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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Meine Ma macht uns Sorgen!



effibiest
26.10.2006, 01:55
Hallo Ihr Lieben,

wenn ich meine Mutter mit ihren 65 Jahren sehe, mache ich mir ernsthaft sorgen. Sie hat ihr Leben lang immer nur für andere geschuftet, 3 Kinder großgezogen, ihren Mann bis zu seinem tod gepflegt, ihre großeltern bis zu deren tod gepflegt, ihre schwiegereltern bis zu deren Tod gepflegt. Großen Dank hat sie dafür nie erhalten.

Sie genoß eine klassische katholische Erziehung, die eine Entfaltung des Selbstbewußtseins nie vorsah. Sie hatte früher ein Stipendium für die Kunstakademie der Folkwangschule in Essen, welches sie aber nie antreten durfte.

Jetzt sind alle tot und sie scheint es mir auch. Meine zwei Brüder (35 und 43 J.) sowie ich 39 J. wohnen weit weg von ihr.

Wenn ich für ein paar Tage bei ihr bin, sehe ich, wie sie altert. Sie hat keine Freude und Freunde, sie ist ganz unsicher in ihrem Körpergefühl und mit sich selbst. Diese wunderbare Frau, die uns so selbstbewußt groß gezogen hat, damit wir nicht ihr dienendes Schicksal erben sollten, hat sich einfach aufgeben.

Dabei hätte sie jetzt die Zeit und auch das Geld, nocheinmal durchzustarten und sich einen Freundeskreis aufzubauen.
Aber sie lehnt alle Angebote von uns ab, trinkt m.E. zu viel und schaut den ganzen Tag Angelika Kalwass und RTL.

Es scheint, als wäre ihre ganze Energie in die anderen Menschen geflossen und von ihr ist nix mehr übrig. Das macht mich und meine Brüder so traurig. Wir versuchen alles, damit es ihr gut geht und sie nimmt nichts davon an. Dabei versuchen wir ihr die Liebe, mit der sie uns groß gezogen hat, einfach zurück zu geben, weil sie wirklich wunderbar ist.

aber sie läßt uns nicht. Selbst kleine Hilfen im Alltag, wie renovieren, Wohnung putzen, einkaufen, Ausflüge etc., lehnt sie ab.

Auch professionelle Hilfe -bspw. gegen Depressionen - will sie nicht. Sie geht unsicher, sieht schlecht, hört schlecht und findet sich kaum noch zurecht. Jedes Hilfsmittel von uns ( neues Telefon mit großem Display, Lupen, etc.) lehnt sie kategorisch trotzig ab. wir haben Angst, dass sie einfach mal hinfällt und nicht wieder aufstehen kann, weil sie in ihrem Körper einfach nicht mehr zuhause scheint.

wir möchten so gern, dass sie endlich mal glücklich sein kann und nach ihren eigenen Wünschen leben darf, Sie lässt es einfach nicht zu! Sie wird immer schwächer und kränker, und ist körperlich schlechter drauf, als manche 75jährige.

Wahrscheinlich kann und will sie einfach nur noch ihre ruhe haben,
kennt jemand das Problem und weiß einen Ausweg?

Sie war trotz ihres schweren Lebens immer sehr einfallsreich, kreativ, kulturinteressiert und lebenslustig, auf einmal ist alles weg, jetzt wo sie doch mal wirklich könnte.

auf ihre Kinder hört sich nicht, das ist auch ok so, wir sind ja keine Therapeuten, aber es macht uns so traurig, sie so allein vor dem Fernseher dahinvegetieren zu sehen.

Hat jemand einen Rat für uns ? auch angebote aus der Nachbarschaft zum Kaffeetrinken in der Gemeinde, Sport beim DRK oder einen kunstkurs im nahegelegen Kulturzentrum lehnt sie mit vorgeschobenen Gründen ab.

wir möchten sie gerne mal wieder lachen und glücklich sehen, aber es gelingt uns einfach nicht, und das geht jetzt seit drei Jahren so. Nur wenn jemand ihre Hilfe braucht, setzt sie alle ihre energie wieder frei und schreitet zur Tat. Dabei soll sie jetzt endlich mal profitieren.

