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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Dauer und Form der Trauer ...



Miriam68
26.11.2006, 00:19
Hallo zusammen!

Vor gut zwei Monaten ist meine Schwester gestorben, und mir geht's immer noch so so la la. Was heisst: Ich heul nicht mehr den ganzen Tag, ich "funktioniere", kann auch wieder lachen. Daneben habe ich aber immer noch Momente, wo ich fassungslos werde - wenn mich zB wieder was ganz fest an sie erinnert, wenn ich was über die Krankheit höre, die sie hatte.

Dies empfinde ich als normal. So ging es mir auch damals, nachdem mein Vater starb.

Darüber hinaus leide ich jetzt aber auch noch an einer mal stärkeren, mal schwächeren Melancholie. Ich kann mich meist davon ablenken, aber im Hintergrund summt sie immer. Und oft will ich auch gar nicht abgelenkt werden. Hinzu kommt: Ich fühl mich fast täglich so müde, als ob ich einen Marathon gelaufen bin. Auch wenn ich keinen Sport trieb und auch sonst nix.

Angstengendes unternommen habe. Ich versteh's nicht - ich esse einigermassen ausgewogen und schlafe recht gut.
Meinem Gefühl nach sind Müdikeit und Melancholie miteinander verwoben. Versteht Ihr, wie ich das meine? Ein bedrücktes Herz in Kombination mit schmerzenden Gliedern.

Kürzlich musste ich wegen einem Stellenwechsel zum Arzt (Vertrauensärzlicher Untersuch wegen der neuen Pensionskasse). Nebst gering erhöhten Cholesterinwerten ist dem Arzt nichts Besonderes aufgefallen: Blutdruck völlig normal, Herz/Lunge ok, Rote/weisse Blutkörperchen normal, Eisenwerte absolut in Ordnung.

Kann Trauer körperlich erschöpfen? Kennt ihr sowas auch?

Liebe Grüsse

Miriam68

aussenseiter
26.11.2006, 00:49
Oh ja, ich denke, jeder sensible Mensch kennt das, der sich an den ersten Liebeskummer erinnern kann. Gehe ich Recht in der Annahme, dasss du gemäß deinem Namen 38 bist? Da denkt man ohnehin schon öfters über den Tod nach, man wird nicht jünger und man spürt die Endlichkeit des Lebens, das früher unendlich lang schien. Schwestern haben zudem oft eine besonders enge Beziehung, das muss schon ein großer Verlust sein, stelle ich mir vor.

Ich glaube mich zu erinnern, auch mal über chemische Folgen von Trauer im Gehirn gelesen zu haben. Bist du alleine? Vielleicht solltest du dann vermehrt den Kontakt zu anderen suchen, oder gar professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, bevor du in ein Loch fällst und depressiv wirst :knatsch:

Miriam68
26.11.2006, 01:06
Hallo Aussenseiter

Ja, ich bin 38! Danke fürs rasche Antworten.

Aussenkontakte habe ich viele. Einerseits durch meinen Beruf, wo ich viele Kontakte innerhalb des Teams und zu den Anwendern habe, andererseits durch einen recht umfangreichen Freundes- und Bekannenkreis.

Es gab und gibt durch den Tod meiner Schwester - nebst der Trauer - so viel zu organisieren und zu erledigen. Nur schon dies hat mich oft an den Rand der Erschöpfung gebracht. Desöftern war ich am Abend beim Heimkommen dermassen erschlagen, dass ich nur noch schlafen wollte.

Zuerst im Sommer, als sie so krank war: Da hiess es für mich: Tagsüber zur Arbeit, abends oft ins Spital, und danach nur noch heim, Katzen füttern, schlafen. Das Leben des Kranken gerät aus den Fugen. Das Leben des Angehörigen auch - nur läuft sein Alltag genauso weiter wie bisher. Nach dem Tod kam dann der Papierkram ... scheusslich. Zum Glück war ich damit nicht allein, aber viel war's dennoch.

Danke für den Hinweis bezüglich profesioneller Hilfe. Ich will auf gar keinen Fall in eine Depression reinrasseln. Ich hatte vor vielen Jahren eine,und ich kenne die Anzeichen. ich habe mir vorgenommen: Sollte mein Zustand so bleiben, auch wenn sich mein "äusserliches Leben" wieder normalisiert (das heisst: Nix mehr zu erledigen, wieder soviel Zeit wie vor der Erkankung meiner Schwester), oder sollte er sich verschlimmern, werde ich wohl Hilfe in Anspruch nehmen.

