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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Streiten vor den Kindern – ja oder nein?



BRIGITTE Community-Team
14.08.2015, 09:21
Liebe Userinnen, liebe User,

sich vor den Kindern zoffen, bis die Fetzen fliegen? Geht gar nicht, sagen viele Eltern und schlucken den Ärger lieber runter. MOM-Mitarbeiterin Sandra dagegen findet es verlogen (http://mom.brigitte.de/mitfuehlen/streiten-vor-den-kindern-1253512/), den Kindern vorzuspielen, man hätte sich als Paar immer nur furchtbar lieb und nie falle ein böses Wort. In der neuen BRIGITTE MOM (Heft 3/2015, ab 18. August am Kiosk) schreibt sie, warum sie ihrem Ärger lieber Luft macht und nicht glaubt, dass ihre Kinder deshalb einen psychologischen Schaden davontragen.

Wie sehen Sie das? Hat Sandra Recht? Wie gehen Sie selbst mit Zoff und Stunk um?

Wir sind gespannt auf Ihre Beiträge!

Viele Grüße
vom BRIGITTE Community-Team

marylin
14.08.2015, 11:15
Tja, die Eltern meines Mannes haben wohl nie vor den Kindern gestritten, deshalb kann mein Mann auch nicht streiten... Sagt ja wohl alles.

Ich meine, es gibt Dinge, darüber streitet man sich nicht vor den Kindern, weil die Themen eben zu belastend für diese sind. Aber so ein ganz normaler Streit, wie in dem Artikel beschrieben - ja, das darf sein!

Ganz wichtig: So lernen Kinder auch, dass man sich zwar mal zoffen kann, dass das aber keinen Einfluss auf die Liebe und Zuneigung hat. Dass keiner durch Liebesentzug, Verlassenwerden oder sonstwie bestraft wird, nur weil er eben mal wütend ist. Genau das hat mein Mann anfangs nicht begriffen, er dachte bei jedem Meckern meinerseits, ich will die Beziehung beenden...

Amboise
14.08.2015, 12:07
Ich denke auch, dass auf den Inhalt des Streits ankommt. Vieles können Kinder (noch) nicht verstehen, um was es in und bei dem Streit geht.

Deshalb denken ja auch viele Kinder, dass sie schuld sind, wenn Mama und Papa sich nicht vertragen. Fatale Kiste und Obacht ist da m.E. angezeigt.

Geht es mal um alltäglichen "Kleinmist" (schreib ich jetzt mal so locker), stimme ich dem Post von marylin zu :allesok:.

Sojourner
14.08.2015, 17:04
Es gibt derzeit kurioserweise einen Thread im Beziehungsforum, der Streiten im Alltagsleben von Paaren thematisiert.

Ob Kinder im Alter von 5 und 1 in der Lage sind, einen Streit "konstruktiv" nachzuvollziehen, und ob dieser am Esstisch thematisiert werden muss und hierbei die Kinder unfreiwillig involviert, bleibt anzuzweifeln.

Ich bin froh, dass es diesen bei uns in der Familie nicht gab, und sehe persönlich auch keinen Mehrwert für Kinder. Ferner habe ich auch nicht den Eindruck, dass das Nichtvorhandensein dieser für mich in irgendeiner Weise einen Nachteil darstellte. Im Gegenteil.

Aus dem Artikel:

Eltern sollen sich nicht vor den Kindern streiten, das höre ich immer wieder. Auch von einer Bekannten, die aus Kenia stammt. Sie glaubt, ein Grund, warum die Kinder in ihrem Heimatland den Eltern gegenüber respektvoller seien als die deutschen, sei der, dass man dort nicht vor den Kindern streite. "Und wie macht ihr das dann?", fragte ich sie. "Wir gehen zum Streiten ins Schlafzimmer", sagt sie. Oha.

Womöglich ist daran, auch etwas Wahres.

Es mag Mütter geben, die im Kreißsaal zu unfehlbaren Wesen mutieren. Ich nicht. Ich habe nicht alles – und schon gar nicht mich – immer im Griff. Mir rutscht auch mal ein "Scheiße" heraus

Ob man deshalb Kraftausdrücke verwendet, ist aber eine Frage der eigenen Sozialisierung. Ich komme in meinem Leben ohne diese zurecht, kenne sie allerdings auch nicht aus meinem unmittelbaren Umfeld. Das impliziert ja nicht, dass man seinen Unmut nicht verbalisieren kann oder soll, nur böte sich hier auch ein anderes Vokabular an.

Einen tieferen psychischen Schaden scheint zumindest die Ältere durch die elterlichen Dispute noch nicht davongetragen zu haben. Auf die Frage "Was denkst du, wenn Mama und Papa sich streiten?" antwortet sie schlagfertig: "Da freut sich der Dritte."

Die Älteste ist 5. "Psychologische Schäden" kristallisieren ist meist erst in der Jugend/Erwachsenenalter heraus.

Dass ein Kind keine massiven Schäden davontragen muss, weil seine Eltern am Esstisch darüber streiten müssen, dass sie ihre Terminplanung nicht einhalten (können), und Eltern Kraftausdrücke von sich geben, versteht sich wahrscheinlich, von selbst.

Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich ihr Sozialverhalten samt Umgang mit Konflikten entwickeln wird, sowie Vokabular in Stresssituationen. Auch lernen Kinder von ihren Eltern den Umgang mit Stress:

Ich spüre meinen Puls. "Ist das so schlimm?", fragt er. Reflexartig balle ich die Fäuste, atme sehr tief ein – und dann passiert, was passieren muss: Ich rege mich auf. Fürchterlich. Meine Augen werden zu schmalen Schlitzen, die Ader auf meiner Stirn schwillt an, meine Stimme wird hart und kalt: "Da habe ich ein einziges Mal etwas vor, und dann hast du da natürlich einen furchtbar wichtigen Termin!" Der Mann verteidigt sich. Wir werden beide laut, die Mädchen (1 und 5 Jahre) leise.

Generell "verlogen" finde ich es nicht, wenn Eltern ihre Konflikte untereinander klären und in der Lage sind, ihre Wut zu kanalisieren.

cazafortunas
15.08.2015, 00:45
Ich bin selbst mit schlimmsten Streitereien meiner Eltern aufgewachsen, in die ich auch ab einem gewissen Alter mit hinein gezogen wurde. Dabei spreche ich nicht von kleinen Alltagsproblemchen, sondern von stundenlangen Beschimfungen, Anschreien bis zum Versagen der Stimme, Gegenständen werfen, Türen knallen, anschließenden Heulkrämpfen.

Die Erinnerungen, die mir bis heute noch das größte Unbehagen bereiten, sind die schwammigen Fetzen, die ich noch von meiner frühen Kindheit weiß. Die Abende, an denen auf einmal meine Tante weggebracht hat und danach so eine komische Stimmung herrschte, das falsche Lächeln meiner Eltern, das Gezischel von denen ich nur die Hälfte verstand und nicht einordnen konnte, der besorgte Blick meiner großen Schwester, die schon mehr verstand.
Also alles das, vor dem man mich vermeitlich schützen wollte, mich aber nur in noch größere Panik brachte, weil ich wusste, da ist irgendwas, aber es muss so schlimm sein, dass sie es mir nicht sagen wollen.

Kinder spüren also sowieso, wenn was schief läuft. Genauso spüren sie auch, wenn wieder alles in Ordnung ist - dabei kommt es nicht darauf an, ob sie alles umreißen können. Vielmehr denke ich, sollten sich nicht das Gefühl haben, dass man ihnen was verheimlicht. Ich spreche nicht davon, dass man seine sexuellen Probleme o.ä. im Detail vor ihnen ausdiskutiert. Man sollte aber immer versuchen, den Ernst der Situation kindergerecht darzustellen und sie mit ihren Ängsten über die Konsequenzen nicht allein lassen.

Kurz: Nein - nicht direkt vor ihnen streiten, solange es wirklich über Alltagsstreitereien hinaus geht. Aber trotzdem nicht versuchen, schlechte Stimmung zu vertuschen oder zu verharmlosen.


Kraftausdrücke verwende ich übrigens auch und es entzieht sich meinem Verständnis, warum ein "scheiße" in der passenden Situation nicht auch vor Kindern verwendet werden darf. Es stirbt jemand und ich sage darauf: Ist das eine Scheiße...Tut mir leid für dich. Was ist daran verkehrt? Ich finde, erst der Tonfall und Einsatz macht ein Wort zu einem Kraftausdruck. Geschrieen bekommt "du Trottel!" eine ganz andere Bedeutung, als innerhalb einer verliebten Neckerei mit einem Lächeln dabei.

Nachtrag: Marilyns Beitrag fand ich auch gut. Ein Umfeld, in dem nie gestritten wird und alles zu Gunsten der Harmonie totgeschwiegen, macht einen später unfähig selbst Konflikte zu lösen. Nur wer streitet, kann sich später wieder vertragen.

Flau
17.08.2015, 11:32
sich vor den Kindern zoffen, bis die Fetzen fliegen? Geht gar nicht, sagen viele Eltern und schlucken den Ärger lieber runter. MOM-Mitarbeiterin Sandra dagegen findet es verlogen (http://mom.brigitte.de/mitfuehlen/streiten-vor-den-kindern-1253512/), den Kindern vorzuspielen, man hätte sich als Paar immer nur furchtbar lieb und nie falle ein böses Wort.

:unterwerf:
Ja klar, weil es ja nur die beiden Alternativen gibt: Entweder "Zoffen bis die Fetzen fliegen", am besten mit geworfenen Sachen oder wuesten Beschimpfungen (so wie cazaforunatas es leider tatsaechlich erleben musste), oder "den Aerger herunterschlucken" und "vorspielen" man haette sich "immer nur furchtbar lieb".
Es nimmt mich schon wunder, dass in einem Artikel, indem es um Streit und konstruktive Kommunikation gehen soll, eine so durchsichtige negative Taktik angewandt wird: Extremfaelle konstruieren, die man dann kinder(!)leicht demontieren kann.

Weder "zoffe" ich mich mit meinem Mann "bis die Fetzen fliegen", noch "schlucken" wir vor unserem Sohn "alles herunter". In 90% aller Faelle kann man naemlich in halbwegs zivilisertem Ton sagen, dass man anderer Meinung ist oder auch, dass einem gerade was stinkt. Manchmal wird mein Ton tatsaechlich etwas erregter. Auch das mute ich meinem Sohn zu. Einmal ist es bisher vorgekommen, dass er waehrend eines Streitgespraechs irritierter schaute und offensichtlich versuchte abzuschaetzen, was jetzt los ist. Da sind wir eben kurz auf ihn eingegangen, haben ihm erklaert, dass alles ok ist und Mama und Papa nicht boese auf ihn oder aufeinander sind, sondern dass wir etwas klaeren muessen.
Wenn mich etwas wirklich massiv aufregt, mir etwa die Traenen ins Gesicht treibt oder so, versuche ich allerdings schon, das nicht unbedingt vor meinem Sohn auszutragen, einfach weil ich selber weiss, dass ich jetzt sehr emotional reagiere und die Sache es eigentlich nicht wert ist, meinen Kleinen auch noch aufzuregen.

Meine Guete, wir alle versuchen halt, die Balance zu finden,unsere Kinder zu behueten ohne sie in einer abgeschlossenen Traumwelt aufwachsen zu lassen. Sanft und altersgerecht wollen wir sie auch an die weniger tollen Dinge des Lebens heranfuehren und sie idealerweise lehren, damit konstruktiv umzugehen - ohne sie zu ueberfordern. Oft gelingt das, manchmal misslingt auch etwas. Das wird fuer das Streiten ebenso gelten wie fuer alles Andere.

Nymphadora73
07.03.2016, 19:24
Ich glaube, dass Streit der Eltern von Kindern (zumal von kleineren Kindern) oft als bedrohlich und angsteinflößend empfunden wird. Gerade wenn die Kinder Inhalte noch nicht verstehen. Natürlich soll ein Kind auch nicht in einer gekünstelt heilen und dadurch unehrlichen Atmosphäre aufwachsen, aber ich glaube, es gibt da enge Grenzen dessen, was man Kindern an Erwachsenenkonflikt zumuten sollte. Zumal dann, wenn die Stimmen lauter und die Ausdrücke kräftiger werden.

Sasapi
07.03.2016, 19:36
Streiten bis die Fetzen fliegen, vor den Kindern- nein. Ist meinem Mann und mir in fast 26 Jahren zweimal passiert und wir haben festgestellt- derart streitende Eltern machen Kindern Angst. Zumindest meinen Töchtern.

"Unstimmigkeiten" vor den Kindern- sicher, kommt vor. Da gab es schon mal den Kommentar: "Habt Ihr Euch gestritten? Bist Du sauer auf Papa?" (Wahlweise Mama). Die Erklärung, ja man habe sich über Papa/Mama geärgert, habe deshalb geschimpft, man habe aber später darüber gesprochen und sich wieder "vertragen" sorgte dann aber für Beruhigung.

Eine vernünftige Streitkultur lernt man idealerweise tatsächlich im Elternhaus, zudem waren meine Damen recht gute Beobachterinnen- sie hätten an meinem Verhalten durchaus gemerkt- oha, Mama ist sauer- augenscheinlich hat Papa etwas damit zu tun- hätten wir ihnen dann ein "Alles ist gut, mein Lämmchen"-Theater vorgespielt, hätte sie das vermutlich äußerst irritiert.