PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eine Frage



Prijon
24.11.2006, 08:00
Hallo,

ich hatte gestern ein langes Gespräch mit einer Mitarbeiterin, die vor etwa sechs Wochen ihren Mann ganz plötzlich verloren hat - ein Unfall. Vordergründig ging es darum, wie es nun weitergeht mit ihrer Tätigkeit bei uns. Aber es entwickelte sich daraus ein sehr tiefgehender Austausch über ihre Gefühlslage, ihr Empfinden in den letzten Wochen.

Ich glaube, das hat ihr gut getan.

In dem Gespräch ist eine Frage aufgetaucht, die mich jetzt beschäftigt: Die Spuren, die es von ihm gibt. Seine Kleider im Kleiderschrank. Die Schuhe in der Garderobe. Der Rasierapparat. Wie geht man eigentlich damit um?

Schreibt ihr mir was dazu?

Prijon

Inaktiver User
24.11.2006, 11:06
Lieber Prijon,
als mein Vater starb sollte ich entscheiden, was mit seinen Sachen passiert, weil er mir wohl am meisten bedeutet hat. Dabei gab es für mich zwei Phasen. In der ersten sollte alles so bleiben, wie es ist. Ich habe mir gedacht, dass doch kein Mensch weiß, was tatsächlich nach dem Tod passiert und in vielen Religionen wird davon ausgegangen, dass der Tote noch eine Zeit unter den Menschen weilt. Wenn das so ist, wie muss er sich dann fühlen, wenn die geliebten Menschen seine Sachen alle wegschmeißen?

Dann kam die 2. Phase. Viele Dinge, besonders die Kleider, die noch nach hm rochen, waren heilig, aber trotzdem auch zu präsent. ich habe dann diese Dinge liebevoll in Kisten und koffern verpackt, so als ob irgendwann jemand kommen würde, um sie abzuholen. Diese Kisten haben dann über 10 Jahre im Keller gestanden, bis ich erlaubt habe sie abzugeben. Ich habe nur dies eine MAl hineingesehen, aber trotzdem war es mir wichtig, sie solange aufzubewahren. Die restlichen Sachen habe ich sofort verschenkt, bzw. Andenken wie Uhren auch mit in mein Zimmer genommen. Das ist heute das letzte, was ich außer meinen Erinnerungen, noch von ihm habe.

Ich hoffe, das hat dir etwas geholfen.
LG

Laborschnecke
24.11.2006, 11:38
Meine Großmutter hat die Kleidung meines Großvaters nie aus dem Schrank geräumt. Das haben meine Eltern dann gemacht, als sie zwei Jahre später auch starb. Der Hut lag immer noch auf der Ablage im Flur....

Paßt vielleicht nicht ganz, wegen des Alters.

Siljastern
24.11.2006, 12:27
Hallo Prijon,

vielleicht wäre weitergeben an eine soziale Einrichtung eine gute Idee? Gerade bei Kleidung hilft es vielleicht wenn man weiss es wird noch genutzt.

Kleine Dinge, die mir mehr bedeuten wie Kleidung z.b., würde ich behalten wollen. Vielleicht kommt der Tag an dem man sich davon trennen möchte (!), vielleicht begleiten sie einen auch durch das Leben. Die Taschenuhr meines Grossvaters, das Lieblingsbuch eines guten Freundes sind solche Dinge die immer mit diesem Menschen verbunden bleiben werden.

Als im letzten Jahr meine Grossmutter verstarb habe ich mir ihre ganzen alten Schürzen mitgenommen. Ich trage so etwas nicht, die Stoffe sind wunderschön. In der letzten Woche habe ich für meine Tochter aus diesen alten Stoffen eine grosse Patchworkdecke genäht. Sie hat ihre Urgrossmutter sehr geliebt, eine Möglichkeit für sie "Erinnerung" zu schaffen.

Ich denke, es gibt keine festen Regeln. Jeder Trauernde muss in sich hineinhorchen was ihm einzelne Dinge bedeuten.Alles zu seiner Zeit und wann die ist muss jeder für sich selbst entscheiden. Schön fand ich einen Beitrag hier im Forum wo eine Tochter die Jacke ihres verstorbenen Vaters als Kuscheljacke trägt.

Silja

Inaktiver User
24.11.2006, 17:05
Nichts zu früh wegpacken. Ich vermisse jetzt Dinge schmerzlich, die ich zu früh weg gegeben habe.

kaffeesahne
24.11.2006, 17:17
Hallo Prijon,
oft sagt einem der eigene Bauch, wie man mit den "Spuren" umgehen soll..
In meinem Umfeld hab ich oft beobachtet, das erst "Erinnerungsstücke" an bestimmte Menschen gegeben wurden, weil man zusammen ein bestimmtes Hobby hatte, weil jemand besondere Wertschätzung für etwas zeigte, oder so.

Die Dinge des alltäglichen Lebens würde ich nicht einfach schnell wegtun.

Meine Kollegin hat zB erst mal alles stehen lassen.
Dann verschiedene "Schatztruhen" gefüllt.
Nach und nach hatte sie selbst den Eindruck "dieser Mantel könnte jemandem helfen..."

Manche möchten dies alleine tun, andere nehmen gern Hilfe von Freunden oder Verwandten an ( solange die keine Entscheidungen über den Kopf des Trauernden treffen).

Jeder ist da anders..

Liebe Grüße Kaffeesahne

Prijon
24.11.2006, 17:59
Vielen Dank.

Ich weiß nicht richtig, ob meine Kollegin mich jetzt wirklich gefragt hat - solche Gespräche haben ja eine Schwere, in der vieles nicht so recht greifbar ist. Sie schilderte mir halt, dass sie jeden Morgen im Bad seinen Rasierapparat sieht, sie das dann schmerzt und sie gar nicht weiß, wie sie damit umgehen soll.

"Dann tu ihn doch weg" - die Antwort wäre zu einfach gewesen, das habe ich gespürt. Ich habe ihr immer wieder zugeraten, sich Zeit zu geben für ihre Trauer, ihren Schmerz, ihr Abschiednehmen. "Das Leben geht weiter" sagen ihr bestimmt schon genug Menschen.

Mich hat nur diese ganz konkrete Frage beschäftigt: Wie würdest DU damit umgehen? Wie tun das andere? Ich habe eine Vorstellung des Schmerzes, den solche vermeindlichen Kleingkeiten auslösen, aber keine davon, wie man für sich zu Lösungen kommt.

Eure Antworen waren deshalb für mich eine Hilfe.


Prijon

Inaktiver User
25.11.2006, 01:07
Prijon,

durch die Trauer muss jeder durch - da gibt es keine wirkliche Hilfe und keine Tricks.

Aber ich würde die Dinge, mit denen ich realistischerweise nichts mehr anfangen kann, so schnell wie möglich weggeben - Kleidung, Rasierapparat, Hobbyausrüstung, sofern ich das Hobby nicht teile und keine echten Erinnerungsstücke dabei sind, usw.

Jedenfalls ist meine Beobachtung von leider gar nicht so wenigen Fällen in meiner Umgebung, dass die Verwitweten, die das so gemacht haben, am schnellsten wieder auf die Beine gekommen sind. Wobei man natürlich die Frage von Ursache und Wirkung stellen kann.
Und das Weggeben scheint in den ersten Wochen einfacher zu sein als nach 3 Monaten.

Auch neue Vorhaben scheinen hilfreich zu sein. Die Wohnung so umräumen, wie sie in der neuen Situation am besten passt. Doppelbett 'rausschmeißen und neues Bett kaufen. Nach Rom fahren, wo er nie so recht hinwollte (ok, das ist wohl nichts für die ersten Wochen).

Und die Erinnerungsstücke, die Papiere, die Bücher - alles was persönlich ist und sortiert werden muss? Da sollte man sich Zeit lassen, das muss nicht gleich sein.

Wiegesagt - nicht aus direkt eigener Erfahrung - aber aus vielerlei Beobachtung aus ziemlicher Nähe.

Gruß, Leonie

frangipani
29.11.2006, 08:05
Hallo Prijon

zuerst einmal moechte ich sagen, wie gut ich es finde, wie du mit deiner Kollegin umgehst. Das Glueck, einen solchen Vorgesetzten zu haben, haben nicht alle.

Zu deiner Frage - du wirst wahrscheinlich 100 Leute fragen koennen und 100 Antworten bekommen - wie in manchen Antworten schon gesagt, kommt es ganz auf das eigene Bauchgefuehl an. Irgendwann kommt das Gefuehl, dass man Dinge in einen Karton packen kann, dann erstmal vielleicht in die Abstellkammer stellt und irgendwann weggibt. Bei Manchen kommt es schneller, bei Anderen dauert es.

Die richtigen Erinnerungsstuecke behaelt man sowieso, denke ich. Bei mir sind es Schmuckstuecke der Grossmutter und ein besonderer Schluesselanhaenger meines Bruders. Er hat leider sehr weit von mir entfernt gewohnt, ich habe dann meine Schwaegerin gebeten, mir etwas von dem Wenigen, was er ueberhaupt hinterlassen hat, zu schicken. Ich haette gern ein bisschen mehr von ihm behalten ...

Meine Mutter konnte seine Schuldinge vom Dachboden erst jetzt nach 2 Jahren aussortieren.

liebe Gruesse
frangipani

Waldmeisterin
29.11.2006, 08:34
Hallo Prijon

ja genau: Hut ab vor einem Chef wie Dir. Auch persönliche Anteilnahme ist ein Teil guter Führung.

Zu Deiner Frage eine Frage von mir: Sind denn Kinder da? Denn für die würde ich auf jeden Fall Dinge des täglichen Gebrauchs ihres Vaters aufbewahren. Und das würde ich gleichzeitig auch als sehr tröstlich empfinden: Besonders schicke Kleidungsstücke zu waschen oder reinigen zu lassen. Und sie dann sorgfältig und sicher mit Zedernholz und duftender Seife zu verpacken. Dabei mir vorzustellen wie der kleine(?) Junge von heute mal stolz sein wird etwas von seinem Papa tragen zu können. Und auch junge Mädchen tragen gerne ein schönes Herrenjacket. Vor allem das ihrer Freunde und Väter. Unter diesem Gesichtspunkt würde ich zum Beispiel auch den Rasierapparat gleich gründlich sauber machen und ihn wohl für meinen Sohn und künftigen Bartträger verwahren.

Außerdem würde ich auf jeden Fall auch bei den Eltern und Geschwistern des Verstorbenen anfragen ob sie sich etwas aus seinem Nachlass zur Erinnerung wünschen. Es täte mir gut zu wissen dass Dinge seines täglichen Gebrauchs bei ihnen in Ehren gehalten werden. Und es würde einander auch in der Trauer verbinden.

Dies alles würde ich möglichst bald tun wollen. Was dann noch übrig ist oder was ich mir ohnedies für mich zurück behalte hätte ich aber sicher gerne noch eine ganze Weile an seinem gewohnten Platz. Manches geht vielleicht mit der Zeit in meinen regelmäßigen Gebrauch über. Und das übrige würde ich dann bei Gelegenheit so peu a peu verräumen oder auch weggeben.

Keinesfalls würde ich sofort alles ausräumen und weggeben.

angie2
01.07.2007, 00:13
Lieber Prijon,

da gibt es keine gemeingültigen Antworten.

Meine Tante hat zur größten (positiven) Überraschung ihrer Tochter nach einem halben Jahr alle Sachen wie Kleidung etc. ihres verstorbenen Mannes ausgeräumt.

Andere unterhalten auch nach 10 Jahren noch ein Mausoleum in den Hobbyräumen (50 qm) und kein einziges auch nur Kleidungsstück von ihrer Mami darf weggegeben werden.

Andere schaffen es nicht, auch nur 1 Kleidungsstück aus den aktuellen Schränken anzufassen.

Denke, dass man die privaten Sachen erst mal aus der Sichtlinie räumen sollte. Den Rest erst, wenn man sich stärker fühlt oder wenn einem nichts anderes übrig bleibt (Wohnung räumen etc).
Kostet jedenfalls sehr viel Kraft, kann aber auch ein Befreiungsschlag sein.

Das muss jeder so machen, wie er dazu in der Lage ist. Es gibt da kein gut oder schlecht.

Nach 10 Jahren allerdings....