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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : krebs, 2 männer, trennung und jetzt?



livvy
02.10.2006, 19:12
Liebe Bricom!

Habe die letzten Jahre oft hier gelesen - jetzt traue ich mich mal etwas zu schreiben.

Ich bin seit 12 Jahren verheiratet (kennen uns seit 17 Jahren), haben 2 Kinder im Schulalter. Das erste Kind war nicht geplant - wir waren beide noch/schon wieder in Ausbildung.
Haben diese äußerlichen Hürden ganz gut hinbekommen. Im Organisieren waren wir beide immer gut.

Schon bald fing er an wegen allem und jedem an mir rumzunörgeln. Was ich alles nicht gemacht habe, was ich alles gemacht habe. Wie ich etwas gemacht habe, usw. Er ist ein ausgesprochen launischer Mensch und es gab Ärger wirklich wegen allem. Ich muß dazu sagen, daß mein Mann viel arbeitet und sich um die Finanzen kümmert. Sonst um nichts. Auto, Haus, Freunde, Kinder, Haushalt - das sind alles meine Parts. Reifen wechseln, Rasen mähen, Urlaube planen, packen, Kinder ins Bett bringen,Umzug alleine managen...to be continued. Das wäre weiter kein Problem, wenn nicht bei allem was ich tat ein Verbesserungsvorschlag nachgereicht werden würde. Im Nachhinein reiner Psychoterror. Ich bin nun aber nicht das kleine Hascherl, wie man jetzt meinen könnte (würde für mich zumindest so klingen, wenn ich es lesen würde..:knatsch: ) und habe mich gewehrt und geredet. Das wäre mein Problem - so seine Antwort. Habe über die Jahre viel Energie verbraucht um über sein Verhalten nachzudenken und mich, vor allen Dingen, nicht zu sehr runterziehen zu lassen. Hat nicht so viel genützt, ich bin dann in eine Depression gestürzt, aus der ich mich aber tatsächlich wieder alleine rausgezogen habe. Er hat das noch nicht mal gemerkt. Nichtsdestotrotz habe ich sehr viel von meiner Lebensfreude, Freude an kleinen Dingen des Lebens, an Hobbies,Interesse an Menschen verloren. Ich bin ein Mensch, den viele Menschen einfach gern haben, ich strahle eine gewisse Stärke und Lebensfreude aus (jaja, immer noch..:smirksmile: ) und es konnte keiner verstehen, wieso ich diesen Griesgram nicht einfach stehen lasse. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Habe dann vor einigen Jahre meine Krebsdiagnose bekommen und auch da war ich wieder allein. Er hat ein paar völlig lieblose Kommentare abgegeben. Ich habe dann für mich gekämpft und einige Zeit später einfach aufgegeben. Seitdem wucherte der Tumor vor sich hin. Es war mir egal, ob ich sterben würde. Er hat alle Monate mal kurz nachgefragt, ob ich denn jetzt endlich was tun würde. Sonst kam nichts. Im Nachhinein würde ich meine Reaktion so interpretieren: Ich wollte, verdammt noch mal, daß er sich um mich kümmert und mich liebt. Wie ein trotziges Kind.

Vor ca. einem Jahr habe ich wieder angefangen, meinem Lieblingshobby nachzugehen. Das bedingt, daß ich ein paar Wochenenden im Jahr wegfahre. Ich habe viele neue, nette Menschen kennengelernt. Hab mich unheimlich auf diese paar Tage gefreut. Und einen Mann kennengelernt. Das erstemal, daß ich mir vorstellen konnte fremd zu gehen. Er ist ein unheimlich emotionaler Mensch - genau daß, was mir gefehlt hat. Ich habe wieder mehr Lebensmut bekommen und, quasi durch ihn, den Kampf mit meinem Krebs wieder aufgenommen. Ich habe zwischendurch mal meinen Mann gefragt, ob er denn nicht mal das Gefühl hätte, mir helfen zu können oder mich irgendwie unterstützen möchte?? Er meinte nur: Nein, daß mußt du selber machen und entscheiden und überlegen.Ich kann dann schon die Kinder nehmen...

Zu dem Zeitpunkt wußte ich: Ich kämpfe und ich zieh endlich aus. Ich will den kläglichen Rest meines Lebens sicher nicht so weiter leben. Ich war dann vier Wochen in Behandlung. Mein Mann hat so lange die Kinder gewuppt und den Haushalt und noch gearbeitet nebenher.

Als ich wieder zurück war, hat er mich gefragt, wie es weiter geht. Ich habe ihm erzählt, daß ich baldmöglichst mit den Kindern ausziehe.
Er war am Boden zerstört, hat sich sowas aber schon gedacht. Und mich innigst gebeten, ihm noch eine Chance zu geben. Er sieht ein, daß er am Scheitern der Ehe den Hauptanteil hat, er möchte sich vollkommen ändern, sieht jetzt, daß es nicht so einfach und banal ist, sich um Kind und Kegel zu kümmern. Möchte positiv denken, sich nicht an Belanglosigkeiten reiben, merkt jetzt, was wirklich wichtig ist. Er liebt mich.

Danach konnte/ mußte ich nach langer, langer Zeit unheimlich weinen - um all die verlorenen Jahre, um meine Zeit. Viel bleibt mir ja vielleicht nicht mehr. Wir hätten so ein gutes Team sein können mit unseren verschiedenen Stärken und Schwächen.

Seit diesem Gespräch können wir auch seit langer, langer Zeit wieder wie zwei normale Menschen miteinander reden. Jeder kann plötzlich seine Gedanken, seine Gefühle offen erzählen. Alles wird besprochen. Wir uns früher hauptsächlich angegiftet, jeder war zu sehr verletzt um normal zu reden.
Es ist plötzlich möglich, harmonisch in einem Haus zu leben. In den Urlaub zu fahren. Ohne Nörgeleien, ohne Vorwürfe. Ich genieße das sehr. Es ist endlich mal normal. Aber: Ich liebe ihn nicht mehr. Habe mich vollkommen gelöst. Sonst hätte ich die Trennung nicht geschafft. Er ist wie ausgewechselt. Fröhlich, liebevoll, verständnisvoll, fürsorglich,...wenn mal nicht, dann reden wir darüber.

Auf der anderen Seite mein Lebensretter: Ich habe von Anfang an klar gestellt, daß ein Zusammenleben mit irgendjemand außer meinen Kindern nicht mehr in Frage kommt. Ich keine weiteren Kinder mehr möchte (geht ja auch nicht wegen krebs..), ich nicht umziehen werde wegen der Kinder (er wohnt weiter weg) und ich eigentlich keine feste Beziehung mehr möchte.

Er, wie gesagt, sehr emotional, will mit mir und den Kindern zusammenleben. Würde dafür auch sofort umziehen. Seinen Job wechseln, etc.

Jetzt steh ich da. Zwei Menschen, beide in der Warteschleife, abhängig von meiner Entscheidung. Und zwischendrin sollte ich mich noch um meine Gesundung kümmern. Es tut mir leid, daß ich noch einen Menschen mit hineingezogen habe in dieses Schlamassel. Es ist alles so wirr - ich komme mir manchmal vor, wie in einem schlechten Film.Mein Mann weiß nichts vom Nebenmann. Fühle mich aber momentan außerstande ihn in Kenntnis zu setzen.

Ich weiß, daß ich mich selber entscheiden muß - irgendwann. Und ich weiß auch nicht genau, was ich jetzt von Euch erwarte oder warum ich dieses hier geschrieben habe.

Aber vielleicht kann mir der ein oder andere Input geben oder hat selber schon ähnliches erlebt. Meine Freunde/Freundinnen sind da ja etwas betriebsblind...:smile:

Liebe Grüße
livvy

schneeflocke46
02.10.2006, 21:39
Liebe livvy,

was du von uns hören willst, ist vielleicht einfach eine Unterstützung deiner inneren Stimme, die "eigentlich" schon genau weiß, was du wirklich willst.

So, wie ich deine Geschichte lese, hast du dich wirklich gefühlsmäßig von deinem Mann gelöst und all die Gründe, die du anführst, mit ihm zusammen zu bleiben, sind "vernünftige" Natur, denn nun ist er so zu dir, wie du es dir immer gewünscht hast ... und er ist dein Mann ... und er ist der Vater deiner Kinder ....

Lass dich von deinem Herzen führen, nicht von deinem Kopf.

Denn auch die Gesundheit kommt aus dem Herzen und nicht aus dem Kopf.

Wenn du den Anderen liebst über das Gefühl der Dankbarkeit hinaus (du nennst ihn deinen Lebensretter), dann mach, wozu dein Herz dich drängt ...

Liebe Grüße,
Schneeflocke

Pragma03
02.10.2006, 23:24
Liebste Livvy,

deine Geschichte hat mich sehr berührt und ich kann verstehen, dass du in einer absoluten Zwickmühle steckst :-((

Könntest du dir vorstellen, dass die Gefühle, die du für deinen Mann mal hattest, wiederbeleben könntest. Wenn ihr viel miteinander macht und aktiv seid, dann bin ich sicher, dass wieder eine Annäherung (auch gefühlsmäßig) stattfindet. Aber ihr solltet euch Zeit für euch nehmen - ohne Kinder. Wie wäre es, wenn ihr einen Tag pro Woche für euch Beide reserviert?

Manchmal begegnen wir Menschen, die uns helfen entweder aus einer Beziehung zu gehen oder aber auch, diese Beziehung wieder zu festigen. Wenn dein Mann wirklich eine Verhaltensänderung gemacht hat und diese anhält, dann würde ich auf alle Fälle versuchen, die Beziehung zu festigen. Auch, da er der leibliche Vater deiner Kinder ist.

Der zweite Mann hat dir in dem Moment genau das gegeben, was du gebraucht hast. Aber wie sieht das Zusammenleben mit ihm und den Kindern aus? Wie kommt er mit 2 Kindern klar, die nicht von ihm sind? Das sind alles Fragen, die du im Vorfeld für dich klären musst. Einfach nur dem HERZEN zu folgen ist nicht immer der idealste Wege, vor allem, wenn man noch für Dritte verantwortlich ist.

Gib dir Zeit !!!! Überstürze nichts. Vielleicht hat dein Mann diesen Hammerschlag wirklich gebraucht, um zu erkennen, was er an dir und seiner Familie hat, wer weiß!! Ich an deiner Stelle würde wirklich um die Beziehung kämpfen. Du hast die Kraft dazu ... du bist stark ...

Wünsche die alles, alles Liebe und ich drück dir die Daumen, dass du die RICHTIGE Entscheidung fällst :lachen:.

Drück dich - pragma03