Tank, Spiegel unter das Auto, und Gesichtskontrolle mit Pass. Und jeweils 5 DM Transitgebühr. Als Willy Brandt das Transitabkommen abgeschlossen hatte, wurde das alles viel einfacher, ich habe nie länger als 20 Minuten als den Grenzkontrollstellen gestanden.

Später in den 80er Jahren bin ich als Mitarbeiter einer diakonischen westdeutschen Einrichtung regelmäßig zu den Jahresfesten der diakonischen DDR- Einrichtungen gefahren. Meistens fuhr ich mit einem Bulli vollgepackt mit Wünschen der Mitarbeiter: Ersatzsägeketten, Badarmaturen, riesige Windelpakete für Erwachsene, manchmal Kloschüsseln und -deckel oder Waschbecken, immer Malstifte und große bunte Bastelbogen. Das Geld dafür bekam ich von der Einrichtung und die besorgte über das Büro Stolte die Einfuhrgenehmigung.

Bei der Ankunft vor Ort fuhr ich immer erst zur Kreispolizeibehörde, um mich anzumelden. Meistens hatten die dann Pause und ich wartete mit anderen Westbesuchern in der nächsten Kneipe auf die Öffnung, es gab immer lecker Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen. Alkohol zu trinken erlaubten wir uns nicht. Dann wurden wir einzeln zur Vernehmung und Anmeldung herbeizitiert. Sie wussten ganz genau, weshalb an diesem Tag da so etwa 40 Westbesucher antanzten, taten aber immer überrascht. "Druckerzeugnisse" mitbringen war verboten, selbst wenn es ein Gemeindeblatt war. Bei mir wurde immer ein Spiegel und ein Stern konfisziert. Ich denke der Vorgesetzte freute sich schon auf die Lektüre.

Bei den Jahresfesten fiel unheimlich auf, dass enorm viele junge Menschen zwischen 20 und 30 an den christlichen Veranstaltungen teilnahmen. (Bei uns im Westen waren es nur immer Frauen im Rentenalter). Dabei war klar, dass jeder einzelne von der Polizei fotografiert wurde.

Gespräche mit den jungen Mitarbeitern waren immer spannend, obwohl sie alle Westfernsehen schauten und die unsere Nachrichten für die absolute Wahrheit hielten, musste ich ihnen erklären, dass Nachrichten damals wie heute eine Handelsware sind, sie müssen verkauft werden. Und sie fragten immer nach meinem Verdienst: wenn ich erklärte, dass ich etwa 2000 DM verdiente, bekamen sie riesige Augen, sie sahen das ganze Sortiment der Intershops. Dass ich bei 600 DM Miete und Familie damit mal eben knapp über die Runden kann, glaubten sie mir nie.

Die Leiter der diakonischen Einrichtungen waren fast immer Pfarrer, ihre Kinder durften trotz exzellenten Abiturs nicht studieren und arbeiteten in irgendwelchen Kombinaten. Einige Pfarrer und Ärzte stammten aus Westdeutschland, sie mussten immer die Staatsbürgerschaft der DDR annehmen und konnten nach dem Mauerbau auch nicht mehr nach Hause. Sie saßen fest.

Der eine Sohn eines Pfarrers erzählt einmal, dass jeden Freitagmorgen im Kombinat eine politische Schulung stattfand. Sie diskutierten dann, was am Vortag im Fernsehen gelaufen war: aktuelle Kamera. Alle bekundeten euphorisch die Verdienste der Partei und wussten sehr genau, dass alle am Vortag sich Wim Thoelke
angesehen hatten.

hillary
25.08.2016, 12:50
Einige Pfarrer und Ärzte stammten aus Westdeutschland, sie mussten immer die Staatsbürgerschaft der DDR annehmen und konnten nach dem Mauerbau auch nicht mehr nach Hause. Sie saßen fest.

Und heute ist die Tochter eines ost-(west)deutschen Pfarrers Bundeskanzlerin :smile: und Dr. der Physik, wobei ich nicht weiß, ob das ihr eigentlicher Studienwunsch war. Vielleicht musste sie nach dem Abi Physik studieren, weil man Physiker brauchte?
Weiß da zufälligerweise jemand mehr?

Die ehemalige Thüringer MP, Frau Lieberknecht (https://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Lieberknecht) ist Tochter eines ostdeutschen Pfarrers und hat nach erfolgreichem Abitur an der Uni Jena Theologie studiert.
Aus meiner Klasse sind 4 Schüler an die EOS, die mit den besten Noten hatte einen Vater, der SED Mitglied war. Sie war aber schulisch wirklich sehr gut, nix Papa nachgeholfen, sie ist heute Kinderärztin.
Man kann nicht pauschal sagen, der durfte und die durften nicht. Nach vielen Gesprächen mit Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, habe ich festgestellt, das war tatsächlich von Kreis zu Kreis unterschiedlich.


Der eine Sohn eines Pfarrers erzählt einmal, dass jeden Freitagmorgen im Kombinat eine politische Schulung stattfand. Sie diskutierten dann, was am Vortag im Fernsehen gelaufen war: aktuelle Kamera. Alle bekundeten euphorisch die Verdienste der Partei und wussten sehr genau, dass alle am Vortag sich Wim Thoelke
angesehen hatten.

Gewerkschaftsversammlung oder was?
Wie schon anfangs geschrieben, es gibt Dinge, die kenne ich überhaupt nicht.

Gewerkschaft war übrigens, wie im Artikel sehr treffend ausgeführt, ein Witz.

Binneuhier2009
25.08.2016, 13:00
In meiner Kleinstadt war das mit der Bildung so: Es wurden sehr zeitig ein paar nicht ganz blöde Kinder auserwählt, die Abi machen durften. Deren Eltern waren natürlich Parteigenossen.

Bei uns war es ähnlich. Wir hatten in der Klasse einige sehr, sehr gute Schülerinnen und Schüler. Das Problem war, dass diese zwar in der FDJ waren, aber außerdem auch noch die Christenlehre besuchten. Für die Jungs war außerdem Voraussetzung, dass sie sich mindestens für drei Jahre bei der NVA verpflichten mussten.

So ist nur ein Schüler an die EOS gekommen. Er hat sich für 10 Jahre verpflichtet, außerdem war der Vater Professor und Genosse. Seine Leistungen waren zwar gut, aber es gab eben durchaus bessere.

Die Klassenbeste (seit der 1. Klasse immer einen Notendurchschnitt von 1,0 - 1,1) hatte überhaupt keine Chance, da sie sehr gläubig war.

Inaktiver User
25.08.2016, 13:28
Als Willy Brandt das Transitabkommen abgeschlossen hatte, wurde das alles viel einfacher, ich habe nie länger als 20 Minuten als den Grenzkontrollstellen gestanden.

Galt dann wohl speziell für Berlin. Zug, Helmstedt/Marienborn immer (gefühlt) 1,5 bis 2 Std. Gepäck-Durchsuchung und Befragung jedes Reisenden. Ausreise mit Abbau von Hohlraum-Verkleidungen, ob sich da niemand versteckt hielt. Alle Reisenden versuchten, bloß nicht durch irgendetwas auffällig zu werden.

Lscp
25.08.2016, 13:38
Ich finde Eure Geschichten total spannend!

Meine Mutter hatte Verwandte im Osten (mein Vater hat kurz vor dem Mauerbau noch "rübergemacht", mit Mutter und Geschwistern) und wir haben auch Pakete geschickt und auch Besuche nach drüben gab es. An Details kann ich mich nicht mehr so erinnern, nur dass die Eltern immer nervöser wurden, je näher wir an die Grenze kamen. Und mein Bruder und ich hatten dann absolutes Redeverbot, vor allem während der Durchsuchungen.

Opelius
25.08.2016, 13:59
Galt dann wohl speziell für Berlin. Zug, Helmstedt/Marienborn immer (gefühlt) 1,5 bis 2 Std. Gepäck-Durchsuchung und Befragung jedes Reisenden. Ausreise mit Abbau von Hohlraum-Verkleidungen, ob sich da niemand versteckt hielt. Alle Reisenden versuchten, bloß nicht durch irgendetwas auffällig zu werden.

Natürlich bin ich auch Zug gefahren. Rammelvoll immer. Sitzplatzkarten völlig sinnlos, man kam nie bis zu seinem Platz und stand im Gang. Solange der Zug durch die DDR fuhr redete kein Schwein. Ab Helmstedt wurde gesabbelt wie sonst auch.

Charlotte03
25.08.2016, 16:05
nur dass die Eltern immer nervöser wurden, je näher wir an die Grenze kamen.
Meine Mutter hatte einen Kassenbon in ihrem Reisepass liegen - sie haben das ganze Auto auseinander genommen....

herbstblatt7
25.08.2016, 18:07
...
Versorgungstechnisch war wohl entscheidend, ob du was zum Tauschen hattest. Handwerkern ging es meiner Erinnerung nach eigentlich ganz gut. Akademiker, die nichts zum Tauschen hatten, nicht unbedingt.

Das ist wirklich wahr.

Das ist damals so gewesen, als wolltest heute du in Stuttgart eine bezahlbare, nicht mal besonders anspruchsvolle Wohnung (für ein normales Gehalt oder einen normalen Lohn) in einer schönen Wohnlage finden. Das geht fast nur über Verwandtschaft oder sonstige soziale Beziehung.

Um es mal in eine vorstellbare Relation zu setzen.

Opelius
25.08.2016, 18:08
Die diakonischen Einrichtungen in der DDR pflegten vor allem schwerbehinderte und psychisch kranke Menschen. Es gab nie einen Vertrag mit der Staatsführung über die Pflegekosten. In einer Einrichtung existierte nur eine Postkarte aus den 50er Jahren aus einem Ministerium, dass die Pflegekosten für einen bestimmten Menschen übernommen werden. Aber es gab nie Zahlungsverzögerungen für alle Patienten.

Alle Gebäude stammten aus der Vorkriegszeit und für uns verwöhnte westdeutsche Mitarbeiter war die Unterbringung der Patienten vorsintflutlich. Schlafsäle mit 25 bis 40 Betten. Eine Badewanne für jeden Schlafsaal, ein normales Klo, dafür aber jede Menge Pinkelpötte frisch gespült und schön gestapelt. Wenn man eine Gruppe betrat, saß immer jemand gerade auf dem Pott.

Im Katharinenhof z.B. stammte die Heizung aus den dreißiger Jahren und nicht mehr zu flicken. Mit Luthergeld über die Genex** konnte ein neuer Großheizkessel aus der Exportproduktion gekauft werden. Der wurde auf einem riesigen Lastwagen angeliefert, aber vor dem Eingang nur auf den Acker gekippt, weil der Fahrer behauptete, er käme nicht durch die Einfahrt. Die Monteure hatten ordentlich zu tun, um das Ding zum Heizhaus zu transportieren und einzubauen. Nun, der Fahrer hat für die Anlieferung keine blaue Kachel* gesehen und war sauer, die Monteure bekamen immer den Pflichtlohn in DDR-Mark und blaue Kacheln dazu.

An Mitarbeitern hat es ihnen nicht gemangelt. Aber sie konnten den Leuten kaum Wohnraum anbieten. Wohnanlagen mussten mit Luthergeld und von Feierabendbrigaden (staatlich geduldete Schwarzarbeit) hochgezogen werden. Wenn eine der Baukombinate den Bauauftrag erhielte, konnte man sicher sein, dass die Arbeiten unglaublich schlampig erledigt wurden, trotz Westgeld. Und ständig Zement, Steine, Kloschüsseln, Fenster, Türen, Dachrinnen und Armaturen verschwanden.


*Blaue Kachel= 100 DM-Schein.

**Genex= Die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH (kurz Genex; später nur noch Genex Geschenkdienst GmbH) war ein am 20. Dezember 1956 auf Anordnung der DDR-Regierung gegründetes Unternehmen. Es war eine der wichtigsten Devisenquellen der Kommerziellen Koordinierung, einer Abteilung des Ministeriums für Außenhandel der DDR. Hauptsitz war in Ost-Berlin. Anfangs diente es nur als Geschenkdienst für Kirchengemeinden.

Später gab es auch einen Katolaog für Privatpersonen, So konnte man, wenn man Geld hatte, seine Verwandten für rund 7.000 DM einen Trabi zukommen lassen, der in 4 Wochen ausgeliefert wurde. Dafür musste ein anderer DDR-Bürger dann evtl noch ein Jahr länger auf seinen mit 18 Jahren bestellten Trabi warten.

hillary
25.08.2016, 18:22
...Und ständig Zement, Steine, Kloschüsseln, Fenster, Türen, Dachrinnen und Armaturen verschwanden.


*Blaue Kachel= 100 DM-Schein.

es gab dazu Witze, na eher eine böse Bemerkung,
"wenn du durch eine Kleingartenanlage gehst und rufst, bei Händeklatschen alles raus, was volkseigen ist, dann steht da keine Laube mehr"
oder den Spruch: "Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen, packen wir es ein."

aua, aua...war aber so, leider.

@Opelius,
der hieß bei uns in der Region blaue Fliese. Wenn man den Artikel von 1967 !!! richtig liest und zu der Stelle kommt, wo das mit Moskau und den Exporten erklärt wird, dann wird einem schon manches deutlicher und man kann sich vieles erklären.
Dazu kam Ende der 70er, hinein in die 80ern, das Wirtschaftsembargo was u.a. die Mikroelektronik bedarf.
Da wir keinen Zugriff auf die Steuerungsanlagen von Siemens etc hatten, kamen wir mit den ostdeutschen Werkzeugmaschinen/Druckmaschinen im Export nicht mehr auf den NSW Markt. Ein wichtiger Markt zum Überleben, also beschloss die oberste Parteiführung wir machen die Mikroelektronik selber.
10 Jahre später als die Konkurrenz! Was das nochmal gekostet hat, das hat dann im Wohnungsbau und im Gesundheitswesen gefehlt. gebracht hat's trotzdem nichts.
Technische Entwicklungen lassen sich nicht mit links einholen :grmpf: auch wenn sich das manche gewünscht haben.

Inaktiver User
25.08.2016, 18:58
oder den Spruch: "Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen, packen wir es ein."



Ich kenne das leicht abgewandelt. Der ursprüngliche Spruch wird ja Ulbricht zugeschrieben und soll wörtlich gelautet haben: "Aus den Volkseigenen Betrieben ist noch viel mehr heraus zu holen Genossen"

Das die Leute dann einmal tatsächlich wortgetreu das tun was der Walter sagte, konnte der ja nicht ahnen :freches grinsen:

Also wurden fleissig Dinge,die ohnehin schon als "Volkseigentum" deklariert waren vom Volk "sozialistisch Umgelagert". :zwinker:

Opelius
25.08.2016, 20:11
Ich bekam Anfang der 80er Jahre auch Schwierigkeiten mit unserem westdeutschen Staatsschutz. Ich wurde zu Hause abgeholt und stundenlang vernommen. Meine Diasammlung und Filmnegative wurden bei einer kurzen Hausdurchsuchung mitgenommen. Auch meine Pässe musste ich mitbringen, einer war ausschließlich voll mit Durchreisevisa der DDR und der aktuelle eben mit Einreisevisa. Man wies auf der ersten Seite mit dem Lichtbild mich darauf hin, dass dort neben meinem Passbild ein winziger Kugelschreiberpunkt sei. Das wäre ein Vermerk der DDR-Grenzer, aber man wisse nicht, was er zu bedeuten habe. Es passierte dann weiter nichts, weil bei der Auswertung nichts Verwerfliches zum Vorschein kam.

Aber ich wurde ab dem Zeitpunkt an jeder Grenze, Schweiz, Österreich, Holland und immer in Helmstedt unheimlich gefilzt. Das hörte erst mit der Wiedervereinigung auf. Ich wollte in den 90ern unbedingt mal nach Berlin in die Gauckbehörde fahren, um meine Akte zu lesen, falls vorhanden. Ich hab's aber dann gelassen, weil ich wahrscheinlich nur erfahren hätte, wer von meinen damaligen Gastgebern wortwörtlich meine Gespräche in den diakonischen Einrichtungen gemeldet hatte.

Genutzt hat es der Stasi aber nichts. Ich war wahrscheinlich der am meisten überraschte Westdeutsche, als sich die DDR am 9. November mit der Grenzöffnung aus der Geschichte verabschiedete.

Inaktiver User
25.08.2016, 22:44
gelöscht

Inaktiver User
25.08.2016, 23:03
gelöscht

Inaktiver User
26.08.2016, 00:13
Dann hast du glücklicherweise genau die Fachrichtung einschlagen wollen, die die Republik gerade brauchte. Ansonsten bestand doch keine Chance, auszuwählen.

Das ist schlicht nicht richtig. Und genau diese undifferenzierte Sichtweise die heute , fast 50 Jahre nach jenem erstaunlich objektiven Artikel viel präsenter ist , als man sie vermuten sollte. Damals als der Artikel erschien, war kalter Krieg, und eigentlich jedes Mittel recht den potentiellen Gegner zu diskreditieren.
Um so verwunderlicher die Tatsache, dass heute mehr "Propaganda" zu dem Thema stattfindet als seiner Zeit.



Was ist mit Bespitzelung?
Die war durchaus präsent, und auch im Bewusstsein verankert. Das ist richtig. Jedoch hatte auch fast jeder seine privaten Nischen in Form von Freunden, Verwandten, Kollegen usw. wo durchaus "frei von der Leber weg" geredet werden konnte.



Was ist mit Eingriff des Staates ins persönliche Leben?

Ja, was ist damit?
Ich wage die kühne These: der Eingriff ins Privatleben war in der DDR wie ich sie kannte sogar geringer als er es im hier und jetzt ist.
Das hat zwei sehr einfache Gründe. Der erste ist im Artikel beschrieben als : "Burgfrieden zwischen Partei und Volk, welche sich gegenseitig misstrauisch beäugen" . Der Staat wollte einfach keinen weiteren Unmut im Volk riskieren, indem er ins Privatleben übermäßig hinein reglementiert.

Und der zweite ist eben jene übertriebene, teils schon groteske Reglementierungswut welche heute herrscht und das private längst erreicht hat.
einfaches Beispiel zur Veranschaulichung: Ein "Bundeskleingartengesetz" welches von grotesken Aufpassern , bewaffnet mit Zollstock und Taschenrechner penibel überwacht wird, hätte in der DDR eben diesen Aufpassern schnell eine Tracht Prügel bescheren können.
Und da die Ordnungsmacht dies sehr wohl genau wusste, hat sie derartigen Blödsinn gar nicht erst versucht.




Wenn du das nicht erlebt hast, darfst du dich wirklich glücklich schätzen.


Nun, wenn man das als Maßstab anlegt, schätze ich mich gerne glücklich



Ich glaube, so manch einer hat nicht verinnerlicht, was die Befreiung von der Diktatur wirklich bedeutet.

Wie pathetisch.

Und mehr als so manch einer vergisst heute gerne, dass wir es selber waren, wir das Volk der "Zone" , welche sich selber befreit haben.
Allerdings war es nicht das Ziel, ähnliche Zustände mit anderem Anstrich, direkt zu importieren. Das hat sich ergeben.

Inaktiver User
26.08.2016, 00:24
PS. Das einzig Gute an der DDR war, dass man sicher sein konnte, dass all die Mörder, Einbrecher und sonstige Kriminelle, die in Aktenzeichen XY vom ZDF gesucht worden sind, wirklich nur im Westen ihr Unwesen treiben und diese niemals in der DDR ihr Unheil stiften.
.

Das auch. Es war aber eben beileibe nicht das "einzig gute" .

Gysi, so fern er mir politisch auch sein mag, sagte mal einen schönen Satz. Er ging in etwa so: " bei allen wirklich schlechtem was die DDR hatte, so hätte man nicht pauschal auch die guten Seiten ungesehen mit wegkippen sollen"

Scorpiongirl
26.08.2016, 09:00
KCIO3 danke für deine letzten beiden beiträge :allesok:

ich bin auch in der DDR aufgewachsen, habe dort 1972 abitur gemacht (meine eltern waren nicht in der partei!) und ich habe genau das studiert, was ich wollte, nämlich informatik.

ich hatte ein ganz normales familienleben, fühlte mich auch nicht überwacht. natürlich weiß ich, daß es das mehr als genug gab. im näheren umfeld kannte man aber meistens die leute, die für die stasi gearbeitet haben. mit denen wurde halt nicht über alles geredet.

ich habe zu ddr-zeiten auch nie gehungert oder hatte nichts zum anziehen. klar war nicht immer alles da, aber wir haben auch viel improvisiert.

....und nein, ich wünsche mir die DDR nicht zurück!!!

herbstblatt7
26.08.2016, 09:13
...
Ja, was ist damit?
Ich wage die kühne These: der Eingriff ins Privatleben war in der DDR wie ich sie kannte sogar geringer als er es im hier und jetzt ist.
Das hat zwei sehr einfache Gründe. Der erste ist im Artikel beschrieben als : "Burgfrieden zwischen Partei und Volk, welche sich gegenseitig misstrauisch beäugen" . Der Staat wollte einfach keinen weiteren Unmut im Volk riskieren, indem er ins Privatleben übermäßig hinein reglementiert.

Und der zweite ist eben jene übertriebene, teils schon groteske Reglementierungswut welche heute herrscht und das private längst erreicht hat.
einfaches Beispiel zur Veranschaulichung: Ein "Bundeskleingartengesetz" welches von grotesken Aufpassern , bewaffnet mit Zollstock und Taschenrechner penibel überwacht wird, hätte in der DDR eben diesen Aufpassern schnell eine Tracht Prügel bescheren können.
Und da die Ordnungsmacht dies sehr wohl genau wusste, hat sie derartigen Blödsinn gar nicht erst versucht.

...

Wie pathetisch.

Und mehr als so manch einer vergisst heute gerne, dass wir es selber waren, wir das Volk der "Zone" , welche sich selber befreit haben.
Allerdings war es nicht das Ziel, ähnliche Zustände mit anderem Anstrich, direkt zu importieren. Das hat sich ergeben.

Das sehe ich ähnlich.

Oder wie ist es mit den Lebensläufen, wenn man sich bewirbt. Von den Personalverantwortlichen oft sofort ausgeschlossen wird, sobald sich eine "Lücke" ergibt, also der Bewerber doch nicht etwa eine Zeit lang nur getan hat, wozu er Lust hatte und damit Individualismus gezeigt hatte - oder er hatte eben seine Arbeit verloren und bekam nicht gleich eine neue.

Wie man immer wieder hört, das Credo der Personalverantwortlichen und damit der Arbeitgeber.

In der freien Zeit wird dieser doch nicht etwa nur an sich und sein Leben oder überhaupt über sich und das Leben überhaupt nachgedacht haben. Und hat etwa in Ruhe ausgeschlafen und nicht Angst gehabt, dass er seinen Wecker verschläft ...


Geradeaus gesagt, reine Schikane und eine Methode, die Bevölkerung klein, devot und geduckt zu halten.

Haben hier übrigens auch schon in der Bricom Leute geschrieben, deren Job es ist, Leute einstellen - jedenfalls schreiben sie es. Was hier wirklich jemand macht, weiß ja keiner hier. Bzw. nur von sich selbst.

Lebenslauf angesehen --> Lücke --> 'raus aus den Bewerbern mit Chancen zur Einstellung.

Im Kapitalismus (oder wie es heute heißt) erfolgt die Knechtung und Unterdrückung und Zensur hauptsächlich über den Arbeitsmarkt.

Was natürlich in der DDR auch so war, nur auf andere Weise.

Ich habe studiert, was ich wollte und in dem Beruf gearbeitet. Freilich musste ich dazu in der FDJ sein, die sozialistische Jugendweihe absolviert haben. Das will ich da mal nicht vergessen zu erwähnen.

Binneuhier2009
26.08.2016, 09:36
Jedoch hatte auch fast jeder seine privaten Nischen in Form von Freunden, Verwandten, Kollegen usw. wo durchaus "frei von der Leber weg" geredet werden konnte.



... und auch frei von der Leber weg geredet. Klar, das kenne ich auch. Aber hast Du inzwischen mal in Deine Stasi-Akte geguckt?

Ich wollte es immer mal machen, habe dann aber doch darauf verzichtet. Warum? Meine Schwägerin hat Einsicht in ihre Akte genommen. Ihre allerbeste Freundin - bei der sie über alle Themen frei von der Leber weg redete - hat sie jahrelang bespitzelt, Berichte über sie geschrieben und letztendlich auch ans Messer geliefert.

Das war kein Einzelfall.

Ich z.B. habe schlichtweg Angst davor, herbe Enttäuschungen zu erfahren, evtl. Menschen aus meinem Leben streichen zu müssen, die heute noch eine Rolle spielen. Auch ich habe "Ärger" bekommen, wurde zu Einzelgesprächen in die Kaderabteilung bestellt und einiges mehr. Es wurde mir ein Brief vorgelesen, in dem einiges über mich berichet wurde, zu dem ich Stellung nehmen musste. Letztendlich ist mir, ohne dass ich in irgend einer Weise klein beigegeben habe, nichts passiert. Eigentlich möchte ich schon wissen, wer mich denunziert oder vielleicht auch bespitzelt hat ... aber wie gesagt, da ist auch die Angst mit sehr unschönen Dingen konfroniert zu werden.

Opelius
26.08.2016, 10:50
ich hatte bei einem meiner Besuche in Einrichtungen der DDR das Spiel Monopoli mitgebracht. Ohne die Verpackung und die Einzelteile verteilt. Soweit ich wusste, war das Spiel verboten, weshalb auch immer. Ich habe es dann mit Jugendlichen aus einem staatlichen Erziehungsheim gespielt. Die fanden das ganz irre. Und haben die halbe Nacht gespielt. Die normale Version fanden sie nach einem Spiel langweilig und wir führten die Regel ein, dass man sich bei der Bank verschulden konnte.

Ich hab's natürlich verloren mit 1,5 Millionen bei der Bank. Nur einer war glücklich: der Sieger. Binnen von wenigen Minuten hatten die Jungs begriffen, wie Kapitalismus geht.

Inaktiver User
26.08.2016, 11:13
Im Kapitalismus (oder wie es heute heißt) erfolgt die Knechtung und Unterdrückung und Zensur hauptsächlich über den Arbeitsmarkt.

Was natürlich in der DDR auch so war, nur auf andere Weise.

Eigentlich erfolgt es über das Kapital. Der Rest sind dann Schaltstellen, die mit Kapital besetzt werden.

Ich denke, in der DDR war es auch nur marginal anders. Auch dort war Kapital der Kern, um den sich alles kreiste. Zwar verordnete das System stabile Preise etc., aber das ging nur durch horrende Subventionen für Güter des alltäglichen Bedarfs, für Wohnungen etc. Diese Art der "verdeckten Inflation" hätte die DDR ohnehin irgendwann in den Ruin getrieben.

Opelius
26.08.2016, 11:14
Ja, das Spitzelsystem gelangte binnen kürzester zeit nach der Wende auch in unseren westdeutschen Einrichtungen . Viele neue Mitarbeiter kamen aus den neuen Bundesländern und machten Karriere mit Hilfe ihrer privaten Aufzeichnungen über die Kollegen. Plötzlich hagelte es Abmahnungen oder auch nur schriftliche Rügen. Und damit zogen sich die Kollegen alle auf Dienst nach Vorschrift zurück. Dass es die neuen Kollegen sein könnten, hat niemand vermutet. Aber das Misstrauen war überall spürbar.
Um die Zeit wurde auch das Qualitätsmanagement in Pflege- und Beratungsstellen eingeführt. Ich musste natürlich auch auf Lehrgänge und es fiel auf, dass die meisten Lehrkräfte fürchterliches sächsisch sprachen. Wir erarbeiteten dicke Wälzer über Prozessabläufe, die dann in den Beratungsstellen und Pflegeeinrichtungen rumstanden. Die einzigen, die ständig in diese Bücher guckten, waren unsere neuen Mitarbeiter, die z.T. auch ziemlich sächselten.

Plötzlich wurden in den Abteilungsgesprächen unsere Prozessabläufe diskutiert. Und offen Kritik an Kollegen geäußert. Das fand ich sehr erstaunlich. Ich lernte zum ersten Mal in meinem Berufsleben das Schweigen.

Ergänzung:
viele pensionierte DDR-Pfarrer zogen Anfang der 90er gerne nach Westdeutschland , hier bei uns nach Detmold. Denn sie bezogen von Stund an die Pensionen nach Regeln der lippischen und westfälischen Landeskirche _ und die waren mindestens ein Drittel höher. Und nervten auf den Kirchenkonferenzen die Zuhörer, dass sie eigentlich das Rückgrat der Friedensbewegung in der DDR gewesen seien und damit den Sozialismus besiegt hätten.

herbstblatt7
26.08.2016, 11:16
Ja.

Inaktiver User
26.08.2016, 11:21
... und auch frei von der Leber weg geredet. Klar, das kenne ich auch. Aber hast Du inzwischen mal in Deine Stasi-Akte geguckt?

Ja, da haben sich dann einige die Augen gerieben. :knatsch:




Ich z.B. habe schlichtweg Angst davor, herbe Enttäuschungen zu erfahren, evtl. Menschen aus meinem Leben streichen zu müssen, die heute noch eine Rolle spielen.
[..] Eigentlich möchte ich schon wissen, wer mich denunziert oder vielleicht auch bespitzelt hat ... aber wie gesagt, da ist auch die Angst mit sehr unschönen Dingen konfroniert zu werden.

Kann ich mir vorstellen. Was, wenn sich herausstellt, dass der Ehemann seit 35 Jahren so ein Spitzel war? Dann ist mit einem Schlag das ganze Leben Geschichte - oder wäre es für mich. Schwierige Entscheidung.

herbstblatt7
26.08.2016, 11:28
Ich denke manchmal, die ganze Reglementierungswut und inzwischen auch das in letzter Zeit lawinenartig verstärkte Vorschreiben, was wir in der Öffentlichkeit zu denken und zu tun haben, im privaten Leben auch, liegt daran, dass sich der Staat als Apparat verselbständigt hat und sich ununterbrochen neue Arbeitsplätze und Machtkontrollmechanismen und -organe mit nach oben duckmäusernden und nach unten tretenden Angestellten und Beamten schafft.

Oder die angestellten Lehrer werden in Schach gehalten, indem sie in den Sommerferien aus ihrem Arbeitsverhältnis entlassen und in die Arbeitslosigkeit (mit den demütigenden Unterwerfungsriten dabei) werden und danach nur wieder angestellt, wenn sie sich im Schuljahr zuvor als unterwürfig erwiesen haben.

Die Beamten sind schon dank ihrer Einstellung (Streik- und Aufmuckverbot) die geborenen Vollstrecker.

Solcherart schon von Grund auf beschränkt und gedemütigt und im Charakter und ihrer Menschenwürde gebrochen, erziehen sie dann unsere Kinder, z.B.! Da geben sie es dann gleich weiter ...



Die DDR lässt grüßen ... und noch so einiges andere ...

Inaktiver User
26.08.2016, 11:33
Ergänzung:
viele pensionierte DDR-Pfarrer zogen Anfang der 90er gerne nach Westdeutschland , hier bei uns nach Detmold. Denn sie bezogen von Stund an die Pensionen nach Regeln der lippischen und westfälischen Landeskirche _ und die waren mindestens ein Drittel höher. Und nervten auf den Kirchenkonferenzen die Zuhörer, dass sie eigentlich das Rückgrat der Friedensbewegung in der DDR gewesen seien und damit den Sozialismus besiegt hätten.

:smile:

In der Retrospektive waren im Westen auch alle freiheitsliebende 68er oder gegen das Spießertum kämpfende Freaks, die alle die Gesellschaft verändert haben.

Opelius
26.08.2016, 11:41
:smile:

In der Retrospektive waren im Westen auch alle freiheitsliebende 68er oder gegen das Spießertum kämpfende Freaks, die alle die Gesellschaft verändert haben.

Richtig. Während meiner Studienzeit waren die meisten Studenten, die ich kennengelernt hatte, Revoluzzer - mit dem Mund und in ihrem Outfit. Es wurde gefaselt von der menschenunwürdigen Unterbringung der RAF_Gefangenen und nach deren Tod über staatlichen Mord. Die meisten haben dann den "Marsch durch die Institutionen" angetreten und machten Karriere. Sie wurden dann unsere Volksbeglücker mit einer Flut von Verordnungen.

herbstblatt7
26.08.2016, 11:43
Der Vater von Angela Merkel war Pfarrer in Hamburg, wenn ich mich recht erinnere, und ist mit seiner Familie Mitte der 50er Jahre in die DDR übergesiedelt. Das war wohl eine Ausnahme.

