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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wenn ein naher stehender Mensch sich das Leben nimmt...



lunedi
11.08.2006, 14:56
An all die lieben Menschen da draussen...

es ist wahrlich nicht leicht mit diesem thema anzufangen.

bald ist nun 1 Jahr vergangen, dass mein Vater sich das Leben genommen hat, und unsere kleine Familie zurueckgelassen hat... ich wuerde mir so sehr wuenschen, auf ein paar menschen zu treffen, die meine situation ein bisschen nachvollziehen koennen, denn in meinem Umfeld ist der tod meines vaters leider ein tabuthema.

und manchmal ist es das auch fuer mich selbst, ich verzweifle an diesem gefuehlschaos, ich kann nicht richtig trauern denn manchmal bin ein einfach nur wuetend und dann schaeme ich mich meiner gedanken und anderen tagen fehlt er mir so sehr, es passiert so viel in meinem leben, ich wuerde ihm so gern so viel erzaehlen. und ich bereue die zeit, die ich verloren habe, mit streitereien...und schuldgefuehle natuerlich, warum hab ich ihm nicht helfen koennen, selbstzweifel, vorwuerfe... manchmal denke ich, ich haette nicht das recht um ihn zu trauern, denn mir ist es ja auch nicht gelungen, ihn spueren zu lassen was fuer ein wertvoller mensch er ist...war, als er es mehr als alles brauchte...

ich wuerde so gerne um ihn weinen, aber es gelingt mir schon lange nicht mehr. obwohl der schmerz um den verlust fast koerperlich ist, aber es schnuert mir die kehle zu, irgendwas in mir drinnen verschliesst sich, ich fuehle mich wie versteinert...

bitte, ich moechte nicht mehr alleine sein mit all diesem wirrwarr...

Inaktiver User
11.08.2006, 16:18
Liebe(r) Lunedi,

lass Dich mal fest in die Arme nehmen!

Eine liebe Freundin von mir hat sich auch das Leben genommen, da waren wir 21.
Wir beide waren schon im selben Kindergarten, saßen im Gym bis zum Abi in derselben Klasse, dann allerdings wählten wir unterschiedliche Studienorte und -richtungen, dennoch hielten wir immer Kontakt. Sie sprang, für mich völlig unerwartet, vor einen Zug.
Ich kenne alle Gefühle, die Du beschreibst, ich war soo traurig, weil ich nicht mehr mit ihr reden und Spaß haben konnte, ich war wütend auf sie, weil sie einfach so gegangen ist, ohne irgendjemandem (= v.a. mir!) die Chance zu geben, ihr beizustehen, ich hatte ziemliche Sehnsucht nach ihr...
:heul:

Und klar, sobald das Wort "Selbstmord" fällt, wird derjenige, der gegangen ist, stigmatisiert. Für uns, die wir diese Menschen geliebt haben, ist das hammerhart.

Kürzlich hab ich diesen Text gefunden, er hat mich etwas getröstet:

"Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, verblüffte uns einmal einer unserer Lehrer mit der Behauptung, der Selbstmord sei die größte moralische Feigheit, die der Mensch begehen könne. Ich hatte bis dahin eher dazu geneigt zu glauben, dass ein gewisser Mut, ein gewisser Trotz und Schmerz dazu gehöre, und hatte für die Selbstmörder eine mit Grauen gemischte Hochachtung empfunden. So war der mit dem Anspruch eines Axioms vorgetragene Spruch des Lehrers mir wirklich für den Moment eine Verblüffung, ich stand dumm und ohne Erwiderung vor diesem Spruch, er schien ja alle Logik und alle Moral für sich zu haben. Doch hielt die Verblüffung nicht lange vor, ich kehrte bald dazu zurück, auch meinen eigenen Gefühlen und Gedanken wieder zu glauben, und so sind die Selbstmörder mir zeitlebens beachtenswert, sympathisch und irgendwie, wenn auch auf düstere Weise, ausgezeichnet erschienen, Beispiele eines menschlichen Leidens, dem die Phantasie jenes Lehrers nicht nachtkam, und eines Mutes und Trotzes, den ich nur lieben konnte. Auch sind in der Tat die Selbstmörder, die ich gekannt habe, lauter zwar problematische, aber wertvolle, überdurchschnittliche Menschen gewesen. Und dass sie außer der Courage, sich die Kugel in den Kopf zu schießen, auch noch die Courage und den Trotz gehabt hatten, sich den Lehrern und der Moral unbeliebt und verächtlich zu machen, konnte mein Mitgefühl nur erhöhen..."

Hermann Hesse, "Mut und Charakter"
aus "Lektüre für Minuten"

Dir alles Liebe! :wangenkuss: :blumengabe:

Inaktiver User
12.08.2006, 01:15
Hallo Lunedi,

ich glaube, hier gibt es einige, die Dich gut verstehen können.

Im November vor zwei Jahren hat sich mein Bruder umgebracht und ich kenne auch all die Gefühle, die Du beschrieben hast. Anfangs habe ich viel geredet und geweint und das tat mir gut. Später habe ich auch alle Gefühle in mir verschlossen und war wie erstarrt.

Lange Zeit erinnerte mich alles mögliche, was ich tat oder erlebte, an ihn, weil wir so viel gemeinsam hatten und ich konnte das alles nicht mehr mit ihm teilen. Inzwischen löst sich wenigstens dieser Knoten ein wenig.

Alles Liebe,

Sassa

Lesemops
16.08.2006, 02:10
Liebe Lunedi,
als ich Deine mail als, kam mir alles so bekannt vor. Mein Mann hat sich auch vor 2 Jahren das Leben genommen. Man steht als Angehöriger erstmal da und muss mit den Reaktionen der Umwelt mit diesem brisantem Thema klar kommen. Ich war seinerzeit - zu meinem eigenen Erstaunen - ganz offen und habe klar gesagt, dass es Selbstmord war. Gut ich muss sagen, mein Mann war viele Jahre psychisch krank, aber das wusste keiner. Also stand man da, mit einem gewissen Erklärungsnotstand. Aber die offene Art und Weise damit umzugehen, hat mir gezeigt, dass mein Umfeld auch auf mich zugekommen ist. Selbstverständlich kann man das nicht jedem sagen, aber in einem gewissen Umfeld bin ich damit offen umgegangen. Dies wiederum hat mir natürlich auch geholfen, damit umzugehen.

Es ist doch ganz klar, dass alle diese Gefühlsausbrüche kommen. Es ist die Wut, dass er gegangen ist. Die Scham evtl. daran Schuld zu sein und dann diese Momente, wo man sogar körperlich Schmerzen hat, weil er fehlt, weil man nichts mehr teilen kann, erleben kann usw.

Ich kann Dir nur sagen, dass es für jeden einen Weg gibt damit umzugehen und dass dieser Weg für jeden anders ist. Lass Dich nicht darin beirren, Deinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich musste dass auch erst mühsam lernen. Es hat mir aber auch geholfen, dass ich mir auch fachliche Hilfe genommen habe. Sie hat mir vorallem Selbstbewusstsein gegeben, zu meinen Gefühlen zu stehen. Diese zuzulassen und ihnen raum zu geben. Für mich Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen und auch darauf zu hören, was mir jetzt gut tut und was nicht. Dazu hat es auch gehört, dass Zeiten dabei waren, in denen keine Tränen mehr geflossen sind, in denen man nicht mehr reden konnte und der Hals wie zugeschnürrt war.

Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Liebe und Gute und die Kraft Dir selbst zu vertrauen und Deinen eigenen Weg mit der Trauer zu gehen. Sie braucht Zeit. Ich bin der Überzeugung, dass ein Verlust - wie auch immer - wie eine Narbe bei uns bleiben wird. Und Narben tun ab und an auch mal wieder weh und dass sollte man ihnen auch zubilligen.

Alles Liebe
Lesemops

Sigkar
25.08.2006, 00:23
Liebe Lunedi,
nur gleichfalls betroffene Menschen können nachvollziehen, was Du empfindest und leidest. Die Logik sagt Dir, dass es nicht sein kann, dass Du fast körperlichen Schmerz wahrnimmst. Doch - es ist so!
Ich habe ebenfalls einen lieben Freund auf diese tragische Weise verloren. Und ich kenne alle diese Gefühle, die Du beschreibst. Es ist sehr schwer, damit klar zu kommen.
Auch in meinem persönlichen Umfeld ist der Suizid ein Tabu-Thema, was es nicht leichter macht.
Ich vermute, bei einigen Freunden ist es Hilflosigkeit. Bei Anderen geht der Alltag normal weiter und sie können nicht verstehen, dass nach "so langer Zeit" der Schmerz immer noch nicht weniger geworden ist.
Du schreibst: bitte, ich moechte nicht mehr alleine sein mit all diesem wirrwarr...
Liebe Lunedi, Du bist nicht alleine. Es gibt leider sehr viele Menschen in der gleichen Situation. Kennst Du "AGUS e.V."? Hier gibt es Hilfestellung für Angehörige um Suizid. Bundesweit gibt es mehrere Gruppen, wo sich Betroffene treffen und austauschen können. Es werden auch Trauerseminare für Betroffene angeboten. Den Titeln nach gibt es unterschiedliche Themenschwerpunkte (u.a. Schuldgefühle). Wenn Du möchtest, dann kannst Du die Homepage von agus-selbsthilfe besuchen.

Auch wenn sich Dein persönliches Umfeld verweigert, mit Dir über Deine Situation zu reden, so sende ich Dir liebe Grüße mit dem Hinweis: "Du bist nicht alleine".
Den ersten Schritt nach "außen" hast Du hier gemacht. Ich wünsche Dir die Kraft, dass Du diesen Weg weitergehen kannst. Kaum ein Mensch kann dieses Leid alleine ertragen, ohne selber Schaden zu nehmen.

Alles Liebe
Sigkar