Wer hat eine Idee ?
vielen Dank und liebe GRüße
effi

Inaktiver User
26.10.2006, 16:27
Hallo Effi,
als ich deinen Text las, dachte ich zuerst an eine beginnende Demenz.

Bis ich auf den letzten Absatz stieß:



Nur wenn jemand ihre Hilfe braucht, setzt sie alle ihre energie wieder frei und schreitet zur Tat. Dabei soll sie jetzt endlich mal profitieren.

Mit "profitieren" meinst du offensichtlich, sie soll jetzt "ihr Leben genießen" und nicht mehr für andere sorgen müssen. Wer aber sein Leben lang nur für andere sorgte, kann nicht einfach so auf einen "genießenden Lebensstil" umschwenken. Sie weiß vielleicht schlicht und einfach nicht, wie sie das anstellen soll, weil sie es nie gelernt hat und fühlt sich überflüssig.

Mein Tipp - einfach mal in die Tüte gesprochen: könnt ihr nicht dafür sorgen, dass sie wieder etwas hat, wofür sie sorgen kann? Ein nicht allzu aufwändiges Haustier zum Beispiel? Oder eine Nachbarin, der es noch schlechter geht als ihr?

Wenn sie sonst alles abblockt, aber an diesem Punkt munter wird, dann würde ich auch dort ansetzen.

Cassy
26.10.2006, 17:31
Hallo effi
Kann Pia nur recht geben.
Wo soll es denn herkommen, das Leben zu geniesen wenn man nieee mal an sich gedacht hat.
Egal weil man nicht durfte oder kann.
Kann es sein das sie einfach Angst vor dem Neuen hat. In ihren alten Bereich kennt sie sich aus da weiss sie Bescheid und weiss was vor sich geht.
Mit einen kleinen Hund glaube ich wär gutes ihr getan.
Das Tier muss raus Gassi gehen und so käme sie schon unter Menschen. Meistens ergibt sich dann mal was von alleine.
Hoffe das deine Mutter es lernt zu leben.
Liebe Grüße Cassy

Atis
26.10.2006, 18:00
Hallo Effi!

Ich denke auch, dass Deine Mutter so daran gewöhnt ist, gebraucht zu werden und ihr dies ein so gutes Gefühl vermittelt, dass sie daraus sozusagen ihr Glück zieht.

Ein Haustier ist zwar prinzipiell keine schlechte Idee, das würde ich aber nur machen, wenn es vorher mit ihr besprochen wurde und sie das auch möchte; schließlich bedeutet ein Haustier auch eine große Verantwortung es und möchte geliebt und umsorgt werden. Wenn es nicht funktioniert und Ihr Euch dann Sorgen um Mutter UND Hund machen müsst, ist ja auch niemandem geholfen. Wäre sie denn in der Lage, sich wirklich um ein Tier zu kümmern?

Du schreibst, dass sie Hilfsangebote ablehnt. Vielleicht wäre ihr, so wie Du sie beschreibst, mehr geholfen, wenn IHR SIE um Hilfe bitten würdet. Denn wenn Ihr Lebenssinn mehr im Geben als im Nehmen liegt, wäre sie vielleicht froh, helfen zu können?

Meine Mutter ist auch ein bißchen so, 71 Jahre alt und nimmt nur im Notfall Hilfe an, blüht aber so richtig auf, wenn jemand sie um etwas bittet...

Alles Gute für Deine Mutter!:blumengabe:

LG, Atis.

Atis
26.10.2006, 18:29
Mir ist da gerade noch ein Beispiel eingefallen.
Ich habe vor Jahren in der Altenpflege gearbeitet, und dort hatten wir eine Bewohnerin, die alle "Seniorenaktivitäten", die im Heim angeboten wurden, ablehnte, und die irgendwie immer deprimierter wurde.
Eines Tages bekam sie mit, dass wir (Pflegepersonal) einen superhektischen Tag hatten, und sie bot an, Geschirr zu spülen und die Teeküche sauberzumachen. Sie freute sich wie ein Schneekönig, als sie fertig war und wir ihr dankten; seitdem machte sie jeden Tag etwas Küchenarbeit und blühte richtig auf.
(Übrigens, die Heimleitung mäkelte dann an uns herum, :wie?:
die Bewohner seien doch nicht zum Arbeiten im Heim etc., etc., es dauerte ewig, bis die Leitung mal kapierte, dass die Bewohnerin das wirklich GERN machte und es ihr gut tat.)

Liebe Grüße, Atis.

effibiest
26.10.2006, 18:54
Ihr Lieben,
tja, das Gute liegt wohl so nah. Ihr habt bestimmt recht, wenn wir sie von dem wegbringen möchten, was ihr Energie gibt, dann ist das ja echt den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.
Sie hat vor ein paar Jahren mal ein Meerschweinchen gehabt, ok, damit kommt man zwar nicht unbedingt unter Menschen, aber man muss sich kümmern.
Die Nachbarn haben sie alle gern, wollen sich aber auch um sie kümmern, so geht es also nicht.

Wir werden mal an ein Haustierchen denken und das besprechen. Sie hat jetzt auch mal von einem Ehrenamt in einem Sozialcafe gesprochen, wovon sie in der Zeitung las.

Vielleicht denkt sie dann auch mal wieder an ihre Gesundheit. Sie bekommt auch seit einiger Zeit Anti-Depressiva verschrieben. Eigentlich braucht sie wirklich Gesellschaft und ein bisschen Leben um sich rum.

Für weitere Ideen bin ich dankbar, jedenfalls habt Ihr meinen Ansatz schon mal in dié richtige Richtung gedreht, und einen Versuch ist es allemal wert.

Danke, liebe Grüße
effi

Kaethli
26.10.2006, 19:09
Liebe Effi,

wenn ich Deinen Bericht lese muss ich sofort an meinen Vater denken.
Er ist zwar erst 60, aber ich bin mit ihm genauso ratlos wie du mit Deiner Mutter.
Die Umstände sind zwar etwas anders, aber im Endeffekt kommt das gleiche heraus: ein einsamer Mensch, der krank ist (aufgrund dessen in seiner Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt) und nichts mit sich anzufangen weiß.
Er wurde letztes Jahr aufgrund seiner Depression ein halbes Jahr lang in einer Klinik behandelt. Erfolge???
Ich habe meinem Vater schon lange die "Anschaffung" eines Haustiers empfohlen, z.b ein Hund. Hund weil menschenbezogen, man MUSS mit ihm rausgehn und zwangsläufig anderen Menschen begegnen etc.
Was macht er ? Er holt sich eine Katze, die mehr draussen als drinnen ist, die nur zum fressen kommt und sich mittlerweile auch kaum mehr streicheln lassen will.nix gegen katzen, ich liebe sie hab selber zwei, aber für ihn definitiv die falsche entscheidung.

tja, was soll ich sagen, bin selber in ähnlicher situation und weiß nicht mehr weiter.
Aber vielleicht kommen dir und mir hier ja ein paar neue gedanken zur lebensverschönerung unserer lieben.
deswegen: danke für das Thema.

liebe grüße
käthli

Atis
26.10.2006, 21:19
@Effi
Deine Mutter ist von selbst auf die Idee mit dem Ehrenamt gekommen - das ist doch schon mal super!!

@Effi und Kaethli
Das Ganze ist sicher auch ein Generationenproblem, die Menschen in diesem Alter (jedenfalls viele von ihnen) haben immer nur gearbeitet und geschuftet und keine Hobbys gehabt und wissen gar nicht so genau, wie man sich entspannt und etwas für sich tut.
Da ist es manchmal wirklich das Beste, sie um Hilfe zu bitten in einem Bereich, in dem sie etwas sehr gut können. Das kenne ich von meinen Eltern auch sehr gut (und denke mir dann, "Hallo?! Eigentlich sollte ich IHNEN helfen und nicht umgekehrt!"). Ich bitte nicht oft um etwas, wenn ich es aber mal tue, sehe ich oft, dass ich mir das schlechte Gewissen wegen der Bitte hätte sparen können, denn sie freuen sich, helfen zu können.

Liebe Grüße!

Atis.