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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wohin mit dem Zorn



Wombelinchen
31.12.2006, 14:19
Hallo zusammen,
habt ihr vielleicht einen Tip für mich, an wen man sich wenden kann, wenn man seine Gefühle nicht herauslassen kann? Sorry wenn das etwas konfus klingt. Mein Schwiegervater hat sich vor 3 Tagen umgebracht, und ich habe niemanden, dem ich meine negativen Gefühle zumuten möchte. Gibt es dafür spezialisierte Menschen/Seelsorger oder so? In mir ist ein enormer Klumpen, den ich unbedingt loswerden muss, aber ich weiss nicht, wie....
Danke!

Bloodyzicke
31.12.2006, 14:32
Also, erstmal mein Beileid. Und ganz viel Kraft für Dich und Deine Familie.

Aber Du kannst zu einem ganz normalen Psychologen gehen, dann übernimmt es normalerweise auch die Krankenkasse.

Liebe Grüße

Bloody

Datakrfj
31.12.2006, 14:32
Auch von mir mein Beileid!

Als erstes fällt mir die Telefonseelsorge ein. Hier mal die Nummer: 0800-1110111 und 0800-1110222. Ist kostenfrei und 24 Stunden erreichbar.

Ich hoffe, dass hat geholfen, ansonsten eine gute Freundin/Freund oder aufschreiben?

Liebe Grüße
Data

Inaktiver User
31.12.2006, 17:18
Wird schwer, jemanden über die Feiertage zu erreichen.
Fühl dich bitte nicht vergackeiert, aber auf eine Autobahnbrücke (möglichst in Waldnähe/ weil wenig Menschen) stellen und gegen den Autolärm anschreien und toben, bis Dir die Stimme wegbleibt,
kann ein Erste-Hilfe-Mittel sein.
Warum bist Du so wütend?

Inaktiver User
31.12.2006, 17:46
Mein Partner hat sich vor 5 Jahren umgebracht - nach 15 Jahren Beziehung. Ich weiß, wie man sich da fühlt. Hin und her gerissen zwischen Wut, Verzweifelung, Ungläubigkeit, Entsetzen, Versagensängste. Die Fragen, was habe ich falsch gemacht, hätte ich es nicht merken müssen, hätte ich es verhindern können, blitzen durch den Kopf, und man traut sich nicht sie laut zu stellen, weil die Antwort - egal wie sei ausfällt - unerträglich wäre. Sich einzugestehen, dass man nichts verhindern konnte, ist genauso entsetzlich, wie die Antwort, dass man nicht richtig hingeschaut hat.

Nicht umsonst ist das Selbstmordrisiko von engen Freunden und Angehörigen von "Selbstmördern" in den ersten Wochen um das 500fache erhöht. Pass also gut auf Dich auf.

Sonntagskatze hat recht - schrei es laut raus. Ich habe mich damals ins Auto gesetzt, bin irgendwo hingefahren und habe geschrieen und geschrieen. Es hat mich jedenfalls über die ersten Tage gerettet. Und dann habe ich auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Obwohl ich selbst nie das Gefühl hatte, das ich selbst auch sterben wollte, fing ich an sehr fahrlässig mit meinem Leben umzugehen. Ich hatte plötzlich vor überhaupt nichts mehr Angst. Und ein gesundes Angstgefühl benötigt man auch in unseren Breitengraden, um zu überleben.

Mir konnten auch Freunde damlas nicht helfen. Mein gesamtes Wertesystem war aus den Fugen geraten und ich war froh, dass ich einen Therapeuten fand, der sich mit dieser Thematik auskannteund sehr sorgsam mich begleitete.

Außerdem habe ich alles gelesen, was es in Deutschland über Selbstmord zu lesen gibt. Das hat mir auch geholfen, da in meiner Umgebung zuvor niemand diesen Schritt getan hat. Zu wissen, dass die Gefühle "normal" sind, war hilfreich.

Ich drücke Dich ganz vorsichtig und wünsche Dir für die nächsten Tage viel Kraft und besonders Geduld mit Dir selbst. Egal was Du für Dich tust, es ist richtig. Es geht zunächst mal nur um das eigene Zurechtfinden von Dir und den anderen Angehörigen.

Übrigend: mein Freund hat sich im November umgebracht. Ich habe Sylvester an eine Rakete einen Brief an ihn geklebt, auf dem die Fragen und die Verzweifelung stand. Die Rakete habe ich ihm in den Himmel geschickt, damit er wenigstens noch mitbekam, wie´s mir hier unten ging.

Liebe Grüße
Kranich

Ricarda44
18.01.2007, 21:42
Ja, liebe Leute, da kann ich leider auch mitreden. Mein Mann, mit dem ich 7 Jahre verheiratet war und den ich 13 Jahre kannte (nun schaut Euch mal diese Zahlen an, da kann man doch abergläubisch werden), hat sich auch so aus dem Stehgreif das Leben genommen.
Ich muss sagen: Er war meine große Liebe.
Ich muss sagen: Ich konnte nicht wirklich trauern, denn es gibt nichts, aber auch gar nichts, was wir nicht hätten besprechen können. In mir war nur Wut, Enttäuschung.
Er hat uns (insgesamt damals 4 Kinder) schön in den A.... getreten in seinem Anflug von Selbstmitleid und einer Menge Alkohol in der Birne.
Ich habe aufgehört, nach Antworten zu suchen.
Jeder hat das Recht über sein Leben zu bestimmen. Ich habe seine Entscheidung angenommen und mir daraus die neue Aufgabe gestellt: Das Ganze organisiere ich jetzt alleine. Und ich schaffe das.

Und wenn man den Ausführungen von Elisabeth Kübler-Ross in ihrem Buch "Über den Tod und das Leben danach" so folgen kann, bin ich mir sicher: Eines Tages treffe ich meinen Engel wieder....aber dann!!!! Dann bekommt er mal so richtig Ärger mit mir. Ich finde so ein Verhalten in höchstem Maße verantwortungslos. Ihm wurde von allen Seiten immer geholfen, wir hatten Freunde, haben gefeiert, er hatte einen sicheren Job, die Kids und ich haben ihn geliebt...... Und nun?

Wie gesagt, ich habe mir darauf eine Aufgabe gebastelt. Wenn ich mich jetzt heulend hinstellen würde und sagen würde: "Es ist alles so sinnlos" - was soll aus den Kindern werden? An sich und den Erwachsenen zweifelnde Persönlichkeiten? Mit 'nem vorgegebenen Knacks für ihr Erwachsensein?

Nein.
Ich kämpfe.
Für sie.
Und um den Fehler meines Mannes wieder gut zu machen.
Es geht immer weiter.
Und nun sage mir niemand "Es muss ja".
Nein!
Es muss nicht. Es muss gar nichts.
Aber man kann, wenn man will.
Und ich will. Weil ich das Leben und in erster Linie meine Kids liebe.
Ich trage Verantwortung und ich nehme sie wahr.

Das ändert nichts daran, dass ich manchmal aus dem Stehgreif anfange zu heulen, wenn ich alleine bin. Aber auch das geht wieder vorbei.

"Wenn man ganz unten im Tal ist, kann es nur nach allen Seiten wieder bergauf gehen." (Verfasser leider keine Ahnung).

Liebe Grüße und ganz viel Mut wünsche ich allen, die es betrifft.

Seele
05.02.2007, 19:18
Wut und Zorn kenne ich auch!
Ich war auch 44 und wir waren 22 Jahre verheiratet als mein Mann aus dem Leben ging.
Zuerst war da nur der Schock und die Verzweiflung.
Später kamm dann auch die Wut.
Wut auf den Hausarzt der nicht geholfen hat,
Wut auf das Arbeitsumfeld und auf Chefs die nur hohle Köpfe sind,
Wut auf die Geselschaft die fordert und fordert,
Wut auf Gott,
Wut auf die Krankenkasse die einen Menschen der 48 Jahre lang gesund war keine Kur genehmigt
Wut auf mich die es nicht verhindert hat und auch
Wut auf meinen Mann, der mich mit all den Problemen alleine lies, der den Kindern so weh getan hat.
Was hilft?
Manchmal habe ich getopt, habe irgend einen Verwaltungsheini am Telefon angeprüllt,
Manchmal bin ich in den Wald und bin 10 km gelaufen bis ich körpelich am Ende war,
Manchmal bin ich in eine leere Kirche gegangen und habe die Höhe und die Weite des Raums wirken lassen wärend von drausen der Straßenläurm zu höhren war,
Manchmal habe ich mit Freunden gesprochen, die es aber nicht immer ertragen können und
Manchmal bin ich auch zu meinem Terapeuten gegangen der aber auch nur nach Termin zeit hatte.
Am schlechtesten geht es mir, wenn die Wut auf meinen Mann kommt, dann bin ich am verzweifetsten, da ich eigendlich weiß dass es für ihn nicht zum Aushalten war sonst hät er uns nicht verlassen.
Aber was der Kopf weiß und das Herz denkt ist nicht immer dass selbe.

Ein Rezept wie man mit der Wut am besten um geht gibt es vermutlich nicht, aber ich glaube Wut und Zorn gehören zur Trauer und gerade in solchen Phasen der Wut sollte man machen nach was einem ist und sich keine Zwänge auferlegen.
Große Sprüche, ich weiß!

Liebe Grüße an alle die voll Wut und Verzweiflung sind!