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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Momentaufnahmen



Inaktiver User
26.08.2006, 21:11
...die erfahrene....

Die Camargue. Land weißen Pferde und schwarzer Stiere, Flamingos, Sümpfe und Stechfliegen, einmalig der schwarze Reis, Lavendelfelder. Zeitloses Land, wild, sanft, urwüchsig und atemberaubend. Vital und gemächlich in einem, Schnittstelle zwischen Occident und Orient.

Ich lehne an der Verandabrüstung eines Hotels im Rhonedelta. Es weht auflandiger, warmer Meerwind. Die Luft riecht salzig und würzig, brennt ein wenig auf der Zunge. Es ist leise und ruhig, unfaßbarer Kontrast zu der grellen, hektischen, lauten Betriebsamkeit zuhause. Das erste Mal seit vielen Monaten bin ich entspannt und gelöst, keine vibrierenden Nerven, keine Ansprüche, keine Pflichten. Nichts.

Die Veranda stelzt zwei Meter ins Brackwasser hinaus, es wimmelt von silbrigen Fischen, Insekten und Wasserläufern. Sie flüchten voreinander im Schilf, verstecken sich, jagen sich. Ein Frosch springt von seinem Ruheplatz auf einer Wasserpflanze. Das ruhige Wasser kräuselt sich, ein langgestreckter schwarzer Schatten schießt aus dem Dunkel. Eine silbrige Seitenlinie blitzt auf, das reißende Raubfischgebiß schließt sich um den Frosch. Aus. Im Augenwinkel sehe ich, wie ein Kormoran seinen Sturzflug abbricht. Er hatte dasselbe Ziel wie der Raubfisch. Dem Frosch wird es egal sein, dem Kormoran nicht. Unbeweglich sehe ich dem bunten Treiben zu, inhaliere den herben Rauch einer Gauloises. Dieses belebende Gift wird mich irgendwann töten. Davon ablassen -wie von so vielem anderen- mag ich aber nicht.

Jetzt setze ich mich an den roh gezimmerten Holztisch, meine Finger wandeln Gedanken in den Laptop, denn sie liest gerne, sie liebt es Protagonistin in all den Geschichten zu sein. Sie? Steht unter der Dusche, hinter mir im Zimmer und wäscht den Tagesstaub ab. Ich muß lächeln: So unbekümmert und frech wie sie als Entdeckerin, als Abenteurerin vorwärtsstürmt, so ernsthaft, bedacht und sorgfältig geht sie mit ihrem Körper um. Diesem herrlichen, wohlgeformten Körper, von dem ich nicht lassen kann. Ein gereifter Körper, fast ein halbes Jahrhundert alt und dennoch -oder gerade deswegen?- begehrenswert. Mit Ecken und Kanten, Narben, Dellen. Weich und hart zugleich erzählt er viele Geschichten. Ich lese diese Geschichten, jedes Kapitel, jeden Absatz gerne.

Ich lasse bald ab von der Tastatur, lege den Kopf in den Nacken und stelle mir hinter geschlossenen Augen vor, was sie jetzt macht. Ich weiß wie sich ihr Mund konzentriert -fast verbissen- kräuselt, wenn sie an einem Schmutzfleck rubbelt. Über der kleinen, spitzen Nase entsteht ihre Ärgerfalte...sie hat ein graues Haar entdeckt, den Erzfeind des Weibes. Mit leisem, aber keineswegs undramatischem Seufzen reißt sie es aus. Mißtrauisch geworden neigt sie leicht den Kopf nach vorne, mit schielendem Blick zwirbelt und durchkämmt sie mit den Fingerspitzen jede erreichbare Haarsträhne vor ihrem Gesicht. Ob sie weiß, daß mich ein graues Haar nicht stört? Sie weiß es, ich nannte sie schon immer liebevoll "Silberrückenweibchen". Bei Gorillas ist es ebenso: Nur die älteren und ranghöchsten sind silbrig behaart, es ist ein Qualitätsmerkmal.

Mit dem Ergebnis zufrieden dreht sie das Wasser so heiß wie möglich, richtet den harten Strahl abschließend überall hin, selbst die geheimen, verborgenen Winkel werden ausgiebig benetzt. Ihre freie Hand hilft dazu, gleitet und massiert. Sie hüpft wie ein kleiner Kobold von einem Bein aufs andere, das Wasser wird unerträglich heiß, dennoch genießt sie die belebende, entspannende Hitze so lange sie es ertragen kann.

Das Wasserrauschen verebbt, ich höre leises, knisterndes Handtuchrubbeln, sie summt "Groovin...", wackelt bestimmt mit dem Hintern den Takt. Ihrem überaus geräumigen Reisenecessaire, einem Arsenal an Gels, Tinkturen, Sälbchen, Duftwassern und Elixieren entnimmt sie die Waffen einer Frau. Geheimnisvolle Rezepturen, wohlriechende Schmeicheleien vom Gegenwert eines Gebrauchtwagens. Sie wird eine halbe Stunde brauchen -mindestens- bis alles so ist wie es sein soll: Ein wohlgeschnürtes Geschenk.

Ich nicke immer wieder ein, milde Strahlen der untergehenden Sonne, Ruhe und Vertrautheit tun ihr übriges. Diesen Zustand liebe ich, Grauzone zwischen Schlaf und Wachheit, Dämmerzustand sanfter, blasser Sinneseindrücke. Jetzt erlebe ich nochmal eine Stunde des Vormittages: auf einer weit ins Meer gebauten Mole, den Seewind im Gesicht sehe ich ihr zu. Sie liegt auf den Steinen, ihre Lippen murmeln leise, gurrende, anfeuernde Laute, während meine Hand....das Bild wandelt sich, nackte Füße im warmen Sand, ihr dünnes Sommerkleid angegossen wie eine zweite Haut. Küsse, grüne Augenblicke reflektieren in blauen Augenblicken. Die Zeit steht still. Ihre Hände sind in meinem Nacken verschränkt, ich beuge mich nicht nach vorne, so muß sie sich umso enger an mich schmiegen.
"Du lächelst, an wen hast du gedacht?" ich brauche einige Sekunden um aufzutauchen, schüttle mit verlegenem Grinsen die Benommenheit aus meinem Kopf. Sie reicht mir ein Glas kalten Wassers, am Rand brombeerfarbener Lippenstift. Ihr weißer Bademantel klafft auf, sie weiß was sie tut, nein...sie weiß, was sie läßt. Ein flüchtiger Kuß nur, feuchte Haarsträhnen lugen unter dem Handtuchturban hervor und kitzeln mich. Sie sieht mich an, der Schalk in ihren Augen spricht Bände. Sie geht zurück ins Zimmer, wirft sich bäuchlings auf das Futonbett, strampelt mit den Beinen. Ich sehe ihr zu, der weiße Bademantel, hellbraune Beine kontrastieren mit dem fliederfarbenen Bettzeug im angenehmen Halbdunkel des Zimmers. Das zappeln hört auf, sie bewegt sich jetzt wie ein e Schlange, ohne vorwärtszukommen. Ihre Körpermitte, das Becken, vollführt kreisende, rotierende Bewegungen. Ich weiß, was kommen wird, drehe mich um und zünde eine letzte Zigarette an. Ich rauche langsam, nichts drängt. Ich sehe wieder die lebendige, vitale Szenerie der Rhone vor mir und freue mich auf das, was sich hinter mir anbahnt. Minuten vergehen, dann ein leiser Ruf aus dem Zimmer: "Schau her".

Sie kniet auf dem Bett, den Po hochgestreckt und mir zugewandt. Mit einer Hand stützt sie sich auf das Bett, die andere Hand ist zwischen ihren Beinen, versinkt im schwarzen Dickicht, kreist. Die üppige Behaarung quillt zwischen ihren Fingern hervor. Sie teilt mit zweien das feuchtglitzernde, rosa Tal und öffnet sich schamlos.

Ich schnippe die Zigarette ins Wasser.


Camargue, St. Marie de la Mer. Wir waren danach noch vier Jahre zusammen.

Ich möchte gerne -je nachdem wie die Zeit es erlaubt- weitere Momentaufnahmen niederschreiben. Vielleicht darüber, als ich die erste Liebeserklärung bekam, vor vielen vielen Jahren? Das war schön, die erste Liebe, das erste Mal Sex. Ich war monatelang komplett von Sinnen.

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Weil es in der Geschichte vorkommt, ein Gedanke: Was mich Wunder nimmt, ist diese Diskrepanz: "Die Frauen" widmen viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit ihrer Frisur. Die Zeitschriften sind voll der Vorschläge wie frisiert werden soll und wie nicht, alleine der Werbeetat für Haarpflegeprodukte verschlingt Abermillionen. Was auch passiert, egal ob Geburt, Autounfall, Entführung oder profaner Regenguß: Der erste Griff, der sofortige prüfende Blick nach überstandener Unbill gilt den Haaren.
Und im Forum lese ich die beinahe entsetzten Aufschreie, wenn es um Haare im "Intimbereich" geht. Seltsam, erstens präsentiert "Frau" diesen Intimbereich naturgemäß nicht jedermann (was ich bedauerlich finde), sodaß sich auch niemand daran stören dürfte, zweitens: Es ist blanke Ödnis, immer gleich, kein Raum für Überraschungen, jungmädchenhafte Langeweile. Eine wie die andere, Individualität geht verloren, ich verliere zunehmend die Lust an offen zur Schau gestellten anatomischen Details. Was ich dazu auch lese, ich verstehe bis heute nicht den Sinn der Totalrasur. Ist es eklig? Unpraktisch? Kaum. Es scheint...ein Diktat zu sein, nichts weiter.

Inaktiver User
26.08.2006, 21:49
Schöner Schreibstil, gefällt mir.
Und ansonsten: Zustimmung.

Inaktiver User
27.08.2006, 08:58
Immer gleich? Wohl kaum (behaart oder nicht)!

Katie66
27.08.2006, 10:14
wow, tolle Geschichte, toller Stil, hat mich irre gefesselt.

und zur Rasur, naja jede nach ihrem Geschmak, ich mag die Totalrasur auch nicht.

Inaktiver User
29.08.2006, 01:02
....die Dozentin.....

Wir haben vier Monate aufeinander gewartet, was nicht passieren dürfte wird Realität. Eine unsichtbare Grenze ist überschritten, befeuert von Leidenschaft, Gleichklang, Neugier und Dummheit. Ich weiß von ihrem Mann, sie weiß alles von mir, wir beide sind gefangen...zu zweit alleine. Ausgehungert, gierig nach Gesprächen, Vertrautheit und Wärme.

Uns trennen Welten, ihr Stil ist anders als meiner -eigentlich habe ich gar keinen-, gereift, konserativ und elegant. Sie liebt klassische Musik, Bergsteigen, Sport, Dinge die mich binnen kurzer Zeit töten würden. Eine Zukunft gäbe es für uns nicht. Dennoch: Es spielt keine Rolle, wir sind Plus- und Minuspol, zwei Magneten die sich langsam zueinander drehen, schließlich mit heftigem, metallischem klicken aneinanderhaften und nicht mehr trennen. So hat sie es erklärt, ganz Physikerin. Doch genug davon....

Hand in Hand durch die Innenstadt, die Rose hält sie zwischen feingliedrigen Fingern. Immer wieder bleiben wir stehen, ihr Kopf in meinen Händen, wir küssen uns minutenlang. Zuerst fast jungfräulich und scheu, später verlangend und innig. Die Welt um uns wird still, ausgeblendet, es gibt nur sie und mich. Meine Zunge findet irgendwann den Weg zwischen ihre Lippen, immer tiefer in sie hinein, ich erkunde sie...sie kennt es nicht, Neuland. Sie lernt schnell und gierig. Zögerlich die ersten Berührungen, sie ist fragil wie ein Vogel, schutzlos und verletzlich. Ich wage kaum sie fest anzupacken, die schmale Taille, schlanke Hüften, graziler Nacken...eine Puppe. Später werde ich es besser wissen, werde merken wie zäh und kraftvoll sie wirklich ist.

Sie erzählt von sich -Dinge die ich schon kenne, aber auch Neues- über ihr Leben, Arbeit, ihre Studenten. Manches vermeidet sie, es ist besser so, gehört nicht in unsere Welt. Ich höre gerne zu, immer öfter bleiben wir stehen. Dann drehe ich sie zu mir, nehme ihr Kinn in meine Hand, lege den Zeigefinger auf ihre Lippen. "Schhhhh..." sehe hinunter in die graugrünen Augen, tauche in ihren Blick. Sie sieht mich an -überrumpelt und deshalb umso wahrhaftiger- und ich weiß, wie Liebe aussieht: Ein unglaubliches Leuchten. Ich kann es leider nicht angemessen beschreiben.

Sanftes, genußvolles herantasten wandelt sich in fordernde Neugier. Wie fühlt sie sich an?, aus verschämtem streicheln werden feste Griffe, prüfend, wägend...bestimmend. Ich zeichne den Weg vor, sie will nicht zurückstehen und holt ihren Anteil. Kleine Hügel passen leicht in meine Hand, ich erahne die frechen, neugierigen Spitzen. Die Hüften fest, rund, atemberaubend. Hochhackiges an ihren Füßen, darum ist Spannung in den Beinen, ich stelle mir vor ihre Kniekehlen auf meinen Schultern zu haben. Wir lassen ab voneinander, schöpfen Atem. Blut rauscht in den Ohren, Schußfahrt der Sinne, ein Cocktail aus Hormonen, Überschwang und Gier. Sie spürt mich, eine flache Hand schlüpft zwischen uns, tastet an mir. Sie atmet angestrengter, ihre Augen hinter der randlosen, eleganten Brille sind hauchdünn verschleiert. Ab jetzt ist vorbestimmt, was irgendwann geschehen wird.

Unser Weg streift ein Straßencafe, junge Leute versteckt hinter Sonnenbrillen. Frauen mustern uns, verächtlich und trotzdem unsicher, es arbeitet in ihren Köpfen, getuschel und scheele Blicke. Eine mustert konzentriert ihre Kaffeetasse, sie hat darin etwas außergewöhnliches entdeckt. Dennoch huscht ihr Blick zu uns, ich schenke ihr ein grinsen; ertappt entziffert sie mit gerunzelter Stirn weiter Kaffeesatz. Die jungen Männer denken anderes, schmutziges, auch Unverständnis, mancher wünscht sich vielleicht an meiner Statt. Das gefällt mir und meiner Eitelkeit. Kurz spiele ich mit dem interessanten Gedanken eindeutige, obszöne Gesten zu vollführen um zu sehen was passiert.

Wir gehen umschlungen einige Meter, wieder bleibe ich stehen, drehe sie mit dem Rücken zum Cafe. "Was ist, wenn einer deiner Studenten dort sitzt?" "Dann...lernt er jetzt etwas sinnvolles.." Unsinn natürlich, sie lehrt nicht in dieser Stadt. Sie reckt sich, Arme um meinen Nacken, mit einer Hand wuschle ich ihr feines Haar, die andere umfaßt eine Hinterbacke. Unmerklich und vorsichtig weiter am Bein hinab bis unter den Rocksaum, darunter knisternd schwarze Sündenseide, zu meiner Freude halterlos. Mit den Fingern zwischen Saum und Haut schlüpfen sind eines, ich spüre knubblige Gänsehaut, feinsten Flaum, darunter angespannte Muskeln. Mit Küssen bedeckt merkt sie nicht, wie ich den Rock zentimeterweise anhebe bis zwischen Saum und Strümpfen ein Streifen Haut sichtbar wird. Der Kontrast dreier Farben zieht Blicke auf sich.