Klar waren und sind wir alle aufrechte Bürger, intellektuelle Elite, Widerstandskämpfer, mutige Vordenker :knatsch:

Die Bösen jeder Färbung - das sind immer die Anderen.

Das ist wie mit den kaputten Ehen.

hillary
26.08.2016, 12:27
Eigentlich erfolgt es über das Kapital. Der Rest sind dann Schaltstellen, die mit Kapital besetzt werden.

Ich denke, in der DDR war es auch nur marginal anders. Auch dort war Kapital der Kern, um den sich alles kreiste. Zwar verordnete das System stabile Preise etc., aber das ging nur durch horrende Subventionen für Güter des alltäglichen Bedarfs, für Wohnungen etc. Diese Art der "verdeckten Inflation" hätte die DDR ohnehin irgendwann in den Ruin getrieben.

nicht irgendwann, wir waren schon drin
@KCIo3,
hast du zufälligerweise eine Quelle über die Strauß Kredite?


Hat sich schon mal ernsthaft jemand gefragt, warum das im herbst 1989 so relativ unblutig ausgegangen ist?
Habt ihr euch mal schlau gemacht, wie es dagegen den Tschechoslowaken, den Rumänen ergangen ist?
Was mit Jugoslawien passiert ist?

Wir haben unheimlich Glück gehabt, finde ich.

Sariana
26.08.2016, 13:05
@ hillary

"Der Milliarden-Deal - Strauß und die DDR" | MDR.DE (http://www.mdr.de/religion/gesellschaft/strauss-ddr-milliardendeal100.html)

:wangenkuss:

hillary
26.08.2016, 16:19
Sariiiiiiiiiiii :blumengabe::wangenkuss:

Opelius
26.08.2016, 16:32
Mehr als 3,5 Milliarden Mark zahlte die Bundesrepublik, um insgesamt 33.755 Häftlinge (http://www.welt.de/kultur/history/article110977513/95-847-Mark-verlangte-die-DDR-fuer-einen-Haeftling.html)aus der DDR frei zu bekommen.

Opelius
26.08.2016, 16:59
Doch nicht nur die Ostkirchen, auch die DDR brauchte Kohle, und zwar solche zum Heizen. 1956 stellte Polen unter dem neuen Staatschef Gomułka seine Steinkohlelieferungen ein und verlangte plötzlich Weltmarktpreise. Doch die DDR hatte keine Devisen und konnte ihre Kraftwerke nicht mehr versorgen. So initiierte sie das sogenannte „Kirchengeschäft A“ über die Kirchenvertreter der EKD in Westdeutschland. Die kauften in den USA 60.000 Tonnen Steinkohle, ließen diese in die DDR liefern und die DDR-Regierung zahlte den Preis in DDR-Mark an die ostdeutschen Landeskirchen aus. Die Bundesregierung gestattete diesen inoffiziellen Handel nur „unter allergrößten Bedenken“ und unter der Bedingung, dass er einmalig bliebe. Doch durch den Erfolg der Aktion sahen beide Seiten jeweils eigene Vorteile für eine zukünftige Zusammenarbeit: die DDR erhielt Devisen sowie materielle Unterstützung und die BRD konnte den deutschen Landsleuten in der DDR helfen. Auf diesem Weg wurden von nun an weitere Geschäfte über die Kirchen abgewickelt, die jährlich 40 bis 50 Mio. DM umfassten. Zusätzlich wurde mit dem Freikauf von Häftlingen das sogenannte „Kirchengeschäft B“ entwickelt. Den Geschäften mit der katholischen Kirche gab man den Buchstaben „C“.

Die „Geschäfte“ waren für die EKD die einzige Möglichkeit für Hilfeleistungen in den Osten und als die DDR-Staatsführung bemerkte, dass man damit leicht Devisen einnehmen konnte, wurden die wirtschaftlichen Beziehungen weiter ausgebaut. Ab 1966 übernahm diese Aufgabe die Abteilung „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) im Ministerium für Außenhandel unter der Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski. Die DDR-Seite verlangte möglichst einen Wechselkurs von 1:1, was den wirtschaftlichen Realitäten nicht entsprach, aber durch die Bundesregierung mitfinanziert wurde. Insgesamt hatte das Kirchengeschäft A von 1957 bis 1990 einen Umsatz von 2,1 Mrd. DM. Im selben Zeitraum wurden Güter wie Baumaterialien, medizinische Geräte oder Papier im Gegenwert von etwa 345 Mio. DM direkt an DDR-Kirchen versandt. Über den Geschenkdienst Genex wurden vor allem Autos bereitgestellt. Neben zahlreichen Geldsammelaktionen zahlte die EKD ab 1980 auch die staatliche Altersvorsorge für kirchliche Mitarbeiter.

Umfang der finanziellen Unterstützung der EKD (Auswahl)

- 220 Mio. DM, gesammelt für Personalkosten („Bruderhilfe“)
- 25 Mio. DM, gesammelt für Baumaßnahmen („Stätten des kirchlich-diakonischen Wiederaufbaus“)
- 130 Mio. DM für Geschenke über Genex
- 80 Mio. DM für die staatliche Altersvorsorge (ab 1980)

deutsch-deutscher Alltag (http://www.geschichte-doku.de/deutsch-deutscher-alltag/themen/?a=kirche)

hillary
26.08.2016, 17:44
auch dir danke für den Link Opelius,

ich bin kein Christ und kann so nichts genaues zur Rolle der Kirche in der DDR sagen,
aber mir imponierte die Bewegung Schwerter zu Pflugscharen (https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerter_zu_Pflugscharen#Erste_Friedensdekade)dam als sehr
und ich verstand nicht, was daran nicht konform zur offiziellen Friedenspolitik der DDR sein sollte.
Nun gut, ich war noch Schüler und Lehrling, also bissi "unbedarft".
Es war allerdings auch das erste Mal, das ich etwas hinterfragte und die Antwort für mich nicht akzeptierte.
Ich glaube nicht an Gott, aber ich konnte auch damals nichts staatsschädigendes am Verhalten meiner christlichen Freunde finden und über den Jugendpfarrer bekam ich Bücher zu lesen, die von kritischen Geistern in der DDR geschrieben worden waren, aber nicht verlegt wurden.
Deswegen wurde ich trotzdem nicht zum Widerständler, aber ich fing an genauer hinzuschauen und nicht mehr alles so einfach zu glauben.

Opelius
26.08.2016, 17:52
Für viele ehemalige DDR-Bürger ist der Geruch, der einem frisch geöffneten Westpaket entströmte, untrennbar mit Weihnachten verbunden. Aber auch im Westen hatte das »Päckchen nach drüben« mit den dafür nötigen Besorgungen einen festen Platz im Jahreslauf.
Der Inhalt dieser Sendungen prägte das Bild vom jeweils anderen Staat entscheidend: Markenjeans und Nivea riefen weitere Konsumwünsche hervor, und die Gegengeschenke wie Weihnachtspyramiden und Christstollen zeigten das Bemühen um angemessenen Dank.
Das Westpaket war zudem ein Politikum. Während die Ökonomen in der DDR private Geschenke in ihre volkswirtschaftlichen Bilanzen einrechneten, rief man im Westen dazu auf, man solle die »Brüder und Schwestern im Osten nicht vergessen«. Zoll und Staatssicherheit fanden dabei reichlich Arbeit. Der Warenfluß wurde genauestens kontrolliert, schließlich sollten keine»subversiven Materialien« die Grenze passieren.
aus Christian Härtel (Hg.) Petra Kabus (Hg.) ,Das Westpaket -Geschenksendung, keine Handelsware. Kann ich nicht verlinken, da es auf ein Verlagsportal führt.

Miene Mutter arbeitete seit Anfang der 60er Jahre in der Diakonie (West). Sie begann kurz nach dem Mauerbau Pakete für etwa 10 Verwandte in der DDR zu schicken. Dann wurde sie von ihrem Arbeitgeber aufgefordert, Mitarbeitern der Ostdiakonie im Raum Magdeburg Weihnachtspakte zu schicken. Sie bekam für jedes Paket 25,- DM, die mit dem Abriß des Paketscheins abgerechnet wurden. Das wurden bis 1989 etwa 80 Personen.

Meine Mutter kaufte alle Sonderangebote ab August auf: Kaffee, möglichst Jakobs (weil im Fernsehen dafür Reklame gemacht wurde), Schokolade, gut riechende Seife, Kölnisch Wasser, Pralinen , Nylons, Nutella und sonstige persönliche Wünsche. All die Sachen stapelte sie in ihrem kühlen Schlafzimmer. Meine Aufgabe war es, bei Aldi und anderen Lebensmittelgeschäfte die notwendigen Kartons zu besorgen. Und sehr stabiles Paketpapier und Paketschnur. Ab Ende Oktober wurde gepackt, ich schnitt die Kartons zurecht, mein Mutter packte. Und sie hatte immer schönes Geschenkpapier, meistens vom Vorjahr, privat sammelte sie alles, was nicht zerfetzt war.
Mein Schwester tippte dann die Inhaltsverzeichnisse (Geschenksendung - keine Handelsware) und füllte die Paketkarte aus (ebenfalls dick drauf: Geschenksendung - keine Handelsware. Die Pakete durften nur sorgfältig in Packpapier eingewickelt werden und mussten mit Paketband verschnürt werden.
Samstag fuhr ich dann immer zur Post und lieferte ab, Bis Advent gab es da richtige Schlangen am Paketschalter.
Ich sah dann auch Menschen, die Pakete nach Polen und nach Rumänien aufgaben. Letzteres verlangte Holzkisten zum Transport.

Alle Beglückten bedankten sich mit sehr lieben Briefen und es kamen drei bis fünf Pakete mit echtem Dresdener Stollen zurück. Schwierig wurde es mit den persönliches Wünschen, da offensichtlich in der DDR Neckermann- und Ottokataloge herumgereicht wurden. Da wurden bestimmte Jeans, oder Kleider geordert, aber da die Kataloge Jahre alt waren, gab es genau das nicht mehr.

Niemand war so glücklich über die Öffnung der Mauer wie meine Mutter. "Nächstes Jahr keine DDR-Pakete mehr" und machte drei Kreuze.

Inaktiver User
26.08.2016, 23:01
... und auch frei von der Leber weg geredet. Klar, das kenne ich auch. Aber hast Du inzwischen mal in Deine Stasi-Akte geguckt?

.

Nein habe ich nicht. Und sollte es eine geben, was bei mir eher nicht, bei der restlichen Familie jedoch höchst wahrscheinlich ist, möchte ich sie nicht kennen. Was würde es mir auch bringen? Die Akte wenn es sie denn gibt hat mir nie geschadet.
Mir wurde trotz höchst mittelmäßigem "gesellschaftlichen Engagement", trotz meiner Weigerung für 3 Jahre Armee zu unterschreiben und trotz der zahllosen Westkontakte sogar ein Studienplatz angeboten. Das ganz einfach aufgrund der Tatsache das ich in meinem Lieblingsfach Chemie den Lehrern Nachhilfe erteilte. Und weil Chemiker gesucht waren, fielen all die anderen "Anforderungen" unter den Tisch. So einfach konnte das ein.

Und nochmal zur Akte: Für die restliche Familie gab es mit Sicherheit welche. Mein Opa hatte auf Kosten der DDR seinen Dipl.Ing. gemacht und war dann nach Westberlin entfleucht. Das mochten die "Organe" ja eigentlich so gar nicht gerne .

Mein Vater hatte sich Mitte der 80-er aus dem Berufsleben verabschiedet (mit nicht mal 40 Jahren), und seither einen "Rentnerpass" gehabt, den er auch fleissig nutzte. Er besuchte mindestens dreimal Jährlich den Westen. Zwei mal besagten Opa, einmal die weitläufige Verwandtschaft welche auch alle samt "Republikflüchtig " waren.
Meine Mutter durfte ebenfalls zu ihrem Vater nach Westberlin.
Umgekehrt genau so. Der Flüchtige Opa konnte unbehelligt einmal jährlich ein und ausreisen.

Und unter den Voraussetzungen gab es mit Sicherheit Stasi Akten. Das war allen Beteiligten völlig klar.
Und was haben sie geschadet? Nix. Zumindest nichts Sichtbares.

Wozu also wissen, was drin steht? Geschenkt. Vorbei.

Meine hiesigen Akten bei der Staatsanwaltschaft rangieren auf gleichem Level.

Paraplumeau
29.08.2016, 09:48
KCIO3

Ich habe den Spiegel-Artikel von 1967 mit großem Interesse gelesen, vielen Dank dafür.

Du schriebst in diesem Thread, dass du 1980 eingeschult wurdest. (Oder habe ich das falsch gelesen?)
Das kann ich zeitlich gut einordnen, da ich selbst 1979 - in der DDR - eingeschult wurde.

Als die Mauer fiel, war ich 16 (fast 17) Jahre alt und besuchte gerade die 11. Klasse. (aus meiner POS-Klasse von 26 Schülern gingen übrigens exakt 2 Schüler zum Abitur)
Du wirst also gerade in der 10. Klasse gewesen sein....

Daher sind einige deiner Aussagen für mich nicht plausibel, das mit dem Studienplatz und mit der Verpflichtung zur Armee zum Beispiel.



Viele Einzelheiten des DDR-Lebens habe ich gar nicht mehr so konkret in Erinnerung, die Beschaffung von Baumaterialien usw. das weiß ich nur aus der Schilderung meiner Eltern und Verwandten.

Inaktiver User
29.08.2016, 20:50
Du schriebst in diesem Thread, dass du 1980 eingeschult wurdest. (Oder habe ich das falsch gelesen?)
Das kann ich zeitlich gut einordnen, da ich selbst 1979 - in der DDR - eingeschult wurde.

Japp, 1980 war es.


Als die Mauer fiel, war ich 16 (fast 17) Jahre alt und besuchte gerade die 11. Klasse. (aus meiner POS-Klasse von 26 Schülern gingen übrigens exakt 2 Schüler zum Abitur)
Du wirst also gerade in der 10. Klasse gewesen sein....

Ja. War ich.
Bei uns waren übrigens mehr "vorgesehen". Aber die Ereignisse waren schneller.



Daher sind einige deiner Aussagen für mich nicht plausibel, das mit dem Studienplatz und mit der Verpflichtung zur Armee zum Beispiel.

Nun, als die Berufswahl anstand.................wann war das? Ende der 8-ten, Anfange der 9-ten Klasse............wurde es so versprochen. Es gab damals keinen Grund daran zu zweifeln.
Vorgezeichneter Weg.
EOS, Chemie studieren.........ganz nach Neigung. Geschichte war mein zweites Lieblingsfach, und sollte enthalten sein. Ganz im Sinne der Genossen, trachteten sie doch stets danach selbige zu ihren Gunsten zu schreiben. Und ja: Staatsbürgerkunde hatte ich auch eine glänzende 1.
Da war meine Weigerung für die obligatorischen 3 Jahre Armee zur Verfügung zu stehen dann doch nicht mehr so relevant.
Zumal ich dafür eine plausible Erklärung parat hatte :zwinker:
Ich hab nichts gegen die Armee, mag und mochte sie sogar. Nur hasse ich Sport !
Mit der Argumentation bin ich scheinbar durchgekommen.

Die allgegenwärtige "Nerverei" mit der Verpflichtung begann ja übrigens auch schon wesentlich früher. Seit der ersten Klasse regelmäßig am 1. März zum "Tag der Volksarmee" beispielsweise. Und meine Weigerung war stets aus dem selbem Grund.
No Sport.

Irgendwann hatten sie das wohl "gefressen".

Inaktiver User
29.08.2016, 21:55
Liebe Grüße von meinem Mann , Kali

Vor der Wahl wird immer das blaue vom Himmel versprochen, hinterher kommen dann die Ausflüchte :smirksmile:

Ihnen wurde in der Schule ein Bild ihrer beruflichen Zukunft vorgegaukelt, dass Dank des überragenden technischen Fortschrittes der Republik , es buchstäblich nur noch Techniker und Ingenieure geben würde, ein jeder würde nur noch im weißen Kittel arbeiten, weil es keinerlei Drecksarbeiten mehr zu verrichten gäbe.


Mein Mann hat die 3 Jahre Armee geleistet.Als er dann das Thema Studium anging durfte er hören " Prima...Klasse, dass sie gedient haben, das freut uns sehr..blablabla...dann ist es ja für sie auch gar kein Problem, wenn sie in die Partei eintreten, damit setzen sie ein Zeichen, dass sie voll und ganz hinter dem Arbeiter und Bauernstaat stehen... ein Zeichen ihrer Verbundenheit...blablabla...das wäre ja nun wirklich nur eine Formsache...
Tja..er wollte aber eben nicht und das war es dann für sein Studium und er musste erkennen, dass weit und breit keiner einen weißen Kittel trug, auch nicht der Meister, jener durfte jedoch jeden morgen vor Arbeitsbeginn mit seinem Privatauto noch Material holen fahren, damit überhaupt in dem fortschrittlichen VEB/ oder Kombinat gearbeitet werden konnte.

HansDampf
30.08.2016, 15:15
Dietmar Keller (SED-Kulturminister unter Modrow) sagt in dem doch lesenswerten Buch "Zwei deutsche Sichten":
Aus einer bestimmten Sicht war die DDR eine gelungene Sache, obwohl sie wirklich nicht gelungen war, aus einer bestimmten Sicht war die DDR völlig misslungen, obwohl sie so schlecht nicht war, wie sie heute meist gemacht wird.

Erinnerung und Deutung stehen immer zwischen dem subjektiven Erleben und der verallgemeinerungsfähigen Erkenntniss von Strukturen und Fakten. Auch die DDR ist weder auf rein individuelle Erlebnisse noch auf ausschließliche Strukturanalyse zu reduzieren.

Danke, KCIO3, für den interessanten Link. Es ist bemerkenswert, wie hellsichtig die Probleme der DDR schon 1967 erkannt wurden: der wirtschaftlich-technsiche Rückstand, das Leben auf Pump (noch vor Honeckers sozialen Wohltaten), die Ambivalenz der Bürger ihrem Staat gegenüber (kein Widerstand aber auch keine wirkliche Akzeptanz), die Grauheit des Landes, die sich Ende der 80er Jahre noch verstärkte (diesmal waren es nicht die Kriegsruinen, sondern die selbst geschaffenen), und vor allem die Abhängigkeit von der Politik der Sowjetunion.

Zitierenswert halte ich:
Die abendländische Stammtischformel" die Kommunisten seien keinen Deut anders oder gar besser als die Nazis, läßt freilich den Kernpunkt außer acht, daß der rote Totalitarismus nicht gespeist wird von Rassenfimmel oder deutschnationalem Größenwahn. Was einander ähnelt, sind Stilmerkmale der politischen Praxis.

Diese Stilmerkmale der Politik haben ihre Quelle in der Genese aller revolutionären Bewegungen (und auch die NSDAP sah sich als Partei der Bewegung, als revolutionär). Leider haben Ulbricht und Honnecker ihre aus den 20erund 30er Jahren stammende Weltsicht nie abgelegt, ihr Menschenbild war unterkomplex und harmoniesüchtig. Das ist keine persönliche Schuld beider, aber für ein politisches System, welches Änderung und Erneuerung fürchtet, weil es sich schon im Besitz allumfassender Wahhrheiten glaubt, ruinös.

Als Mitglied des Jahrgangs 69 habe ich die DDR 20 Jahre lang erlebt, als Kind, Jungenlicher und junger Erwachsener. Seit ich denken kann, habe ich mich in diesem Land fremd gefühlt. Es fühlte sich an wie ein Leben auf Probe, nicht wie das echte Leben. Meine Eltern waren angepasste, politisch öffentlich indifferente, im privaten ätzende Kritiker der DDR, ebenso unsere Verwandten. Mein Vater war als Arbeiterkind Nutznießer der Bildungspolitik der DDR, ich als Akademikerkind war Nutznießer der sozialen Schichtungen und der Bildungsprivilegien der Mittelschicht, die in der 70er Jahren auch in der DDR entstanden. Die fehlende soziale Differenzieung, die schleichende Proletarisierung des Umgangstons, das Kumpelhaft, umgängliche, distanzlose, störte mich damals und stört mich zum Teil heute noch in meiner alten Heimat. Die Schikanen, denen mein Vater als Ingenieur durch Meister, Arbeiter und Hilfsarbeitern, aber auch durch ungebildete Funktionäre aller Art ausgeliefert war, haben sich mir stark eingeprägt und der Idee der Gleichheit allen Glanz geraubt. Der überbordenden Kleinbürgerlichkeit nicht entkommen zu können war bitter. Wie habe ich Menschen beneidet, die sich von der Masse unterscheiden konnten (durch Wissen, Ausstrahlung, Bildung, Takt, eine geschmackvolle Wohnung, ein originelles Auto).

Daher war die Komplexität der bundesdeutschen Gesellschaft, ihre Buntheit, selbst ihre schrillen oder bedenklichen Aspekte, wie eine Befreiung für mich. Endlich waren die Menschen, denen man begegnete, interessant, hatten eine Geschichte, ein Ziel.

Geschuldet war diese sehr naive und natürlich ungerechte Sicht auf die Welt meinem Alter und dem Leben in einer zutiefst langweiligen Kleinstadt. Ich fühlte mich eingesperrt, abgeschnitten von den interessanten Büchern, Filmen, Bildern, Landschaften.

Da Resignation aber nicht zu einem jungen Menschen passt, musste ich mir natürlich überlegen, wie ich in diesem Land leben möchte (denn durch die Liebe und die Angst war ich gebunden). Ich habe mich relativ bewusst angepasst, mehr noch, ich habe opportunistisch versucht, Vorteile zu erlangen. Durch geheuchelte Loyalität, durch beschämende Sebstdarstellung, die nur eine Hülle war. Ich habe die gesellschaftlichen Strukturen (nicht die Menschen) dafür gehasst, dass sie mir diese Anpassung und Anbiederung abverlangten für ein bisschen Lebensglück, ich habe mich gehasst dafür, dass ich es mir so leicht gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich nicht an diesem Spagat zwischen Erkenntnis und Lüge zerbrochen wäre, hätte der Ernst des Lebens (Studium, Arbeit, Familie) mich noch zu DDR Zeiten erreicht.

Hans

Inaktiver User
30.08.2016, 22:11
Ich komme doch nochmal hier rein: Das Statement von Hans hat mich beeindruckt. Danke dafür.

Hans, du schreibst, du hättest es dir leicht gemacht. Welche anderen Möglichkeiten als dich anzupassen, hattest du denn?
Einzelkämpfer gegen etwas, wovon man als junger Mensch nicht mal richtig verstanden hat, wie das System eigentlich funktioniert? So vieles ist erst nach der Wende bekannt geworden. Manches war schlimmer, als man es sich je vorgestellt hat, wenn man seinerzeit nicht direkt persönlich davon betroffen war.
Ja, das Umfeld, die Umwelt, die Versorgung.... aber kannte man das anders, wenn man darin aufgewachsen war?
Du konntest doch eigentlich nur offen gegen etwas sein im Staate DDR, wenn du wusstest, dass gleich denkende Menschen hinter dir standen. Wenn du durch irgendwelche Umstände Mitglied einer oppositionellen Gruppe warst. Allein hattest du doch gar keine Chance.
Die meisten Menschen in den Demos 1989 sind doch erst mitgegangen, als Menschen den Anfang gemacht hatten und losgingen. (Und die den Anfang gemacht haben, die bewundere ich sehr. Die wussten ja nicht mal, was sie seitens des Staates erwartet. - Aber das waren keine einzelnen. Das waren alle Mitglieder einer gleichgesinnten Gruppe.)
Ich kann das nicht so eindrucksvoll und plausibel darstellen wie du, ich hoffe aber, dass ich trotzdem verstanden werde,

HansDampf
31.08.2016, 12:48
Pacifique,

sagen wir so: ich habe es MIR zu leicht gemacht.

In jedem Staatsgebilde kann und muss man sich anpassen, es geht nicht anders. Wer aber mehr will als nur ein angepasstes Leben, der muss aktiv werden, sich exponieren, den Kopf aus der Masse stecken. Er muss Loyalität demonstrieren, um die Mächtigen von seiner Gesinnung zu überzeugen. Engagement über das Normalmaß hinaus.

Der wesentliche Unterschied zwischen demokratischen und politisch ideologisierten Gesellschaften besteht darin, wie groß der Freiraum für ein angepasstesLleben ist. Heute können meine Kinder die Schulen besuchen, die sie wollen, studieren was sie möchten, wenn sie das Zeug dazu haben, mit Lehrern diskutieren ohne ihre Schulzugehörigkeit zu riskieren usw. Niemand zwingt sie zu lautstarken Ergebenheitsadressen an A. Merkel, wenn sie im Ausland arbeiten möchten. Keiner verlangt Mitgliedschaft in Massenorganisationen, um Urlaubsplätze, Prämien, Stipendien o.ä. zu bekommen. Sie können sich politisch äußern, aber sie müssen nicht. In der DDR war dieser Freiraum deutlich kleiner, praktisch jede "Besonderheit" im Leben (Reisen, Ausbildungen über das Normalmaß hinaus, viele Jobs) wurde gewährt aufgrund von politischen Wohlgefallen. Das machte uns zu Bittstellern. Und das habe ich an diesem Staat (nicht den Menschen, dem Land) gehasst.

Was ich mir vorwerfe, ist, wie leichtfertig ich mich dafür entschieden habe, dieses Mehrmaß an Zustimmung zu heucheln. Ich war bereit, für Ausbildung und materielle Vorteile (z.B. eine Auto-Fahrerlaubnis) anderen Menschen ins Gesicht zu lügen. Diese mangelnde moralische Statur erschreckt mich heute noch. Hätte ich um des kleinen Vorteils willen anderen geschadet? Kam ich nur durch Zufall nicht in Versuchung, ein Täter aus niederen Beweggründen zu werden?

Mit dem Fall der Mauer (das weiß ich heute noch genau) fiel diese Last der Heuchelei von mir. Seit dem ist mein Leben irgendwie frei und normal. Ich habe meine Ruhe, wenn mir nach Ruhe ist. Ich gehe zur Wahl, wenn ich gehen möchte.Ich spüre diese moralische Bevormundung nicht mehr ("wer nicht für die DDR ist, der ist doch für Ausbeutung, für Krieg, für Faschismus").

Ich hatte allerdings auch kein Interesse, in der DDR irgendetwas zu ändern. Das erschien mir aufgrund der offenbar festen Strukturen als aussichtslos. Ich wollte sicher nicht mein Leben einer aussichtslosen Sache widmen, zum Märtyrer eigne ich mich definitiv nicht. Und da ich so gut wie alle Aspekte der DDR ablehnte und nicht an ihr Funktionieren glaubte, war ein Weggehen wohl die einzige wirkliche Option, für die ich Ende der 80er aber noch zu jung und zu ängstlich war. Ich habe nie an eine Reform dieses Landes geglaubt. Meinetwegen hätte die DDR noch 100 Jahre weiterwurschteln können, nur bitte ohne mich.

Hans

hillary
01.09.2016, 20:20
. Ich habe nie an eine Reform dieses Landes geglaubt. Meinetwegen hätte die DDR noch 100 Jahre weiterwurschteln können, nur bitte ohne mich.

Hans

Doch ich habe damals geglaubt, es könnte was gehen. Heute weiß ich, das nichts gegangen wäre.
Es ging ökonomisch nicht und es ging auch politisch nicht mehr. Unter Gorbatschow wurde mit Glasnost, die Perestroika eingeleitet. Für uns DDR Bürger ist das recht glimpflich abgegangen, da wir einfach der BRD beitreten konnten.
Wie sagte gestern der Kabarettist "Wir waren 17 Millionen Flüchtlinge, aber wir haben unser eigenes Land mitgebracht."
Und auch daran ist verdient worden.
Soli hin und Soli her...

Inaktiver User
02.09.2016, 09:07
Doch ich habe damals geglaubt, es könnte was gehen. Heute weiß ich, das nichts gegangen wäre.


Als ich sah, welche Branchen direkt nach der Wende als Erste vor Ort und Stelle waren, dachte ich sofort an einen hemmungslosen Ausverkauf des Landes. Keine Chance für die ehemalige DDR. Diejenigen, die auch schon in der DDR über die Mentalität der aktiven Vorteilsnahme verfügten, lernten ja recht schnell. Für sie muss es ein "Paradies" gewesen sein.

Opelius
02.09.2016, 09:19
Wie schon Wolfgang Leonhard, das jüngste Mitglied der Gruppe Ulbricht in seinem Buch "Die Revolution entlässt seine Kinder " beschrieb, hatte der Stalinist Walter Ulbricht den Auftrag in dem sowjetischen Besatzungsbereich keineswegs den Kommunismus und Antifaschismus Umzusetzen, sondern ein linientreues Stalinistisches System zu etablieren.

Am gleichen Abend trafen wir uns in einem einfachen Zimmer in einer Arbeiterwohnung, das durch eine flackernde Petroleumlampe erleuchtet war, mit einer Gruppe Neuköllner Kommunisten. So sehr ich mich freute, nun zum erstenmal mit richtigen deutschen Kommunisten zusammenzusitzen, so sehr erschütterte mich schon an diesem Abend die selbstherrliche Art Ulbrichts. Es war nicht ein Wiedersehen mit politischen Freunden, sondern ein Treffen des Chefs mit Untergebenen. Ulbricht fragte die Neuköllner Kommunisten aus und gab ihnen kurz, nüchtern und hart die Richtlinien für die Arbeit.

Jeden Tag fuhren wir nun frühmorgens in die verschiedenen Berliner Bezirke – zunächst meist in die westlichen–, und spät abends fanden dann in Bruchmühle unsere Sitzungen statt. Jeder von uns gab seinen Bericht, und Ulbricht erläuterte die neuen Anweisungen. Auf einer dieser Begegnungen gab der spätere Parteiführer die Direktive aus: Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“
Zeit (http://www.zeit.de/1965/19/es-muss-demokratisch-aussehen/seite-3)

Nur unter diesem Aspekt ist ja auch zu erklären, weshalb die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 gefälscht wurden. Den greisen Männern im ZK genügte s nicht, dass die Einheitsfront so oder so die Mehrheit erreicht hätte, es mussten die üblichen 98,5 % vorgewiesen werden. Es waren die geborenen DDR-Bürger, also junge Leute, denen das stank. Es war der Anfang vom Untergang der DDR.

Opelius
02.09.2016, 09:37
Überliefert ist ein Besuch Walter Ulbrichts in seiner Geburtsstadt Leipzig bei der Eröffnung des Opernhauses im Oktober 1960. Nach der Vorstellung bleibt Ulbricht zusammen mit dem SED-Bezirkssekretär Paul Fröhlich auf der Vortreppe stehen, Rundblick über den weiten Platz, der damals Karl-Marx-Platz hieß , 100 Meter entfernt die Paulinerkirche mit ihrem gotischen Spitzgiebel neben den Trümmern der im Krieg zerstörten Universität. Missmutig bemerkt Ulbricht: "Wenn ich aus der Oper komme, will ich keine Kirche sehen."
youtube (https://www.youtube.com/watch?v=9x9YnUON_2A)

Der Protest in Leipzig war verhalten, aber die Bürger verloren eine Stück ihrer Identität. Solche Taten sind vergleichbar mit den Sprengungen der buddhistischen Denkmäler in Afghanistan durch die Taliban und der Zerstörung der Kulturstätten in Palmyra durch den IS.

HansDampf
02.09.2016, 13:59
Doch ich habe damals geglaubt, es könnte was gehen. Heute weiß ich, das nichts gegangen wäre.
Es ging ökonomisch nicht und es ging auch politisch nicht mehr. Unter Gorbatschow wurde mit Glasnost, die Perestroika eingeleitet. Für uns DDR Bürger ist das recht glimpflich abgegangen, da wir einfach der BRD beitreten konnten.
Wie sagte gestern der Kabarettist "Wir waren 17 Millionen Flüchtlinge, aber wir haben unser eigenes Land mitgebracht."
Und auch daran ist verdient worden.
Soli hin und Soli her...
Mein Glauben an die prinzipielle Unreformierbarkeit des realen Sozialismus war damals auch nur ein Glauben, eingesogen in einer Familie, die Auschwitz und den Archipel Gulag immer in einem Atemzug nannte. Mein Vater als profunder Kenner der osteuropäischen Geschichte des 20. Jh nannte Stalini n privaten Gesprächen immer "diesen Verbrecher". Ihn hat die schizophrene Situation, seinen im privaten gezeigten Hass auf die politische Situation in der Öffentlichkeit in eine lauwarme Zustimmung umzuwandeln, fast das Leben gekostet (Magengeschwüre, Gallenkoliken, Depressionen). Mich hat diese familiäre Situation fast zwangsläufig in eine Art inneres Exil getrieben. Die Radiosender waren westliche, das Fernsehprogramm auch (sehr konsequent). Bei Fussball interessierten mich die Bundeliga-Ergenisse, nicht die der Oberliga. Es erinnert mich ein wenig an die Lebensweise adliger russischer Exilanten in Paris in den 20er Jahren: man nahm das Land, in dem man zwangsläufig lebte, eigentlich nicht zur Kenntnis, sondern war mit der Seele in einem anderen Land.

Kurz nach dem Abitur (87) begegnete ich einem ehemaligen Schulfreund. Voller ungläubigem Staunen vernahm ich seine aus tiefstem Herzen kommenden Lobeshymnen auf die DDR. Ich war wirklich inmitten all der Agonie und Heuchelei der 80er Jahre einem jungen Kommunisten begegnet, der sich für Marx begeisterte und Philosophie studieren wollte. Eher hätte ich damit gerechnent, einem Neo-Nazi zu gegenen, als das. Ich hielt meine eigene Heuchelei, meine eigene Ablehnung, meine eigene Indifferenz für den absoluten Mainstream. Interessant, dass in dem Roman "89/90" von Peter Richter dies genau so beschrieben wird. Der so widerstandslose Untergang der DDR zeigte, dass die positive Annahme des Hier und Jetzt auf fast Null abgesunken war und jeder ehrlich überzeugte wie ein Paradiesvogel wirkte. Was kommen sollte, darüber gab es natürlich die verschiedensten Meinungen.

Hans

HansDampf
02.09.2016, 14:14
Überliefert ist ein Besuch Walter Ulbrichts in seiner Geburtsstadt Leipzig bei der Eröffnung des Opernhauses im Oktober 1960. Nach der Vorstellung bleibt Ulbricht zusammen mit dem SED-Bezirkssekretär Paul Fröhlich auf der Vortreppe stehen, Rundblick über den weiten Platz, der damals Karl-Marx-Platz hieß , 100 Meter entfernt die Paulinerkirche mit ihrem gotischen Spitzgiebel neben den Trümmern der im Krieg zerstörten Universität. Missmutig bemerkt Ulbricht: "Wenn ich aus der Oper komme, will ich keine Kirche sehen."
youtube (https://www.youtube.com/watch?v=9x9YnUON_2A)

Der Protest in Leipzig war verhalten, aber die Bürger verloren eine Stück ihrer Identität. Solche Taten sind vergleichbar mit den Sprengungen der buddhistischen Denkmäler in Afghanistan durch die Taliban und der Zerstörung der Kulturstätten in Palmyra durch den IS.
Opelius,

ich denke, hier muss man etwas differenzierter Geschichte schreiben. Die DDR als Staat war zu keiner Zeit ein genuin kulturfeindliches Gebilde. In den 50er Jahren wurde die deutsche Kultur bis etwa 1850 akribisch gehegt und gepflegt. An die stalinschen oder chinesischen Kulturrevolutionen erinnernde Kahlschläge hat es so nie gegeben, auch war die Kunstfeindlichkeit in den allermeisten Fällen nicht gegen den Künstler direkt, sondern gegen Aspekte seines Werkes gerichtet.

Die Sprengung der Leipziger Universitätskirche war ein Verbrechen, aber in der Geschichte der DDR ein eher singuläres. Die meisten Kirchen ließ man in Ruhe und machte keine Getreidelager oder Schweineställe daraus wie in der Sowjetunion.
Das Berliner Schloss wurde abgerissen, die Semperoper aber wieder aufgebaut. Gerade in den 70er und 80er Jahren war die Besinnung auf die bürgerliche deutsche Kultur des 19. und 20. Jahrhundert anwachsend. Für vieles fehlte einfach das Geld, aber kaputtgeschlagen wurde aus ideologischen Gründen nur noch wenig. Auch dass war ein Anfang vom Ende, man war nicht mehr kosequent klassenkämpferisch und revolutionär, und so konnte der "Feind" in Gestalt des eigenen Volkes den Kopf langsam wieder heben.

Das Politbüro der DDR bestand nicht aus Barbaren, eher aus Kleingeistern, die mit einer Mischung aus Hybris und Angst regierten. Das System, welches sie steuerten, hatte barbarische Aspekte, aber eine dedizierte Kulturfeindlichkeit gab esmeiner Meinung nach nicht.

Hans

Paraplumeau
02.09.2016, 14:25
Auf Anordnung der SED wurden in der DDR ca. 60 beschädigte und intakte Kirchenbauten gesprengt oder abgerissen.
Dazu kommen die umgewidmeten Kirchen (z.B. Frankfurt/Oder).

„Ja! Wir werden Türme haben, zum Beispiel einen Turm fürs Rathaus, einen Turm fürs Kulturhaus. Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen."

Walter Ulbricht, "Turmrede", 7. Mai 1953

Inaktiver User
02.09.2016, 16:19
Bei aller Enge und staatlicher Überwachung gab es in der DDR auch so etwas wie gelebte Subkultur. Interessant ist, dass anscheinend niemand hier damit in Berührung kam. Es gibt einen sehr interessanten Dokufilm über eine Ost-Berliner Gruppe (http://www.filmportal.de/film/ein-traum-in-erdbeerfolie_0bdd4a2b43e043649cdc15976fc712e8).

hillary
02.09.2016, 17:30
Bei aller Enge und staatlicher Überwachung gab es in der DDR auch so etwas wie gelebte Subkultur. Interessant ist, dass anscheinend niemand hier damit in Berührung kam. Es gibt einen sehr interessanten Dokufilm über eine Ost-Berliner Gruppe (http://www.filmportal.de/film/ein-traum-in-erdbeerfolie_0bdd4a2b43e043649cdc15976fc712e8).

@durutti,
auch an den Kunsthochschulen war so manches anders als an den anderen Hochschulen.
Zumindest an denen in Berlin. Ich habe selber an einer studiert.
Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll... vielleicht lag es auch an den Dozenten, die halt nicht so verbiestert waren und nach Schema F verfuhren.
Wenn ich manchmal aus meiner Studienzeit erzähle, gucken viele erstaunt.
Ja, es war ein Privileg.

Inaktiver User
02.09.2016, 17:56
Wenn ich manchmal aus meiner Studienzeit erzähle, gucken viele erstaunt.
Ja, es war ein Privileg.

Vielleicht hast du ja Lust (und Muße), etwas darüber zu erzählen. Interessiert mich sehr.

Da nun selbst darin aktiv, riskierte man im Westen dann doch viel weniger. Nehme ich zumindestens an. Mehr als beschimpft, in Kneipen nicht bedient oder mit viel Pech eins auf die Mütze kriegen, konnte nicht passieren.

Charlotte03
02.09.2016, 17:59
Berufsverbote gab es im goldenen Westen auch...

ambiva
02.09.2016, 18:21
Der Protest in Leipzig war verhalten, aber die Bürger verloren eine Stück ihrer Identität. Solche Taten sind vergleichbar mit den Sprengungen der buddhistischen Denkmäler in Afghanistan durch die Taliban und der Zerstörung der Kulturstätten in Palmyra durch den IS.

ähm, das gleiche ist nach der wende in berlin passiert, hier ist der palast der republik abgerissen worden, was auch viele bürger bedauert haben.
um jetzt ein schloss hinzubauen, für das uns schon vor fast 100 jahren der bewohner abhanden kam :gegen die wand:

der vergleich mit den zerstörungen in in afghanistan und palmyra hinkt, da geht es doch um menschheitsgeschichte und antike kultur, soweit ich weiß.

herbstblatt7
02.09.2016, 18:30
Wah, ich war Teil der DDR-Subkultur, Leben in schwarzen bezogenen Häusern sogenannter Abrissviertel ...ständig Party, jeder hat Kunst gemacht oder schlief mit jemandem, der Kunst machte, überhaupt Sex ohne Ende, Aids gab's noch nicht, nur Filzläuse, Jazz-Szenen aller erdenklichen Art, man traf sich ständig, obwohl so gut wie keiner Telefon hatte, an Handy war noch gar nicht zu denken, tolle Erlebnisse ... und Alkohol, Alkohol ...

Künstler oder Möchtegernkünstler hielten sich oft über Wasser, indem sie sich von alleinerziehenden Müttern aushalten lassen, die arbeiteten ... und nach der Wende stellte es sich heraus, dass es oft die am eifrigsten Subversiven waren, die die anderen ständig bespitzelt und verpfiffen und bei der Stasi gesungen hatten wie die Nachtigallen ... Siehe Sascha Anderson ... wo wir immer dachten, dass wären solche starke Persönlichkeiten, dass sich die DDR nicht an sie herantraute ...

Heute bin ich wieder Teil der Subkultur Deutschlands, indem ich ich mich für selbstausübend mit Kunst, Literatur und Musik beschäftige. :lachen: allein und gemeinsam mit anderen.

Inaktiver User
02.09.2016, 18:46
@herbstblatt 7:

Wie groß waren die Zirkel denn? Gab es keine Kontrollen etc. bzw. wie konnte man so leben?

(Sorry für die naiven Fragen. Bin - wie beschrieben - ab dem 15ten nicht mehr hingefahren und in den Erinnerungen dominieren die Kontrollen und 'ne Menge zurückgezogener Privatheit).

herbstblatt7
02.09.2016, 19:03
Es gab irgendwie Bereiche (ganze Stadtviertel, eben diese sogenannten Abrissviertel) , da hielt sich die offizielle DDR eher zurück, vielleicht war das ganz klug so. Und wenn man nicht über die Straße rannte und schrie: "Nieder mit der DDR!" oder ein Plakat direkt vor die Polizei hielt: "Ich will in den Westen!" tat sich da nichts.

Da war es auch egal, ob du wählen gingst oder nicht. Ich habe Nichtwählen und Durchstreichen probiert, aber es tat sich gar nichts.



Na, so'n Jazz-Event, da waren bestimmt n'paar Hundert und die Übergänge von Szene zu Nichtszene waren fließend. Auch gab es ja nicht "die Szene" an sich, sondern das änderte sich ständig.

herbstblatt7
02.09.2016, 19:06
Berufsverbote gab es im goldenen Westen auch...

Genau, redet einer meiner Bekannten von, der Student und Dozent war ...

Inaktiver User
02.09.2016, 19:06
Und wie hat die "normale" Bevölkerung reagiert?

herbstblatt7
02.09.2016, 19:07
Wir waren ein Teil der normalen Bevölkerung und haben uns nicht als Außenseiter empfunden. Ich jedenfalls nicht. Wir waren eben jung.

Charlotte03
02.09.2016, 19:14
Vielen Dank für Eure Berichte, bitte weiter. Ich finde es sehr interessant.

herbstblatt7
02.09.2016, 19:19
Jetzt bin ich alt und habe leider nichts mehr zu berichten :lachen: :heul:

Heute haben in der Bundesrepublik Deutschland alle angestellten Lehrer vorbeugendes und vorwarnendes Berufsverbot in den großen Ferien. Da werden sie nämlich offiziell entlassen, müssen sich dem demütigenden Arbeitslosmeldungsverfahren unterziehen und wenn sie irgendwie auffällig waren im vergangenen Schuljahr, werden sie nicht wieder eingestellt.

Und so gedemütigt und geduckt werden sie dann auf unsere Kinder losgelassen. Beamte als Lehrer werden gleich bestochen und dürfen schon gar nicht aufmüpfig werden.

Da sollten wir mal auf die Straße gehen - aber es sind ja nur Lehrer ...

Inaktiver User
02.09.2016, 19:22
Wir waren ein Teil der normalen Bevölkerung und haben uns nicht als Außenseiter empfunden. Ich jedenfalls nicht. Wir waren eben jung.

In einer Doku über DDR-Punks gab es schon Aussagen, wie repressiv gegen diese Art der Jugendkultur vorgegangen wurde. Ab welchem Punkt, denkst du, war subkulturelles Leben nicht mehr lebbar? Mal von poltischen Aussagen/Aktionen abgesehen.

herbstblatt7
02.09.2016, 19:23
Keine Ahnung. Für mich war es lebbar.

Ich glaube, es war nicht mehr lebbar, wenn jemand nicht arbeiten ging (es sei denn, er war offiziell freiberuflich gemeldet vielleicht). Also was ich so mitbekommen habe.

Ich habe ja artig und gerne und brav gearbeitet, halt freiberuflich, meistens für kirchliche und staatliche Auftraggeber.

Manche haben sich dann scheinanstellen lassen. Dann hatten sie ihre Ruhe vor Staat und Polizei. Ich hatte auch mal zwei Scheinangestellte. Die hatten einen Ausreiseantrag gestellt. Zwei durfte ich, glaube ich haben.

Opelius
02.09.2016, 19:25
Berufsverbote gab es im goldenen Westen auch...

Am bekanntesten wurde in diesem Zusammenhang der sogenannte Radikalenerlass von 1972. Er wurde in der Bundesrepublik dazu verwendet, Personen mit Mitgliedschaft in einer verfassungsfeindlichen Organisation (dies betraf insbesondere die Deutsche Kommunistische Partei) aus dem Staatsdienst zu entfernen oder ihnen die Aufnahme in denselben – speziell die Verbeamtung – zu verwehren. Den Betroffenen wurde nicht die Berufstätigkeit verboten; da aber Lehrer oder Eisenbahner fast immer im Staatsdienst arbeiteten, waren die Folgen ähnlich. In Frankreich z. B. wurde der Begriff „Berufsverbot“ unübersetzt übernommen, da es dafür keine Übersetzung gab.

hillary
02.09.2016, 19:36
In einer Doku über DDR-Punks gab es schon Aussagen, wie repressiv gegen diese Art der Jugendkultur vorgegangen wurde. Ab welchem Punkt, denkst du, war subkulturelles Leben nicht mehr lebbar? Mal von poltischen Aussagen/Aktionen abgesehen.
Bei offenem Widerstand gegen den Staat wäre wohl nix mehr gegangen, ebenso bei Arbeitsverweigerung.
Jemand der in der DDR keiner geregelten Arbeit nach ging, galt als asozial. Und in die Richtung steckte man die Punks.
Bürgerschrecks halt. :freches grinsen:
Ich habe Anfang der 80er studiert, zu der Zeit war Aids schon ein Thema und ich hatte viele homosexuelle Freunde.
In Ostberlin gab's ne gut organisierte intellektuelle Schwulenszene.
Hausbesetzer war ein Kapitel für sich. Zu meiner Zeit ging das von Friedrichshain bis Prenzlberg. Querbeet, nicht nur Studenten oder Künstler, aber viele, das waren Riesen WGs. Und wenn kein Ärger gemacht wurde, gab es auch keinen.
Sicher war da auch der ein oder andere dabei, der an die Staasi berichtet hat, das schließe ich nicht aus.

hillary
02.09.2016, 19:37
@herbstblatt,

das deckt sich mit meinen Erfahrungen.

hillary
02.09.2016, 19:42
apropos Punks,
Ich kann mich erinnern, dass wir mal so schwarze Phasen hatten, also Klamotten schwarz, Nietengürtel, Arbeitsschuhe,Irokesenschnitt bei den Jungs, grade die Artisten und Ballettmäuseriche, die Musikstudenten eher weniger. Die machten ernsthafte Musik :cool:
obwohl bei spontanen Feten, da ging schon mal die Post ab.

herbstblatt7
02.09.2016, 19:47
Habe ich auch gerade gedacht, als ich Deins gelesen habe. Ich habe in Dresden in der sogenannten Neustadt meine Wohnung in der Nacht mit einer Bauklammer bezogen.

Ich hatte keine Wohnberechtigung (weiß nicht mehr, wie das hieß), war zu faul, einen Antrag zu stellen und die Bauklammer brauchte ich, um die Wohnungstür aufzubrechen. Die Wohnung war baupolizeilich gesperrt, aber wenn man dann sofort einen grob geschätzten Betrag monatlich an das Wohnungsamt bezahlte, war die Chance ganz gut, drin bleiben zu können.

Die oben fehlenden Dachziegel haben Freunde von mir ersetzt und ich sollte erst zwangsgeräumt werden, bekam dann aber Gnade vor Recht nach einer Eingabe an den Oberbürgermeister.

hillary
02.09.2016, 19:51
, bekam dann aber Gnade vor Recht nach einer Eingabe an den Oberbürgermeister.

Jetzt wo du es sagst, Eingaben :fg engel:...

herbstblatt7
02.09.2016, 19:54
Das A und O eines DDR-Bürgers :lachen:

Sariana
02.09.2016, 20:10
Jetzt wo du es sagst, Eingaben :fg engel:...

Meine Mum war auch mit "Erich" auf du und du - so pflegte sie zu sagen, wenn sie mal wieder eine nach Berlin schickte und eine blabla-Antwort bekam.

Sariana
02.09.2016, 20:26
Meine "Subkultur" war viele Jahre in der evangelischen Kirche angesiedelt.
Von Geburt an nicht linientreu, hätte ich dennoch zur erweiterten Oberschule gekonnt.
Meine Entscheidung dagegen habe ich schlussendlich nicht bereut, so blieben mir Schikanen während meiner Schulzeit erspart.
Einer meiner früheren Mitschüler, katholisch, kam von der EOS zurück. Er hatte wegen erlebter Schikanen versucht "abzuhauen", was seine Inhaftierung zur Folge hatte. Er kam an unsere liberale Schule zurück, bis auf eine dunkelrote Socke (unseren Physiklehrer) hat ihn keine Lehrkraft schikaniert.
Doch dieser Physiklehrer war für alle die reinste Schikane, man hatte dem Kollegium eine Laus in den Pelz gesetzt.
Ja nun, ich habe meinen Preis für meine "Nichtlinientreue" bezahlt, ich durfte die Ausbildung nicht machen, die ich wollte. Sämtliche Interventionen von Seiten meiner Lehrer und der Ausbilderin, die mich unbedingt haben wollte, halfen nichts. Aus die Maus.

Wir haben uns im Privaten unsere Inseln geschaffen, das Netzwerk funktionierte.
Ich habe es einem Menschen zu verdanken, dass ich nicht von der Verhaftungswelle in der Nacht, in der die Botschaftsflüchtlinge aus Prag ausreisen durften, erfasst wurde. Es war knapp, sehr knapp.

hillary
02.09.2016, 20:36
...
Ich habe es einem Menschen zu verdanken, dass ich nicht von der Verhaftungswelle in der Nacht, in der die Botschaftsflüchtlinge aus Prag ausreisen durften, erfasst wurde. Es war knapp, sehr knapp.
:in den arm nehmen:

Quirin
03.09.2016, 18:48
Ich aus dem Südwesten war im Sommer 1990 in Leipzig zu Besuch, 1991 in Görlitz und Dresden. Was mir auffiel, war, wie unsagbar kaputt und alt diese Städte waren. Ruinen, Ruinen, Ruinen und Häuser, die eigentlich Ruinen waren, wie der Leipziger Hauptbahnhof, durch dessen Dach hindurch man von innen den Himmel sehen konnten. Vielleicht fiel einem das nicht so auf, wenn man dort immer schon gelebt hat.

1994 habe ich einen Freund im Winter in Jena besucht, die ganze Stadt stank nach Kohlenheizung. Persönlich kannte ich in meiner Heimat nur eine Familie, die mit Kohlen geheizt hatte, und das waren meine 1979 verstorbenen Großeltern.

Die SED-Diktatoren haben das Volk nicht nur um die geistige und reisetechnische Freiheit betrogen, sie haben ihm vor allem den Wohlstand gestohlen.

Inaktiver User
03.09.2016, 23:16
Heute haben in der Bundesrepublik Deutschland alle angestellten Lehrer vorbeugendes und vorwarnendes Berufsverbot in den großen Ferien. Da werden sie nämlich offiziell entlassen, müssen sich dem demütigenden Arbeitslosmeldungsverfahren unterziehen und wenn sie irgendwie auffällig waren im vergangenen Schuljahr, werden sie nicht wieder eingestellt.

Und so gedemütigt und geduckt werden sie dann auf unsere Kinder losgelassen. Beamte als Lehrer werden gleich bestochen und dürfen schon gar nicht aufmüpfig werden.


Unsinn.

Inaktiver User
03.09.2016, 23:48
@ Pacifique
Befristete Lehrerverträge in BW: Verbände kritisieren Anstellungspraxis | Baden-Württemberg | Nachrichten | SWR.de (http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/appell-gegen-lehrerarbeitslosigkeit-in-bw/-/id=1622/did=17762182/nid=1622/1dfjm22/)

Inaktiver User
03.09.2016, 23:56
@ Pacifique
Befristete Lehrerverträge in BW: Verbände kritisieren Anstellungspraxis | Baden-Württemberg | Nachrichten | SWR.de (http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/appell-gegen-lehrerarbeitslosigkeit-in-bw/-/id=1622/did=17762182/nid=1622/1dfjm22/)

Ja, es geht in deinem Link um die befristeten Lehrerverträge. Ist ja ok, deine Ergänzung. Herbstblatt sprach aber von ALLEN angestellten Lehrern. Und das ist einfach unrichtig.

PS. Oder ist einfach nicht bekannt, dass alle Lehrer, zum Beispiel die in Sachsen, NICHT verbeamtet sind? Auch die nicht, die unbefristete Arbeitsverträge haben?

Nochmal PS. Ja, es ist richtig, dass Beamte nicht streiken dürfen. Angestellte Lehrer (zum Beispiel die in Sachsen) sehr wohl.

Inaktiver User
04.09.2016, 00:14
Dieses Thema hat aber mE nichts mit der DDR-Geschichte zu tun, worum es im Strang eigentlich geht.

Jetzt aber krampfhaft Dinge zu finden, was man in Deutschland darf oder nicht darf, ist wirklich ein krampfhafter Relativierungsversuch meines Erachtens. Im jetzigen Deutschland lebt es sich unendlich freier, als das jemals zu DDR-Zeiten denkbar war.

Inaktiver User
04.09.2016, 00:25
Ich aus dem Südwesten war im Sommer 1990 in Leipzig zu Besuch, 1991 in Görlitz und Dresden. Was mir auffiel, war, wie unsagbar kaputt und alt diese Städte waren. Ruinen, Ruinen, Ruinen und Häuser, die eigentlich Ruinen waren, wie der Leipziger Hauptbahnhof, durch dessen Dach hindurch man von innen den Himmel sehen konnten. Vielleicht fiel einem das nicht so auf, wenn man dort immer schon gelebt hat.

1994 habe ich einen Freund im Winter in Jena besucht, die ganze Stadt stank nach Kohlenheizung. Persönlich kannte ich in meiner Heimat nur eine Familie, die mit Kohlen geheizt hatte, und das waren meine 1979 verstorbenen Großeltern.

Die SED-Diktatoren haben das Volk nicht nur um die geistige und reisetechnische Freiheit betrogen, sie haben ihm vor allem den Wohlstand gestohlen.

Nicht vor allem den Wohlstand, sondern die Freiheit. Für den einen ist dies wichtiger, für den anderen das andere...

Aber der Zustand der Häuser/ Wohnungen: die waren ja auch extremst billig zu mieten. Schon deshalb konnte man nichts instandhalten. Seit der Wende und den Sanierungen der Häuser sieht man erst, wie schön diese Häuser sind....

herbstblatt7
04.09.2016, 01:32
Im jetzigen Deutschland gibt es Millionen von Menschen, die von Freiheit nur träumen können, da sie durch Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und sonstige Armutszwänge eingeschränkt sind.

Oder sind auf Arbeit in Knebelverhältnissen, wo sie nicht mucksen dürfen.

Aber es ist natürlich viel einfacher, mit den Fingern auf die ehemalige DDR zu zeigen und sich zu brüsten: "Wir sind viel besser."

Inaktiver User
04.09.2016, 01:55
Im jetzigen Deutschland gibt es Millionen von Menschen, die von Freiheit nur träumen können, da sie durch Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und sonstige Armutszwänge eingeschränkt sind.

Oder sind auf Arbeit in Knebelverhältnissen, wo sie nicht mucksen dürfen.

Aber es ist natürlich viel einfacher, mit den Fingern auf die ehemalige DDR zu zeigen und sich zu brüsten: "Wir sind viel besser."

Sie dürfen nicht mucksen? Dann können sie sich eine andere Arbeit suchen. In der DDR konnteste noch viel weniger mucksen. Auflehnung gegen den Arbeitgeber (davon mal abgesehen, dass es diesen Begriff nicht gab) wäre gleichzeitig Erhebung gegen den Staat gewesen mit weitaus mehr Konsequenzen für dich und deine Familie.
Aber es ist doch wunderbar, die Freiheit zu genießen, sich einen anderen Wohnort außerhalb der ehemaligen DDR zu wählen (zum Beispiel) und dann die Vorzüge des ehemaligen Sozialismus zu preisen...

herbstblatt7
04.09.2016, 08:41
Wenn Du es sagst ... :pfeifend:

Opelius
04.09.2016, 10:26
ich habe bei meinen DDR-Besuchen zwei ehemalige Dispatcher aus Produktionsbetrieben kennengelernt. Sie erzählten hanebüchene Stories über ihre Aufgabe zur Materialbeschaffung. Insbesondere zu den freiwilligen sozialistischen Sonderschichten (anläßlich irgendeines Parteitages). Monate lang wurde Material gehortet, dasmit für die jeweils an einem Samstag anberaumten Sonderschichten fahren zu können. An diesem Tag wurde eine erstaunliche Menge von Gebrauchsgütern produziert, was dann in der Kreiszeitung oder gar im Neuen Deutschland als Riesenerfolg vermeldet wurde.

Dass die folgende Wochen fast nichts mehr produziert wurde, war der Preis des Erfolges. Die Materiallager waren leer.

Sariana
04.09.2016, 12:40
Im jetzigen Deutschland gibt es Millionen von Menschen, die von Freiheit nur träumen können, da sie durch Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und sonstige Armutszwänge eingeschränkt sind.

Oder sind auf Arbeit in Knebelverhältnissen, wo sie nicht mucksen dürfen.

Aber es ist natürlich viel einfacher, mit den Fingern auf die ehemalige DDR zu zeigen und sich zu brüsten: "Wir sind viel besser."

Mooooooooooment ... es geht doch in diesem Strang nicht darum, ob "wir" (wer immer das ist ...) besser sind.

Wir haben die Freiheit, dorthin zu gehen, wo wir Arbeit finden, diese hatten die DDR-Bürger nicht.

Knebelverträge? Ich habe die Freiheit mich dagegen zu wehren, ggf. mit der Konsequenz keinen Job zu haben und erneut auf Suche gehen zu müssen.
Ich spreche hier ausdrücklich von Menschen, die noch in einem Alter der Berufstätigkeit/Berufsfähigkeit sind.

Sariana
04.09.2016, 12:42
Dieses Thema hat aber mE nichts mit der DDR-Geschichte zu tun, worum es im Strang eigentlich geht.

Jetzt aber krampfhaft Dinge zu finden, was man in Deutschland darf oder nicht darf, ist wirklich ein krampfhafter Relativierungsversuch meines Erachtens. Im jetzigen Deutschland lebt es sich unendlich freier, als das jemals zu DDR-Zeiten denkbar war.

:blumengabe:

hillary
05.09.2016, 11:23
Ich aus dem Südwesten war im Sommer 1990 in Leipzig zu Besuch, 1991 in Görlitz und Dresden. Was mir auffiel, war, wie unsagbar kaputt und alt diese Städte waren. Ruinen, Ruinen, Ruinen und Häuser, die eigentlich Ruinen waren, wie der Leipziger Hauptbahnhof, durch dessen Dach hindurch man von innen den Himmel sehen konnten. Vielleicht fiel einem das nicht so auf, wenn man dort immer schon gelebt hat.

Hmmm...
meine erste Wohnung war ca 65 m² groß, Altbau in Berlin, Ofenheizung, aber nur WC und kein Bad.
Miete = stolze 45 Mark der DDR. Mein Verdienst betrug zu der Zeit 975 Mark, mein Mann verdiente noch nix, der studierte noch und bekam 200 Mark Stipendium, das nicht zurückgezahlt werden musste.
Und nun ganz ehrlich, was bitte ist mit der Miete von rund 50 Mark (das waren Durchschnittsmieten) pro Monat für die Kommunale Wohnungsgesellschaft machbar gewesen?
Na?



Die SED-Diktatoren haben das Volk nicht nur um die geistige und reisetechnische Freiheit betrogen, sie haben ihm vor allem den Wohlstand gestohlen.


Das unterschreibe ich nicht. Geld war im großen und ganzen genug vorhanden, es gab nur nicht genügend Gelegenheit es auszugeben. Vielleicht finde ich ja irgendwo mal eine Quelle, wie hoch die Spareinlagen und der Bargeldbestand zur Wende waren. Musste ja dann alles umgetauscht werden.
Und manche Leute haben auch gern vor der Verwandtschaft gejammert. Hat ja keiner dran geglaubt, dass eines Tages mal alles wieder vereint ist. Eine Kollegin von mir seufzte nach der Wende mal, dass sie jetzt ihren Kaffee alleine kaufen muss, die Tante aus 'm Westen schickte keine Pakete mehr.:freches grinsen:

@herbstblatt,
wenn man zu DDR-Zeiten als Lehrer offen gegen den Staat monierte, dann war das das Ende der Karriere.
Wenn sich ein Lehrer im Unterricht systemkritisch geäußert hätte und irgendjemand hätte gemeint, er müsse das melden, das wäre das Aus gewesen.
Im Studium war das, zumindest bei mir, etwas anders. Aber das war nicht nur Rumgemecker und -genörgel, das waren schon Ansätze zur konstruktiven Kritik, aber im internen Zirkel.

Binneuhier2009
05.09.2016, 11:30
Das unterschreibe ich nicht. Geld war im großen und ganzen genug vorhanden, es gab nur nicht genügend Gelegenheit es auszugeben.

Ich schon. Bei meinem Monatsverdienst von rund 500 Mark der DDR und dem Verdienst meines Mannes von rund 450 Mark der DDR (bei rollender Woche), war es oft schwierig, über die Runden zu kommen. Zumindest hat das Geld nicht gereicht, um große Sprünge zu machen. Auch wenn Ware da gewesen wäre. Ganz schlimm wurde es, wenn das Kind krank war. Da gabs dann gar kein Geld, für den, der zu Hause geblieben ist.. Mein 1. Kind war damals mal fast 4 Monate dauerkrank. Wir haben in der Zeit unsere Lebensversicherungen "eingefroren", weil wir sie nicht mehr zahlen konnten. Meine Eltern unterstützten uns mit 50 Mark monatlich während der Zeit.

Durch die Schichtarbeit meines Mannes musste ich zum Glück nicht die vollen vier Monate zu Hause bleiben, so dass wenigstens etwas Geld reingekommen ist.

Miete haben wir für 60 m² 85 Mark bezahlt. Hinzu kamen nochmal 80 Mark pro Monat, um die Genossenschaftsanteile für die Wohnung abzubezahlen. Das Geld hatten wir damals auch nicht auf einen Schlag parat.

Opelius
05.09.2016, 11:38
Vielleicht finde ich ja irgendwo mal eine Quelle, wie hoch die Spareinlagen und der Bargeldbestand zur Wende waren.
Die einzige Angabe dazu habe ich hier (https://de.wikipedia.org/wiki/Währungsreformen_in_Deutschland)gefunden.

Bereitstellung der DM-Banknoten

Es wurden 440 Millionen DM-Banknoten im Wert von 27,5 Milliarden DM mit 460 Tonnen Gewicht in 22.000 Packbeuteln in die DDR transportiert. Ein Packbeutel enthielt 20 Pakete zu je 1.000 Banknoten.[4] Aus Zwischenlagern wurden die Banknoten an die Bankfilialen verteilt. Teilweise wurden dazu Gefangenentransporter der Volkspolizei benutzt aus Mangel an gepanzerten Fahrzeugen. Nach dem 1. Juli wurden ehemalige Mitarbeiter der DDR-Staatsbank für den Ein- und Auszahlungsverkehr geschult.

Sprachlos
05.09.2016, 12:17
Ganz schlimm wurde es, wenn das Kind krank war. Da gabs dann gar kein Geld, für den, der zu Hause geblieben ist..

Gar kein Geld? Es gab nach meiner Erinnerung weniger ... :wie?:
... aber ich bin mir nicht sicher, komisch dass man so etwas dann irgendwie vergisst.

hillary
05.09.2016, 12:23
Ich schon. Bei meinem Monatsverdienst von rund 500 Mark der DDR und dem Verdienst meines Mannes von rund 450 Mark der DDR (bei rollender Woche), war es oft schwierig, über die Runden zu kommen. Zumindest hat das Geld nicht gereicht, um große Sprünge zu machen.
:ooooh: Oh je. Das kenne ich so gar nicht, dann entschuldige bitte meine Verallgemeinerungen.
Ich habe 1984 im Sommer als Student mal rollende Woche in der Großbäckerei gearbeitet, einen Monat lang. Es gab etwas über 1000 DDR-Mark auf Tatze, war aber auch sehr anstrengend.
Da wo ich ursprünglich herkomme dominierte bis zur Wende die Textilindustrie. Die Stricker haben 3 Schicht gearbeitet und hatten mit Zuschlägen um die 900 Ostmark im Monat. Mein LG hat für Leistungslohn in der PGH gearbeitet, keine Schichten, der hatte nie unter 800 Mark.
Hm - ich scheine doch woanders gelebt zu haben?

Binneuhier,
hattet ihr ne AWG-Wohnung? Waren die 85 Mark warm oder kalt? Betriebskosten intern oder extern?
ich habe nie AWG gewohnt, deswegen weiß ich das nicht.

Meine 75m² Neubauplatte hat mich 1989 rund 140 Mark warm gekostet.
1991 habe ich dafür 650 D-Mark bezahlt, aber dann auch schon 1600 DM verdient. Nicht mehr nur 975 Mark, wie zu DDR Zeiten.
Ich finde das äußerst interessant, wie unterschiedlich das war.

Kind krank, weiß ich nicht mehr, meine sind erst kurz vor der Wende geboren und waren gesundheitlich ziemlich stabil. Aber Kindergeld war wenig, 20 Mark?
Ehekredit hatten wir auch, waren zinslose 5000 Ostmark, 1. Kind wurden 700 Mark erlassen, beim zweiten 1000 Mark.
Abgezahlt haben wir den Rest damals in DM.
Meine Güte, wie lange ist das schon wieder her.

hillary
05.09.2016, 12:29
Gar kein Geld? Es gab nach meiner Erinnerung weniger ... :wie?:
... aber ich bin mir nicht sicher, komisch dass man so etwas dann irgendwie vergisst.

Ich dächte auch es gab 60 % und auch nur ein paar Tage, aber ich weiß es auch nicht mehr. Meine Kinder waren im Erziehungsjahr viel krank, danach irgendwie fast gar nicht mehr.
Kinderkrippe um die 25 Mark im Monat? 17 Mark war der Kindergarten und die Monatskarte Öffis als Student 7 Mark.
Grundstip zu meiner Zeit 215, Leistungsstip noch mal 150 drauf und wenn man eigene Bude hatte, 50 Mark Zuschuss für Kohlen. Und nix zurückzahlen - eiwei. Heute schüttle ich mit dem Kopf.

Inaktiver User
05.09.2016, 12:32
Meine 75m² Neubauplatte hat mich 1989 rund 140 Mark warm gekostet.
1991 habe ich dafür 650 D-Mark bezahlt, aber dann auch schon 1600 DM verdient. Nicht mehr nur 975 Mark, wie zu DDR Zeiten.


Also ist im gesamtdeutschen D. der Anteil der Miete an deinen Ausgaben in Relation zum Einkommen deutlich gestiegen. Würde mich interessieren, ob es allgemein so war oder nur bei dir speziell.

hillary
05.09.2016, 12:53
@durutti,

ich vermute ja. Mal sehen, vielleicht schreibt binneuhier noch was oder es findet sich noch jemand der in den NBL geblieben ist.
Noch haariger wird es ja mit den Sozialbeiträgen, aber dementsprechend war auch das Gesundheitswesen ausgestattet.
Ich such, wenn ich Zeit habe, mal den SV Ausweis, da stehen die Beiträge ja drin.
Wie gesagt, mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute, ich hätte nie und nimmer geglaubt, das der Sozialismus, so wie ich ihn kenne, leb bar ist.

Binneuhier2009
05.09.2016, 13:06
: Es gab etwas über 1000 DDR-Mark auf Tatze, war aber auch sehr anstrengend.

Ich glaube, mein Chef - Direktor, in einem Großbetrieb - hatte so ungefähr 1600 Mark - wenn ich mich richtig erinnere. Ich weiß das, weil ich manchmal den Lohn mit auszahlen musste - damals gabs tatsächlich noch Leute, die sich das Geld nicht haben überweisen lassen - und die Listen gesehen habe.

Eine Kollegin - mit Studium und NSW-Kader - hatte rund 1000 Mark.

Ich habe allerdings gehört, dass man z.B. in Berlin mehr verdient hat. Oder wenn man bei einer LPG angestellt war. Weiß ich aber nur vom Hören-Sagen und habe keine eigenen Erfahrungen dazu.


Binneuhier,
hattet ihr ne AWG-Wohnung? Waren die 85 Mark warm oder kalt? Betriebskosten intern oder extern?

Die 85 Mark waren warm, mit allem drum und dran. So gesehen, schon in Ordnung.



Aber Kindergeld war wenig, 20 Mark?

Für die Normalsterblichen im Arbeiter- und Bauern-Staat waren es 20 Mark. Zumindest fürs erste und zweite Kind, ob es für weitere Kinder mehr gab, kann ich nicht sagen. Ich glaube, die Intelligenzler(also z.B. Lehrer) haben mehr Kindergeld bekommen, bin mir aber nicht sicher. Will ja auch keine "Falschmeldungen" verbreiten.


Ehekredit hatten wir auch, waren zinslose 5000 Ostmark, .#

Wir hatten 3000 Ostmark. Haben dann aber bei der Erhöhung noch einen Nachschlag von 2000 Mark bekommen. Das war damals meine "Rettung". Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon über ein halbes Jahr mit der Hand gewaschen. Mit Baby (Windeln!) und Vollzeitstelle. Von dem Rest gabs ein Bett fürs Schlafzimmer. Wir hatten zwar eine Drei-Zimmer-Wohnung, aber mangels der Finanzen nur Wohn- und Kinderzimmer eingerichtet. In der Küche war eine "Einbauküche" drin. Wir hatten keinen Erstbezug, sondern eine Wohnung aus den 70er Jahren.

Mein "Problem" war damals, dass ich nur 1 Kind hatte. Daher gabs kein Geld, wenn das Kind krank war und ich musste auch schon 5 Monate nach der Geburt wieder arbeiten. Und die 40 h-Woche gabs auch erst ab dem 2. Kind.

Aber ich wollte diesen Staat nicht noch mit einem zweiten Kind "beglücken".

Binneuhier2009
05.09.2016, 13:10
Ich dächte auch es gab 60 % und auch nur ein paar Tage, aber ich weiß es auch nicht mehr. Meine Kinder waren im Erziehungsjahr viel krank, danach irgendwie fast gar nicht mehr..

Dann sind Deine Kinder später geboren als meins und Du hattest nicht nur ein Kind. Erziehungsjahr gabs bis ca. 1985 erst ab dem 2. Kind.

Bei einem Kind gab es nichts - wenn Du verheiratet warst -. Alleinstehende haben wohl irgendwas bekommen. Wie es war, wenn man mehrere Kinder hatte, weiß ich nicht mehr.

Der "Vorteil" war, dass man nicht nur eine bestimmte Anzahl von Kinderkrankentagen hatte, sondern eben beliebig viele Krankschreibungen fürs Kind bringen konnte.

hillary
05.09.2016, 13:49
Danke binneuhier,
ja meine zweie sind erst kurz vor der Wende geboren.

Vielleicht war Mitte der 80er doch manches schon anders?
Meine Mutter hatte in den 60ern bei mir und meinem Bruder ja nur 6 Wochen nach der Entbindung bezahlte BabyZeit, dann ging sie schon wieder arbeiten. Das war glaube ich lange so.
Saris Kinder sind etwas älter als meine, die weiß das bestimmt noch, mit dem halben Jahr.
Tja und wenn man keinen Krippenplatz hatte, dann konnte man nicht arbeiten gehen und es gab: Nichts!
Das wollen wir mal nicht unter den Tisch kehren.
Nicht arbeiten, war auch nicht gern gesehen, daran kann sogar ich mich erinnern.
Als ich aus der Provinz nach Ost-Berlin zog, sah ich auch das erste Mal Menschen, die in Abfalleimern wühlten.
Leergutsammler- Leute die schmale Rente bezogen, keinen Job hatten oder alkoholkrank waren.
Kannte ich vorher nicht.

Quirin
05.09.2016, 15:55
Die SED-Diktatoren haben das Volk nicht nur um die geistige und reisetechnische Freiheit betrogen, sie haben ihm vor allem den Wohlstand gestohlen.

Das unterschreibe ich nicht. Geld war im großen und ganzen genug vorhanden, es gab nur nicht genügend Gelegenheit es auszugeben. Vielleicht finde ich ja irgendwo mal eine Quelle, wie hoch die Spareinlagen und der Bargeldbestand zur Wende waren. Musste ja dann alles umgetauscht werden.
Und manche Leute haben auch gern vor der Verwandtschaft gejammert. Hat ja keiner dran geglaubt, dass eines Tages mal alles wieder vereint ist. Eine Kollegin von mir seufzte nach der Wende mal, dass sie jetzt ihren Kaffee alleine kaufen muss, die Tante aus 'm Westen schickte keine Pakete mehr.:freches grinsen:

Ich fasse zusammen: Du bezeichnest als Wohlstand das Vorhandensein von Geld. Ich bezeichne als Wohlstand das Vorhandensein von Waren, die man sich von seinem Geld kaufen kann, und Geld, von dem man sich die Waren kaufen kann.

Wie hoch die Mieten in der DDR waren, ist eine betriebswirtschaftliche (kann die Baugenossenschaft die Instandhaltungsarbeiten bezahlen) und eine marktwirtschaftliche Fragestellung (mit wem konkurriert die Baugenossenschaft um die Bauarbeiter). Volkswirtschaftlich betrachtet hat sich die DDR die Instandhaltung der Gebäude oder allgemein der Infrastruktur gespart und von der Substanz gelebt. Der Wert des Volksvermögens in Form von Immobilien und Infrastruktur ist kontinuierlich gesunken. Sie hat damit ihre Bürger um den Wohlstand betrogen.

Inaktiver User
05.09.2016, 16:23
Ich habe 1988 mit Unihochschulstudium 980 Ostmark Brutto als Einstiegsgehalt bekommen, 690 Mark ausgezahlt, nach Eheschließung dann 704 Mark. Un d ohne Kinder natürlich nicht 40h, sondern 42,5h je Woche.
Kindergeld 20 Mark je Kind, Begrüßungsgeld 1.00 mark je Kind.
Ehekredit 5.000 Mark, davon 1.000 Mark beim ersten Kind und 1.500 Mark beim zweiten erlassen, die restlichen 2.500 Mark Kredit wurden mit der Wende halbiert. :freches grinsen:
Die Kinder sind ganz dicht hintereinander kurz vor der Wende bzw. mittendrin (89und 90) auf die Welt gekommen, in dieser Zeit habe ich entweder das volle Gehalt im Mutterschutz bzw. 500 Mark (70%) je Monat im Babyjahr erhalten. Mein Mann hat seinerzeit studiert. Wir haben im Sommer/Herbst zusätzlich als Erntehelfer am Wochenende gearbeitet und dies hat manchmal schon 150 Mark je Wochenende und je Person gebracht (einer mußte sich um die Kinder kümmern, einer war arbeiten) und natürlich Naturalien.

Wir haben bis zur Wende (bis 1991) mit den Kindern auf knapp 30m² (1 Zimmer, erst 2, dann 3, dann 4 Personen) "schwarz" gewohnt, d.h. in einem Abrisshaus ohne Miete. Küche und Bad wurde von 2 Familien gemeinsam genutzt. Ein Kohleofen ging noch, Gas gab es nicht, Wasser und Strom waren vorhanden und wurden auch bezahlt (wie immer es seinerzeit möglich war, ich habe es vergessen.)
Wir hatten zu essen, ich habe selten gefroren und die med. Versorgung war okay, Kleidung habe ich selbst genäht und gestrickt und für den Luxus hat meine zahlreiche Westverwandschaft gesorgt.

Saphire
05.09.2016, 18:49
Ja, die Miete war gedeckelt, meine Oma war Vermieterin. Sobald eine Wohnung leer stand, wurde von der Stadtverwaltung jemand reingesetzt, der Vermieter hatte kein Mitspracherecht. Ich glaube, eine Familie hat unter 20Mark Miete bezahlt, somit war die Instandhaltung der Wohnungen gar nicht machbar. Die Mieter haben selber modernisiert und verbessert. Der Vermieter als Eigentümer hatte eigentlich gar nicht zu bestimmen über sein Eigentum. So erinnere ich mich jedenfalls.
Anderes Thema: Bei uns sollten möglichst viele aus der Klasse Abi machen (mein Abi war '89), aus meinem Jahrgang waren es 5 von 40. Ich wollte gern Koch lernen ( aber eigentlich wusste ich gar nicht, was ich will) und habe den Vorschlag der Lehrer, auf die EOS zu gehen, gerne befolgt. Und das trotz Konfirmation und eines in den Westen getürmten Onkels. Der wiederum war gagangen, weil er nicht studieren durfte... Ganz verschieden. Mein Mann war Sportler und durfte nie mit zu Wettkämpfen im Ausland, weil er Westverwandschaft hatte und seinen Bruder hat man gar nicht erst auf die Sportschule gelassen, trotz sehr guter Leistungen. Ich bin 1989 mit auf die Straße gegangen und bin froh, die DDR auf dem Müllhaufen der Geschichte zu sehen. Aber aktuell erkenne ich durchaus Parallelen zu früher Erlebtem, leider.

Saphire

Saphire

Sariana
05.09.2016, 19:49
Mein Lehrgeld im 1. Jahr (1972) waren 70 MDN, dann kam 1973 für alle Stifte eine Erhöhung von 15 MDN im Monat. Davon mussten Fahrkarte, Bücher und persönliche Dinge gekauft werden. Bis Ende zum Ende des 2. Lehrjahres waren es 140 MDN. Ausgelernt verdiente ich als Industriekauffrau 317 MDN.
1976 bin ich deshalb in die Blechbüchse (Konsument-Warenhaus am Brühl in Leipzig) an die Kasse gewechselt, 2-Schichten incl. Samstag und Sonntag, das hat Geld in die Haushaltskasse gespült. Ich verdiente damals zwischen 600 und 700 MDN, mein Mann ebenso, finanziell ging es uns nicht schlecht.

Nach unserer Heirat 1975 haben mein Mann und ich 1 1/2 Jahre in seinem Kinderzimmer gelebt. Kurz bevor der Große geboren wurde, konnten wir in der Dienstwohnung meines Schwiegervaters bleiben. Die Schwiegereltern bekamen eine Genossenschaftswohnung. Wir hatten dann eine 3-Zimmer-Altbauwohnung im Erdgeschoss aus dem Jahre 1905, mit Bad (Badewanne bis 1981 auf Löwenfüßen und Kupferbadeofen), 3,50 hoch, Kachelöfen und Salpeter im Schlafzimmer. Wir mussten mit einem Kind das dritte Zimmer als Notfallunterkunft für Klinikmitarbeiter vorhalten. Glücklicherweise hat uns die Oberin nie einen Untermieter präsentiert und im Sommer 1981 war das Thema vom Tisch, da wurde unser Zweiter geboren.
Wir zahlten 53 MDN kalt, Strom, Gas und Kohle gingen richtig ins Geld. Bei einem normalen Winter brauchten wir um die 80 Zentner Kohle, nur im Winter, für den Rest des Jahres zwischen 40 und 50 Zentner zusätzlich. Holz gab es im Tauschgeschäft gegen Haustrunk, Deputat aus der Brauerei.

Beim ersten Kind bekam ich ein halbes Jahr bezahlt, dann allerdings habe ich gearbeitet, wenn mein Mann von der Arbeit nach Hause kam für 2,80 MDN pro Stunde im Lädchen gegenüber.
Einen Anspruch auf einen Krippenplatz hatten nur Familien mit mehreren Kindern oder Alleinerziehende. Unser Großer war knapp zwei Jahre als es dann klappte, jedoch nur weil ich in eine Klinik wechselte, die eigene Plätze hatte. Bei unserem Zweiten wurde ein Jahr bezahlt.
Wenn ich mich richtig entsinne, gab es bei Krankheit des Kindes irgendwann mal die ersten 3 Tage bezahlt.

Für den Ehekredit haben wir 52 MDN monatlich bezahlt. Weitere Kredite gab es nicht sonst wäre der Mangel an Konsumgütern noch größer geworden.
Im Rückblick betrachtet, bitte nicht als Verklärung zu sehen, hat man das Sparen gelernt und die Dinge, die man mit Erspartem gekauft hat, sorgsamer behandelt und geschätzt. Auf etwas sparen lehrt einen wirtschaften.
Insofern hatte die Mangelwirtschaft auch sein Gutes. Für unsere Umbaumaßnahmen in der Wohnung musste erst ein Polster geschaffen werden, damit man das finanzieren konnte.
Wir hatten nie ein neues Auto, das erste Auto war eine Rostlaube, die wir selbst wieder auf Vordermann gebracht haben. Der halbe Freundeskreis hat mit gewerkelt und als das Auto tadellos gerichtet war, wurden gemeinsame Ausflüge gemacht.

Sariana
05.09.2016, 19:52
@ Saphire
Unsere Vermieter haben ihr Mietshaus Ende der 70iger Jahre an die Gebäudewirtschaft verschenkt.
Jahre nach der Wende habe ich aus vertraulichen Quellen erfahren, dass sie es sich wieder geholt haben.
Leider habe ich zu spät davon erfahren, die Vermieterin ist nämlich als einer der Hauptinformanten in meiner Stasiakte verewigt.

hillary
05.09.2016, 21:06
...
Im Rückblick betrachtet, bitte nicht als Verklärung zu sehen, hat man das Sparen gelernt und die Dinge, die man mit Erspartem gekauft hat, sorgsamer behandelt und geschätzt. Auf etwas sparen lehrt einen wirtschaften.
Insofern hatte die Mangelwirtschaft auch sein Gutes. Für unsere Umbaumaßnahmen in der Wohnung musste erst ein Polster geschaffen werden, damit man das finanzieren konnte.
Wir hatten nie ein neues Auto, das erste Auto war eine Rostlaube, die wir selbst wieder auf Vordermann gebracht haben. Der halbe Freundeskreis hat mit gewerkelt und als das Auto tadellos gerichtet war, wurden gemeinsame Ausflüge gemacht.

@sari,

danke dir. :blumengabe: ich krieg manches schon nicht mehr zusammen.
Hab neulich beim Umräumen noch original verpackte Bettwäsche aus DDR-Zeiten gefunden, vermutlich ein Hochzeitsgeschenk :freches grinsen:. 2 Garnituren mit Bettlaken, 120 DDR Mark!
Trotz des hohen Verdienstes nach dem Studium haben wir viel gebraucht gekauft und ich mache das noch heute, allerdings nicht unbedingt zum Sparen und ich besitze bis heute kein Smartphon.
Das olle Nokia von 2011 tut 's immer noch.
Wogegen ich bei Autos mittlerweile sehr verwöhnt bin. *schäm*

Charlotte03
05.09.2016, 21:10
Neulich hat mir eine Kollegin erzählt, dass es Ende der 80er Jahre (vorm Zusammenbruch) kein Problem und erschwinglich war, einen Farbfernseher zu bekommen.

Meine Bekannten damals hatten keinen.

Ich bin irritiert.. hat meine Kollegin Recht?

hillary
05.09.2016, 21:33
@Charlotte,
doch es gab welche, willst du den Preis wissen? :freches grinsen:
4000 Ostmark!
Ein Stereo-Kassettenrecorder um die 1000 Mark.
Ein Simson Mockick, bis heute sehr beliebt: 1600 DDR Mark (heute zahlt man fast 1000 € für eine gut erhaltene Simme aus den 80ern)

Saphire
05.09.2016, 21:48
@charlotte: Ich meine, die letzten TVs mit Fernbedienung kosteten sogar 7000.- Mark. Wir hatten auch mal einen Aiwa-Kassettenrecorder für 2800.- Mark. Erschwinglich ist anders. Mein Vater hatte einen Nebenjob als DJ, mit dem er nochmal genauso viel verdient hat wie sein Ingenieursgehalt, meine Mutter hat genäht und auch gehandelt und getauscht, ich hab Sachen gebastelt und bemalt und verkauft...eigentlich hatte jeder einen Nebenverdienst oder Tauschhandel. Finanziell ging es uns immer gut. Das war nicht das Problem.

Saphire

Charlotte03
05.09.2016, 21:49
@Charlotte,
doch es gab welche, willst du den Preis wissen? :freches grinsen:
4000 Ostmark!
Ein Stereo-Kassettenrecorder um die 1000 Mark.
Ein Simson Mockick, bis heute sehr beliebt: 1600 DDR Mark (heute zahlt man fast 1000 € für eine gut erhaltene Simme aus den 80ern)


Genau deshalb war ich so irritiert, als diese Kollegin meinte (und ich habe zweimal "Echt?" nachgefragt), dass dies doch alle hatten.

Wir sammelten in der Gemeinde, damit der Pfarrer über die Gemex einen Kühlschrank bekamen....

Sariana
05.09.2016, 22:09
Wen es interessiert ... hier (http://www.ines-mietzsch.de/114601/108422.html) eine kleine Zusammenstellung, ohne Gewähr.

Nach meiner Scheidung habe ich mir mit dem "Tippen" von Doktorarbeiten auf einer alten mechanischen "Rheinmetall" meine Stereo-Anlage verdient. Sie kostete 1300,00 MDN und war eine Rema Marcato und wurde in Stollberg (Erzgebirge) fast ausschließlich für den Export produziert.
Bereits der Vorgänger Rema Andante war heiß begehrt.

@ hilly
Gerade habe ich nachgeschaut: 1 Geschirrtuch (Erbstück von meiner Mum) mit Originaletikett des VEB Wäscheunion, 1. Wahl, EVP 2,20.

EVP = Einheitlicher Verkaufspreis

Sariana
05.09.2016, 22:20
Charlotte, sogenannte Großgeräte waren schwer zu bekommen. Die Läden erhielten diese nur auf Zuteilung.
Bevor die Zuteilung kam, wurde ein Teil schon beim Großhandel an die Mitarbeiter, die auf Wartelisten standen, zugeteilt.
Das, was im Großhandel ankam war der Überschuss und/oder Rückläufer aus den Produktionen für Quelle und Co. - etwas, was gerne vergessen wird.

Ich brauchte meinen (mir zugeteilten) Gefrierschrank nicht, aber ein Kumpel aus Dresden suchte einen ... er holte ihn ab und versorgte meine Abteilung und mich mit Bananen. :freches grinsen:
Dank ihm konnten wir später mit der Klasse meines Großen in einer begehrter Sportlerunterkunft übernachten. Eine Hand wusch die andere. :pfeifend:

Charlotte03
05.09.2016, 22:25
Vielen Dank!

ich habe ein wenig das Gefühl der Glorifizierung der DDR durch die Kollegin...

Sariana
05.09.2016, 22:34
Vielen Dank!

ich habe ein wenig das Gefühl der Glorifizierung der DDR durch die Kollegin...

Ja, vielleicht hatte sie Beziehungen zur "Firma" :pfeifend:

Also es gab schon mal noch einen Unterschied zwischen Berlin, den Rucksackberlinern (Land Brandenburg) und dem Rest der Republik.
Ein Kumpel, der beruflich in Berlin gelegentlich zu tun hatte, bekam Einkaufszettel für das Warenhaus am Alex und die Großmarkthalle.
Wenn ich bei Muttern in der Mark Brandenburg war, war ich Einkaufstourist in den "Russenmagazinen" - die gut sortiert waren.
Die Berliner und das Umland mussten bei Laune gehalten werden :smirksmile: Erst kamen Berlin und das Umland bei den Zuteilungen, dann Schwerpunktbetriebe wie Leuna/Buna/Böhlen, dann eine ganze Weile "nüscht" und dann kam der Rest der Republik.
Zur Frühjahr- und zur Herbstmesse in Leipzig waren die Angebote in den Läden auch besser als im restlichen Jahr.

Binneuhier2009
06.09.2016, 07:29
Neulich hat mir eine Kollegin erzählt, dass es Ende der 80er Jahre (vorm Zusammenbruch) kein Problem und erschwinglich war, einen Farbfernseher zu bekommen.


Für uns war ein Farbfernseher unerschwinglich, hat so um die 6000 Mark gekostet. Ob es die ohne Probleme zu kaufen gab, weiß ich nicht, da der Kauf ohnehin nicht möglich gewesen wäre.

Hier mal eine Preisliste für Waren in der DDR:

Preise in der DDR | 40-Jahre-DDR.de / Das Ost Blog (http://www.40-jahre-ddr.de/182/preise-in-der-ddr/)

hillary
06.09.2016, 10:23
Danke binneuhier,
ich weiß immer noch den Preis für ein Dreipfundbrot - 93 Pfennig. Als Kind musste ich nach der Schule am Bäcker vorbei und habe meist das Brot geholt und durfte die 7 Pfennig Restgeld behalten. :smile:

@Charlotte,
ich glaube, man glorifiziert die Vergangenheit gern, a la "früher war alles besser", besonders wenn man mit der aktuellen Situation unzufrieden ist.
Wenn denn alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen wäre, wäre 1989 nicht der Massenexodus gewesen.
Ich würde nach wie vor nicht sagen, dass die Regierung mir Wohlstand geraubt hätte, denn das was erwirtschaftet wurde, kam ja über die sogenannte 2. Lohntüte wieder rein. Es war halt viel zu wenig für die teilweise sehr ehrgeizigen Ziele.
Man kann sich jetzt aufregen, dass die Mitglieder des Politbüros in Wandlitz abgeschottet und ohne Sorgen und Kontakt zur Realität lebten, dass irgendwer von denen 5 Autos in der Garage stehen hatte... was hätten die Kosten der Autos für die gesamte Bevölkerung rausgerissen?
Vielleicht eine neue Anlage in irgendeinem VEB und weiter?
Nee, das ganze Konstrukt war unsolide.
Es gab übrigens auch Leute in Partei und Regierung, die das wussten und versuchten da und dort Änderungen einzuführen. Das war damals aber nicht anders als heute, die die an der Macht saßen empfanden das als persönliche Bedrohung. Und es gab ein gut wirkendes Mittel, nämlich die Staasi mit ihren Zuträgern. Ohne die hätte das System nicht funktioniert. Man musste da nicht mitmachen, aber es fanden sich anscheinend doch genug.

Inaktiver User
06.09.2016, 10:31
Ich würde nach wie vor nicht sagen, dass die Regierung mir Wohlstand geraubt hätte, denn das was erwirtschaftet wurde, kam ja über die sogenannte 2. Lohntüte wieder rein. Es war halt viel zu wenig für die teilweise sehr ehrgeizigen Ziele.

Es ist schwer, aus der heutigen Sicht einen Wohlstandsvergleich anzustellen. Viele vergessen auch, dass erst in den frühen 1970ern in der BRD der "Wohlstand" für alle" ins Rollen kam. Mein Vater hatte z. B. neben seinem Schichtbetrieb noch einen zweiten Job, damit wir in den Urlaub fahren konnten. So selbstverständlich war der Wohlstand zu der Zeit im Westen auch nicht.

Binneuhier2009
06.09.2016, 10:37
. Viele vergessen auch, dass erst in den frühen 1970ern in der BRD der "Wohlstand" für alle" ins Rollen kam.

An die späten 60er Jahre in der DDR habe ich sicherlich eine etwas verklärte Erinnerung, ich war ja noch Kind. Aber auch aus Erzählungen meiner Eltern bekomme ich immer wieder bestätigt, dass es in den 70ern bergab ging.

Ich kann mich erinnern, dass es damals sogar Versandhauskataloge von HO und Konsum gab. Meine Mutter hat dort oft Klamotten für mich bestellt. Wir hatten einen Tante Emma Laden im Ort, Kaufhallen gabs erst später. Da gab es - zumindest für Kinder - Dinge, die ich mit großen Augen betrachtet habe (Süßigkeiten), die später verschwunden waren. Das sind nur recht bedeutungslose Kleinigkeiten, aber ich habe den Eindruck, in den 60ern war ein gewisser Aufschwung da, der in den 70ern gestoppt wurde.

Binneuhier2009
06.09.2016, 10:37
.

Binneuhier2009
06.09.2016, 10:41
Mein Vater hatte z. B. neben seinem Schichtbetrieb noch einen zweiten Job, damit wir in den Urlaub fahren konnten.

Mein Vater hatte auch einen 2. Job (in der DDR), ohne den vieles nicht möglich gewesen wäre. Das war in den 70er Jahren und nannte sich Feierabendbrigade.

Opelius
06.09.2016, 10:54
Ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit den Mitarbeitern in den evangelischen Einrichtungen. Sie hatten alle ein äußert positives Bild von der Bundesrepublik. Wer Westfernsehen sehen konnte, sah wahrscheinlich nur die schöne Scheinwelt der Reklame.
Sie hätten denn ab und zu mal auch den "Schwarzen Kanal" mit Sudelede sehen sollen. Seine Berichte waren sehr einseitig, aber nie aus den Fingern gesogen. Er berichtete über die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik, etwas, was wohl kaum in dem Arbeiterparadies vorkam. Ich berichtete ihnen, dass ich zwar eine Lehre als Bergmann gemacht hatte, aber im Dritten Lehrjahr ans andere Ende des Ruhrpotts musste, um wenigstens einen Abschluß machen zu können. Danach war Schluß. Die Gruben wurden nacheinander zugemacht. Ich war war sehr jung und konnte mir einen anderen Beruf erarbeiten. Die über 40jährigen mit Familie kaum. Da rettete das Opelwerk in Bochum auch nicht viel.

Ähnlich polarisierenden Wirkung hatte das zwischen 1969 und 1988 ausgestrahlte ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal als Pendant.

Inaktiver User
06.09.2016, 11:00
Aber auch aus Erzählungen meiner Eltern bekomme ich immer wieder bestätigt, dass es in den 70ern bergab ging...

Das sind nur recht bedeutungslose Kleinigkeiten, aber ich habe den Eindruck, in den 60ern war ein gewisser Aufschwung da, der in den 70ern gestoppt wurde.

Hast du eine Vorstellung wieso?

In den 70ern war ich als Jugendlicher ein paar Mal in einer englischen Partnerstadt. So etwas Abgewirtschaftetes hatte ich damals noch nie gesehen, da schien mir die DDR als ein Ort des "Wohlstands".

Binneuhier2009
06.09.2016, 11:10
Hast du eine Vorstellung wieso?
.

Ich vermute, dass das mit der "Machtübernahme" von Honnecker zu tun hatte. Man müsste sich dazu wirklich mal belesen.

Wir haben bei uns zu Hause kein DDR-Fernsehen geschaut, sondern nur West-Fernsehen.

