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Lillian2207
09.11.2006, 11:10
Hallo zusammen,

ich möchte gerne mit Euch über das Thema "Ängste" sprechen. Ich finde kaum Menschen in meiner Umgebung mit denen ich über dieses Thema reden kann oder die Verständinis und Akzeptanz dafür zeigen.

Vor einem halben Jahr ist mein Verlobter bei einem Autounfall gestorben (vielleicht hat der eine oder andere meine Beiträge dazu hier im Trauerforum gelesen). Er war damals alleine im Auto, ist ohne Grund von der Fahrbahn abgekommen, gegen einen Baum geprallt und war sofort tot. Sein Tod hat mich nicht nur vollkommen aus der Bahn geworfen, wie sich wohl jeder vorstellen kann, es hat in meiner Trauer auch Ängste geweckt. Es ist nicht so, dass ich morgens aufwache und mir sage: ach heute hab ich mal Angst mich ins Auto zu setzen, oder heute hab ich Angst vor der Arbeit.... Nein es ist so, das sich plötzlich aus heiterem Himmel eine Beklemmung wie eine Zange um meine Brust schließt und ich kaum Atmen kann. Dann sind alle Alltagsbeschäftigungen die für mich sonst doch einfach sind, unüberwindbar und machen mir eine heiden Angst: spülen, bettenmachen, autofahren, sporttreiben, fernsehn, lesen, alles undenkbar. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, das ich irgendetwas alleine schaffen könnte. Ich bekomme einfach panische Angst!

Kurz nach dem Unfall, sollte ich mit meinem Vater in Urlaub fliegen. Es sollte Ablenkung für mich sein. Ich bin plötzlich mitten in der Nacht mit Schweissausbruch und Herzrasen aufgewacht und war total unruhig. Diese Unruhe hat sich immer mehr gesteigert.... wie soll ich es beschreiben, mein Körper hat gezittert, ich mußte die ganze Zeit laut mit mir reden denn sonst hätte ich laut schreien müssen! Trotz das ich ein realistisch denkender Mensch bin, konnte ich die Angst nicht abschütteln. Ich habe den Notarzt gerufen und ich bekam Tabletten gegen die Angstzustände.

Heute sind die Ängste schon was weniger geworden aber nicht weg. Wenn ich zum Beispiel einen Alptraum habe und aufwache sind die Beklemmungen sofort da. Dann muß ich mich aufsetzen und mit mir selber laut sprechen um mich zu beruhigen. Manchmal sitze ich im Auto und bin auf der Autobahn und vor meinem geistigen Auge spielt sich wieder der Autounfall meines Verlobten ab, dann kommt die Beklemmung, die Kurzatmigkeit und ich muß rechts ran fahren......

Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht und wenn ja, wie geht Ihr damit um. Tabletten habe ich lange genommen aber dann einfach von mir aus wieder abgesetzt. Ich möchte nicht abhängig werden! Danke für Euer Ohr!

Gruß Lillian

Contiki
09.11.2006, 12:18
Hallo Lillian,
es gibt im "Liebe und Persoenlichkeit" Forum die Rubrik "Aengste - wie gehen Sie damit um". Dort waere Dein Beitrag vielleicht besser aufgehoben?

Ich kenne Deine Beitraege aus dem Trauerforum, wo ich stille Mitleserin bin. Was Du schreibst beruehrt mich sehr und bringt mich regelmaessig zum Weinen.
Ich habe vor 2 bzw. 3 Jahren unerwartet meine Eltern verloren und kann viele Deiner Symptome und Reaktionen gut nachvollziehen.
Von damals kenne ich diese Aengste, die wie aus dem nichts erscheinen und einen vollkommen laehmen - bei mir hat viel mit Freunden reden geholfen; ausserdem ein radikaler Orts- und Jobwechsel - dadurch war ich abgelenkt und wurde nicht staendig mit Erinnerungen konfrontiert.
Ansonsten kann (auch wenn das platt klingt) manchmal einfach nur die Zeit helfen. Tabletten wuerde ich nur im Notfall nehmen, aber das willst Du ja auch nicht.

Alles Liebe fuer Dich - vielleicht hilft Dir ein wenig, das bestimmt viele so wie ich Deine Geschichte verfolgen, an Dich denken und Du viele Menschen beruehrst.

Lillian2207
09.11.2006, 12:26
Liebe Contiki,

danke für Deinen Beitrag!

Ja, ist es nicht erschreckend was so ein Trauma alles auslösen kann! Körperliches und seelisches Leid, Ängste und jede Menge Tränen! Ich möchte so gerne aus dieser Spirale endlich herrausfinden und wieder anfangen am Leben teilzunehmen! Aber das scheint mir noch ein langer Weg zu sein!

Dir auch einen ganz lieben Gruß zurück und alles Gute :)
Lillian

Lilith
09.11.2006, 16:44
Hallo, Lillian2207!

Wenn die Tabletten -welche hattest Du denn bekommen?- Dir helfen können, aus der Spirale herauszukommen und wieder am Leben teilzunehmen, würde ich sie nicht so kategorisch ablehnen.

Eine Medikamentenabhängigkeit sähe ich sich nicht zwangsläufig entwickeln. Zudem wäre das, sagen wir einmal, Angewiesensein auf ein Medikament doch eher das kleinere Übel.

Desweiteren solltest Du z.B. mit Deinem Hausarzt darüber sprechen, ob er Dir einen Psychotherapeuten zur zusätzlichen Unterstützung empfehlen könnte.

Da ich ebenso wie Contiki annehme, daß Du im Ängsteforum mehr Resonanz von Menschen mit ähnlichen Problemen und ihren Erfahrungen damit erhalten wirst, verschiebe ich diesen Strang nun dorthin.

Alles Gute auf Deinem weiteren Weg!

Hopscotch07
10.11.2006, 12:03
Ich bin plötzlich mitten in der Nacht mit Schweissausbruch und Herzrasen aufgewacht und war total unruhig. Diese Unruhe hat sich immer mehr gesteigert.... wie soll ich es beschreiben, mein Körper hat gezittert, ich mußte die ganze Zeit laut mit mir reden denn sonst hätte ich laut schreien müssen! Trotz das ich ein realistisch denkender Mensch bin, konnte ich die Angst nicht abschütteln.

Hallo Lillian,

mmmmmh, Zustände dieser Art kenne ich, wenn ich auch nie einen Notarzt dafür brauchte. Ist also wahrscheinlich weniger ausgeprägt/ schlimm.

Ich habe als Kind miterlebt, wie mein damals bester Freund ums Leben gekommen ist und das holt mich heute, weit über 30 Jahre später immer mal wieder ein. Meistens merke ich, dass es auf mich zukommt, manchmal kann ich das dann noch "abbiegen", oft aber nicht. Dann begleiten mich diese Gefühle, auch Ängste einige Tage und dabei gibt es Zeiten, in denen ich nur furchtbar heulen kann, nicht schlafen kann, nicht einmal die Augen schliessen, weil mich diese Bilder verfolgen.

Ich lebe damit. Ich habe akzeptiert, dass es so ist und dass ich hin und wieder diese "Zustände" habe. Ich weiss, dass sie einen Platz in meinem Leben haben und immer haben werden. Ein solches Ereignis vergisst man ja nicht. Ich weiss aber auch, dass dieser Zustand nach einiger Zeit wieder abklingt und ich dann eine Weile Ruhe habe davor.

Ich lasse zu, dass es mich immer wieder einholt, weil ich glaube, dass ich es sowieso nicht verhindern kann. Ich verbiete mir manchmal, es allzu schlimm werden zu lassen (und das funktioniert sogar). Und ich zwinge mich dazu, mich nicht darein zu steigern, weil es dann kaum ein Ende dieser Phase geben würde, sprich es würde zum Dauerzustand. Wenn es mir besonders schlecht geht damit, rede ich auch darüber, aber eben nicht allzu lange, nicht allzu viel - zu viel Raum will ich dem in meinem Leben ja auch nicht geben. Und manchmal verabschiede ich mich neuerlich von meinem damaligen Kinderfreund, trauere, schreibe ihm (Wünsche, Gedichte u.ä.) und versuche, ihn bewusst loszulassen. Das hilft mir dann schon.

Dein Ereignis ist noch nicht lange her. Daher erlebst Du diese Angstzustände sicher intensiver und auch häufiger, als ich meine. Das baut sich mit der Zeit aber ab. Und solange es allzu schlimm ist, spricht doch auch nichts dagegen, Medikamente zu nehmen. Wenn sie Dir helfen. Weil Du sonst eben Gefahr läufst, Dich doch zu sehr "reinzusteigern", dem Trauma immer mehr Raum zu lassen, statt mit der Zeit immer weniger.

Dir alles Gute
hopscotch

Lillian2207
10.11.2006, 15:04
Hallo Lilith,
Hallo Hopscotch07,

ich denke die ganze Zeit darüber nach, ob ich die Tabletten (ich habe Tavor verschrieben bekommen) wieder weiter nehmen soll, oder ob ich es lasse. Sie sollen einen akuten Angstzustand verhindern aber prophylaktisch jeden Tag eingenommen werden. Mein Therapeut sagt, es gäbe Tabletten, die an die "Wurzel" der Angstzustände gehen um die auszuschalten und so keine Attacke mehr zu bekommen. Gutgläubig wie ich war, habe ich mich dann auf so ein Präperat eingelassen (leider weiß ich den Namen nicht mehr) und habe die ganze Sache nur verschlimmert. Mein Körper hat unkontroliert gezittert, das Herz hat immer mal wieder geflackert, ich war völlig unruhig, also ich konnte keine zwei Minuten still sitzen und ich war vorallem gar nicht arbeitsfähig. Mich ins Auto zu setzen und zur Arbeit zu fahren ging gar nicht.

Das ist sowieso ein sehr wichtiger Punkt: die Arbeitsfähigkeit. Meine größte Angst ist es arbeitslos zu werden. Ich glaube, dann bekomme ich keinen Fuß mehr auf den Boden. Daher habe ich die Tabletten abgesetzt und mir Tabletten verschreiben lassen, die ich in der Handtasche mit mir rumtrage, falls eine Panikattacke auftritt. So eine Art Rescue-Tabletten. Die Tatsache, dass ich sie in greifbarer Nähe habe, beruhigen mich doch ganz gut......

Letzte Woche dann, habe ich ein Medikament gegen Kopfschmerzen genommen und bekam plötzlich ohne Vorwarnung diese bekannten Beklemmungen. Ich muß mich dann immer so zusammenreißen, dass ich nicht einfach diesen Gefühlen nachgebe, anfange zu weinen und in Panik verfalle! Ich habe mit mir selbst gesprochen: Ganz ruhig, alles wird gut, nichts wird passieren, gleich ist es vorbei...... ich habe bis 10 gezählt und ich habe sogar (bitte lach mich nicht aus) leise vor mich hin gesungen. Und dann beruhigte sich erst mein Herz, die Beklemmung wurde ein wenig besser und ich konnte wieder normal Atmen. Aber ich kann Dir gar nicht sagen, wie schrecklich diese Minuten für mich waren!

Das was Du erlebt hast, ist ja furchtbar. Ich kann mir so eine Situation gar nicht vorstellen. Obwohl ich in vielen Träumen, den Unfall meines Verlobten vor mir sehe und ganz bewußt erlebe, so habe ich es ja doch nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich denke aber beide Ereignisse sind einfach ein furchtbares Trauma. Einen guten Freund sterben zu sehen, oder Abends glücklich ins Bett zu gehen um am nächsten Morgen zu erfahren, das Dein Leben in Scherben liegt und nie mehr so sein wird wie es einmal war....

Von mir auch alles Gute und ein erholsames Wochenende!
Danke für Eure Beiträge, es ist schön mit diesem Problem nicht alleine zu sein!

Lillian

Morgana42
10.11.2006, 16:29
Liebe Lillian,
ich kann Dir leider nur ganz kurz schreiben, weil ich gleich einen Termin habe.

