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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Opi verstorben - Oma allein nach 65 Jahren Ehe



Inaktiver User
10.08.2006, 20:28
Hallo,

vielleicht kann mir hier mal jemand weiterhelfen...
Ich bin 38 und mein geliebter Opi ist im Mai nach einem Sturz gestorben. Meine Mutter wohnt 30 km weiter weg und ist selbstständig, meine Schwester 530 km weg. Mein Vater und seine Eltern leben nicht mehr und die verwitwete Omi ist die Mutter meiner Mutter.
Bei uns gab es schon immer Spannungen in der Familie, insbesondere zwischen Oma und Mama. Mein Opa war immer freundlich und neutral und ein unheimlich positiver Mensch. Meine Oma hingegen hielt mit ihren Leiden die ganze Familie auf Trab. Sie ist sehr eigensinnig und früher hat sie versucht meine Ma und mich und meine Schwester gegeneinander aufzuhetzen. Alles weitere führt zu weit. Das würde ein Buch werden.
Nun ist mein Opi also gestorben. Er hatte im Krieg einen Arm verloren und somit war Omas Lebensinhalt für ihn da zu sein und ihm zu helfen. Ihre Aufgabe. Nun ist er nicht mehr da...
Meine Oma kann am Gehwagen noch gut laufen und versorgt sich allein. Um Papierkram, einige Einkäufe usw. kümmern sich meine Ma und ich. Wenn Kleinigkeiten anstehen bin ich immer der erste Ansprechpartner, denn ich wohne in der gleichen Straße.
Soweit OK aber ich habe das Gefühl, dass es nie genug ist, was ich mache. Meine Oma gibt mir permanent zu verstehen, wie einsam sie ist, was sie nicht mehr kann, dass sie zu alt ist um was neues zu unternehmen (sie ist 83) usw. Wenn sie Licht bei mir sieht und ich nicht ans Telefon gehe, weil ich es nicht höre oder schlicht keine Lust hab, kommt sofort: aber da war doch Licht. Genauso wie sie sieht, wann ich morgens die Gardinen aufziehe oder wann mein Auto vom Parkplatz bewegt wird.
Ich fühle mich schon richtig schuldig, wenn ich mal meine Ruhe haben will, zumal ich beruflich eingespannt bin und eine anstrengende Beziehung mit einem geschiedenen Mann führe. Ich weiß, dass ihr eine riesige Lücke entstanden ist. Aber kann uns muss ich die füllen? Ist es meine Schuld, dass ihr Freundeskreis quasi auf Null geschrumpft ist, weil ihr Besuch immer zu anstrengend war?? Ich motivier sie schon immer sich unter Menschen zu mischen und einmal in der Woche essen wir zusammen, damit sie Gesellschaft hat. Aber wenn ich dieses ewige: alles muß ich nun allein tun, höre, dann schwillt mir ab und an der Kamm. Ich mußte als Frau auch immer meinen Mann stehen und alles allein managen. Und sonst habe ich mir Hilfe geholt. Ja klar ist meine Oma Kriegsgeneration aber sie hat auch immer dazugearbeitet.
Einerseits tut sie mir leid, aber die Besuche bei ihr waren schon vor Opis Tod anstrengend, weil sie fast nur am klagen ist und an allem etwas zu nörgeln hat. Ich sag nur: hach ist das heiß heute, hach ist das kalt heute, hach ist das windig heute, hach ist es neblig heute to be continued.

Hat irgendjemand einen Rat, wie ich ihr bei Trauerarbeit und Weiterleben helfen kann, ohne dass sie mich total vereinnahmt und mir immer diese Schulgefühle macht, wenn ich keine Zeit hab??

Gruß

Betty

Margali62
11.08.2006, 12:28
Hallo Betty,
ich meine, dass Du schon viel tust! Die Trauerarbeit muß Oma allein hinkriegen. Du könntest versuchen, Freizeitangebote der Gemeinde, AWO-Kaffee etc. Deiner Oma nahe zu legen. Bei uns werden auch alte Leute von der Kirche zu Veranstaltungen abgeholt, z.B.. Damit könnte sie eigenständig versuchen, etwas Programm in ihr Leben zu bekommen.


Die Familienmitglieder, die nicht vor Ort sind, sollten jedoch auch ihren Anteil einbringen. Kann die Mutter einmal in der Woche die Oma zum Essen abholen oder Ihr verbindet das irgendwie, Du fährst mit Oma zur Mutter. Die weiter entfernte Schwester sollte vielleicht 2 x pro Woche telefonieren.

Kann sie u. U. die Oma für eine Woche zu sich einladen? Das wäre doch auch schon was.

Mach Dich jedoch nicht verantwortlich für die anderen, die " nicht genug tun" . Sich abzugrenzen auf die Zeit, dass wird Dein Hauptproblem sein, die nächste Zeit. Glaube mir. Wir pflegen nun seit 10 Jahren meine Oma. Und es ist nicht einfach. Ich habe gelernt über viele Dinge hinweg zu hören. Wenn das Jammern kam " ich habe so lange nichts von XX gehört" (mein Bruder), habe ich gesagt "warum sagst du das zu mir? Ruf ihn an! Du hast Telefon! " Man ist nicht für alles verantwortlich.

Liebe Grüße

Margali

Inaktiver User
11.08.2006, 12:56
Hallo Margali!

Danke für die aufmunternden Worte. Meine Omi ist eigentlich für ihr Alter auch recht aktiv (Altenkreis ..) aber sie erwartet immer, dass alle auf sie zukommen, weil sie ja nun Witwe ist. Ich hab ihr auch schon gesagt, dass sie den Menschen signalisieren soll, dass sie soweit ist. Viele wissen nach einem Trauerfall einfach nicht, wann der Hinterbliebene Kontakt will.
Ich bin auch der Meinung, dass meine Oma Struktur im Leben braucht, die mein Opa ihr gegeben hat. Wenn er Hunger hatte wurde gekocht. Nun legt sie sich lieber auf die Couch und schläft.
Meine Familie mit zur Verantwortung ziehen tue ich schon. Aber ich muss immer erst sagen: ich kann nicht mehr - ihr müßt auch mal ran. Die wissen sich eben abzugrenzen.
Natürlich ist die räumliche Nähe zu Oma auch mein Problem. Meine Schwester macht es sich leicht. Sie läßt den AB laufen, genießt ihr Leben und ich werde vollgejammert! Wie Du bezüglich Deines Bruders.
Ich sag meiner Oma immer wieder, dass es nicht viel Spaß macht Zeit mit ihr zu verbringen, wenn sie das Jammern nicht läßt. Ich habe auch Sorgen. Danach fragt sie aber nie. Und ich war lange krank, weil ich überlastet war und zudem noch jeder seinen Müll bei mir abgeladen hat. Klar kann meine Ärztin sagen: grenzen sie sich ab. Mein Kopf sagt auch: ja klasse... aber Blut ist eben dicker als Wasser. Zumal meine Oma auch immer tolle Vorwürfe losläßt.
Aber ich nehme es mir nochmal zu Herzen die restliche Familie einzubeziehen. Heute habe ich schon mit meiner Mutter telefoniert. Wir sind uns da auch recht einig.
Nochmal Danke für die Tips.

Gruß
Betty

Ninchen1
25.11.2006, 02:42
Du hast es so gut damit, daß Dich 38 Jahre lang Deine Großeltern begleiten konnten..das ist ein großes geschenk, was nicht viele teilen. Das schreibe ich weil ich gerade meine Omi verloren habe und mir nur noch ausmalen kann, wie es gewesen wäre, wenn sie noch so lange an meiner Seite hätte stehen dürfen..:*-/

Inaktiver User
29.09.2008, 20:59
2 Jahre später:
meine Omi wird nächsten Monat 85. Sie hat sich gut berappelt und den "Alleinsein" ohne Opa klappt toll mittlerweile. Ich glaube es ist auch ein Stück weit Verantwortung abgeben, denn sie hat sich sehr um Opi gesorgt. Er hatte es immer mit dem Herzen und meinte aber: ich kann das noch. Nun kann sie weggehen ohne sich Gedanken zu machen, dass er auf irgendwelche Leitern klettert und stürzt, wenn sie weg ist. Wir verstehen und prima und ich bin froh, dass ich sie habe.
Und unser fröhlicher Opa fehlt!!! Immer und überall. Aber Omi kann nun lächeln, wenn sie von ihm spricht und muss nicht weinen.

Gruß

Betty

Margali62
30.09.2008, 14:24
Betty,

danke für das Update! Meine Oma ist auch inzwischen verstorben. Ich vermisse sie sehr.

:smile: Margali