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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wann fängt die Trauer an?



Jytte1982
29.07.2006, 14:37
Hallo an alle!

Habe seit gestern in dieser Rubrik ziemlich viel durchgelesen und hatte echt Tränen in den Augen... Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt in einem Forum schreibe, aber ich muss unbedingt was loswerden...

Wann fing bei euch die Trauer an? Ich denke nämlcih langsam,dass ich alles unbewusst sehr gut verdränge und ich würde gerne weinen...

Mein kleiner, 18-jähriger Bruder ist vor zwei Wochen nachts vor die S-Bahn gesprungen. Wir haben mit allen Freunden geredet und alle sind fassungslos, weil es ÜBERHAUPT nicht auf ihn zutrifft. Als ich die Nachricht erhielt habe ich natürlich sehr geweint und den zweiten Tag (Rechtsmedizin-verabschieden) auch, aber seitdem nur ein paar Tränen auf der Beerdigung und sonst nix...und das machts mcih ziemlich fertig! Während meine Eltern mit den Nerven am Ende sind, sind mein 16-jähriger Bruder und ich fast wie immer...
Sicher arbeitet mein Gehirn und versucht zu verstehen, da er ein sehr fröhlicher, selbstbewusster Mensch war. Er hatte eine super Lehrstelle, seit kurzem eine Freundin, eine Woche vorher endlich den Führerschein bestanden...
Bei meinen Eltern waren in der Nacht ein Seelsorger dabei, der ihnen mehr oder weniger einredete, dass alles geplant gewesen sei...was ich nicht glauben kann... Einen Tag später wollte er mit seinem besten Freund zu einem Festival und Musik war sein Leben.... Das Kuriose daran ist, dass er vier Stunden vorher noch Proviant für die Reise gekauft hatte und die Tüte mit sich rumschleppte...und trotzdem ist 100% er von alleine gesprungen!!
Ich schweife ganz schön aus, aber ich habe das Bedürfnis alles aufzuschreiben...
Ich bin zwar sechs Jahre älter als er, aber für sein Alter war er sehr erwachsen und wir hatten eine gute Beziehung...aber warum trauere ich nicht?? Ich bin doch sonst so ein Sensibelchen! Diese erste Schockphase sollte eigentlich nur ein paar erste Tage dauern, habe ich gelesen... Es ist klar, dass ich es noch nciht ansatzweise begriffen habe, es ist mir unangenehm, wenn die Leute fragen "Wie geht es dir?", weil ich "Ganz gut" sagen müsste:(
Das Einzige, was mir seitdem auffällt ist, dass ich in jedem auch noch so alten Mann, der zufällig die gleiche Haarfarbe hat, Jan sehe und mein Herz in dem Moment aussetzt...aber ich möchte es begreifen und richtig weinen können...

Könnt ihr mir von euch erzählen, ich komme mir langsam anormal vor.

Ich danke schön im Voraus für die Antworten, fahre nämlich jetzt Urlaub..

Liebe Grüße Jytte :wangenkuss:

Inaktiver User
29.07.2006, 15:59
Liebe Jytte,

es tut mir leid, daß Du Deinen Bruder verloren hast, dazu noch auf diese tragische Weise. Und wenn man seinen Bruder verliert, verliert man meist auch noch ein Stück Familie, einen Teil seiner Eltern, nicht wahr?

Die Sache mit dem Weinen und der Trauer - sie ist so unterschiedlich, liebe Jytte. Der eine weint ununterbrochen und ist nicht zu beruhigen und andere weinen still in sich hinein. Bei Geschwisterkindern, die ein Geschwister verloren haben, kommt oft hinzu, daß sie nicht weinen möchten, um die ohnehin schon trauernden Eltern nicht noch verzweifelter zu machen. Instinktiv möchte man "stark" sein. Du schreibst auch, Du bist die ältere Schwester - Du warst also schon immer die Ältere, die Vernünftigere.

Weinen ist ganz wichtig. Und meistens kommt der Wein-Punkt von ganz alleine. Wichtig ist aber auch das Reden, das Mitteilen der Gefühle. Ich schreibe Dir eine PN mit einer Internetadresse, dort hast Du die Möglichkeit, die mich anderen trauernden Geschwistern auszutauschen. Wenn Dich jemand versteht, dann dort. Aber ich bin mir sicher, daß Du auch hier verständnisvolle Antworten erhalten wirst.
Wie schön, daß Du einen eigenen Strang eröffnet hast - vielleicht findest Du die Kraft, hier immer wieder an Deinen Jan zu schreiben.

Ich wünsch Dir einen schönen Urlaub und ganz viel Mut.

Paula :wangenkuss:

Inaktiver User
30.07.2006, 13:35
Liebe Jytte :blumengabe:

ich möchte dir mein aufrichtiges Beileid ausdrücken. Das ist sehr schlimm, was dir und deinen Eltern widerfahren ist.

Mein Ältester, der seinen jüngeren Bruder verloren hat, hat auch "nur wenig geweint", zumindest öffentlich. War auch "ziemlich normal im Verhalten" - aber was heißt das schon ?

Trauer wird sehr unterschiedlich erlebt und ausgedrückt.

Bei traumatischen Todesfällen geraten die Angehörigen oft in einen Schockzustand, man ist fassungslos, kann eigentlich nicht glauben was geschah und fühlt auch wenig . Die Seele ist wie betäubt.

Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm !

Du sagst, dein kleiner Bruder ist vor 2 Wochen vor die S-Bahn gesprungen - zwei Wochen, das ist nicht lange.
Stell dich lieber darauf ein, dass die Trauer später mit Macht durchbricht, das kann ganz unvermutet kommen, wenn irgendwas irgendeine Erinnerung auslöst.


Wir sind hier immer für dich da, wenn du möchtest.


herzlichst, Lavendelmond

Jytte1982
07.08.2006, 13:25
@ Lavendelmond

Danke für die lieben Worte! Ich war eine Woche mit der Familie verreist und für alle, bis auf meine Mutter, war es natürlich eine Ablenkung. Kaum bin ich gestern wieder nach Hause gekommen ging es mir schon sehr mies. Im Briefkasten ein schöner Brief von einer Bank.... Ich erbe jetzt seinen Bausparvertrag, was bestimmt nicht viel Geld ist, aber das zu lesen hat mich ganz schön umgehauen...
Er hatte mich einschreiben lassen "damit da irgendein Name steht". Wir haben Witze darüber gemacht, á la "Wenn ich mal pleite bin, lass mal zusammenweggehen, dann mixe ich dir was ins Glas..." usw. Dass dann echt auf dem Papier zu lesen, war sehr hart. Also glaube ich, dass ich gaaanz langsam anfange zu verstehen... Es ist einfach: In meiner Wohnung gibt es keine Erinnerungen an ihn...bin ich bei meinen Eltern habe ich einen Kloß im Hals, weil es dort überall Erinnerungen gibt!
Ich habe jetzt noch eine Woche frei, werde die Zeit für mich selber benötigen, ein bißchen in mich fühlen, Musik hören, ich möchte Fotos raussuchen und eine Collage machen, dass ich irgendetwas Schönes von ihm habe...
Das Seltsame ist (was schon mehrer geschrieben haben), dass man denkt alles müsste doch stehen bleiben...aber es geht weiter, man muss wieder arbeiten, die Freunde erzählen Alltägliches...und ich möchte die ganze Zeit schreien: Lasst mich doch in Ruhe damit, ich habe seinen Tod noch nicht mal realisiert.

Lieben Gruß, ich melde mich wieder!
Jytte

Inaktiver User
08.08.2006, 07:19
Liebe Jytte,
irgendwie ist das wirklich so, "dass die Zeit stehen bleibt".
Natürlich nicht die im Außen, da geht es (unbarmherzig oder gar gnädig???) voran.

Aber im Inneren, in unserem Seelenleben, da steht die Zeit still. Wir halten inne, versuchen zu verstehen, blicken zurück in die Zeit als er/sie noch lebte und betrachten diese Bilder von damals.

Damals? Tatsächlich? Eben war es doch noch " JETZT " !
Wo ist das gemeinsame Jetzt und Heute hin?
Es ist gegangen mit dem Verstorbenen.

Und wir können es nicht festhalten, es gleitet durch unsere Hände und entschwindet.

Fassungslos blicken wir hinterher und bleiben zurück.

Bis wir dann eines Tages wieder Eintauchen können in ein neues Jetzt und Heute.





Liebe Jytte, ja, melde dich wieder. Wir freuen uns über jeden Beitrag hier im Forum.
Wir bauen hier gemeinsam Wegweiser und räumen uns gegenseitig hinderliche Steine aus dem Weg.
Du merkst, ich spreche gern in Bildern ;-)


Lavendelmond

exit
14.08.2006, 22:31
Hallo!

Ich möchte Dir aus eigener Erfahrung sagen - Trauer kann sich über Jahre Zeit lassen.

Bei mir dauerte es 3 Jahre ....

Bei mir war es, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass es passiert ist - endgültig.

Trotz aller Vernunft, war meine Seele nicht bereit zu akzeptieren.

Ich habe verdrängt und fast "normal" vor mich hingelebt.

Irgendwann brach es aus - ich hatte wochenlang Alpträume, Wut, und TRAUER .... endlich.

Es sagt nichts über die Stärke einer Liebe aus, wann Du deine Trauer bewältigst!!

Ein schwerer Zeitraum in deinem Leben, aber Du wirst ihn verarbeiten, bestimmt ..... auch wenn es ein bissl dauert!

Eine innige Umarmung und viel Kraft sende ich Dir!

Kappuziner
14.08.2006, 23:45
Liebe Jytte,

um auf Deine Frage zurückzukommen "wann fängt die Trauer an?".
Sie fängt an, in dem Moment, in dem Dir unwiderruflich klar wird, dass Du den Menschen verlieren wirst oder, verloren hast.
Klar, erst gibt es einen Zustand der Betäubung.
Der kann ewig lange anhalten. Der kann umschlagen, in Rausch, Euphorie, Betäubung, Besinnungslosigkeit.
Aber das sind alles nur andere Namen für die Trauer.

Versuch, Deinen Weg in dieser Trauer zu finden. Das kann Dir keiner abnehmen. Such seine Spuren, fass sie an, lass Dich berühren, soweit Du es brauchst und willst.

Mein Beileid zu Deinem Verlust.
Alle guten Wünsche für diese unfassbar harte Zeit, aus der Du hoffentlich gestärkt, aber nicht "hart" hervorgehen wirst.