Aber vor einiger Zeit habe ich eine Sendung gesehen, da ging es um Werbung in der DDR. Ich finde es erstaunlich, wie diese Werbung gestaltet war. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt gegeben hat.

https://www.youtube.com/watch?v=QtSDHxtg8dg

https://www.youtube.com/watch?v=I1Z0zomERu8

Opelius
06.09.2016, 11:12
In den 70ern war ich als Jugendlicher ein paar Mal in einer englischen Partnerstadt. So etwas Abgewirtschaftetes hatte ich damals noch nie gesehen, da schien mir die DDR als ein Ort des "Wohlstands".

Der englischen Arbeiterschaft ging es jahrzehntelang nie besser als DDR-Bürgern. Den Eindruck hatte ich schon, weil ich drei Jahre lang in den 60ern in England und Wales als Arbeiter beschäftigt war. Das Einkommen reichte für Essen, Trinken und Wohnen. Essen bestand aus viel Fish and Chips, Trinken aus Beer und Tea, der Wohnraum bestand aus einem Zimmerapartment, dessen Tür nicht abschließbar war, und die Gasheizung musste mit Shillingen gefüttert werden. Kleidung konnte ich mir nur in den Läden kaufen, die ausrangierte Militärklamotten verkauften.

Inaktiver User
06.09.2016, 11:25
Der englischen Arbeiterschaft ging es jahrzehntelang nie besser als DDR-Bürgern. Den Eindruck hatte ich schon, weil ich drei Jahre lang in den 60ern in England und Wales als Arbeiter beschäftigt war. Das Einkommen reichte für Essen, Trinken und Wohnen. Essen bestand aus viel Fish and Chips, Trinken aus Beer und Tea, der Wohnraum bestand aus einem Zimmerapartment, dessen Tür nicht abschließbar war, und die Gasheizung musste mit Shillingen gefüttert werden. Kleidung konnte ich mir nur in den Läden kaufen, die ausrangierte Militärklamotten verkauften.

Ich nehme an, als Bergmann in den Bergwerken (oder Quarries?). Ist bei der englischen Arbeiterschaft angesichts dieser Lebensumstände das System der DDR Thema gewesen?

Opelius
06.09.2016, 11:30
Ich nehme an, als Bergmann in den Bergwerken (oder Quarries?). Ist bei der englischen Arbeiterschaft angesichts dieser Lebensumstände das System der DDR Thema gewesen?

Nein, darüber habe ich nie mit den Kollegen gesprochen. Ich habe nie jemanden klagen hören, wichtig war nur Fußball. Sie erinnerten sich nur an ihre Stationierungen in Deutschland, da ging es ihnen wirklich gut. Wenn sie blöde Witze machen wollten, schrien sie "Aschtung" und knallten die Hacken zusammen. Fanden alle lustig.

Ich habe am Nuclear Powerstation in Holyhead gearbeitet.

hillary
06.09.2016, 11:58
Der englischen Arbeiterschaft ging es jahrzehntelang nie besser als DDR-Bürgern.

Das hat in der DDR nur keiner wahrnehmen können/wollen.
Die Infos an die man kam, waren eher einseitig und meiner Meinung nach war es doch eher der deutsch/deutsche Blick.
Ich habe Verwandte und Freunde in ganz Europa, vor der Wende konnte ich natürlich nur die in Osteuropa besuchen, ganz ehrlich, da lebten wir im Paradies.
In Polen saßen vor den Kirchen die Bettler und der Kleinbauer zog mit dem Klepper den Pflug übers Feld.
In Russland standen die Großmütter mit Pilzen und Beeren an den Bahnstationen, in den Dörfern kam das Wasser im Eimer vom Brunnen und über Rumänien mag ich gar nicht schreiben... da herrscht ja heute auf dem Land wieder das blanke Elend.
Als ich das erste mal ins Vaterland fuhr und meine Verwandten besuchen konnte, sah ich wie meine Cousine mit Mann und Kindern in den Vogesen lebten. Kleinbauernhof, Sägewerkchen und meine Cousine arbeitete noch als Hebamme.
Da trugen die Kinder untereinander auch die Klamotten ab, hornbeinaltes Auto und die Wohnungseinrichtung war auch zusammengestoppelt. Und die Kinder mussten früh mit zugreifen. Gut, war halt auf dem Dorf.

hillary
06.09.2016, 12:00
hier auch noch was interessantes,
ich kenne es ja nicht mehr
Lebensmittelmarken (http://www.n-tv.de/panorama/DDR-Fuehrung-dachte-um-article270149.html)

Sariana
06.09.2016, 18:34
Noch bis weit in die 60iger Jahre gab es Listen in den Lebensmittelläden nach denen man Butter und Kaffeesahne kaufen konnte, die Abgabemenge richtete sich nach der Anzahl der Familienmitglieder. Ich bin als Kind durch den halben Vorort gestiefelt um in dem für uns zuständigen Laden einzukaufen.

Meine Mum erzählte, dass sie vor meiner Geburt (1956) die Erstausstattung auf Bezugsschein bekam. Die bestand aus einem Badehandtuch, Windeln und Moltontüchern.
Verwandte hatten Schafe, die Wolle wurde gesponnen und dann verstrickt, käuflich zu erwerben gab es nur Zellwolle (halbsynthetische Kunstfaser auf Cellulosebasis aus der auch sogenannte Kunstseide hergestellt wurde) - heute nennt sich das Viskose.
Als meine Schwester (1960) nicht mehr gestillt werden konnte, gab es auf Zuteilung beim Milchmann "Babysan", Milchpulver, welches man mit Hafer- oder Reisschleim zu Babynahrung kochte.

Ein Paar Perlonstrümpfe kosteten 9,50 MDN, meine Mum hat sich mit dem Repassieren (Laufmaschen "auffangen") ein Zubrot verdient und sich die Augen ruiniert.
Meine erste Feinstrumpfhose trug ich 1970 zu meiner Konfirmation, ein Mitbringsel meiner Hamburger Tante. Die Weststrumpfhosen wurden in Ehren gehalten und nur zu besonderen Anlässen getragen.

Zitronen und Kuba-Orangen kosteten pro Kilo 5 MDN, Pampelmusen gab es nur bei Vorlage eines Diabetikerausweises noch bis weit in die 80iger Jahre.

Inaktiver User
06.09.2016, 23:13
Pampelmusen gab es nur bei Vorlage eines Diabetikerausweises noch bis weit in die 80iger Jahre.

Das zumindest stimmt nicht.
Aber es kann auch am hier schon irgendwo erwähnten "Versorgungskarussell" gelegen haben, dass die Dinger irgendwo gar nicht und irgendwo im Überfluss vorhanden waren.

Sariana
07.09.2016, 10:18
@ Opelius :blume:

Mir hat mal ein "alter" FDGB-Gewerkschafter gesagt: "Mädel, lies das Neue Deutschland, hör den Deutschlandfunk und bilde dir deine eigene Meinung."

Während ich auf unsere Ausreisegenehmigung wartete, habe ich interessiert Wirtschaftssendungen im Westfernsehen angeschaut, mich mit Westlern, Selbstständigen und Angestellten, unterhalten.
Das Umfeld, aus dem die Verwandtschaft und Freunde kamen, hat mir nach meiner Erfahrung eine realistische Einschätzung auf hüben und drüben vermittelt.

Ich war eher erschüttert, dass die Sachbearbeiter vom Arbeitsamt keine Ahnung von der fundierten Ausbildung im wilden Osten hatten und mich zunächst in einen Grundlagenkurs für Kaufleute steckten.
Da hatte ich schon über 15 Jahre Berufserfahrung :ooooh:
Ohne Eigeninitiative wäre ich vermutlich von einem Kurs zum nächsten "gesurft".

Die, die sich mittels Werbung und den seinerzeit populären Serien im Westfernsehen bildeten, waren nach dem "Rübermachen" (Budapest, Prag) nicht selten enttäuscht, dass auch auf der breiten Seite geschafft werden musste, um sein Auskommen zu haben, und auch Kredite bedient werden mussten.

Opelius
07.09.2016, 10:55
Ich war eher erschüttert, dass die Sachbearbeiter vom Arbeitsamt keine Ahnung von der fundierten Ausbildung im wilden Osten hatten und mich zunächst in einen Grundlagenkurs für Kaufleute steckten.


Das kann ich nur bestätigen. Hier im Westen hatte so gut wie keiner auch annähernd eine Ahnung, was Schule und Ausbildung in der DDR bedeutete. Kinder, die aus der DDR kamen, waren viel besser ausgebildet und langweilten sich in unseren Schulen. Alle Welt war davon überzeugt, dass in der DDR alles mies sein musste.

Es waren vergleichbar wenige Westdeutsche, die irgendeinen Kontakt zu DDR-Bürgern hatten und noch viel weniger, die Verwandte besuchten oder sich das trauten. Für die allermeisten Menschen hier war die DDR das entfernteste und unbekannteste Land auf der Erde. Auch nachdem es endlich zwischenstaatliche Beziehungen gab, blieb es für die meisten die SBZ - und da waren die Russen.

Inaktiver User
07.09.2016, 11:48
Gar kein Geld? Es gab nach meiner Erinnerung weniger ... :wie?:
... aber ich bin mir nicht sicher, komisch dass man so etwas dann irgendwie vergisst.

Es gab bei Krankheit des Kindes vier Wochen Geld, bei zwei Kindern sechs, bei drei acht Wochen. Bis 1984 nur für Alleinstehende. Allerdings nur in der Höhe, wie man selbst ab der sechsten Woche Krankengeld bekam, das waren bei einem Kind 50 % vom Höchstbrutto von 600 Mark. Also maximal 300 Mark. Ich hatte nicht mal 600 brutto.
Miete hab ich 38 Mark bezahlt, für zwei Zimmer und Küche ohne Bad mit Klo auf halber Treppe. Mindestens ein Monatslohn musste weggelegt werden für Kohlen, ich hab 80 bis 100 Zentner gebraucht mit meinen kaputten Öfen unterm Dach. Zentner kam 5 Mark.
Mein Mann war bei der NVA, der bekam 180 Mark im Monat Sold. Das reichte ihm hinten und vorne nicht, zumal er auch geraucht hat. Musste ich von meinen 411 Mark auch noch mitfinanzieren. Ich hatte nach Abzug von Miete, Kindergartengebühren, Monatskarte, Kreditrate noch ganze 160 Mark im Monat. Die hab ich mir wochenweise aufgeteilt. Ein Viertelpfund Kaffee kam 8.75, das war nicht drin. Betriebsessen kam 1.30, das hab ich mir auch nicht oft geleistet. Zusätzlich musste ich noch Brot backen für meinen Ältesten, der hatte Zöliakie. Nee, Zuckerschlecken war das nicht, Urlaubsreisen nach Ungarn konnt ich mir nicht leisten. Selbst der FDGB Urlaub in Thüringen hat ein Riesenloch in meine knapp gestrickten Finanzen gerissen. So blieb bloss das Fahrrad und baden im Müggelsee. Zweimal bin ich als Erzieher und Rettungsschwimmer mit ins Betriebsferienlager gefahren in meinem Urlaub, die Kinder blieben bei Oma. Die allerdings auch noch voll berufstätig war.

Binneuhier2009
07.09.2016, 12:29
Es gab bei Krankheit des Kindes vier Wochen Geld, bei zwei Kindern sechs, bei drei acht Wochen. Bis 1984 nur für Alleinstehende.

Mein erstes Kind wurde 1984 geboren und ich habe definitiv kein Geld bei Krankheit des Kindes bekommen. Das war ja das Elend, da wir ein dauerkrankes Kind hatten.

Inaktiver User
07.09.2016, 12:54
Mein erstes Kind wurde 1984 geboren und ich habe definitiv kein Geld bei Krankheit des Kindes bekommen. Das war ja das Elend, da wir ein dauerkrankes Kind hatten.
Warst du verheiratet? das mit der Änderung für verheiratete kann auch 1986 gewesen sein. Obwohl, mein drittes Kind kam 1985, da war ich verheiratet und ich glaube mich zu erinnern, dass es das damals schon gab.
Ist ja auch egal, ich wollte mit meinem Post nur darauf hinweisen, das nicht alles Gold war in der DDR. Ich hatte massive Existenzängste und die haben mich geprägt fürs Leben. Ich kann heute noch ganz schlecht Geld ausgeben, weil ich denke, es steht mir nicht zu. Obwohl ich's hätte.
ich konnte auch nie zum Friseur gehen oder einkaufen während der Arbeitszeit und wenn ich zum Arzt ging, das kam wegen meines zöliakiekranken Kindes öfter vor, dann musste ich die Zeit nacharbeiten oder sie wurde mir vom Urlaub abgezogen. Ich hab mich nie wegen Bananen oder Orangen angestellt, ich hätte das Geld gar nicht gehabt. Einmal gabs in unserer Betriebskantine Levis Jeans und Jacken zu kaufen, die Jacke für 250, die Hose für 180 Mark. Unerschwinglich für mich. ich hab mir nicht mal die Boxer oder Wisent Jeans geleistet. Die kamen 79 Mark. Ich passte damals noch in Kindergrösse 158 und hab entweder Kinderklamotten gekauft oder selbst genäht.

Binneuhier2009
07.09.2016, 13:05
Warst du verheiratet? das mit der Änderung für verheiratete kann auch 1986 gewesen sein. .

Ja, ich war verheiratet. Allerdings habe ich bis zur Wende nie Krankengeld bekommen, wenn ich wegen dem Kind zu Hause bleiben musste. Das war erst nach der Wende, dass diese Zeit bezahlt wurde. Zumindest war das bei mir und meinen damaligen Kolleginnen so. Aber wie gesagt, wie das war, wenn man mehrere Kinder hatte, weiß ich nicht. Als Ein-Kind-Familie wurde man in der DDR irgendwie behandelt, als wäre man asozial. War mein Eindruck. Aber nie und nimmer hätte ich in diesem Staat we


ich wollte mit meinem Post nur darauf hinweisen, das nicht alles Gold war in der DDR. Ich hatte massive Existenzängste und die haben mich geprägt fürs Leben..

Da sind wir uns einig! Existenzängste hatte ich auch. Als mein Kind damals so häufig krank war, hatten wir so wenig Einkommen, dass wir unsere Lebensversicherungen ruhen ließen. Zum Monatsende gab es oft nur noch Marmeladenbrote und Kartoffeln/Nudeln. Wir haben dann Gläser, Flaschen und Papier gesammelt und zum Altstoffhandel gebracht.

Klamotten hatte ich überwiegend selbst gestrickte. Jedenfalls Pullover. Eine Tante von mir strickte mit Leidenschaft und zum Glück auch ganz schön. Irgendwann brauchte ich mal eine neue Winterjacke. Die Dinger waren so teuer (nicht im Exquisit, sondern im normalen Laden), dass ich meine Lebensversicherung dafür beliehen habe. Eine Kollegin von mir - alleinerziehend - hat sich damals für eine Winterjacke Geld aus der "Kasse der gegenseitigen Hilfe" des Betriebes geliehen. Also sozusagen einen Kredit dafür aufnehmen müssen.

An die West-Jeans kann ich mich auch erinnern. Die gab es, als ich im ersten Lehrjahr war. Leider unerschwinglich.

Im Grunde haben wir damals unser ganzes Geld in Kinderklamotten gesteckt. Wir sind ab und zu nach Berlin gefahren. Dort gab es im Kaufhaus öfter mal Kord-Latzhosen für Kinder oder Samtpullover (war damals beides hochmodern) oder auch mal Jacken, die eigentlich für den Export bestimmt waren.

Mir war immer wichtig, dass mein Kind gut angezogen war. Ich hatte dann eine Schneiderin an der Hand, die alte Jeans in Kinderhosen umgearbeitet hat. Die alten Jeans haben wir von einem Kollegen meines Mannes bekommen, der regelmäßig Nachschub aus dem Westen bekam.

Und wenn ich noch an das Theater denke, Windeln zu bekommen. Am Anfang meiner Schwangerschaft bin ich mal dazu gekommen, als es Windeln gab. Sie wurden ja nur "abgezählt" abgegeben. Man wollte mir keine verkaufen. Ich hatte eine Risikoschwangerschaft und hatte daher noch keinen Schwangerenausweis und noch keinen Bauch - also: Keine Windeln für mein Kind!

Inaktiver User
07.09.2016, 13:16
Das kann ich nur bestätigen. Hier im Westen hatte so gut wie keiner auch annähernd eine Ahnung, was Schule und Ausbildung in der DDR bedeutete. Kinder, die aus der DDR kamen, waren viel besser ausgebildet und langweilten sich in unseren Schulen. Alle Welt war davon überzeugt, dass in der DDR alles mies sein musste.

Die DDR Hand- und Lehrbücher, die ich gelesen habe, waren alle fachlich hervorragend, wenn man mal von den ersten 10, 15 oder 20 Seiten (weiß nicht mehr so genau wie viele) der Glorifizierung des sozialistischen Systems absieht. Müssen wohl Textbausteine gewesen sein, die man voranstellte.


Es waren vergleichbar wenige Westdeutsche, die irgendeinen Kontakt zu DDR-Bürgern hatten und noch viel weniger, die Verwandte besuchten oder sich das trauten. Für die allermeisten Menschen hier war die DDR das entfernteste und unbekannteste Land auf der Erde. Auch nachdem es endlich zwischenstaatliche Beziehungen gab, blieb es für die meisten die SBZ - und da waren die Russen.

Stimmt. Heute bin ich froh, es erlebt zu haben.

Und schmackhaft wurde einem der Osten auch nicht gemacht (eher das Gegenteil). Wenn ich nicht damals in der DDR gewesen wäre, hätte ich auch an einen anderen Planeten geglaubt. Alles Helden der Arbeit, die im Gleich- und Stechschritt der sozialistischen Idee frönen. Das deutsche China.

Hochgejubelt wurden dann eher so Typen wie Biermann bzw. jene Dissidenten, die unsere Definition von Freiheit bejubelten. Alles in allem wirklich Kalter Krieg, bis hinein in die letzten Hirnareale.

hillary
07.09.2016, 13:52
Es gab bei Krankheit des Kindes vier Wochen Geld, bei zwei Kindern sechs, bei drei acht Wochen. Bis 1984 nur für Alleinstehende. Allerdings nur in der Höhe, wie man selbst ab der sechsten Woche Krankengeld bekam, das waren bei einem Kind 50 % vom Höchstbrutto von 600 Mark.

@Irma, ich glaube du hast recht.
Meine Kinder sind erst 1987 und 1988 geboren, da gab es ja auch schon das bezahlte Babyjahr beim 1. Kind.
Und ich hatte Glück, mit recht gesunden Kindern, das muss ich zugeben.
Existenzangst hatte ich erst als Alleinerziehende nach der Wende.
Job verändert, Kita teurer, Miete teurer... Exmann arbeitslos...
war auch nicht schön. Trotzdem geschafft :smile:

Kinderklamotten waren auch staatlich gestützt. Wenn meine Verwandtschaft uns in der DDR besuchte, die staunten jedes mal und das ich meinen Kinderwagen samt schlafendem Kind vor der Kaufhalle stehen ließ, um fix was zu holen.
War ich nicht die einzige.


@durutti,
das mit der Allgemeinbildung habe ich schon von diversen Westdeutschen gehört, aber auch, dass es sich mittlerweile angepasst hat. (aber nicht nach oben)

Inaktiver User
07.09.2016, 13:56
J

Und wenn ich noch an das Theater denke, Windeln zu bekommen. Am Anfang meiner Schwangerschaft bin ich mal dazu gekommen, als es Windeln gab. Sie wurden ja nur "abgezählt" abgegeben. Man wollte mir keine verkaufen. Ich hatte eine Risikoschwangerschaft und hatte daher noch keinen Schwangerenausweis und noch keinen Bauch - also: Keine Windeln für mein Kind!
Jepp, die Baumwollkrise. Irgendwann konnte sich die DDR die Baumwolllieferungen aus Ägypten nicht mehr leisten oder die Russen verkauften woanders hin, was weiss ich. Gab keine Bettwäsche, keine Handtücher und keine Windeln mehr. Nur die doofen Vlieswindeln, die keine Flüssigkeit aufnahmen. Echte Baumwoll-Mullwindeln wurden von Kind zu Kind vererbt. Auch die kleinen Hemdchen und Jäckchen, Strampler und Ausfahrgarnituren. Ein neuer Kinderwagen kostete 550 Mark, der schicke mit Korb 750. das Kinderbett kam 80 Mark, die Matratze, wenn man denn eine bekam, nochmal 30. Federbetten gabs auch auch keine oder nur ganz teuer.
Und ich kann ich noch an eine Situation erinnern, wo ich tatsächlich während der Arbeitszeit einkaufen durfte. Ich war noch Lehrling und gegenüber von unserer Firma war ein Russenmagazin. Da gabs Handtücher. Meine Lehrmeisterin schickte mich rüber und ich hab fast alles aufgekauft , was es gab. Chinesische Handtücher mit kleinen Katzen drauf. Hab ich heute noch.

HansDampf
12.09.2016, 12:43
Hast du eine Vorstellung wieso?

In den 70ern war ich als Jugendlicher ein paar Mal in einer englischen Partnerstadt. So etwas Abgewirtschaftetes hatte ich damals noch nie gesehen, da schien mir die DDR als ein Ort des "Wohlstands".

Solange Ulbricht die Macht in der DDR hatte, wurde recht vernünftig "volkswirtschaftlich" gehandelt.
Der Aufbau der Industrie (nach Zerstörung und Demontage) hatte immer Priorität, Konsum wurde in die Zukunft geschoben.
Die Versorgungslage verbesserte sich, die Geschäfte füllten sich. Es gab Versandhaus-Kataloge und Werbung, Südfrüchte und Ketchup. Dafür hatten die Menschen viel Arbeit und wenig Geld. Lohnerhöhungen waren selten und wurden vom Politbüro sehr ungern gesehen. Man wollte nicht die Zukunft schon heute konsumieren.

Mit der Machtübernahme durch Honecker wurden diese Prioritäten verschoben. Konsum und Wohlstand wurden in den Fokus gerückt. Die Leute sollten heute gut leben, dann würden sie auch heute gut arbeiten. Über Subventionen wurden die wahren Kosten verschleiert und Wohlstandsgeschenke verteilt. Nur zurücknehmen konnte man sie in einem Arbeiter-und-Bauernstaat später nicht mehr. So gewöhnten sich die Menschen an die billigen Mieten, das quasi kostenlose Gesundheitssystem, die preiswerten Waren des täglichen Bedarfs. Und schimpften trotzdem über die teuren Autos, die teuren Fernseher und die kaputten Wohnungen. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen im sozialistischen Lager wurde die Erwirtschaftung der sozialen Leistungen immer schwierigen, denn natürlich waren die Mieten, das Gesundheitssystem und das billige Brot nur Schein. Die Kosten wurden nur anders verteilt. Psychologisch aber war es verheerend, wenn ein Staat seine Legititmät aus sozialen Geschenken bezieht, diese aber nicht mehr bezahlen kann.

Daher erscheinen im Rückblick die 60er jahre als die goldenen Jahre des Angebots, die 70er als die goldenen Jahre der Nachfrage. Aber beides hat die Menschen nicht wirklich mit dem System verbunden.

Hans

HansDampf
12.09.2016, 12:52
Berufsverbote gab es im goldenen Westen auch...

Das möchte ich so nicht stehen lassen.

In der Bundesrepublik gab es vom Bundestag verabschiedete Gesetzte, die die Einstellung in den öffentlichen Dienst regulierten. Dagegen konnte auch geklagt werden und es war immer ein Thema der Medien, wurde kontrovers diskutiert. Es waren also keine "Berufsverbote", sondern "Einstellungsverbote". Andere Arbeitgeber als der öffentliche Dienst waren daran nicht gebunden. Die Kriterien waren auf politische "Extremisten" rechts und links beschränkt.

In der DDR gab es keinerlei Gesetze oder Regularien dazu. Es gab dafür keine Öffentlichkeit und es betraf in vielen Fällen praktisch den gesamten Arbeitsmarkt der DDR (die evangelische Kirche ausgenommen). Getroffen werden konnte davon jeder, Gründe waren so banal wie vielfältig.

Qualitativ und quantitativ zwei völlig verschiedene Situationen, wie ich finde.

Hans

Inaktiver User
12.09.2016, 12:59
Jepp, ich kannte eine Frau, Doktor, der Chemie, die nach ihrem Ausreiseantrag als Friedhofsgärtnerin gearbeitet hat, weil sie nichts mehr fand.
Aber davon abgesehen, das könnte ihr heute genauso passieren. Frau, schon ein bisschen älter oder jung mit Kindern, da nutzt dir ein Doktortitel auch nicht viel. Zur Not gehst du putzen oder eben friedhofsgärtnern.

HansDampf
12.09.2016, 13:06
@herbstblatt 7:

Wie groß waren die Zirkel denn? Gab es keine Kontrollen etc. bzw. wie konnte man so leben?

(Sorry für die naiven Fragen. Bin - wie beschrieben - ab dem 15ten nicht mehr hingefahren und in den Erinnerungen dominieren die Kontrollen und 'ne Menge zurückgezogener Privatheit).

In den Großstädten wie Berlin, Dresden oder Leipzig gab es viele Subkulturen. Die Anonymität der Großstadt hat es möglich gemacht. In Kleinstädten und auf dem Dorf ist der Punk noch 1989 Spießruten gelaufen.
Kontrolle wurde versucht, wer kennt nich die Razzien bei Blues-Festen, die Zugkontrollen zum Wasunger Fasching usw. Oder durch banale Infiltration des Ministeriums für "ich liebe euch doch alle".

Ich glaube, die Differenzierung in mannigfaltige Subkulturen hat Mitte der 80er eine kritische Schwelle überschritten. Es war gar nicht mehr möglich, alles und jeden im Auge zu behalten. So entstanden erstaunliche Freiräume, die, wenn klug genutzt und nicht durch provokative Äußerungen in Gefahr gebracht, recht sicher waren.
Besonders die künstlerischen Szenen (Musikhochschulen, Theater, Orchester, Malerei-Werkstätten usw). waren gar nicht mehr grau, sondern ever avantgardistisch. Aber es waren nicht mehr als 10.000 von 17 Millionen. Diese Schwalbe hat keinen Frühling machen können.

Hans

Inaktiver User
12.09.2016, 20:40
Kontrolle wurde versucht, wer kennt nich die Razzien bei Blues-Festen, die Zugkontrollen zum Wasunger Fasching usw.

Die waren aber der Grenznähe geschuldet, nicht gegen Subkulturen gerichtet.
Wasungen lag im Kreis Bad Salzungen (Grenzkreis) oder Meiningen (ebenfalls Grenzkreis). Das war der Trapo so vorgegeben, und fand meiner Erinnerung nach auf der Werrabahn unabhängig von bestimmten Ereignissen dienstplanmäßig ganzjährig statt. Wasungen selber lag nur eher zufällig an selbiger.

Charlotte03
12.09.2016, 20:44
Das möchte ich so nicht stehen lassen.
Du hast schon recht - die Bundesrepublik war ein Rechtsstaat und man konnte klagen usw.

Es war natürlcih nicht in diesem Ausmaß. Dennoch, Mitglieder der DKP fanden auch kaum Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft.

HansDampf
13.09.2016, 10:06
Du hast schon recht - die Bundesrepublik war ein Rechtsstaat und man konnte klagen usw.

Es war natürlcih nicht in diesem Ausmaß. Dennoch, Mitglieder der DKP fanden auch kaum Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft.

Ein DKP Mitglied hatte eine klare politische Überzeugung, die sich gegen den Staat richtete. Ob man darauf mit Einstellungsverboten reagieren sollte, ist diskussionswürdig. Betroffen waren von den Verboten etwa 1000 Personen in 10 Jahren.

Der in der DDR mit Berufsverbot belegte Bürger hatte meist keine konkreten politischen Ansichten, die sich gegen die DDR richtete. Er wollte entweder nur raus aus dem Land oder hatte sich aus Frust zu Meckereien hinreißen lassen (mein Onkel saß 3,5 Jahre im Zuchthaus Cottbus wegen Hetze in Form eines Briefes an den Spiegel und er verlor seinen Job als Verwaltungsleiter eines Krankenhausen, er arbeitete dann als Gärtner für die evangelische Kirche). Betroffen waren etwa 10.000 Personen pro Jahr.

Inaktiver User
13.09.2016, 21:55
Man kann ein Leben in der DDR einfach nicht direkt vergleichen mit dem Leben im damaligen Westdeutschland.

Sicher gab es auch Vorteile in der DDR in einzelnen Bereichen. Man darf aber nicht vergessen, unter welchem Stern dies stand.
Kinderbetreuung: toll. Aber warum? Die Eltern sollten ihrer Arbeit für den Sozialismus unbedarft nachgehen können.
Wenn eine Frau sich dafür entscheiden wollte, das Kind im Kleinkindalter zu Hause zu betreuen - ging nicht, Vorrang hatte die Arbeit. Andererseits waren die Kinder von Klein auf schön in den Fängen der Gesellschaft, wo sie zu möglichst zu linientreuen Persönlichkeiten herangezogen werden sollten.
Wenns dann um solche Dinge ging wie: das Kind ist in der Einrichtung erkrankt, Eltern müssten zum Arzt mit dem Kind - ich weiß von Bekannten, dass der Betrieb nicht angerufen werden durfte mitten in der Arbeitszeit.
Ach, da bin ich ja eigentlich schon am Ende mit der Aufzählung von Vorteilen...
Berufsverbot: ja, die DKP... Aber Hans Dampf hat es schon angesprochen - Berufsverbot konnte es schon bei viel kleineren Anlässen geben (und auch bei großen Anlässen: Ausreiseantrag).

Aber: wenn schon das Argument gegeben wird in der Diskussion, dass es ja Berufsverbote auch in Westdeutschland gab:
In Westdeutschland hatteste immer die Möglichkeit, dich zu wehren. Offen. Es sei dahin gestellt, ob es einen positiven Erfolg hatte, aber wehren konnteste dich. Dies war in der DDR nicht möglich, weil es eine Ächtung durch die offizielle Gesellschaft gab und das hast du zu spüren bekommen. Das zog sich hin bis in Freundeskreise. Da konnte es dann auch "Freunde" geben, die sich entschuldigten dafür, dass sie unter diesen Umständen lieber nicht mehr in näherem Kontakt zu dir bleiben.

Inaktiver User
13.09.2016, 22:03
Die waren aber der Grenznähe geschuldet, .

Schlimm genug.

Offiziell hieß es immer: die DDR-Bürger müssen geschützt werden vor den Angriffen der imperialistischen Feinde von außen.
In Wahrheit hatte man bloß Angst, dass ein DDR-Bürger auf dumme Gedanken kommt und das Land verlassen will.
Jeder wusste das, aber geredet hat man anders.

Inaktiver User
13.09.2016, 22:11
Wenn eine Frau sich dafür entscheiden wollte, das Kind im Kleinkindalter zu Hause zu betreuen - ging nicht, Vorrang hatte die Arbeit.

Das ist schlicht falsch !

Inaktiver User
13.09.2016, 22:15
Schlimm genug.

.

Geltende Gesetzeslage.
Auch hier und heute müssen sich z.B. alle Fussballanhänger in Zügen kontrollieren lassen, und an Bahnhöfen filmen lassen, obwohl von hundert Mitreisenden ein Idiot zugegen ist. Geltende Gesetzeslage. Ich sehe keinen Unterschied

Oder: an meiner Kaserne (West) stand deutlich lesbar "Vorsicht Schusswaffengebrauch" und die wurden gebraucht !
Kein Unterschied zu Sperrgebiet Ost.

Inaktiver User
13.09.2016, 22:29
Das ist schlicht falsch !

Das ist schlicht richtig, denn "zu Hause" bleiben konntest du nur, wenn du keinen Krippenplatz gekriegt hast.

Inaktiver User
13.09.2016, 22:31
Geltende Gesetzeslage.
Auch hier und heute müssen sich z.B. alle Fussballanhänger in Zügen kontrollieren lassen, und an Bahnhöfen filmen lassen, obwohl von hundert Mitreisenden ein Idiot zugegen ist. Geltende Gesetzeslage. Ich sehe keinen Unterschied

Oder: an meiner Kaserne (West) stand deutlich lesbar "Vorsicht Schusswaffengebrauch" und die wurden gebraucht !
Kein Unterschied zu Sperrgebiet Ost.

Nein, kein Unterschied? Dann ist dir nicht zu helfen.