Inaktiver User
26.11.2006, 10:42
Ich habe mal gelesen, dass Trauer für den Körper die gleichen oder verlgeichbare Reaktionen nach sich zieht wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Daher kommt auch die Redewendung: an gebrochenem Herzen sterben, die sich ja auf Liebeskummer/Verlust eines geliebten Menschen bezieht.

Nach einem Infarkt zieht man auch erstmal nicht mehr abends durch die Kneipen, sondern schont sich und ist trotzdem angestrengt und erschöpft (ich hatte zum Glück noch keinen, denke mir das aber so. Nicht umsonst folgt danach monatelange Reha, ärztliche Betreuung und Arbeitsunfähigkeit).

Ich habe dieses für mich akzeptiert, als mein Partner vor 5 Jahren gestorben ist. Das hat meine Trauer nicht vereinfacht und nicht gemildert, aber ich fand mich selbst "normal" und machte mir nicht auch noch Sorgen, ob ich vielleicht mich zu sehr reinsteigere. Ich dachte auch nicht mehr drüber nach, stark zu sein und gegen die Trauer anzukämpfen, sondern habe sie als etwas genommen, von dem sich nicht nur die Seele, sondern auch der Körper erholen muss. Und die Zeit habe ich mir gegeben. Bei mir hat das 2 Jahre gedauert. In der Zeit habe ich mich geschont, auf mich aufgepasst und habe auch von meiner Umwelt erwartet, dass sie das tut. Manch einer fand das albern, ist als "Freund/Bekannter abgesprungen und die Sprüche: "das ist doch jetzt schon 12 Monate her, du musst doch jetzt wieder am richtigen Leben teilnehmen," waren auch ständig da. Aber heute kann ich sagen, dass ich wieder "vollständig gesund" bin. Es war mein langer Weg, aber für mich war er richtig.

Liebe Grüße sendet Kranich

Inaktiver User
26.11.2006, 12:14
Kann Trauer körperlich erschöpfen? Kennt ihr sowas auch?

Liebe Grüsse

Miriam68

Zunächst möchte ich dir mein Mitgefühl und Beileid ausdrücken. Eine Schwester zu verlieren ist sehr schlimm.

Nun zur Antwort auf deine Frage:
Ja, sehr sogar. Ich leide immer noch nach 4 Jahren (!) an körperlichen Symptomen, und es kommen hin und wieder neue hinzu.
Seit langem hangele ich mich kräftemäßig von einem Tag zum anderen.
Bei mir hat die belastende Situation einfach zu lang angedauert, und ich war vorher schon geschwächt.

Ich sehe keinen Ausweg.
Ich kann nur durchhalten, hoffen und auf meine Befindlichkeit Rücksicht nehmen.



liebe Grüße
Lavendelmond

LEBENSWEG
26.11.2006, 13:02
Hallo Miriam,
trauern ist mehr als Kraft rauben, dem Körper jegliche Energie entziehen, Wechsel zwischen "himmelhoch jauchzen- zu Tode betrübt sein", ich habe dies im besonderen Maße vor knapp mehr als einem Jahr, nach dem unerwarteten Tod meiner Mutter erlebt, man steht geistig und körperlich komplett neben sich, kann und will körperlich Symptome nicht deuten, da man nur funktioniert und ist so sehr mit sich und dem Verlust des geliebten Menschen beschäftigt ist.
Irgendwann im Frühling dieses Jahres war bei mir das Maß voll, ich suchte nach mehreren Verschiebungen des Termins (ich hatte einfach Angst, auch noch eine schlimme Diagnose zu hören zu bekommen...) endlich einen Arzt auf, der mich durchcheckte und mich zur Mammographie, zum Dermatologen, zur Schilddrüsenszintigraphie schickte, mit dem Ergebnis, dass alles, bis auf hohen Blutdruck, behandlungsbedürftig, soweit ok ist. Zum Glück. Man muss in der Zeit der Trauer, wie lange sie auch immer dauert, ich hab's noch nicht herausgefunden, gut auf sich achten. Das hat meine Mutter mir auch stets empfohlen. Auch wenn es schwer fällt und man sich auch nicht damit beschäftigen mag. Ich habe das Gefühl, die Trauer hat mich um Jahre altern lassen, sie hinterlässt schon tiefe Kummerspuren. Leider.
Pass auf dich auf,- lass die Trauer zu, hoffentlich begleiten dich gute Menschen auf deinem schweren Weg.
Herzliche+teilnehmende Grüße,
LW

Miriam68
26.11.2006, 15:28
Kranich,

Danke für Deinen Beitrag, den ich sehr aufschlussreich fand.

Zum Glück verstehen die Meisten "Meiner" Leute, dass man viel Zeit,um über so einen Verlust hinwegzukommen. Ich freue mich für Dich, dass Du wieder "Gesund" bist.


Lavendelmond,

Danke für Dein Mitgefühl. Ich möchte Dir auch meinerseits mein Mitgefühl aussprechen, ich wünsche Dir den vielgerühmten Silberstreifen am Horizont.

"Seit langem hangele ich mich kräftemäßig von einem Tag zum anderen.
Bei mir hat die belastende Situation einfach zu lang angedauert, und ich war vorher schon geschwächt."

Auf sich selbst Rücksicht nehmen. Ja, das sollte ich auch vermehrt. Hin und wieder mein Helfersyndrom in die Schranken weisen.


Lebensweg,

Den ersten Abschnitt hätte ich wortwörtlich genauso schreiben können. So geht's mir auch. Ich möchte Dir mein Mitgefühl zum Tod Deiner Mutter aussprechen, auch wenn's schon ein Jahr her ist.

Das mit dem Check-up ist eine gute Idee, die vertrauensärztliche Untersuchung war schon mal ein Anfang. Ich hab sogar meiner Mutter versprochen, von nun an regelmässig zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist.

Es gibt natürlich Krankheiten, da kann man nichts tun, da ist die Diagnose ein Todesurteil. Aber daneben gibt es einiges, was man für sich tun kann, um die Gesundheit zu schützen. Ich habe eigentlich vor, gut für mich zu schauen, denn meine Mutter hat schon eine Tochter verloren. Das reicht ja wohl ...

Und irgendwann scheint meine Sonne auch wieder heller und die Lebensfreude kommt zurück, und dies will ich keinesfalls verpassen.




DANKE nochmals für Eure Beiträge, die sehr hilf- und aufschlussreich waren!

teichmuschel
27.11.2006, 10:56
Hallo an Alle,

als meine Mutter vor 7 Monaten von "heute auf morgen" an einem Schlaganfall mit 73 Jahren gestorben ist ging es mir so wie ihr beschrieben habt.
Es ging mir nur miserabel. Ich war nur am Weinen, alle Gliedmaßen taten mir weh, Herzklopfen, Angst, Panik. Ich fühlte mich erschöpft, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes eine Riesenlast auf meinen Schultern, die mich niederdrückte. Ich konnte nicht arbeiten, nicht essen, nicht mit dem Hund rausgehen und fand alles nur sinnlos. Ich wollte in dieser Zeit nur noch den Tag irgendwie rumbringen und mich dann im Bett verkriechen. Dann kam eine Nebenhöhlenentzündung (hatte ich vorher noch nie). Ab dem Tod meiner Mama blieb meine Periode aus.
Ich litt in dieser Zeit unter einen körperlichen Anspannung die von der Rückenmuskulatur über den Nacken bis in die Kieferknochen ging. Ich wollte nur noch meine Mama wiederhaben.
Die Trauer hat bei mir seelische und körperliche Reaktionen hervorgerufen, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Heute geht es mir besser. Der Druck auf meinen Schultern ist weniger geworden, was ich mir vor ein paar Monaten nicht hätte vorstellen können.
Nach wie vor hadere ich jedoch mit dem Schicksal und kann mich mit dem Sterben meiner Mutter nicht abfinden.

Liebe Grüße an Euch ALLE
Teichmuschel

Miriam68
27.11.2006, 20:13
Hallo Teichmuschel

Erstmal möchte ich Dir mein Beileid aussprechen. Ich kenne das schockartige Gefühl, jemanden so plötzlich, ohne Vorwarnug zu verlieren (war bei meinem Vater so).

Es ist schön zu hören, dass es Dir etwas besser geht.

Danke für die offene und genaue Beschreibung der "körperlichen Trauer" - es ist gut zu wissen, dass man mit den körperlichen Symptomen nicht alleine dasteht, zudem tut's gut, sich verstanden zu fühlen ...

Liebe Grüsse

Miriam68

rapunzel79
24.01.2007, 13:55
Hallo Miriam,

seit dem Tod meiner Schwester vor ziemlich genau einen halben Jahr war ich öfter auf Foren wie diesem. Aber heute schreibe ich einmal was, weil mich das hier so angesprochen hat.

Meine Schwester ist mit 34 Jahren an Krebs gestorben.

Wenn man als junger Erwachsener (ich bin 27) seine Schwester verliert, dann hat man wenig einzuordenen, und so gibt es auch weniger Foren zum Verlust von Erwachsenen Geschwistern als zu anderen Themen...ist mein Eindruck. Nach dem Tod meiner Schwester war die häufigste Frage, wie es meinen Eltern geht. Das hat mich manchmal genervt.

Mir geht es ein bisschen wie Dir, Miriam. Mir geht es meistens gut, und ich komme mit dem Leben zurecht. Mache viel mit Freunden und gehe auch ganz gerne in meine Arbeit. Nur plötzlich überkommt es mich dann, und es geht mir tagelang schlecht. Da weine ich dann und bin total gereizt, und fühle mich extrem schlapp und müde. Mein Freund kommt dann nicht gut damit zurecht, weil ich so gereizt bin und er es auf sich bezieht. Auch wenn ich es ihm versuche zu erklären. Das macht es nicht einfacher. Und andere bekommen es eh nicht mit.

Ich habe durchaus Freunde, mit denen ich reden könnte - aber es ist auch nicht leicht so ein Gespräch anzufangen. Und für Menschen, die meine Schwester nur "gekannt" haben ist ein halbes Jahr eine lange Zeit....für mich nicht.

Manchmal frage ich mich, wieviel ich mich dem, was passiert ist, auseinandersetzen soll. Denn es zieht mich oft sehr runter. Aber ruhen lassen kann ich es auch nicht. Momentan überlege ich mir, ob ich mir die Krankenakte besorge und nochmal mir ihren Arzt spreche...einfach um diese schwierige Zeit ihrer letzen Wochen irgenwie einmal ganz für mich zu klären...ich bin mir aber nicht sicher, ob es eine gute Idee ist.

Bei alledem habe ich auch Glück: ich habe noch eine Schwester, die ich sehr gerne mag. Wir halten zusammen! Aber wir waren eben zu dritt, drei Mädels, und ein Teil von uns ist verloren gegangen...

Viel Kraft an alle x

Maloumey
25.01.2007, 18:26
Hallo liebe Miriam,

auch ich habe meinen Vater ganz plötzlich vor etwas mehr als einem Jahr, nach 3 Wochen Koma verloren. Ich vermisse ihn noch immer sehr auch wenn ich weiß, dass er es nun besser hat, er wäre nach einem Herzanfall und Sauerstoffmangel ein Pflegefall geblieben.
Körperliche Reaktionen hatte ich auch jede Menge, Schlafstörungen, totale Verspannung, keine Energie, Rückenschmerzen, Herzrasen, Ängste;die ganze Palette....
Bei mir war aber 5 Monate vorher schon die (ungewollte) Trennung von meinem Mann, und diese Trennung hatte mich in ein tiefes Loch fallen lassen. Beim Tod meines Vaters dachte ich, nicht die Kraft zu haben, auch diesen Verlust noch zu meistern. Aber es ging irgendwie, ...Er war ein super Vater! Und bin sehr froh, ihn als Vater gehabt zu haben.
Ich habe viele liebe Menschen die mir helfen, die mich unterstützen. Und doch habe ich auch jetzt noch Reaktionen, mit denen ich zu kämpfen habe, aber viel weniger. Ich tue mir schwer mit dem Loslassen meines NoMannes. Die Scheidung wird bald sein.
Mittlerweile habe ich gelernt, die Trauer zuzulassen und den Tränen freien Lauf zu lassen. Druck wird so abgebaut, der mir manchmal die Kehle zuschnürte. Und dann surfe und lese ich hier im Forum und finde Unterstützung durch liebe Menschen, die ähnliches erlebt haben.
Meinen Bruder habe ich vor 5 Jahren verloren, damals war ich stark für meine Eltern, habe alles organisiert, habe die Trauer nicht so zugelassen.
Ich denke, dass ein großer Teil dieser Trauer nun bei den 2 letzten Verlusten mit rausgekommen ist und noch dabei ist rauszukommen. Ich tue mir manchmal schwer damit, diesen langen Prozess als "normal", "erlaubt" anzusehen und setze mich zeitweise selbst unter Druck, das ist nicht gut! Ich weiß!
Ganz liebe Umarmung
maloumey

Inaktiver User
30.01.2007, 15:26
Ich schließe mich an: Trauern ist harte und schwere Arbeit.

Klar kann ich verstehen, wie Müdigkeit und Melancholie zusammenhängen. Super verstehe ich das!

Nur mal soviel:

Ich habe innerhalb von anderthalb Jahren zweimal Krebs-Begleitung und Tod mitgemacht (Lebensgefährte und meine Lieblingsschwester). Das ist jetzt drei Jahre her und ich würde nicht sagen, dass die Trauer vorbei ist. Vielmehr würde ich sagen: Die Auseinandersetzung fängt teilweise erst richtig an.

Bei mir selbst hat diese Auseinandersetzung auch damit zu tun, die Toten nicht auf einen Sockel zu stellen, sondern wirklich und echt "am Leben" zu lassen. Manchmal muss ich mit denen dann auch schimpfen. Und wie!

Miriam68
30.01.2007, 21:06
Hallo zusammen,

Ich meld mich auch mal wieder im Strang und danke für Eure Beiträge!

Rapunzel,

Es tut mir leid, dass auch Du Deine Schwester an diese fiese Krankheit verlieren musstest.


Wenn man als junger Erwachsener (ich bin 27) seine Schwester verliert, dann hat man wenig einzuordenen, und so gibt es auch weniger Foren zum Verlust von Erwachsenen Geschwistern als zu anderen Themen...ist mein Eindruck.

Hab ich auch so empfunden. Ich war (bin) zwar bereits 38 und meine Schwester 44, als sie starb, aber trotzdem ... ein zu junges Alter, als dass es üblich wäre, zu sterben. Da haben nicht viele Altersgenossen Erfahrungen damit.


Nur plötzlich überkommt es mich dann, und es geht mir tagelang schlecht. Da weine ich dann und bin total gereizt, und fühle mich extrem schlapp und müde.

Ach ja. Es geht mir jetzt noch so. Jetzt, im Januar, um so mehr. War erstens noch nie mein Lieblingsmonat, zudem war's der Geburtsmonat meiner Schwester. Mitte Monat war der erste Geburtstag ohne sie ... der 16. Januar wird für mich wohl immer ein seltsames Datum bleiben.


Und für Menschen, die meine Schwester nur "gekannt" haben ist ein halbes Jahr eine lange Zeit....für mich nicht.


Stimmt. Aber weisst Du was? Menschen, die einem respektieren, einem glauben, sich für unser Empfinden interessieren - die werden es mitkriegen und respektieren. Auch wenn sie so eine Erfahrung nie machen mussten. Es ist doch schon, dass es auch diese Menschensorte gibt, nicht nur diejenige, die glaubt: "Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her. Reiss Dich zusammen."


Manchmal frage ich mich, wieviel ich mich dem, was passiert ist, auseinandersetzen soll. Denn es zieht mich oft sehr runter. Aber ruhen lassen kann ich es auch nicht.

Da bin ich auch oft hin- und hergerissen. Und genauso verfahre ich: Manchmal lenk ich mich ab, schau nach vorn, geh viel aus, und ein Andermal wage ich einen Blick zurück, befass mich mit dem, was war, lese Berichte über Krebs usw.

Hast Du Dich inzwischen entschieden, ob Du die Krankenakte Deiner Schwester haben willst?




Maloumey,

Meine Güte, Du hast ganz schön was mitgemacht letztes Jahr. Die von Dir beschriebenen körperlichen Reaktionen kenn ich und kämpfe auch jetzt oft damit, vor allem mit Rückenschmerzen.

Mit dem Kummer rauslassen hast Du absolut recht. Ende letztes Jahr meine ein Arbeitskollege, als ich so seltsam Vorwärtsblickend war: ... Schwester im September gestorben, und Du hast's verarbeitet? Wer's glaubt. Ich könnt's nicht.

Er hat Recht behalten.

Ich nutze den Januar, indem ich, wenn ich's brauche, einfach nur allein daheim bin, hier drin rumsurfe, weine, oder einfach nur meine Katzen knuddle. Zumindest der innere Druck ist kleiner geworden. Zudem gehen die Mitmenschen jetzt anders mit mir um - eher als vorhin kommt mal ein nettes Wort, eine nette Geste, was sehr gut tut.

Wir dürfen trauern, das weiss ich jetzt. Wie ich schon zu Rapunzel schrieb: Wen's interessiert, wer uns respektiert, der wird's verstehen. Wer nicht - die können wir getrost ignorieren.
Manche Menschen sind feinfühlig genug, um Trauernde zu respektieren, ohne diese Erfahrung gemacht haben müssen.

Ich möchte Dir für die kommende Scheidung viel, viel Kraft wünschen. Ich bin sicher, dass Du Dir diese Entscheidung nicht leicht gemacht hast. Vielleicht täte es Dir gut, Dich mit Gleichgesinnten auszutauschen? Während und nach der Scheidung hat man (so sagte man mir) oft mit Zweifeln, Gewissensbissen etc zu kämpfen ...


Zitronenmond,

Das kenn ich. Das Schimpfen mit den Toten. Was hab ich meinen Vater (in GEdanken) die Leviten verlesen wegen seiner Raucherei. Dasselbe bei meiner Schwester! Ich bin furchtbar traurig, dass sie gehen musste, und dies auf so eine scheussliche Art und Weise.
Ich sehe in ihr aber nie einen Engel der Perfektion. Sie war nicht perfekt! Sie hatte ihre guten und schlechten Seiten!


Bei mir selbst hat diese Auseinandersetzung auch damit zu tun, die Toten nicht auf einen Sockel zu stellen, sondern wirklich und echt "am Leben" zu lassen.

Das hast Du wunderbar formuliert, Zitronenmond! :blumengabe:


Und nun schicke ich Euch allen eine dicke Umarmung! Schön, dass es Euch gibt! :blumengabe:

Liebe Grüsse

Miriam68

rapunzel79
31.01.2007, 15:35
Hallo an alle,

danke für eure Nachrichten. Ich habe heute nur eine kurze Frage an euch. Was habt ihr am ersten Geburtstag eurer Lieben gemacht? Meine Schwester hätte im Februar Geburtstag. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie dieser Tag sein wird...

@miriam: was die Akte betrifft, habe ich mich noch nicht entschieden...und trage es so mit mir rum.

Liebe Grüße,

Maria

Inaktiver User
31.01.2007, 20:21
Was habt ihr am ersten Geburtstag eurer Lieben gemacht?

Mit den langjährigen Freunden meines verstorbenen Lebensgefährten feiern wir seinen Geburtstag. Der erste war relativ kurz nach seinem Tod. Seine Eltern kamen nicht dazu - die konnten das nicht, vielleicht fanden sie es auch etwas pietätlos? Ohne Kritik jedenfalls, sie kamen einfach nicht. Und wir haben in genau der Runde - allerdings dann bei mir - gefeiert, in der sonst auch sein Geburtstag gefeiert worden wäre.

Ich fand das sehr schön - wir alle fanden das sehr schön, wir haben sogar viel gelacht, die Jungs haben Geschichten von früher erzählt, unser verstorbener Freund lebte richtig auf - und verbindet uns. Es war so gut, dass wir beschlossen haben, das jedes Jahr fortzusetzen. Jetzt planen wir bereits zum dritten Mal diese Party. Obwohl einer davon inzwischen 600 km weit weg wohnt, ist es auch für ihn eine feste Einrichtung geworden. Ich freue mich schon drauf! Wir wollen zusammen Musik machen, weil das so üblich war bei meinem Freund. Das fehlt allen, und wir machen es eben einfach weiter.

Von jemand anderem kenne ich das Ritual, immer zum Geburtstag seiner verstorbenen Frau trifft er sich mit ihren Söhnen in einer bestimmten Kneipe, dort stehen dann immer Rosen auf dem Tisch - ihre Lieblingsblumen. Die begehen in kleinerer Runde einfach auch Jahr für Jahr den Geburtstag.

Wenn ich mir vorstelle, das würden meine Lieben nach meinem Tod auch so machen, dann breitet sich ein gaaaanz warmes Gefühl in mir aus. :blumengabe:

Miriam68
31.01.2007, 20:49
Was habt ihr am ersten Geburtstag eurer Lieben gemacht?

Ganz ehrlich? Freund und Sohn hatten was Anderes vor. Ich ging erst meine Mama besuchen, dann heim, eine Kerze anzünden, ihre Lieblingsmusik hören. Traurig sein.

Die Wunde war noch zu frisch, um fröhlich zu sein.

Ich muss mir gelegentlich anhören: Deine Schwester hätte aber keine Freude, wenn Du so traurig bist.
Ich sage: Ich BIN traurig. Ich VERMISSE meine Schwester. Ich mag nicht fröhlich spielen, wenn ich's nicht bin.

Inaktiver User
31.01.2007, 21:25
Die Wunde war noch zu frisch, um fröhlich zu sein.

So ging es den Eltern von meinem Freund auch.
Und gleichzeitig habe ich gelernt, dass es viele Arten geben kann, die helfen. Bei mir ist es auch mal so, mal so.

rosa_777
02.02.2007, 12:23
hallo an alle...

möchte mich vorstellen, da ich hier junge hinterbliebene antreffe und auch jene körperlichen symptome kenne...mein vater ist anfang januar nach 1.5jahre langer krebserkrankung gestorben....

die zeit bis zum tod und nun erlebe ich als sehr traumatisch...ich hatte schon während der krankheit zunehmendst psychosomatische probleme (magen-darm beschwerden, atemnot und kloßgefühl im hals), im moment auch noch ein wenig, wenn auch etwas schwächer als zuvor...

mein vater war gerade 68 geworden (war jedoch ein innerlich junger 68er), ich bin gerade 33 geworden...

gestern fing bei mir eines jener tiefs an, von denen man immer hört...ich habe den ganzen tag sein gesicht von den letzten wochen seines todes vor mir gesehen, konnte mich den ganzen tag nicht ablenken....die gewissheit und engültigkeit seines todes war in diesen momenten so klar...es tat sehr weh....

gruss an alle

Miriam68
03.02.2007, 09:50
@zitronenmond

Stimmt.
Manchmal will ich einfach nur ausgehen und fröhlich sein. Und manchmal brauch ich den Rückzug.

@rosa_777

Liebe Rosa,
erstmal möchte ich Dir mein Beileid aussprechen. :kerze:

Es tut scheusslich weh, ich weiss. Hier kannst Du Dich mitteilen und Du wirst verstanden .Mir hat das immer sehr geholfen ... zu wissen: Es gibt mitfühlende Menschen, die gehen durch die gleiche Hölle.

Inaktiver User
03.02.2007, 21:02
Was habt ihr am ersten Geburtstag eurer Lieben gemacht?
Ich habe auf dem Grab ein tränendes Herz gepflanzt, dass seit dem jedes Jahr wiederblüht.
Kranich

Inaktiver User
04.02.2007, 01:34
Hallo Ihr Alle...

...nun traue ich mich auch Etwas zu schreiben.

Vor drei Monaten ist meine Lieblingstante gestorben. An Krebs.
Sie war wie eine grosse Schwester für mich...wir sind zusammen aufgewachsen.
Wir hatten noch zwei Tage vorher telefoniert und sie war froh endlich aus der Klinik zu kommen und Sohn und Lebensgefährten wiederzusehen. Am Sonntag wollten wir wieder telefonieren. Sonntagfrüh um Acht weckte mich ein Anruf.....meine Tante war eine halbe Stunde vorher gestorben.

Du fühlst Dich, als ob Du rückwärts gegen eine Wand knallst. Im Kopf ist ein Vakuum. Dann denkst Du immer wieder: Nö....das ist jetzt nicht wahr. Das kann garnicht sein. Das geht einfach nicht.

Und dann tat nur noch alles weh. Mein ganzer Körper schmerzte, einfach alles. Ich konnte weder stehen noch sitzen noch liegen. Und dann die Angst und Panik alleine in meiner Wohnung zu sein. Besonders nachts.

Dann habe ich mich geschämt. Weil ich dachte, dass ich eigentlich nicht das Recht dazu habe, dass es mir so schlecht geht in meiner Trauer. Ich dachte, dass stünde nur ihrem Sohn (22) und ihrem Lebensgefährten zu.

Vor der Beerdigung -drei Wochen später- hatte ich absolute Panik...zwei Tage davor war mir durchgehend übel. Ich hatte Angst, mit dem Weinen nicht mehr aufhören zu können.

Immer wieder, wenn ich an sie denke oder ihre Bilder anschaue, steigen die Tränen hoch und mit viel Kraftanstrengung und Konzentration "schlucke" ich sie wieder runter....noch immer in der Angst, nicht mehr aufhören zu können.

Liebe Miriam, ich möchte Dir und allen anderen meine tiefes Mitgefühl schicken. Meinen Beitrag habe ich in Deinen Strang geschrieben, weil ich ihn hier gut aufgehoben weiss. Ich fühle mich verstanden. Es tat gut es zu schreiben.

Lieben Gruss F.

Miriam68
04.02.2007, 19:07
Hallo Schnurpseline

Erstmal vielen lieben Dank für Dein Mitgefühl. Ich möchte Dir dasselbige aussprechen. Dieser Sch .... Krebs, der ist doch überall ...

Das Vakuum-Gefühl ... das es nicht wahr sein kann ... ich kenn das so gut.
Ich lag im Bett. Der Schlaf war unruhig, das Handy lag neben mir, weil ich mit schlechten Nachrichten rechnete. Um etwa zwei das Klingeln, es ginge ihr nicht gut. Raus aus Bett und Pyjama, rein in Jeans, Pulli und Schuhe, Schlüssel und Tasche geschnappt, ab ins
Auto und ins Krankenhaus gerast. Wobei mir seltsamerweise auffiel, dass kein einzige Radarfalle unterwegs geladen war. Im Krankenhaus angekommen, war's schon zu spät.

Mir kommt's jetzt noch vor wie ein schlechter Film.

Schnurpseline: Kein Recht auf Trauer zu haben - Vergiss es. Entweder man ist traurig, oder man ist es nicht. Und wenn man's ist, dann gibt's nur eins: Rauslassen.
Angst vor der Bestattung hatte ich auch. Aber eher davor, all diese Bekannten meiner Schwester zu sehen. Angst vor zu viel Mitleid - ich heule nicht gern vor Publikum, und bei Mitleid flenne ich los.

Wenn Du wieder mal Tränen runtschlucken willst: Tu's nicht. Lass sie fliessen. Du wirst merken: Sie hören wieder auf damit. Und die Tränen beruhigen Dich auch, ein Druck wird für den Moment genommen.

Keine Angst! :blumengabe:

Liebe Grüsse

Miriam

teichmuschel
28.02.2007, 21:36
Die Trauer ist hinterlistig. Immer wenn es mir ein paar Tage gut geht - mit gut meine ich besser als noch vor ein paar Wochen oder Monaten - schlägt sie wieder zu. Sie hält mich fest in ihren Fängen und lässt mich nur sehr schwer wieder los. Ich frage mich immer wieder: "Wird es mir jemals wieder richtig gut gehen, d. h. vor allen Dingen, werde ich mein seelisches Gleichgewicht wieder finden, wieder belastbarer sein für die alltäglichen und beruflichen Dinge des Lebens?" Ich möchte schon wieder einmal einen Arbeitstag verbringen, an dem ich ausgeglichen bin und nicht wegen Kleinigkeiten sofort nervös werde und dann auch ungerechterweise meinen Lebensgefährten angreife mit dem ich auch zusammen arbeite.
Manchmal bin ich nahe dran die Hoffnung aufzugeben, aber andererseits kann ich mich mit dieser Situation auch nicht zufriedengeben. Und wie schon gesagt: Geduld ist nicht meine Stärke.

Teichmuschel

Inaktiver User
01.03.2007, 09:00
Wird es mir jemals wieder richtig gut gehen?

Ich glaube, es wird nie mehr so sein wie vorher.
Und da muss man erstmal reinwachsen, Tag für Tag, Schritt für Schritt.
Und ja, ich glaube, dass es einem wieder richtig gut gehen wird, aber das wird anders sein als früher.

teichmuschel
10.11.2008, 19:55
Jetzt nach 2 1/2 Jahren wollte ich diesen Strang wieder mal "hervorholen".
Es wird nicht mehr alles gut. Nicht so, wie es vor dem Tod meiner Mutter gewesen ist.
Ich habe auch gelernt, dass die Form und Dauer der Trauer so unterschiedlich ist, wie wir Menschen sind. Ich trauer immer noch um meine Mama. Nicht mehr so verzweifelt und keinen Sinn im Leben sehend. Das hat sich geändert. Aber es fehlt so viel in meinem Leben und ich denke, das wird immer so bleiben.
Auch die unterschiedlichen Trauergefühle - es war wirklich alles vertreten - machten mir am Anfang Angst. Manchmal wusste ich gar nicht mehr wie ich zu meiner Mutter stehe - sie war so fern, was ich nicht verstehen konnte, da wir uns doch im Leben so gut verstanden haben.
Es war einfacher für mich die "körperliche" Trauer niederzuschreiben. Bei den widersprüchlichen Gefühlen ist es sehr schwierig.

Mama, ich werde Dich immer lieben und ich vermisse Dich so sehr.
Deine Tochter
Birgit