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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Alienors Geheimnis



PiperHalliwell
26.12.2006, 20:24
Das ist eine Fortsetzungsgeschichte an der ich gerade schreibe...ich stelle die ersten Teile mal hier rein..über Kritiken würde ich mich freuen:

Teil 1: Martin der Schmied

Cheapside, November 1188

"Maureen, kannst du dich nicht beeilen? Verdammt nochmal, die Gäste warten!"
Schnell schenkte ich das billige Bier für die Gäste ein, ich wusste, mein Vater wurde schnell wütend, wenn ich mich mit dem Ausschank nicht beeilte.
Seit dem Tod meiner Mutter vor fünf Jahren musste ich dort regelmässig mithelfen.
Wie ich diese schmutzige, schäbige Schankstube mittlerweile hasste...Tagein Tagaus das Gegröhle der Betrunkenen, der Gestank von Männerschweiss und billigem Bier. Sollte mein ganzes Leben etwa so aussehen?
Dreiundzwanzig Jahren zählte ich bereits, viele in meinem Viertel sagten, ich sei eine alte Jungfer. Meine gleichaltrigen Freundinnen waren längst verheiratet, hatten vier oder fünf Kinder geboren, sie belächelten mich nur, sagten, ich habe vom wirklichen Leben keine Ahnung. Aber ging es mir nicht ein wenig besser als ihnen? Sie wurden von ihren Männern geschlagen, trugen jedes Jahr erneut einen dicken Bauch vor sich her, einige waren bereits im Kindbett gestorben.
War es da nicht besser, eine alte Jungfer in der Schenke des eigenen Vaters zu sein?
Viele sagten, ich sähe gut aus, aber ich habe mich nie besonders schön gefunden.
Zwar habe ich ein zartes Gesicht, ebenmässige Wangenknochen, grosse kornblumenblaue Augen, langes, glänzendes blondes Haar. Aber im Gesicht, gleich neben dem Mund habe ich ein Muttermal, wie ich dieses Ding hasse.
Viele sagen, es sei ein Teufelsmal und ich wäre ein Hexenkind. Meine Mutter sei eine Hexe gewesen, mich habe sie mit dem Teufel zusammen gezeugt.
Ich höre nicht auf den Unsinn, den sie sagen, denn ich weiss, das ist nicht wahr.
Immer noch hoffe ich, eines Tages aus Cheapside fortgehen zu können, dem Elend hier zu entfliehen. Einen Mann...wer braucht schon einen Mann? Ich könnte mich auch alleine irgendwie durchschlagen. Ich kann wunderbar dichten, auch wenn ich nicht lesen und schreiben kann, ach, wie gerne würde ich es lernen, aber für Menschen meines Standes ist das ein unerreichbarer Traum. Und die Priester sagen, Lesen und Schreiben sei nichts für Frauen, es wäre Sünde wenn sie es lernen.
Seufzend stellteich zwei schon sehr betrunkenen Gästen ein weiteres Bier vor die Nase. "Na meine Schöne, wie wärs mit uns beiden!"; lallte einer und kneift mich in den Po. Ich geriet darüber so in Wut, dass ich ihm am liebsten das Bier über den Kopf geschüttet hätte. Aber ich weiss, dass mein Vater mich dann wieder schlagen würde. Wie ich ihn hasse...ich würde lieber heute als morgen fortgehen. Aber wo soll ich denn hin? Er sagt immer, wenn ich weglaufe, ende ich als Bettlerin auf der Strasse....und davor habe ich grosse Angst. Das wäre ein noch schlimmeres Leben als das, was ich jetzt führe.
Mein Vater hilft mir nicht, wenn die Gäste anzügliche Bemerkungen machen und mich begrabschen, es ist ihm egal, ja, vielleicht hofft er sogar, so mehr Kundschaft anlocken zu können. Erneut griff der völlig betrunkene Mann nach mir, diesmal nach den Brüsten."Die sind so schön feste....die muss man mal richtig durchkneten!"
Mir kamen beinahe die Tränen, so elend fühlte ich mich, so schmutzig, so benutzt.
"Lass sofort die Frau los!" Martin der Schmied, der meistens ruhig in irgendeiner Ecke sass und sein Bier trank, war aufgesprungen und hatte den aufdringlichen Betrunkenen am Arm gepackt. "Heee...ich hab doch gar nichts gemacht!", lallte der Mann, liess wiederwillig von mir ab. Ich war Martin sehr dankbar, mir hatte noch nie jemand hier geholfen, wenn die Männer mich belästigten.
"Danke, das war wirklich nett von dir"; sagte ich, "dafür hast du ein Freibier gut!"
Er blickte zu den Männern herüber, ich sah die Zornesfalten auf seiner Stirn. "Diese Bastarde, eine Schande, wie sie mit dir umgehen!" Martin lebte seit etwa drei Jahren in Cheapside, niemand wusste woher er gekommen war. Die Meinungen über den jungen Mann waren geteilt. Die einen mochten ihn, weil er stets freundlich und höflich war. Andere misstrauten ihm, weil er immer wieder für mehrere Tage oder gar Wochen aus Cheapside verschwand, niemand konnte sagen, wo genau er sich dann herumtrieb. "Der hat Dreck am stecken, tätigt heimlich irgendwelche dunklen Geschäfte"; sagten viele. Meistens war er genau dann nicht zu finden, wenn die königlichen Steuereintreiber nach Cheapside kamen. Niemand verriet ihn, denn von König Henry und seiner Steuerpolitik hielt niemand sehr viel.
Ich mochte Martin, im Gegensatz zu allen anderen Männern die ich kannte war er ruhig und höflich. Nie betrank er sich, wenn er herkam, genehmigte er sich immer nur ein Bier. Nie gröhlte, schmatzte oder rülpste er wie die anderen. Ich senkte den Blick, wollte nicht in seine schönen, sanften braunen Augen blicken. Er trug sein dunkles Haar kurz, hatte einen gepflegten Bart, und er roch niemals schlecht.
"Maureen, komm gefälligst her und schenk unseren Gästen aus!"; forderte mein Vater. Die beiden Betrunkenen hatten ihre Bierkrüge längst wieder geleert, wollten mehr. "Wie ich ihn hasse...."; murmelte ich. Martin nahm meine Hand, drückte sie sanft. "Irgendwann wirst du ein besseres Leben haben, das hier wird nicht für immer sein"; flüsterte er. Erschrocken zog ich die Hand zurück. Wahrscheinlich war er doch wie alle anderen, und wollte mich nur in sein Bett bekommen, dachte ich enttäuscht. "Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken"; entschuldigte er sich.
"Schon gut...ist ja nichts geschehen"; murmelte ich und ging wieder nach vorne um den Trunkenbolden ihr Bier einzuschenken. Es war weit nach Mitternacht, allmählich übermannte die Müdigkeit mich. Mein Vater würde aber erst schliessen, wenn die beiden Säufer ihr letztes Bier geleert hatten und endlich gingen. Ich unterdrückte ein Gähnen, machte mich an die Arbeit. Als ich mich umblickte, hatte Martin das Gasthaus verlassen. Martin...ich wusste nicht so recht, was ich von ihm halten sollte. War er tatsächlich so nett und zuvorkommend wie er sich immer gab oder steckte etwas anderes dahinter?
Was ich auch tat, er ging mir nicht mehr aus dem Kopf, ich konnte seinen nächsten Besuch im Gasthaus kaum erwarten.

Teil 2:

Das geheime Dokument

Cheapside, November 1188, 2 Tage später

Draussen regnete es seit gestern in Strömen. Mich freute das, da bei diesem miesen Wetter keine Gäste in die Schenke kamen, das bedeutete für mich Abende voller Ruhe und Frieden. Mein Vater kam gar nicht in die Schankstube, er blieb oben in unseren Wohnräumen, war vermutlich schon schlafengegangen. Auf seine WEisung hin musste ich bis Mitternacht die Schenke offen lassen, was ich völlig unsinnig fand, wer verirrte sich schon bei diesem Wetter hierher...
Ich wischte gerade die Theke sauber, als zwei Männer hereinkamen, ihre Mäntel waren triefnass. Sie hockten sich an einen Tisch direkt beim Kamin in dem ein Feuer vor sich hinflackerte. "Wir hätten gerne zwei Becher Glühwein!"; forderten sie.
Was glaubten diese Kerle, wo sie hier waren, fragte ich mich genervt.
"wir haben nur Bier, was anderes gibts bei uns nicht!"; meinte ich.
"Gut, dann gib uns eben ein Bier, aber bitte warmgemacht!" Das Bier warmgemacht...na toll...wenn ich etwas hasste, dan waren das Gäste mit Extrawünsche. Unsere übliche Kundschaft trank das Bier sogar im Winter kalt, die interessierte es nicht, ob warm oder nicht. "Und bitte Honig und Gewürze rein!"; fügte der Mann noch hinzu.
Lustlos machte ich mich daran, ihnen das bier im Kessel auf dem Herd zu wärmen.
Die Männer tuschelten miteinander, so leise, dass ich kaum etwas hören konnte, es interessierte mich auch nicht. Als ich ihnen das Bier hinstellte, schnappte ich die Worte "Königin...Sohn...Thronfolge auf, und das interessierte mich dann doch.
Hier kamen meistens nur Leute aus Cheapside her, den neuesten Klatsch aus dem Königshaus, und davon gab es reichlich, hörte man hier nur selten.
Ich wusste nicht viel über das Königshaus, nur, dass der König seine Frau vor 15 Jahren gefangengenommen hatte und sie seitdem in einem Turm gefangenhielt, weil sie sich mit ihren Söhnen gegen ihn aufgelehnt hatte. Mir war es gleich, wer könig war, hier in Cheapside änderte sich kaum etwas, egal, wer gerade herrschte, nichts wurde besser für uns einfache Leute. Aber die Skandale und Affairen im Königshaus interessierten mich, weil ich mir eine gewisse Schadenfreude dann nicht verkneifen konnten. Es geschah diesen adeligen Snobs ganz recht, dass sich ihre Familie ständig zerstritt, ich hoffte, irgendetwas Tragisches aufzuschnappen, vielleicht war ja sogar jemand gestorben...
Nein, für das Königshaus hatten wir in Cheapside nicht viel übrig, empfanden nur Verachtung, ja, manche von uns sogar Hass für sie. Ständig stiegen die Steuern, weil der König Krieg gegen Frankreich führen musste. Wir mussten hungern, weil er Geld für seine Feldzüge brauchte, niemand fragte uns, was wir davon hielten.
Die beiden Männer waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie meine Anwesenheit ganz vergassen. Ich tat so, als würde ich die Tische abwischen, versuchte, möglichst viel von dem Gespräch aufzuschnappen. Als ich einen Tisch direkt in ihrer Nähe saubermachte, hörte ich ein wenig, konnte aber nicht viel damit anfangen. "Dem alten Henry geht es gar nicht gut, er wird bald sterben soviel ist gewiss. Ich habe ihn vor zwei Wochen gesehen, sein Körper ist ganz aufgeschwemmt und er kann sich kaum noch bewegen"; flüsterte einer.
"Seine Söhne sind auch nicht besser als er, was nützt es uns, wenn er stirbt, seine Söhne sind Scheisse, die Söhne einer Hure"; erwiederte der andere.
Sein Kumpan grinste spöttisch, reichte dem anderen ein Dokument. "Das habe ich gestern im Palast mitgehen lassen...ein privates dokument der Königin, ich habe es zufällig gefunden, es muss da seit Jahren in einem Schrank herumgelegen haben!"
Der andere las es neugierig. Sie konnten also lesen, es mussten wohl gebildete Männer sein, Kaufmänner oder Geistliche.
Als er es gelesen hatte, lachte der Mann spöttisch. "Nicht zu fassen...das ist ja einfach köstlich....das hätte ich niemals für möglich gehalten....damit haben wir Königin Alienor in der Hand , sie muss tun, was wir wollen..."
Der andere hatte andere Pläne. "Nein, wir bringen es zu John, ihrem jüngsten Sohn, und er wird es uns für viel Geld abkaufen, denn mit diesem Dokument hält er die Macht in seinen Händen, nur so kann er auf den Thron gelagen!!"
Ich schlich zurück zum Thresen, hoffte, dass die Männer nicht bemerken würden, dass ich gelauscht hatte. Sie besprachen hier schliesslich geheime Dinge, von denen niemand etwas wissen durfte, und wenn sie merkten, dass ich alles gehört hatte, wer weiss, was sie dann mit mir täten. "Wir wollen noch mehr Bier!"; forderten sie. Es blieb nicht bei einem weiteren Bier, sie tranken fünf weitere, ich hoffte, dass sie bald gehen würden, es machte mich nervös, mt zwei betrunkenen Männern, d ie ein dunkles Geheimnis hatten, zusammen in einem Raum zu sein. Aber meine Neugierde war geweckt, was für ein Geheimnis konnte das sein? Wenn man damit sogar die Königin in der Hand hatte, musste es etwas sehr bedeutendes sein...
Völlig betrunken schliefen beide Männer an ihrem Tisch ein. Zu dumm, das ich nicht lesen konnte, sonst hätte ich mir jetzt heimlich das Dokument anschauen können. Aber dann kam mir eine Idee. Ich zog das Dokument, das einer der Männer in seine Tasche gesteckt hatte hervor, und tauschte es gegen ein anderes ein, irgendeinen alten Brief, den einmal ein Mann vor Jahren hier liegen gelassen hatte. Die Papierrollen sahen ziemlich ähnlich aus, zunächst würde also niemand etwas merken. Als die männer aufwachten, hatte ich zunächst Angst, sie könnten den Diebstahl bemerken. Glücklicherweise waren sie dermassen betrunken, dass sie nur mit Mühe den weg aus der Tür fanden, ihnen fiel nichts auf.
das Dokument...ich beschloss, damit am nächsten Tag zu Martin dem Schmied zu gehen. Er zählte zu den wenigen in Cheapside, die lesen konnten.
Wenn da wirklich etwas Belastendes drinstand womit ich die Königin erpressen könnte, das wäre sehr gut. Dann könnte ich mit viel Geld, mehr als jeder andere in Cheapside besass, irgendwo anders ein neues Leben anfangen. Ich hatte Cheapside in meinem Leben noch kein einziges Mal verlassen, allmählich wurde es Zeit. Ich konnte es kaum erwarten, zu erfahren, was in dem Dokument stand.
Gewissensbisse hatte ich keine. Diese reichen Adelsnobs, die imÜberfluss lebten, sie verdienten es nicht besser..schliesslich hatten sie nie etwas gegen die Armut hier im Stadtteil Cheapside getan...
.ich musste an meine Zukunft denken, endlich kam ich fort aus dem Haus meines Vaters, fort aus der Schenke...

Es gibt insgesamt schon 15 Kapitel....wer mehr will, kann mir gerne mailen.

Tabea57
26.12.2006, 20:38
Ich finde, Du schreibst spannend, es hört sich gut an!

Setz ruhig die weiteren Kapitel hier rein, würde mich freuen.

Tabea57

PiperHalliwell
27.12.2006, 11:14
Schön dass es dir gefällt, hier kommt die Fortsetzung:

3. Kapitel: Ungeduld

Cheapside, November 1188

Am nächsten Morgen stand ich sehr früh auf, um zur Schmiede zu gehen. Ich wusste, dass Martin immer sehr früh mit der Arbeit anfing, und ich hielt es nicht aus, noch länger zu warten. Ich musste unbedingt wissen, was in diesem Brief stand, es würde für mich der Eintritt in ein besseres Leben sein. Jetzt am Morgen waren die Strassen noch fast leer, die meisten Menschen schliefen noch. Ein Betrunkener lag in der Gosse, sabberte vor sich hin, ein paar magere Kinder suchten in den Abfällen nach etwas Eßbarem. Wer hier geboren wurde, kam nur selten aus Cheapside heraus, einmal arm, immer arm...Die engen, schmutzigen Gassen, in denen es zum Gotterbarmen stank und die vor Ratten nur so wimmelten. Auf meinem Weg zur Schmiede spürte ich mehrmals etwas pelziges am Bein, ich beachtete es gar nicht, schliesslich war ich damit aufgewachsen, Ratten konnten mich nicht mehr schrecken. Ich war mir sicher, wenn die Königin hier vorbeikäme, würde sie vor Schreck aufkreischen, wenn eine Ratte ihr Bein streifte. Schon von weitem hörte ich Martins Schmiedehammer, ging schneller.
Die kleine Schmiede lag inmitten einer Reihe alter, dicht aneinandergebauter Fachwerkhäuser und war mit Stroh gedeckt. Martin lebte im Haus daneben, das er zusammen mit der Schmiede gekauft hatte als er nach London kam. Wenn er arbeitete, brannte den ganzen Tag das Schmiedefeuer, und man konnte das Hämmern weithin hören. Auch jetzt stand er an der Esse, hämmerte gerade ein Schwert zurecht. Er bemerkte mich zunächst gar nicht, so vertieft war er in seine Arbeit. Obwohl ich wegen des Briefes aufgeregt war, wagte ich nicht, ihn zu stören, blieb stehen und schaute ihm zu. Viele Frauen in Cheapside waren in den jungen Schmied verliebt, was ich gut verstehen konnte, denn auch ich empfand ein gewisses Kribbeln in der Magengegend, wenn ich ihn sah. Doch keine hatte bisher sein Herz erobern können, er lebte noch immer alleine. Ich fragte mich, ob er wohl einer verlorenen Liebe nachtrauerte und sich deswegen nicht binden wollte. Wie ich da so stand, geriet ich schnell ins Träumen....Wie schön wäre es doch, seine Frau zu sein...ich würde viel lieber mit ihm in der Schmiede arbeiten als im Wirtshaus meines Vaters. Nun, ich könnte bald sehr reich werden...dann müsste er nicht mehr als Schmied arbeiten, und wir könnten uns irgendwo auf dem Land ein Gutshaus kaufen...."Maureen? Verzeih, dass ich dich nicht bemerkt habe, wie lange stehst du denn schon hier?"; fragte er, nachdem er das Hufeisen fertig und mich gesehen hatte.
"Noch nicht so lange, ich bin gerade erst gekommen!"; antwortete ich lächelnd. Mir gefiel seine höfliche, freundliche Art, kein anderer Man in Cheapside benahm sich so. "Schickt dein Vater mich? Braucht er wieder neue Ringe für die Fässer?", wollte er wissen.
Ich reichte ihm den Brief. "Nein, ich bin diesmal aus einem anderen Grund hier...ich kann nicht lesen, ich wollte dich bitten, mir das vorzulesen, damit ich endlich weiss, was drinsteht!" Er rollte das Dokument auseinander. "Gut, ich lese es dir vor...ich finde, es ist eine Schande, dass der König nicht dafür sorgt, dass die Menschen hier lesen und Schreiben lernen".
In dieser Hinsicht teilte ich voll und ganz seine Meinung, ich bedauerte, dass ich nicht lesen konnte, hätte es gerne gelernt. Ich hatte geglaubt, er würde mir den Brief direkt vorlesen, stattdessen überflog er stirnrunzelnd das Dokument, wobei seine Gesichtszüge zunehmend finsterer wurden. "Das kann nicht sein...das ist gar nicht möglich....nein....das..."
Es musste etwas Schockierendes in dem Brief stehen, zumindest liess seine Reaktion das vermuten. "Bitte, lies mir endlich vor, was drinststeht"; meinte ich ungeduldig, ich musste es einfach wissen.
Er packte mich am Arm. "Woher hast du diesen Brief, wer hat ihn dir gegeben?"
Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet, wieso regte er sich so auf?
Ich erzählte ihm, wie ich an das Dokument gekommen war. "Gut, dass du es den Männern gestohlen hast, sonst hätte das böse enden können. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn diese Männer den Brief Prinz John oder König Henry gebracht hätten...das wäre für die Königin möglicherweise der sichere Tod gewesen", meinte er, es klang erleichtert.
Verdammt, warum sagte er mir nicht endlich, was darin stand? Ich persönlich war der Meinung, dass die Königin es nicht besser verdiente, sie tat genausowenig für das Volk wie ihr Man und ihre Söhne, ich verabscheute sie alle.
"Bitte, Martin, sag mir doch, was drin steht, ich muss es unbedingt wissen. Wie soll ich Königin Alienor erpressen, wenn ich nicht einmal weiss, womit?"
Ihm gefiel mein Plan überhaupt nicht. "Du willst sie erpressen? Ich verstehe dich nicht, sie ist nicht so wie ihr Mann, sie tut viel für das Volk, wir sind ihr nicht gleichgültig!" Seine Antwort machte mich wütend, ich deutete hinaus auf die schmutzige Gasse, in der magere Kinder sich um ein Stück Knochen, an dem noch ein wenig Fleisch hing, balgten. "Soso, sie kümmert sich also um das Volk? Davon ist hier in Cheapside aber nicht viel zu bemerken! Wahrscheinlich hockt sie im Palast auf einem Seidenkissen, wo sie Gänsebraten und Törtchen in sich hineinstopft, während wir hier hungern. Das interessiert sie doch gar nicht, wie mies es hier allen geht! Geschieht ihr ganz recht, wenn jemand sie einmal um ein bisschen Geld erleichtert, die haben doch genug davon!"
"Warte kurz, ich bin gleich wieder da", meinte Martin und ging zu den Kindern herüber, reichte jedem eine Münze. "Hier, kauft euch und euren Familien davon was zu essen!" Freudestrahlend liefen die Kinder herum. Ich fand es rührend, was Martin getan hatte, ihm ging das Leid der Kinder anscheinend genau wie mir sehr nahe. Ich fragte mich, woher er die Geldkatze mit den Münzen hatte, traute mich jedoch nicht, ihn danach zu fragen. Ich kannte die Gerüchte, er sei in dunkle Geschäfte verwickelt, von denen niemand etwas wissen durfte. Gehörte er vielleicht zu jenen, die ihr Glück als Diebe versuchten? Der Gedanke liess mich erschaudern, ich wollte nicht, dass er am Galgen endete.
Ich hatte den Brief wieder an mich genommen und eingesteckt, aus Angst, er könnte ihn mir wegnehmen, denn ich merkte, dass er von meinem Plan nicht sehr begeistert war. Er setzte sich neben mich, blickte mich eindringlich an. "Die Königin kann im Moment nicht viel für das Volk tun, sie wird seit fünfzehn Jahren von ihrem Mann gefangengehalten, wäre sie in Freiheit, hätten hier alle genug zu essen. Sie verdient es nicht, dass man gegen sie intrigiert oder sie erpresst!"
Wut kam in mir hoch, als er das sagte. Der Königin ging es trotz Gefangenschaft gewiss besser als vielen hier in Cheapside, immerhin hatte sie genug zu essen, musste nicht in einem Wirtshaus Männern, die einen ständig begrabschen wollten Bier bringen. Nein, Mitleid konnte ich mit Alienor von Aquitanien keines haben.
"Ich werde es jedenfalls tun, werde sie erpressen, sie muss zahlen, was ich verlange, sonst gebe ich den Brief ihrem Mann oder ihrem Sohn John. Mir ist egal, wenn sie Probleme bekommt...Hauptsache, ich kann endlich aus dem gasthaus fort, ich habe das alles so satt!"
Traurig blickte Martin mich an. "Du hast keine Ahnung, wovon du da redest...nur eines ist sicher, du schwebst in grosser Gefahr. Diese Männer, sie werden zurückkommen, wenn sie merken, dass der Brief gegen einen anderen ausgetauscht wurde. Und dann werden sie dich töten wollen, weil du das Geheimnis kennst, mit dem sie zu Geld kommen wollen. Zu deinem Vater kannst du auf keinen Fall zurück, du musst London so schnell wie möglich verlassen!"
Erst jetzt wurde mir bewusst, in was für eine Lage ich mich gebracht hatte, hier in London konnte ich diesen Männern jederzeit über den Weg laufen, kein sehr angenehmer Gedanke. Martin machte mir einen Vorschlag. "Du solltest nach Frankreich gehen, Königin Alienor ist im Moment in Chinon, wo die königliche Familie das Weihnachtsfest feiert. Wenn du ihr das Dokument bringst, wird sie sich erkenntlich zeigen, dessen bin ich mir sicher. Glaub mir, es ist besser, du stellst dich auf ihre Seite, nicht gegen sie". Frankreich? Wie stellte er sich das denn vor`?
"Ich kann nicht nach Frankreich gehen, ich kann kein Französisch, ich käme dort also nicht weit. Ich würde Chinon wahrscheinlich niemals finden!", meinte ich.
Ausserdem....wer sagte dennn, dass die Königin mir danken würde, wenn ich ihr den brief brachte, möglicherweise würde sie mich töten lassen, weil sie nicht wollte, dass jemand, der ihr Geheimnis kannte[und ich wusste ja nicht einmal, was in dem Schreiben stand] lebte und es überall herumerzählen konnte.
"Sag mir doch bitte, was in dem Brief steht, ich muss es wissen!"
Er dachte gar nicht daran. "Nein, ich verrate es dir nicht, je weniger Leute davon wissen, umso besser!"
Ich verschränkte die Arme vor der Brust, blickte ihn trotzig an. "Wenn du es mir nicht sagst, dann finde ich es schon noch heraus, irgendwo kann ich sicherlich jemanden auftreiben, der es mir vorliest!"
Martin seufzte, erneut blickte er mich traurig an. "Du weisst gar nicht, was du Lady Alienor damit antust, sie hat es schon schwer genug. Kannst du dir vorstellen, wie schlimm es ist, jahrelang in einem Turm eingesperrt zu werden, niemals hinauszudürfen? und jetzt auch noch dieses schlimme Geheimnis, wenn das herauskommt, werden sie und ihr Sohn Richard sterben müssen....nein, das kannst du nicht wollen!"
"Warum interessiert dich dieses KÖnigspack den so, die sind doch selbst schuld, wenn sie ständig gegeneinander Krieg führen...die wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht, wissen es gar nicht zu schätzen, dass sie jeden Tag an einem reichlich gedeckten Tisch sitzen können. Nein, ich werde sie erpressen, und glaub mir, das wird nicht billig für die Königinmutter, von dem, was ich ihr abpresse, könnten alle Menschen in ganz Cheapside bis an ihr Lebensende satt werden! Wenn dieses Geheimnis für sie lebensgefährlich ist, wird ihr der Brief sicherlich ein schönes Sümmchen wert sein!", knurrte ich.
"Du machst einen Fehler, wenn du sie erpresst....man sagt, König Henry sei sehr krank, und würde gewiss nicht mehr lange leben. Dann wird Richard König werden und Alienor bekommt ihre alte Macht zurück, hat wieder etwas zu sagen im Land. Es wäre dumm, sich eine so mächtige Frau zum Feind zu machen, gescheiter wäre es, sich als loyal zu erweisen, und sie als Freundin zu gewinnen...sie wird dir und den anderen in Cheapside helfen, dessen bin ich mir sicher!"
Darüber konnte ich nur lachen, war er tatsächlich so naiv? "Unsinn, das würde sie nicht tun. Immer, wenn ein neuer König kommt, sagen alle, jetzt wirds besser, aber es passiert nie etwas, alles bleibt wie es ist, jeder neue Herrscher beutet das Volk aus, ignoriert die Armut. Ich habe gehört, ihr Sohn Richard plant, am Kreuzzug teilzunehmen, selbst wenn er König werden sollte, man sagt, er habe vor kurzem ein Gelübte vor dem Papst abgelegt. Und so ein Kreuzzug, das kostet enorm viel Geld, er müsste die Steuern erhöhen, es wird also alles nicht besser, sondern noch schlechter werden. Was nützt uns ein König, der in fremden Ländern anderen seinen Glauben aufzwingen will, ohne zu bedenken, dass sein volk zuhause hungert!"
"Im heiligen Land gibt es viele wertvolle Schätze, die Sultane dort sind enorm reich. Prinz Richard wird die Kriegsbeute die er dort macht gewiss dazu nutzen, den Armen ein besseres Leben zu ermöglichen!"
Eher klettern Schweine auf Bäume, dachte ich mir verärgert. Martin war ein netter, sympathischer Mensch, leider aber auch etwas naiv. Irgendwann würde auch er erkennen müssen, dass die Adeligen, vor allem die königliche Familie nur an sich dachte und sich nicht um die Not des Volkes kümmerte.
Es gefiel mir nicht, mit ihm zu streiten, ich mochte ihn sehr gerne. Nein, es war mehr als nur mögen....
Wie sollte das nur weitergehen, ach, warum wollte er mich nicht verstehen?


4. Kapitel: Aufbruch

Cheapside, November 1188

"Ich werde dann jetzt gehen...", meinte ich, als ich feststellte, dass unsere Diskussion zu nichts führte. Ich würde auch alleine zurecht kommen, ich brauchte ihn gar nicht für meinen Plan. Ausserdem wollte ich mir nicht länger seine Lobesreden auf das Königshaus anhören, das wurde mir langsam zu dumm.
Er hielt mich am Arm fest. "Wohin willst du denn nun, was willst du tun?"
Ich wusste selbst nicht genau, wie es weitergehen sollte, aber das ging ihn nun wirklich nichts an. "Hier in England bist du nirgends sicher, sie werden überall nach dir suchen. Du musst unbedingt fort, denn sicherlich werden sie bald herausfinden, dass du die Briefe vertauscht hast."
"Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich kein Französisch spreche, es wäre also schwierig, mich dort zurechtzufinden", knurrte ich, "ich bin noch nie alleine verreist!" Der Gedanke machte mir wirklich Angst, ich fragte mich, was gefährlicher wäre, diese Reise, oder einfach hierzubleiben.
"Ich könnte dich nach Chinon begleiten, ich spreche französich, und ich komme gerne mit dir!" , bot Martin mir an.
Bei dem Gedanken, viele Tage lang mit Martin zusammenzusein kribbelte es in meiner Magengegend, mein Herz pochte. Würden wir uns auf so einer Reise nicht zwangsläufig näherkommen, könnte er sich vielleicht in mich verlieben?
Gewiss würde ich ihn während der Reise doch noch überreden können, die Königin zu erpressen, er musste meine Argumente einfach verstehen.
"Gut...wenn du willst, begleite mich, aber eines sage ich dir...an meinem Plan mit der Erpressung halte ich fest, davon kannst du mich nicht abbringen!", beharrte ich.
Martin seufzte. "Wir werden sehen...vielleicht änderst du unterwegs deine Meinung...ich werde dir auf der Reise die Lebensgeschichte der Königin erzählen, wenn du die erst gehört hast, dann wirst du alles besser verstehen, und nicht mehr so einen Groll gegen sie hegen!"
Ich glaubte kaum, dass das Anhören ihrer Lebensgeschichte meine Meinung über sie ändern könnte...aber irgendwie hoffte ich, dass er beim Erzählen auch das Geheimnis aus dem Brief einbinden würde...ich brannte noch immer darauf, es zu erfahren.
"Gut..wie du meinst, wenn du mir das unbedingt alles erzählen willst...kannst du gerne tun, aber ich denke danach keineswegs besser über diese alte Hexe!" , stimmte ich schliesslich seinem Vorschlag zu.
Es gefiel ihm nicht, dass ich die Königin als alte Hexe bezeichnete, aber er sagte nichts dazu, wollte wohl keinen weiteren Streit. Er schien Lady Alienor zu verehren, wofür ich absolut kein Verständnis hatte.
Gewiss würde er seine Meinung ändern, wenn er die alte Lady erst einmal zu Gesicht bekam, ich war mir sicher, dass sie arrogant und skrupellos sein musste..
"Wir dürfen keine Zeit verlieren, wir müssen sofort aufbrechen, die Männer konnten bereits nach dir suchen, falls sie den Diebstahl schon bemerkt haben!"
Er packte hastig ein paar Kleidungsstücke und Vorräte zusammen, nahm ausserdem die Geldkatze, ein Schwert und eine Armbrust mit. "Warst du denn schon einmal in Frankreich, kennst du dich dort aus?", wollte ich wissen.
"Ich bin schon mehrmals dagewesen, mach dir darüber keine Sorgen, ich kenne den Weg nach Chinon, auch dort bin ich schon gewesen!"
Was machte er nur immer in Frankreich, ging er dort irgendwelchen zwielichtigen Geschäften nach? Ich wollte das gar nicht so genau wissen, es ging mich auch gar nichts an.
Ich malte mir aus, was für ein schönes Leben wir von dem erpressten Geld führen könnten, damit stand uns ganz Europa offen, wir könnten hingehen wo immer wir wollten, es durfte nur nicht Frankreich oder England sein, wo wir die Rache der Königin fürchten müssten. Aber wir konnten nach Spanien oder Italien und dort ein neues Leben anfangen. Ja, ich schöpfte wieder Hoffnung, mir stand ein gutes Leben bevor, daran wollte ich fest glauben.
Wir ritten zusammen auf seinem Pferd, einem schönen, schwarzen Hengst, ich fragte mich, ob er es wohl gestohlen hatte..

In den Wäldern um London, ein paar Stunden später, November 1188

Ich fror ein wenig, trotz des warmen Mantels, den Martin mir gegeben hatte. Es war ein mit Marderfell gefütterter, hellblauer Mantel, ich erkannte gleich, dass er aus wertvollem, teurem Stoff gefertigt worden war. Martin selbst trug einen schlichten Mantel, wie ihn viele Menschen in Cheapside besaßen, der aus mehreren, in einandergeflickten Stoffen bestand und schon einige Jahre alt war.
Aber woher hatte er den kostbaren Mantel, den ich im Moment trug? Hatte er ihn gestohlen? Das war die einzige Erklärung, die mir dafür einfiel, ich wagte nicht, ihn zu fragen. Und selbst wenn....was war schon dabei, dieser Mantel konnte nur einem Adeligen gehört haben, da nur Adelige eine Farbe wie blau tragen durften, mir und meinesgleichen waren nur braune und graue Farben erlaubt. Dieser Adelige konnte sich gewiss etliche solcher Mäntel leisten, mein Mitlied hielt sich also in Grenzen. Ja, ich genoss es fast ein wenig, so ein kostbares Stück zu tragen. Seit Stunden nichts als Wald...er schien endlos zu sein. Ich hatte London vorher nie verlassen, es war ein seltsames Gefühl, so weit von zu Hause fort zu sein. Ich vermisste weder das Gasthaus noch meinen Vater, alles was ich empfand war ein wenig Angst vor dem, was mich wohl auf dieser Reise erwartete. Allmählich wurde es dunkel, der Wald erschien mir immer unheimlicher, die dicht aneinander wachsenden grossen Tannen wirkten bedrohlich.
"Wie gross ist dieser Wald denn, wann kommen wir endlich hier heraus?"; fragte ich, zunehmend nervöser. Er merkte, dass ich mich im Wald unwohl fühlte.
"Du brauchst keine Angst zu haben, hier kann dir nichts geschehen, ich bin ja bei dir. Spätestens morgen mittag kommen wir zum Waldrand, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen!", versuchte er mich zu beruhigen.
Ich fragte mich, wie er mir helfen wollte, wenn wir beispielsweise von einer Horde Räuber angegriffen wurden.
Dennoch, obwohl ich mich fürchtete, gab mir seine Nähe ein wenig das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Ich hielt mich an ihm fest, schmiegte mich an ihn, während wir weiterriten, genoss ich es, ihm so nahe sein zu können.
Hoffentlich gab es hier keine Räuber....


5. Kapitel: Die Jagdgesellschaft

Waldgebiet in der Nähe Londons, November 1188

Um eine Übernachtung in diesem unwirtlichen Wald kamen wir nicht herum.
Martin gelang es, einen Hirsch zu erlegen, den wir an dem Feuer, das ich währenddessen gemacht hatte brieten. Während wir aßen, begann Martin, mir den Anfang der Lebensgeschichte der Königin zu erzählen, ich hörte eher lustlos zu. Ich erfuhr, dass Alienors Vater gestorben war, als sie gerade erst ihren 15. Geburtstag gefeiert hatte....und man sie sofort mit Louis VII, dem damaligen König von Frankreich verheiratete. Mit dem frommen, strenggläubigen Louis, den alle den Mönch nannten, verstand sie sich überhaupt nicht, es entwickelte sich keine Liebe zwischen den beiden. Als sie ihm nach 8 Jahren Ehe eine kleine Tochter gebar, sagte er ihr, Gott habe ihn für seine Sünden strafen wollen, weswegen er ihm nur ein Kind minderwertigen Geschlechts geschenkt habe. Von da an liess er sich in der Kapelle häufig vom Abt geißeln, um von Gott die Geburt eines Thronfolgers zu erflehen. Alienor wurde wieder schwanger, erlitt eine Fehlgeburt.
Daraufhin beschloss Louis, am 2. Kreuzzug ins heilige Land teilzunehmen, um so Gottes Gnade und die Geburt eines Thronfolgers zu bekommen. Er zwang Alienor, ihn dorthin zu begleiten. Die junge Frau litt auf der langen, beschwerlichen Reise sehr, Hunger und Durst wurden zu ihren täglichen Begleitern,sie magerte sichtlich ab, musste zusehen, wie mehrere ihrer Hofdamen, die sie begleitet hatten, unterwegs starben.
Der Kreuzzug brachte ihnen nichts ein, Louis scheiterte und musste nach Frankreich zurückkehren. Kurz darauf wurde seine Königin wieder schwanger, die Freude war gross. Ja, durch den Kreuzzug hatte er Gott dazu gebracht, seinen Wunsch nach einem Sohn zu erfüllen, dachte Louis frohlockend.
Im November 1149 gebar Alienor ihr zweites Kind, wieder eine Tochter, die auf den Namen Alice getauft wurde. Louis raste vor Wut, gab ihr die Schuld daran, sagte, sie sei eine Sünderin, und deswegen habe gott sie gestraft.
Auf Anraten seines Bischofs bat Louis den Papst um eine scheidung, mit der Begründung, Alienor sei seine Cousine 4. Grades, deswegen sei die Ehe ungültig und müsse annuliert werden. Kurz darauf traf Alienor den jungen Graf von Anjou, Henry Plantagenet, verliebte sich in ihn. Sie ahnte nicht, dass zehn Jahre jüngere Henry nuf auf Aquitanien aus war, sie deswegen heiraten wollte....
Ich lauschte Martins Erzählung mit unbewegter Miene. Wahrscheinlich hatte er die Hälfte davon nur erfunden, um bei mir Mitleid für die Königin zu wecken. Letztendlich konnte er nicht wissen, was sich damals wirklich abgespielt hatte, zu dieser Zeit war er noch gar nicht geboren gewesen.
"Mir tut sie nicht leid, egal was du mir erzählst. Sie hat es besser als jeder in Cheapside. Was glaubst du, wieviele Mädchen dort von ihrem Familien gezwungen werden, Männer zu heiraten, die ihnen zuwider sind? Und diese Männer sind keineswegs so reich wie König Louis. Glaub mir, ich und alle anderen Frauen in Cheapside haben viel Schlimmeres durchgemacht. Diese Frau weiss gar nicht, was wirkliches Leid bedeutet!"
"Du willst es einfach nicht verstehen...du hast dich in deinen Hass ja schon so sehr verrannt, dass du nicht mehr klar denken kannst. Wenn du Lady Alienor kennen würdest, würdest du sicherlich ganz anders über sie denken, du würdest sie mögen, da bin ich sicher!"; meinte Martin.
"Woher willst du das wissen? Hast du sie jemals gesehen, jemals mit ihr gesprochen?" Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Köngin sich dazu herabliess, mit einem einfachen Schmied zu reden, dazu war sie sich gewiss viel zu fein.
"Ja, ich kenne sie...mein Vater hat als Schmied in ihrem Hof in Poitiers gearbeitet. Ich habe sie als Junge oft gesehen, bei Hofe kannte jeder sie, sie redete mit uns allen wie mit ihresgleichen, Standesdünkel kennt sie nicht, sie ist immer sehr freundlich gewesen!" Seine Augen leuchteten, während er von ihr sprach, er lächelte bei der Erinnerung an diese Zeit. "Ihr Hof war der schönste in ganz Europa, dort ging es nicht so förmlich und streng wie anderswo zu! Ich bin genauso alt wie ihr Sohn Richard, wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Er war in Kindertagen mein bester Freund, und Lady Alienor war für mich wie eine Mutter!"
Ich glaubte ihm seine Geschichte nicht. Ein Königssohn, der mit dem Sohn eines Schmiedes spielte? Das musste erfunden sein, nein, es konnte nicht stimmen. Dazu waren sich diese Snobs doch viel zu fein...die liessen ihre Kinder nur mit den Kindern anderer Adeliger spielen.
"Ein guter Lügner bist du nicht gerade...mir kannst du das jedenfalls nicht weismachen"; meinte ich patzig.
"Du wirst schon noch sehen, dass ich Recht hatte, wenn wir in Chinon ankommen beweise ich es dir.", erwiederte er. Ich wollte nichts mehr vom Königshaus hören, mir reichte es damit. "Ich bin müde, ich möchte jetzt nur noch schlafen.."
Ich legte mich hin, drehte ihm den Rücken zu, sah damit das Gespräch als beendet an. Er stand auf, holte eine der Decken, die er eingepackt hatte heraus, deckte mich damit zu. "Hier, damit dir nicht zu kalt wird...", meinte er fürsorglich.
Ich sagte nichts, schloss die Augen, tat so, als schliefe ich bereits. Mir gefiel es, von ihm so liebevoll umsorgt zu werden, das machte ihn nur noch sympathischer.
Wir waren nur selten einer Meinung, aber dennoch fühlte ich mich zu ihm hingezogen, und ich fragte mich, ob er wohl das gleiche empfand. Ich schlief in dieser Nacht nur sehr wenig, zu sehr beschäftigte mich diese Frage.

Am nächsten Tag:

Als ich aufwachte, taten mir Rücken und Nacken weh, ich räkelte und streckte mich, aber der Schmerz blieb vorerst. Martin bot mir an, mir ein wenig den Rücken zu massieren, wozu ich nicht nein sagte. Danach ging es mir tatsächlich wieder besser. Sicher, mein Bett im Gasthaus war auch alles andere als bequem, die Matratze bestand aus kratzigem Stroh, in dem nicht selten Flöhe und Kakerlaken lauerten, aber der Waldboden war noch härter gewesen. Dennoch war ich froh, nicht mehr ins Gasthaus zurückzumüssen. Wir aßen zum Frühstück gepökelten Schinken, den Martin gestern mit auf die Reise genommen hatte. An einem Bach in der Nähe löschten wir unseren Durst. Martin mied das Thema Königshaus, um nicht wieder mit mir in Streit zu geraten, ich war ihm dankbar dafür.
Ich wollte auf dieser Reise nicht mit ihm streiten, im Gegenteil, ich wollte ihn näher kennenlernen.
Am Nachmittag hatten wir noch immer nicht den Waldrand erreicht, obwohl wir bereits einen ganzen Tag in dem Forst unterwegs waren. Alles sah so aus, als ob Martin sich verschätzt hätte, was die Größe des Waldes anging. Ich meckerte nicht, ich vertraute ihm völlig, lange würde es sicher nicht mehr dauern, bis wir herauskamen. Er machte sich auf den Weg, um für uns erneut eine Mahlzeit zu erjagen, ich ging währenddessen Feuerholz sammeln.
Von weitem hörte ich Hörnerblasen, Pferdegetrappel, laute Rufe von Männern, offenbar eine Jagdgesellschaft. Ich machte mir grosse Sorgen um Martin, was, wenn die Jäger ihn ertappten, wenn er ein Wild erlegte. Nur Adelige durften in den königlichen Wäldern jagen, wer gegen dieses Verbot verstiess, wurde gehängt, das hatte König Henry, dieser vedammte Bastard so verfügt. Ich musste weg, musste Martin warnen...bevor es zu spät war.
Ehe ich mich im Gebüsch verstecken konnte, preschte die Jagdgesellschaft auf mich zu, als sie mich sahen, hielten sie an. Die Gesellschaft bestand aus etwa dreissig in vornehme, waldfarbene Tuniken gekleideten Männern. Vorneweg ritt ein dicklicher Mann mit einem aufgequollenen Gesicht und einer ungesunden, blassen Gesichtsfarbe. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, sah sehr krank aus, ich fragte mich, was so ein Mann auf einer Jagd verloren hatte. Er trug eine braungrüne, mit Goldfäden durchwirkte Tunika, an jedem seiner zehn Finger prangten goldene und silberne Ringe mit verschiedenen Edelsteinen. Er hatte eine Armbrust bei sich. Auf der roten Decke, die unter dem Sattel des kostbaren Araberhengstes lag, sah man die drei goldenen Löwen Englands, das wappentier der Plantagenets.
Ich ahnte, um wen es sich handelte, der Mann trug eine goldene Krone auf dem Haupt, die mit etlichen Edelsteinen besetzt war. Das hier war König Henry von England, ausgerechnet ihm hatte ich über den weg laufen müssen, während er zur Jagd ritt, mein Glückstag war das heute nicht gerade.
Vor allem machte ich mir Sorgen um Martin, wenn der König und seine Männer ihn im Wald beim Wildern erwischten, würde er sicherlich sofort von ihnen getötet werden. Wut kam in mir hoch, und unbändiger Hass auf den König, der armen Leuten, die fast verhungerten die Jagd verbot, und selbst zu seinem eigenen Vergnügen so oft er wollte in den Wald ritt um Wild zu erlegen.
Neben dem König ritt ein junger Mann, einer seiner Söhne, vermutete ich, denn die Ähnlichkeit war sehr gross, die gleichen Augen, dieselben Gesichtszüge. Der einzige Unterschied war, dass König Henry graues Haar hatte und dicker als sein Sohn war. Das Haar des Sohnes war rotblond, und die Augen wie die des Vaters grün und stechend kühl. Ich empfand sofort grossen Abscheu, beide waren mir sehr unsympathisch. Der König betrachtete mich grimmig, dann richtete er das Wort an mich. "Was fällt dir eigentlich ein, in meinem Wald Holz zu sammeln, Weib? Alles, was in diesem Wald ist, ist Eigentum des Königs, es ist bei Todesstrafe verboten, sich etwas aus dem Wald zu nehmen!"
Meine Wut kannte nun keine Grenzen mehr. "Ihr wollt ein König sein? Ein Tyrann seid Ihr, nichts weiter. Die Menschen in Eurem Land verhungern, und im Winter müssen viele erfrieren, und Ihr verbietet ihnen, sich im Wald Holz zu nehmen, damit sie überleben können? Ich verabscheue Euch, Ihr seid schlimmer als der Teufel selbst!"
Den Jagdgefährten des Königs stand vor Staunen und Schrecken der Mund weit offen, noch nie hatte jemand es gewagt, so mit ihm zu reden.
Der rotblonde junge Mann blickte mich verächtlich an. "Du solltest diese Diebin in den Kerker sperren lassen, Vater, und sie so bald wie möglich hängen lassen. Wer dich so beleidigt, der verdient den Tod!" Was für ein widerlicher Mensch, dachte ich voller Abscheu, Martin hat keinesfalls Recht mit dem, was er über Lady Alienor sagt. Eine Frau, die einen so bösartigen jungen Mann zum Sohn hatte, musste selbst bösartig sein, irgendwoher musste der Prinz sein Verhalten ja haben.
Die Augen des Königs funkelten vor Zorn. "Oh ja, John, das werde ich tun, diese Diebin muss hängen, wie jeder, der hier in meinen Wäldern stiehlt!" Voller Angst musste ich an Martin denken, der vielleicht nur wenige Meter entfernt gerade einen Hirsch, Hasen oder ähnliches jagte, ohne zu ahnen, in welcher Gefahr er schwebte. Mein Leben war verwirkt, aber ich hoffte, dass wenigstens Martin diesem Schiksal entgehen würde.
Prinz John...der jüngste Plantagenet, man erzählte sich viele schllimme Dinge über ihn, selbst bis nach Cheapside war die Kunde von seiner Grausamkeit gedrungen. Er habe einmal einen seiner Knappen mit einem Schachbrett fast erschlagen, nur weil der ihn nicht gewinnen liess, so wie alle anderen, gegen die er spielte. Er liess eine junge Frau töten, nur weil sie nichts von ihm wissen wollte....ja, es gab viele solcher Geschichten, die einem kalte Schauder über dren Rücken jagten.
In diesem Moment wünschte ich mir, ich hätte eine Armbrust, dann hätte ich den König und seinen Sohn töten können.
Nun hatten sie mich in ihrer Gewalt...ich hoffte nur, sie würden den Brief, den ich unter meiner Kleidung im Mieder versteckt hatte, nicht finden.
Der Brief, meine einzige Hoffnung auf eine bessere Zukunft....

Tabea57
30.12.2006, 14:53
Danke, gefällt mir immer noch!

Ich werde gern weiterlesen, wenn du noch mehr hast.

Tabea57

PiperHalliwell
31.12.2006, 18:07
Schön dass es dir gefällt, hier die nächsten Kapitel:

wünsch dir nen guten rutsch und viel Spass beim lesen


6. Kapitel: DAs geheime Versteck


Der König befahl seinen Männern mich zu fesseln. Sie taten es, und einer von ihnen setzte mich vor sich auf sein Pferd. Er stank wiederlich nach ranzigem Fett und Zwiebeln, mir wurde fast übel, und dann begann er auch noch, meine Brüste zu begrabschen. Und ich konnte mich nicht einmal wehren, weil ich gefesselt war. Prinz John beobachtete das ganze grinsend. "Ihr könnt es wohl kaum noch erwarten, Gisbourne? Naja, sie ist wirklich schön....vielleicht nehme ich sie mir ja später vor, wenn wir wieder in Windsor sind!" Sein Blick ruhte auf meinen Brüsten, angewiedert schaute ich weg. Der Gedanke, er könnte sich mit mir vergnügen wollen, liess mich erschaudern, ich hoffte, dass mir das erspart bleiben würde. Die Jagdgesellschaft ritt weiter, immer tiefer in den Wald hinein. Ich hoffte, dass Martin nicht in der Nähe war, denn wenn sie ihn beim Jagen erwischten, würde auch er sterben müssen. "Ihr verdammten Bastarde, Ihr seid alle so erbärmlich, man kann euch wirklich nur verachten!"; schimpfte ich.
Der Prinz grinste spöttisch. "Ich werde dir schon Respekt beibringen, kleines Luder, warte nur, bis wir auf der Burg sind!"
König Henry ritt stumm vor sich hin, er sah aus, als habe er grosse Mühe, sich im Sattel zu halten, sein Gesicht wurde zunehmend noch blasser. Wie sehr wünschte ich mir, er möge tot vom Pferd fallen, verdient hätte er es.
Als die Männer im dichten Unterholz einen Hirsch enddeckten, wies der Prinz die Männer an, zu warten. "Noch nicht schiessen....ich will den ersten Schuss abgeben, das ist mein Hirsch!"
Zu spät, einer seiner Männer hatte bereits einen Pfeil abgeschossen, der die Flanke des Tieres traf. Der Prinz fluchte wie ein Kesselflicker. "Verdammt, wenn ich sage, ihr habt zu warten, dann meine ich das so. Dieser Hirsch gehört mir alleine, und niemand hat sich meinen Befehlen zu wiedersetzen!" Grimmig blickte er den jungen Mann an, der den Pfeil abgeschossen hatte. "Für Euch ist die Jagd beendet, Sir Champeau. Fort mit Euch, wir reiten ohne Euch weiter.
Dem Mann gefiel es gar nicht, dass er von der Jagd ausgeschlossen wurde, aber er wollte sich nicht mit dem zu Jähzorn neigenden Prinzen anlegen und ritt tatsächlich davon.
Die Jagd ging weiter, der Prinz erlegte den Hirsch. Außerdem wurden später noch ein Eber, und mehrere Hasen erbeutet.
Der König schien allmählich müde zu werden, man sah ihm an, dass er sich nicht mehr lange aufrecht im Sattel halten konnte. "Die Jagd ist beendet, wir reiten zurück!"; befahl er schliesslich.
"Aber Vater, ich möchte noch weiterreiten, wir können gewiss irgendwo noch einen Eber oder Hirsch aufspüren. Ich habe keine Lust, jetzt schon zurückzureiten!"; schmollte John.
Ich fand, dass er sich wie ein verwöhnter, kleiner Junge benahm, dabei musst er mindestens 20 Jahre, wenn nicht gar älter sein. "Ich bin müde, ich muss mich ein wenig ausruhen. Wir rreiten jetzt zurück, wir können morgen oder übermorgen wieder zur Jagd reiten"; meinte Henry, der keine Lust hatte, mit seinem Sohn zu streiten, dazu schien er viel zu erschöpft zu sein.
"Es ist so langweilig in Windsor, Vater, ich weiss gar nicht, was ich dort den ganzen Tag machen soll. Wie wäre es, wenn wir die Diebe, die in den Kerken sitzen endlich einmal hinrichten lassen?"; fragte der junge Prinz. Ich konnte es nicht fassen, wie beiläufig er darüber redete, Menschenleben auszulöschen schien für ihn ganz normal zu sein.
"Nein, vorerst nicht, wir warten noch, bis die Kerker voll sind, erst dann werde ich ein paar Hinrichtungen anberaumen"; erwiderte der König, "ich schätze, so in zwei, drei Wochen dürfte es soweit sein!"
"Wenn die Menschen genug zu essen hätten, müssten sie auch nicht stehlen! Sorgt dafür, dass alle jeden Tag satt werden können, dann wird auch nicht mehr soviel gestohlen"; mischte ich mich in die Unterhaltung ein. Ich würde ohnehin sterben müssen, hatte nichts mehr zu verlieren, also konnte ich auch ruhig meine Meinung sagen.
"Wenn sie essen wollen, dann sollen sie doch arbeiten..."; meinte John, "diese Faulpelze sind selbst schuld, wenn sie hungern müssen, das ist nicht unsere Schuld!" Damit machte er mich nur noch wütender. "Wenn Ihr ihnen ständig die Früchte ihrer Arbeit wegnehmt, dann leiden sie grosse Not, aber Euch ist ja anscheinend alles egal, solange Ihr nur Euren prinzlichen Hintern auf ein Purpurkissen betten und Euch mit allen möglichen Leckereien vollstopfen könnt. Ihr seid wirklich dumm, das muss man sagen!"
Gisbourne gab mir eine Ohrfeige. "Halt den Mund, du freches Weibsbild, wage es nicht, den Prinzen zu beleidigen!"
Ich dachte gar nicht daran zu schweigen, obwohl ich spürte, dass ich auf dünnem Eis wandelte, es war mir gleichgültig. Mein Hass auf die königliche Familie war nur noch grösser geworden.
"Auf mich wirkt der Prinz eher wie ein verwöhntes, verzogenes Kleinkind, nicht gerade jemand, vor dem man Respekt haben kann!"
Gisbourne nahm ein Tuch und band mir den Mund damit zu, so dass ich nichts mehr sagen konnte. So ritten wir weiter, und wenn ich auch nichts mehr sagen konnte, so verriet das Funkeln in meinen Augen deutlich meinen Hass.
Nach einer halben Ewigkeit kamen wir aus dem Wald heraus, ritten nun über Wiesen und Feldern. Wir kamen an mehreren Äckern vorbei, wo die Bauern gerade fürs Frühjahr alles besähten. Sie verneigten sich, als die königliche Jagdgesellschaft an ihnen vorbeikam, ich erkannte in ihren Mienen eine Mischung aus Hass und Furcht. Nein, niemand mochte König Henry, alle Untertanen hassten ihn, das gab mir eine gewisse Genugtuung. Ich war auch froh, dass Martin ihnen nicht über den Weg gelaufen war, zumindest er würde leben.
Schloss Windsor war eine riesengrosse Burg, die aus etlichen, im Laufe der Jahrhunderte ineinandergefügten Gebäudeteilen, Mauern und Türmen bestand. Oben auf dem höchsten der Burgtürme flatterte das angevinische Löwenbanner der Plantagenets. Prinz John zwinkerte Gisbourne kurz zu, woraufhin dieser mich vom Pferd zerrte und über den Burghof zu einer Treppe schleifte. Er zerrte mich die Treppe hoch, hinein in die Burg. Ich konnte mich nicht einmal wehren, weil mir immer noch die Arme gefesselt waren. Er zerrte mich den dunklen, steinernden Gang entlang, der von ein paar Fackeln spärlich erhellt wurde, und in dem es modrig roch. Dann schubste er mich in einen Raum hinein, verriegelte die Tür.
Ich sah ein grosses, Bett, auf dem mehrere Purpurkissen und eine purpurne Decke lagen, einen Tisch auf den Schreibfeder, Papier und ein Buch lagen darauf.
Ich bekam grosse Angst, fragte mich, was das hier werden sollte, warum hatte man mich in dieses Zimmer eingesperrt? Voller Angst wartete ich ab, blickte nervös zur Tür herüber. Der Brief..ich trug ihn noch immer in meinem Mieder. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn jemand ihn enddeckte.
Unter meiner Kleidung würde ich ihn nicht mehr lange verstecken können, soviel war mir klar, ich ahnte, weshalb man mich in dieses Zimmer gesperrt hatte, was man von mir wollte..alleine bei dem Gedanken grauste es mir.
Suchend blickte ich mich im Raum um...wo könnte man den Brief nur verstecken, ohne dass er gleich enddeckt wurde? Mein Auge fiel auf einen prächtigen Wandteppich, der fast eine ganze Wand des grossen Gemachs einnahm. Darauf war ein Jäger auf einem prächtigen Araberhengst abgebildet, der einem Hirsch nachsetzte. Das rote Haar, die grünen Augen....der Jäger auf dem Bild hatte grosse Ähnlichkeit mit Prinz John....hatte der junge Mann den Wandteppich nach seinem Abbild anfertigen lassen? Aber das hiesse ja...dass dies sein Gemach sein musste...Schaudernd dachte ich an seine Worte während der Jagd, dass er sich mich später noch vornehmen wolle.
Panik kam in mir hoch, dieser Mann war mir dermassen zuwider, alleine bei dem Gedanken, er könne mir zu nahe kommen wurde mir übel.
Ich ging zu dem Gobelin herüber, tastete ihn vorsichtig ab. Ja, es könnte gehen....dachte ich mir, holte den Brief aus meinem Mieder, rollte ihn auf, und steckte das Pergament hinter den Gobelin. Es blieb wo es war, rutschte nicht heraus. Man konnte von aussen nicht sehen, dass hinter dem Teppich etwas versteckt worden war. Der Prinz würde es sicherlich so schnell nicht bemerken, und ich könnte mir den Brief später zurückholen.
Finden würde er ihn dort gewiss nicht...der Wandteppich hing sicherlich schon seit Jahren an dieser Stelle und würde so schnell nicht entfernt werden.
Nur, wie sollte ich später wieder an das Dokument herankommen? Warum dachte ich über so etwas überhaupt nach, ich würde ohnehin nicht lebend aus dieser Burg herauskommen...
In diesem Moment betrat der Prinz das Gemach, sein lüsterner Blick liess mich nichts Gutes ahnen.


7. Kapitel: Ein ungleicher Kampf

Windsor Castle, November 1188

"So, meine Schöne, jetzt sind wir ganz alleine"; säuselte er und kam auf mich zu. In diesem Moment wünschte ich mir, dass meine Hände nicht gefesselt wäre, so war ich ihm hilflos ausgeliefert. Schliesslich stand er ganz nahe vor mir, sah mir direkt in die Augen. "Du hast schöne Augen...ich könnte mich darin verlieren!", meinte er und streichelte meine Wange. Ich wich zurück und rümpfte die Nase. Ich wollte nicht, dass er mich anfasste, zu sehr verabscheute ich ihn.
Er liess sich davon nicht beirren, rückte noch näher an mich heran, strich mir durchs Haar. "Du solltest dich geehrt fühlen, viele Frauen würden ihre Seele verkaufen, um nur ein paar Minuten mit mir verbringen zu dürfen!"
Dann scheinen diese Frauen ja nicht sehr intelligent zu sein!"; erwiederte ich schlagfertig. Das machte ihn wütend, er gab mir eine gewaltige Ohrfeige, so dass ich aufs Bett fiel. "Wage nicht, mir zu widersprechen, ich bekomme ja doch, was ich will", meinte er und warf sich neben mich auf das Bett.
"Ziemlich erbärmlich, Ihr meint wohl, es sei eine Heldentat, eine hilflose, gefesselte Frau gegen ihren Willen zu nehmen"; knurrte ich ihn an.
Er grinste frech. "Glaub mir, es wird dir gefallen. Bis jetzt hat sich noch keine beschwert, also halt den Mund, du wirst ohnehin nicht gefragt!"
Er warf sich auf mich, mein Körper wurde fest in die weichen Laken gepresst. Da meine Hände geknebelt waren, konnte ich ihn nicht von mir herunterstossen. Seine Augen hatten einen gierigen, glasigen Blick angenommen, genau wie den der Männer im Gasthaus, wenn sie zuviel getrunken hatten. Ich wollte nicht einfach hilflos herumliegen,und ihn tun lassen, was er tun wollte. Ich hatte zwar selbst nie mit einem Mann geschlafen, wusste jedoch viel darüber, meine Freundinnen hatten mir davon erzählt. Zunächst hatte ich ihnen nicht geglaubt, was sie mir berichteten, zu absurd erschien mir, was der Mann mit seiner Frau tat, damals dachte ich, sie veralberten mich, aber jetzt, mit 23 wusste ich es längst besser. Ich hatte mir selbst geschworen, damit zu warten, bis der Richtige in mein Leben trat, dass mir einmal so etwas wiederfahren würde wie jetzt, hätte ich nicht gedacht. Er riss mir das Kleid auf, Sabber lief aus seinem Mund. Wie ein läufiger Hund, dachte ich angewidert. Ein Glück, dass ich den Brief versteckt hatte, sonst wäre er ihm jetzt geradewegs in die Hände gefallen.
Meine Hände waren nicht frei, aber ich konnte mich auch anders zur Wehr setzen. Ich hob meinen Kopf ein Stück, tat so, als würde ich seine Schulter mit Küssen liebkosen. Dann biss ich blitzschnell zu, meine Zähne gruben sich in sein Schulterblatt. Er liess von mir ab, schrie vor Wut und Schmerz laut auf. Ich wusste, dass ich damit mein Schiksal besiegelt hatte, das würde mein Tod sein.
Besser sterben als von ihm genommen zu werden, dachte ich mir, dazu war ihm jetzt hoffentlich die Lust vergangen
Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. "Verdammtes Biest, der werde ich Manieren beibringen!"; tobte er und schlug wild auf mich ein. Ich konnte nicht einmal meine Hände heben um mich zuschützen, war der Wucht der Schlage hilflos ausgeliefert.Es tat entsetzlich weh, Schlag für Schlag prasselte auf mich nieder. Ich bemühte mich, nicht ohnmächtig zu werden, kämpfte verzweifelt dagegen an.
In diesem Moment betrat der König das Gemach, er kam herein ohne anzuklopfen.
"Was tust du denn da schon wieder"; schimpfte er mit seinem Sohn, "Ich habe ja nichts dagegen, wenn du sie dir nimmst, aber du solltest sie nicht gleich töten. Ich kann meine Männer nicht jedesmal anhalten, die Leichen der Frauen zu verscharren, wenn du wieder einen Wutanfall hattest....es sind bereits Gerüchte darüber in Umlauf. Du solltest lernen dich zu beherrschen, einen Mann, der ständig junge Frauen erschlägt, wird es als König nicht weit bringen, es könnte dir zum Verhängnis werden!" Mein schiksal interessierte ihn dabei weniger, ihm ging es einzig und allein um den Ruf seines Lieblingssohnes.
"Aber Vater...sie hat mich in die Schulter gebissen...sie war selbst Schuld!"; verteidigte er sich, es klang empört, wie ein kleiner Junge, dem man sein Spielzeug weggenommen hatte.
"Du solltest dir endlich eine feste Geliebte suchen, die dir jederzeit gibt, was du brauchst..so wie ich es auch getan habe, als deine Mutter älter wurde....so kann es jedenfalls nicht weitergehen"; tadelte Henry ihn.
"Niemand würde diese Frau vermissen, wenn sie stirbt, sie ist nur ein Bauernweib, davon gibt es hunderte....und ich finde, wenn sie mir nicht gehorchen, sind sie selbst schuld daran!", meinte John unbeirrt.
Der König, der kränklich, blass und müde war, hatte nicht die Kraft, sich weiter mit ihm zu streiten, er wollte nur noch in sein Bett und schlafen.
"Ich behalte dich im Auge, solche entgleisungen wird es in Zukunft nicht mehr geben, sonst kannst du deinen Thron vergessen. Du kannst Frauen vergewaltigen so viele du willst, aber töten darfst du sie nicht, das könnte, wenn es Überhand nimmt die Menschen dazu bringen, sich deinem Bruder anzuschliessen, das darf einfach nicht sein!"
Verächtlich blickte der alte Mann zu mir herüber. "Lass das kleine Biest in den Kerker sperren, ein paar Tage bei Wasser und Brot machen sie gewiss gefügsamer!"
Der Kerker...soviele schreckliche geschichten hatte ich schon darüber gehört, ich konnte mir denken, was mich erwartete.
Alles um sich herum drehte sich, mir wurde schwindelig. Und dann fiel ich immer tiefer....alles wurde dunkel um mich herum...

8. Kapitel: Im Kerker

Windsor Castle, November 1188

Ein unangenehmer Geruch nach fauligem Stroh und Exkrementen stieg mir in die Nase, irgendetwas Pelziges wuselte über mein Gesicht, das waren die ersten Dinge die ich wahrnahm, als ich wieder zu mir kam. Mir tat alles weh, meine Hände waren noch immer gefesselt. Es war so dunkel hier, dass ich kaum etwas erkennen konnte, der Kerker, in den sie mich gesperrt hatten, hatte keine Fenster.
Ich fragte mich, wie ich es hier unten aushalten sollte, wie lange würden sie mich hierlassen?
Panik überkam mich, ich hätte am liebsten geschrien, wusste jedoch, dass mir das nichts nützen würde. Es gab kein Entkommen, das wusste ich, ich sass hier unten fest, bis sie mich zur Hinrichtung abholen würden. Die Zeit hier unten kam mir wie eine Ewigkeit vor, allmählich knurrte mein Magen, meine Kehle war trocken vor Durst. Niemand brachte mir etwas zu essen, hatten sie vor, mich hier elendig verhungern zu lassen? Man sagte, dass viele Gefangene in den Kerkern von Schloss Windsor spurlos verschwunden seien, es gab keine Hinrichtung, und doch bekam niemand sie jemals wieder zu sehen. Wieviele mochten wohl im Laufe der Jahre hier unten verhungert sein? Ich wollte es lieber nicht wissen...
Eine Ratte biss mich ins Bein, der Schmerz machte mich beinahe wahnsinnig. Ich trat nach einem weiteren Tier, das sich in meine Schuhe verbeissen wollte, es huschte erschrocken davon. Solange meine Hände gefesselt waren, würde es schwer sein, mich gegen die Ratten zur Wehr zu setzen.
Jede Hinrichtungsart wäre besser, als ein langsamer, qualvoller Tod hier unten, der sich möglicherweise über Tage hinzog. Ich fing an zu weinen, konnte gar nicht mehr aufhören. In diesem Moment wünschte ich mir, den verhängnisvollen Brief niemals gestohlen zu haben...nichts als Unglück hatte mir das gebracht.
Was hätte ich jetzt dafür gegeben, im Gasthaus meines Vaters an der Theke zu stehen, und Bier auszuschenken, so verhasst mir das auch sonst gewesen sein mochte, alles war besser als das hier. Hier unten blieb mir viel Zeit zum Nachdenken, ich fragte mich, ob die Königin wohl genauso schlimm wie ihr Mann und ihr Sohn war. Kannte Martin sie und ihren Lieblingssohn tatsächlich, oder hatte er das nur erfunden? All das würde ich nun nie erfahren, was ich bedauerte. Der Brief...ich hoffte nur, dass ich ihn nie fand, dieses Scheusal John durfte auf keinen Fall der nächste König werden, das wusste ich jetzt.
Aber ich hielt es für sehr wahrscheinlich, dass die Königin und ihr anderer Sohn auch nicht besser waren...immerhin hatte Alienor fast 20 Jahre mit König Henry zusammengelebt, musste ihm zumindest in einigen Dingen ähnlich sein.
Nein, niemand aus dieser Familie konnte gut sein, sie waren gewiss alle so wie Henry und John. Für die Menschen in Cheapside würde sich wohl n iemals etwas ändern, egal wer gerade auf dem Thron sass.
Tiefe Resignation machte sich in mir breit, alles war mir gleich..ich konnte ohnehin nichts mehr tun, ich war verloren. Ich legte mich auf das schmutzige, stinkende Stroh, um auf meinen Tod zu warten. Allzu lange konnte es nicht dauern, ich fühlte mich bereits sehr geschwächt.
Ich schätze, es dauerte mindestens einen Tag, bis ich einen Schlüssel rasseln hörte, und jemand die tür zu meiner Zelle aufsperrte. Ich war zu erschöpft, um den Kopf zu heben, als sich mir Schritte näherten. Nun brachten sie mich also nach draussen um mich zu hängen...nun, besser als hier drinnen zu sterben.
dennoch hatte ich Angst, fürchtete mich davor, so zu sterben, ich würde gewiss qualvoll erstecken müssen.
Jemand löste vorsichtig die Fesseln an meinen Händen, ich bekam es gar nicht richtig mit. "Hab keine Angst, ich bringe dich hier heraus"; flüsterte eine sanfte Stimme. Ich erkannte sie sofort, hob ein wenig den Kopf. "Martin....wie hast du es geschafft, hierherzukommen, woher wusstest du, wo du nach mir suchen musstest..."
Die Kerker waren gut bewacht, hier kam gewiss niemand so schnell herein.
Er erzählte mir, dass er die Jagdhörner gehört und sich im Gebüsch versteckt habe. Dann hatte er gesehen, dass sie mich gefangennahmen und sei ihnen heimlich zur burg gefolgt. "Ich konnte dich doch nicht im Stich lassen, ich musste einfach kommen um dich hier rauszuholen"; meinte er.
"Aber..wie hast du es geschafft, an den Wachen vorbeizukommen?", fragte ich ihn.
Er grinste. "Ach, das war gar nicht schwer. Sie kennen mich, wissen, dass ich der beste Freund von Prinz richard bin. Ich habe ihnen einfach gesagt, dass sie nichts mehr zu lachen, wenn er bald König wird, und sie mich nicht durchgelassen hätten...dafür würde ich dann schon sorgen. Wie du siehst hat es funktioniert, sie wissen genau, wie krank der alte Henry ist, und dass er jeden Tag sterben kann... und dass John es nicht schaffen wird, sich den Thron zu sichern, er ist ein miserabler Heerführer und nicht gerade besonders schlau. "
Ich konnte nur staunen, offenbar stimmte die Geschichte, die er mir erzählt hatte, er schien wirklich der beste Freund des jungen Prinzen zu sein. Anders konnte ich es mir jedenfalls nicht erklären, dass er es bis zu mir hier nach unten geschafft hatte.
Ich war erleichtert, ich würde also doch nicht sterben müssen, aber selbst zum lächeln war ich jetzt zu müde. Er hob mich vorsichtig vom Boden auf, ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, schloss die Augen. Ich war zu müde, um ihm zu sagen, dass ich den Brief nicht mehr bei mir trug, ich brachte im Moment gar kein Wort mehr heraus.
"Ich bringe dich fort von hier, du brauchst keine Angst mehr zu haben, wir kommen leicht hier heraus, wir müssen nur aufpassen, dass wir Henry und John nicht mehr über den Weg laufen. Die Wachen lassen uns vorbei, ich habe dir ja schon gesagt, warum!"
Ich war so froh, dass er da war, ich hätte ihn sicherlich umarmt, wenn ich noch die Kraft dazu gehabt hätte.
"Ich bin so froh, dass du noch am Leben bist, ich hatte grosse Angst um dich!"; flüsterte er, "weisst du..ich habe dich sehr, sehr gerne!"
Man kann sich kaum vorstellen, wie glücklich es mich machte, das zu hören, ich bedeutete ihm also etwas, vielleicht war er sogar ein wenig in mich verliebt...
Den Kopf an seine warme Brust gelehnt, fühlte ich mich sehr geborgen, schlief wieder ein

Tabea57
01.01.2007, 22:15
Hallo Piper,

Dir auch ein gutes Jahr 2007!

Danke für das neue Kapitel, ich habe es gerne gelesen.

bis bald!?

Tabea57

Anjschella
10.01.2007, 23:15
Piper,

wann kommt das nächste Kapitel? Du schreibst spannend und gut.

Hoffentlich können wir bald wieder was lesen von dir.

Gruß A.

PiperHalliwell
12.01.2007, 17:46
Schön, dass es euch gefällt, hier kommt die Fortsetzung:
[dauert manchmal etwas, bis es weitergeht, wegen Arbeit finde ich in der woche oft keine Zeit zum Schreiben]
Wünsch euch viel Spass beim Lesen.

9. Kapitel: Das geständnis

Auf einer Wiese in der Nähe von Windsor, November 1188

Mein Kopf brummte entsetzlich, als ich wieder zu mir kam. Ich lag auf einer weichen Decke auf einer gefrorenen Wiese, neben mir sass Martin und hielt meine Hand. "Du...du hast es wirklich geschafft, dort mit mir herauszukommen...ich hätte nicht gedacht, dass wir so ein Glück haben würden!" Er lächelte sanft. "Jetzt bist du in Sicherheit, nichts kann dir mehr geschehen".
Ich rückte näher an ihn heran, küsste ihn auf die Wange. "Ich danke dir, das werde ich dir niemals vergessen!"; flüsterte ich leise.
Er errötete ein wenig, dann kramte er in seiner Tasche, holte ein grosses Stück Fleischpastete heraus. "Die habe ich in der Küche besorgt, ich dachte mir, dass du jetzt Hunger haben würdest!" Ich biss gierig hinein, kaute genüsslich. Es tat gut, nach so langer Zeit endlich wieder etwas im Magen zu haben. Ich aß das Stück ganz auf, genoss das herrlich fettige, von weichem Teig umgebene Fleisch.
"Am liebsten hätte ich noch so ein Stück"; meinte ich selig seufzend. Er holte ein weiteres hervor, schnitt es in zwei Teile, einen aß er selbst, den anderen reichte er mir. Ich biss erneut hinein, betrachtete die von weissen Frostkristallen übersäte Landschaft. Es wurde bereits kalt, konnte jederzeit Schnee geben. Bei diesem Wetter zu reisen würde alles andere als angenehm sein. Wir würden bald in Wirtshäusern übernachten müssen, um nachts nicht zu erfrieren, und wenn es etwas gab, was ich nicht mochte, dann waren es Gasthäuser.
Hatten wir überhaupt genug Geld für die Reise? Wenn nicht, würden wir stehlen müssen, und das war sehr gefährlich, könnte uns an den Galgen bringen.
Ich biss erneut in meine Pastete. "Mir lief es kalt den Rücken runter vor Angst, als ich im Gemach des Prinzen gewesen bin. Stell dir vor, ich habe gehört, dass er schon mehrere Frauen ermordet hätte, wenn er einen Wutanfall hat. Seltsam, dass niemand etwas dagegen unternimmt!"
Martin schien alles andere als überrascht zu sein und davon zu wissen. "Sein Vater lässt die Leichen aus dem Weg räumen, damit niemand dahinterkommen kann. Beweise gibt es also leider keine, es kursieren zwar Gerüchte, die aber viele nur für schaurige Ammenmärchen halten. Aber ich weiss, dass sie wahr sind, ich habe vor einigen Jahren eine dieser Frauen vor ihm gerettet, kurz bevor er sie töten wollte!" Er erzählte mir, was damals geschehen war:Gerade 14 Jahre alt sei der junge Prinz gewesen, als er sich in eine der Hofdamen verliebte. Die junge Claudine wollte nichts von ihm wissen, versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen. Das machte ihn so rasend, dass er sie eines Abends auf dem Gang abfing und über sie herfiel, als sie sich wehrte, schlug er heftig auf sie ein.
Martin kam damals dazu, rettete ihr das Leben. Er verliebte sich in sie, schnell wurden sie ein Paar. Er nahm sie mit nach Frankreich, um dem Prinzen aus dem Weg zu gehen, lebte mit ihr an Lady Alienors Hof. Zwei Jahre später starb sie bei der Geburt des gemeinsamen Kindes, das Baby überlebte ebenfalls nicht!"
Martins Augen blickten traurig, während er mir davon erzählte. "sie fehlt mir so...jeden Tag muss ich an sie denken, oft wünsche ich, sie wäre noch bei mir!" Ich nahm ihn in den Arm, streichelte ihm liebevoll durchs Haar. "Sie hat dich gewiss sehr geliebt, sie kann sich glücklich schätzen, dass sie einen so wunderbaren Mann wie dich an ihrer Seite hatte!", flüsterte ich.
Er hob den Kopf, blickte mir direkt in die Augen. "Ich habe sie geliebt...aber ich glaube auch, dass sie gewollt hätte, dass ich ein neues Glück finde, dass ich wieder lieben kann..."
Es freute mich, dass er das sagte, ich wusste, wir würden irgendwann ein Paar sein, ich spürte die Anziehung, die es zwischen uns gab. Vorerst waren alle STreitigkeiten wegen der Königin vergessen, wir erwähnten das beide nicht mehr.
Wir würden weitterreisen, und in Frankreich konnte man dann sehen, wie es weiterging. Ich hate einen Teil der königlichen Familie kennengelernt, und es war grauenhaft gewesen. Was, wenn die Königin genauso grausam wie henry und John war, dann würde sie auf die Erpressung gar nicht mehr eingehen und mich in einem düsteren Kerker verschwinden lassen. Ich wollte nie wieder in einen Kerker, die Angst davor sass tief. Aber ich wollte meinen Traum von einem besseren Leben nicht aufgeben, ich musste daran festhalten. Nie wiederim Gasthaus betrunkene, grabschende Männer bedienen müssen, das hatte ich mir geschworen.
"Wir sollten weiterreisen"; meinte Martin schlieslich, "es wäre nicht gut, hier so lange zu verweilen!"
"Glaubst du, sie suchen schon nach mir?"; fragte ich ängstlich, meine Flucht musste längst bemerkt worden sein.
Martin zwinkerte mir verschwörerisch zu. "Sie werden gar nicht nach dir suchen. Wenn der König danach fragt, werden die Wachen sagen, du wärst an einer Seuche gestorben und sie hätten deine Leiche wegen der Ansteckungsgefahr schnell verbrennen müssen. Nein, es wird keine Probleme geben. Trotzdem wäre es mir lieber, rasch aufzubrechen, ich habe keine Lust, dem Prinzen erneut zu begegnen, wenn er wieder zur Jagd reitet!"
Ich senkte beschämt den Kopf. "Martin...ich muss dir etwas gestehen...der Brief..ich habe ihn nicht mehr, er ist im Zimmer des Prinzen hinter dem Wandteppich versteckt..."


10. Kapitel: Ein schwerer Abschied

Auf einer Wiese in der Nähe von Schloss Windsor, November 1188

Ich erklärte Martin, wie es dazu gekommen war, hoffte, er würde nicht allzu wütend sein. Er verstand mich, sagte, ich hätte es richtig gemacht, da der Prinz sonst den Brief längst gefunden hätte. Aber er machte sich grosse Sorgen, fragte sich, was wohl geschehen würde, wenn der Prinz das Dokument durch irgendeinen dummen Zufall dort fände.
"Ich muss zurück zur Burg, ich muss den Brief holen, ich kann nicht riskieren ihn dort zu lassen, das könnte für das ganze Land fatale Folgen haben!"; meinte Martin.
Ich wollte nicht, dass er ging, machte mir grosse Sorgen. "Bitte, Martin, gehe nicht wieder dorthin, es ist zu gefährlich. Wenn der Prinz dich in seinem Gemach erwischt, wird er dich gewiss totschlagen, das möchte ich nicht, das ist es nicht wert! Dann verzichte ich eben darauf, die Königin zu erpressen, hauptsache, dir geschieht nichts. Es wird zwar nicht leicht werden ohne Geld, aber wir schaffen das schon!" Für ihn war ich bereit, meinen Plan aufzugeben, auch wenn es mir nicht leichtfiel. Ja, ich hatte mich in ihn verliebt, das spürte ich ganz deutlich, ein eigenartiges, aber auch wunderschönes Gefühl.
Er lächelte, sah mir tief in die Augen. "Das würdest du für mich tun? deinen Plan aufgeben, obwohl du so ein besseres Leben führen könntest?"
Ich senkte den Kopf, errötete ein wenig. "Was wäre das denn für ein Leben ohne dich...nein, wir lassen den Brief Brief sein, ich will nicht, dass dir etwas zustösst. Du darfst nicht dorthin zurück, das wäre reiner Wahnsinn!"
Er nahm mich in den Arm, sein Blick war sehr liebevoll, ich schmiegte mich an ihn. "Ich muss es tun...ich habe keine andere Wahl, ich darf die Königin und Richard nicht im Stich lassen. Mach dir keine Sorgen, ich werde zurückkehren, ich passe auf mich auf!"
Nein, das gefiel mir ganz und gar nicht. "Bitte, Martin, das darfst du nicht tun. Sollen die beiden doch zur Hölle fahren, wo sie hingehören, das ist nicht unser Problem. Mir ist es sowas von gleichgültig, ob die Königin in Schwierigkeiten gerät oder nicht..sie ist gewiss genauso schlimm wie ihr Mann, sie ist es nicht wert, dass du für sie dein Leben aufs Spiel setzt!" Wieder kam in mir der Hass auf Königin Alienor hoch...ich liebte Martin, wollte ihn nicht verlieren, nur weil er für sie sein Leben riskierte, was sie ihm wahrscheinlich nicht einmal danken würde.
Er liess mich los, stand auf, seine Miene war nun wieder verschlossener, die Wärme aus seinen Augen verschwunden. "Du willst es einfach nicht verstehen....es geht nicht nur um sie und Richard sondern auch um die Zukunft des ganzen Landes. Du hast John kennengelernt...willst du wirklich, dass so ein Mann König wird? Wenn er diesen Brief findet, hält er alle Macht in den Händen, sein Bruder könnte niemals König werden, er würde ihn und seine Mutter töten lassen. Ich kann das nicht zulassen..."
Ich seufzte leise. "Ich habe einfach Angst um dich, ich möchte nicht, dass dir etwas passiert...was du da vorhast, ist sehr gefährlich!"
Er legte einen Arm um mich, lächelte. "Du hast doch gesehen, wie gut ich an den Wachen vorbeikam....das kann ich noch einmal tun...und falls John mich in seinem Gemach erwischt, schlage ich ihn bewusstlos...du siehst also, es besteht keinerlei Gefahr für mich!"
Ich sah das anders, machte mir schon jetzt Sorgen. "Ich werde dann jetzt gehen, mach dir keine Gedanken, ich bin bald zurück. Du wirst sehen, in ein paar Stunden sind wir zusammen auf dem Weg nach Frankreich. Wenn du Lady Alienor erst kennenlernst, wirst du sie sicherlich gerne mögen!", meinte er schliesslich.
Ich bezweifelte das, ich konnte die Königin schon jetzt nur noch hassen. Was wusste sie schon...ihr Sohn ermordete Frauen, und sie tat nicht einmal etwas dagegen..falls sie überhaupt davon wusste. Dieser Frau war vermutlich alles gleichgültig, solange sie ein angenehmes Leben führen konnte.
"Eine Meile von hier ist ein kleines Dorf namens Maronville, gehe dorthin, und warte, bis ich komme, es wird nicht lange dauern!" Er küsste mich sanft auf die Wange. "Du wirst sehen, mir geschieht schon nichts. Ich hole den Brief zurück, dann wird alles wieder gut!" Das bezweifelte ich, sagte aber nichts, ich wusste ohnehin, dasss es unmöglich war, ihn von seinem Plan abzubringen.
Zum Teufel mit der Königin, sie hatte Schuld an allem, dachte ich voller Wut und traurigkeit als Martin zurück Richtung Burg ging. Der Abschied fiel mir sehr schwer.
Ob ich ihn wohl jemals wiedersehen würde?

