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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Mein Opa stirbt - und es ist mir "egal"



Suseki
22.08.2006, 09:50
Im Moment ist irgenwie alles konfus in meinem Kopf.

Vor einigen Jahren hatte mein Opa (jetzt 84) Prostatakrebs, habe erst vor kurzem davon erfahren, weil meine Eltern und Großeltern nicht über "so etwas" mit "Kindern" sprechen.
Jedenfalls sind vor ca. 2 Monaten Metastasen entdeckt worden, im Knochen von Oberschenkel und Rücken. Vor 3 Wochen fing er eine ambulante Chemotherapie an.

Gestern rief mich meine Mutter an und sagte mir, dass es ihm das ganze WE schlecht ging, Durchfall, Erbrechen und die Chemo abgebrochen wird. Sein Arzt (irgendwie verwandt/bekannt mit meinen Eltern) sagte, es ginge zu Ende.

Aber ich fühle nichts!

Dazu kommt, dass mein Mann seit April nicht zuhause ist, er segelt Regatten auf dem frz. Atlantik, im Moment ist er auf dem Rückweg von den Azoren, ich fahre morgen nach Les sables d'Olonne (Ziel) um ihn zu empfangen, darauf freue ich mich wie blöd, weil wir uns selten gesehen haben, und auch im letzten Monat nur kurz telefoniert haben, als er ein paar Tage Aufenthalt auf den Azoren hatte.

Er weiß, dass mein Opa Krebs hat, aber als ich das letzte mal mit ihm gesprochen hab, ging es ihm ja noch gut.

Meine Mutter sagte mir, als ich fragte, wann ich nach Hause kommen soll, ich solle erst "in ruhe" meinen Mann abholen.

Ich weiß einfach nicht was ich fühle.
Wenn ich mir vorstelle, dass mein Opa tot ist, ist mir das egal. Zumindest jetzt.
Er wird der erste meiner Großeltern sein, der stirbt.
Sie leben alle in meiner Heimatstadt, wir waren als Kinder ständig dort, wir haben ein sehr gutes Verhältnis, wobei meine "alte" Familie nicht so gefühlsbetont ist.

Diese Gleichgültigkeit über diese Situation schockiert mich, aber ich weiß es nicht zu ändern.

Suseki

Kappuziner
22.08.2006, 10:24
Mach dir bloss keine Schuldgefühle.
Wenn jemand stirbt, gibt es keine vorgeschriebenen Gefühle.
Das mit der Gleichgültigkeit kenne ich auch.
Ich vermute mal, dass es eine Mischung ist aus Abwehr, Unkenntnis (was auf dich zukommt) und Kraft sammeln, vorbereiten.
Wenn es erstmal soweit ist und er gestorben ist, dann kommen alle möglichen Empfindungen hoch. Aber lass es auf dich zukommen. Es ist nicht unnormal, dass du jetzt wie betäubt davor stehst.
Das Abschiednehmen ist ein langer Prozeß und es gibt dafür keine Vorschriften, wie du etwas empfinden sollst. Es wird so kommen, wie es kommt.
Dein Opa ist ja offenbar gut versorgt, also fahr du zu deinem Mann. Es wird hinterher immer noch genug zu tun geben, den Bestand, den deine Oma brauchen wird, den wird sie lange brauchen, da ist es sinnvoll, sich "aufzuteilen".

Suseki
23.08.2006, 15:08
Danke für deine Worte. Tut gut es mal zu lesen, hilft doch mehr, als mir immer nur zu sagen, dass es so schon okay ist.

Verdrängen war schon immer meine Strategie zur Bewältigung schwieriger Situationen, und ich merke auch, sobald ich anfange über meinen Opa nachzudenken, dass mir die Tränen kommen und ein ohnmächtiges Gefühl. Damit ist aber auch keinem geholfen.

Gerade habe ich mit ihm telefoniert, weil meine Mutter sagte, dass es ihm sehr schlecht geht. Er klang wie immer, wir haben Spässchen gemacht, er freute sich, dass die Segelsaison meines Mannes zu Ende geht...wie immer.

Es ist so unwirklich, das kann doch nicht sein.

Traurige Grüße
Suseki

Zauberfeelein81
23.08.2006, 15:48
Hallo Suseki,

ich habe deinen Beitrag gelesen und alles kam mir bekannt vor. Mein Opa ist vor ziemlich genau 4 Jahren auch an Krebs gestorben. Ich war damals frisch verliebt und das war natürlich wichtiger als mein Opa. Ich habe ihn allein gelassen, obwohl er sein Enkel gerne nochmal gesehen hätte. Nein, ich bin zu meinem Freund gefahren, den ich seit 2 Wochen nicht gesehen hatte. Und mein Opa lag im Sterben.

Ich will dir um Himmelswillen keinen Vortrag halten, es sind nur die eigenen Erfahrungswerte. Als ich ihn 2 Wochen später besuchen wollte, war er tot. Ich habe es nicht mal mehr geschafft, mich von ihm zu verabschieden. Das wird mich verfolgen bis an mein Lebensende! Ich wünsche mir so sehr, dass er mir verzeiht. Ich warte auf kleine Zeichen...

Deshalb mein Rat: Geh zu deinem Opa und verbringe Zeit mit ihm, solange es noch geht!

Suseki
23.08.2006, 16:00
Hallo Zauberfeelein,

ich werde heute abend nach Frankreich fahren um meinen Mann abzuholen. Das Telefonat mit meinem Opa heute hat mir gezeigt, dass es dass Richtige ist.
Sollte er wirklich (was ich nicht hoffe) in den nächsten 10 Tagen sterben, kann ich damit umgehen. Ein "überstürzter" Besuch wäre allen Beteiligten sicher unangenehmer, weil er auch nicht gern daran erinnern wird, sehr krank zu sein.

Mein Opa hat sich heute sehr mit mir gefreut, dass mein Mann nach 4 Monaten nach Hause kommt und seinen Traum (das Segeln) leben kann.
Man kann sagen, wir haben uns verabschiedet, auch wenn keiner von uns das so klar ausgedrückt hat...

Suseki

Suseki
13.07.2007, 10:08
Er ist gestern gestorben, einfach eingeschlafen, zuhause, so wie wir alle es für ihn gehofft hatten.

Er fehlt mir!