Irgendwo im ausklingenden vorigen Jahrtausend. Wir haben nach wie vor ein, zweimal pro Monat Mailkontakt. Sie klettert heute noch -Mitte 50- auf 4000er.

(Ich finde, diese Geschichte ist ziemlich mißraten. Hoffentlich ist es mir gelungen, wenigstens das deutlich...wie sagt man so schön..."herauszukommunizieren".)

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Dieses winzige retrospektive Hors d`ouevre einer noch folgenden Trilogie war für sich betrachtet in seiner Qualität -und der erlesenen Gefühle welche da herrschten- wahrlich exquisit. Daß es zur Nachahmung empfohlen ist -der mittelmäßig aufmerksame Leser wird verstehen was ich meine- würde ich jetzt, an Jahren älter und Erfahrungen reicher, verneinen wollen. Fakt ist: Mehr oder weniger merklich werden durch fremdgehen Weichen gestellt, sodaß der Lebensfahrplan gehörig durcheinander geraten wird. Allzu leicht wird es zur Schußfahrt aus der Kurve, unbeteiligte werden überrollt und weil Murphy auch mitfährt, reißt sicherlich das Notbremsseil. Man denke immer daran: Mit "sowas" verrät man nicht nur den Partner, sondern auch sich selbst. Und überdies ists fies.

B.Scheuert

Inaktiver User
30.08.2006, 01:06
....die zerrissene.....

Der schwere Mercedes frißt in großen Happen die Autobahn in sich hinein. Durch die offenen Fenster frisiert uns der warme, fast heiße Augustnachtwind. Würziger Duft eines frischgemähten Heufeldes fliegt vorbei, die geschnitterten bunten Sommerblumen hauchen letzte Farbe und Geruch aus. Einmal streifen wir Wetterleuchten, stummes Gewitter; nur noch eine Kamera wäre nötig und es gäbe einen Pilcher-Film. Ich habe den Kopf in eine Hand gestützt und versuche meine Gedanken und Instinkte in Einklang zu bekommen oder wenigstens zu ordnen.

Sie sitzt neben mir, legt immer wieder eine Hand auf meinen Oberschenkel, unsere Hände finden sich. Ich spüre etwas, dunkel und verwirrend. Sie sieht aus dem Fenster, beiläufig verstelle ich den Innenspiegel um ihr zuzusehen. Reflexionen vorbeihuschender Lichter auf ihrer Brille, ich glaube mehrmals Lichtblitze auf Tränenfeuchte zu sehen. Wir reden nichts, in Mund und Hirn stehen hundert Fragezeichen Schlange. Was sonst kein Problem ist, ist heute unaussprechlich. Es herrscht ohrenbetäubende Stille.

Seltsam. Der Tag auf dem Afrika-Festival war schön, bunt, fröhliche Menschen, sie wiegte sich im Takt der Musik, feilschte mit einem Araber in dessen Sprache. Resultat: Eine wunderschöne, günstige Shisha samt Ingredienzen und ein ruinierter Händler. Am Abend dann eine marokkanische Weise, Stimmungsumschwung, "Laß uns fahren". Nervosität, vermiedene Blicke, abgewehrte Berührungen.

Nur noch wenige Meter, ich parke ein, sie flüchtet sich in die Geborgenheit ihrer Wohnung. Beinahe möchte ich nicht mit hinein, mir ist als ob sie eine magische Glyphe zwischen den Türzargen gewoben hätte, etwas was mich draußen halten soll. Dennoch wage ich es nach einiger Zeit und bin überrascht:
Halbdunkel, tanzende Kerzenflammen, Räucherstäbchen, Cornershop spielt mein Lieblingslied "We`re in Yr Corner", dieses Gebilde aus indischen und englischen Schachtelsätzen, linguistisches Parfait. Sie liegt auf dem dicken, weißen Fell, nackt bis auf den Slip, ihr Kopf unter der Achsel geborgen. Ich gehe zu ihr in die Hocke, berühre sie sacht an der Schulter. Zusammenzucken wie von einem Hieb, vor Schreck taumele ich rückwärts. "Was ist los? Um Himmels willen, sprich endlich mit mir!" ich durchforste meine Erinnerung nach einem falschen Wort, reiße sämtliche Gedächtnisschubladen auf ob ich etwas finde, eine Spur, irgendetwas. Da ist nichts.

"Hilf mir."

Ich kenne diese Worte, manchmal springt die Vergangenheit aus einer Ecke wie ein geiferndes, häßliches Raubtier. Narbenbedeckte Vergangenheit, durchquälte Jahre, dunkle schreiende Träume. Wäre er hier, jetzt, in diesem Moment, würde ich mit Zins und Zineszins seine Rechnung begleichen. Er ist nicht hier, natürlich nicht. Er würde es nicht wagen. Und trotzdem ist er hier, tausend Kilometer weit reichen seine Hände. Seine Finger tasten in ihrem Kopf, quetschen und pressen ihr Herz, malträtieren ihre Gedanken. Nicht mehr so oft wie früher, nur manchmal noch geschieht es. Dann sagt sie "Hilf mir". Jetzt weiß ich, was ich tun kann. Was ich noch nicht weiß, ist: Diesmal ist alles anders. Mein Würfel hat seit Wochen auf jeder Seite nur Einsen.

Ich gehe ins Bad, das Fläschchen Lancome Orange steht da wo es immer steht. Der Orangenduft belebt nicht nur, er vertreibt auch Düsternis. Wieder bei ihr knie ich mich neben sie, sie hat sich keinen Millimeter bewegt. Sanfte, feine Tropfen ziehen eine Spur vom Nacken über das Rückgrat zum Po, entlang der Beine und zurück. Trotz aller Vorsicht zuckt sie zusammen, überreizt. Ein Gutteil des Öls auf meine Hände, ich reibe sie schnell aneinander. Die Wärme mindert das frösteln. Sachte lege ich die Hände auf ihre Schultern, lasse sie dort ruhen. Es ist so, als ob man eine volle Batterie mit einer leeren verbindet; ein Spannungsausgleich. Dann -nach Zeiten- sanftes pressen und kneten, ich lasse die Hände wandern, manchmal streichend, manchmal nur die Fingerspitzen, gelegentlich Handballen. Es gibt so vieles an Varianten. Daumenknubbeln auf Rückenwirbeln, die Stränge des Kapuzenmuskels, hart und klar definiert....ich lese sie mit meinen Händen, gebe ihr was möglich ist und nehme von ihr was ich kann. Sie wird ruhiger und entspannt, ihr Atem geht gleichmäßig, fast eine Stunde dauert es. Dann , am unteren Scheitelpunkt, wendet sich alles. Sie wird lebhaft, beginnt sich irgendwann zu winden, erst unmerklich, später unmißverständlich. Was folgte, war schön wie immer aber auch befremdlich und seltsam, beschreiben will ich es nicht.


Wir haben uns auf ihren Wunsch nie wiedergesehen.
Ich weiß von einer gemeinsamen Freundin was der Grund war. Eigentlich waren es zwei Gründe: Ich war schon nicht mehr ihr einziger Partner. Und als ob das nicht genug wäre, ist "er" -ein Mann aus schlimmen vergangenen Tagen- wieder in ihr Leben getreten. Wenn Zahltag ist, dann wird mit vollen Händen und bündelweise ausgezahlt. Diese Geschichte hat sicherlich nur ganz wenig mit Erotik zu tun und ist wohl auch etwas düster, aber: Es gibt leider auch solche "Momentaufnahmen".

Meatloaf
29.09.2006, 23:04
Ich hoffe, Du schreibst irgendwann mal weiter! :kuss:

Inaktiver User
29.09.2006, 23:34
@b.scheuert
ich lese mich hier fest.
ganz ungesund, denn das wochenende ist in sicht.:heul:

schreib bitte weiter.
:lachen:

:blumengabe: