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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dossier Anständig bleiben im Job: Geht das heute noch?



Bisasam
26.09.2014, 17:38
Ich möchte mich an dieser Stelle für das Dossier aus Brigitte Nr. 21 „Anständig bleiben im Job: Geht das heute noch?“ bedanken. Das Thema beschäftigt mich schon seit einigen Monaten und das Dossier bietet gute Gedanken, Denkanstöße, ohne Patentrezepte zu liefern. Zwar muss ich mich in meinem Job - glücklicherweise – nicht mit illegalen Praktiken auseinandersetzen, aber unter zunehmendem Druck, Arbeitsverdichtung, Personalmangel war ich schon in Situationen, in denen ich mich genötigt sah, Abstriche von meinen Werten und Anschauungen zu machen – einfach aus Selbstschutz. Und sollten sich gewisse Situationen wiederholen, muss ich noch drastischer reagieren – abweichend von meinen Prinzipien. Nun könnte man meinen, wenn Werte nicht mehr zeitgemäß sind, nicht mehr passen in einer irrsinnig beschleunigten, teils zerstörerischen Berufswelt, muss man sie eben ändern, anpassen – aber das ist leichter gesagt als getan. Werte sind tief im Bewusstsein verwurzelt und lassen sich nicht einfach mal von heute auf morgen austauschen. Außerdem ist es wichtig, dem eigenen inneren Kompass im Großen und Ganzen folgen zu können. Oft genug stelle ich – meist rückblickend – fest: es hat wieder mal nicht geklappt. Vieles geschieht in den erwähnten Grauzonen. So wird schleichend immer mehr Arbeit delegiert. Und nicht jeder ist in der Position, seinerseits zu delegieren. Wenn der Druck im Job immer größer wird, hat man nur die Möglichkeit, sich selbst so wenig wie möglich Druck zu machen, die Ansprüche an die eigene Leistung zu senken und mit den eigenen Kräften nicht allzu großzügig umzugehen. Schön ist das nicht, aber notwendig. Ich würde die Energie für all das Sich-Abgrenzen, für all die Kompromisse lieber konstruktiver einsetzen. Länger schon denke ich über einen Notausgang aus diesem System nach, ohne zu wissen, wie das gehen soll. Und habe das Gefühl: auch andere brauchen einen Notausgang. Das Dossier hat mir zumindest vermittelt, dass das Problem viele Menschen betrifft – und dass es keine einfachen Antworten auf jene Frage gibt.

ganzblau
29.09.2014, 13:14
Hallo!

Ich habe mich extra hier im Forum angemeldet, weil mir das Thema unter den Nägeln brennt :)
Beim Lesen des Dossiers sind mir mehrmals die Tränen gekommen. Zum einen, weil der persönliche Leidensdruck bei mir so gross wurde, dass ich nicht länger "emigrieren" konnte. Auf die Etappen meines schleichenden Zusammenbruchs gehe ich nicht ein. Jedenfalls bin ich auf dem Weg zur Teilrentnerin - weil ich bis zum letzten Drücker alles gegeben habe und für meinen Beruf (nein: für meinen absoluten Traumberuf) brannte. Und das war ein wissenschaftlicher Beruf ... also eigentlich eine feudale Branche, sollte man meinen.

Als ich damals aus allen Traktanden herausfiel, wunderte ich mich noch: Ich hätte mich doch immer für die Schwächeren eingesetzt und versucht, die Verhältnisse zu verbessern. Darauf hiess es, DAS sei eben der Fehler gewesen. Auf diese Weise mache man natürlich nicht Karriere ...

Damit zum Text des Dossiers, der wirklich zum Denken anregt (chapeau!).

Ein Wort zum Vorschlag der Psychiaterin, es brauche halt Kompromisse und ein Stück weit eine "gesunde" innere Emigration. Falsch. Man kann seine Probleme nicht einfach ausblenden - sie holen einen immer wieder ein. Wenn man jeden Morgen unter "fatigue" leidet, und wenn einem beim Gedanken ans Büro das grosse Weinen überkommt - dann ist es Zeit, etwas zu ändern. Oder zumindest zu seiner seelischen Verletzung zu stehen.

Und ein Wort von mir: WENN es doch fast alle trifft, und wenn die Gründe für das allgemeine Unwohlsein im Gesellschaftlichen liegen und eben nicht im Persönlichen, dann müsste man doch eigentlich zur Einsicht kommen, dass der Wurm in der Wirtschaft drin steckt.

Wir tun immer so, als könnte man nichts ändern. Während die Ressourcen des Planeten schwinden, wird immer noch auf Produktivitätssteigerung gesetzt. Als ob uns diese retten könnte. Und alles, was zum Thema Reproduktion gehört und eben nicht beschleunigt werden kann (wie: Kultur, Bildung, das Sozialwesen und die Pflege des menschlichen Miteinanders), wird zunehmend weggespart, mittelfristig. Und mittelmässig.

Weshalb alle Welt annimmt, wir müssten uns mit den neoliberalen Auswirkungen der ins Trudeln gekommenen Marktwirtschft arrangieren (nach dem Motto: "Friss oder stirb!"), leuchtet mir nicht ein. Es gibt zig Wirtschaftsfakultäten, an denen immer wieder die alte Leier gelehrt wird. Wo sind die Wirtschaftsfakultäten, die neue Ideen entwickeln? Die Geschichte nach dem Kommunismus kennen wir ... es gibt aber auch eine Geschichte nach dem Kapitalismus. Und die sollten wir JETZT schreiben.

Ich bin mittlerweile überzeugt, dass wir in einem Krieg leben. Er kommt uns nur so vor wie das normale Leben. Das ist wie bei dem Frosch im heissen Wasser, der nicht merkt, dass er verbrennt, weil das Wasser erst allmählich wärmer wurde.

Anständig bleiben (im Beruf wie im Privaten) ist nun mal die Bedingung, wenn wir uns auch in Zukunft den Respekt bewahren wollen. Und unsere Daseinsberechtigung. Als Menschen.

Sorry - das musste jetzt einfach mal raus!

gochrissi
10.11.2014, 12:21
Hallo!

Ich bin mittlerweile überzeugt, dass wir in einem Krieg leben. Er kommt uns nur so vor wie das normale Leben. Das ist wie bei dem Frosch im heissen Wasser, der nicht merkt, dass er verbrennt, weil das Wasser erst allmählich wärmer wurde.



So, der Satz trifft es jetzt wie die Faust aufs Auge. Ich komme mir hier auch vor wie in einem Kriegsgebiet. Egal nach welcher Seite ich mein Gebiet auch absichere, aus irgendeiner anderen Seite kommt die nächste Granate geflogen.

Auf meine Arbeit bezogen: Egal, wie viele Arbeiten ich erledigt, wie viele Überstunden ich mache, wie viel Herzblut ich in meine Arbeit fliesen lasse: Ich bekomme es nie so hin, dass am Ende des Monats mein Chef nicht doch was zu meckern hat. :gegen die wand:

Ich möchte gern alles so schaffen, wie es sein soll - dazu bräuchte ich aber die doppelte Zeit (nein, nicht weil ich zu langsam bin, ich machs nur gerne richtig) oder eine Portion weniger Perfektionismus (aber dann wäre genau das, was mein Chef ja so an mir schätzt, auch weg).

Sagt mir mal einer, wie man so eine Zwickmühle bis 67 aushalten soll?

:regen:

Bae
10.11.2014, 12:41
Ich möchte gern alles so schaffen, wie es sein soll - dazu bräuchte ich aber die doppelte Zeit (nein, nicht weil ich zu langsam bin, ich machs nur gerne richtig) oder eine Portion weniger Perfektionismus (aber dann wäre genau das, was mein Chef ja so an mir schätzt, auch weg).

Es dem Chef sagen:

"Chef, ich habe Aufgaben A, B und C auf dem Tisch, die bis Freitag fertig sein müssen. Mit der vorhandenen Zeit schaffe ich aber nur zwei von den dreien, wenn ich die alle richtig machen soll. Oder ich schaffe alle drei, dann wird's aber noch Fehler drin haben, weil die Zeit nicht reicht, es richtig zu machen. Was soll ich tun?"

gruss, barbara

Inaktiver User
14.11.2014, 09:38
Bleibt nur zu hoffen, dass der Chef dann nicht in väterlich liebem Ton sagt: "xy, dann sind sie leider die Falsche für diesen Job und wir sehen uns gezwungen, uns von ihnen zu trennen, tut uns leid....blablaaaaa"

Je nach dem welch Geistes Kinder die Chefs selber sind oder wie sehr sie selbst unter Druck stehen, kann das bieten von Angriffsfläche (und genau das ist es in deren Augen) ein fataler Fehler sein.
Und ja, so sieht es leider in sehr vielen Firmen in Deutschland aus.

Bae
14.11.2014, 20:09
Bleibt nur zu hoffen, dass der Chef dann nicht in väterlich liebem Ton sagt: "xy, dann sind sie leider die Falsche für diesen Job und wir sehen uns gezwungen, uns von ihnen zu trennen, tut uns leid....blablaaaaa"

Stimmt. Ich bin falsch für Jobs, bei denen ich meine Werte verraten soll. Das ist eine ganz richtige und korrekte Erkenntnis.




Je nach dem welch Geistes Kinder die Chefs selber sind oder wie sehr sie selbst unter Druck stehen, kann das bieten von Angriffsfläche (und genau das ist es in deren Augen) ein fataler Fehler sein.

Ich hänge nicht so sehr an einer Stelle - an egal welcher Stelle - um sie vor meine grundlegensten Werte zu stellen. Wenn er mich entlassen sollte, ist das dann eben so.

Wenn ich sowas lese:
Die UBS wurde sechsmal gewarnt - News Wirtschaft: Unternehmen - tagesanzeiger.ch (http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Die-UBS-wurde-sechsmal-gewarnt/story/25561621)
bin ich noch so froh, dass ich nicht Teil davon bin.



Und ja, so sieht es leider in sehr vielen Firmen in Deutschland aus.

in vielen, aber nicht in allen, glücklicherweise.

gruss, barbara

FriendOfAlwin
15.11.2014, 09:00
ganzblau :blumengabe: