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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Meine Großeltern



Zauberfeelein81
10.08.2006, 21:15
Alles fing damit an, dass meine Oma 1998 an Unterleibskrebs gestorben ist. Ich konnte mich nicht von ihr verabschieden, weil ich zu feige war, ein letztes Mal zu ihr ans Krankenbett zu gehen. Ich war damals 17 Jahre alt, eigentlich alt genug. Aber ich konnte es nicht, wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Meine Oma (eigentlich meine Großeltern) waren für mich als Enkel immer der Fels in der Brandung. Sie haben mit uns im gleichen Haus gewohnt. Ich habe so viele schöne Erinnerungen!

Jedenfalls, als meine Oma an Krebs gestorben ist, bin ich erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Habe noch jahrelang an ihrem Tod zu knabbern gehabt. Mein Opa hat dann noch Jahre mit uns ohne sie gelebt, meine Mutter hat ihn gepflegt, er hat bei uns gegessen und alles von uns bekommen. Leider sind die Generationen bei uns dann doch ein wenig aufeinander geprallt, er ging uns in den letzten Jahren auch ziemlich auf die Nerven, weil er immer alles wiederholt erzählt hat, immer und immer wieder. Er hatte auch 2 Schlaganfälle und seitdem war er nicht mehr der Alte.

Im August 2004 ist auch er gestorben. An Leberkrebs. Kläglich verreckt. Und das Schlimme ist, es ist wieder passiert: Ich konnte mich nicht verabschieden. Ich muss erklärend hinzufügen, dass ich von zu Hause weggezogen bin, das war 2002. Mein Vater hat mich angerufen, einen Tag bevor er gestorben ist, abends. Morgens um 8 wollte ich losfahren. Halb 7 der Anruf - er ist gestorben. Ich habe es nicht mehr geschafft...

Das ist das Allerschlimmste daran! Dass es mir wieder passiert ist! Ich mache mir extremste Vorwürfe. Seitdem erscheint mein Opa in meinen Träumen, so wie Oma einige Jahre zuvor. Ich träume meistens, dass ich nach Hause zu meinen Eltern komme, da sitzt er am Kaffeetisch, so wie zu Lebezeiten. Und das, obwohl mir im Traum bewusst ist, dass das nicht sein kann, weil er gestorben ist! Ich träume das immer und immer wieder. In der Anfangszeit war es fast jede Nacht. Das scheint zu bedeuten, dass ich das alles nicht richtig verarbeiten kann, oder?

Ich glaube an Gott und an Engel, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin. Aber das hat ja eigentlich nichts miteinander zu tun. Ich wünsche mir so sehr, dass meine Großeltern Engel sind, die auf mich herabschauen und mich beschützen. Vielleicht klingt das albern und kindisch - mit meinen 25 Jahren. Mir fällt aber sonst keine Art und Weise ein, wie ich mit ihrem Tod umgehen soll.

Wollte mich nur mal aussprechen. Vielleicht weiß jemand Rat. Ob ich mal zur Therapie gehen sollte? Brauche ich das überhaupt? Ich weiß es nicht.

Louette
11.08.2006, 18:20
Liebes Zauberfeelein,

mach Dir nicht solche Vorwürfe! Es ist so verdammt schwer dazusein, wenn die geliebten Menschen sterben. Gerade in unserem Alter. Ich habe den gleichen Fehler, wie Du gemacht, auch zweimal.
Meine Großtante, die für mich den "Stellenwert" einer Oma hatte, lebte im Altenheim, über 300 km entfernt von uns. Ich habe das Heim gehasst, es war einfach schrecklich und habe mich daher auch vor den Besuchen immer wieder gedrückt. Bei der letzten Gelegenheit sie zu sehen, einige Wochen vor ihrem Tod, habe ich sie nicht besucht, hatte ein schlechtes Gewissen deswegen, dachte, das mache ich nächstes Mal, tja und dann gab es kein nächstes Mal mehr. Ich war damals übrigens auch 17.
Damit habe ich mir selbst die Möglichkeit genommen mich von ihr zu verabschieden.
Meine Oma war schwer krebskrank, sie wohnte auch so weit weg. Ich habe sie Ostern zu letzt mit meiner Familie besucht und ich konnte damit gar nicht umgehen, dass sie so anders war, es ging ihr schon sehr schlecht, sie hat Morphium bekommen und war ständig abwesend. Eine Unterhaltung war nicht mehr wirklich möglich. Ich habe ihr versprochen sie noch einmal zu besuchen. Es gab danach meistens "gute Gründe" nicht zu fahren, teils vorgeschobene, teils echte. Ich wollte dann Samstags zu ihr fahren, sie ist aber in der Nacht gestorben. Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen und während ich das hier schreibe, laufen mir die Tränen runter, dabei ist es schon über 6 Jahre her.
Ich ärgere mich immer noch über mich selbst, dass ich es nicht geschafft habe ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Und auch, dass ich mir selbst die Möglichkeit genommen habe.

Wie Du siehst, ich habe auch zwei Mal den gleichen Fehler gemacht, indem ich das "unangenehme" soweit rausgezögert habe, bis es zu spät war. Du bist also nicht alleine.
Ob Du zur Therapie gehen solltest, das kann ich Dir nicht sagen. Meinst Du, es hilft Dir, wenn Du Deinen Großeltern Briefe schreibst?
Ich habe es bislang mit mir selbst ausgemacht, eigentlich mehr schlecht als recht, wenn ich ehrlich bin.
Ich hatte übrigens auch ein sehr enges Verhältnis zu meiner Großtante und zu meiner Oma, auch wenn sie so weit weg gelebt haben, wir hatten aber im Alltag deutlich weniger Berührungspunkte als Du mit Deinen Großeltern.

Was ich sagen will: Du bist nicht alleine und ich kann Dich verstehen.
Bislang habe ich hier meistens nur gelesen, aber ich bin sicher, dass Du hier, in diesem Forum, richtig aufgehoben bist. Hier hört Dir immer jemand zu und findet tröstende und passende Worte.
Liebe Grüße
Louette

Zauberfeelein81
12.08.2006, 15:06
Liebe Louette,

vielen lieben Dank für deinen Eintrag. Dir ging es genau wie mir. Danach habe ich mich immer für vollkommen ignorant und egoistisch gehalten, ich wollte nicht ins Krankenhaus, weil es MIR unangenehm war *kopfschüttel* Ich hasse mich dafür.

Letzes Jahr ist die Oma einer Freundin gestorben. Sie war auch schon lange schwer krank. Meiner Freundin habe ich geraten, nicht zu warten, sondern sofort hinzufahren. Das hat sie dann auch getan und mir gedankt für meinen Rat.

Jedenfalls, wenn sowas wieder vorkommt (und ich hoffe, dass das nicht so bald sein wird), dann werde ich sofort alles stehen und liegen lassen und fahren! Egal was ist. Oft habe ich draußen gestanden und zum Himmel hochgeschaut, mich bei meinen Großeltern entschuldigt. Oh je, mir laufen schon wieder die Tränen... Wirklich schlimm, dass man immer erst merkt, wieviel einem ein Mensch bedeutet, wenn er nicht mehr da ist.

Inaktiver User
12.08.2006, 19:51
Ich selber kenne auch diese Schuldgefühle.
Mein Vater lag mit Herzinfarkt im Krankenhaus, 65 Jahre alt, und ich war im 5. Monat schwanger und traute mich nicht zu ihm.

Ich schob die Schwangerschaft vor, glaube ich. Von wegen 5. Monat, Gefahr einer Fehlgeburt... damals war ich davon überzeugt, richtig zu handeln

Aber im Grunde meines Herzens war da Angst. Wie würde er aussehen? Könnte ich den Anblick ertragen? Ich war schon 23 Jahre alt.
Ich wollte ihn so gern in Erinnerung behalten, wie ich ihn das letzte Mal gesehen hatte vor dem Infarkt:

Lachend im Sessel im Wohnzimmer.

Eine schöne letzte Erinnerung.


Aber jahrelang litt ich unter meinem Fernbleiben, es tat mir sooo leid.
Bis ich dann eines Tages meiner Mutter diese Gefühle gestand.
Sie sagte: "Och, das hätte er ohnehin nicht gemerkt, wenn du gekommen wärest."

Ich hasste sie für diese Worte lange Zeit. Irgendwie hat mich das sehr verletzt.

Auch bei der Beerdigung nahm ich nur an der Trauerfeier teil.
Ich wollte nicht mit ans offene Grab, wollte nicht sehen, wie mein Papa in die Erde gesenkt wird. Das wäre die erste Beerdigung gewesen für mich übrigens.
Ich saß so lange mit meinem schwangeren Bauch im Auto und wartete auf die anderen.

War ich feige? Egoistisch?
Vielleicht.

Es tut mir leid, Papa!

Noch mehr leid tut mir, dass du meine Söhne nie hast kennenlernen dürfen und dass du dein Rentenalter nicht genießen konntest.
Du wärest ein wunderbarer Opa für meine Jungs gewesen !

Lavendelmond

Inaktiver User
17.08.2006, 14:11
Ich konnte mich von meinem Vater leider auch nicht verabschieden und das hat mir auch lange zugesetzt.
Allerdings lag das nicht in meiner Macht. Er ist unerwartet zu Hause an einem Herzinfarkt gestorben.
Alle konnten sich dann von ihm "verabschieden" bis er vom Bestattungsinstitut geholt wurde. Ich wohne aber leider 600 km von meinem Heimatort entfernt und hatte nicht die Chance ihn nochmal zu sehen, nochmal seine Hand zu halten ... Bin wirklich lange nicht darüber hinweg gekommen.

@Zauberfeelein: Ich hatte schon einige Todesfälle in der Familie. Onkel, Vater, Oma und von ALLEN habe ich geträumt. Bei meinem Onkel hatte ich immer ein und den selben Traum, dass er einfach nur verreist war und plötzlich wieder nach Hause kam. Bei meinem Vater waren es unterschiedliche Träume in denen er immer nur als unbeteiligte Person einfach dabei saß. Er hat auch nie etwas gesagt. Das fand ich immer ganz schrecklich. Irgendwann hab ich ihn dann im Traum angeschrien: "Nun sag doch was, ich weiß gar nicht mehr wie deine Stimme klingt." Darauf hat er dann gesagt "Es ist alles in Ordnung mein Kind." und hat mich angelächelt. Von meiner Oma hatte ich auch unterschiedliche Träume in Alltagssituationen, wie gemeinsames Kaffeetrinken oder so. Aber bei allen Menschen war mir jedesmal im Traum bewußt, dass sie Tod sind und ich habe mich auch jedes Mal gewundert, warum sie wie plötzlich wie selbstverständlich wieder da sind.

Ich habe mir auch Gedanken gemacht, ob das alles normal ist. Aber ich habe gemerkt, wie gut mir das tut, von den Menschen zu träumen. Dadurch sind sie immer noch "ein bißchen" da. Und ich finde es einen schönen Gedanken, dass die Menschen doch nicht einfach so aus meinem Leben verschwinden sondern immer wieder mal im Traum bei mir sind.
Ich glaube, dass ich viel mit diesen Träumen verarbeitet habe.
Deshalb glaube ich auch nicht, dass du wegen der Träume zur Therapie musst. Schau halt einfach, ob es dir gut tut oder nicht.

Liebe Grüße Krebsili

Dani
11.09.2006, 11:38
Ich freue mích, dass ich solchen Angsthasen hier begegne.
Denn ich habe gedacht, nur ich bin so.

Ich habe erst Schuldgefühle gehabt, aber letztendlich ist es doch so:

Die Menschen, die man liebte, haben das gefühlt und meine Liebe mitgenommen.
Könnten sie mit mir sprechen, würden sie mir sicherlich sagen: "Ach, komm. Was ist schon ein letzter Besuch... Wir haben uns doch jahrelang geliebt und werden uns immer lieben und das zählt."

Inaktiver User
11.09.2006, 14:38
Liebes Zauberfeelein,

ich finde, daß Du hier so offen über Deine Gefühle und Sorge schreibst, ist ein erster Schritt - ich denke nicht, daß es einer Therapie bedarf. Und Du kannst Dich auch heute noch von Deinen Lieben verabschieden. Suche für Dich nach einer Möglichkeit, überlege Dir, wo Du Deinen Großeltern besonders nahe warst, an welchem Ort - schreibe vielleicht einen Brief, lege all Deine Gefühle hinein, das kann schon befreien.

Ich habe vor über 13 Jahren mein Kind durch einen Unfall verloren. Ich konnte mich nicht verabschieden, nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen, ihr nichts mit auf den Weg geben. Wie gerne hätte ich ihr etwas in den Arm gelegt, ihr etwas besonders Hübsches angezogen für die letzte Reise. Es hat mich krank gemacht, daß ich gar nichts zu tun konnte. Nicht die Blumen aussuchen, die Musik. Ich stand irgendwann vor ihrem fertigen Grab. Mir hat das Abschiednehmen sehr gefehlt und ich habe es erst viele Jahre später nachholen können, als ihre Grabstätte aufgelöst wurde und wir uns für einen sehr feierlichen Abschiedsgottesdienst entschlossen haben. Das war für mich der egentliche Abschied. Ich konnte Blumen aussuchen, eine Zeitungsannonce gestalten, mir überlegen, was wir anschließend machen. Es war für mich befreiend und wichtig.

Vielleicht hast Du einen besonders lieben Menschen, der mit Dir gemeinsam eine kleine Abschiedsfeier gestaltet. Ein schönes Abendessen mit ganz vielen Fotoalben und Kerzenschein. Ruhig mit vielen Tränen und Erinnerungen.

Wichtig ist, daß Du Dir klar machst: Du hast allen Grund, traurig zu sein! Du hast liebe Menschen verloren, die nie wieder kommen und die ein Teil Deines Lebens waren.

Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du einen für Dich guten Weg des Abschieds finden wirst.

Sei lieb gegrüßt

von Paula