Ich bin aus dem "Ängsteforum" und habe seit 6 Jahren diese Attacken, die auch durch einen Verlust ausgelöst wurden.

Die Tavortabletten nehme ich NUR wenn ein akuter Zustand eintritt - vermeide aber, diese Tabletten einzunehmen. Die sind für mich nur im äußersten Notfall da und bis jetzt habe ich es immer geschafft.

Meine Medikation besteht aus Cipralex (mittlerweile 5 mg vorher 10) tägl. Das sind Antidepressiva und ich vertrage sie sehr gut. Sie vermeiden nicht die Panikattacken, aber sie helfen Dir nicht "in ein Loch" zu fallen.

Ganz wichtig finde ich eine begleitende Psychotherapie, denn nur die kann Dir helfen an die Wurzel des "Übels" zu gelangen. Wenn Du dann weißt, woher diese Zustände kommen (der Tod Deines Verlobten könnte nämlich "nur" der Auslöser gewesen sein) dann lernst Du mit der Zeit die Angst vor diesen Attacken zu verlieren.

Du verlierst nicht die Attacken, sie werden ein Bestandteil Deines Lebens sein, aber Du lernst mit ihnen umzugehen bzw. die Angst davor zu verlieren und .... siehe da .... wie durch ein Wudner .... werden sie seltener, und seltener und seltener usw. usw.

Wie gesagt: Mein Tip ist:

Antidepressiva und Gesprächstherapie.

Tavor als sog. "Prophylaxe" zu nehmen finde ich unverantwortlich von Deinem Arzt, denn die können wirlich abhängig machen - sicherlich nicht nach 3 Tagen ABER ... sie könnnen.

Ich hoffe, ich konnte Dir ein bißchen helfen und wünsche Dir alles, alles Gute, viel Kraft und Tapferkeit. Versuche nicht aufzugeben, es lohnt sich.

LG
Morgana

Hopscotch07
10.11.2006, 16:33
Hi Lillian,

so wie Du die Wirkung der prophylaktischen Tabletten beschreibst, würde ich davon wohl auch Abstand nehmen. Und die "rescues" helfen ja ein Stück weit.

Dass Du Angst hast, arbeitslos zu werden, verstehe ich sehr gut. Gerade jetzt braucht Dein Leben Struktur, einen festen Ablauf und feste Aufgaben.

Gibt es an Deinem Wohnort Gesprächsgruppen mit Menschen, die auch plötzlich einen geliebten Menschen verloren haben? Gespräche mit Menschen mit ähnlichem Schicksal können sehr hilfreich sein. Weil man ja mit der Zeit bei anderen (in dieser Hinsicht unbelasteten) ja auch oft das Gefühl bekommt, ihnen damit nicht mehr auf die Nerven gehen zu können/wollen/sollen. Und diese Menschen in solchen Gesprächsgruppen lachen ganz sicher nicht darüber, dass Du Dir zur Beruhigung mal etwas vorsingst.

Also, ich möchte auch nicht beobachtet werden, wenn ich gerade mal einen "Anfall" habe. Zumindest nicht von Menschen, die mir nicht sehr nahe stehen. Das ist völlig normal (dass man da etwas leicht "Bescheuertes" macht) und jeder entwickelt so seine Systeme um mit dem akuten Schmerz oder der akuten Angst umgehen zu können. Völlig in Ordnung.

Zu Deinen Beklemmungen: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass diese Minuten für Dich unbeschreiblich schrecklich waren. Natürlich! Das Gute ist, dass Du jetzt weisst, dass Du diese Attacken überstehen kannst. Sie sind schrecklich, aber sie gehen vorbei. Sie werden seltener werden.

Also, alles Gute
hopscotch

Lillian2207
13.11.2006, 12:25
Hallo zusammen,

jetzt wo ich es bei Morgana42 lese.... ja, diese Cipralex Tabletten habe ich damals auch bekommen, das waren die Tabletten die ich gar nicht vertragen habe. Jetzt nehme ich Sulperid 100, das sind Antidepressiva aber ich habe keine Ahnung ob die auch gegen Angstzustände sind!

Bei mir war es dann heute morgen gegen vier Uhr wieder soweit. Ich bin wach geworden, hatte Herzrasen und war in Panik. Ich fahre morgen ins Saarland in eine Niederlassung unserer Firma und muß an zwei Tagen eine Telefonschulung halten. Das habe ich schon oft gemacht. Ich lerne neue Mitarbeiter für Ihre Tätigkeiten am Telefon an und hatte bis jetzt noch nie Probleme damit. Im Gegenteil, es hat mir meist Spaß gemacht! Ich weiß nicht was daran die Angst ausgelöst hat, vielleicht der Druck vor Menschen zu sprechen? Das hat mich sonst auch nicht gestört....

Ich habe also zwei Stunden wachgelegen bis der Wecker geklingelt hat und habe konzentriert die Decke angestarrt und wieder auf mich selbst eingeredet. Heute morgen habe ich dann doch wieder eine Tavor genommen, ich glaube nicht, dass ich die nächsten beiden Tage ohne Tabletten klar komme! Hoffentlich bin ich dann nicht schon abhängig von den Tabletten.... das wäre nicht gerade hilfreich!

Lieben Gruß
Lillian

diane
13.11.2006, 19:40
Liebe Lillian,
Auch ich kenne diese symptome, welche nun in letzter zeit gottseidank keine überhand mehr haben können.

Es ist ganz normal, dass du in deiner traurigen situation solche angstzustände bekommst.

Meine tochter hatte auch vor schon fünf jahren einen schweren autounfall und es hat sich ein jahr dahingezogen...alles war ungewiss, sie erlitt damals ein schweres schädel-hirntrauma.
Mit zwei wochen koma und anschließender reha.

Heute ist alles wieder vorbei und in weite ferne gerückt. Aber mir ging es damals gleich wie dir, hatte auch tabs verschrieben bekommen, und gleichzeitig angst davon abhängig zu werden.

Ich konnte mich auch gar keinen fall in einer gesellschaft zurechtfinden und hab schon gezittert, wenn ich bei einladungen war und z.b. eine suppe essen musste. Ich konnte nicht mal den löffel ruhig halten.
Ich bin mir sowas am rande der gesellschaft vorgekommen, als wäre ich ein total psychisches wrack.

Ich wünsche dir sehr, dass du weiterhin durchhalten kannst!!!

Ich kann dir wahrscheinlich jetzt garnicht helfen, aber ich möchte haben, dass du weißt, dass auch ich dir wenigstens anbieten kann, an dich zu denken

alles liebe diane

Lillian2207
16.11.2006, 12:59
Hallo zusammen,

ich bin also wieder von meinen Schulungen im Saarland zurück und habe es überstanden. Ich finde es sehr eigenartig, da liegt man einen Tag vorher noch in der Nacht wach und kann sich nicht vorstellen wie man die Verantwortung der nächsten zwei Tage überstehen und bewältigen soll, und dann kommen die Stunden vor denen man so Angst hatte und es läuft ganz normal ab. Ich habe die Schulungen ohne Zwischenfall geschafft und war ganz glücklich, auch keine Tavor mehr für die beiden Tage gebraucht zu haben. Und dann kommt der nächste Schreck: Mein Chef ist nicht über Nacht im Saarland geblieben sondern schon am Dienstag wieder zurück gefahren und ich sollte mit dem Shuttle-LKW zurück nach Köln fahren. Das hat bei mir schon wieder Beklemmungen ausgelöst (hört das denn nie auf), dass ich drei Stunden in einem LKW sitzen muß mit einem Menschen, den ich überhaupt nicht kenne!

Naja, das Ende vom Lied war: es waren wirklich drei furchtbare Stunden, denn dieser Mensch hat drei Stunden ununterbrochen geredet und ich habe so gut wie gar nichts verstanden, da der Saarländer Platt gesprochen hat. Ich konnte mich also mit einem gelegentlichen "Ja" oder "Hm" aus einer Unterhaltung raushalten und habe die drei Stunden überlebt!

Aber die Frage ist doch: warum machen mir solche "Alltags-Situationen" so viel Angst, dass ich Herzrasen bekomme und mit Beklemmungen in der Brust leben muß. Und dann ist es doch plötzlich alles gar nicht ssoooo schlimm und trotzden lerne ich nicht aus der Situation. Mein Körper müsste doch irgendwann die Angst auch verlieren?! Oder ist das falsch gedacht????

LG Lillian

Morgana42
16.11.2006, 13:52
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, daß Du alles gut überstanden hast. Hinterher ist es IMMER weniger schlimm als vorher. Das ist aber immer so wenn man vor etwas Angst hat. Es heißt nicht umsonst, daß Angst ein schlechter Ratgeber ist.

Bei uns Panikern kommt erschwerend hinzu, daß wir durch die ständigen Attacken unsicherer und angreifbarer werden, weil wir u.a. auch sehr sensibel auf Körperreaktionen achten und uns z.B. schon komplett verrückt machen, wenn das Herz schneller klopft weil wir denken, daß gleich eine Attacke kommt.

Für mich war es z.B. wichtig ist zu lernen z.B. in diesem Falle wie folgt zu reagieren: "Ah, mein Herz klopft schnell, das ist nicht schlimm, denn es ist ein Muskel und wenn es schnell klopft dann wird es nur stärker. Mir kann nichts passieren. Und WENN eine Attacke kommt, dann lasse ich sie kommen. Je mehr ich mich wehre, desto schlimmer wird sie. Mir kann nichts passieren, denn diese Attacke geht genauso vorbei wie alle anderen auch. " Und dann ist es meist so, daß die Attacke gar nicht kommt, oder daß auch das Herzklopfen ganz schnell wieder vorbeigeht.

Ich habe für diese "Einsicht" ziemlich lange gebraucht, aber nicht aufgegeben. Das ist in unserem Fall sehr, sehr wichtig. Das NICHT AUFGEBEN !!!

Somit kommen wir auch schon zu Deiner zweiten Frage.
"Mein Körper muß doch irgendwann die Angst verlieren". Dein KÖRPER hat keine Angst, Dein Geist hat sie und die kommt meistens aus dem Unterbewußtsein. Und das kann ziemlich hartnäckig sein. Auch hier gilt es NICHT AUFGEBEN ! Irgendwann hat auch das Unterbewußtsein begriffen, daß Situationen nicht bedrohlich sind, die sich als bedrohlich erweisen.

Leute wie wir sind einfach hypersensibel durch die Panikattacken geworden.

Meine Theorie ist, daß es hauptsächlich die Leute trifft, die sich nie um sich selbst und ihre Bedürfnisse gekümmert haben, nach außen IMMER stark und fröhlich waren und innerlich einfach seelisch "verhungert"sind.

Panikattacken zwingen Dich, sich mit Dir selbst auseinanderzusetzen. Du wirst aufmerksamer was Deinen Körper betrifft (Herzklopfen, Schwitzen, Übelkeit und was auch sonst noch immer), Situationen, die Dir früher vollkommen "ungefährlich" erschienen, können heute zur "tödlichen Bedrohung" werden usw. usw. Du kennst das ja alles.

Die Arbeit, die hier auf uns zukommt ist, uns damit auseinanderzusetzen und neu zu lernen, welche Situation ist wirklich bedrohlich für mich und welche nicht.

Das dauert seine Zeit und man muß durch viele Situationen durchmarschieren bis das Unterbewußtsein "sicher" sein kann, daß Du sehr gut entscheiden kannst was Du Dir zutrauen kannst und was nicht bzw. daß Du sehr gut auf Dich selbst aufpassen kannst.

Der Zeitpunkt an dem das geschieht kommt auf jeden Fall. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Klar wird es Rückfalle geben, aber die kommen nur, wenn wir nicht richtig gut genug auf uns aufpassen. Das nehme ich z.B. dann als Hinweis und versuche wieder besser auf mich zu achten.

Ich weiß jetzt nicht, ob ich Dir mit meinem literarischen Erguß weiterhelfen konnte, aber .... meine Hauptmessage sollte einfach lauten:

Halte durch, gib nicht auf und lerne auf Dich zu achten.

LG
Morgana

Lillian2207
16.11.2006, 15:32
Liebe Morgana42,

du könntest mit Deiner Theorie Recht haben, dass es meist Leute trifft die --"sich nie um sich selbst und ihre Bedürfnisse gekümmert haben, nach außen IMMER stark und fröhlich waren und innerlich einfach seelisch "verhungert"sind"-- ich würde mich in etwa auch so beschreiben. Ich habe nach außen auch immer den Eindruck gemacht, ich sei eine starke nicht zu erschütternde Frau, aber wie es in mir aussieht ist ganz anders. Es gab auch vor André schon Ängste in mir, aber nie so ausgeprägt wie es jetzt ist! Ich denke Andrés Tod hat meine Ängste ganz nach vorne geworfen und in den Mittelpunkt meines Lebens gestellt!

Da ich ein "Scheidungskind" bin, hatte ich schon immer Verlustängst: Familie, Freunde, Beziehungen ja selbst Haustiere... ich hatte immer Angst jemanden zu verlieren. Und dann passiert das unfassbare: Ich verliere tatsächlich einen sehr wichtigen Menschen und das unwiederbringlich. Ich glaube, da ist es ganz natürlich Panikattacken zu entwickeln.

Deinen Tipp sich ruhig zuzureden, den versuche ich ja auch immer. Aber nicht so "realistisch" wie Du es jetzt beschreibst. Vielleicht ist das auch ein Weg für mich, ich werde es ausprobieren. Hauptsache ich bekomme es in den Griff, ohne ständig Tabletten nehmen zu müssen.

Aber weißt Du was ich auch noch so schlimm finde: das egal wem Du von den Panikattacken erzählst, es immer mit einem Achselzucken abgetan wird. So als ob es das normalste von der Welt ist. Aber ich spreche nicht von ein bisschen Angst, ich spreche von Panik die körperlich zu spüren ist, die weh tut, die Beklemmungen auslöst, die Schwitzen und Übelkeit bringt und einfach furchtbare furchtbare Angst auslöst!!! Wieso kann das keiner verstehen?

LG Lillian

Morgana42
16.11.2006, 15:38
Du fragst, warum das keiner verstehen kann ? Das ist ganz einfach:

Menschen, die noch nie eine Panikattacke hatten KÖNNEN es sich einfach nicht vorstellen, weil diese Vorstellung über den Kopf geht. Was wir aber mit diesen Attacken machen ist, daß wir sie hauptsächlich FÜHLEN und sowas ist ganz, ganz schwer rüberzubringen und von anderen zu verstehen. Das darf man niemanden übel nehmen, das ist einfach so.

Dafür gibt es ja Foren wie dieses oder Selbsthilfegruppen und auch Psychologen. Da wirst Du verstanden und findest Hilfe.

Klar ist auf jeden Fall, daß ein Verlust, wie Du ihn erlitten hast ein Auslöser für diese Attacken ist. Meine kamen auch, weil ich einen Menschen, den ich sehr geliebt habe, verloren habe. Er ist zwar nicht gestorben, aber ich habe ihn nie wiedergesehen und werde ihn auch nie wiedersehen.

Du siehst, bei uns beiden (bin auch ein Scheidungskind) war ein Verlust der Auslöser. Ist eigentlich auch ganz "normal". Mein Psychologe hat mir einmal erklärt, daß wir uns wie ein Fäßchen vorstellen sollten, daß viele Schicksalsschläge aufnehmen kann. Irgendwann kommt dann ein Schlag, der das Fäßchen einfach zum Überlaufen bringt und dann ... PENG ! kommt die erste Attacke. Dann kommt die Angst vor der Angst und alles nimmt seinen Lauf.

Ich kann allerdings nur nochmal betonen, daß man einfach nicht aufgeben darf - auf wenn einem danach zumute ist.

LG
Morgana

LG
Morgana