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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Unerfüllter Kinderwunsch - Depressionen



Sandalwood
29.07.2006, 23:19
Hallo Ihr,
hat jemand von euch Erfahrungen mit der Behandlung von Depressionen aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches? Ich mache mir Sorgen um eine gute Freundin von mir, die seit drei Jahren schwanger werden möchte. Nach einem operativen Eingriff sollte dem nun eigentlich nichts mehr im Wege stehen, doch dass es weiterhin nicht klappt, treibt sie völlig zur Verzweiflung. Nun ist sie auch in psychotherapeutischer Behandlung, und da wollen sie ihr Psychopharmaka verschreiben - wobei sie unter deren Einfluss natürlich nicht mehr schwanger werden dürfte. Ich fürchte, das führt in einen Teufelskreis, denn dies würde ja wiederum die Ursachen der Depressionen verstärken. Nun habe ich ihr geraten, die Depression mit Johanniskrautkapseln zu behandeln. Auch dies wagt sie nicht, weil es laut Ärztin nicht untersucht ist, ob diese ev. einen schädigenden Einfluss auf das werdende Kind hätten, sollte sie nun doch schwanger werden. Es würde mich sehr freuen zu erfahren, wie andere Frauen in dieser Situation damit umgehen. Wir fühlen uns alle dermassen hilflos, denn diese ehemals lebenslustige, tatendurstige Frau verwandelt sich nach und nach in einen Schatten ihrer selbst. Vielen Dank für Eure Erfahrungen!

Jo68
31.07.2006, 14:01
Hallo Sandalwood,

erstmal finde ich es klasse, dass Du Dich so um Deine Freundin sorgst! :blumengabe:

Dass sie therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, finde ich gut - wenn's der passende Therapeut ist (das ist noch wichtiger als den passenden Arzt zu finden). Ich bin nicht generell gegen Psychopharmaka, ich denke, es gibt schon Situationen, in denen die genau richtig sind, aber ich bezweifle, dass diese Situation dazu gehört.
Ich selbst habe immer Johanniskraut genommen. Ein Professor meinte ebenfalls, ich solle es absetzen, weil es im Zusammenhang mit Kinderwunsch nicht genügend erforscht ist, habe ich dann während der IVF getan und die war trotzdem negativ. Danach habe ich weiter Johanniskraut genommen, weil meine Kiwu-Ärztin meinte, dass viele Patientinnen das nehmen, ohne negative Erfahrungen und siehe da, ich wurde trotz Johanniskraut schwanger (habe es dann nach dem positiven Test abgesetzt). Ich würde Deiner Freundin also zu Johanniskraut raten und den jahrelangen Erfahrungen meiner Ärztin vertrauen.

Es gibt auch Selbsthilfegruppen (habe ich selbst allerdings nie ausprobiert), die gut sein sollen und Internetforen von Betroffenen sind im Grunde etwas ähnliches, eine Art virtuelle Selbsthilfegruppe. Vielleicht wäre das auch was für sie. Allein das Wissen, dass es vielen, vielen Anderen genauso geht, hilft oft schon.

Und noch was: Bei mir hat es dreieinhalb Jahre bis zur Schwangerschaft gedauert, und ich bin in dieser Zeit wirklich oft genug psychisch auf dem Zahnfleich gegangen (dabei meinte die Ärztin sogar, ich sei eine der Patientinnen, die am lockersten und ruhigsten damit umgingen :ooooh:). Jede neue Enttäuschung lässt einen in ein tiefes Loch sinken, und ich kenne auch die Reaktion, dass man sich in dieser Situation von allem und allen zurückziehen möchte. Einmal, weil man nicht schon wieder die Hoffnungen der Freunde enttäuschen möchte (mir hat es immer furchtbar weh getan, meiner Mama wieder mal sagen zu müssen, dass es nicht geklappt hat) und dann auch aus Selbstschutz, weil einen der Anblick einer Schwangeren und frisch gebackener Eltern einfach nur fertig macht. Für einige Tage finde ich dieses Zurückziehen auch völlig in Ordnung, man sollte aber darauf achten, dass man nach ein paar Tagen wieder unter Leute geht, ins Theater, ins Kino oder was man sonst so gern macht. Das sollte Deine Freundin auch versuchen!

Ich fand, dass diese Zeit des zermürbenden Wartens unglaublich kräftezehrend ist. Immer wieder die Enttäuschung zu verarbeiten und neue Hoffnung zu schöpfen kostet wahnsinnig viel Kraft (hätte ich vorher auch nie gedacht). Daher sollte Deine Freundin nach Möglichkeiten suchen, Kraft zu tanken: Einen schönen Urlaub, sich mit Leuten treffen, die ihr gut tun, nette Ausflüge, ein teures Restaurant oder was ihr halt Spaß macht, einfach, um die Batterien wieder aufzuladen.

Liebe Grüße, ganz besonders an Deine Freundin und ganz viel Glück!!

Jo

Murmel06
03.08.2006, 13:21
Hallo Sandalwood,

auch wenn ich keine richtigen Tipps geben kann, bzw. mich eigentlich auch nur Jo68 anschließen kann, hier mal meine Gedanken:

Ich bzw. mein Mann und ich leiden auch bereits seit über drei Jahren an unerfülltem Kinderwunsch. Seit Mitte letzten Jahres bin ich deswegen auch in Therapie. Ich finde die Situation auch oft sehr sehr schlimm - Jo 68 hat das ja genau beschrieben, was man so durchmacht, dieses sich Zurückziehen und dann auch wieder Aufraffen usw. Schlimm finde ich auch, dass man sich so oft sehr zusammenreißen muß und sich da oft sehr alleine fühlt. Wenn man mal wieder auf einem Brunch eingeladen ist, auf dem tausend kinder herumhüpfen und zentrales thema die Würmer sind - ich ertappe mich oft, wie ich mit den Müttern über alle diese Dinge spreche, so als würde es mich ja nicht betreffen (tuts ja auch nicht, aber darunter leide ich ja); hinterher bin ich dann oft völlig fertig, weil es mich unterschwellig doch sehr schmerzt. Und manchmal verweigere ich mich solchen Gesprächen, aber dann wirkt man nach außen natürlich schwierig.

Was ich eigentlich sagen wollte: Als ich mit der Therapie angefangen habe, wurde relativ schnell klar, dass das Kinderthema nicht das eigentliche Problem ist, sondern es generell darum geht, wie ich mit Konflikten umgehe, wie ich mir meiner Gefühle bewußt bin und diese auch zulassen kann und ihnen einen Raum gebe; wie ich anderen mitteile, dass es mir nicht gutgeht usw.

Da Du schreibst, dass Deine Freundin sogar Psychopharmaka nehmen soll, läßt vielleicht darauf schließen, dass das Kinderthema ein Auslöser für eine sowieso irgendwo lauernde Depression war? Wenn Du schreibst, dass sie früher so lebenslustig usw. war - ist da vielleicht etwas gewesen, was sie immer vor sich und anderen gut verborgen hat?

Die menschliche Psyche ist so raffiniert, man mein, man hat sein Leben voll im Griff, auf einmal klappt irgendetwas nicht, und dann kommen Dinge hoch.......

Es ist nur ein Gedanke, vielleicht liege ich auch völlig falsch, aber Du fragst ja, was du als Freundin tun kannst. Vielleicht kannst du mal mit ihr darüber sprechen, was vielleicht noch Grund der Depression sein kann. Damit meine ich auch gar keine schlimmen Dinge, in meinem Fall geht es z.B. einfach darum, dass ich als Kind - u.a. infolge des frühen Tod meines Vaters - nie gelernt habe, meine Gefühle zuzulassen. Ich habe das jahrelang perfekt beherrscht, bis dann das Kinderthema kam und mir das dann doch zu viel war.

Also, es ist nur eine Anregung. Ich glaube ganz toll Für Deine Freundin ist, dass sie Dich hat - es hilft einfach wahnsinnig, wenn man Freundinnen hat, mit denen man darüber reden kann. Erfahrungsgemäß halten das nämlich nicht alle Freundinnen aus!

Alles Liebe
Murmel 06

Jo68
03.08.2006, 14:19
Mir ist noch was eingefallen. Die Uniklinik Heidelberg hat sehr viel zum Thema Unerfüllter Kinderwunsch und Psyche geforscht. http://www.dr-wischmann.privat.t-online.de/ Außerdem gibt's hier noch einen Artikel dazu: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Gesundheit/s_204.html
Und folgendes Buch kann ich auch empfehlen: http://www.amazon.de/gp/product/3170180479/028-3107797-9510160?v=glance&n=299956

Liebe Grüße

Jo, die nicht begriffen hat, wie man in dieser neuen Software die Links verpackt ...

Sandalwood
08.08.2006, 21:35
Liebe Jo&Murmel,
vielen, vielen Dank für eure Antworten! Vieles, was ihr beschreibt, kommt mir sehr bekannt vor aus den Schilderungen meiner Freundin. Natürlich kann man nie in einen Menschen hinein sehen, doch ich denke schon, dass bei ihr die Ursache der Depressionen der unerfüllte Kinderwunsch ist. Auch habe ich das Gefühl, dass es mit der Hormonbehandlung zu tun hat - erscheint mir sehr naheliegend, wenn ich bedenke, wie Hormone nur schon in einem normalen Zyklus meine Stimmung beeinflussen (seit fünf Jahren allerdings kaum noch, Hormonspirale sei Dank!). Dass der Gefühlshaushalt entgleist durch Hormoneinnahme, kann ich mir lebhaft vorstellen.
Für mich ist es schwierig, dass ich kaum noch weiss, wie ich mit meiner Freundin umgehen soll. Aus naheliegenden Gründen kann/will sie keine gut gemeinten Tipps und Ratschläge mehr hören - jede (und besonders Frauen, die gerade Kinder geboren haben) meint zu wissen, was gut für sie ist ... anderseits finde ich es auch schwierig, zu dem Vorgehen der Schulmedizin zu schweigen. Die Gynäkologin stellt sich auf den Standpunkt, die Psyche gehe sie nichts an, die Psychologin rät wie erwähnt zur Einnahme von Psychopharmaka und empfiehlt, die Schwangerschaft zu verschieben. Dies ist auch aus dem Grund nicht praktikabel, da meine Freundin von einer Endometriose operiert worden ist und nun natürlich befürchtet, dass diese zurückkommt, je länger sie "wartet" (wobei sie natürlich momentan unfreiwillig wartet). Irgendwie wünsche ich mir da schon eine Medizin, die den Menschen als Ganzes wahrnimmt und nicht isoliert voneinander betrachtet, was doch nicht zu trennen ist.
Jedenfalls bin ich froh, von anderen Frauen zu hören, dass es durchaus Möglichkeiten zu geben scheint, der Psyche etwas nachzuhelfen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, und trotzdem schwanger zu werden. Danke für euren guten Wünsche ... vielleicht lasse ich meine Freundin einfach mal hier reinlesen.

Jo68
09.08.2006, 14:40
Hallo Sandalwood,

ja, ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr schwierig für Dich sein muss. Meine beste Freundin hat irgendwann einfach gesagt: "Was soll ich schon sagen, das ist einfach eine Kacksituation für Euch." Fand ich toll, mehr wollte ich gar nicht. Bloß keine Tipps oder Ratschläge!!! Die hat man zur Genüge gehört, und die sind außerdem zu 99,9% Blödsinn.

Bei mir war's so, dass ich mich bei längeren Gesprächen mit guten Freundinnen zuerst ausgekotzt habe und dann habe ich mich völlig normal über alles Mögliche sonst unterhalten. Ich hatte mir ein bisschen Luft gemacht und danach konnte ich wieder völlig "normal" sein. Vielleicht ginge das ja auch bei Euch? Es ist auf jeden Fall wichtig, nicht nur über den Kinderwunsch zu sprechen, sondern auch noch andere Interessen zu pflegen, andererseits sollte man ihre Trauer auch nicht ganz ausblenden. Schwierig, ich weiß.

Und ich hoffe, dass Deine Freundin nicht bei einer hundsgewöhnlichen Frauenärztin ist, sondern in einer speziellen Kinderwunschpraxis. Viele von denen bieten auch psychosomatische Betreuung u.ä. an und sind generell eben besser in diesem Fall.

Liebe Grüße

Jo

Murmel06
09.08.2006, 17:38
Hallo Sandalwood,
jetzt auch nochmal was von mir. Als ich Deine Frage zum ersten Mal gelesen habe, schien es mir, als sei die Diagnose "Psychopharmaka" so hinzunehmen. Aber jetzt frage ich mich, ob das wirklich der Fall ist.

Meine Therapeutin hat kein einiziges Mal von Medikamenten gesprochen. Und ich kenne Menschen, die wirklich Probleme mit Depressionen haben, und die müssen auch keine nehmen.

Gibt es denn nicht die Möglichkeit, noch einen zweiten Psychologen zu konsultieren? Ich finde es auch wenig verantwortungsvoll, wenn die Psychologin Deiner freundin rät, mit der Schwangerschaft noch zu warten. Das geht doch gar nicht, wie soll sie denn diesen Druck aushalten? Und wenn ich die Methoden meiner Psychologin (mit der ich glaube ich sehr viel Glück hatte) richtig verstanden habe, ist es das letzte, was sie tun darf, sich in die Lebensplanung einzuschalten. Sie kann nur helfen herauszufinden, was sie will und wie sie damit umgeht. Aber entscheiden kann nur Deine Freundin selbst.

Das selbe gilt auch in der Tat für Dich: letztlich kannst Du nur helfen, indem Du zuhörst. Und wie Jo das so gut beschrieben hat, Mitgefühl für die Situation hast. Richtige Lebenstipps (mach das so, oder lass dies) will man eigentlich gar nicht. Es ist ganz wichtig, dass man sein eigenes Tempo haben darf. Manche Dinge sind einem vom Kopf her klar, aber man ist noch nicht so weit. Und die will man dann eigentlich nicht hören.

Und was ich immer besonders destruktiv finde, ist die Haltung: Du mußt optimistisch bleiben, sonst kann das gar nicht klappen.

Diesen Satz habe ich in den letzten Jahren so oft gehört und am Anfang habe ich mir das auch reingezogen. Habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich nicht optimistisch war. Aber es ist nun einmal so, dass einem a. irgendwann jeder Optimismus flöten geht, zumindest zeitweise und b. es genug Frauen gibt, die problemlos schwanger geworden sind, obwohl sie ganz sicher waren, sie können das nicht.

Also, wenn es Deiner Freundin häufig schlecht geht: sie darf sich schlecht fühlen! Ich fürchte, das ist in ihrer Situation ganz normal und unvermeidlich. Schlimm ists nur, wenn es so gar keine guten Tage mehr gibt. Bei mir gibts die, und sie überwiegen auch. Das ist schon wichtig.

So, viele Grüße und ganz viel Glück für Deine Freundin
(habe auch Endometriose, und kenne das Problem mit dem "Wettlauf gegen die Zeit". Nur nicht verrückt machen lassen. Ich würde auch dran bleiben, aber letztlich ist es Schicksal, denn genügend Frauen werden auch mit (starker) Endometriose unproblematisch schwanger)

Murmel

Sandalwood
10.08.2006, 20:09
Ihr Lieben,

nochmals tausend Dank für eure Antworten! Das Ganze hat jetzt noch eine schlimmere Wendung genommen insofern, als dass meine Freundin nun - als Spätfolge einer Infektion nach der Endometriose-Operation - einen verschlossenen Eileiter hat, der grosse Beschwerden verursacht und sehr wahrscheinlich entfernt werden muss. Dies senkt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft natürlich nochmals - Horror!

Gestern am Telefon konnte ich nur noch sagen: Was für eine beschissene, ungerechte, himmelschreiende Situation! Während täglich Menschen Kinder auf die Welt stellen, für die sie gar nicht zu sorgen bereit sind! Und ausgerechnet bei ihr, die die beste Mutter der Welt wäre, geht nun alles schief. Ich weiss, dass das Leben in solchen Dingen keine Gerechtigkeit kennt, und doch erscheint es mir unerträglich.

Drum war ich froh, von euch zu lesen, dass es ok ist, so zu reagieren und keine guten Ratschläge auf Lager zu haben. Ich hoffe nun einfach sehr, dass die Operation nicht nötig wird ...

danke für euer Mitfühlen und -denken!

Sandalwood