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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : War etwas zu viel...



bonchauvi
06.10.2006, 11:02
Hallo,

ich habe das Bedürfnis Außenstehenden mal meine Situation zu schildern, weil ich mit meinen Kräften am Ende bin. Vielleicht kann mir jemand einen Rat geben.

Bis 2003 war ich ein echt glücklicher Mensch. Ich habe meinen langjährigen Freund geheiratet, mein Studium mit Bestnoten abgeschlossen und ich freute mich auf den nächsten Lebensabschnitt.

Aber es kam alles anders. Ich fand einfach keinen Job und schrieb eine Bewerbung nach der anderen. Nicht einmal kleine Jobs, da war ich angeblich überqualifiziert. Mir fiel die Decke auf den Kopf, zumal wir gerade in eine neue Stadt gezogen waren und mein Mann noch in der anderen Stadt arbeitete. Er kam nur am Wochenende nach Hause. Ich hatte noch keine neuen Freunde und hatte durch die Arbeitslosigkeit das Gefühl, wertlos zu sein.

Also beschlossen wir gemeinsam, erst einmal eine Familie zu gründen. Vielleicht würde man mich eher einstellen, wenn ich schon ein Kind hätte. Nach langem Probieren passierte nichts und man diagnostizierte bei mir einen Gehirntumor, der Hormone ausschüttet und so eine Schwangerschaft vorerst unmöglich macht. Das hat mich vollkommen aus der Bahn geworfen. Ich bekam Tabletten gegen meine hohen Werte, aber bereits nach einer Woche meinte mein Mann, ich solle mich nicht so aufregen, das Theam sei doch jetzt durch. Eine andere Äußerung: "Ich muss mir jetzt schon überlegen, wie es weitergeht, ich will auf jeden Fall eigene Kinder haben." Wumms...ich habe mich daraufhin getrennt.

Dann begann meine Ärzte-Odyssee...da habe ich mir Dinge anhören müssen, das war echt unglaublich. Manche Ärzte machen sich echt überhaupt keine Gedanken. Ich musste sehr viele Medikamente mit starken Nebenwirkungen schlucken, aber keines wirkte ausreichend, um meinen Tumor und die hohen Werte zu bekämpfen.

Ich bin körperlich und seelisch erschöpft und ausgelaugt. Dazu kommt, dass ich mich jetzt allein "durchbringen" muss. Ich habe zwar einen neuen Partner, aber ich muss trotzdem Geld verdienen. Ich habe mich selbständig gemacht, weil es anders nicht ging und da kann ich mich nicht einfach krank schreiben lasssen. Ich muss funktionieren und das ist wahnsinnig anstrengend.

Ende des Jahres werde ich nun operiert und habe schreckliche Angst davor. Es ist nicht gesagt, dass danach alles besser wird, aber das Risiko der OP ist immerhin geringer als weiterhin so viele starke Medikamente zu nehmen.

Ich will doch auch noch etwas vom Leben haben. Der Gedanke, vielleicht keine Kinder bekommen zu können, macht mich nach wie vor fertig.

Das war meine Situation mal in Kurzfassung...

Kekole
07.10.2006, 12:13
Liebe Bonchauvi,

möchte dir mein Mitgefühl aussprechen, deine Situation scheint derzeit nicht einfach zu sein.
Der Entschluss mit der OP ist sicher richtig, denn hierbei geht es um dein Leben. Die Nebenwirkungen der Medikamente beeinträchtigen dich, wie du schreibst.
Dein Ex hat sich ja mehr als sensibel erwiesen und ich freue mich, dass du einen neuen Partner gefunden hast, der dich begleitet.

Warum glaubst du, dass nach der OP sich nichts ändern würde?
Vielleicht schreibst du noch ein bisschen mehr dazu.

Erst mal soweit von mir.

Liebe Grüße
Kekole

Inaktiver User
07.10.2006, 17:50
[ QUOTE ]



Ich bin körperlich und seelisch erschöpft und ausgelaugt. Dazu kommt, dass ich mich jetzt allein "durchbringen" muss. Ich habe zwar einen neuen Partner, aber ich muss trotzdem Geld verdienen. Ich habe mich selbständig gemacht, weil es anders nicht ging und da kann ich mich nicht einfach krank schreiben lasssen. Ich muss funktionieren und das ist wahnsinnig anstrengend.

Ende des Jahres werde ich nun operiert und habe schreckliche Angst davor. Es ist nicht gesagt, dass danach alles besser wird, aber das Risiko der OP ist immerhin geringer als weiterhin so viele starke Medikamente zu nehmen.

Ich will doch auch noch etwas vom Leben haben. Der Gedanke, vielleicht keine Kinder bekommen zu können, macht mich nach wie vor fertig.

[QUOTE]
Liebe Bonchauvi, dein Posting hat mich sehr berührt. Krankheiten sind ein tiefer Einschnitt. Und du hattest so viel Pech mit deinem ersten Partner.
Die OP wird dir bestimmt schon helfen. Ich denke, dass es für dich ein anderes Gefühl wird, wenn du weniger Medikamente nehemn musst. Mach viel mit deinem Partner zusammen, lass dich durch ihn unterstützen, so viel es geht.
Du denkst, du musst funktionieren. Suche dir Auszeiten, in denen es du nicht musst. Kann dir dein Partner irgend etwas abnehmen?

Ich wünsche dir viel Kraft und drücke dich.
Annette

bonchauvi
08.10.2006, 09:35
Hallo Ihr beiden!

Vielen Dank für die lieben Worte. Das ist schon sehr tröstend zu hören, denn man kommt in so einer Situation auch oft gesagt, man würde sich in etwas hineinsteigern. Aus diesem Grund habe ich mich auch noch nicht mit einem Therapeuten auseinandergesetzt. Ich hätte Angst vor Äußerungen wie "Kommen Sie wieder, wenn Sie ein echtes Problem haben". Gut, das mag daran liegen, dass ich in Sachen Ärzte viel Negatives und Unsensibles gehört habe in letzter Zeit.

Ich glaube schon fest daran, dass sich mein Befinden nach der OP zunächst verbessern wird. Ich will mir keine Gedanken machen darüber, was alles schief gehen könnte. Das Problem ist einfach, dass 80% der Tumore wie ich einen habe, wieder wachsen. Der Chirurg meinte, er könne den Tumor auf Grund seiner Lage zu 90-95% sicher entfernen. Er würde ihn natürlich ganz entfernen, aber das würde vermutlich ein zu hohes Risiko darstellen. Es ist also wahrscheinlich, dass ich nach der OP meine Medis weiternehmen muss, wenn auch nicht so viel. Da taucht dann wieder die Kinderfrage auf. Der Tumor ist ein Prolaktinom, schüttet enorme Mengen Prolaktin aus und sitzt direkt an der Hypophyse. Und mit hohen Prolaktinwerten ist es bekanntlich schwer schwanger zu werden. Ich bin noch nicht so weit, an mögliche Alternativen zu denken. Für mich gehörten Kinder immer zu einem erfüllten Leben dazu. Und dass ich eventuell auch darauf verzichten muss, macht mich fertig.

Glücklicherweise sind jetzt bald Schulferien. Da meine Selbstständigkeit an die Ferien gebunden ist, kann ich mich dann also etwas entspannen, was vielleicht auch die Angst vor der OP, die kurz vor Weihnachten stattfinden wird, etwas lindern wird.

Viele liebe Grüße
bonchauvi

EvaFee
08.10.2006, 09:43
Vielen Dank für die lieben Worte. Das ist schon sehr tröstend zu hören, denn man kommt in so einer Situation auch oft gesagt, man würde sich in etwas hineinsteigern. Aus diesem Grund habe ich mich auch noch nicht mit einem Therapeuten auseinandergesetzt. Ich hätte Angst vor Äußerungen wie "Kommen Sie wieder, wenn Sie ein echtes Problem haben". Gut, das mag daran liegen, dass ich in Sachen Ärzte viel Negatives und Unsensibles gehört habe in letzter Zeit.



Das kann ich mir nicht vorstellen. Die ersten Male habe ich mich nach den Therapiesitzungen immer viel "normaler" gefühlt als vorher. Als ich dem Therapeuten dann irgendwann mal sagte, dass ich ja wohl ein ziemlich leichter Fall sei, schließlich könne ich noch voll arbeiten (wenn auch mehr schlecht als recht), habe keine Selbstmordgedanken etc ... da meinte er so in etwa: nein, mein Fall sei eher typisch für seine Klienten, denn Leute, die nicht mehr arbeiten können, würden eher stationär behandelt.

Ich kann Dir nur zu einer Therapie raten, denn so werden mir immer wieder positive Askepte aufgezeigt.

Alles Gute,
EvaFee.

Inaktiver User
08.10.2006, 09:52
Liebe Bonchauvi,

dein zweites Posting klingt nun nach meinem Eindruck ein ganz kleines bisschen besser als das erste. Wenn du magst, schreibe hier, wenn es dir schlecht geht oder du aufmunternde Worte brauchst. Ich kenne Situationen, in denen man oft sich selbst überlassen ist. Dann tun Worte auch von Außenstehenden gut.
Versuche in den Ferien etwas für dich zu tun, an dich zu denken.
Überlege doch schon einmal, was du machen willst - was dir gut tun würde, und lasse einfach mal deine Seele baumeln?
Vielleicht ein kleiner Ausflug, vielleicht einfach mal in ein Cafe gehen. Das habe ich gemacht, wann immer mir es schlecht ging.
Ich sitze dann gerne in einem Cafe und beobachte Menschen. Das lenkt ab. Dich vielleicht nur ein bisschen, aber immerhin.
Zu den Therapeuten: nicht alle sind so. Ich habe da auch gute Erfahrungen gemacht, aber es ist manchmal schwer, den richtigen zu finden und ein längerer Prozess.
Für mich ist der Gedanke an ein Kind auch wichtig. Aber ich denke, wir müssen versuchen, in uns selbst glücklich zu werden.
Das versuche ich. Schau mal, ich bin 38 und habe sehr spät meinen jetzigen Freund kennen gelernt. Es ist eine sehr ernste Beziehung, aber auch ich muss mir sagen, ich weiß nicht, wie es bei mir aussehen wird - mit dem Alter etc....
Da muss ich mir eben andere Möglichkeiten suchen, um glücklich zu werden. Auch wenn es schwer fällt.
Ich nehme mir jeden Tag etwas Positives für mich vor. Das hilft mir. Vielleicht versuchst du dir, kleine Freuden für dich zu bereiten.
Was mir, und vielleicht dir auch hilft: Wenn schönes Wetter ist, einfach das Gesicht in die Sonne halten und Glückshormone tanken. Das tut unheimlich gut.
Ich wünsche dir alles Gute und denke an dich.
Annette

Inaktiver User
08.10.2006, 09:54
PS Hast du einen Arzt, dem du vertraust? Dann frage ihn doch nach einem geeigneten Therapeuten für dich, oder schau doch mal in deiner Stadt nach ob es nicht so etwas wie eine Selbsthilfegruppe gibt. Meiner Meinung brauchst du begleitende Unterstützung. Ganz liebe Grüße Annette

bonchauvi
08.10.2006, 13:52
Liebe Annette, liebe Eva,

vielen Dank noch mal für den Zuspruch. Ich habe mir von meiner Gynäkologin, die meine Krankheit entdeckte, Adressen von Therapeuten geben lassen, aber habe mich noch nicht getraut da anzurufen. Ich werde das wohl doch in Angriff nehmen.

Annette, du hast Recht, mein zweites Posting klingt positiver. Meine Stimmung ist von Tag zu Tag völlig unterscheidlich. Manchmal bin ich ganz zuversichtlich und freue mich auf mein "neues" Leben nach der OP. Und an manchen Tagen habe ich das Gefühl gar nicht aus dem Bett zu kommen, bei jeder Kleinigkeit muss ich weinen und meine Angst macht mich fertig. Diese Gefühle werden sicher auch mit von meinen Medis ausgelöst, von denen ist bekannt, dass sie oft Depressionen auslösen.
Selbsthilfegruppen gibt es in meiner Nähe leider keine, dafür gibt es ein Forum im Internet, welches sich mit meiner Krankheit beschäftigt. Da mag ich allerdings nicht so gern posten, weil es dort vielen (teilweise nach misslungener OP) noch schlechter geht als mir und manchmal echte Horrorszenarios verbreitet werden. Das zieht mich dann noch mehr runter und ich male mir alles möglichen schrecklichen Dinge aus. Diejenigen, denen es gut geht, die posten meist nicht mehr in solchen Foren, oder?Deswegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es doch besser ist, sich mehr mit Außenstehenden auszutauschen, die vielleicht auch das Problem einer chronischen Erkrankung haben.

Meine Kraftquellen in meiner Situation sind meine Katzen, mein Hund, mein Beruf (obwohl der gleichzeitig kraftraubend ist, aber da ich mit Menschen arbeite, kommt auch sehr viel zurück), Bücher und mein Freund. Ich habe mir im Sommer ein Zimmer für mich allein eingerichtet, ich nenne es mein Traumzauberzimmer. Dort kann ich mich zurückziehen, lesen und schreiben, wenn ich wieder das Gefühl habe, ich kann nicht mehr.
Also, ich arbeite wirklich an mir und trotzdem verliere ich manchmal die Geduld.

Viele liebe Grüße
bonchauvi