11. Kapitel: Die Hexe von Maronville

Das Dorf Maronville, Nähe Windsor, November 1188

In traurigen Gedanken versunken ging ich den kleinen Feldweg hinunter zu dem Dorf. Maronville war nicht besonders gross, es bestand aus etwa fünfzehn strohgedeckten Lehmhütten und einer kleinen, aus Holz gebauten Kirche, ebenfalls mit Strohdach. Schweine suhlten sich auf der schlammigen Dorfstraße, zwei Hunde balgten sich um einen Knochen, ein paar kleine Bauernjungen spielten ein Spiel namens Fußball, das man mit einer runden Schweinsblase spielte, und das vom König eigentlich verboten worden war, da die Menschen sich dabei häufig schwer verletzten und dann nicht auf den Feldern arbeiten konnten. Zum Teufel mit dem König, nicht einmal ein bisschen Spass gönnte er dem Volk, dachte ich grimmig. Vor einer der ärmlichen Hütten saß eine Bauersfrau und rupfte eine Gans, vor einer anderen Hütte wurde gerade eine weitere geschlachtet. Martini stand kurz bevor, dann erwarteten die Adeligen von ihnen weitere Abgaben in Form von Gänsen für den Festtagsbraten.
Als ich an einer der Hütten vorbeikam, rannte ein Mann auf mich zu. "Gut, dass Ihr endlich kommt, es ist gleich soweit"; meinte er nervös.
Ich wusste nicht, was er meinte, was sollte gleich soweit sein? Ich kam gar nicht dazu, ihn danach zu fragen, er redete gleich weiter. "Wenn es diesmal ein Sohn ist, werde ich zwei Gänse statt einer bezahlen". Da hörte ich aus einer der Hütten lautes Wehgeschrei. Jetzt verstand ich...die Bauersfrau bekam ihr Baby, und man hielt mich für die Hebamme. "Ich bin nicht die Amme..Ihr verwechselt mich..."; versuchte ich seinen Irrtum richtigzustellen. Aber er hatte mir gar nicht zugehört, schob mich in die Hütte hinein zum Lager seiner Frau. In der Hütte gab es nur ein großes Bett, auf dem normalerweise die ganze Familie schlief. Es gab eine kleine Kochstelle und einen kleinen Tisch mit ein paar Stühlen. Es roch nach Schweinedung, da die Tiere in einem kleinen, durch ein Tuch abgeteilten Verschlag mit der Familie in der Hütte lebten. Auch daran trug die königliche Familie Schuld, dachte ich mir, dass die armen Familien nicht einmal das Holz hatten, um sich einen Stall anzubauen. Drei magere, flachsblonde Mädchen, etwa zwischen 2 und 5 Jahren standen eng aneinandergeschmiegt an der Wand, starrten mit grossen Augen auf die Mutter. Sie trugen alle bräunliche Kleider, denen man ansah, dass sie bereits mehrmals geflickt worden waren und Holzpantinen. "Hinaus mit euch, Mädchen, und kommt erst wieder rein, wenn ichs euch sage"; raunzte der Mann seine verschreckten Töchter an, scheuchte sie hinaus. Ich fragte mich, ob es angesichts der Kälte draussen nicht besser gewesen wäre, die Kinder, die keine Mäntel trugen, drinnen bleiben zu lassen, besser, sie schauten die Geburt mit an, als dass sie sich draussen eine Erkältung holten. "Ich bin nicht die Amme"; versuchte ich dem Mann noch einmal zu erklären, "bitte glaubt mir doch, ich weiss nicht, wie man ein Kind auf die Welt holt!" Aber er war schon hinausgegangen, stattdessen kam eine ältere Frau hinein, die Mutter der Gebärenden, wie ich aufgrund der Ähnlichkeit vermutete.
"Ihr solltet anfangen, helft Ihr, ihr seid die Amme, holt endlich das Kind auf die Welt"; drängte sie mich. Die junge Frau, die ein paar Jahre jünger als ich sein musste war schweißgebadet, stöhnte laut vor sich hin.
"Ich bin nicht die Am...", begann ich, die alte Frau unterbrach mich ruppig. "Nicht reden, arbeitet lieber...dafür werdet Ihr bezahlt!"
Ich tastete vorsichtig den Bauch der Schwangeren ab. Ich kannte mich mit Schangerschaften und Geburt gar nicht aus, meinte aber, die Rundung des Köpfchens oben statt unten zu fühlen, das Kind lag also falsch herum, mit den beinen nach unten, was eine schwere Geburt, meistens auch den Tod für die Mutter bedeutete. Das sagte ich auch der Alten, die mich daraufhin wütend angeiferte. "Ihr lügt, mit ihr ist alles in Ordnung.. das Baby braucht nur ein wenig länger, aber es liegt nicht falsch. Und Ihr wolt eine Amme sein...dass ich nicht lache..."
"Aber das bin ich doch gar nicht.."; begann ich, in diesem Moment kam der Mann erneut hinein, bei sich hatte er eine Frau, die in etwa in meinem Alter sein mochte.
"Das ist Genoveva, die Amme..."; sagte er zu seiner Schwiegermutter, offenbar ist die andere hier"; er deutete auf mich, "eine Hexe, die sich nur als Hebamme ausgegeben hat, um das Kind zu stehlen!"
Seine Augen blitzten, ich sah deutlich die Wut darin. Die echte Amme kümmerte sich um die Gebärende, die alte Frau zeigte auf mich, dann bekreuzigte sie sich. "Sie ist eine Hexe, sie hat Alison und das Baby verhext, sie hat das Baby im Bauch falsch herum gehext, damit es nicht herauskommen kann. Ich habe es genau gesehen, sie hat es mir sogar selbst gesagt!"
Ich erkannte, dass ich mich in grossen Schwierigkeiten befand, man hielt mich also tatsächlich für eine Hexe, ich wusste, was man in kleinen Dörfen in so einem Fall tat. Ich musste schnellstens von hier verschwinden, sonst könnte das böse enden. Wenn ich mich verteidigte, sagte, nichts davon sei wahr, würde mir ohnehin niemand glauben.
So schnell ich konnte rannte ich zur Tür hinaus, dem Ende des Dorfes entgegen. Der Mann folgte mir, schrie so laut dass es alle hören konnten:"Sie ist eine Hexe, sie wollte meine Frau und das Baby töten...haltet sie!" Die Dorfbewohner reagierten unterschiedlich, einige bekreuzigten sich furchtsam, zogen sich in ihre Hütten zurück, andere nahmen die Verfolgung auf, preschten mir hinterher.
Ich rannte so schnell ich konnte, ich wusste, dass es hier für mich um Leben und Tod ging. Was für eine Ironie..entkommen aus den Kerkern von Schloss Windsor, nur um dann hier von abergläubischen Dorfbewohnern gemeuchelt zu werden....irgendwie wurde ich ständig vom Pech verfolgt.
Ich bekam allmählich Seitenstechen, das Laufen fiel mir zunehmend schwerer, mühsam rang ich nach Atem. Der Abstand zwischen mir und den Männern wurde immer geringer, sie holten auf. Kurz vor dem Ortsrand stolperte ich über einen Stein, fiel der Länge nach hin. Ehe ich aufstehen und weiterlaufen konnte, hatten sie mich schon gepackt. Sie packten mich, zerrten mich hoch, schleppten mich wieder ins Dorf hinein. "Verbrennt die Hexe!"; forderte eine Dorfbewohnerin, es war die alte Frau aus der Hütte. Sie riefen den Bürgermeister des Dorfes, einen etwa fünfzigjährigen, dicken, buckligen grauhaarigen Mann, er sollte entscheiden, was nun mit mir geschähe.
Mich sperrten sie solange in einen kleinen Verschlag, damit ich ihnen nicht entkommen konnte. Ich hatte grosse Angst, fragte mich, ob sie mich wirklich auf den Scheiterhaufen bringen würden. Ich fand es unglaublich, wie abergläubig diese Menschen waren....ich konnte schliesslich nichts dafür, dass das Baby falsch lag, das hatte die Natur bewirkt.
Aber hier hielt man so etwas für Hexenwerk...ach, wie sehr wünschte ich mir, Maronville niemals betreten zu haben.

12. Kapitel: Das Gottesurteil

Das Dorf Maronville, Nähe Windsor, November 1188

Vergeblich versuchte ich, die Tür des Verschlages zu öffnen. Viel Zeit blieb mir sicherlich nicht, ich hörte draussen die aufgebrachten Stimmen der Dorfbewohner, die meinen Tod forderten. Es schien Stunden zu dauern, bis sie den Verschlag öffneten und mich herausholten. Der Bürgermeister blickte mich grimmig an, die alte Frau hasserfüllt. "Du Hexe, du hast meine Tochter und mein Enkelkind getötet!"; beschimpfte sie mich. Die Frau war also bei der Geburt gestorben, das Baby ebenso. Aber dafür konnte man doch mir nicht die Schuld geben..ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
Sie schienen sich noch nicht immer ganz einig zu sein, wie sie mit mir verfahren sollten. "Auf den Scheiterhaufen mit ihr"; knurrte die alte, ich sah ihr an, dass sie am liebsten gleich losgegangen wäre, um das Feuer dazu zusammenzutragen.
"Nein, wir gehen zum See, Gott selbst soll entscheiden, was mit ihr geschieht, er wird uns zeigen, ob sie eine Hexe ist oder nicht!"; meinte der Bürgermeister schließlich, "das ist die beste Lösung!"
Ich erschrak, als ich das hörte. Ich hatte schon von solchen Gottesurteilen gehört, wusste, dass die Veruteilten diese Prozedur nur selten überlebte.
"Ja, auf zum Teich!"; rief ein junger Mann, der etwa in meinem Alter sein musste.
Mitleid schien hier niemand mit mir zu haben, mein Schiksal interessierte sie gar nicht. Ich hatte grosse Angst, ich wusste, wie so ein Gottesurteil am Teich vollstreckt wurde: Für die Wasserprobe fesselte man die Angeklagte und liess sie mit einem Seil in den Teich herunter, und wenn man unterging und nicht wieder hochkam, galt man als unschuldig. Aber was hatte man davon noch, man sank dann zwangsläufig auf den Grund des Teiches und ertrank. Eine völlig unsinnige, absurde Prozedur, aber wie sollte man das diesen Menschen klarmachen?
Panik überkam mich, ich wollte nicht auf diese Weise sterben, ich dachte mir, dass es ein sehr qualvoller Tod sein musste.
Während sich die Meute mit mir im Schlepptau in Bewegung setzte, schlossen sich Kinder und Jugendliche des Dorfes an, warfen mit Steinen nach mir, bespuckten mich oder traten nach mir. Niemand hinderte sie daran. Ein Stein traf mich am Kopf, es tat entsetzlich weh, kurz darauf spürte ich wie mir Blut die Stirn herunterlief. Keine lebensgefährliche Verletzung, dennoch sehr schmerzhaft.
"Sterben muss die Hexe, sterben sterben, sterben! Nie wieder wird sie tanzen mit dem Teufel"; sangen die Kinder und sprangen neben der Schar her.
Schliesslich kamen wir bei dem Teich an, der ganz in der Nähe des Dorfes lag. Der Bürgermeister fesselte mich an Händen und Füßen.
Meine Angst wuchs jetzt ins Unermessliche. "Bitte, denkt noch einmal darüber nach, ich bin keine Hexe. Ich habe niemanden verzaubert, und ich bin nicht schuld, dass die Frau und das Baby gestorben sind. Was ihr hier tut, ist falsch!"; flehte ich den Bürgermeister an. Ich hätte ebensogut gegen eine Wand reden können, das wäre genauso sinnlos gewesen. Er gab mir einen schmerzhaften Schlag auf den Hinterkopf. "Halt den Mund, Hexe!"
Die Dorfbewohner stellten sich um den großen Teich herum auf, ich sah die Sensationslust in ihren Augen. So etwa mussten die alten Römer ausgesehen haben, wenn sie sich ihre Gladiatorenkämpfe ansahen, dachte ich mir voller Entsetzen. Eine der Bäurinnen setzte sich hin, gab jedem ihrer Kinder eine Scheibe Brot, die sie von zu Hause mitgenommen hatte. Für diese Menschen schien ein Gottesurteil eine Abwechslung vom harten Alltag zu sein, dass hier ein Mensch sterben sollte, berührte offenbar niemanden.
"Lasst sie endlich ins Wasser!"; rief einer der Jugendlichen ungeduldig, "na los, worauf wartet ihr!"
Der Bürgermeister packte mich, band mir ein Seil um den Bauch, stiess mich ein Stück ins Wasser. Ich spürte das eiskalte Wasser an meinen aneinandergefesselten Füßen, mein Herz pochte vor Angst. Die Menschen am Ufer verfielen in einen Singsang, leierten eine Gebetsformel herunter:

„Lass das Wasser nicht empfangen den Körper dessen der, vom Gewicht des Guten befreit durch den Wind der Ungerechtigkeit emporgetragen wird

Der Bürgermeister gab mir einen weiteren Stoss, so dass ich langsam im kalten Wasser des Teiches versank. "Nein, bitte, tut das nicht!"; flehte ich in Panik.

"Was soll dieser Unfug, haltetet ein!"; brüllte jemand von Ufer her. Bevor mein Kopf im Teich versank, sah ich Martin, der ins Wasser rannte und auf mich zuschwamm. Dann lief mir eisikaltes Wasser in die Nase, ich schloss schnell den Mund, damit nicht auch dort welches hineinlaufen konnte. Immer weiter sank ich nach unten, konnte ja weder Arme noch Beine bewegen. Ich spürte, wie mir das Wasser durch die Nase den Hals hinunterrann, bald schon würde es die Lunge erreichen, ein langsames, qualvolles Sterben.
Dann, als meine Sinne schon schwanden, spürte ich starke Arme, die mich packten und nach mit nach oben zogen.
Luft...was für eine Erlösung...ich atmete tief durch, spuckte das Wasser aus, das mir durch die Nase gelaufen war. Meine Lunge tat furchtbar weh, ich zitterte am ganzen Körper vor Kälte. "Ist ja gut...ich bin ja bei dir, du brauchst keine Angst zu haben!"; flüsterte er leise. Vorsichtig löste er die Fesseln an meinen Füßen und Händen. Am Ufer lauerten die Dorfbewohnter, stiessen wilde, wütende Verwünschungen aus. "Das ist der Satan höchstselbst, er ist aus der Hölle gekommen um seine Dienerin zu retten!"; schrie die alte Frau wutentbrannt.
"Schnappt ihn euch!"; brüllte der Bürgermeister, "bringt mir beide hierher, "jetzt haben wir den Beweis, "sie kommen beide auf den Scheiterhaufen!"
Zwei der Bauernburschen sprangen in das kalte Wasser, schwammen direkt auf uns zu. "Schnell, schwimmen wir ans entgegengesetzte Ufer, wir müssen jetzt schnell sein!"; meinte Martin, und wir schwammen los. Wenn sie uns einfingen, hatten wir keine Chance, dann würden wir diesen Tag nicht überleben.
Wir schwammen so schnell wir konnten, ich hoffte, dass ich keinen Krampf bekommen würde. Wir erreichten das Ufer, aber viel Vorsprung hatten wir nicht, da die Bauernburschen ziemlich schnell schwammen.
Das Pferd konnten wir auch vergessen, weil Martin es am anderen Ufer, wo jetzt die Dorfbewohner standen, zurückgelassen hatte, das gleiche galt für unseren Proviant, Mäntel und Kleidungsstücke.
Nur das Schwert, das trug Martin am Gürtel bei sich. "Lauf so schnell du kannst, dann können wir ihnen entkommen!" Völlig durchnässt rannten wir los, ich spürte die eisige Kälte, musste husten. "Du hast doch das Schwert, damit sind wir ihnen überlegen, notfalls müssen wir uns ihnen im Kampf stellen"; meinte ich.
Das wollte er nicht. "Sie sind nicht bewaffnet, und ich möchte sie nicht töten, wenn es sich vermeiden lässt. Ausserdem folgen die anderen ihnen bereits!"
Ein Teil der Dorfbewohner rannten um den See herum, wenn wir uns nicht beeilten würden sie uns einholen, die beiden Bauernjungen hatten ebenfalls das Ufer erreicht. Wir liefen schneller, aber ich fragte mich, wie lange ich das noch durchhalten konnte, ich war völlig ausser Atem, meine Beine taten entsetzlich weh.

SamiraAnders
12.03.2007, 11:25
Hallo Piper! Deine Geschichte habe ich bisher sehr gern gelesen und schaue hier alle paar Tage rein, in der Hoffnung eine Fortsetzung zu finden. Kommst du nur nicht zum Schreiben oder hast du das Projekt auf Eis gelegt?

Würde mich freuen, in Zukunft wieder von dir zu lesen! :blumengabe:


Samira

PiperHalliwell
17.03.2007, 13:12
@Samira

Freut mich, dass dir die Story gefällt. Ich werd heute abend noch die Fortsetzung reinstellen.
Ich hab leider nicht soviel Zeit, online zu gehe, deswegen bin ich eher selten im Net. Aber heute hab ich endlich mal wieder ein bissel Zeit, so dass es jetzt endlich weitergeht.:)

PiperHalliwell
18.03.2007, 14:52
So, und weiter gehts:

13. Kapitel: Kampf ums Überleben

Das Dorf Maronville, Nähe Windsor, November 1188

Wir liefen so schnell wir konnten, weil wir beide wussten, dass es um unser Leben ging. Doch schliesslich konnte ich nicht mehr, ich fiel hin, und mir fehlte die Kraft, wieder aufzustehen. Die Bauernburschen hatten allmählich aufgeholt und einer von ihnen packte mich am Bein.
Martin zögerte nicht lange, und zog mich wieder hoch, rammte dem Bauernjungen das Schwert in die Schulter. Er hatte ihn eigentlich nicht verletzen wollen, aber er hatte mein Bein hartnäckig festgehalten, und die Dorfbewohner, die um den See herumrannten kamen immer näher. Der junge Mann wich zurück, sein Freund ebenfalls, entsetzt starrten sie auf das Schwert, Martin half mir hoch, zog mich mit sich. Ich wusste, er hatte den Jungen nicht verletzen wollen, es nur getan, um mich zu retten. Wir rannten weiter, zumindest die beiden Burschen verfolgten uns nicht mehr, wohl aber ein Teil der Dorfbewohner. Wir rannten durch einen Acker auf den Wald zu, unsere einzige Hoffnung, den aufgebrachten Menschen zu entkommen. "Sie glauben, dass es dort drinnen spukt, sie fürchten den Wald und meiden ihn, wenn wir es bis dahin schaffen, sind wir sie los"; keuchte Martin, der wie ich völlig ausser Atem war. Wir liefen schneller, obwohl wir kaum noch konnten, und erreichten schliesslich mit letzter Kraft den Waldrand.
Als die Dörfler das sahen, kehrten sie um, wagten nicht, uns zu folgen, ein Glück, dass sie so abergläubisch sind, dachte ich. Ich glaubte natürlich nicht an Geister.
Wir setzten uns auf einen umgefallenen Baumstamm, und Martin holte eine kleine Flasche aus seiner Manteltasche. Darin steckte ein zusammengerolltes Pergament. "Ist das der Brief?"; fragte ich ihn.
Er nickte. "Ja...ein Glück, dass ich ihn in diese Flasche gesteckt habe, bevor ich die Burg verliess, sonst wäre er jetzt völlig durchnässt!" Er entkorkte die Flasche, holte das Dokument heraus. "Wirst du es mir jetzt endlich vorlesen?"; fragte ich ihn, brannte noch immer vor Neugierde.
Was konnte es sein, das die Königin in so schreckliche Schwierigkeiten brächte, wenn es herauskäme? Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich kann es dir nicht sagen, nicht, solange du so schlecht über sie denkst...ich will nicht, dass du ihr Schaden zufügst. Ich hoffe nach wie vor, dass du deine Meinung irgendwann ändern wirst!"
"Nein, das werde ich gewiss nicht tun. Die königliche Familie hat mir nichts als Schwierigkeiten bereitet, wegen ihnen war ich überhaupt erst in dieser Situation. Lady Alienor kann gar nicht nett und sympathisch sein, ihr Mann ist ein Tyrann, ihr Sohn John ein Frauenmörder...ich lege nicht viel Wert darauf, den Rest dieser FAmilie kennenzulernen...alle Plantagenets sind meine Feinde. Ich werde viel Geld von ihr erpressen, nach allem was ich durchgemacht habe, ist das nur Recht!"
Ich musste husten, und ich fror entsetzlich, wahrlich nicht der richtige Zeitpunkt für einen Streit. Er zog seinen Mantel aus, wrang ihn aus,ich tat dasselbe mit meinem. Sein Bogen, seine Perd mitsamt der Geldkatze in der Satteltasche..all das war nun am See, und genau dort konnten wir nicht hin. Ohne Bogen konnten wir nicht jagen, ohne Geld nichts zu essen kaufen. Wir saßen gewaltig in der Klemme.
"Wir sollten jetzt nicht streiten"; meinte Martin, "wir müssen jetzt zusammenhalten, die nächsten Tage werden sicherlich nicht leicht. Dieser Wald ist sehr gross, es wird mindestens drei Tage dauern, bis wir herauskommen...wir sollten Holz sammeln und ein Feuer anzünden, damit wir unsere Kleidung trocknen können, denn wenn wir noch länger in nassen Kleidern herumlaufen, werden wir krank!"
Er hatte Recht...wir hatten jetzt andere Sorgen, als uns über den Charakter der Königin zu streiten, im Moment gab es Wichtigeres, es ging ums nackte Überleben.
Drei Tage in diesem Wald...das konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie sollten wir das schaffen? Es war Winter, jetzt wuchsen hier noch nicht einmal Beeren oder Pilze, es gab rein gar nichts essbares. Wir suchten uns aus herumliegenden Stämmen und Ästen die besten STücke aus, um daraus ein Feuer zu entzünden.
Wir sammelten genug, es sollte schliesslich die ganze Nacht brennen, damit wir nicht erfrieren konnten. Eine höhle oder eine andere Möglichkeit, einen warmen, trockenen Unterschlupf zu bekommen, fanden wir nicht.
Wir stellten uns ganz nahe an das Feuer, bis unsere Kleidung getrocknet war, trotzdem froren wir noch immer. Mein Hals juckte, ich musste wieder husten, fühlte mich gar nicht gut. Ich setzte mich neben Martin, direkt ans Feuer, schmiegte mich an ihn. "Ich habe Angst...wir werden erfrieren und verhungern müssen"; flüsterte ich, der Streit von vorhin war vergessen.
Er legte seine Arme um mich, strich mir sanft durchs Haar. "Nein, wir werden hier nicht sterben, das verspreche ich dir. Ich bringe uns hier heraus, mach dir keine Sorgen, das hier ist nicht das Ende!" Seine Worte konnten mich icht beruhigen, ich glaubte nicht so recht daran, drei Tage hier leben zu können. Mein Hals war ganz trocken, ich hatte entsetzlichen Durst, vom Hunger gar nicht zu reden...
Ich wusste rein gar nichts darüber wie man in der Wildnis überleben konnte, aber er schien guten Mutes zu sein, keine Angst zu haben. "Ich werde morgen früh für uns etwas zum Essen finden, ich werde mit meinem Wurfmesser einen Hasen oder etwas ähnliches erlegen!"; meinte er, "und gewiss gibt es auch einen kleinen Bach in diesem Wald, wo wir unseren Durst löschen können!" Wenn ich doch nur genauso zuversichtlich sein könnte...aber es gelang mir einfach nicht.
Längst war es dunkel geworden, die Umrisse der Bäume nur noch schattenhaft zu erkennen. Als ich einen Wolf heulen hörte, kuschelte ich mich noch enger an Martin, zitterte vor Angst. "Du brauchst d ich nicht zu fürchten, solange das Feuer brennt, wagen sich die Wölfe nicht hierher, diese Tiere scheuen das Feuer!"; meinte er. Wie konnte er nur so ruhig bleiben, so furchtlos?
"Versuch ein wenig zu schlafen, ich werde Wache halten, du brauchst dir keine Gedanken zu machen"; beschwichtigte er mich. Das half wenig, ich konnte hier, mitten im Wald nicht einschlafen, ich war innerlich zu aufgewühlt, mein Herz pochte regelrecht. "Nein, ich bleibe noch ein wenig wach, ich kann einfach nicht einschlafen!"; meinte ich. Martin hielt mich weiter im Arm, und das Feuer wärmte uns zusätzlich, aber dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, das drei Tage oder länger bei dieser Kälte durchzuhalten. Mein Kopf lehnte auf Martins Brust, ich genoss seine Körperwärme wie ein kleines Baby die der Mutter.
Er erzählte mir die Lebensgeschichte von Lady Alienor weiter.
Der junge Henry Plantagenet habe um sie geworben, sie verliebte sich in ihn, sie heirateten, sie gebar ihm 8 Kinder. Als sie mit dem letzten, John, schwanger ging, musste sie feststellen, dass er sie betrog, und dass plante, seine Geliebte zu heiraten und den Sohn, den er mit ihr zeugen würde zum Thronerben zu machen. Die Ehe mit Alienor wollte er annulieren, die gemeinsamen Söhnen zu Bastarden ohne Erbrecht machen. Alienor liess sich das nicht gefallen, in den nächsten Jahren kämpfte sie zusammen mit i hren Söhnen gegen ihren Mann, um die Scheidung zu verhindern. Sie gewann schnel die Sympathien der französischen Vasallen ihres Mannes, die sich auf ihre Seite stellten.
Henry reagierte schnell, kam mit einer Armee nach Frankreich, es gelang ihm, seine Frau gefangenzunehmen, Alienor wurde von da an im Salisbury Tower in der Nähe von Winchester eingesperrt...10 lange Jahre lang.
Falls diese Geschichte dazu dienen sollte, dass ich Mitleid mit der Königin bekam, so war dies fehlgeschlagen. "Sie bekam dort im Tower genug zu essen und zu trinken, warme Kleidung, und alles was sie sonst noch brauchte, also ging es ihr besser, als vielen armen Menschen die in Freiheit leben!"
Martin blickte traurig auf mich herab. "Du willst es einfach nicht verstehen..ach, warum erzähle ich dir überhaupt ihre Geschichte...es hat ja doch keinen Sinn.."
Ich schloss die Augen, mein Kopf lehnte auf seiner Brust wie auf einem weichen Kissen. Die Müdigkeit übermannte mich, trotz der unglücklichen Umstände, in denen wir uns befanden, schlief ich schliesslich ein.

14. Kapitel: Das Wunder

In den Wäldern, 11. - 13. November 1188

Heute war Martini, der Tag, an dem es fast überall Gänsebraten zu essen gab.
Unser erster Tag hier im Wald, und wir hatten nichts zu essen. Gänsebraten hatte ich ohnehin noch nie gegessen, mein Vater hatte sich nie einen leisten können. Wir hatten an Martini nie etwas besonderes gehabt.
"Ich werde uns schon etwas zum Essen auftreiben"; meinte Martin, noch immer sehr zuversichtlich.
Mein Magen knurrte so laut, dass man es deutlich hören konnte. "Bitte, sei vorsichtig, nicht, dass du der königlichen Jagdgesellschaft über den Weg läufst!"
"Ach, die werden mich schon nicht kriegen....durch ihre Jagdbläser kann man sie ja weithin hören, schon bevor sie auftauchen..." Er machte sich auf den Weg, während ich erneut Feuerholz zusammensuchte.
Es war eisigkalt, und ich musste wieder husten. Als ich ein Feuer entzündet hatte, kam Martin zurück, einen Hasen in der Hand.
"Siehst du...schon haben wir etwas zu essen, es ist zwar nicht viel, wird aber für eine Weile reichen!" Kurz darauf brutzelte der kleine Braten am Feuer, mir lief das Wasser im Munde zusammen.
Großmütig wollte er mir den grössten Teil des Bratens überlassen, aber das wollte ich, trotz meines grossen Hungers nicht annehmen. "Nein, Martin, du bist genauso hungrig wie ich, wir teilen genau halbe halbe!"
"Mir würde auch ein Viertel reichen...damit werde ich satt, du musst dir keine Sorgen machen"; meinte er, ich wusste, dass er log. Ich blieb bei halbe halbe, da ich nicht wollte, dass er wegen mir Hunger leiden musste.
Wir aßen jeder die Hälfte des Hasen, was unseren Hunger zumindest ein wenig linderte, das Magenknurren hörte auf.
Danach löschten wir das Feuer und gingen weiter, auf einem schmalen Pfad tiefer in den Wald hinein. Wenigstens lang kein Schnee, sonst wäre die Kälte noch unangenehmer gewesen.
Den ganzen Tag gingen wir fast ohne Pause, nur ganz selten ruhten wir uns zwischendurch aus. Einmal kamen wir an einen kleinen Bach, konnten endlich unseren Durst löschen. Gegen Abend fing Martin wieder ein Kaninchen, wir teilten es uns am Feuer, wärmten uns so gut es ging, indem wir nahe ans Feuer rückten und uns eng aneinander schmiegten.
Am dritten Tag wurde der Wald dichter und dunkler, der Pfad immer unwegsamer. Dennoch gingen wir weiter, überzeugt davon, bald das Ende des Waldes zu erreichen, hatte Martin nicht etwas von genau drei Tagen gesagt?
Am dritten Abend geschah ein kleines Wunder, das glaubte ich zumindest am Anfang. Martin hatte diesmal bei der Jagd kein Glück gehabt, ohne Bogen war es nicht leicht, etwas zu erbeuten. Wir fanden zumindest einen guten Unterschlupf für die Nacht, eine grosse Höhle, in der es angenehm warm wurde, als wir ein Feuer machten. Im Schein der Flammen konnte ich mich in der vorher stockdunklen Höhle ein wenig umschauen, ich ging zum Ende der Höhle, fand einen Gang, der tiefer hineinführte. Der Gang endete kurz darauf, ich kam in einen weiteren Raum der Höhle. Ich traute meinen Augen nicht, als ich mich in dem kleinen Raum, gerade gross genug, dass drei Menschen hineingepasst hätten, umsah. Hier waren Vorräte jeder Art gelagert: Ich sah Schinken, Käse, Schwarzbrot, ja, sogar Früchtekuchen. Fast schon ein kleines Wunder, für uns wäre es genug gewesen, mindestens zwei Wochen von diesen Leckereien satt zu werden. In diesem Moment machte ich mir keine Gedanken darüber, wer diese Dinge hierhergebracht hatte und warum. Freudestrahlend brachte ich Brot, Käse und Schinken zu Martin, nahm auch etwas von dem Früchtekuchen mit.
"Was sagst du dazu...ist das nicht prima...jetzt können wir uns so richtig sattessen!"; frohlockte ich, "es ist ein kleines Wunder, fast so, als habe Gott meine Gebete erhört!"
Er teilte meine Freude nicht, wurde ganz bleich im Gesicht. "Diese Höhle hier...wahrscheinlich wird sie von einer Bande Gesetzloser als Lagerraum benutzt...wir müssen schleunigst von hier verschwinden, bevor sie zurückkommen...diese Männer sind nicht gerade zimperlich, und was sie dir antun würden, daran will ich lieber nicht denken!"
Der Gedanke, wieder hinaus in die kalte Winternacht zu müssen, gefiel mir gar nicht. "Die Gesetzlosen kommen gewiss nicht während der Nacht hierher, bis morgen früh sind wir sicher, wir brechen einfach kurz vor Anbruch der Dämmerung auf, dann sind wir längst fort, wen sie hier auftauchen. Wir können uns einen Teil der Vorräte mitnehmen, so dass wir für zwei Tage genug zu essen haben, dann musst du nicht mehrfür uns auf die Jagd gehen!" Ich nahm Martins Messer, schnitt uns Brot, Käse und Schinken ab, dann begann ich, genüsslich zu essen. Er aß ebenfalls, aber nur widerwillig. "Ich hielte es für besser, wenn wir sofort aufbrechen, ich will nicht das Risiko eingehen, dass sie uns finden. Wir sind nur zu zweit, wer weiss, wiviele es sind. Glaub mir, wenn sie uns hier finden, werden sie kein Erbarmen kennen!"
"Also gut...wie du willst...dann brechen wir eben gleich auf..."lenkte ich schliesslich ein. Er war schliesslich schon mehrmals auf Reisen gewesen, wusste mehr über die Gefahren als ich.
Ich machte mich daran, Brot, Käse, Schinken und Früchtebrot für unsere WEiterreise einzupacken.
Diese Höhle war für uns ein Glücksfall gewesen, jetzt würden wir vorerst nicht mehr hungern müssen. Wir löschten das Feuer,machten uns wieder auf den Weg in die kalte Winternacht.

15. Kapitel: Die Gesetzlosen

In den Wäldern, 13. bis 15. November 1188

Ich erschauderte, als ich im Dunkel des Waldes einen Wolf heulen hörte. Ob es wirklich so eine gute idee war, mitten in der Nacht weiterzugehen? Einerseits war es gefährlich, in der Höhle, die ja offenbar von Gesetzlosen als Lager genutzt wurde zu bleiben, andererseits bedeuteten auch die Wölfe eine grosse Gefahr für uns.
"Was, wenn die Wöfe an uns herankommen, was sollen wir dann bloss machen, du kannst sie mit deinem Schwert nicht alle von uns weghalten"; meinte ich und schaute mich ängstlich um. Martin blieb gelassen, ich wunderte mich, dass er sich überhaupt nicht fürchtete. "Uns kann nichts geschehen, falls die Wölfe sich doch an uns heranwagen, mache ich ihnen mit dem Schwert den Garaus!"
Ich fragte mich, wie er das machen wollte, wenn wir von vielen Tieren angegriffen wurden, die konnte er ja nicht alle abhalten.
Während wir weitergingen, begann es zu schneien, ach das noch, dachte ich, das konnten wir im Moment wirklich nicht gebrauchen. Es dauerte nicht lange, und eine weisse Decke legte sich über den hartgefrorenen Waldboden, der frischgefallene Schnee knirschte unter unseren Füßen. Jetzt hustete auch Martin, und zwischendurch musste er manchmal niessen. Was hätte ich jetzt nicht alles für eine warme Unterkunft und eine heisse Tasse Tee gegeben.
"sollten wir nicht irgendwo für die Nacht halt machen und ein Feuer anzünden?"; fragte ich, die winterliche Kälte drang allmählich durch meinen Mantel hindurch, meine Hände waren blaugefroren, die Nase tat mir weh.
Martin hielt das für keine gute Idee. "Diese Vorräte in der Höhle..die Gesetzlosen müssen ganz in der Nähe ihr Lager haben...es wäre nicht gut, wenn wir ein Feuer entzünden und sie so auf uns aufmerksam machen. Glaub mir, ich würde auch gerne rasten, aber wir sollten besser so schnell wie möglich von hier fort!"
Hand in Hand gingen wir weiter, beide fast am Ende unserer Kräfte.
Je weiter wir gingen, umso unbehaglicher wurde mir zumute. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass irgendjemand uns beobachtete. Das sagte ich auch Martin. "Da ist nichts...bestimmt nur ein Wild, sonst nichts. Du brauchst keine Angst zu haben, wir sind bald aus dem Wald heraus!"
Mittlerweile bezweifelte ich das, wir irrten nun schon so lange hier herum, was wenn wir uns verlaufen hatten, und nie wieder hinausfanden?
Das Unbehagen blieb, ich drückte seine Hand fester, mein Herz pochte vor Angst.
Dann sahen wir vor uns ein paar schattenhafte Gestalten, die wie aus dem Nichts zu kommen schienen, von allen Seiten kamen sie hinter den grossen Baumstämmen hervorgesprungen und umzingelten uns.
Im Dunkeln sahen sie fast aus wie Geister, aber ich ahnte, um was es sich hier handelte: Wir waren den Gesetzlosen in die Hände gefallen. Schlimmer konnte es gar nicht kommen, das war nun unser Ende. Ich wusste von den Schauergeschichten, die sich die Gäste im Wirtshaus meines Vaters erzählten, was mit Reisenden geschah, die einer Räuberbande in die Hände fielen. Geschichten von Menschen, die von ihnen an den Bäumen aufgehängt oder aufgeschlitzt wurden, kamen mir in den Sinn, mir liefen kalte Schauder über den Rücken. Ich zitterte vor Angst, Martin dagegen blieb ruhig, sogar jetzt, in dieser brenzligen Situation zeigte er keine Angst, obwohl die Gesetzlosen ihre Bögen mit eingespannten Pfeilen auf uns richteten.
"Was habt Ihr hier in meinem Wald verloren, na los, sprecht!", raunzte uns einer der Männer, vermutlich der Anführer an. Er kam ganz nahe an uns heran, ich konnte seine stechenden blauen Augen, die uns forschend anblickten genau sehen, was mir noch mehr Angst machte, ich brachte kein Wort heraus.
"Wie kommt Ihr darauf, dass das Euer Wald ist? Ich bin der Meinung, dass die Wälder niemandem, ausser dem Herrgott selbst gehören sollten!"
Bange fragte ich mich, wie der Gesetzlose wohl auf diese Antwort reagieren würde. Eines wusste ich, den Sonnenaufgang würden wir nicht mehr erleben...
In der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen, wieviele Männer es waren, aber ich schätzte, dass es mindestens zwanzig bis dreissig sein mussten.
Ich war überrascht, als der Anführer lächelte. "Ihr glaubt also nicht, dass der Wald einzig und alleine dem König gehört?", fragte er und blickte Martin forschend ins Gesicht.
Martin schüttelte den Kopf. "Nein, das glaube ich nicht...lange bevor es Könige gab, gehörten die Wäldern allen Menschen, und so ist es auch rechtens, ich finde nicht, dass das heute anders sein sollte!"
"Er hat auch schon gewildert...wir scheren uns nicht um den König, er ist ein dreckiger Tyrann, wir hassen ihn!", fügte ich bekräftigend hinzu.
Das gefiel dem Mann. "Nun, des Königs Feinde sind unsere Freunde. Wir töten nur diejenigen, die Henry dienen, und in seinem Namen großes Unrecht tun, ihr habt vor uns nichts zu befürchten!"
Ich war erleichtert, konnte es tatsächlich sein, dass sie nicht vorhatten, uns etwas zu tun?
Wie es aussah, war unser Leben im Moment nicht mehr in Gefahr

16. Kapitel: gastfreundschaft

In den Wäldern, 15. bis 16. November 1188

"Ich bin Martin der Schmied, und das ist meine Freundin Maureen, wir kommen aus London!"; stellte er uns den Gesetzlosen vor.
"Was hat euch denn hierher in die Wälder verschlagen?"; wollte der Mann wissen.
"Nun...wir mussten fliehen...vor dem König...wir hatten keine Lust, in seinen Kerkern zu schmoren!"; erklärte Martin. Von dem Brief wollte er den Gesetzlosen nichts erzählen, das sollte unser Geheimnis bleiben.
"Uns ging es genauso...König Henry hat mich und meine drei Brüder zu Gesetzlosen erklären und jagen lassen, nur weil wir uns auf die Seite von Königin Alienor stellten....aber sie war nun einmal im Recht, und nicht ihr Mann...seit ein paar Jahren leben wir jetzt schon in den Wäldern...leicht ist es nicht, aber man sagt, dass der alte Henry sehr krank sei, wir hoffen, dass wir nach seinem Tod von seinem Nachfolger begnadigt werden!"
Der Anführer stellte sich uns als Robin of Locksley vor, ein angelsächsicher Adeliger, seine Brüder hiessen Fulke, Gavin und William.
Sie glichen sich alle sehr, man sah sofort, dass sie miteinander verwandt waren.
Sie schienen uns nicht böse gesinnt zu sein, aber dennoch beschloss ich , Vorsicht walten zu lassen, richtig vertrauen konnte ich ihnen nicht.
"Kommt mit zu unserem Lager..es ist nicht gut, bei Nacht im Wald herumzulaufen, hier gibt es Wölfe. Wir haben genug zu essen, und teilen gerne mit euch", lud Robin uns ein. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, die Einladung abzulehnen, aber Martin nahm sie dankbar an. "Ja, gerne...wir sind auch schon sehr müde vom vielen Herumlaufen, und hungrig sind wir auch!" Ich fragte mich, ob die Mäner auch dann noch so freundlich zu uns wären, wenn sie merken würden, dass wir ihr Essen gestohlen hatten...
"Wir müssen euch leider die Augen verbinden, niemand darf wissen, wo unser Lager sich befindet, das halten wir immer so"; meinte einer von robins Brüdern.
Das gefiel mir gar nicht, aber Martin erklärte sich damit einverstanden und liess sich bereitwllig die Augen verbinden, also tat ich es auch. Die Männer führten uns, jetzt, wo ich nichts mehr sehen konnte, nahm ich die Geräusche des Waldes umso deutlicher war, der verschneite Boden knirschte unter meinen Schuhen.
Wir gingen eine halbe Ewigkeit, zumindest kam es mir so vor.
Ich war erleichtert, als man uns endlich die Augenbinden abnahm. Wir befanden uns unter einer großen Eiche, man hatte dort mehrere Feuer entzündet, an denen etwa dreissig weitere Männer saßen, über einer Feuerstelle brutzelten zwei Wildschweine, es duftete verführerisch, ich bekam sofort wieder Hunger von dem Geruch. In der Nähe standen mehrere kleine Hütten, wohl Schlafplätze der Männer, in denen sie im Winter übernachteten. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie man es schaffen sollte, immer so zu leben, das musste sehr hart sein.
Robin stelte uns die Männer alle vor, Namen wie Gilbert Whitehand, Bruder Tuk und Little John rauschten an mir vorbei, ich konnte mir gar nicht alle merken, es waren zuviele. Man lud uns ein, mit ihnen zu essen, dazu sagte auch ich gerne ja. Wir bekamen beide ein Stück Wildschweinbraten mit Brot, aßen mit Genuß. Met und Bier gab es reichlich, das alles stammte von reichen Kaufmannszügen, die die Männer ausgeraubt hatten. "Man kann gut davon leben, aber leicht ist es im Winter nicht gerade"; meinte Robins Bruder Gavin kauend, "wir hoffen, dass das bald ein Ende hat, und der nächste König uns unser rechtmässiges Eigentum zurückgibt!"
"Wenn John König wird, sehe ich schwarz für euch...er ist schlimmer als sein Vater", meinte Martin, "ich bin aber sicher, wenn Richard den Thron besteigt, bekommt ihr alles wieder, was einst Euch gehörte!"
Nicht schon wieder dieses Thema...ich wollte vom Königshaus nichts mehr hören, das machte mich nur wütend, jedesmal, wenn jemand davon redete.
Grimmig biss ich in mein Fleisch. "Das glaubst du doch selbst nicht, Martin, das wird er gewiss nicht tun. Er wird auf den Kreuzzug gehen, und vorher noch die Steuern erhöhen, so dass alle noch weniger haben als vorher. Du bist zu naiv was ihn angeht...bester Freund hin oder her, viel scheinst du ja nicht über ihn zu wissen!"
Robins Augen leuchteten. "Ich habe an Lady Alienors Seite gekämpft, leider habe ich den Prinzen niemals getroffen, ich hoffe, dass man sich dennoch daran erinnern wird, dass ich damals auf ihrer Seite war. Könntet Ihr nicht ein gutes Wort für mich bei ihm einlegen, wenn er Könnig ist?"; fragte er Martin.
Der versprach ihm, genau das zu tun. "Zum Teufel mit ihm und der Königin, zum Teufel mit der ganzen Familie, die sind alle nicht normal und hundsgemein. Gnade Gott uns allen, solange die Plantagenets über England herrschen.....nein, nichts wird besser!", fauchte ich.
"Du wirst sehen, eines Tages denkst du anders darüber...du kannst nicht über Menschen urteilen, die du gar nicht kennst...erst wenn du Alienor und Richard getroffen hast, kannst du dir ein Urteil bilden"; erwiderte Martin mit fester Stimme.
Wie oft hatten wir in den letzten Tagen diese Diskussion geführt, allmählich wurde ich es leid. sollte das etwa so weitergehen, bis wir Frankreich erreichten?
Ich knabberte das letzte Stück fleisch von meiner wildschweinkeule herunter, warf den Knochen in den Wald. "Ich habe John und Henry kennengelernt, das hat mir gereicht. Auf den Rest dieser Sippe kann ich gerne verzichten!"
Sicher, Martin kannte anscheinend die Königin und ihren Lieblingssohn, aber vielleicht trübte gerade das sein urteilsvermögen, weil er sie von klein auf kannte, sah er nicht die schlechten Seiten der beiden, ja, so musste es sein.
"Die Königin ist eine wunderbare Frau, edelmütig und freundlich zu jedermann, da kann ich Martin nur zustimmen"; meinte Robin, "sie ist ganz anders als ihr Mann und John. Ihr solltet auf Euren Freund hören, und nicht vorschnell über sie urteilen!"
Nein, ich wollte schlecht über sie denken, auch weiterhin, egal was die beiden sagten. Ich dachte an meine Kindheit im Wirtshaus, schon mit 6 Jahren hatte ich dort bedienen müssen. Und wie oft war ich abends ohne Essen ins Bett geschickt worden, weil wir wegen der hohen Steuern kein Geld hatten, uns zweimal am Tag satt zu essen. Nein, die Königin mochte zwar nicht direkt schuld daran haben, sondern ihr Mann, aber sie hatte nichts dagegen unternommen, was genauso schwer wog, wie ich fand. Ich konnte sie nur verabscheuen, wollte den Gedanken, sie könnte anders sein als ich dachte, gar nicht erst zulassen.
"Wo sind eigentlich eure frauen und Kinder?"; fragte Martin um das Thema zu wechseln. Das war auch mir aufgefallen, dass hier nur Männer lebten.
"Wir vier haben keine", meinte Robin, der etwa in meinem Alter sein musste, und deutete auf seine Brüder, "die Familien der anderen leben bei Verwandten in anderen Teilen des Landes, wo der König nicht nach ihnen suchen lässt!"
Robin und seine Brüder waren die einzigen Adeligen hier, die anderen waren alle Bauern oder Handwerker aus der Umgebung.
"Wo genau sind wir hier eigentlich?", fragte Martin, "wir sind schon seit Tagen im Wald unterwegs und haben völlig die Orientierung verloren!"
"Das hier ist der Sherwood Forest, wir sind in der Nähe von Nottingham"; meinte William, "wohin wollt ihr denn eigentlich?" Ich entschloss mich für die halbe Wahrheit.
"Nun...wir sind auf dem Weg nach Frankreich...wir ziehen es vor, England für eine Weile zu verlassen...wir kommen auch so bald nicht zurück!"; erzählte ich.
von dem Brief brauchten sie nichts zu wissen, das ging niemanden etwas an.
Wir saßen die halbe Nacht mit ihnen am Feuer, William spielte uns etwas auf der Laute vor, ja, es herrschte schliesslich eine beinahe ausgelassene, gelöste Stimmung, von Anspannung keine Spur mehr.
Das Leben in den Wäldern mochte hart sein, für mich wäre es nichts, aber mich beeindruckte der bedingungslose Zusammenhalt der Männer.

ElementsEnergy
02.05.2007, 22:24
Hallo Piper!
Ich habe bisher alle Kapitel gelesen und würde gerne noch mehr lesen. Wann schreibst du weiter? Es folgt doch noch mehr? :smile:

PiperHalliwell
15.05.2007, 17:50
Klar, natürlich gehts weiter, hier noch ein Kapitel:

Sherwood Forest, 16. November 1188

Wir übernachteten im Lager der Gesetzlosen, als der Morgen dämmerte, wollten wir aufbrechen. Sie boten uns an, ein paar Tage bei ihnen zu bleiben.
"Hier wagen sich die Männer des Königs nicht her, weil sie im dichten Wald gegen unsere bogenschützen keine Chance haben, ihr wärt hier also in Sicherheit"; meinte Robin.
"Nein, das geht leider nicht, wir müssen dringend nach Frankreich, das duldet keinen Aufschub"; meinte Martin, "aber ich bin sicher, wir werden uns irgendwann wiedersehen!" Ich fragte mich, wie es sein würde, wenn Martin und ich wieder alleine waren, würde der Streit um den Brief und die Königin wieder entbrennen? Ich beschloss, nichts Schlechtes mehr über Lady Alienor zu sagen, es einfach für mich zu behalten, ich wusste ja, dass es ihn nur verägern würde.
"Gegen Abend müsstet ihr aus dem Wald heraus sein, wenn ihr stramm geht, dann kommt ihr zu einem kleinen Dorf namens Barnsdale, wenn ihr sagt, dass ihr von uns kommt, bekommt ihr dort gewiss ein Lager für die Nacht"; meinte Gavin.
Mit Grauen dachte ich an den Vorfall in Maronville, beim Gedanken, wieder in ein Dorf zu kommen, war mir recht unbehaglich zumute. Trotzdem dankte ich ihm für den Tipp, eine Unterkunft für die Nacht würden wir wirklich brauchen, ich hatte genug davon, im Freien zu schlafen. Sie gaben uns kalten Wildschweinbraten, Käse und Brot mit, jetzt schämten wir uns fast, am vorigen Abend ihre Vorräte genommen zu haben.
Wir verabschiedeten uns von den Männern und brachen auf, schweigend trotten wir nebeneinander her. Ich hoffte, dass Martin das leidige Thema nicht wieder erwähnen würde. "Das waren wirklich freundliche Gesetzlose, wir haben unsägliches Glück gehabt, sie sind nicht alle so wie diese. Ich werde ihnen das nicht vergessen, Richard wird sie reichlich für das, was sein Vater ihnen angetan hat, entschädigen" Ich sagte dazu nichts..wollte das Thema nicht vertiefen, besser, wir redeten über etwas anderes, das Thema Königshaus war zwischen uns der reinste Zündstoff.
"Ich bin auch froh, dass sie so nett zu uns waren, im ersten Moment, als wir sie getroffen haben, hatte ich grosse Angst!"; antwortete ich.
Es hatte aufgehört zu schneien, aber es wehte ein eisigkalter Wind. Martin hatte sich anscheinend erkältet, er konnte gar nicht mehr aufhören zu husten. Ich machte mir grosse Sorgen um ihn, hoffte, dass wir bald aus dem Wald heraus sein würden, denn er war auffallend blass. "Geht es noch?"; fragte ich besorgt, "meinst du du schaffst es bis zum Waldrand, oder soll ich uns ein Feuer machen?"
Er schüttelte den Kopf. "Nein, kein feuer...wir packen das...ich möchte, dass wir heute nacht unter einem Dach schlafen, und nicht mehr draussen in der Wildnis!"
Stunde um Stunde gingen wir weiter, versuchten, Kälte und Hunger so gut es ging zu ignorieren. Gegen den Durst lutschten wir Schnee, doch das liessen wir schliesslich auch sein, da uns davon nur noch kälter wurde.
Martins Hustenanfälle folgten immer dichter aneinander, er wurde zunehmend schwächer, bis er kaum noch gehen konnte. Er fiel in den Schnee, blieb reglos liegen. Ich versuchte, ihn aufzurichten, er liess den Kopf wieder sinken. "Will schlafen...einfach nur schlafen..", murmelte er und schloss die Augen. Wieder richtete ich ihn auf, zog ihn hoch. "Du darfst jetzt nicht aufgeben, wir müssen weiter...wir haben es gewiss bald geschafft...es ist schon fast Abend, weit kann es bis zum Waldrand nicht mehr sein!" Martin liess sich wieder fallen. "Nein..ich kann nicht mehr..ich will nicht mehr..bin so müde!" Er musste erneut husten, der Krampf durchschüttelte seinen ganzen Körper. Ich merkte, er konnte keinen Schritt mehr tun, wen ich ihm nicht half, würde er im Schnee liegenbleiben und einfach sterben, das durfte ich auf keinen Fall zulassen.
Ich hob ihn auf, packte ihn mir über die Schultern. Unter seinem Gewicht brach ich fast zusammen, dennoch hielt ich ihn fest. Er war viel schwerer als ich, ich fragte mich, wie lange ich das durchhalten konnte. Schnell begann meine Schulter zu schmerzen, und die Erschöpfung drohte mich zu übermannen.
Aber aufgeben durfte ich jetzt nicht...mir war klar, dass es jetzt von mir abhing, ob wir hier herauskommen würden oder nicht.
Als ich nach einer Weile merkte, dass ich nicht mehr konnte, legte ich Martin vorsichtig auf den Boden, um eine kurze Rast zu machen. Er hatte das Bewusstsein verloren, seine Stirn fühlte sich ganz heiss an.
Sie glühte förmlich, er musste hohes Fieber haben. Schnell hob ich ihn wieder auf...je eher wir hier herauskamen, umso eher konnte er Hilfe bekommen. Ich wusste, dass man am Fieber sterben konnte, die Erinnerung an meine gleichaltrige Cousine, die mit sieben Jahren daran gestorben war, kam wieder hoch. Ihre Stirn hatte sich damals genauso heiss angefühlt, wie jetzt die von Martin, zwei Tage später war sie tot gewesen.
Da ich den Bewusstosen tragen musste, konnte ich nur langsam gehen, und es dämmerte bereits, schon bald würde es dunkel sein. Ich fragte mich, wie weit es noch bis zum Waldrand sein mochte, der Gedanke, eine weitere Nacht hier zu verbringen machte mir Angst. Zum Lager der Gesetzlosen konnte ich nicht zurück, dazu waren wir bereits zu weit gedauert.
Noch eine Nacht im Freien würde Martin, selbst wenn ich ein warmes Feuer entfachte, sicherlich nicht überleben, was er brauchte war ein warmes Bett, heissen Tee mit Honig und viel Ruhe, damit er wieder gesund werden konnte.
Ich ging schneller, versuchte die Schmerzen in den Armen, Rücken und Schultern zu ignorieren. Er war so ein wunderbarer, außergewöhnlicher Mann, ich liebte ihn, er durfte einfach nicht sterben...Immer schwerer wurde mir meine Last, ich fragte mich, wie lange ich das noch durchhalten konnte. Jetzt aufzugeben würde seinen Tod bedeuten, das war mir bewusst.
Mühsam stapfte ich weiter, jeder Schritt eine Qual. Und damit nicht genug, nun begann es auch noch wieder zu schneien, der reinste Alptraum, schlimmer konnte es gar nicht mehr werden.
"Nein, ich gebe nicht auf"; schrie ich laut gegen den Wind an, obwohl ich wusste, dass ohnehin niemand mich hören konnte. Ich hatte immer an Gott geglaubt, und auf ihn vertraut, aber jetzt kamen mir doch Zweifel....wenn es ihn tatsächlich gab, warum liess er dann so etwas zu, warum half er mir nicht?
Die Dunkelheit brach herein, ich geriet in Panik. Das Dunkel der Nacht...was, wenn nun die Wölfe angriffen...ich hätte ihnen nichts entgegenzusetzen, Martin und ich, wir wären beide eine wehrlose Beute, ein leichtes Fressen für die Tiere.
Meine Schuhe waren längst durchnässt, ich spürte die unangenehme Kälte an Zehen und Fußsohlen. Ich wunderte mich, dass ich noch kein Fieber hatte...schlieslich war auch ich seit nun schon fast vier Tagen in diesem Wald unterwegs. Meine Nase lief, ich achtete gar nicht darauf, ich hatte jetzt andere Sorgen. Ich musste kurz anhalten, und Martin auf den Boden legen, es ging einfach nicht mehr. Sein bleiches Gesicht liess ihn wie tot aussehen, nur die Atemwolke, die aus seinem Mund strömte, verriet, dass er noch lebte. Sanft küsste ich ihn auf die Wange. "Ich bringe uns hier heraus, das verspreche ich dir. Du wirst nicht sterben, nicht hier, nicht auf diese Weise!"
Ich hob ihn wieder auf und ging weiter. Wenn der Wald nicht bald aufhörte, würden wir diese Nacht nicht überleben, das wusste ich. Ich wollte nicht sterben, und ich wollte nicht, dass Martin starb.