Inaktiver User
13.09.2016, 22:35
Das ist schlicht richtig, denn "zu Hause" bleiben konntest du nur, wenn du keinen Krippenplatz gekriegt hast.

Oder, ganz wie "hier" einen Ernährer hattest.
Meine Mutter hat mich stets als Schutzschild ihrer Faulheit benutzt, um eben nicht zu arbeiten.


(Heute beklagt sie sich übrigens bei jeder Gelegenheit über ihre Mini-Rente, tja

von nix kommt nix. )

Inaktiver User
13.09.2016, 22:36
Nein, kein Unterschied? Dann ist dir nicht zu helfen.

Erkläre ihn mir . Bin offen.

Inaktiver User
13.09.2016, 23:16
Erkläre ihn mir . Bin offen.

Warum werden Fußballfans bei der Anreise gefilmt und kontrolliert? Weil erwiesenermaßen von einigen Gruppierungen sehr viel Gewalt ausgeht.
Warum wurden DDR-Bürger, wenn es Richtung Grenze ging, kontrolliert? Weil man ein grundsätzliches Misstrauen hatte gegenüber Bürgern, die sich Richtung Grenze bewegten. Man könnte ja die Absicht hegen, das Land zu verlassen. Schon allein diese Unterstellung brächte mich auf die Palme.
Aber noch mehr, dass du keine Möglichkeit hattest bzw. nur unter sehr sehr schwierigen Voraussetzungen, dahin zu gehen, wonach es in dir strebt.

Kleines PS.: Ich hörte gerade im Radio "Kling klang. du und ich, die Straße entlang...Bloß von hier weg, so weit wie möglich..." :krone auf:

silverkroko
13.09.2016, 23:29
@Pazifique

Ich wollte eigentlich für heute nur lesen. Aber es funktioniert nicht. Das Chaos - mein persönliches habe ich nach außen getragen - so weit so gut.

Bewußt provozieren ist sehr riskant, weil man aus dieser Spirale nicht mehr rauskommt, zumindest, wenn man so gestrickt ist wie ICH. Du fängst viel zu viel zu viele "Projekte" an und i-wann hast Du das ganze nicht mehr unter Kontrolle.

Die frage die sich jeder Einzelne stellen sollte:

Wie definiere ich Angst? Das ist enorm wichtig! Leute die mir sehr wichtig waren haben sich von mir abgewendtet....
und dann wirde es immer komplizierter!!

Binneuhier2009
14.09.2016, 07:20
Wenn eine Frau sich dafür entscheiden wollte, das Kind im Kleinkindalter zu Hause zu betreuen - ging nicht, Vorrang hatte die Arbeit. .

Das stimmt nicht so ganz. Eine verheiratete Frau konnte sich durchaus für ein Hausfrauendasein entscheiden. Ich hatte eine Nachbarin, die die ersten drei Jahre mit ihrem Kind zu Hause geblieben ist. Der Mann hat gearbeitet. Die Familie wurde allerdings fast komplett von der Westverwandtschaft gesponsert, alles was über den Grundbedarf hinausging, hatten sie aus dem Westen: Kleidung, Kinderwagen, sogar die Müllbeutel für den Mülleimer. Die Kinder zu Hause zu betreuen, ist meistens daran gescheitert, dass das Gehalt eines Alleinverdieners einfach nicht gereicht hat, um eine Familie anständig zu ernähren.

Mein Kind war ja in der ersten Zeit oft krank und auch eine Weile krippenunfähig. Ich konnte aus wirtschaftlichen Gründen nicht zu Hause bleiben. Wir haben Klimmzüge wegen der Betreuung gemacht. Zum Glück hatte ich einen verständnisvollen Chef, die Oma ist teilweise mit eingesprungen, mein Mann hatte durch seine Schichtarbeit oft in der Woche frei. Da haben wir das irgendwie hinbekommen. Eine Kollegin machte mir Vorwürfe, warum ich nicht ein paar Jahre zu Hause bleibe mit dem kranken Kind. Sie hätte das auch gemacht und hatte drei Kinder. Der Unterschied: Ihr Mann war Professor Dr. Dr. an der Humboldt-Uni, vermutlich hat er gut genug verdient.

Eine andere Kollegin war auch drei Jahre zu Hause mit ihrer Tochter. Das Kind hatte eine chronische Erkrankung und sie wollte nach Wiedereinstieg in den Beruf nur noch sechs Stunden arbeiten. Das ging nicht, kein Weg hat dahin geführt.

Auf der anderen Seite hatte ich eine Kollegin, die immer nur 4 h gearbeitet hat, eine andere 6 h und sie hatte freitags frei. Man konnte nicht nachzuvollziehen, wie da die Kriterien für eine Teilzeitstelle waren.


Wenns dann um solche Dinge ging wie: das Kind ist in der Einrichtung erkrankt, Eltern müssten zum Arzt mit dem Kind - ich weiß von Bekannten, dass der Betrieb nicht angerufen werden durfte mitten in der Arbeitszeit..

Das kenne ich so auch nicht. Wenn ein Kind in der Krippe, im Kindergarten, in der Schule erkrankte, wurden selbstverständlich die Eltern angerufen und mussten dann das Kind sofort abholen. Ist mir selber etliche Male passiert. Eine Kollegin mit etwas älteren Kindern wurde regelmäßig in die Schule beordert, weil eines ihrer Kinder mal wieder einen Unfall hatte.


Berufsverbot: ja, die DKP... Aber Hans Dampf hat es schon angesprochen - Berufsverbot konnte es schon bei viel kleineren Anlässen geben (und auch bei großen Anlässen: Ausreiseantrag).
.

Berufsverbot bei Ausreiseantrag kann ich bestätigen: Bekannte von uns hatten einen Ausreiseantrag zu laufen. Etwa 6 Monate bevor dieser genehmigt wurde, waren beide arbeitslos, da von ihrem Betrieb entlassen und sie haben auch nichts anderes mehr gefunden. Sie haben damals nach und nach die komplette Wohnungseinrichtung verkauft und wurden vom Großvater unterstützt.

Inaktiver User
14.09.2016, 07:31
. Die Kinder zu Hause zu betreuen, ist meistens daran gescheitert, dass das Gehalt eines Alleinverdieners einfach nicht gereicht hat, um eine Familie anständig zu ernähren.

.

Ein "simpler" LPG-Bauer hatte mit Schmutzzulagen und ähnlichem 1.100,- M monatlich netto.
Das hätte locker gereicht um 3 Personen zu ernähren.

Aber die Menschen wollten in der großen Mehrheit gar nicht zu Hause betreuen, was ja auch okay so war wie ich finde. Nicht arbeitende wurden durchaus "schief" angesehen.

Binneuhier2009
14.09.2016, 07:32
Ein "simpler" LPG-Bauer hatte mit Schmutzzulagen und ähnlichem 1.100,- M monatlich netto.
Das hätte locker gereicht um 3 Personen zu ernähren.
.

In den LPGs wurde auch gut gezahlt. In den Betrieben eher nicht. Die DDR bestand nicht nur aus Bauern. Wir sind nur mit zwei Einkommen über die Runden gekommen. Alles andere hätte nicht funktioniert.

Inaktiver User
14.09.2016, 07:35
In den LPGs wurde auch gut gezahlt. In den Betrieben eher nicht.

Kalikumpel hatten ähnlich hohe Einkünfte, dass kann man also nicht verallgemeinern.

Binneuhier2009
14.09.2016, 07:38
Kalikumpel hatten ähnlich hohe Einkünfte, dass kann man also nicht verallgemeinern.

Möglich. Dann sollte aus dem guten Verdienst der Kalikumpel und der LPG-Bauern aber auch nicht verallgemeinert werden, dass der DDR-Durchschnittsbürger gut verdient hat.

Wir hatten in der Stadt drei Großbetriebe, ein Kombinat. Da wurde nicht so gut gezahlt. Ich hatte rund 500 Mark, mein Mann rund 450 Mark . Mein Mann hat rollende Woche gearbeitet. Ich habe in meinem Beruf sogar noch überdurchschnittlich gut verdient. Eine Freundin, die in unserem Lehrbetrieb geblieben ist, bekam noch mal fast 100 Mark weniger.

Inaktiver User
14.09.2016, 07:43
Möglich. Dann sollte aus dem guten Verdienst der Kalikumpel und der LPG-Bauern aber auch nicht verallgemeinert werden, dass der DDR-Durchschnittsbürger gut verdient hat.

.

Das waren in unserer Gegend nun mal die zwei größten "Arbeitgeber". Und die obligatorische Reichsbahn :liebe: natürlich.
Woher soll ich meine Vergleiche auch sonst bekommen, wenn nicht aus gelebter Erfahrung ?

Binneuhier2009
14.09.2016, 09:45
Das waren in unserer Gegend nun mal die zwei größten "Arbeitgeber". Und die obligatorische Reichsbahn :liebe: natürlich.
Woher soll ich meine Vergleiche auch sonst bekommen, wenn nicht aus gelebter Erfahrung ?

Dir ist aber schon klar, dass die DDR nicht nur aus Deiner Gegend bestand? Es ist doch recht seltsam nur aus einen eigenen Erfahrungen in einer bestimmten Gegend auf das Ganze zu schließen.

In meiner Gegend gabs so etwas nicht. LPG schon. Und ja, die haben sehr gut verdient. Die Masse in den Werken aber nicht.

Inaktiver User
14.09.2016, 09:54
Dir ist aber schon klar, dass die DDR nicht nur aus Deiner Gegend bestand? Es ist doch recht seltsam nur aus einen eigenen Erfahrungen in einer bestimmten Gegend auf das Ganze zu schließen.

In meiner Gegend gabs so etwas nicht. LPG schon. Und ja, die haben sehr gut verdient. Die Masse in den Werken aber nicht.

Anbei eine Statistik (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/249254/umfrage/durchschnittseinkommen-in-der-ddr/) des durchschnittlichen Bruttoeinkommens in der DDR zw. 1949 und 1989. Vollzeit.

Binneuhier2009
14.09.2016, 09:55
Die Zahlen dieser Statistik irritieren mich ganz ehrlich. Scheinbar habe ich in einer anderen DDR gelebt.

Paraplumeau
14.09.2016, 11:24
Die Zahlen dieser Statistik irritieren mich ganz ehrlich. Scheinbar habe ich in einer anderen DDR gelebt.

Ich auch.
Zwar ging ich zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch zur Schule (11. Klasse), weiß aber, was meine Eltern verdient haben:

Mutter im Gesundheitswesen: 500 Mark
Vater, Polier auf dem Bau: 1000 Mark

zwei Kinder, Wohnung AWG kostete 110 Mark.

Inaktiver User
14.09.2016, 11:59
Ich auch.
Zwar ging ich zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch zur Schule (11. Klasse), weiß aber, was meine Eltern verdient haben:

Mutter im Gesundheitswesen: 500 Mark
Vater, Polier auf dem Bau: 1000 Mark

zwei Kinder, Wohnung AWG kostete 110 Mark.


Ja, passt doch.
Bei dem Preisniveau welches herrschte, reichte das doch ?

Wie man allerdings, wie hier geschildert, als Mann nur 450,- M mtl. verdienen konnte, ist mir doch etwas seltsam. Da fallen mir eigentlich nur zwei Möglichkeiten ein: Entweder eine "Arbeitsplatzbindung", oder aber irgend ein künstlerischer Beruf.
Ansonsten hätte man doch jederzeit wechseln können. An jedem Betrieb war eine lange "wir stellen ein....." Liste.

Paraplumeau
14.09.2016, 12:07
Ja, passt doch.


Passt aber nicht zur Statistik

Inaktiver User
14.09.2016, 12:13
Passt aber nicht zur Statistik

Die Statistik weist ja auch Bruttolöhne aus. Steuern und Abgaben gabs auch in der DDR. Außerdem ist es wie mit jeder Statistik, dass einige wenige sehr gut verdienende Leute sie "nach oben" ziehen.

Wenn ich immer lese, was hier zu lande der "Durchschnittslohn" ist, frag ich mich auch wer und wo so viel verdient.

Binneuhier2009
14.09.2016, 12:40
Wie man allerdings, wie hier geschildert, als Mann nur 450,- M mtl. verdienen konnte, ist mir doch etwas seltsam.

Weder noch. Heute würde man sagen im IT-Bereich.

Binneuhier2009
14.09.2016, 12:41
Ja, passt doch.
Bei dem Preisniveau welches herrschte, reichte das doch ?.

Du hast die DDR geliebt, oder?

Zum Preisniveau: Wehe, die Waschmaschine ging kaputt oder der Kühlschrank ... dann hatte man ein Problem. Sowas war nämlich teuer.

http://www.ortschronik-briesen-mark.de/ddr_musem/DDR_Preise/index.html

Inaktiver User
14.09.2016, 12:47
Du hast die DDR geliebt, oder?



Nein, ich habe auch die Schattenseiten gesehen. Ich mag nur nicht, dass sie im Nachhinein so komplett schlecht geredet wird.

Binneuhier2009
14.09.2016, 12:49
Nein, ich habe auch die Schattenseiten gesehen. Ich mag nur nicht, dass sie im Nachhinein so komplett schlecht geredet wird.

Ich rede sie nicht schlecht, ich habe sie als schlecht empfunden, für mich war sie schlecht. Ich habe unter diesem System gelitten. Und ich meine nicht nur den (fehlenden) Konsum.

hillary
14.09.2016, 12:53
Die Statistik weist ja auch Bruttolöhne aus. Steuern und Abgaben gabs auch in der DDR. Außerdem ist es wie mit jeder Statistik, dass einige wenige sehr gut verdienende Leute sie "nach oben" ziehen.



Brutto war schon immer anders als netto.
Aber es gab auch Branchen, die besser bezahlt waren als andere.
Das Gesundheitswesen war nicht üppig bezahlt, Verkäuferinnen verdienten auch nicht dolle..
Gut verdient hat die Chemie, der Bergbau, die Stahlindustrie, der Bau war auch nicht das schlechtbezahlteste.
Mein LG hat bei der PGH rund 1000,00 monatlich verdient. (Leistungslöhner)

Ich hatte vor dem Studium als Gebrauchswerber/ Dekorateur bei der HO 550,00 Mark brutto, das war 1981.
Nach dem Studium, 1987, waren es 975,00 brutto. Da kommt das schon fast hin.
Mein Mann war Informatiker(FH) der hatte 890,00 brutto. Allerdings lebten wir in Berlin, das war nicht der durchschnitt der Republik.

Meine Mom hat lange Teilzeit gearbeitet (mein Bruder war als Kind viel krank), die hatte 470,00 brutto, merkt man heut an der Rente. Mein Vater war in seinem Beruf privilegiert, der hatte neben dem Grundgehalt, die Spesen, da er sehr oft unterwegs war.

Und ich kannte einen Haufen Leute, die als Feierabendbrigade unterwegs waren, also quasi Zweitjob, und da noch mal Geld verdient haben. Ob das jetzt legal oder Illegal war, weiß ich allerdings nicht.

Binneuhier2009
14.09.2016, 12:55
Und ich kannte einen Haufen Leute, die als Feierabendbrigade unterwegs waren, also quasi Zweitjob, und da noch mal Geld verdient haben. Ob das jetzt legal oder Illegal war, weiß ich allerdings nicht.

Das hat mein Vater auch gemacht. Bei ihm war es legal, das war vom Betrieb organisiert - zumindest in seinem Fall.

hillary
14.09.2016, 13:10
Danke binneuhier. :blume:
Ich weiß noch, dass Handwerker auch damals schon Nachwuchsprobleme hatten, private durften entweder nicht ausbilden oder zahlten ziemlich schlecht, wollen wir auch nicht vergessen.
Viele Betriebe hatten Betriebshandwerker und ich kann mir vorstellen, dass das Wohnungsbauprogramm, speziell Ausbau und Instandhaltung ohne die Feierabendleute gleich ganz und gar nicht geschafft worden wäre. Vielleicht sind diese "Löhne" ja mit in der Statistik?

Inaktiver User
14.09.2016, 13:13
Ich weiß noch, dass Handwerker auch damals schon Nachwuchsprobleme hatten, private durften entweder nicht ausbilden oder zahlten ziemlich schlecht, wollen wir auch nicht vergessen.


Handwerker hatten "offiziell" einen schlechten Verdienst :freches grinsen:

Aber gerade bei dieser Fraktion traf der Spruch "Handwerk hat goldenen Boden" wohl mehr als direkt zu. Privat war ohne blaue Fliesen kaum einer zu bekommen.

Inaktiver User
14.09.2016, 13:20
Mein Herzblatt verdiente als Schreinermeister im 3 Schichtbetrieb 850 Mark
Er ging gern und viel aus. Die Kultur des Nachtlebens damals vermisst er heute etwas. Bei den Preisen heutzutage in den Bars und Tanzlokalen kann man sich trotz höherem Einkommen als damals, nicht so ein ausschweifendes Nachtleben leisten wie in seiner " Jugend bis 36" Das ist aber auch alles was ihn ein wenig wehmütig an DDR Zeiten denken lässt.

Inaktiver User
14.09.2016, 13:26
Ich werd jetzt mal ganz konkret. Ich hatte als Montiererin(Facharbeiter) einen Stundenlohn von 3,85. Zusätzlich den einen Haushaltstag, an dem man nur 8,75 verdiente, weil Tariflohn eine Mark die Stunde.
Das macht bei 8,75 Stunden am Tag und 21 Arbeitstagen ein Brutto von bisschen über 700 Mark. Netto raus waren das nicht ganz 600 Mark. Plus 20 Mark Kindergeld für jedes Kind. Das war schon mehr als für den Job in der Zeitungsredaktion, wo ich pauschal 560 brutto hatte, das waren nach Abzug von 10 % Versicherung und 11% Steuern und 3% obligatorischem Gewerkschaftsbeitrag 425 Mark. In Berlin, ich weiss nicht, was in der Zone verdient wurde. Davon ab kamen 35 Mark Miete, rund 50 Mark für Strom und Gas, 127 Mark Kreditraten, 35 Mark für die Krippe, 10 Mark für den Kindergarten, 10 Mark für Rundfunk und Fernsehen, 12, 50 für die Monatskarte. 50 Mark musste ich jeden Monat weglegen für Kohlen, rund 60 Mark im Jahr kostete mein Schrebergarten mit Pacht und Strom und Vereinsgebühr.
Kann sich jeder ausrechnen, was ich da übrig hatte.

hillary
14.09.2016, 13:44
Handwerker hatten "offiziell" einen schlechten Verdienst :freches grinsen:

Aber gerade bei dieser Fraktion traf der Spruch "Handwerk hat goldenen Boden" wohl mehr als direkt zu. Privat war ohne blaue Fliesen kaum einer zu bekommen.

Das hat wortwörtlich auf den Fliesenleger zugetroffen und auf den KFZ-Mechaniker, beim Rest...?
Bäcker, Fleischer, Schneider, Klempner, Dachdecker, Pflasterer ...

klar hat Handwerk goldenen Boden - aber es heißt Hand werk!
sieht heut mit dem Nachwuchs nicht besser aus *seufz*

Binneuhier2009
14.09.2016, 13:52
In Berlin, ich weiss nicht, was in der Zone verdient wurde.

:blume: Irma, es gab den Berliner Tarif. Da hat man etwas mehr verdient als im restlichen Land. Ich hatte das Glück - obwohl nicht in Berlin ansässig - auch nach Berliner Tarif bezahlt zu werden. Das kam daher, weil ich in einem Kombinat beschäftigt war. Die Verwaltung hat den Berliner Tarif bekommen.

Inaktiver User
14.09.2016, 14:00
Bäcker, Fleischer, Schneider, Klempner, Dachdecker, Pflasterer ...

Stimmt. Bis kurz vor der Wende habe ich als Verkäuferin in einer privaten Bäckerei gearbeitet. 6 Tage die Woche, sechs Stunden, entweder früh oder spät. Wir hatten zwar montags zu, dann musste man aber putzen oder in der Backstube helfen, Äpfel schälen oder Pflaumen entsteinen. Gab jeden Samstag 120 Mark bar auf die Kralle. Ich hatte zu der Zeit schon drei Kinder und mein zweiter Mann war beim Bund. Da haben uns manchmal nur die Naturalien, die ich abstauben konnte über Wasser gehalten.
Mein Vater war Gärtner, Polier in einem städtischen Gartenbaubetrieb. Der hat auch nur knapp 800 Mark verdient. Der ist jedes Wochenende seine privaten Gartenpflegestellen abgeklappert, hat Bäume geschnitten für 10 Mark.

hillary
14.09.2016, 14:40
@Irma,

ja so in etwa kenne ich das auch.

@binneuhier,
ich finde es interessant, wie unterschiedlich es war und noch mal wie es jeder wahrgenommen hat.

Kennst du noch den Spruch über das Einkaufen?
Nee, nicht den was Konsum bedeutet :freches grinsen:

sondern den hier (auch wenn er einen bitteren Nachgeschmack hat)
In Berlin gehen Hausfrauen einkaufen, im Rest der Republik auf Nahrungssuche.

Ich bin in Ost-Berlin erwachsen geworden, nicht aufgewachsen und ich erinnere mich halt oft mehr an diese Jahre.
Ich weiß, das in den letzten Jahren in der U-Bahn, die Leute sich offen über Missstände unterhielten oder Witze machten und die Leute verschwanden nicht urplötzlich auf Nimmerwiedersehen.
Ich mag mich ja komplett täuschen, aber das mit der Stasi hat doch eigentlich nur funktioniert, wenn es einen gab, der angeschwärzt hat. Im Studium habe ich das mal mit der Gestapo verglichen, alle guckten mich entsetzt an, aber passiert ist nix.

Binneuhier2009
14.09.2016, 15:23
[I]In Berlin gehen Hausfrauen einkaufen, im Rest der Republik auf Nahrungssuche.


Ja, den kenne ich.

Wir haben zum Glück nicht allzu weit von Berlin entfernt gewohnt und meine Eltern sind ca. alle vier bis sechs Wochen zum Einkauf hingefahren. In der Kaufhalle im Centrum-Warenhaus haben wir dann "zugeschlagen". Ich kann mich dunkel an Kakaomilch im Tetrapack erinnern .... ich glaube, einmal gabs sogar Fischstäbchen. :freches grinsen:Ab und zu hatten wir Glück und haben in der Markthalle Weintrauben, Bananen oder Apfelsinen ergattern können.

Ich bin später, als ich ein Kind hatte, auch oft nach Berlin zum Klamottenkauf gefahren. Da gabs einfach andere Sachen. Und den Sportwagen fürs Kind hatten wir auch aus Berlin. Bei uns gabs - zumindest das Modell, das ich wollte - nicht zu kaufen. Mein Mann hat den damals mal von einer Dienstreise nach Berlin mitgebracht.

Dort wo ich wohnte, haben wir uns in der Regel auch frei unterhalten können. Wir haben (fast) alle Westfernsehen geguckt. Es gab natürlich Ausnahmen. Ich wurde allerdings mal angeschwärzt. Das war später, da habe ich schon gearbeitet und mich geweigert, an der FDJ-Arbeit des Betriebes teilzunehmen. Die Gespräche, die dann mit mir geführt wurden, waren gar nicht lustig. Aber ich bin standhaft geblieben.

Während dieser Zeit wurde ich ständig von einem Auto verfolgt. Das war keine Pranoia, das haben andere auch mitbekommen. Das Auto war irgendwie immer dort, wo ich war. Das war jemand von der Stasi (wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe). Irgendwann hat das dann aber auch aufgehört.

VanDyck
14.09.2016, 15:36
Nein, ich habe auch die Schattenseiten gesehen. Ich mag nur nicht, dass sie im Nachhinein so komplett schlecht geredet wird.Ich denke ja, dass man die ehemalige DDR gar nicht richtig erfassen kann, wenn man sich auf der Ebene 'es-war-nicht-alles-schlecht' bewegt; gleiches gilt jedoch auch für den Denkansatz, wenn man die DDR ausschließlich, bzw. ganz vorwiegend nur als sogenannten Unrechtsstaat wahrnimmt.


Ich mag mich ja komplett täuschen, aber das mit der Stasi hat doch eigentlich nur funktioniert, wenn es einen gab, der angeschwärzt hat.Zum Thema Stasi ergänzend folgendes:

Gem. Kapitel 'Inoffizieller Mitarbeiter' bei Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Inoffizieller_Mitarbeiter) gab es Ende der 80er Jahre 189.00 IM's - somit kam auf 89 DDR-Bürger ein IM.
Das ist jedoch nur ein unvollständiges Bild.
Die Stasi selbst führte auch Akten über sogenannte (auskunftswillige) "Auskunftspersonen" = AKP im Stasijargon:

Stichproben aus Karteien in Rostock und Saalfeld zeigen, dass ca. 18 % bzw. 5,9 % der Bevölkerung als überwiegend gesprächsbereite AKP erfasst waren. D. h., allein die AKP machten in diesen Kommunen ein Vielfaches der Zahl der IM aus.

Darüber hinaus gab es noch das Potenzial für weitere Informanten:

Es gab auch weitere Informanten und Kooperationspartner. In Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) hielt das MfS Kontakt zu ‚guten Menschen‘, Personen die bereit waren, dem MfS zu helfen.

Kurzum: es ist davon auszugehen, dass mindestens 1 Million DDR-Bürger (man denke in diesem Zusammenhang auch an die 1,7 Millionen SED-Mitglieder) sehr wahrscheinlich mindestens ein Mal in ihrem Leben, auf direkte oder indirekte Weise der Stasi zugearbeitet haben.

VanDyck

Binneuhier2009
14.09.2016, 15:43
Kurzum: es ist davon auszugehen, dass mindestens 1 Million DDR-Bürger (man denke in diesem Zusammenhang auch an die 1,7 Millionen SED-Mitglieder) sehr wahrscheinlich mindestens ein Mal in ihrem Leben, auf direkte oder indirekte Weise der Stasi zugearbeitet haben.



Das erinnert mich an einen Anruf, den ich mal im Büro bekam. Eine Kollegin aus einem anderen Bereich rief mich an, mit der ich eigentlich nichts zu tun hatte. Wir kannten uns, weil wir zusammen unsere Ausbildung gemacht hatten, der Kontakt war aber abgebrochen. Sie wollte mich über eine Kollegin aus meinem engeren Kreis ausfragen, eine Genossin übrigens. Nach dem Motto: "Stimmt es, das Frau X geschieden ist und jetzt einen neuen Freund hat?" Irgend etwas auf privater Ebene.

Von mir hat sie keine Auskunft bekommen, ich habe die Ahnungslose gegeben. Da denke ich bis heute, dass diese Neugier nicht von ungefähr kam.

hillary
14.09.2016, 15:50
Während dieser Zeit wurde ich ständig von einem Auto verfolgt. Das war keine Pranoia, das haben andere auch mitbekommen. Das Auto war irgendwie immer dort, wo ich war. Das war jemand von der Stasi (wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe). Irgendwann hat das dann aber auch aufgehört.

Das glaube ich dir, ähnliches hat mein Vater mal erzählt. Ich hatte eine Schulfreundin, deren Mutter die Ausreise beantragt hatte und ich blieb bis zur Ausreise mit ihr befreundet. Da mein Vater teils von zuhause arbeitete, fielen ihm die Herren, die die Auslagen im Gemüsegeschäft gegenüber ausgiebig anschauten auch ins Auge. Als besagte Freundin ausgereist war, interessierte sich auch keiner mehr für die Sauerkrautgläser.
Aber direkt auf uns zugegangen ist nie einer.

hillary
14.09.2016, 17:14
Kurzum: es ist davon auszugehen, dass mindestens 1 Million DDR-Bürger (man denke in diesem Zusammenhang auch an die 1,7 Millionen SED-Mitglieder) sehr wahrscheinlich mindestens ein Mal in ihrem Leben, auf direkte oder indirekte Weise der Stasi zugearbeitet haben.

VanDyck

So hart das jetzt klingt, aber wenn du im Osten aufgewachsen wärest, könntest du mit Sicherheit ausschließen, das dich einer ausgehorcht hat?
Das wage ich mich nicht. Ich hoffe allerdings, das es nicht so war.

VanDyck
15.09.2016, 09:28
... aber wenn du im Osten aufgewachsen wärest, könntest du mit Sicherheit ausschließen, das dich einer ausgehorcht hat? Nein, natürlich hätte ich das nicht ausschließen können - in diese Richtung zu denken, war auch nicht die Intention meines letzten Beitrages.
Eher wollte ich auch folgendes ausdrücken: es gab in der DDR eine beachtliche Minderheit von Leuten, die mit dem System als solches im Grunde voll und ganz einverstanden waren. Diese Minderheit schätze ich (aus verschiedenen Gründen) auf ca. 20%.
Nimmt man dann noch den Anteil der Bevölkerung hinzu, die mit vielen Dingen einverstanden waren, mit anderen Dingen wiederum (fast) gar nicht, dann komme ich auf einen Anteil von mindestens 50% aller DDR Bürger - und das wiederum bedeutet aus meiner Sicht, dass der Anteil derjenigen, die mit (fast) allem NICHT einverstanden waren, in der Minderheit war. Letzteres hat sich ganz offensichtlich dann aber Mitte bis Ende der 80er Jahre gewandelt.

VanDyck

Inaktiver User
15.09.2016, 09:41
...und das wiederum bedeutet aus meiner Sicht, dass der Anteil derjenigen, die mit (fast) allem NICHT einverstanden waren, in der Minderheit war. Letzteres hat sich ganz offensichtlich dann aber Mitte bis Ende der 80er Jahre gewandelt.

VanDyck

Ich werfe mal hier in den Raum, dass die DDR immer noch bestehen würde, hätte es die vermaleidete geschlossene Grenze nicht gegeben. Diese Art von Eingesperrt-Sein macht jedes System ausgesprochen unattraktiv. Es nimmt einem Bürger den Raum zum Atmen, und wirtschaftlich gesehen dem Staat Möglichkeiten zum Agieren. Mit der Grenzschließung begann der Countdown.

Paraplumeau
15.09.2016, 09:43
Ich werfe mal hier in den Raum, dass die DDR immer noch bestehen würde, hätte es die vermaleidete geschlossene Grenze nicht gegeben.

Nein, das denke ich nicht.
Die DDR als solche war nur mit der geschlossenen Grenze denkbar, ihr wäre sonst das Volk ausgegangen.

VanDyck
15.09.2016, 10:33
Ich werfe mal hier in den Raum, dass die DDR immer noch bestehen würde, hätte es die vermaleidete geschlossene Grenze nicht gegeben.Das denke ich eher nicht.
Kurz vor dem Mauerbau war die DDR am Rande des ökonomischen Kollaps.

Aus dem Wiki-Kapitel "Berliner Mauer' (https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer#1959.E2.80.931961) zitiere ich mal einen längeren Abschnitt:

1959–1961
...
Während dieser drei Jahre (1959–1961) spitzte sich zudem die Lage wieder zu, die DDR geriet auf fast allen Gebieten in eine erneute, aber noch tiefere Krise als 1952/1953. Bei der ersten Krise in der DDR von 1952 bis 1953 sprang die UdSSR noch ein und verzichtete auf einen Teil von Zahlungen beispielsweise bei der Übergabe der Sowjetische Aktiengesellschaften an die DDR, leistete zusätzliche Lieferungen von Getreide, Erz und Koks. Nach dem Volksaufstand erfolgte noch ein weiterer Verzicht auf Zahlungen und es kam erneut zu Warenlieferungen. Jedoch bei der jetzigen Krise, entstanden unter anderem durch Fehler bei der Kollektivierung der Landwirtschaft, blieb eine Unterstützung der Sowjetunion für die DDR durch zusätzliche Lieferungen oder Zahlungen aus.[13][14] Die Informationen zur Krise sind unter anderem selbst durch Meldungen des MfS an die Partei- und Staatsführung dokumentiert.[15]

Ein weiteres Problem waren die sogenannten „Grenzgänger“, deren Zahl im Frühjahr 1961 einen Höchststand erreichte. Etwa 50.000 Ost-Berliner und Bewohner des Umlands arbeiteten legal in Westsektoren Berlins, wo ihnen ein Teil ihres Arbeitseinkommens in D-Mark-West ausgezahlt wurde. Im Unterschied zu ihren Mitbürgern in der DDR konnten sie dadurch Urlaubsreisen nach Westdeutschland oder ins westliche Ausland sowie die Anschaffung hochwertiger „Westwaren“ finanzieren.
...
Zudem stieg in diesen letzten Jahren vor dem Mauerbau die Zahl der Flüchtlinge in den Westen – auch von gut ausgebildeten Fachkräften – rapide an,[19] was die ökonomische Krise der DDR erheblich verstärkte. Die Hälfte der Flüchtlinge war unter 25 Jahre alt. Der Mangel an Arbeitskräften war inzwischen so schwerwiegend, dass die DDR gefährdet war, ihre Wirtschaft nicht mehr aufrechterhalten zu können, denn allein im Ostteil Berlins fehlten 45.000 Arbeitskräfte. Der DDR drohte sowohl ein personeller wie intellektueller Aderlass.[20] Diese Fluchtwelle erreichte 1961 ebenfalls Höchstwerte.[21] Im Monat Juli waren es schon 30.000 und am 12. August 1961, also an einem einzigen Tag, flüchteten 3.190 Personen.[19]
Hervorhebungen durch Fettdruck sind von mir.

VanDyck

Paraplumeau
15.09.2016, 10:43
Flucht der Fachkräfte:

Ich kann mich noch sehr gut an den Sommer und den Herbst 1989 erinnern, kein Wunder, es war eine so prägende Zeit in meiner Biografie.

Die Lücken in der Versorgung von Patienten in den Altersheimen, in den Krankenhäusern wurde immer größer, so viele Ärzte und auch Krankenschwestern verließen über Ungarn und die CSSR das Land.

Fast jedes Wochenende halfen Schüler(!!!) in den Altersheimen, die Betreuung notdürftig aufrecht zu erhalten. Wir haben dafür kein Geld erhalten.

Auch erinnere ich mich daran, dass wir im Tierpark Berlin geholfen haben, weil durch die Massenflucht die Versorgung der Tiere nicht mehr gewährleistet war.

In andere Bereiche habe ich wenig Einblick gehabt, gehe aber davon aus, dass es ähnlich dramatisch gewesen ist..

VanDyck
15.09.2016, 11:06
@ Paraplumeau: Interessant. Danke für die Infos - was du da so erlebt hast. :smile:

VanDyck

Inaktiver User
15.09.2016, 21:51
Ich denke ja, dass man die ehemalige DDR gar nicht richtig erfassen kann, wenn man sich auf der Ebene 'es-war-nicht-alles-schlecht' bewegt; gleiches gilt jedoch auch für den Denkansatz, wenn man die DDR ausschließlich, bzw. ganz vorwiegend nur als sogenannten Unrechtsstaat wahrnimmt.


Ich nehme die DDR vor allem als Diktatur wahr. Gleichschaltung (zumindest versuchte) auf allen Gebieten.
Wobei die Einschränkung der persönlichen Freiheit für mich das Hauptmerkmal ist. Der Konsum spielt dann auch irgendwann als Folge eine Rolle, aber für mich persönlich ist dies sekundär.
Wenn etwas "gut" war, dann immer unter dem Aspekt: es dient der "sozialistischen" Gesellschaft. Das "Gute" hatte immer einen politischen Hintergedanken. Deswegen kann ich nichts als gut heißen, was in der DDR ablief.

Mal abgesehen davon - es gibt immer mal wieder Leute, die sagen: dieses und jenes war aber in der DDR besser. Diese Leute vergessen dabei, dass sie damals niemals hätten einen schönen Wagen aller paar Monate leasen können oder zweimal im Jahr ins Land ihrer Wahl hätten reisen können.
(Für diese Menschen ist die obengenannte persönliche Freiheit ohnehin nur ein Hirngespinst, mit dem sie nichts anfangen können.)

Inaktiver User
15.09.2016, 21:59
Eher wollte ich auch folgendes ausdrücken: es gab in der DDR eine beachtliche Minderheit von Leuten, die mit dem System als solches im Grunde voll und ganz einverstanden waren. Diese Minderheit schätze ich (aus verschiedenen Gründen) auf ca. 20%.
Nimmt man dann noch den Anteil der Bevölkerung hinzu, die mit vielen Dingen einverstanden waren, mit anderen Dingen wiederum (fast) gar nicht, dann komme ich auf einen Anteil von mindestens 50% aller DDR Bürger - und das wiederum bedeutet aus meiner Sicht, dass der Anteil derjenigen, die mit (fast) allem NICHT einverstanden waren, in der Minderheit war. Letzteres hat sich ganz offensichtlich dann aber Mitte bis Ende der 80er Jahre gewandelt.

Tja. Es gab aber mit Sicherheit auch einen ganz großen Anteil von Leuten, die erstmal verstehen mussten, was da eigentlich abläuft in der DDR. Das ist etwas schwierig, wenn man nichts anderes kannte und einem von Kindesbeinen an eingebleut wurde, was gut und was schlecht ist in dieser Welt. Wenn man gar nicht die Möglichkeit hatte, was anderes kennen zu lernen.
In den 80er Jahren wurde dann eine Schmerzgrenze überschritten....

VanDyck
15.09.2016, 22:30
@ Pacifique:
Ich will deinen Sätzen in deinen letzten zwei Beiträgen nicht widersprechen, bzw. stimme im Grunde zu.
Ich versuche immer, die ehemalige DDR in ihrer Existenz aus den verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten.

VanDyck

HansDampf
19.09.2016, 12:31
Ich werfe mal hier in den Raum, dass die DDR immer noch bestehen würde, hätte es die vermaleidete geschlossene Grenze nicht gegeben. Diese Art von Eingesperrt-Sein macht jedes System ausgesprochen unattraktiv. Es nimmt einem Bürger den Raum zum Atmen, und wirtschaftlich gesehen dem Staat Möglichkeiten zum Agieren. Mit der Grenzschließung begann der Countdown.

Die DDR befand sich immer in einem Dilemma. Als Weltanschauungs-Gesellschaft war sie stark ideologisiert, d.h. sie wollte und brauchte die lautstarke Zustimmung der Bevölkerung. Wohlstand als Grund für Zustimmung war aber ein zweischneidiges Schwert, denn man wollte sich ja qualitätiv vom wohlhabenden Westen unterscheiden.
Ende der 50er Jahre aber nahm die Zustimmung im Lande rapide ab, die wirtschaftliche Situation wurde schlechter. Es gingen mehr Leute weg, vor allem die Leistungswilligen und Fähigen.

Ohne Mauer wäre die DDR mittelfristig ausgeblutet.
Mit Mauer versank die DDR langfristig in Agonie, Isolation und Rückständigkeit (nicht umsonst bezeichnete man die DDR als die höchstentwickelte Form der Unterentwicklung).

Der reale Sozialismus a la Lenin hatte so gesehen nie eine wirkliche Zukunftschance in Deutschland, dazu waren den Menschen in Mitteleuropa die politischen Rechte und der gewünschte Wohlstand zu wichtig. Die DDR konnte beides nicht geben, also war ihre Legitimation irgendwann aufgebraucht. Sie hätte nur als knallharte Diktatur a la Stalin eine Chance gehabt, dies hätte aber der europäischen Tradition der Arbeiterbewegung komplett widersprochen.

Hans

HansDampf
19.09.2016, 12:43
In seinem sehr lesenswerten Buch "Die Ostdeutschen" hat Wolfgang Engler die Situation in der DDR als "ein Paradies für Arbeiter beschrieben, welches eine außerordentliche ökonomische Unsinnigkeit darstellte".

Soziale Sicherheit, niedrige Lebenshaltungskosten, ein sicherer Arbeitsplatz, ein Dach über dem Kopf, kaum Sanktionierung von Faulheit und Schlendrian - all das macht das Leben gefahrlos und angenehm, hat aber einen gravierenden ökonomischen Preis. Ein solches Leben im sozialen Schlaraffenland schafft sich selber ab, durch fehlende ökonomische Leistungsfähigkeit, fehlende Innovation.

Die Abschaffung von Leistungsdruck und Existenzangst, aber auch von materiell getriggertem Ehrgeiz setzt eben nicht massenhaft Produktivkräfte frei, wie Marx und Lenin und Honecker glaubten. Wie der Affe im Zoo wird der Mensch bei Dauerfütterung träge oder selbstzerstörerisch. Das Menschenbild war zu optimistisch, Korrekturen daran waren aus ideologischen Gründen verpönt.

Hans

silverkroko
19.09.2016, 12:44
Ich war ja seit Mitte der 70er Jahre mittelbar involviert. Erster persönlicher Besuch in der Dädera Anfang der 80er Jahre. ES waren im wahrsten Sinne unterschiedliche WELTEN. Mehr als einmal habe ich Bauklötze gestaunt! Und genau aus diesem Grunde habe ich die Mauer-Öffnung einerseits mit Freude begrüßt. andererseits die weitere Entwicklung mit einer gehörigen Portion Distanz verfolgt, gerade in Bezug wie sich die "Sippschaft" untereinander verhalten hat. DAS war zum Teil Commedy PUR.

NUR wenn ich mir jetzt die Gesamt-Deutsche Lage im Moment anschaue, dann ist es wieder genauso. Das Gesamtkonstrukt BRD funktioniert doch hinten und vorne nicht. Hat erschreckende, abstossende Züge.....:ooooh:

HansDampf
19.09.2016, 15:25
Ich war ja seit Mitte der 70er Jahre mittelbar involviert. Erster persönlicher Besuch in der Dädera Anfang der 80er Jahre. ES waren im wahrsten Sinne unterschiedliche WELTEN. Mehr als einmal habe ich Bauklötze gestaunt! Und genau aus diesem Grunde habe ich die Mauer-Öffnung einerseits mit Freude begrüßt. andererseits die weitere Entwicklung mit einer gehörigen Portion Distanz verfolgt, gerade in Bezug wie sich die "Sippschaft" untereinander verhalten hat. DAS war zum Teil Commedy PUR.

NUR wenn ich mir jetzt die Gesamt-Deutsche Lage im Moment anschaue, dann ist es wieder genauso. Das Gesamtkonstrukt BRD funktioniert doch hinten und vorne nicht. Hat erschreckende, abstossende Züge.....:ooooh:

Ich will dir deinen Pessimusmus nicht nehmen, aber...

Es gibt in meinen Augen einen wesentlichen Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Erstere ist ein pragmatisches Gebilde mit hoher Dynamik und einer starken Öffentlichkeit, letztere war ein ideologisches Gebilde ohne wirkliche Öffentlichkeit und damit fehlender gesellschaftlicher Dynamik.
Wirtschaftskrisen (Z.B. Ölkrise), Notstandsgesetzgebung, APO und 68, Waldsterben und Wiedervereinigung, Terrorismus und Klimakatastrophe - es gibt immer einen Grund, schwarz zu sehen. Im Nachhinein erscheint aber der Pessimismus als nicht angemessen, es wurden Lösungen gefunden und die Gesellschaft hat sich geändert und angepasst. Daher finde ich schon, dass das Gesamtkonstrukt BRD funktioniert, nicht optimal, aber recht ordentlich. Es steckt keine große Utopie hinter unserem Handeln - zum Glück! Sondern nur die tägliche Lösung vieler komplexer Probleme, mal besser, mal schlechter. Wir reden über unsere Probleme. Diesen ersten Schritt hat es in der Geschichte der DDR nie gegeben und damit war jede Hoffnung auf Veränderung vergebens.

Hans

Sprachlos
19.09.2016, 15:49
Ein solches Leben im sozialen Schlaraffenland schafft sich selber ab, durch fehlende ökonomische Leistungsfähigkeit, fehlende Innovation.
Tja, ich weiß nicht. Das wäre jetzt eine völlig sinnlose Diskussion, weil nicht beweisbar.
Manchmal denke ich, klar, der Kapitalismus bringt mehr Wachstum hervor. Aber wofür, wenn es nicht allen Menschen zugute kommt? Insofern habe ich mich in letzter Zeit schon öfter mal gefragt, was wäre, wenn ein Sozialismus der diesen Namen verdient nicht gegen dieses andere Gesellschaftssystem anzutreten hätte, sondern meinetwegen weltweit ein System bestünde, das Wachstum nicht nur um seiner selbst willen generiert, dafür langsamer und menschenfreundlicher? Rein rhetorisch diese Frage, versteht sich ... :smirksmile:

Nichtsdestotrotz halte ich diese BRD immer noch für besser als ihren Ruf, das kleinere Übel sozusagen.

hillary
19.09.2016, 18:10
@sprachlos,
ich glaube das bleibt eine Utopie.

Ich bin mir mit Hans in vielen Dingen nicht einig, weil ich eben anders empfunden habe, was sicher am familiären Background lag, aber bei dem hier, bin ich geneigt zuzustimmen.


Die Abschaffung von Leistungsdruck und Existenzangst, aber auch von materiell getriggertem Ehrgeiz setzt eben nicht massenhaft Produktivkräfte frei, wie Marx und Lenin und Honecker glaubten. Wie der Affe im Zoo wird der Mensch bei Dauerfütterung träge oder selbstzerstörerisch. Das Menschenbild war zu optimistisch, Korrekturen daran waren aus ideologischen Gründen verpönt

Ich mache allerdings auch heute noch die Erfahrung, das bei manchen Menschen gar nichts hilft, sie aus der Hängematte zu kriegen. Es sind die "gleichen" wie früher. Aus meiner Klasse sind Anfang der 90er viele in die alten Länder gegangen.
Der größte Teil ist wieder da. Begründungen diverse.
Allerdings wünschen sich auch die, die es nirgendwo so richtig hinbekommen haben, die DDR auch nicht wieder zurück, denn nicht arbeiten - war asozial. Und es gab keinerlei staatliche Unterstützung, außer einen Paten oder gar Bewährungshelfer, der sich drum zu kümmern hatte, das der "Labile" morgens um 7 Uhr wenigstens auf der Arbeit erschien, aber ohne eiapopeija.
Sorry.

Inaktiver User
20.09.2016, 05:20
...... denn nicht arbeiten - war asozial. Und es gab keinerlei staatliche Unterstützung....

Gab es nicht, zumindest in den 80-er , diese obligatorischen 5 oder 10 Mark pro Tag für solche die absolut nicht wollten?
Bei uns standen die dann immer am Bahnhof an so einer Bratwurstbude und haben die "Stütze" in flüssiges verwandelt.

Sprachlos
20.09.2016, 08:29
@sprachlos,
ich glaube das bleibt eine Utopie.
Ich weiß es nicht, du auch nicht. :smirksmile:

Ich mache allerdings auch heute noch die Erfahrung, das bei manchen Menschen gar nichts hilft, sie aus der Hängematte zu kriegen.
Kann schon sein, aber andererseits mache ich die Erfahrung, dass die Mehrzahl der Menschen einen Beitrag leisten will. Nur ist das, was manche leisten können, eben oft nicht das, was heute als Leistung empfunden und (materiell) anerkannt wird. Ich kann mir schon vorstellen, dass das demotivierend ist (und ich meine damit eine Demotivation, die schon ganz zeitig beginnt, mitunter schon im Vorschulalter und ggf. auch "vererbt" wird, von Eltern, die es schon nicht anders kannten).

Da Leistung im jetzigen System immer härter definiert wird, fallen immer mehr leistungwillige Menschen durch´s Raster (auch spürbar an einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen). Ich kann mir vorstellen, dass uns das auch mal auf die Füße fallen könnte, falls da nicht energisch gegengesteuert wird.


Allerdings wünschen sich auch die, die es nirgendwo so richtig hinbekommen haben, die DDR auch nicht wieder zurück, ...
Wer sich die DDR zurückwünscht, hat überhaupt nichts verstanden, sondern sieht Vergangenheit einfach nur verklärt.

Inaktiver User
20.09.2016, 08:42
Wer sich die DDR zurückwünscht, hat überhaupt nichts verstanden, sondern sieht Vergangenheit einfach nur verklärt.

Putin hat mal was schönes gesagt, was dazu auch passen könnte: "Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie wieder haben will, hat kein Hirn" :freches grinsen:

hillary
20.09.2016, 09:26
Gab es nicht, zumindest in den 80-er , diese obligatorischen 5 oder 10 Mark pro Tag für solche die absolut nicht wollten?

Ich glaube mich zu erinnern, aber das ist jetzt nicht der Weisheit letzter Schuss, gab es "Krankengeld", für schwere Alkoholiker, das dann zur Frühverrentung führte.
Ich selber war mal zwischen zwei Arbeitsstellenwechseln, 10 Tage ohne Job, da gab es nix. Ich musste mich allerdings auf dem Amt für Arbeit melden, das es auf Kreisebene auch gab. Da wurde ich befragt, wieso die 14 tage ohne Job und belehrt, dass ich mir schnellstmöglich einen Job zu suchen hätte. Den hatte ich schon, aber eben erst zum Monatsersten und aus der alten Firma war ich weg, weil es auch schon zu DDR-Zeiten Mobbing gab.

Nachtrag,
als ich dann nach Ost-Berlin zog, war ich erschrocken, Menschen zu sehen, die in Papierkörben und Mülltonnen wühlten. Gut, sie suchten nur nach Flaschen, aber das "haste mal ne Mark?" kam da auch schon vor, kannte ich aus der Provinz überhaupt nicht.

herbstblatt7
20.09.2016, 09:28
Putin hat mal was schönes gesagt, was dazu auch passen könnte: "Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie wieder haben will, hat kein Hirn" :freches grinsen:

Ich finde dies einen erschütternd schönen Spruch.

hillary
20.09.2016, 09:37
Putin hat mal was schönes gesagt, was dazu auch passen könnte: "Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie wieder haben will, hat kein Hirn" :freches grinsen:
:smile:

herbstblatt7
20.09.2016, 09:54
@ Sprachlos,

ich finde, Du hast das in Deinem letzten Beitrag sehr treffend gesagt.

HansDampf
20.09.2016, 15:25
Tja, ich weiß nicht. Das wäre jetzt eine völlig sinnlose Diskussion, weil nicht beweisbar.
Manchmal denke ich, klar, der Kapitalismus bringt mehr Wachstum hervor. Aber wofür, wenn es nicht allen Menschen zugute kommt? Insofern habe ich mich in letzter Zeit schon öfter mal gefragt, was wäre, wenn ein Sozialismus der diesen Namen verdient nicht gegen dieses andere Gesellschaftssystem anzutreten hätte, sondern meinetwegen weltweit ein System bestünde, das Wachstum nicht nur um seiner selbst willen generiert, dafür langsamer und menschenfreundlicher? Rein rhetorisch diese Frage, versteht sich ... :smirksmile:

Nichtsdestotrotz halte ich diese BRD immer noch für besser als ihren Ruf, das kleinere Übel sozusagen.

Sprachlos,

ein naheliegender Gedanke, der aber voraussetzt, dass so etwas wie ein Sozialismus, der diesen Namen verdient, eine stabile Existenzform wäre.

Woran sind bisher alle Versuche, Gesellschaften ohne Macht und Ausbeutung zu errichten (im kleinen (z.B. Komunen) wie im großem) gescheitert? Wirkich an den Einwirkungen von außen, den Störungen, dem Feind? Oder nicht doch am menschlichen Wesen, welches kein unbeschriebenes Blatt ist und für das daher nicht gilt "Das Sein bestimmt restlos das Bewusstsein"?

Würden in einer Gesellschaft ohne Druck, ohne Wachstumsfetischismus, ohne Konkurrenz wirklich Rücksichtslosigkeit, Aggression, Neid einfach so verschwinden?

Menschen sind unterschiedlich, von Geburt an. Viele unserer Charaktereigenschaften sind uns in die Wiege gelegt. Der Mensch ist ambivalent, in seinem Verhalten nicht immer rational. Häufig kommt es auch in einer Gruppe von Idealist im Laufe der Zeit zu allzumenschlichem Verhalten.

Selbst komplett isolierte Gesellschaften ohne Existenzängste entwickeln Machtstrukturen, Konflikte, Gewalt (z.B. auf den pazifischen Osterinseln).

Ich glaube, der Mensch würde das Paradies zerstören: aus Mutwillen, aus Angst, aus Neid, aus Geltungswillen.

Daher wäre in meinen Augen auch eine ideale sozialistische Gesellschaft instabil. Es würde zu Anmaßung von Macht, von Ressourcen, von Geld kommen, es würde Gewalt auftreten. Verteilungskonzepte nach dem Prinzip "jeder nach seinen Bedürfnissen" funktionieren nicht, da der Mensch unter anderem habgierig ist. Über kurz oder lang würde sich die Gesellschaft in Starke, Durchsetzungsfähinge und Schwache, Bedürftige, Friedliche trennen und entstünde eine Gesellschaft, die kein Sozialismus mehr wäre. Es ist in meinen Augen eine Utopie, die nur eine Annäherung, aber kein Erreichen gestattet.

Also bleibt nur der Weg, den neuen Menschen mit Gewalt zu erzeugen. Das hatte wir aber schon zur Genüge.

Hans

HansDampf
20.09.2016, 15:32
Kann schon sein, aber andererseits mache ich die Erfahrung, dass die Mehrzahl der Menschen einen Beitrag leisten will. Nur ist das, was manche leisten können, eben oft nicht das, was heute als Leistung empfunden und (materiell) anerkannt wird. Ich kann mir schon vorstellen, dass das demotivierend ist (und ich meine damit eine Demotivation, die schon ganz zeitig beginnt, mitunter schon im Vorschulalter und ggf. auch "vererbt" wird, von Eltern, die es schon nicht anders kannten).

Da Leistung im jetzigen System immer härter definiert wird, fallen immer mehr leistungwillige Menschen durch´s Raster (auch spürbar an einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen). Ich kann mir vorstellen, dass uns das auch mal auf die Füße fallen könnte, falls da nicht energisch gegengesteuert wird.


Hier stimme ich dir uneingeschränkt zu. Die Desintegration großer Teile der Gesellschaft aufgrund überzogener Effizienzerwartungen lässt diese irgendwann zerbrechen. Ein Sozialstaat darf sich nicht primär das Ziel setzen, Menschen materiell zu versorgen, Seine eigentliche Aufgabe ist es, allen Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Das ist wesentlich mehr als nur Geld, das bedeutet Arbeit, Bestätigigung, sinnhaftes Tun, Solidarität.

Hans

Sprachlos
20.09.2016, 20:39
Würden in einer Gesellschaft ohne Druck, ohne Wachstumsfetischismus, ohne Konkurrenz wirklich Rücksichtslosigkeit, Aggression, Neid einfach so verschwinden?

Menschen sind unterschiedlich, von Geburt an. Viele unserer Charaktereigenschaften sind uns in die Wiege gelegt. Der Mensch ist ambivalent, in seinem Verhalten nicht immer rational. Häufig kommt es auch in einer Gruppe von Idealist im Laufe der Zeit zu allzumenschlichem Verhalten.

Selbst komplett isolierte Gesellschaften ohne Existenzängste entwickeln Machtstrukturen, Konflikte, Gewalt (z.B. auf den pazifischen Osterinseln).

Ich glaube, der Mensch würde das Paradies zerstören: aus Mutwillen, aus Angst, aus Neid, aus Geltungswillen.
Eigentlich gehe ich nicht von einer so idealisierten oder gar paradisischen Welt aus wie du. Wieso sollte es keine Konflikte mehr geben? Wichtig wäre doch eigentlich "nur", dass Konflikte unter allen Bedingungen gewaltfrei ausgetragen werden.


Es ist in meinen Augen eine Utopie, die nur eine Annäherung, aber kein Erreichen gestattet.
Das ist in meinen Augen eine Gesetzmäßigkeit, die vielem zugrunde liegt: es geht doch immer nur um die Annäherung an ein Ideal.

Es gibt ja durchaus ernsthafte Gedanken zu Themen der gesellschaftlichen Weiterentwicklung, die vielleicht jemanden interessieren, grob zusammengefasst unter dem Begriff "Postwachstum", z.B. u.a. hier nachzulesen (http://www.kolleg-postwachstum.de/Ver%C3%B6ffentlichungen/Working+Papers.html).

Inaktiver User
20.09.2016, 22:02
Würden in einer Gesellschaft ohne Druck, ohne Wachstumsfetischismus, ohne Konkurrenz wirklich Rücksichtslosigkeit, Aggression, Neid einfach so verschwinden?

Menschen sind unterschiedlich, von Geburt an. Viele unserer Charaktereigenschaften sind uns in die Wiege gelegt. Der Mensch ist ambivalent, in seinem Verhalten nicht immer rational. Häufig kommt es auch in einer Gruppe von Idealist im Laufe der Zeit zu allzumenschlichem Verhalten.

Selbst komplett isolierte Gesellschaften ohne Existenzängste entwickeln Machtstrukturen, Konflikte, Gewalt (z.B. auf den pazifischen Osterinseln).

Ich glaube, der Mensch würde das Paradies zerstören: aus Mutwillen, aus Angst, aus Neid, aus Geltungswillen.

Daher wäre in meinen Augen auch eine ideale sozialistische Gesellschaft instabil. Es würde zu Anmaßung von Macht, von Ressourcen, von Geld kommen, es würde Gewalt auftreten. Verteilungskonzepte nach dem Prinzip "jeder nach seinen Bedürfnissen" funktionieren nicht, da der Mensch unter anderem habgierig ist.

Was das betrifft, war die Gesellschaft in der DDR weißGott ja nun kein Vorbild. Das heißt, ich weiß nicht, von welcher Gesellschaft ihr redet. In der DDR meinten die sozialistischen Idealisten, die DDR wäre auf dem Weg dorthin.
Und DRUCK herrschte in der DDR auch. In Form von Abhängigkeit von den sowjetischen Brüdern und Schwestern, in Form von Planerfüllung, in Form von politischem Druck.
Welche Blüten die hoch gelobte DDR-Gesellschaft trieb, kann man sehr schön in den "Polizeiruf 110" der 70er und 80er
Jahre im Rückblick sehen (aus heutiger Sicht sehr interessant). Wohlgemerkt: 90% der gezeigten Fälle beruhen auf Tatsachen. Nur dass die Täter seltenst im Kreise der Arbeiterschaft angesiedelt waren (im Film), sondern es sich um Kellner, Handwerker, Möchtegern-Künstler usw. handelte.
Mir fällt ein: auch "Der Staatsanwalt hat das Wort" spiegelt da sehr schön die damalige Gesellschaft.

VanDyck
21.09.2016, 08:30
Menschen sind unterschiedlich, von Geburt an. Viele unserer Charaktereigenschaften sind uns in die Wiege gelegt.Du meinst:
Wir sollten den Bundeskanzler nach Sternzeichen wählen? :lachen:

VanDyck

hillary
21.09.2016, 11:54
kcio3

@pacifique,
ich weiß nicht wie alt du bist und wo du zu DDR-Zeiten gearbeitet hast.
ich habe auf dem Bau gelernt, einige Zeit da gearbeitet, bin zum Studium, danach im Einzelhandel und schon kam die Wende. Ich kann halt nur auf rund 8 Jahre Berufstätigkeit in der DDR verweisen.
Den Druck durch die sowjetischen Brüder und Schwestern habe ich nicht unmittelbar persönlich gefühlt.
das es ihn gab, lässt sich ja schon aus dem Spiegelartikel von 1967 herauslesen. Deutschland hatte den Krieg verloren und die 4-Mächte beschlossen die Reparationsleistungen.
Geschichtsunterricht Klasse 8.
Es wird von Seiten einiger BRD-Politiker manchmal behauptet, sie hätten die alle allein geleistet, die DDR ja nicht.
Als ich das erste mal in den alten Ländern gearbeitet habe, wurde mir gesagt, die Ossis hätten ja nie richtig gearbeitet, sprich wir hätten unsere Stunden so rum gebracht.
Aha, aber dann hatten wir ja gar keinen Produktionsdruck, den du hier anführst?
Das es den Druck zur Planerfüllung gab, das bestreite ich nicht, aber dafür gibt es ja einen Plan. Das da gern nachkorrigiert wurde, zwecks Erfolgsmeldungen, ist 'ne andere Sache.
Heute muss ich die Zahlen auch bringen, wenn der Kunde am nächsten Morgen 3000 Teile haben will. Produziert die Maschine Ausschuss, wird es haarig, sehr haarig. Da lauf ich im Quadrat, weil Maschinenlaufzeiten bei Halbautomaten schwer beeinflussbar sind.

Ich bin kein Nostalgiger, aber ich lass mir auch ungern sagen, ich war 28 Jahre ein blödes Schaf, nur weil ich mit 18 keinen Ausreisantrag gestellt habe. Wir Deutschen hatten es da eh leichter als alle anderen, wo hätten denn die Sowjetbürger (nicht die mit der deutschen Großmutter) oder die Bulgaren hingesollt?

animosa
21.09.2016, 12:20
Es wird von Seiten einiger BRD-Politiker manchmal behauptet, sie hätten die alle allein geleistet, die DDR ja nicht. ?
https://www.google.de/search?sourceid=ie7&q=Reparationsleisungen&rls=com.microsoft:de-DE:IE-Address&ie=UTF-8&oe=UTF-8&rlz=1I7LENP&gfe_rd=cr&ei=fV3iV7CxOuGO8Qe067E4&gws_rd=ssl:

"Als die Reparationen 1953 für beendet erklärt wurden, hatte die SBZ/DDR die höchsten im 20. Jahrhundert bekanntgewordenen Reparationsleistungen erbracht. Die Reparationen der DDR betrugen insgesamt 99,1 Mrd. DM (zu Preisen von 1953) – die der Bundesrepublik Deutschland demgegenüber 2,1 Mrd."
Das sollten nun langsam mal alle mitbekommen haben. Es gibt doch genügend Dokumentationen darüber. Wahrscheinlich genauso viele, wie Dummschwätzer da sind :unterwerf:

Den Krieg haben die Ossis nun mal stärker auszubaden gehabt. Aber Menschen stellen sich zu gerne über andere Menschen - selbst, wenn es Landsleute sind.


Als ich das erste mal in den alten Ländern gearbeitet habe, wurde mir gesagt, die Ossis hätten ja nie richtig gearbeitet, sprich wir hätten unsere Stunden so rum gebracht.
Aha, aber dann hatten wir ja gar keinen Produktionsdruck, den du hier anführst?
Das es den Druck zur Planerfüllung gab, das bestreite ich nicht, aber dafür gibt es ja einen Plan. Das da gern nachkorrigiert wurde, zwecks Erfolgsmeldungen, ist 'ne andere Sache.
Heute muss ich die Zahlen auch bringen, wenn der Kunde am nächsten Morgen 3000 Teile haben will. Produziert die Maschine Ausschuss, wird es haarig, sehr haarig. Da lauf ich im Quadrat, weil Maschinenlaufzeiten bei Halbautomaten schwer beeinflussbar sind.

Ich habe in der Gastronomie gearbeitet unter hinterwäldlerischen Bedingungen. Das war Schwerstarbeit 42 Stunden in der Woche!

Mein Vater hat in einer Firma, die Landkarten herstellte, gearbeitet. Der hatte auch genug zu tun. Außerdem habe ich Verwandte, die in Landwirtschaft und Krankenhäusern gearbeitet haben. Das wird bei all dem blöden Gesülze um die Ossis einfach ausgeblendet.

HansDampf
21.09.2016, 12:49
https://www.google.de/search?sourceid=ie7&q=Reparationsleisungen&rls=com.microsoft:de-DE:IE-Address&ie=UTF-8&oe=UTF-8&rlz=1I7LENP&gfe_rd=cr&ei=fV3iV7CxOuGO8Qe067E4&gws_rd=ssl:

"Als die Reparationen 1953 für beendet erklärt wurden, hatte die SBZ/DDR die höchsten im 20. Jahrhundert bekanntgewordenen Reparationsleistungen erbracht. Die Reparationen der DDR betrugen insgesamt 99,1 Mrd. DM (zu Preisen von 1953) – die der Bundesrepublik Deutschland demgegenüber 2,1 Mrd."
Das sollten nun langsam mal alle mitbekommen haben. Es gibt doch genügend Dokumentationen darüber. Wahrscheinlich genauso viele, wie Dummschwätzer da sind :unterwerf:

Den Krieg haben die Ossis nun mal stärker auszubaden gehabt. Aber Menschen stellen sich zu gerne über andere Menschen - selbst, wenn es Landsleute sind.

[COLOR="#000000"]
Ich habe in der Gastronomie gearbeitet unter hinterwäldlerischen Bedingungen. Das war Schwerstarbeit 42 Stunden in der Woche!

Mein Vater hat in einer Firma, die Landkarten herstellte, gearbeitet. Der hatte auch genug zu tun. Außerdem habe ich Verwandte, die in Landwirtschaft und Krankenhäusern gearbeitet haben. Das wird bei all dem blöden Gesülze um die Ossis einfach ausgeblendet.
Wie in allen Gesellschaften gab es in der DDR Menschen, die wenig gearbeitet haben, welche, die viel und natürlich auch welche, die sehr viel gearbeitet haben.

Nur hat das in den 40 Jahren kaum sichtbaren wirtschaftlichen Wohlstand erzeugt (verglichen mit dem Wohlstand der Bundesrepublik). Ende der 80er Jahre war die DDR trotz der vielen Arbeit heruntergewirtschaftet - und das ist das Bittere.
Viele Entscheidungen waren unökonomisch (z.b. das Wohnungsbaugramm von Honecker), viel Geld floss in unwirtschaftliche Bereiche (Rüstung, Stationierungskosten der Sowjetarmee, der staatliche Apparat mit seiner Dopplung von Staats und Parteifunktionen, die Wirtschaftsplanung, Polizei, Stasi usw). Zu wenige haben in der DDR produktiv gearbeitet (d.h. im primären oder sekundaren Industriesektor), zu viele im Tertiären Sektor (Bildung, Betreuung, Verwaltung, siehe oben). Der tertiäre Sektor verbaucht die Werte, die im primären und sekundären Sektor erwirtschaftet wurden. Getrieben wurde der Aufbau des tertären Sektors durch die Verpflichtung des Staates zur Vollbeschäftigung ud durch das Primat der Politik über die Wirtschaft.

Sind die Menschen bereit, auf einen Teil des Wohlstandes zu verzichten, dann ist Produktivität nicht wirklich wichtig. Hat man aber immer eine reichere Gesellschaft neben sich, ist das schwer.

Ich denke trotzdem, es war nicht primär das Wohlstandsgefälle, sondern die Stagnation der Gesellschaft, die der DDR das Ende bereitet hat. Man hatt es einfach satt - die verlogenen Medien, das Pflicht-Jubeltum, die bröckelnden Fassaden. Es ging fühlbar abwärts - damit kann eine junge Generation nicht leben. Daher der Wille zur Veränderung.

Hans

Brunhilde7
21.09.2016, 13:33
Zitat animosa:
"Als die Reparationen 1953 für beendet erklärt wurden, hatte die SBZ/DDR die höchsten im 20. Jahrhundert bekanntgewordenen Reparationsleistungen erbracht. Die Reparationen der DDR betrugen insgesamt 99,1 Mrd. DM (zu Preisen von 1953) – die der Bundesrepublik Deutschland demgegenüber 2,1 Mrd."

Das sollten nun langsam mal alle mitbekommen haben. Es gibt doch genügend Dokumentationen darüber. Wahrscheinlich genauso viele, wie Dummschwätzer da sind

Den Krieg haben die Ossis nun mal stärker auszubaden gehabt. Aber Menschen stellen sich zu gerne über andere Menschen - selbst, wenn es Landsleute sind.

Lt. Wikipedia hat die ehem. DDR ihre Zahlungen an die Sowjetunion 1953 bereits eingestellt und sich auch später nie an Reparationszahlungen=Wiedergutmachungszahlungen der BRD an die jüdische Bevölkerung, die bis heute geleistet werden, beteiligt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Wiedergutmachungspolitik

Hans Dampf :blumengabe: für alle Beiträge

hillary
21.09.2016, 13:36
Zu wenige haben in der DDR produktiv gearbeitet (d.h. im primären oder sekundaren Industriesektor), zu viele im Tertiären Sektor (Bildung, Betreuung, Verwaltung, siehe oben). Der tertiäre Sektor verbaucht die Werte, die im primären und sekundären Sektor erwirtschaftet wurden. Getrieben wurde der Aufbau des tertären Sektors durch die Verpflichtung des Staates zur Vollbeschäftigung ud durch das Primat der Politik über die Wirtschaft.

Sind die Menschen bereit, auf einen Teil des Wohlstandes zu verzichten, dann ist Produktivität nicht wirklich wichtig. Hat man aber immer eine reichere Gesellschaft neben sich, ist das schwer.

Ich denke trotzdem, es war nicht primär das Wohlstandsgefälle, sondern die Stagnation der Gesellschaft, die der DDR das Ende bereitet hat. Man hatt es einfach satt - die verlogenen Medien, das Pflicht-Jubeltum, die bröckelnden Fassaden. Es ging fühlbar abwärts - damit kann eine junge Generation nicht leben. Daher der Wille zur Veränderung.

Hans

Diesmal komplette Zustimmung.
Und bitte nicht vergessen, Polen mit Solidarnosc und Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika. Das sind in meinen Augen, die Geburtshelfer.

Inaktiver User
21.09.2016, 14:27
Alles in Kurzform:

DDR-Witz - Walter Ulbricht bei der Handelsmarine
https://www.youtube.com/watch?v=qGCC8d5YTEs

:zwinker::zwinker::zwinker:

"Der Sozialismus wird in der Sahara eingeführt.
Die ersten 40 Jahre passiert Garnichts, Dann wird der Sand verkauft..."

"Die japanische Delegation zeigt sich im Abschlussgespräch begeistert über die drei großen Museen in der DDR. Verwundert fragen die Genossen die Japaner, welche drei Museen gemeint sind.
Die Japaner:
Pergamon, Robotron, Pentacon..."

silverkroko
21.09.2016, 14:36
DDR-Witz - Walter Ulbricht bei der Handelsmarine
https://www.youtube.com/watch?v=qGCC8d5YTEs

:zwinker::zwinker::zwinker:

"Der Sozialismus wird in der Sahara eingeführt.
Die ersten 40 Jahre passiert Garnichts, Dann wird der Sand verkauft..."
.."

Jetzt nicht Dein Ernst, oder :ooooh:

So alla "Backe, backe Kuchen der Bäcker hat gerufen"? UND Safran macht den Kuchen grell....

Halleluja, oder besser AVE Maria :nudelholz::zahnschmerzen:

Die Lämmer sind am Miauen :in den arm nehmen::in den arm nehmen::jubel:

Ich stehe auf PINK - Nur mal so zur Klarstellung! :schild ...uups:

Inaktiver User
21.09.2016, 14:41
Und das Beste der DDR war Immernoch der "Draht-Witz". :zwinker:

silverkroko
21.09.2016, 15:03
Und das Beste der DDR war Immernoch der "Draht-Witz". :zwinker:

OH JA, diese Masche, also ?:grmpf:

HansDampf
22.09.2016, 11:50
Eigentlich gehe ich nicht von einer so idealisierten oder gar paradisischen Welt aus wie du. Wieso sollte es keine Konflikte mehr geben? Wichtig wäre doch eigentlich "nur", dass Konflikte unter allen Bedingungen gewaltfrei ausgetragen werden.


Das ist in meinen Augen eine Gesetzmäßigkeit, die vielem zugrunde liegt: es geht doch immer nur um die Annäherung an ein Ideal.

Es gibt ja durchaus ernsthafte Gedanken zu Themen der gesellschaftlichen Weiterentwicklung, die vielleicht jemanden interessieren, grob zusammengefasst unter dem Begriff "Postwachstum", z.B. u.a. hier nachzulesen (http://www.kolleg-postwachstum.de/Ver%C3%B6ffentlichungen/Working+Papers.html).
Sprachlos,

du hattest explizit die Überlebenschancen eines "Sozialismus" angesprochen. Die Transformation der heutigen deutschen Gesellschaft hin zu mehr Gerechtigkeit, Ressourcenschonung usw. ist aber ein ganz anderes Thema.

Sozialismus ist eine durch den Marxismus recht genau definierte Gesellschaftsform, deren wichtigste die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit die formale Abschaffung der Ausbeutung ist. Eine solche Gesellschaft sollte genau diese paradiesischen Eigenschaften haben, die du (und nicht nur du) für unrealistisch hälst. Die Frage nach der Lebensfähigkeit von Sozialismus ist genau die Frage nach der Stabilität einer solchen paradiesischen Gesellschaft. Die ich für nicht möglich halte.

Eine gerechtere, gewaltfreiere, ökologischere, sicherere Welt hat erst einmal a priori nichts mit Sozialismus zu tun. Die Frage ist eben, ob eine soche bessere Welt im Rahmen der heutigen Gesellschaftsstrukturen (Demkratie, Kapitalismus, Globalität) zu erreichen ist. Ich glaube das und halte es für wahrscheinlicher als die Lösung der globalen Probleme durch sozialistische Ansätze (im obigen Sinne). Linke Politik (wachstumskritisch, gerechtigkeitsorientiert) kann völlig unsozialistisch sein.

Hans

Sprachlos
22.09.2016, 12:07
Die Frage ist eben, ob eine soche bessere Welt im Rahmen der heutigen Gesellschaftsstrukturen (Demkratie, Kapitalismus, Globalität) zu erreichen ist. Ich glaube das und halte es für wahrscheinlicher als die Lösung der globalen Probleme durch sozialistische Ansätze (im obigen Sinne). Linke Politik (wachstumskritisch, gerechtigkeitsorientiert) kann völlig unsozialistisch sein.

Damit sind wir uns zwar nicht völlig einig, aber gar nicht so weit voneinander entfernt.
Tatsächlich glaube ich schon eher daran, dass neue Eigentumsformen entstehen werden. Eine konfliktfreie, paradisische Welt kann das trotzdem nicht werden.
Ich glaube, um einschätzen zu können, ob Marx paradiesische Zustände vor Augen hatte, habe ich ihn zu wenig gelesen (ähm ... eigentlich ja gar nie im Ganzen :ooooh: , immer nur Bruchstücke).

herbstblatt7
22.09.2016, 12:13
Das waren eben eigene und spontan aufgeschriebene Gedanken von Dir.

Bedenke, er schlief angeblich mit den Dienstmädchen seiner Frau und ließ sich wohl Jahre lang von Friedrich Engels aushalten.

So lauten die Gerüchte ---> Falls das stimmt, dann wäre sein Praxisbezug zu seinen Theorien so wie die Vorstellungen eines Tiefseefisches über die Schwalben.

Habe kürzlich gelesen, dass seine Gedanken heute wieder ernster genommen werden. Da die westliche Welt nun leider auch nicht viel besser wurde, nachdem sie sich nicht mehr an dem aufgelösten Sozialismus abkämpfen musste.

Sprachlos
22.09.2016, 12:30
Bedenke, er schlief angeblich mit den Dienstmädchen seiner Frau und ließ sich wohl Jahre lang von Friedrich Engels aushalten.
Ach, ich bin mit den Menschen und ihren Verfehlungen nicht so streng wie du :zwinker:.


So lauten die Gerüchte ---> Falls das stimmt, dann wäre sein Praxisbezug zu seinen Theorien so wie die Vorstellungen eines Tiefseefisches über die Schwalben.
Aber er schrieb sicher alles mehr aus der Theorie heraus als aus der Praxis, vor allem hat er ja sehr weit nach vorn geschaut.


Habe kürzlich gelesen, dass seine Gedanken heute wieder ernster genommen werden. Da die westliche Welt nun leider auch nicht viel besser wurde, nachdem sie sich nicht mehr an dem aufgelösten Sozialismus abkämpfen musste.
Mir scheint, die materiellen/technischen Möglichkeiten unter denen er die neue Gesellschaftsordnung entstehen sah, sind jetzt selbt gerade erst am Anfang ihres Entstehens. Ich denke in letzter Zeit manchmal wirklich, dass er i.W. nicht so sehr danebenlag.

herbstblatt7
22.09.2016, 13:40
Ja, wir sind in der Zeit in der ältere Theorien noch einmal darauf überprüft werden, ob sie von unserer neuen Zeit her gesehen ergiebige und lebbare Inhalte aufweisen. Oder zumindest Denkanstöße.

Was wir vielleicht auch mal in Zukunft in Hinsicht Sozialismus erleben werden.

Sprachlos
22.09.2016, 14:15
Was wir vielleicht auch mal in Zukunft in Hinsicht Sozialismus erleben werden.
Na ja, ob ich´s noch erleben werde ... was auch immer ... ?
Die Zeiten sind spannend, aber auch dramatisch und wir haben in unserem Teil der Welt doch gerade noch etwas mehr Glück.

herbstblatt7
22.09.2016, 14:17
Ja, wir haben gerade sehr großes Glück.

Inaktiver User
22.09.2016, 14:36
Na Hauptsache, nicht wieder noch mehr Mangel produzierende Zentralverwaltungswirtschaft. :knatsch:


Alter DDR Witz - DDR Ostalgie
https://www.youtube.com/watch?v=AjR3qLSFy18

Kannte ich Bisher garnicht. :freches grinsen:

hillary
22.09.2016, 14:47
Für mich ist der Marxismus eine Theorie, eine die mir nicht unsympathisch ist, aber es ist doch bei allen Theorien gleich. Sie müssen sich in der Praxis erweisen.
Marx war Philosoph, er hat Werke anderer Philosophen studiert, analysiert und sich seine Gedanken dazu gemacht. Er gehörte zu den Hegelianern.
Sein "Verdienst" ist das Erkennen der Rolle des Proletariats im Kapitalismus, mit den Unterdrückten hatte sich vorher keiner so intensiv beschäftigt. Interessant dabei die Rolle des Unternehmersohnes Friedrich Engels.
Und das kleine kommunistische Manifest, hat tatsächlich einiges ins Rollen gebracht.
Trotzdem ist das ganze kein Dogma, die Welt entwickelt sich weiter und manches ist überholt. Schließlich war er Philosoph, politischer Ökonom und nicht Wahrsager.
Ich fand das zu DDR-Zeiten schon nicht so gut, dass der Marxismus/Leninismus so ziemlich isoliert gelehrt wurde und das man während des Studiums, mehr oder weniger nur ausgewählte Werke und Seiten lesen sollte...
Naja und manchmal war es auch schwierig mit den verkopften Sätzen von Marx, den Bezug zur heutigen Realität zu bekommen.
Ich empfinde, die Kapitel, die ich bei Marx gelesen habe als weitreichende Analysen seiner Zeit, aber nicht als zwingende Vorschriften, wie das manchmal in der DDR rüberkam. Und ich glaube nicht, dass er seine Schriften als unveränderlich sehen würde.
Aber Glauben ist nicht Wissen. :smirksmile:

Sprachlos
22.09.2016, 15:42
Ich empfinde, die Kapitel, die ich bei Marx gelesen habe als weitreichende Analysen seiner Zeit, aber nicht als zwingende Vorschriften, wie das manchmal in der DDR rüberkam. Und ich glaube nicht, dass er seine Schriften als unveränderlich sehen würde.
Aber Glauben ist nicht Wissen. :smirksmile:
Sehe ich auch so.

HansDampf
22.09.2016, 15:57
Für mich ist der Marxismus eine Theorie, eine die mir nicht unsympathisch ist, aber es ist doch bei allen Theorien gleich. Sie müssen sich in der Praxis erweisen.
Marx war Philosoph, er hat Werke anderer Philosophen studiert, analysiert und sich seine Gedanken dazu gemacht. Er gehörte zu den Hegelianern.
Sein "Verdienst" ist das Erkennen der Rolle des Proletariats im Kapitalismus, mit den Unterdrückten hatte sich vorher keiner so intensiv beschäftigt. Interessant dabei die Rolle des Unternehmersohnes Friedrich Engels.
Und das kleine kommunistische Manifest, hat tatsächlich einiges ins Rollen gebracht.
Trotzdem ist das ganze kein Dogma, die Welt entwickelt sich weiter und manches ist überholt. Schließlich war er Philosoph, politischer Ökonom und nicht Wahrsager.
Ich fand das zu DDR-Zeiten schon nicht so gut, dass der Marxismus/Leninismus so ziemlich isoliert gelehrt wurde und das man während des Studiums, mehr oder weniger nur ausgewählte Werke und Seiten lesen sollte...
Naja und manchmal war es auch schwierig mit den verkopften Sätzen von Marx, den Bezug zur heutigen Realität zu bekommen.
Ich empfinde, die Kapitel, die ich bei Marx gelesen habe als weitreichende Analysen seiner Zeit, aber nicht als zwingende Vorschriften, wie das manchmal in der DDR rüberkam. Und ich glaube nicht, dass er seine Schriften als unveränderlich sehen würde.
Aber Glauben ist nicht Wissen. :smirksmile:
Für mich sind die Analysen von Marx eine die damalige Zeit betreffende Bereicherung der Gesellschaftsanalyse, die sich aber im Gedankenrahmen des Hegelianismus geschichtsdeterministisch gaben und damit eine unerlaubte Komplexitätsreduktion darstellen. Keine der Vorhersagen von Marx sind eingetreten, alle Aussagen von ihm über die Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften wurden durch die Realität widerlegt. Seine Folgerungen über den Geschichtsverlauf beschreiben mögliche, aber keine zwingenden Entwicklungen. Dieser Glaube an Gesetze der menschlichen Entwicklung ist viel zu eng gefasst. Ob uns daher seine Analysen und die daraus folgenden Ansätze zur Problemlösung heute noch weiterhelfen könnnen, glaube ich nicht. Die Weiterentwicklungen von Lenin/Stalin waren in erster Linie Realpolitik.

Viele Entwicklungen der Postmoderne lassen sich nicht wirklich marxistisch fassen, da sehe ich die Grenzen dieser und jeder hegelianischen Philosophie.

Hans

hillary
22.09.2016, 18:10
Viele Entwicklungen der Postmoderne lassen sich nicht wirklich marxistisch fassen, da sehe ich die Grenzen dieser und jeder hegelianischen Philosophie.

Hans

Mit der Aussage kann ich leben. :smile:
Deswegen ja meine Hinweise auf das "Wahrsagen".
Da ich in dem Zusammenhang seine Aussagen zu Proletariat und Bourgeoisie im Frühkapitalismus kenne, zu denen ich selbst zu den heute herrschenden Verhältnissen noch Parallelen finden kann, mag ich ihn nicht als komplett überholt abtun.
Aber seine Thesen incl. die Überarbeitung durch Lenin, als die "einzig Wahren" für eine friedvolle zufriedene Menschheit proklamieren zu wollen, so wie das teilweise in der DDR geschah - nun ja, das Ergebnis war 1989 doch recht deutlich.
Es hat so nicht funktioniert.

KClO4
22.09.2016, 22:26
Da bin ich wieder.

Es freut mich zu sehen, dass mit geringfügigen Ausnahmen, mein Thread zwischenzeitlich Anklang gefunden hat.

Inaktiver User
22.09.2016, 22:30
Da bin ich wieder.

Es freut mich zu sehen, dass mit geringfügigen Ausnahmen, mein Thread zwischenzeitlich Anklang gefunden hat.


Und sonst?

KClO4
22.09.2016, 22:35
Und sonst?

Kommt drauf an, was gemeint ist.

Sasapi
22.09.2016, 22:53
Ich habe die DDR- als sie noch existierte- einmal bereist, einen einzigen Tag lang. 1985, die obligatorische Klassenfahrt nach Berlin in der 10.ten Klasse, verbunden mit einem Tag in Ost-Berlin.

Fühlte sich damals an, als sei man mit Grenzübertritt in Ost-Berlin plötzlich in der Zeit "zurückgebeamt" worden. Es war irgendwie...grauer, verglichen mit West-Berlin. Und die Trabbis hörten sich interessant an und sahen niedlich aus.:smile:

Wir hatten nur arge Probleme, unsere 20 Mark- oder waren es 25?- Zwangsumtausch loszuwerden. Da die Lehrer keine Scherereien bei der Rückkehr nach Westen wollten, hieß es- kauft Essen und Trinken, sonst nichts.

Aber es war nahezu unmöglich, damit das Geld zu verbrauchen. Soviel konnte man weder essen noch trinken....wir Mädels sind dazu übergegangen, uns massenweise Schminkzeug zu kaufen, in einem ziemlich großen Kaufhaus in Berlin. Wir waren ziemlich sicher, damit gäbe es kein Theater an der Grenze- Lippenstifte sind unpolitisch:smile:
Ich weiß noch, dass ich mir abends bei einem Straßenverkäufer Backfisch mit Remoulade gekauft habe, ihm fast mein gesamtes Restgeld an Ostmark gegeben habe- was sollte ich denn damit?- bis auf ein paar Münzen, die ich mir in die Socken steckte und "schmuggelte". Als Andenken:smile:
Das hatte ich dann tatsächlich, die Münzen scheuerten ganz fürchterlich am Knöchel. :freches grinsen: Und wir mussten bis Kreuzberg- zu Fuß.
Dann schläft die Meute gut und tobt abends nicht mehr durch die Gänge.

Immerhin stellte ich an diesem Tag fest- am Gerede meiner Eltern, dass es in der DDR so gar nichts gäbe, war nicht viel dran. Immerhin.
Aber- ich hätte Probleme damit gehabt, "eingesperrt" zu sein, als fast 16jährige schon. Mir machte die Mauer an sich zu schaffen, die ganze Woche über. Ich hätte wohl auch in West-Berlin nicht zu Mauerzeiten leben können- egal, wohin man ging, irgendwann war erstmal wieder Schluß.

Deshalb war für mich der Mauerfall generell positiv- endlich ist dieses Dings weg.

Anfang 1990 ging für das Fernmeldeamt für 6 Monate auf Tour in Ostdeutschland- Aufbau Ost.
War für mich eine schöne Zeit. Ich war gerade 20 geworden, gerade mit der ersten Ausbildung durch, in Ostdeutschland war die Euphorie des Mauerfalls noch zu spüren, der Abbau der Arbeitskräfte war noch nicht im Gange, die Mauer weg, die DM noch nicht da.
Ich lernte viele gleichaltrige Kollegen und Kolleginnen kennen, einige Freundschaften bestehen bis heute.

Und ich denke- die meisten von ihnen wären, so es denn möglich gewesen wäre, nicht aus der DDR geflohen, wenn es denn volle Reisefreiheit gegeben hätte. Also- sie wären sicher hier- und dorthin gefahren, aber auch wieder zurück gekommen. Das war ihr Zuhause, da waren Freunde, Familie.....

Ich kenne die Sprüche "Da musste ja nie jemand arbeiten" auch, von meinen Eltern- habe ich damals die Erfahrung gemacht, dass das absolut nicht stimmt. Behördenmitarbeiter hatten und haben es meist etwas ruhiger als andere Berufsgruppen, ich bekam aber durch den Bekanntenkreis meiner Kollegen schon mit, dass es eher "Arbeiten unter erschwerten Bedingungen" war.

Gerade in der Zeit fehlte es öfter mal an möglichen Materialien und Ersatzteilen- generell herrscht in einer Gesellschaft, die sich in kompletten Umbruch befindet, wohl naturgemäß gelindes Chaos und Durcheinander, und Mangel gab es ja auch schon seit Jahren- und viele Menschen waren Meister im Improvisieren.
Wo in den 80gern in einem Industriebetrieb schon eher mal gesagt wurde "Ich hab das Ersatzteil bestellt, wir müssen jetzt warten, bis es da war" herrschte in ostdeutschen Industriebetrieben eher ein "Wie halten wir das Ding am laufen, OHNE jedwedes Ersatzteil?" vor.

Es war ja durchaus so, dass die DDR Produkte herstellte, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig waren. Gerade die bundesdeutschen Versender wie Quelle etc. ließen sehr viele Eigenmarken in der DDR produzieren- die waren qualitativ mit Markenmarken durchaus vergleichbar, nur deutlich billiger.

Nur die DDR-Bevölkerung bekam diese Sachen wohl eher nicht- oder nur sehr selten.


Und nach der Währungsunion waren diese Produkte halt nicht mehr soo sehr viel billiger als vorher, In einer Doku im Fernsehen hieß es, der Umrechnungskurs wäre im Wirtschaftsleben 1 zu 7 gewesen- hätte man den ostdeutschen Betrieben die Zeit gegeben, sich langsam umzustellen, die veralteten, teils defekten Anlagen nach und nach umzustellen- ich denke, es wäre einiges zu retten gewesen.
Ein älterer Fernmelde-Kollege hat mir eine der neuesten Vermittlungsstellen (also...Technk für Telefonie) in Berlin (Ost) gezeigt, die war auf dem gleichen Stand wie die damals neuesten digitalen Vermittlungsstellen in der BRD - aber alles "Made in GDR", von Robotron, soweit ich weiß. Gut, an dieser Vermittlungsstelle hing zu DDR - Zeiten eine bekannte Behörde in der Normannenstraße samt aller Regierungsstellen in Berlin - Ost dran:cool:

Ist also nicht so, dass die Industrie in der DDR nichts konnte.

Nur- man hätte die Löhne und sonstige Einkünfte dann auch im Kurs 1 zu 7 (oder so...) umstellen müssen....für eine längere Zeit, denke ich mal.

Schon die unterschiedlichen Ost- und Westtarife heute sind eine Frechheit, wie lange hätten sich die Ostdeutschen einen solchen Unterschied gefallen lassen? Wobei die normalen Waren im Laden ja schon längst preisliches Westniveau erreicht hatten bzw. drüber lagen....ich erinnere mich mit Schaudern an die Joghurts. So ein Viererpack Erdbeerjoghurt, diese dünne Plempe, die eigentlich nur Farbstoff mit Aroma ist. Kostete 1990 bei mir im westdeutschen Dorf so um 1,20 DM, wenn sie nicht im Angebot waren, und wurden damals in Erfurt für (umgerechnet) 2,30 DM verkauft. Ich sagte zwar zu meinen Kollegen- das ist viel zu teuer, aber gekauft wurde es trotzdem. War ja damals so, die Leute wollten das Zeug wenigstens mal probieren.

Selbst wenn man Mieten oder andere Kosten irgendwie "preisgestoppt" hätte oder generell Zahlungen an jeden ostdeutschen Bürger aus der Staatskasse geleistet hättte, um diesen Unterschied ein bißchen aufzufangen- ich denke, Ostdeutschland wäre nach kurzer Zeit wie leergefegt gewesen.
Das war ja schon in den ersten Monaten 1990 so, nach meiner Erinnerung, dass Fachkräfte massenhaft nach Westdeutschland gingen, weil sie dort mehr verdienen konnten....

Nein, ich denke, die schnelle Wirtschafts- und Währungsunion samt dem Umrechnungskurs, wie er nun mal war, war alternativlos.

Dass so viele DDR-Betriebe wirklich plattgemacht wurden, hat nichts mit der Arbeitsleistung der Arbeitnehmer zu tun, und wer jemandem unterstellt, er habe während seiner Berufstätigkeit in der DDR nicht gearbeitet, ist einfach unverschämt.

Man sollte auch nicht vergessen- wer bei Mauerfall fast oder ganz erwachsen war, der musste sich binnen kürzester Zeit komplett umstellen- in allen Lebensbereichen. Eine ordentliche Leistung, die so mancher "Besser-Wessi" sicher nicht geschafft hätte. Man bedenke- die BRD hatte deutlich mehr Zeit zum Entwickeln.....

Ich könnte mir vorstellen, dass ein deutlich früheres Einführen voller Reisefreiheit vielleicht geholfen hätte. Vielleicht.
Ich meine- ich selbst habe nie eine Fernreise gemacht. Also, einen echten Urlaub. War finanziell einfach nie drin. Es war mir aber nie so wichtig, dass ich z.B. eisern drauf gespart hätte. Das ist wohl ein Unterschied- ich könnte, wenn ich wollte. Aber gar nicht erst können, also quasi immer zu wissen- ich muss hier bleiben, wo ich bin, zumindest kann ich nicht dahin gehen, wohin ich will, wenn es mir beliebt und ich es mir leisten kann.
Das schon ein ganz anderes Gefühl......

Was alles rund um Stasi, Überwachung, Diktatur, Unrechtsstaat....angeht, da hat wohl jeder DDR Bürger seine Geschichte. Ich finde, man kann sich das als "geborener Westler" alles anhören, versuchen, sich reinzufühlen....wirklich nachempfinden kann man es nicht.
Es scheint aber wohl wirklich so zu sein, dass zwischen "Na, so schlimm war es nicht" bis "Ich war bis zum Ende schlimmen Repressalien ausgesetzt" alles dabei war.

Ich hätte mir damals, als junge Frau, sowas wie ein "Innehalten" gewünscht...anstatt alles im Eilverfahren zu erledigen, wäre es mir lieb gewesen, man hätte geguckt, was man übernehmen kann.....die Kinderbetreuung, die hätte ich schon gerne gehabt.
Trotz "linientreuer Erziehung", wobei ich natürlich nicht beurteilen kann, wie diese aussah.

Ich muss aber sagen...so ganz neutral war meine Erziehung in Deutschland West während des Kalten Krieges nun auch nicht. In meinem Geschichts- und Sozialkundebücher wurde stets betont, dass die Unterstützung der westlichen Allierten dafür sorgten, dass das bundesdeutsche Wirtschaftswunder überhaupt mal entstand--Stichwort Marshallplan.
Ich komme aus einem kleinen Ort, in dem es einen sehr großen NATO-Stützpunkt gab- die Stimmung da war ganz klar Pro NATO, Pro Bundeswehr....da war auch nichts mit Demos der Friedensbewegung oder so. Es gab eine Lehrerin an der Grundschule, die aus Prinzip kein Auto besaß, mit einem Anti-Atomkraft-Aufkleber auf dem Fahrradanhänger rumsauste und den zu Hauf als Soldaten tätigen Vätern ihrer Schüler das Betreten ihres Klassenraumes in Uniform jedweder Art bei Strafe verbot.
Sie hatte aber eher so den Ruf der "seltsamen Alten"- sie war schon knapp vor der Rente.

Uns wurde quasi schulisch und privat immer wieder eingetrichtert, wir müssen die Staaten des Warschauer Pakts, allen voran die Sowjetunion, beständig in Schach halten und mit Waffen aller Art bedrohen-lassen wir nur einen Moment nach, nutzen sie die Gelegenheit und überrennen uns vollständig....(naja, nicht so plakativ, aber unterschwellig...)
Da mein Vater selbst Soldat war, ich das seltsame Treiben in der Bundeswehrbürokratie deshalb über lange Zeit beobachten konnte, bin ich davon überzeugt, dass sie das leicht hätten schaffen können, und zwar ohne dass ein einziger Schuß gefallen wäre....diese mitunter sehr lahm dahin dümpelnde Organisation wäre wahrscheinlich erst in Aktion gekommen, wenn die Truppen des Warschauer Pakts schon an der französischen -belgischen-niederländischen oder dänischen Grenze gestanden hätten......

Gut, es gab keinen Unterricht in Wehrertüchtigung in der weiterführenden Schule, es besuchten aber alle Klassen regelmäßig das örtliche Geschwader - im Rahmen des Fachs "Sozialkunde", Abteilung: "Berufsfindung"- und die Soldaten kamen auch nicht beruflich zu Besuch in der Kindergarten. War auch nicht nötig, durch die diversen Väter waren täglich genügend Natogrüne vor Ort.
Ich weiß, dass es tatsächlich Plastikpanzer und Plastiksoldaten dort als Spielzeug gab ( das stelle man sich heute mal in einem Kindergarten vor!). Aber wir durften auch, das war zu meinen Kigazeiten in den frühen 70gern, jeden Morgen die Sesamstraße im Fernsehen sehen- das ist heute auch unvollstellbar:smile:

Perfekt war es damals nicht, hüben wie drüben, perfekt ist es heute nicht.

Als theoretische Idee gefällt mir der Sozialismus, ich denke nur, er wird nicht funktionieren, weil der Mensch dazu neigt, mehr haben zu wollen als Andere und "was Besseres" sein zu wollen.
Der Kapitalismus ist mir an sich, so wie er derzeit daherkommt, nicht sonderlich sympathisch- das Soziale an der Marktwirtschaft kommt doch zusehends abhanden- ich hörte unlängst von einem Studiengang namens "Wirtschaftsethik". Im Groben geht es da z.B. um die Frage, ob der Gewinn des einen immer zwangsweise auf die Knochen des anderen gehen muss....vielleicht ist das eine Lösung für die Zukunft?