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fang
01.08.2006, 16:40
Feenhaus: Gedichteecke und mehr...

fang
02.08.2006, 13:25
Argonauta 29.07.2006 21:02 Uhr

Das Phantom der Oper - Denk an Mich

CHRISTINE:
Denk an mich, denk an mich zärtlich wie an einen Traum.
Erinnre dich - keine Macht trennt uns außer Zeit und Raum.

An dem Tag, wann er auch kommen mag,
an dem du Abschied nimmst von mir.
Lass das Gestern weiterleben, schließ es ein in dir.

Natürlich war von allem Anfang klar,
dass ich dich irgendwann verlier'.
Aber wenn du dich zurücksehnst,
such mein Bild in dir.

Denk an unsre Zeit im Sonnenschein.
Denk nich an das, was nicht hat sollen sein.

Denk an mich, sieh meine Zeichen, wenn du dich verirrst.
Versuch wie ich Stärke zu zeigen, wenn du müde wirst.

Denk an mich und quälen Sorgen dich,
dann träum dich heimlich her zu mir.
Und so immer du auch sein magst,
such mein Bild in dir!

RAOUL:
Täusch' ich mich? Kann das Christine sein?
Bravo!
Lange her. Es ist so lange her.
Wie jung und scheu war'm ich und sie.
Möglich dass sie mich vergaß, doch ich vergaß sie nie!

CHRISTINE:
Was entsteht, auf dieder Welt vergeht
und eines Tages geh'n auch wir.
Doch Gefühle sind unsterblich.
Ich bleib nah...
... bei dir!

fang
02.08.2006, 13:26
Argonauta 29.07.2006 21:06 Uhr

AugenBlicke

Die Liebe
die ich für dich empfinde
die süße Verachtung
die bittere Gewißheit
eines siamesischen Zwillings
ein Teil des Anderen
zu sein

All das
kann ich auch
in deinem Blick
erkennen
obgleich mich die
in Betracht zu ziehende
Möglichkeit
der vergeblichen
Hoffnung
auf Erwiderung
täuschen könnte

Conner Fairuza Angilotti

fang
02.08.2006, 13:27
Argonauta 29.07.2006 21:08 Uhr

Noto (im Abendlicht)

Das samtene Abendlicht
durchfließt meine Augen
und breitet sich wie Balsam
auf meiner Seele aus
Die milde Kühle
umspielt meine Haut
und läßt mich spüren
wie warm mein Blut
meinen Körper durchströmt

Connor Fairuza Angilotti

fang
02.08.2006, 13:29
Argonauta 29.07.2006 23:00 Uhr

ooooooh, sorry, dass wollte ich nicht, ist ein versehen.

lg argonauta

fang
02.08.2006, 13:29
Carmelita 30.07.2006 14:11 Uhr

Die Linie von deinem Hals
zu deiner Schulter
reduziert einen Moment lang die ganze Welt
auf diese einfache Kurve,
die mich an die Krümmung des Universums erinnert.

Alle Ideen, alle Worte,
vergangene, gegenwärtige und zukünftige,
fließen in den Teil des Kreises,
den ich mit einem einzelnen Finger
bereisen kann.

Ich werde der Finger,
dann die Kurve,
danach das Universum
in dem Schmerz
und Glück der Ausdehnung.

Einen Augenblick lang
höre ich auf, ich zu sein,
und ein größeres Leben als mein eigenes
pulsiert zwischen meinen Fingern
und der Haut deines Halses.
(Ulrich Schaffer)

fang
02.08.2006, 13:30
Carmelita 30.07.2006 14:12 Uhr

Wenn du
Neben mir liegst
Und deine Seele
So aufgewärmt ist
Dass sie leuchtet
Wird dein Mund
Dein Herz
Und wenn er spricht
Wird es zu Gold
Und wenn er schweigt
Silbern es
Und wenn er lacht
Schüttet er
Allfarbene Edelsteine aus
(Irena Stasch)

fang
02.08.2006, 13:30
Vienna 31.07.2006 23:31 Uhr

Liebe

Würde ich
die Liebe beschreiben,
als buntes Bild,
würde ich schreiben
von einem schwarzen Strich
auf weißem Papier,
dünn
in der Mitte des Blattes,
stärker werdend,
sich öffnend
zum Herzen hin,
vom Feuerwerk
aus der Öffnung,
sprühend und bunt,
das den Himmel berührt
und von der Asche,
die zum Boden sinkt.
Würde schreiben
von der Glut,
die bleibt,
und dem schwarzen Strich
aus der Asche,
dünn in der Mitte des Blattes....

Ach, würde ich
über die Liebe schreiben.

[(c) Annette Gonserowski]

fang
02.08.2006, 13:31
Vienna 31.07.2006 23:34 Uhr

Schweben

Über den Wolken -
Gefühle lernen Fliegen -
Gedanken schweben.

Werde eins mit dem Himmel,
werde zur Wolke und frei.

[© Rosalva ***im + Annette Gonserowski]

fang
02.08.2006, 13:32
Whereever 01.08.2006 10:45 Uhr

VORZUG SUCHT RÜCKZUG

Vorzüglich die Formel der Höflichkeit
Ich ziehe Dein Angebot vor - vor allen anderen
Ich gebe meinen Vorzug Dir vor allen anderen
Vorzügliches Angebot von Dir für mich. Danke auch.

Du gibst mir den Vorzug vor allen anderen.
Ich sage ja und ziehe Dich vor, Du ziehst mich vor
Wir haben gut verglichen
Und nehmen uns gegenseitig – vorzüglich!

Alle anderen hinter uns, mit uns unserer vorzüglichen Wahl
Ziehen wir uns zurück in unsere neue Welt
Schaffen Räume und Träume
Für eine vorzüglichen Zeit.

Raum für Raum, Traum für Traum versichert uns die Zeit
Das unser Vorzug richtig war und noch immer stimmt.
Wir verzahnen uns im Fortschritt zu einer vorzüglichen Familie,
zu einem vorzüglichen Haus und einem vorzüglichen Kind.

Wir schätzen uns aneinander vorzüglich ab
Und sind es zufrieden, bestätigen unsere Beziehung
Als etwas Besonderes und Bevorzugtes
Bis aller Vorzug verbraucht und der Rückzug beginnt.

Die Träume und Wünsche werden unbeantwortet hinuntergewürgt
Das Wünschen und Träumen geschieht vorzüglich heimlich
Vorzug wird den Phantasien im Stillen eingeräumt
Bis sich irgendeine Passung ergibt.

Beide warten darauf, dass sie wieder bevorzugt werden
Gelegentlich wird der Vorzug im Rückzug eingefordert
Die Liebe wird lau, die Richtung taumelt umher
Das Suchen nach Vorzügen ist zuende.

Sind alle Vorzüge verbraucht, bleibt letzte Hoffnung noch im Schätzen:
Ist Anstrengungen noch Vorzug zu geben oder ist Rückzug leichter?
Der Rückzug schafft Reserven für neues Glück
Im Rückzug rettet sich die bevorzugte Wunschwelt.

Still ruhen die Vorzüge, wollen gefunden und wiederentdeckt werden
Ein neuer Fremder gibt uns den Vorzug, unser Rückzug ist besiegelt.
Ich ziehe Ihr Angebot vor - vor allen älteren
Ich gebe Ihnen meinen Vorzug vor allem vor meiner Vergangenheit
Vorzügliches Angebot von Ihnen für mich. Danke auch.

DWZL 03/2006

fang
02.08.2006, 13:32
Lelu 01.08.2006 15:25 Uhr

Denke immer daran … nur den, den Du wirklich liebst, dem gibst Du die Macht Dich zu verletzen und nur der, der dies weiß und diese Macht nicht missbraucht, der hat Deine Liebe verdient!

Carmelita
02.08.2006, 21:55
Vor Tag

Der Kuß aus Rosenblättern,
immer neue weiche kleine
Blätter der sich öffnenden Blüte.
Nicht jenes Wenig von Raum
für die Spanne des Wunschs
zwischen Nehmen und Geben.
Du hobst die Decke von mir
so behutsam
wie man ein Kind nicht weckt
oder als wär ich
so zerbrechlich
wie ich bin.
Ich wurde nicht wirklicher
als ein Gedicht
oder ein Traum
oder die Wolke
unter der Wolke.
Und doch, als du fort warst,
der zärtliche Zweifel:
Ist es tröstlich
für einen Mann
mit einer Wolke zu schlafen?
(Hilde Domin)

Pucky1
02.08.2006, 22:43
Wenn wir heute,
in einer Welt der Zwecke
und in einer Welt der Machbarkeiten,
nichts mehr hätten von der Fantasie,
von der Freude am Schönen,
von der Freiheit der Farben
und vom Schmücken der Säle,
dann wären wir mitten in dem,
was uns umgibt,
die ärmsten Menschen.

von Hermann Hesse

Vienna
03.08.2006, 07:02
Morgengrauen


in Memorian Themistoklis Papagiannopoulos

Du schenktest mir die Spalte,
die die Nacht
vom Tage trennt,
die voller Hoffnung ist
auf einen Morgen.
Ich nannte sie
Morgengrauen
und Du lachtest.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
03.08.2006, 12:14
zerbrechliche worte.

lotusknospen
eingehüllt
in weiche blätter
wie die zärtlichkeit
in meinen gedanken
an dich
(Marianne Rieter)

Vienna
03.08.2006, 23:19
Das Schönste

Ich flüchte
in Dein Zauberzelt
Liebe

im atmenden Wald
wo Grasspitzen
sich verneigen

weil
es nichts Schöneres gibt

[Rose Ausländer]

Pucky1
03.08.2006, 23:39
Je üppiger die Pläne blühn,
umso verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor,
sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!
Es nützt nicht viel,
sich rot zu schämen.
Es nützt nichts,
und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm und bessert Euch drauflos!

von Erich Kästner

Vienna
04.08.2006, 07:46
Zum Himmel

Zum Himmel
reckt sich hoch
der Halm,
lichtfreudig,
voller Leben.
Standhaltend
Wind und Sonne,
wiegt er
und lauscht,
dem Sensenschlag entgegen.

[(c) Annette Gonserowski]

Vienna
04.08.2006, 07:49
Schweben

Über den Wolken -
Gefühle lernen Fliegen -
Gedanken schweben.

Werde eins mit dem Himmel,
werde zur Wolke und frei.

[© Rosalva Godim + Annette Gonserowski]

Pucky1
05.08.2006, 00:23
Immer die kleinen Freuden aufpicken,
bis das große Glück kommt.
Und wenn es nicht kommt,
dann hat man wenigstes die „Kleinen Glücke“ gehabt.

von Theodor Fontane :smile:

Carmelita
05.08.2006, 21:18
Ich träume so leise von dir
Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,
Die sind wie deine Seele.

O, ich muß an dich denken,
Und überall blühen so traurige Augen.

Und ich habe dir doch von den großen Sternen erzählt,
Aber du hast zur Erde gesehn.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,
Ich weiß nicht wo ich hin soll.

Ich träume so leise von dir,
Weiß hängt die Seide schon über meinen Augen

Warum hast du nicht um mich
Die Erde gelassen - sage?
(Else Lasker-Schüler)

Carmelita
05.08.2006, 21:33
FREUNDSCHAFT
Das Schönste an einer Freundschaft ist nicht
das freundliche Lächeln,
die ausgestreckte Hand,
die menschliche Nähe,
sondern das Gefühl,
jemanden gefunden zu haben,
der bis in die Seele sehen kann,
und einen immer, egal was man tut ...
... versteht ...
(Autor unbekannt)

;-))

Inaktiver User
05.08.2006, 22:52
Du kannst nicht sein,
du kannst dich nur verschwenden,
kannst bleiben nicht,
die Erde wandert aller Enden;
du kannst nicht sammeln, jedes Gold wird Blei,
und nichts ergreifen, alles schwirrt vorbei;
du kannst nicht wissen, denn es war schon Trug.
Du kannst nur lieben. Lieben ist genug.

Ernst Bertram

Inaktiver User
05.08.2006, 23:23
Hallo liebe Leute!

Ich wollte Euch nur mal fragen, ob jemand ein Gedicht namens "Die Laestermuehle"
kennt.

Hier ist der Angang dieses Gedichtes:

An einem Bach, der schwatzend fiesst,
mahlt eine Muehle unverdrossen,
viel Wasser kommt ihr zugeflossen,
das sich auf Rad und Schaufel giesst.

Ein grauer Mueller steht vorm Tor,
heisst alle in die Muehle treten,
da kommen viele ungebeten,
mit schwerbeladnem Karren vor.

Die bringen soderbares Korn.
-----------------------
der Hass gemaeht mit Sichelhieben,
gedroschen hat es noch der Zorn.


Das ist leider so ziemlich alles an was ich mich erinnern kann. Ich wuerde mich freuen, wenn mir jemand aushelfen kann.

Liebe Greusse, Amerle

Paula-Fiona
06.08.2006, 11:26
Ein guter, edler Mensch,
der mit uns gelebt,
kann uns nicht genommen werden;
er lässt eine leuchtende Spur zurück
gleich jenen erloschenen Sternen,
deren Bild noch nach Jahrhunderten
die Erdbewohner sehen.

(Thomas Carlyle 1795-1881)

Paula-Fiona
07.08.2006, 10:54
Wenn einer allein träumt,
ist es nur ein Traum;
wenn viele gemeinsam träumen,
ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.

(Friedensreich Hundertwasser)

Paula-Fiona
08.08.2006, 13:58
Ich liebe dich,
du Seele,
die da irrt im Tal des Lebens
nach dem rechten Glücke,
ich liebe dich,
die manch ein Wahn verwirrt,
der manch ein Traum zerbrach
in Staub und Stücke.
Ich liebe deine armen wunden Schwingen,
die ungestoßen in mir möchten wohnen;
ich möchte dich mit Güte ganz durchdringen,
ich möchte dich in allen Tiefen schonen.

(christian morgenstern)

Inaktiver User
08.08.2006, 18:17
ABSCHIED

Das Gute
fliegt jetzt davon
dorthin
wo alles
nicht immer
in die Vergangenheit fällt
sondern täglich
auf-
und untergeht
wie die Sonne

Erich Fried

Siria
09.08.2006, 00:05
es singt die nacht...

es singt die nacht
ein sommerlied
von raum und zeit und ewigkeit
es singt die nacht
ein wiegenlied
getier in strauch und nest

den menschen hand in hand
es singt die nacht
ihr liebeslied ...

Peter Uttendorf

Monseure111
10.08.2006, 17:14
Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden.

Friedrich Nietzsche

Inaktiver User
11.08.2006, 00:01
ENTSORGEN

Sorgst du dich um mich
Sorg ich mich um dich
Gebe ich mein Bestes
Bekomm ich Deins
Komm, wir tauschen.

Liebe ich dich ehrlich
Liebst du mich gefährlich
Brennst mich ab als Fackel
Als helles Leuchten gebe ich alles
Übrig bleibt zuletzt der Griff.

Du lässt die Hände sinken
Blind vom Fackelschein
Hitze lässt dich glühen
Viel zu nah zu schnell
Was bleibt sind Fragen.

Wo bist du geblieben?
Ginge es langsamer auch?
Was treibt dich so zur Eile?
Sind es die Sorgen?
Soll ich dir meine borgen?

Du hast schon manchen alten Griff da liegen
Feuer entfacht und schnellen Brand
Hast dich verschenken müssen unerkannt
Es fehlte der richtige Augenblick
Zu sehen, wer du bist und was du willst.

Jetzt geht es ans Entsorgen
Weg die alten Griffe, freie Bahn
Alte Feuer sind nicht geheuer
Neue müssen sein
Wo sind die Zünder?

Was bleibt vom Lieben
Ist tot nach dem Gebrauch
Wird als Erinnerung entsorgt
Wie die alte Kleidung eines Toten
Die anzuziehen sich niemand traut.

Millionen Menschen haben einmal geliebt
Sind längst schon unter der Erden
Die Erinnerungen sterben langsam auch.
Im Himmel wirken gute Taten ewig weiter
Nichts davon wird dort entsorgt.

DWZL 08.06

Inaktiver User
11.08.2006, 15:06
Wenn in der tiefsten Nacht
wilde Stürme wüten
und gegen Fensterglas der Regen peitscht,
wenn ich, den Kopf schräg angelehnt,
hinausseh in die monderhellte Dunkelheit
und erst die hohe Traurigkeit sich einschleicht
– bin ich ganz bei mir.

Und wenn die Welt mir öffnet alle Türen,
wenn Menschen mich verlocken durch die Redekunst und Rosen,
wenn Schnelligkeit regiert und Frohsinn,
Geschäftigkeit mich festhält und verstrickt
und mein Lächeln wie ein Spiegel aufgesetzt
– hab ich mich wieder mal verloren.

Und wenn du da bist, auch nur in Gedanken,
im jungen Frühlingssonnenschein,
wenn Blütenknospen duften und verzücken
und Liebesschwüre hoffen lassen
auf ein Meer von Zärtlichkeit
– hab ich mich völlig aufgehoben.

Isabel Feldman

Paula-Fiona
11.08.2006, 15:37
WENN DU MICH VERGISST

Ich möchte, dass du
eines weißt.

Du weißt ja, wie das ist:
Betrachte ich
den kristallenen Mond, den roten Zweig
des säumigen Herbstes an meinem Fenster,
berühre ich
beim Feuer
die ungreifbare Asche
oder die runzeligen Körper des Holzes,
bringt mich das alles zu dir,
als wäre alles, was da ist,
Düfte, Licht, Metalle,
nichts anderes als ein Schwarm kleiner Schiffe,
hinsegelnd zu deinen Inseln, die mich erwarten.

Nun aber,
wenn du allmählich aufhörst, mich zu lieben,
werde ich aufhören, dich zu lieben, allmählich.

Wenn du auf einmal
mich vergisst,
suche nicht nach mir,
denn ich werde dich schon vergessen haben.

Scheint er dir lang und irre lodernd,
der Fahnenwind,
der mein Leben durchweht,
und entscheidest du dich,
mich auszusetzen am Rand
des Herzens, in dem ich verwurzelt bin,
so bedenke,
dass am selben Tag,
zur selben Stunde,
ich die Arme erhebe
und meine Wurzeln sich aufmachen,
einen anderen Boden zu suchen.

Doch wenn du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, dass du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu deinen Lippen,
um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen,
meine Liebe nährt sich von deiner Liebe, Geliebte,
und solange du lebst, wird sie in deinen Armen sein,
ohne die meinen zu verlassen.

[Pablo Neruda]

Monseure111
11.08.2006, 15:55
Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, daß sich vieles ändern läßt, bloß nicht die Menschen.

{Karl Marx}

Vienna
11.08.2006, 21:29
Glücklich

Ich möchte mit Dir
durch hohes Gras
und bunte Blumen gehen.
Vielleicht
würdest Du verstehen,
warum ich manchmal glücklich bin.

Ich möchte mit Dir
am Bach dort unten
schweigend in die Wellen sehen.
Vielleicht
würdest Du verstehen,
warum ich trotzdem glücklich bin.

Ich möchte mit Dir
Hand in Hand auf einer Lichtung
sehen, wie die Nebel wehen.
Vielleicht
würdest Du verstehen,
warum ich heute glücklich bin.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
11.08.2006, 21:31
Wandlung

Willst du erschaun, wie viel ein Herz kann tragen,
O blick in meins!
So reich an Wunden, vom Geschick geschlagen,
War wohl noch keins.
Doch mitten in den wütendsten Orkanen
Erhob ich mich
Und schritt dahin auf fernen Bahnen -
Wie stark war ich.

Wie ward mir doch nun so mit einem Male
Die Kraft geraubt?
Es trotzte mutig dem Gewitterstrahle
Mein stolzes Haupt,
Doch als du zu mir sprachst mit leisen Grüßen:
»Ich liebe dich!«
Da sank ich still und weinend dir zu Füßen -
Wie schwach bin ich!
(Betty Paoli)

Inaktiver User
12.08.2006, 20:21
Entgegenkommen

Die ewig Unentwegten und Naiven
Ertragen freilich unsre Zweifel nicht.
Flach sei die Welt, erklären sie uns schlicht,
und Faselei die Sage von den Tiefen.

Denn sollt es wirklich andre Dimensionen
Als die zwei guten, altvertrauten geben,
Wie könnte da ein Mensch noch sicher wohnen,
Wie könnte da ein Mensch noch sorglos leben?

Um also einen Frieden zu erreichen,
So laßt uns eine Dimension denn streichen!

Denn sind die Unentwegten ehrlich,
Und ist das Tiefensehen so gefährlich,
Dann ist die dritte Dimension entbehrlich.

Hermann Hesse

Carmelita
12.08.2006, 21:26
Für mich

Ganz vorsichtig
und zart
lege ich meine Hände
an dein Herz
und wünsche mir
dass es nur
für mich schlägt
(Gerhard Rombach)

Carmelita
12.08.2006, 21:32
Lass uns Sein

Wir sind glühend
und nachtlos
im feiernden Schein
wenn wir lieben.
Verlassen Grenzen
des schalen Erfüllens
betten Rosen
in erdigem Grund
der getränkt
mit verendeten Tränen.
Ich feier dich
wie mich.
O Liebe
lass uns Sein.
(Edith Maria Bürger)

netter-Michael
12.08.2006, 21:51
"Immer wieder - DU"

Immer wieder
lieb ich Dich,
weil Du so
anders bist als ich.

Immer wieder
werd ich Dich suchen,
jedes Abenteuer
werd ich daher buchen.

Immer wieder
werd ich Risiken eingehen,
denn ich weiß
unsere Liebe läßt nichts geschehen.

Immer wieder
sag ich ja zu Dir,
denn Du bist
alle Liebe in mir.

Immer wieder
zeigst Du mir was Liebe ist,
Deine Augen, Deine Art
zeigen mir das Du ein Engel bist.

Immer wieder
wird unsere Liebe Zauber u. Magie,
und ich weiß
die unendliche Liebe zu Dir endet nie.

Immer wieder
bin ich bei Dir das wahre Ich,
ohne Masken, ohne Spiel
verschmolzen Du u. Ich in einem Ich.

Immer wieder
nur Du und ich,
mein Gott
lieb ich Dich!
(Autor Michael)

In seelischer Liebe u. Gute Nacht Michael

netter-Michael
12.08.2006, 21:56
Noch eins, auf die "Schnelle"

"Wer bist DU"

Sieh tief
in Deine Seele geschwind,
dann siehst Du
wie unsterblich wir sind!

Frage Dich
wer Du bist und wo Du gehst,
dann antworte Dir
Du weißt jetzt u. Du verstehst!

Jetzt weißt Du
runter mit den Masken und den Lügen,
Du stehst zu Dir
und wirst nimmer mehr Dich betrügen!

Du bist
gekommen um Liebe zu schenken,
an der Zeit
ists zu erkennen, handeln u. neu zu denken!
(Autor Michael)

Monseure111
13.08.2006, 14:04
Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewußtseins.

Marie von Ebner-Eschenbach

Monseure111
13.08.2006, 14:08
Denken und sein werden vom Widerspruch bestimmt.

Aristoteles

Inaktiver User
13.08.2006, 17:10
Zuweilen werde ich bei dir sein,
so still und leise wie ein Duft.
Du siehst ihn nicht, du hörst ihn nicht,
und dennoch küsst er deinen Mund

und weckt dir alle Sehnsucht.
Du wirst nicht wissen, was geschieht,
auf einmal bin ich ganz dein Herz,
auf einmal bin ich ganz dein Lied.

Alfons Petzold

Vienna
13.08.2006, 21:40
Gefühle

Wo sind die starken Gefühle,
die wie der Wüstenwind
plötzlich hereinbrachen,
die durch die Gedanken fegten,
das Herz beben,
den Körper erglühen ließen?

Sie schlichen fort,
heimlich wie der Schakal,
dessen Spur
der Wind verweht,
von dessen Berührung
des Sandkorn träumt.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
14.08.2006, 11:22
Du bist die Sonne...

Du bist die Sonne, die nicht untergeht;
Du bist der Mond, der stets am Himmel steht;
Du bist der Stern, der, wenn die andern dunkeln,
Noch überstrahlt den Tag mit seinem Funkeln;

Du bist das sonnenlose Morgenrot;
Ein heitrer Tag, den keine Nacht bedroht;
Der Freud und Hoffnung Widerschein auf Erden -
Das bist du mir, was kannst du mehr noch werden?
(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

Carmelita
14.08.2006, 11:31
Einer wie du

Schlafentwöhnt kann ich
mir endlich sicher sein
"Wir" zu sagen und es
auch meinen zu dürfen
um in Wundern anzuhalten

Abgelegenen Parkbuchten
seltsame Namen zu geben
im Rausch deiner Nähe
für den Kopf unter Wasser
einen Damm zu bauen

Wie eine Festung die sich
über Nacht erhoben hat
unter den Lichtreflexen
auf getönten Fensterscheiben
ganz einfach sich erklärt

In unseren Stimmen die
einander lautlos treffen
sind alle Worte geöffnet
und jede Pore meiner Haut
wird nach jemandem suchen

Der sich an sie erinnert und
mühelos alle Lücken füllt
mit kleinen Sätzen wie
"schön dass du da bist"
sich ernst nehmen lässt

Der nie aufhört zu fragen
ob man auch ganz sicher
nicht friert in seinen Armen
falsche Antworten zulässt
und dennoch immer versteht
(Myriam Keil)

Vienna
14.08.2006, 12:02
Sonnenaufgang am Meer

Sanft wiegen Wellen
an den Strand,
ein dunkles Wolkenband
eint Himmel und Meer.

Die Sonne,
bewußt des Ziels,
bewußt der Macht,
entsteigt dem Meer,
vertreibt die Nacht,
treibt Purpur vor sich her,
umkränzt die Wolken golden,
begrüßt den Morgen,
macht filigran das dunkle Band,
und leicht nächtliche Sorgen.


[(c) Annette Gonserowski]

Inaktiver User
14.08.2006, 12:48
Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde.
Du sagst, du drehest dich um mich.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich werde
in meinen Nächten hell durch dich.

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde.
Sie sagen, du veränderst dich.
Allein, du änderst nur die Lichtgebärde,
und du liebst mich unveränderlich.

Du bist mein Mond, und ich bin deine Erde.
Nur mein Erdschatten hindert dich,
die Liebesfackel stets am Sonnenherde
zu zünden in der Nacht für mich.
Friedrich Rückert

Vienna
14.08.2006, 23:40
Vielleicht


Wenn Du sagen würdest:
"Komm"

vielleicht

würde ich über den Schatten springen
und dahinter die Hoffnung finden

vielleicht

wäre Dein Lächeln
mir Licht.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
15.08.2006, 17:59
Du beraubst mich des Radiums deiner Augen
Und der Lieder deines Mundes.
Ich finde kein Gold mehr in deinen Adern,
Eine Wahrsagerin hat mir längst
Ihr Versiegen prophezeit.
Von was soll ich leben?
Von was soll ich träumen?
Ohne das Morphium deiner Küsse?
Eine Bettlerin bin ich
Ohne deine kostbaren Zärtlichkeiten.
In welches Land, auf welchen Stern entfliehen
Vor dem Bankrott meines Herzens?
(Claire Goll)

Inaktiver User
15.08.2006, 18:22
Wiesengras

Das Wiesengras ist lang und weich,
Die Sonne flammt und glüht,
Um rote Disteln zittert die Luft,
Die ganze Wiese blüht.

Wie Wachen, stark und scharf bewehrt,
Die Disteln uns umblühn,
Weich ist und lang das Wiesengras
Und deine Lippen glühn.

Deine glühenden Lippen zittern leicht,
Wie Blumenblätter im Wind,
Deine Lippen, die viel roter noch
Wie die roten Blumen sind.

Ich sehe die roten Blumen nicht,
Ich sehe dich nur an
Und küsse deinen roten Mund,
Solange ich küssen kann.


Hermann Löns (1866-1914)

Paula-Fiona
16.08.2006, 13:14
DIE BLAUE MUSCHEL

Deine Spuren im Sand
hatte der Wind schon verweht,
bevor du gingst.
Auf meinen Lippen brennt noch
das Feuer deiner Küsse,
und dein Duft haftet noch
auf meiner Haut.
Bald wird auch das vergangen sein,
und nur die kleine, blaue Muschel,
die du mir schenktest,
wird die Erinnerung an dich
zurückrufen und mich von der Glut
der Liebe träumen lassen.

*Annegret Kronenberg*

Paula-Fiona
16.08.2006, 13:15
Liebe ist nie verloren.
Wird sie nicht erwidert,
so fließt sie zurück
und tröstet und reinigt
das Herz.

*Washington Irving*

Vienna
16.08.2006, 13:31
Eines Tages...

Eines Tages
werde ich Dir ein Gedicht schreiben,
das weder die Luft erwähnt
noch die Nacht,
ein Gedicht,
das die Namen der Blumen auslässt,
in dem es keinen Jasmin
und keine Magnolien gibt.
Eines Tages
werde ich Dir ein Gedicht schreiben
ohne Vögel und Quellen,
ein Gedicht
das das Meer umgeht
und das nicht in die Sterne schaut.
Eines Tages
werde ich Dir ein Gedicht schreiben,
das sich darauf beschränkt,
mit den Fingern
über Deine Haut zu fahren,
und das Deinen Blick
in Worte verwandelt.
Ohne Vergleiche, ohne Metaphern,
eines Tages
werde ich Dir
ein Gedicht schreiben,
das nach Dir riecht,
ein Gedicht
mit dem Rhythmus Deines Pulses,
mit der Kraft,
dem Druck Deiner Umarmung.
Eines Tages werde ich Dir
ein Gedicht schreiben,
den Gesang meines Glücks.



[Darío Jaramillo Agudelo]

Vienna
16.08.2006, 13:33
BLUMEN

Im Frühjahr neunzehnhundertzweiundfünfzig trugen
die Mädchen weiße Blusen und grüne
Strickpullover und auf der Straße erklang
das ungeduldige Summen von Blumen und Blättern,
in dem sich die schwarze Haut des Mandelbaums versteckte.
Ich zählte dreißig Jahre; auch die kommen mir jetzt frühreif
vor. Aber kein Wind richtet sie hin. Sie bleiben
da, nicht überzeugend und trocken, unter den ganzen Jahren,
die kommen, um das zerstreute Alter neu zu bedecken,
das stumpfe Weiß und das herbe Grün,
und jener leichte Wind in den breiten Straßen
mit Mädchen, Blumen und Blättern, die Erinnerung,
die mir davonläuft, ganz verwirrt, der Zukunft entgegen,
verwandelt sich in Verlangen, und mein Erinnern grünt wieder.

[Gabriel Ferrater]

Vienna
16.08.2006, 13:35
Morgendämmern

Meine Hand tastet langsam und sucht
den Morgen
unter Tüchern verborgen
steht er leis´
da sein Tag von der Nacht
sich noch löst
bleibt die Pracht
unentdeckt
nur die Hand ward geweckt
ihn freudig zu grüßen
und mit Küssen gar süßen
kommt dein strahlender Morgen in mir

[Jo Lenz]

windrose
16.08.2006, 13:39
DIE BLAUE MUSCHEL

Deine Spuren im Sand
hatte der Wind schon verweht,
bevor du gingst.
Auf meinen Lippen brennt noch
das Feuer deiner Küsse,
und dein Duft haftet noch
auf meiner Haut.
Bald wird auch das vergangen sein,
und nur die kleine, blaue Muschel,
die du mir schenktest,
wird die Erinnerung an dich
zurückrufen und mich von der Glut
der Liebe träumen lassen.

*Annegret Kronenberg*


nein, blau war die muschel nicht *lach* aber erinnerung kommt :smirksmile:

Inaktiver User
16.08.2006, 14:20
Diane Mönch (geb. 1977)

Neben Dir

Neben Dir führt eine schmale Straße
um die Welt.
Neben Dir führt eine helle Straße
entlang der blauen bewegten Flächen
um das vollständig Mögliche.
Aus Wolken ist sie gepflastert,
von Fröhlichkeit gesäumt,
mit Wärme beschienen,
von Respekt begleitet -
in Liebe tragend
wird sie zu meinem Weg.

Kruina
16.08.2006, 15:20
Das Geschenk

Sie schenkte ihm ihre Probleme,
liebevoll eingepackt
in Zärtlichkeit und Leidenschaft.

So sehr er sich auch bemühte:
er konnte sie nicht lösen;
so gab er ihr
das Geschenk zurück.

Da wollte sie auch
die Verpackung wieder haben.

Aber er hatte daraus
Papierschwalben gefaltet,
die waren ihm
längst davongeflogen.

H. Kruppa

Paula-Fiona
17.08.2006, 09:45
Weil...
du ein Mensch bist
weil
ein Mensch eine Muschel ist
die manchmal tönt
weil
du in mir tönst
als wär ich eine Muschel
weil
wir uns kennen ´
ohne Namen und Samen
weil
das Wort Welle ist
weil
du Wort und Welle bist
weil
wir strömen
weil
wir manchmal zusammenströmen

WORT WELLE MUSCHEL MENSCH

*Rose Ausländer*

Carmelita
17.08.2006, 18:37
In meinem glühendsten Tulpenbaum
In meinem glühendsten Tulpenbaum
tausend Blüten!

Eine süße Stimme singt:
Blaue Flügel aus Perlmutter,
als Hochzeitsbett ein Lilienblatt,
eine ganz kleine Prinzessin!

Keiner kennt mich.

Niemand weiß,
wo mein Haus steht.

Sieben Regenbogenbrücken
funkeln zu ihm durch meinen Garten.

Wenn in deine Seele die Sonne scheint,
besuch mich mal.

Hörst du?

Starr, aus Schlangen gewunden,
steht der Baum.

Ein Windstoss rüttelt,
wie tanzende Flammen wehn seine Blüten.
(Arno Holz)

Vienna
17.08.2006, 19:49
Worte

Ich setzte ein Wort,
um Abstand zu halten -
es baute eine Brücke.
Da nahm ich alle Schutzworte,
warf sie über das Geländer.
Unverhüllt
trafen mich Wortwaffen -
nun warte ich
auf ein Wort,
das heilt.

(c) Annette Gonserowski

Vienna
17.08.2006, 19:59
Meine Träume mondbeglänzt

Mir träumte, der Glanz von
huntertausend Sternen läge auf deinem Haar,
sammelte sich zu sprühenden Funken
in deinen Augen, so hell in ihrer gleißenden
Unentrinnbarkeit, so schmeichelnd dem
begrenzten Tag ...
immer führt er zur Nacht,
nach deren samtenen Ufern ich mich sehne,
wie nach deinem weichen Mund.
Lasse uns eine Tat vollbringen,
die die Nacht nicht verschlingen kann ...

[Margit Günther]

Vienna
17.08.2006, 20:00
Variation - Variación

Die Stille in der Luft
unter dem Ast des Echos.

Die Stille im Wasser
unter dem Laub der Sterne.

Die Stille deines Mundes
im Dickicht der Küsse.

[Federico García Lorca]

Kruina
17.08.2006, 23:44
Alles hat seine Zeit,
die Zeit der Liebe,
der Freude und des Glücks,
die Zeit der Sorgen und des Leids.
Es ist vorbei. Die Liebe bleibt.

Alles hat seine Zeit.
Es gibt eine Zeit der Stille,
eine Zeit des Schmerzes und der Trauer,
aber auch eine Zeit der dankbaren Erinnerung.

Alles Wachsen ist ein Sterben,
jedes Werden ein Vergehen.
Alles Lassen ein Erleben,
jeder Tod ein Auferstehn.

(Tagore)

Kruina
18.08.2006, 19:31
Ehekrach ... Kurt Tucholsky

"Ja!"
"Nein!"
"Wer ist schuld?"
"Du!"
"Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!"
"Du hast Tante Klara vorgeschlagen!
Du läßt Dir von keinem Menschen was sagen!
Du hast immer solche Rosinen!
Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen -
Du hörst nie. Ich red Dir gut zu ...
Wer ist schuld?
"Du."
"Nein."
"Ja."

"Wer hat den Kindern das Rodeln verboten?
Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten?
Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten?
Wem passen wieder nicht die Betten?
Wen muß man vorn und hinten bedienen?
Wer dreht sich um nach allen Blondinen?
"Du - !"
"Nein."
"Ja."
"Wem ich das erzähle...!
"Ob mir das einer glaubt -
und überhaupt!"
"Und überhaupt!"
"Und überhaupt!"

Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt:
Ihr wißt nicht, was Euch beide plagt.
Was ist der Nagel jeder Ehe?
Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Menschen sind einsam. Suchen den andern.
Prallen zurück, wollen weiter wandern ...
Bleiben schließlich ... Diese Resignation:
Das ist die Ehe. Wird sie Euch monoton?
Zankt Euch nicht und versöhnt Euch nicht:
Zeigt Euch ein Kameradschaftsgesicht
und macht das Gesicht für den bösen Streit
lieber, wenn ihr alleine seid.

Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still.
Jahre binden, auch wenn man nicht will.
Das ist schwer: ein Leben zu zwein.
Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.

Vienna
19.08.2006, 12:25
Wer bist Du?


Wer bist Du?

Die SMS im Archiv
meines Handys?
Der Datenmüll
im Mailfach meines Rechners?
Die Begegnung
in einem virtuellen Traum?
Der fremde Gedanke,
der meinem ähnlich war?
Die Worte,
die Anker schlugen in meinem Herzen?

Du warst niemals Phantasie.

Du bist der Mensch,
hinter all diesem,
der Ausdruck meiner Sehnsucht wurde,
die in mir war.

[(c) Annette Gonserowski]

Monseure111
19.08.2006, 15:31
Ein Hallo*
Ich zitiere niemanden; OK:-))
Mir gefällt nur DIESES Zitat:
*
Nimm dir Zeit zum Lachen,
es ist die Musik der Seele...
Nimm dir Zeit, freundlich zu sein,
es ist der Weg zum Glück...
aus Island
__________________

Vienna
20.08.2006, 22:43
Gefühle


Meine Gefühle,
freigelassen
wurden sie zur zahmen Taube,
die die Krumen
vom Boden pickte,
die man ihr hinwarf
vor ewigen Wochen,
vertrocknet und spärlich.

Meine Gefühle,
eine Taube,
schutzlos und weiß,
von einem Falken geschlagen,
zerfleddert,
in tiefschwarzer Nacht.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
21.08.2006, 14:27
Wortverlangen

Sehnend
folge ich
dem feinen Zauber
deiner Rhythmusspuren
staunend
den schwarzen Zeichen
hingegeben
die tausend
bunte Fantasien
weben

Behutsam
wandle ich
auf Zehenspitzen
um eine leise
Ahnung
deines Wesens
einzufangen
und spüre dich
mit jedem Wort
auf meiner Haut
(Heike Dehm)

Carmelita
21.08.2006, 14:31
Wenn du gehst

Nimm den Frühling mit
wenn du gehst
und diesen Sommer
den wir so liebten

Nimm die Sehnsucht mit
die mich verzehrt
und die Träume ohne die es
kein Leben gibt

Nimm die Hoffnung mit
die spät zu mir kam
und viel zu früh
verblasste

Nimm mein Leben mit
wenn du gehst -
meine Träume
meine Hoffnung

und mein altes Herz
(Gerhard Rombach)

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:52
Freiheit

Es ist der Augenblick
in dem man sich seiner Sache
so sicher ist
dass man alles um sich vergisst

Es ist der Augenblick
ohne Zukunft
ohne dass jemals etwas war

Es ist die Stunde der Vergebung
ohne vergeben zu müssen
Es ist die Stunde der Leichtigkeit
weil es nie anders war

Es ist der Augenblick
so weich und sanft
weil das Leben
weich und sanft ist

Es ist der Augenblick
der so vertraut ist
dass nichts mehr zu fragen
ist

Warum lasst ihr nicht zu
dass ich dort verweile?
Warum wollt ihr mich zurück
Ohne mir das bieten zu können?

Warum könnt ihr es nicht ertragen
jemanden ohne Zukunft
ohne Vergangenheit
mitten unter euch zu haben?

Muss man fordern
von anderen
Muss man leisten
für andere
Nur um euch zu gefallen?

Lasst mich gehen
Lasst mich
sein

Lasst mich gehen
Lasst mich
sein

Isaac Fleming

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:53
Auf die Frage was Glück sei

Auf die Frage was Glück sei
konstruiere ich folgende Sätze
wenn du anrufst
werde ich vor Glück weinen
wenn du anriefest
würde ich vor Glück weinen
wenn du angerufen hättest
hätte ich vor Glück geweint
wenn du anrufen hättest wollen
hätte ich weinen können
was gemessen an der alles beherrschenden Kälte
ein Glück gewesen wäre

(Dorothee Sölle)

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:54
Wo soll man weinen

Wo soll man weinen in dieser Stadt
Mit dem asphaltierten Himmel?
Immer irrend zwischen den Passanten
Zwischen den Winden
Einsamer als ein Baum der Boulevards
Der von seinem Aprilwald träumt
Sehr fern vom Leben möchte ich sein
An den Ufern deiner Augen
Den beiden Bergseen
Unter dem Kaukasus deiner Stirn
Mich verbergen hinter deinen Wimpern
Meinen Trauerweiden
Und im krausen Farn deiner Haare
Wo wir so oft Selbstmord planten
Die Hasen das Zinnkraut und ich
Auch Angst vor November

Claire Goll

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:55
Unaufhaltsam

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige
eben noch ungesprochene
Wort?

Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinen Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf, an-
zukommen.

Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.

Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

(Hilde Domin)

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:56
Als ich dich verlor, haben wir beide verloren:
ich, weil du warst, was ich am meinsten liebte,
und du, weil ich es war, der dich am meisten liebte.
Doch von uns beiden verlierst du mehr als ich:
weil ich andere lieben kann, wie ich dich liebte,
aber dich wird niemand so lieben wie ich.

[Ernesto Cardenal]

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:57
Wir träumen davon,
einen Menschen zu finden,
der ganz eins mit uns ist.
Weder erfüllt sich der Traum,
noch wird er vergebens geträumt;
wer ihn nicht träumt,
hat von der Liebe
nie etwas erfahren.

*Verfasser unbekannt*

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:58
Oh, das Wohlgefühl,
das unaussprechliche Wohlgefühl,
sich bei einem Menschen sicher zu fühlen,
weder Gedanken zügeln,
noch Worte wägen zu müssen,
sondern sie aussprechen zu dürfen,
wie sie kommen,
Spreu und Weizen in einem,
und zu wissen,
eine brüderliche Hand werde sie aufnehmen und sondern –
bewahren, was des Bewahrens wert ist,
und das übrige mit gütigem Hauch hinwegblasen!

George Eliot

Paula-Fiona
21.08.2006, 15:59
Fast Glück

Kann jetzt auf einmal
fast alles
wieder
fast alles
bedeuten
nicht nur Hartnäckigkeit
und Mut
sondern auch fast wieder
noch Hoffnung?
Und kann das wirklich
fast durch Zufall
und wirklich noch
oder fast noch
zur rechten Zeit
so gekommen sein?
Und wenn das so sein kann
muss dann nicht auch die Angst
die zum Glück
jetzt vor Glück
fast unsichtbar ist
wieder kommen
und muss sie nicht sogar
fast noch größer werden?
Die Angst
dass es wieder
verloren gehen könnte
und dass das dann
fast nicht zu ertragen wäre

Erich Fried

Monseure111
21.08.2006, 16:06
Macht und Dummheit

Lang schon bin ich auf der Welt
Als dass mir jeder Stand gefällt
Der König frisst, der Bettler hungert
Die Dirne vor dem Himmel lungert

Als Narr hab ich Spott und Zwietracht gesät
Hab als Priester um Erlösung gefleht
Weit haben mich die Füße getragen
Hört, hört mich sagen

: Niemals
Ich werde nie ewig sein
Niemals

Dummheit wird mein Henker sein :

Ich kenn' Menschen mannigfalt
Klein und groß, jung und alt
Im Himmel röstet diese Brut

Ergebenheit die schürt die Glut


Wo Macht und Lüge Wahrheit tritt
Tut die Dummheit meist den ersten Schritt
In der Hölle ist das Paradies
Reich an Tagen ? hört mich sagen

: Niemals... :
Stumpfsinn wärmt des Thrones Lehne
Der Pfeil liegt auf der Sehne
Bereit zum Schuss mich zu strecken
Hab gewagt mein' Stolz zu wecken

Der Schütze zittert schweißdurchnässt
Ein Fingerzeig ihn warten lässt
Die Augen zu, er hält inne
Der Sonne glanz durchfährt die Sonne

: Niemals... :

Niemals
Niemals
Ich werde nie unsterblich sein

in extremo
__________________

Siria
21.08.2006, 22:04
Seelenbad

Den Kopf gestützt in beide Hände
den Blick geradeaus ins Nichts
im Innern seiner Körperwände
entschwunden eignen Angesichts

So zieht die Zeit ganz ohne Hasten
vorbei in Windeseil und Ruh
ein Laut nur aus dem Uhrenkasten
der taktet sanft Musik dazu

Längst kalt, die Tasse mit Kaffee
vergessen, gänzlich unbeachtet
von friedensvoller Odyssee
nun eingehüllt und sanft umnachtet

In sich versunken ohne Eilen
fernab von jeglich Soll und Muss
im eignen Seelenbad verweilen
bringt wundersamen Wohlgenuss

Biggi

Monseure111
22.08.2006, 11:44
Macht und Dummheit

Lang schon bin ich auf der Welt
Als dass mir jeder Stand gefällt
Der König frisst, der Bettler hungert
Die Dirne vor dem Himmel lungert

Als Narr hab ich Spott und Zwietracht gesät
Hab als Priester um Erlösung gefleht
Weit haben mich die Füße getragen
Hört, hört mich sagen

: Niemals
Ich werde nie ewig sein
Niemals

Dummheit wird mein Henker sein :

Ich kenn' Menschen mannigfalt
Klein und groß, jung und alt
Im Himmel röstet diese Brut

Ergebenheit die schürt die Glut

Wo Macht und Lüge Wahrheit tritt
Tut die Dummheit meist den ersten Schritt
In der Hölle ist das Paradies
Reich an Tagen ? hört mich sagen

: Niemals... :

Stumpfsinn wärmt des Thrones Lehne
Der Pfeil liegt auf der Sehne
Bereit zum Schuss mich zu strecken
Hab gewagt mein' Stolz zu wecken

Der Schütze zittert schweißdurchnässt
Ein Fingerzeig ihn warten lässt
Die Augen zu, er hält inne
Der Sonne glanz durchfährt die Sonne

: Niemals... :

Niemals
Niemals
Ich werde nie unsterblich sein

in extremo...

Monseure111
22.08.2006, 11:47
Ach du lieber Himmel!

DAS HATTE ICH JA SCHON!!

Sorry :-o

Monseure111
22.08.2006, 11:50
Ach du lieber Himmel!

DAS HATTE ICH JA SCHON!!

Sorry :-o
Der Beweis von Heldentum liegt nicht im Gewinnen einer Schlacht, sondern im Ertragen einer Niederlage.
(David Lloyd George,

Vienna
23.08.2006, 18:42
Alles, was bleibt

Alles, was bleibt
Gefühl, Gedanken, seine Nähe,
der Ton seiner Stimme,
der Duft seiner Haut
all das bleibt

Der Schmerz über das Vergangene,
der Platz für ihn im Herzen,
die schönen Stunden
all das bleibt. Jedes Wort, jede Zärtlichkeit
jede Minute, an die man sich erinnert
an seine Worte, wie er sagte,
dass er sie liebt all das bleibt. Schmerz und Zorn über das Goodbye
ob nun echt, ob Eitelkeit,
auch der Kampf zwischen Gefühl und Verstand
auch das bleibt für sehr lange Zeit. Schau nach vorn, denk nicht zurück,
bewahr die schönen Stunden Dir im Herzen,
atme durch und lieb das Leben denn Leben ist es,
was für immer bleibt

[Erich Fried]

Vienna
23.08.2006, 18:43
Nicht müde werden

Nicht müde werden
Sondern dem Wunder
Leise
Wie einem Vogel
Die Hand hinhalten

[Hilde Domin]

Vienna
23.08.2006, 18:46
Die Liebe. muss sie sein

rasend. muss sie sein
die Liebe, rasend.
Sie muss dir die Haut
herunter reißen und
das Fleisch verbrennen
dir den Atem schnüren
und als Schrei von deinen
Lippen bluten.

Still, muss sie sein
die Liebe. ganz still.
Sie muss dir Balsam auf alle
deine Wunden legen und die
Hitze der Lust zur Wärme kühlen
dir den Atem des Lebens einhauchen
und das Blut von deinen
Lippen küssen.

Die Liebe, muss sie sein
die Liebe, die Liebe.

[Lylo]

Inaktiver User
23.08.2006, 18:52
Gedicht über die Liebe

Die Katzte sitzt voll Hinterlist
am Fenster und kuckt, wie es pisst.

Derweil die Mäuse in der Kammer
sich ungeniert des Lebens freun.

Am Ende ham se nich mal Jammer,
die Katze tut gar nix bereun.

So, wer noch lebt oder verschieden.
Das Ende heißt für alle: Frieden.

copyright bei meiner schlohweißen Katze mit einem blauen und einem grünen auge

Inaktiver User
23.08.2006, 19:10
Ich hielt dem Wunder meine Hand hin.
Aber es war schon satt.

Siegfriede Freud

Carmelita
23.08.2006, 20:05
So verschieden

Wir sind ja so verschieden

Verschieden wie Wasser und Feuer
Verschieden wie Tag und Nacht
Verschieden wie Mutter und

Schraube
wir passen gut zusammen.
(Annette Kast-Riedlinger)

Carmelita
23.08.2006, 20:06
Umwege

Vielleicht gibt es keine Umwege.
Vielleicht sind Umwege Wege,
Die wir gehen müssen,
Damit wir uns klar darüber werden,
Worauf es ankommt.
Haben wir nicht gerade auf den Umwegen gelernt,
Was unser Weg ist...?

Vielleicht sind alle unsere Wege gleich wichtig.
Unterschiedlich ist nur,
Wie wir sie gehen.
Der tiefe Sinn eines jeden Weges
Erschließt sich in unserem Herzen.

Alles ist Weg,
Wenn Du bewusst lebst.
Alles ist Weg,
Wenn Du nicht stillstehst.
(Ulrich Schaffer)

Vienna
24.08.2006, 18:41
Der Kuss

Meine Lippen auf deinen Lippen,
zart,
ein Hauch, ein leichter Wind,
sanft,
einer Feder gleich,
innig,
gefühlvolle Berührung,
leidenschaftlich,
atemlose Unendlichkeiten,
nur mit dir, immer nur mit dir.

[Sabine Fenner]

Vienna
24.08.2006, 18:43
Tempi I

Mein Stück Süße von der Mandarinenschnitte
mein Specht gefiederte Schlange
Kolibrie, der meine Blume schnäbelt meinen Honig trinkt
meinen Zucker schlürft mir die Erde berührt
Anturio die Höhle das Haus der Abenddämmerungen
der Donner der Meere Segelschiff
Legionen von Vögeln Möwe im Tiefflug süße Mispel
Palme die meinen Beinen Strände gebiert
hoher Kokosmast, bebender Obelisk meines Untergangs
Schaum meiner Haut Regen Quelle
Kaskade in meinen Bachbett Brunst meiner Umtriebe
Licht deiner Augen Briese auf meinen Brüsten
verspielter Hirsch in meinem Wald aus Geißblatt und Moos
Wächter meines Lachens Schutz des Pochens
Kastagnette Schelle Jubel meines Rosenhimmels
aus Frauenfleisch mein Mann du einziger Talisman
Zauber meiner wüstenhaften Blätter komm noch einmal
ruf mich drück mich an deinen Hafen der heiseren Wellen
Erfüll mich mit deiner weißen Zärtlichkeit ersticke meine Schreie

Laß mich aufgelöste Frau sein

[Gioconda Belli]

Vienna
24.08.2006, 18:44
Kleine Auseinandersetzung

Du hast mir nur ein kleines Wort gesagt,
Und Worte kann man leider nicht radieren.
Nun geht das kleine Wort mit mir spazieren
Und nagt ...

Uns reift so manches stumm in Herz und Hirn,
Den andern fremd, uns selbst nur nah im stillen.
Das schläft, solang die Lippen es verhüllen,
Entschlüpft nur unbewacht, um zu verwirrn.

Was war es doch? Ein Nichts. Ein dummes Wort ...
So kurz und spitz. Leis fühlte ich das Stechen.
In solchen Fällen kann ich selten sprechen,
Drum ging ich fort.

Nun wird ein Abend wie der andre sein,
Sinnlos mein Schweigen, ziellos mein Beginnen.
Leer wird die Zeit mir durch die Finger rinnen.
Das macht: ich weiß mich ohne dich allein.

... Ich muß schon manchmal an das Ende denken
Und werde dabei langsam Pessimist.
So ein paar kleine Silben können kränken.
- Ob dies das letzte Wort gewesen ist?

[Mascha Kaléko]

Aus: 'Das lyrische Stenogrammheft'

Siria
24.08.2006, 20:14
Freiheit

Oh nein,
nicht frei wie ein Vogel
muss man sein.
Die Gewissheit,
die Flügel strecken zu können
reicht allein.

Biggi

Carmelita
24.08.2006, 20:39
Aus vertrauter Wärme
flog ich hinaus
wie auf der Flucht
Eiskalter Hauch
in der Welt dort draußen
in mir ungestillte Sehnsucht
Im Gepäck Hoffnungen
und viele Träume
hab es nicht verlernt
das Licht im Dunkeln zu sehen
Ich bin angekommen
weich gelandet
Es tut gut nicht mehr
im Regen zu stehen
(Anne Seltmann)

Carmelita
24.08.2006, 20:48
Und wenn die Zeit kommt
Traumhaft stillt die Phantasie
Auf den Lippen Perlen aus Morgentau
Blütenkelch besonderer Art
Farbpalette der Glückseeligkeit
Piano einer Symphonie der Nacht
(Sabine Fenner)

Vienna
25.08.2006, 00:01
Cap de la Nao

Entflohen
dem heißen Asphalt,
entflohen
der sommerlichen Glut.

Bin atemschwer,
bin schweißbenetzt,
bin suchend
nach etwas küler Luft.

In tiefes
unendliches Blau gehüllt,
Cap de la Nao.

Ich stehe dort,
windumtrieben,
mein Schatten spielt
mit den kühlenden Schatten
der Pinien.

[Claudia Ackermann] Spanien 2006

Vienna
25.08.2006, 07:27
Duft an Duft

Duft an Duft
verströmen
Heckenrosen
und Jasmin.
Zu ihren Wurzeln,
vom Feld verweht,
blüht das Vergißmeinnicht.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
25.08.2006, 22:42
Zuweilen werde ich bei dir sein

Zuweilen werde ich bei dir sein,
so still und leise wie ein Duft.
Du siehst ihn nicht, du hörst ihn nicht,
und dennoch küsst er deinen Mund

und weckt dir alle Sehnsucht.
Du wirst nicht wissen, was geschieht,
auf einmal bin ich ganz dein Herz,
auf einmal bin ich ganz dein Lied.
(Alfons Petzold)

Carmelita
25.08.2006, 22:50
Sogno - ich träume

Ich träume diese Küsse,
die mich beben ließen,
träume Haut
und deren Duft.

Und weil das Meer oft endlos scheint,
träume Wellen,
auf denen die Ewigkeit schwimmt.

Ich träume Einsamkeit,
träume das Lachen,
träume das Leben,
wie den Tod.

Ich träume mich in Armen eines Freundes,
der nicht fragt,
der schweigt,
nichts von seiner Last auf mich legt.

Ich träume Kind zu sein
im Alter von Achtzig,
ohne dafür verlacht zu werden.

Welche Farbe hat ein grauer Tag?
Welche Farbe ein schlecht gelebtes Leben?
Welchen Geschmack hat die Einsamkeit?
Welchen Geschmack das Lachen?

Ich träume mir, geträumt zu haben
nicht versäumt,
ich träume mich als Regentropfen,
der belebt.

Und weil das Meer nicht endlos ist,
träume ich Küste,
die ich bin.
(Martin McHuber)

Vienna
26.08.2006, 12:25
So einfach

Ach, wenn es doch nur
so einfach wäre,
mich zu akzeptieren
oder Dich.

Die Grenzen
zu akzeptieren
und die Zwischenräume,
dass zwischen schwarz und weiß
grau ist,
dass es die Zwischentöne gibt,
dass die Entfernung
die Nähe beinhaltet.

Ach, wenn es doch nur
so einfach wäre,
mich zu verstehen
oder Dich.

In den Grenzen
Dich finden
oder mich,
zu wissen,
dass Du in den Zwischenräumen bist,
oder ich es bin,
dass unsere Töne füreinander
anders sind
und eine Entfernung
die Nähe nicht ausschließt.

Ach, wenn es doch nur
so einfach wäre,
zu glauben,
dass alles ganz anders ist.

[(c) Annette Gonserowski]

Vienna
26.08.2006, 14:50
Wolken

Sieh, die Wolken!
Kleine, weiße Flocken
oder große, dunkle Gebilde.
Willenlos werden sie von den Launen des Windes
vorangetrieben, zerfetzt oder unheilsvoll zusammengeballt.
Für den Beobachter oft ein Phantasiespiel
oder eine Träumerei.
Wir dagegen haben einen eigenen Willen.
Können unseren Weg selbst bestimmen
und, wenn nötig, jeden Tag umkehren.

[Annegret Kronenberg]

Vienna
26.08.2006, 14:56
Geben & Nehmen

dir
kleine Glücksmomente
im alltäglichen
Trott
und ein Lächeln
ins Gesicht
zaubern
erfüllt mich
mit Lächeln
und
Glück

[Svenja Piepenbrink]

Carmelita
26.08.2006, 21:32
Ein Traum
der mich nicht schlafen lässt
ein Morgen
den die Nacht nicht wecken will
eine Liebe
die es nie gegeben hat

Die Zeit
erstarrt in Eiseskälte
(Gerhard Rombach)

Carmelita
26.08.2006, 21:34
Wollen und Können

Meine Zuneigung zu dir
zeigen wollen,
ihr Ausdruck verleihen -
und es oft nicht können.

Mein Glück mit dir
zur Sprache kommen lassen -
und es oft nicht können.

Dein Anderssein
verstehen
und annehmen wollen -
und es oft nicht können.
(Ernst Ferstl)

Vienna
27.08.2006, 00:00
Happy birthday liebe Annette!



Geburtstags-GESCHENK

G lückwünsche
E rfolgserlebnisse
S onnenschein
C hampagner
H erzenswunsch
E infallsreichtum
N ussstrudel
K üsse

[Rosalva Godim]

Janna2
27.08.2006, 11:06
Dein Gedicht hat mir gut gefallen...Grüße von janna 2

Vienna
27.08.2006, 11:52
Innehalten

Das Leben mag
vorübergehen,
schneller
als der Tag sich neigt,
Deines oder meines.

Doch Du
bleibst stehen,
als mein Herzschlag
zu Dir klang,
und lauschtest.

[Annette Gonserowski]

Vienna
27.08.2006, 11:52
OK

Der Verstand,
hat es befunden:
alles ist gut,
wie es ist.
Doch das Herz
ist wund
vom vergeblichen Herzschlag
Dich zu vermissen,
während die Seele floh
aus diesem Körper
zu ihrer Heimat,
zu ihrem Ziel,
hin zu Dir.

[Annette Gonserowski]

Siria
27.08.2006, 16:23
Die Ballade vom neuen Mann

Mann, es gab Zeiten,
wo du jagen und töten mußtest
nur um zu essen.
Das Weib aber grub
und fand Wurzeln in dunkler Erde,
da wurdest du satt.

Mann, es gab Zeiten,
wo du Erdhöhlen bauen mußtest
gegen die Wetter.
Das Weib aber sang
und ihr Lied nahm die Ängste der Nacht,
du konntest schlafen.

Mann, es gab Zeiten,
wo du kämpfen und bluten mußtest
nur um zu leben.
Sie aber weinte
und die Tränen rührten die Feinde,
da ließ man euch frei.

Mann, es gab Zeiten,
wo du brüllen und raufen mußtest
für deine Lüste.
Sie aber lachte
und deckte dich zu mit ihrem Haar,
da wurdest du still.

Die Zeiten sind vorbei Mann.
Wach auf und schau
warum du frierst.
Das Weib ist auf die Jagd gegangen.
Du lerne zu graben, zu singen,
zu weinen und zu lachen

Kadmon

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:52
Langsam und fast unmerklich
beginnt die größte aller Verwandlungen.
Erst wehren wir uns gegen sie,
tun so, als ob sie nicht geschähe,
geben uns jung und kräftig.
Aber dann verschieben sich die Werte,
und wie ein versunkener Schatz
taucht die Wirklichkeit einer anderen Welt auf.

Ich will auch meinem Altern vertrauen.
Wie in der Ernte
die reife Frucht eingesammelt wird,
so sammeln wir ein, was unser Leben gewesen ist.
Wir bündeln das Verstreute,
wir sichten und ordnen,
wir erkennen und geben uns zu erkennen,
wir ruhen uns aus.

Dabei wird es immer deutlicher,
dass es mehr, viel mehr gibt
als das, was uns früher begeistert und erfüllt hat.
Wir lernen uns zu lösen,
und leben und lieben nun
wie unter einem Schatten
und doch in einem hellen Licht.

Ulrich Schaffer

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:53
Schuld

Als wir uns gestern gegenübersassen,
erschrak ich über deine Blässe,
über die Leidenslinie deiner Wange.
Da kam`s, dass meine Gedanken mich vergassen
über die Leidenslinie deiner Wange.
Es trafen unsere Blicke sich wie Sternenfragen,
es war ein goldenes Hin -und Herverweben
und deine Augen glichen seidnen Mädchenaugen.
Du öffnetest die Lippen, mir zu sagen ...
und meine Seele färbte sich in Matt,
dumpf läutete noch einmal Brand mein Leben
und schrumpfte dann zusammen wie ein Blatt.

(Else Lasker-Schüler)

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:54
„Wir müssen gut sein
zum Körper,
damit die Seele
gern in ihm wohnt.“

*Theresa von Avila*

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:55
Weil ich dich liebe, bin ich des nachts
So wild und flüsternd zu dir gekommen,
und das du mich nimmer vergessen kannst,
hab ich deine Seele mit mir genommen.

Sie ist nun bei mir und gehört mir ganz
Im Guten und auch im Bösen;
Von meiner wilden brennenden Liebe
Kann dich kein Engel erlösen.

Hesse

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:56
Liebe

Kleide mich in Liebe
denn ich bin nackt,
bin unbewohnte Stadt,
benommen vom Lärmzitternd vom Zischern,
trockenes Blatt im März.

Umhülle mich mit Freude,
ich wurde nicht geboren, um traurig zu sein,
die Traurigkeit ist mir zu weit
wie ein fremdes Kleid.

Ich will wieder brennen,
den salzigen Geschmack der Tränen vergessen,
die Löcher in den Lilien,
die tote Schwalbe auf dem Balkon.

noch einmal mich wiegen im wehenden Wind
schäumende Welle
Meer über den Klippen meiner Kindheit
Sterne in den Händen
lachende Lampe auf dem Weg zum Spiegel
in dem ich mich wieder schaue
heilen Leibes
beschützt
an die Hand genommen
vom Licht
von grüner Wiese und Vulkanen
das Haar voller Spatzen
Schmetterlinge sprießen aus meinen Fingern
Luft nistet in den Zähnen
und kehrt zurück zur Ordnung
des Universums bewohnt von Zentauren.
kleide mich in Liebe
denn ich bin nackt.

[Gioconda Belli]

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:57
Diesen Himmel schenke ich dir

Diesen Himmel schenke ich dir.
Er ist nicht mehr neu.
Ich habe ihn öfters gebraucht,
besonders das Blaue: Du siehst
die Spuren am Einband.
Vom Abendrot sind die Ränder
zurückgeblieben, und der Regen,
du weißt, hat einige Seiten
ganz ausgeblichen. Manchmal
war auch die Sonne zu grell,
da sind mir Blätter vergilbt,
und der Nachtsturm riss eine Seite ein,
damals, da war ich nicht bei dir.
Die Sterne haben Löcher gesengt,
ich habe nicht aufgepasst, der Mond
hat die Wolken unachtsam verschoben,
das sind die Flecken im Dunkel.
Er ist nicht mehr neu, mein Himmel,
es ist nicht leicht, ihn zu lesen.
Aber die Ränder, die Risse, die Spuren
gehören mir, das verblichene Blau,
und ich schenke ihn dir, diesen Himmel.

[Kay Hoff]

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:58
Diesen Himmel schenke ich dir

Diesen Himmel schenke ich dir.
Er ist nicht mehr neu.
Ich habe ihn öfters gebraucht,
besonders das Blaue: Du siehst
die Spuren am Einband.
Vom Abendrot sind die Ränder
zurückgeblieben, und der Regen,
du weißt, hat einige Seiten
ganz ausgeblichen. Manchmal
war auch die Sonne zu grell,
da sind mir Blätter vergilbt,
und der Nachtsturm riss eine Seite ein,
damals, da war ich nicht bei dir.
Die Sterne haben Löcher gesengt,
ich habe nicht aufgepasst, der Mond
hat die Wolken unachtsam verschoben,
das sind die Flecken im Dunkel.
Er ist nicht mehr neu, mein Himmel,
es ist nicht leicht, ihn zu lesen.
Aber die Ränder, die Risse, die Spuren
gehören mir, das verblichene Blau,
und ich schenke ihn dir, diesen Himmel.

[Kay Hoff]

Paula-Fiona
27.08.2006, 17:59
"Ich weiß nur wir"

Liebe heißt, Wärme auszustrahlen,
ohne einander zu ersticken.
Liebe heißt, Feuer zu sein,
ohne einander zu verbrennen.
Liebe heißt, einander nahe zu sein,
ohne einander zu besitzen.
Liebe heißt, viel voneinander zu halten,
ohne einander festzuhalten.
Liebe ist das große Abenteuer
des menschlichen Herzens.
Spüren Menschen das Herz eines Menschen,
dann kommen sie zum Leben.
Liebe ist der einzige Weg,
auf dem Menschen menschlicher werden.
Allein die Liebe ist das Haus,
in dem wir wohnen können.

(Phil Bosmans)

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:00
Auf leeren Strassen

Immer bist du es
die ich sehe
bei der Bank am See
auf leeren Strassen
und im Traum

Immer sind
deine Augen traurig
und ohne Hoffnung

Und immer ist mir
als ob ich dich
hätte lieben können

(Gerhard Rombach)

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:01
Es ist gut zu wissen,
dass es liebe Menschen gibt,
die mit uns fühlen, lachen und weinen.
Das Leben geht immer irgendwie weiter.

Zum Glück ist das menschliche Herz groß genug,
um vielem gleichzeitig Raum zu bieten:
Dem Schmerz des Verlustes,
der Dankbarkeit für Erlebtes
und dem Wissen,
ein Teil des großen Unendlichen zu sein.

[Rosalva Godim]

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:02
Wenn du gehst

Nimm den Frühling mit
wenn du gehst
und diesen Sommer
den wir so liebten

Nimm die Sehnsucht mit
die mich verzehrt
und die Träume ohne die es
kein Leben gibt

Nimm die Hoffnung mit
die spät zu mir kam
und viel zu früh
verblaßte

Nimm mein Leben mit
wenn du gehst -
meine Träume,
meine Hoffnung

und mein altes Herz

(Gerhard Rombach)

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:16
Ich habe dich wiedergesehn,
Rauch hat dich gezeichnet,
den Mantel der Verpuppung
aus sterbender Substanz
warfst du ab,
eine untergegangene Sonne,
am Faden deiner Liebe
leuchtet die Nacht auf,
die sich hob
wie einer Schwalbenschwinge
vorgefalteter Flug.
Ich habe einen Halm des Windes gefaßt,
eine Sternschnuppe hing daran –

(Nelly Sachs)

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:17
Inneres der Hand. Sohle, die nicht mehr geht
als auf Gefühl. Die sich nach oben hält
und im Spiegel
himmlische Straßen empfängt, die selber
wandelnden.
Die gelernt hat, auf Wasser zu gehn,
wenn sie schöpft.
die auf den Brunnen geht,
aller Wege Verwandlerin.
Die auftritt in anderen Händen,
die ihresgleichen
zur Landschaft macht:
wandert und ankommt in ihnen,
sie anfüllt mit Ankunft.

*Rainer Maria Rilke
Gedicht aus dem Nachlaß*

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:18
Ist es möglich ?

Ist es möglich, daß man Jahrtausende
Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und
daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?
Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten,
trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit
einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?

Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß die ganze Weltgeschichte mißverstanden worden ist? Ist es möglich, daß die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren Massen gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen erzählte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden, weil er fremd war und starb?
Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß man glaubte, nachholen zu müssen, was sich ereignet hat, ehe man geboren war? Ist es möglich, daß man jeden einzelnen erinnern müßte, er sei ja aus allen Früheren entstanden, wüßte es also und sollte sich nichts einreden lassen von den anderen, die anderes wüßten?
Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer ?
Ja, es ist möglich.


R. M. Rilke

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:18
Die kleinen Dinge

Die meisten Menschen
wissen gar nicht, wie schön die Welt ist
und wie viel Pracht in den kleinsten Dingen,
in irgendeiner Blume, einem Stein,
einer Baumrinde oder
einem Birkenblatt sich offenbart.
Die erwachsenen Menschen,
die Geschäfte und Sorgen haben
und sich mit lauter Kleinigkeiten quälen,
verlieren allmählich ganz den Blick
für diese Reichtümer,
welche die Kinder,
wenn sie aufmerksam und gut sind,
bald bemerken
und mit ganzem Herzen lieben.

(Rainer Maria Rilke)

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:19
Lebenszeit

Es ist Zeit
Sagt die Zeit
Besinne dich

Ich bin da für dich
Sagt die Zeit
Nutze mich

Du hast mein Herz
Sagt die Zeit
Wärme mich

Ich liebe dich
Sagt die Zeit
Meine Zeit ist dein

Vergesse mich
Sagt die Zeit
Mein Atem ist still für Dich

Zögere nicht
Sagt die Zeit
Ich bin kostbar

Lebe mich
Sagt die Zeit
Glück ist Gnade

Sei dankbar
Sagt die Zeit
Ich muss weiter

Vertraue mir
Sagt die Zeit
Ich komme zurück

Mit Lebenszeit...


*Reinhard Lehmitz*

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:20
Die Königin

Ich hab dich zur Königin ernannt.
Größere gibt es, größer als du.
Reinere gibt es, reiner als du.
Schönere gibt es, schöner als du.

Doch du bist die Königin.

Wenn du durch die Straßen gehst,
erkennt dich keiner.
Niemand sieht deine Krone
aus Kristall, niemand schaut
den Teppich aus rotem Gold,
den jeder Schritt von dir betritt,
den Teppich, der gar nicht da ist.

Und wenn du erscheinst,
rauschen alle Flüsse
in meinem Körper auf,
rütteln die Glocken am Himmel,
und ein Hymnus erfüllt die Welt.

Nur du und ich,
nur du und ich, meine Liebe,
hören ihn tönen.

*Pablo Neruda*

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:21
DEIN LACHEN

Nimm mir das Brot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir dein Lachen.

Laß mir die Rosenblüte,
den Spritzstrahl, den du versprühst,
dieses Wasser, das plötzlich
aufschießt in deiner Freude,
die jähe Pflanzenwoge,
in der du selbst zur Welt kommst.

Mein Kampf ist hart, und manchmal
komme ich heim mit müden
Augen, weil ich die Welt
gesehn, die sich nicht ändert,
doch kaum trete ich ein,
steigt dein Lachen zum Himmel,
sucht nach mir und erschließt mir
alle Türen des Lebens.

Meine Liebe, auch in der
dunkelsten Stunde laß dein
Lachen aufsprühn, und siehst du
plötzlich mein Blut als Pfütze
auf den Steinen der Straße,
so lache, denn dein Lachen
wird meinen Händen wie ein
frisch erglänzendes Schwert sein.

Und am herbstlichen Meer
soll dein Lachen Sturzflut
gischtend himmelwärts steigen,
und im Frühling, du Liebe,
wünsche ich mir dein Lachen
als Blüte, lang erwartet,
blaue Blume, die Rose
meines klingenden Landes.

Lache über die Nacht,
über den Tag, den Mond,
lache über die krummen
Gassen unserer Insel,
lache über den Burschen,
den Tolpatsch, der dich liebt,
aber wenn ich die Augen
öffne, wenn ich sie schließe,
wenn meine Schritte fortgehn,
wenn sie dann wiederkommen,
nimm mir das Brot, die Luft,
nimm mir das Licht, den Frühling,
aber niemals dein Lachen,
denn sonst würde ich sterben.

(Pablo Neruda, aus: In deinen Träumen reist dein Herz)

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:22
Der Traum

Beim Gang über den Strand
beschloss ich, dich zu verlassen.

Ich trat auf dunklen Schlick,
der wankend nachgab,
sank ein, kam wieder heraus,
beschloss, du solltest
heraus aus mir, da du darin lastetest
wie ein kantiger Stein,
und ich plante, wie ich dich loswürde,
Zug um Zug:
dir die Wurzeln abhacken,
allein dem Wind dich überlassen.

Ach, in dieser Minute
mein Herz, überkam dich
ein Traum
mit seinen schaurigen Schwingen.

Du fühltest dich verschlungen vom Schlick
und riefst mich, und ich kam nicht herbei,
du gingst unter, starr,
ohne dich zu wehren,
bis du versankst im Strandschlund.

Später
stieß mein Entschluss auf deinen Traum,
und seit dem Bruch,
der uns die Seele zerbrach,
sind wir aufs neue aufgetaucht, rein und nackt,
uns liebend,
ohne Traum, ohne Strand,
vollständig und strahlend,
vom Feuer besiegelt.

[Pablo Neruda]

Paula-Fiona
27.08.2006, 18:23
Pablo Neruda –LIEBE

Dich so viele Tage, ach so viele Tage
so sicher und so nah zu sehn,
wie vergelte ich ´s, womit bezahle ich´s?

Der blutdürstende Frühling
der Wälder erwachte,
die Füchse kommen aus ihren Höhlen hervor,
die Schlangen trinken Tau,
und ich gehe mit dir durchs Laubwerk,
zwischen Pinien und Schweigen,
und ich frage mich, wie und wann
ich zahlen muß für dieses Glück.

Von allem, was ich sah,
dich will ich weiterhin sehn,
von allem, was ich berührte,
nur deine Haut will ich weiter berühren:
ich liebe dein Orangenlachen,
du gefällst mir im Schlaf.

Was soll ich machen, Liebe, Geliebte,
ich weiß nicht, wie die übrigen lieben,
ich weiß nicht, wie man sich früher liebte,
ich lebe, indem ich dich sehe, dich liebe,
ganz einfach verliebt.
Du gefällst mir jeden Abend mehr.

Wo magst du sein? werde ich fragen,
wenn deine Augen verschwinden.
Wie lange säumt sie! denk ich und kränke mich.
Ich fühle mich armselig, traurig und dumm,
und kommst du, bist du ein Windstoß,
der her von den Pfirsichen weht.

Darum liebe ich dich und auch nicht darum,
wegen so vieler Dinge und so weniger,
und so soll die Liebe sein
halb abgeschlossen und allgemein,
eigen und schrecklich,
mit fliegendem Banner und in Trauer,
blühend wie die Sterne
und maßlos wie ein Kuß.

(Pablo Neruda, aus Extravagenzenbrevier)

Carmelita
27.08.2006, 19:08
Wenn

Wenn er auf eimmal plötzlich vor mir stände
o Erd` und Himmel, was begönn` ich nur?
Sein teures Haupt nähm` ich in beide Hände
und küsste meiner alten Küsse Spur
Auf seinen Augen, Lippen, Haaren, Wangen -
Was hab` ich ohne dich nur angefangen!
Auf seinen Grübchen, Groll - und Lächelfalten -
wie hab` ich`s ohne dich nur ausgehalten!
(Ricarda Huch)

Carmelita
27.08.2006, 19:17
Warte auf mich

Ich muss nur noch
meine alten Gewohnheiten
aus dem Fenster werfen,
meine anhänglichen Zweifel
vor die Tür setzen,
eine ganze Menge kleiner Sorgen
unter den Teppich kehren
und meine Berührungsängste
im Ofen meiner Sehnsucht nach Nähe
verbrennen.

Warte,
ich muss nur noch
mit mir ins Reine kommen,
Platz schaffen für
liebenswürdige Begegnungen
und eine Beziehung,
die Raum lässt für
Entfaltung und Entwicklung
und offen ist
für jede Art von Zuwendungen.

Warte!
Das Fest, das auf uns zukommt,
soll unvergesslich werden...
(Ernst Ferstl)

Kruina
28.08.2006, 00:03
Ich liebe jene ersten bangen Zärtlichkeiten,
die halb noch Frage sind und halb schon Anvertrauen.
Weil hinter ihnen schon die anderen Stunden schreiten,
die sich wie Pfeile wuchtend in das Leben bau´n.
Ein Duft sind sie, des Blutes flüchtigste Berührung,
ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand -
sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
und stürzen Feuergraben in der Nächte Band.
Und sind sie doch seltsam süß, weil sie im Spiel
gegeben.
Noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegen beben,
der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.

Stefan Zweig

misfit
28.08.2006, 08:13
Eine Art Liebesgedicht

Wer sehnt sich nach dir,
wenn ich mich nach dir sehne?
Wer streichelt dich,
wenn meine Hand nach dir sucht?
Bin ich das oder sind das die Reste meiner Jugend?
Bin ich das oder sind das die Anfänge meines Alters?
Ist das mein Lebensmut oder
meine Angst vor dem Tod?
Und warum sollte
meine Sehnsucht nach dir etwas bedeuten?
Und was gibt dir meine Erfahrung,
die mich nur traurig gemacht hat?
Und was geben dir meine Gedichte
in denen ich nur sage
wie schwer es geworden ist,
zu geben oder zu sein?
Und doch scheint im Garten
im Wind vor dem Regen die Sonne
und es duftet das sterbende Gras
und der Liguster
und ich sehe dich an und
meine Hand tastet nach dir.


Erich Fried

misfit
28.08.2006, 08:18
Ich kämpfe wieder einmal mit mir,
gegen meine Tendenz Menschen aufzugeben,
wenn eine Reihe Dinge geschehen,
mit denen ich nicht fertig werde.
Dann neige ich dazu,
jemanden abzuhaken.
Ohne großen Aufwand,
ohne wichtige Worte,
ohne Tränen und ohne Mitgefühl
kann ich jemanden fallen lassen.
Ich wende mich ab und gehe.
Das ist eine innere Wirklichkeit
gegen die ich ankämpfe,
wenn ich sie bemerke.
In ihr bin ich ein stiller Feind aller,
auch mein eigener.
Ich will keine Tür endgültig schließen,
ich will nicht unbeteiligt weggehen
und nicht wiederkommen.

Ulrich Schaffer

Pucky1
28.08.2006, 08:54
Halte dich still,
halte dich stumm.
Nur nicht fragen,
warum? Warum?
Nur nicht bittere
Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur
wie Meeresrauschen.
Wie es dich auch
aufzuhorchen treibt,
das Dunkel, das Rätsel,
die Frage bleibt.

Von Theodor Fontane

Inaktiver User
28.08.2006, 09:43
Ich bin nur, was ich
in Deinen Augen bin.
Ich kenne das Geheimnis
nicht, das in Dir ist,
bis Du es offenbarst im
Schein Deines Angesichts.

Was in dieser Welt wahr ist,
ist es, weil Du die Wahrheit bist.
Was in dieser Welt Leben hat,
lebt, weil Du das Leben bist.
Was in dieser Welt schön ist,
ist es durch Dich, ewige Schönheit.
Ricarda Huch

Vienna
28.08.2006, 11:29
Die Liebe stirbt nie einen natürlichen Tod.
Sie stirbt, weil wir das Versiegen ihrer Quelle nicht aufhalten,
sie stirbt an Blindheit und Mißverständnissen und Verrat.
Sie stirbt an Krankheiten und Wunden,
sie stirbt an Müdigkeit.
Sie siecht dahin, sie wird gebrechlich,
aber sie stirbt nie einen natürlichen Tod.

Jeder Liebende könnte des Mordes an seiner eigenen Liebe bezichtigt werden.

[Anaïs Nin (1903-1977)]

Carmelita
28.08.2006, 12:04
Entgleiten

Dieses unspürbare Entgleiten
an einem dünnen Faden,
der doch nicht halten kann.

Nähe verspüren,
wo die Ferne bereits begonnen hat,
Worte suchen,
wo alles schon gesagt wurde.
Flüstern,
wo nur der Schrei noch hörbar ist.
Fröhlich sein,
wo die Traurigkeit den Fuß auf unsere Schwelle setzte.

An eine Zukunft glauben
und doch das Ende ahnen.
(Annette Gonserowski)

Carmelita
28.08.2006, 13:56
Wie die Geigen des Herbstes mein Herz verwunden
Mit tiefem Seufzen, mit schwerem Sehnen
Bleich mit stockendem Atem hör` ich die Stunden schlagen
Gedenke vergangener Tage und weine

Und wandern muss ich weiter im treibenden Wind
Hierhin und dorthin
Ein welkes Blatt
(Verlaine)

Inaktiver User
28.08.2006, 14:40
VerletzlichDie Gefühle
können sein
wie eine Pusteblume:
golden und stark in voller Blüte,
zart und verletzlich
nach der Blüte.
Gefährdet,
um von einen Windhauch schon
in alle Lüfte verstreut zu werden.

Annette Gonserowski

Vienna
28.08.2006, 15:16
Wir auch

Ich umarme die Decke,
unter der du geschlafen hast,
atme den Duft,
den deine Haut zurückließ
und höre unsere Musik,
während du vielleicht schläfst
und von mir träumst -
wie ich von dir träume
mit offenen Augen
und offenen Herzen.

Unsere Seelen
haben sich entdeckt.
Nicht nur das Schicksal
wollte es so.

Wir auch.

[Hans Kruppa]

Vienna
28.08.2006, 15:19
http://www.bilder-server.com/Bilder/HWG/001/Hwg00063.jpg

Kleine Schneckenwelt

Gefangen im Haus
kriecht sie im Garten, auf der
Flucht vor dem Morgen.

Sie liebt Blatt, Blüte und Tau.
Sehe ich sie, seh ich uns.

[(c) Rosalva Godim + Annette Gonserowski]

Vienna
28.08.2006, 15:30
http://www.kleine-schaeferei-biesenbrow.de/aWolken-01.jpg

Schweben

Über den Wolken -
Gefühle lernen Fliegen -
Gedanken schweben.

Werde eins mit dem Himmel,
werde zur Wolke und frei.

[© Rosalva Godim + Annette Gonserowski]

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:32
Sei still und warte
ohne Hoffnung, denn Hoffnung
würde Hoffen auf das Falsche sein.
Warte ohne Liebe, denn Liebe
würde Liebe zu den falschen Dingen sein:
da ist noch Glaube.
Aber Glaube, Liebe und Hoffnung
sind alle in dem Warten.

*T.S. Eliot*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:34
Ich erkenne
in der Ruhe
Kraft

Ich spüre
in der Liebe
Energie

Ich fühle
im Gehalten werden
Magie

Ich sehe
im Anblick deiner
einen wundervollen Menschen

Ich stehe da
fassungslos
errötend
unendlich glücklich

*Jürgen Ley*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:36
Die meisten Menschen sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und taumelt zu Boden.
Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn.

aus "Siddhartha" von Hermann Hesse

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:36
Einsamkeit ist der Weg,
auf dem das Schicksal
den Menschen
zu sich selber führen will.

*Hermann Hesse*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:38
Weißt du?

Weißt du, dass Pfirsichblüten
innen traurig sind?
Sie haben nämlich in der Nacht
geweint,
weil sie so Sehnsucht hatten
nach dem Wind
und nach der Sonne,
die doch nachts nicht scheint.
Weißt du,
daß so auch deine Augen sind?

*Heinz Kahlau*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:40
Unwirklicher als Wasser
Du mir Geschenkte
im unsichtbaren Gefälle der Zeit

Ich streichelte dein niederrinnendes Haar
und sah zu, wie die Lichtjahre
durch deine Augen jagten

Weib, Freund, Antlitz, Wasser
Alles lieben und nichts fassen

*Ivan Goll*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:44
Frei von Ängsten

Das Leben ist voll von Ängsten.
Die Angst vorm Leben, vorm Alleinsein, vor Schmerzen und vor dem Sterben.
Ängste, die sich zu einem Berg türmen.
Ich möchte frei sein, frei von Ängsten.
Ich besteige den Berg.
Oben angekommen, schaue ich ins Tal.
Ich habe Angst.
Angst davor, loszulaufen, Angst davor, meine Arme wie Flügel auszubreiten, Angst zu fliegen.
Ich nehem allen Mut zusammen und laufe los,
breite meine Arme aus und springe hinab.
Ich fliege - alle Ängste sind wie weggeblasen.
Alles ist auf einmal so unbedeutend, so klein. Eine himmlische Stille,
unterbrochen vom Rauschen des Windes, der sich um meinen Körper windet.
Das erste Mal frei von allen Ängsten.
Ich fühle mich frei wie ein Vogel.
Keine Angst.
Keine Angst vor der Landung.
Einfach nur frei!

*Bernd Hoffmann*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:48
Einem Mädchen

Von allen den Blumen
bist du mir die liebste,
süß ist und kindlich der Hauch deines Mundes,
voll von Unschuld und doch voll von Lust lacht dein Blick,
dich nehm ich, Blume, in meine Träume mit,
dort zwischen den bunten,
singenden Zaubergewächsen
ist deine Heimat, dort welkst du nie,
ewig blüht dort, im Liebesgedicht meiner Seele,
deine Jugend fort im dem innigen Duft.

Viele Frauen hab ich gekannt,
viele mit Schmerzen geliebt,
vielen wehe getan -
nun im Abschiednehmen grüß ich in dir
noch einmal alle Zauber der Anmut,
alle holden Reize der Jugend.
Und im Träumegarten
meiner heimlichsten Dichtung
stell ich dich, die mir so viel geschenkt,
lächelnd und dankbar zu den Unsterblichen.

*Hermann Hesse*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:49
RUFE NICHT


Lege den Finger auf den Mund.
Rufe nicht.
Bleibe stehen
am Wegrand.
Vielleicht solltest du dich hinlegen
in den Staub.
Dann siehst du in den Himmel
und bist eins mit der Straße,
und wer sich umdreht nach dir
kann gehen als lasse er niemand zurück.
Es geht sich leichter fort,
wenn du liegst als wenn du stehst,
wenn du schweigst als wenn du rufst.
Sieh die Wolken ziehn.
Sei bescheiden, halte nichts fest.
Sie lösen sich auf.
Auch du bist sehr leicht.
Auch du wirst nicht dauern.
Es lohnt sich nicht Angst zu haben
vor Verlassenheit,
wenn schon der Wind steigt
der die Wolke
verweht.


*Hilde Domin*

Paula-Fiona
28.08.2006, 15:53
Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
und während Tage und Jahre verstreichen,
werden sie Stein.
Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
bis in den Traum.
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
die Welt ist ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
da blüht nichts mehr.

Ricarda Huch

Vienna
29.08.2006, 07:45
Damals

Damals,
als mein Leben noch in den
Kinderschuhen steckte,
in der sogenannten „schlechten Zeit“,
waren die Menschen zufrieden,
und es geschahen täglich
kleine Wunder.
Heute, in der guten, satten Zeit,
sind die Menschen unzufrieden
und mögen nicht mehr
an Wunder glauben.

[Annegret Kronenberg]

Vienna
29.08.2006, 07:47
Anfang

Hinter der zweiten Tür

Jahre
werden vergehen.
Wir verlieren uns
aus den Augen,
und vielleicht vergessen
wir auch.

Aber
Du weißt wie ich,
dass
wir noch eine Tür
öffnen werden.

Und
dahinter hoffe ich,
Dich anzutreffen.

[Claudia Malzahn]

Vienna
29.08.2006, 07:48
Das richtige Wort

Nicht Schlafen mit dir
nein: Wachsein mit dir
ist das Wort
das die Küsse küssen kommt
und das das Streicheln streichelt

und das unser Einatmen atmet
aus deinem Schoß
und deinen Achselhöhlen
in meinen Mund
und aus meinem Mund
und aus meinem Haar
zwischen deine Lippen

und das uns die Sprache gibt
Von dir für mich
und von mir für dich
eines dem anderen verständlicher
als alles

Wachsein mit dir
das ist die endliche Nähe
des Sichineinanderfügen
der endlosen Hoffnungen
durch das wir einander kennen

Wachsein mit dir
und dann
Einschlafen mit dir

[Erich Fried]

Inaktiver User
29.08.2006, 08:05
Ermutigung

Ich muß die Fragen
um ihrer selbst willen lieben
wie Rilke sagt
wie verschlossene Räume
voller Schätze
zu welchen mein blinder
tastender Schlüssel
noch nicht paßt.

und die Antworten erwarten
wie unversiegelte
Briefe
abgeschickt mit zweifelhafter Absicht
und geschrieben in einer sehr fremden
Sprache.

und in stündlicher Erschaffung
meiner selbst
ohne durch Gedanken an die Zeit
den Raum
zu bedrängen, einzuengen
in den hinein ich wachse.

(Alice Walker)

misfit
29.08.2006, 09:05
Leben heißt lernen

Leben heißt lernen.
dass wir uns Zeit nehmen müssen,
wenn wir welche haben wollen;
dass wir verantwortlich sind
für Gedachtes und Nichtgedachtes,
Gesagtes und Nichtgesagtes,
dass ist der Sinn des Lebens,
darin liegt immer die Liebe
und das Leben im Sinn haben.

Leben heißt lernen,
dass es nicht darauf ankommt,
ob wir uns etwas schenken,
sondern darauf,
ob wir im Stande sind,
uns gegenseitig etwas zu geben;
dass das Wesen des Lebens
die Veränderung ist;
dass wir Liebe säen müssen,
wenn wir Liebe ernten wollen.

Leben heißt lernen,
die Kunst der Gelassenheit auszuüben,
das Weglassen, das Zulassen,
das Loslassen;
dass die schwierigste Aufgabe
unseres Lebens darin besteht,
nie aufzugeben;
dass unser Mensch-sein untrennbar
mit dem Mensch-werden verbunden ist.

(Ernst Ferstl)

Carmelita
29.08.2006, 14:42
endloser Augenblick…

ich
lasse mich
f
a
l
l
e
n
in den
endlosen
Augenblick

getragen
von
zeitdurchtrennten
Lichtgefühlen
durchdrungen
von dir
(Heike Dehm)

Carmelita
29.08.2006, 14:44
Zu sagen: „Du“

Du,
Das schönste Wort meiner Sprache.
Warum?
Weil Du dieses Du bist,
Ich möchte es immer wiederholen,
Und vor mir her sagen:
Du und Du und Du und Du.
Wer du mir bist,
Wird mir dadurch immer klarer.
Ohne dein Du,
Bin Ich nicht,
Möchte Ich nicht sein.
Das Ich zu deinem Du möchte ich sein.
„Du“ möchte ich sagen,
Und dann möchte ich dich ansehen,
Und dich fröhlich sehen,
Weil ich es war, der „Du“ gesagt hat.
Dein Du möchte ich sein.
Möchte zu deinem ich gehören.
(Thomas Schmidt)

Carmelita
29.08.2006, 14:47
Ich bin berührt worden

Ich spüre in mir eine Regung,
Die ich nicht kenne.
Ich bin berührt worden in meinem Inneren.
Es ist etwas losgegangen.
Es ist ungeheuerlich schön
Und doch habe ich Angst davor.
Aber ich will, dass es weitergeht.
Doch schaffe ich es, damit umzugehen?

Nie habe ich mich so gefühlt.
Ich habe nicht gewusst,
Dass das Leben so sein kann.
So tief und ergreifend,
Aber kann ich so leben?
Kann ich so noch ganz normale Dinge tun?
Kann ich jemals wieder normal leben?
(Ulrich Schaffer aus Berührungstexte in einer tiefblauen Nacht)

Monseure111
29.08.2006, 19:19
Adler
Adler fliegen allein.
:cool:
Schafe gehen in Herden.
:zahnschmerzen:

{Aus China}
:cool:
Liebe Grüsse:smirksmile:

Monseure111
29.08.2006, 19:25
Lächeln

Du lachst mich an
als gäbe es
kein morgen mehr

Ich antworte
mit stiller Frage
auf den Lippen

Dein Lachen
wird zum Lächeln
das um Zeiten weiß

die jenseits
eines neuen Morgens
auf uns warten

Wir kennen
keine Zeiten
außer unserer Gegenwart

die in Vergangenheit
und Zukunft
sich erfährt

Darin spiegeln wir
uns unser zeitlos
unergründlich Lächeln

als ob wir wüssten
dass in Ewigkeit
wir sind
:niedergeschmettert: :buch lesen: :smirksmile:


{Christa Schiboll}

Argonauta
29.08.2006, 21:21
Die Anfänge auskosten

Es ist schön,
dich ein bißchen zu kennen
und deine Telefonnummer
in meinem Kopf zu haben.

Es ist schön,
so etwas wie Liebe
zwischen uns für möglich zu halten,
auch wenn alles unverbindlich ist -
wie zwischen Fremden,
die sich auf der Straße zulächeln.

So ist es ein Abenteuer,
dein Gesicht unauffällig
mit meinem Blick zu streicheln,
wenn du zur Seite siehst -
und mich zu freuen,
wenn deine Augen manchmal
für Sekunden strahlen
und noch schöner werden,
wenn sie in meine schauen.

Ja, es ist schön,
die Anfänge auszukosten
und nicht nach ihrer
Entwicklung zu fragen.

Hans Kruppa

Kruina
29.08.2006, 21:31
Der Stein

Es war einmal ein Stein,
hat weder Kopf noch Bein.
Er sah die Menschen wetzen,
er sah die Menschen hetzen
und sah sie oft beim Denken
sich ihren Kopf verrenken,
und manche sah er holpern
und über sich wegstolpern
und dachte: Was hat so ein Leben für`n Sinn?
Der Mensch will immer woanders hin.
Warum nur ... Fragezeichen,
es ist zum Steinerweichen.
Ich bin stets hier und niemals da
und kleiner als Amerika.
Ich bin von dieser Welt ein Stück,
und wo ich bin,
da ist das Glück.

Da kam der kleine Mattias Speck
und warf ihn im hohen Bogen weg.

Der Stein ist fortgeflogen ...
In einem schönen Bogen ...
Und sprach, als er gelandet war:
Bin immer hier und niemals da!
Und flüstert dann ganz leise:
Was sind wir Steine weise.

Inaktiver User
29.08.2006, 23:45
Nachtgedanken

Die schönste Zeit in meinem Heute:
wenn die geballten Tagesfäuste
sich verwandeln
in warme zärtliche Nachthände,
streichelnd Deine Wärme fühlen,
wenn unsere Zweisamkeit
sich wie eine warme Kuppel
über uns senkt
und die Welt
aussperrt.

Heidi Lachnitt

Vienna
30.08.2006, 07:17
Mein und Dein

Du warst nicht mein,
Du warst in meinem Leben,
warst in den Gedanken,
bei jedem Wort,
in jedem Augenblick.

Ich war nicht in Deinem Leben,
nicht mit Haut und Haar,
doch ich war Dein,
mit dem Verborgenen:
mit meinem Herzen

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
30.08.2006, 11:36
Largo

Es ist schon spät.
Die Nacht entfaltet
ihren blauen
Mantel
und unser Lied.
Die Sterne
begleiten den
Reigen,
der sich dem Ufer
naht,
und heben die
Schwingungen ins
All.

Deine Augen

Die Wärme deiner
Augen
ist meiner Seele
Mantel.
(Christa Wehner-Radeburg)

Carmelita
30.08.2006, 11:46
Froh und traurig

Froh und traurig
bin ich, weil ich fühle.
Wenn ich fühle, weiß ich,
daß ich lebe.

Froh und traurig
machen uns die andern.
So wie wir sie
froh und traurig machen.

Durch dich fühle ich,
wie sehr ich lebe.
Deshalb liebe ich dich:
Froh und traurig.
(Heinz Kahlau)

Vienna
30.08.2006, 12:21
http://www.motivland.com/bilder/albums/userpics/10001/137.jpg

Herzschmerz

Einen Abschied mehr -
überlebt, wieder kein Ziel.
- wieder nur Sehnsucht.

Man sagt „Zeit heilt Wunden“ – doch:
Seelenpflaster kleben nicht!

[Annette Gonserowski + Rosalva Godim]

Vienna
30.08.2006, 12:23
Entdornte Rosen

Entdornte Rosen werden heute längst gezüchtet.
Sie sind nicht natürlich, aber bequem: Sie stechen nicht.
Du hast mir meine Fehler und Schwächen -aus deiner Sicht-
aufgezählt und gewünscht daß ich sie ändere.
So kam unser Abschied -zwangsläufig-
denn deine Rose ohne Dornen wollte ich nicht sein.

[Kristiane Allert-Wybranietz]

Vienna
30.08.2006, 12:31
DANK UND BITTE

Ich habe das wunderschöne Gefühl Dir alles sagen zu können...
Erspare mir bitte das Gefühl Dir alles sagen zu müssen!

[Jörn Pfennig]

Siria
30.08.2006, 21:20
Melancholie des Windes

Ich liebe es,
zwei Fenster zu schliessen
und eine Tür zu öffnen,
damit mir der Wind,
der durch den Türrahmen pfeift,
ein Lied von sich
und von vergangenen Zeiten singt.
Wenn irgendwann einmal meine Asche
auf freiem Felde liegt,
möge er sie in alle Himmelsrichtungen zerstreuen.

Ich liebe es,
nachts ein Fenster zu öffnen
und das Rauschen
der vorbeifahrenden Züge zu hören.
Sie erzählen mir
von vergangenen Zeiten und Menschen,
von Tränen und Hoffnungen,
von endgültigen Abschieden an Bahnhöfen.

Manchmal weiss ich nicht,
wonach ich mich sehne.
Nach der Sehnsucht?
Ich bin süchtig nach Sehnsucht,
meine Sucht nach Sehnsucht
kann so stark sein,
dass ich mich
und andere
vergesse.

Ach wäre ich doch selbst der Wind,
dann könnte ich ewig heulen,
mich Ausweinen über alles,
was nicht war,
nicht ist,
und nie sein wird.


Jörg

Vienna
31.08.2006, 00:06
Wenn dein Glück kein Glück mehr ist
dann kann deine Lust noch Lust sein
und deine Sehnsucht ist noch deine wirkliche Sehnsucht
Auch deine Liebe kann noch Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe und dein Verstehen
kann wachsen Aber dann will auch deine Traurigkeit
traurig sein
und deine Gedanken werden mehr und mehr
deine Gedanken
Du bist dann wieder du und fast zu sehr bei dir
Deine Würde ist deine Würde Nur dein Glück
ist kein Glück mehr

[Erich Fried]

Carmelita
31.08.2006, 02:42
Ein Wind
ein warmer Wind
hat meine Wut gesehn
in meinem verlorenen Herzen
und will
die Waelder und Straende
nicht mehr kennen.

Sein Atem
riecht verfault
nach einer vermeintlichen
Liebe,
die verkleidet als
Lied
meine Herzensrosen
mit
ihrer langen Zunge
erbarmungslos
erstickt..

Wo soll
er hin
der Wind
während
ich verwelke
im trockenen Boden,
süchtig nach Naß
volltrunken unter
dem Nerz
zerrissener Trauer?

Ein Wind
ein warmer Wind
hat meine Wut gesehn
in meinem verlorenen Herzen
und will
die Waelder und Straende
nicht mehr kennen.
(Angelika Demel)

Carmelita
31.08.2006, 02:44
morgens aufwachen
und du bist da
deine warme haut
spüren mit meiner
und dich streicheln:

die pläne für einen
ganzen vormittag
lösen sich auf.
(Hans-Curt Fleming)

Inaktiver User
31.08.2006, 10:11
Auf Krücken


Jenes leise Gespräch -
im Vorbeigehen,
der Zufall
von besonderer Beschaffenheit
macht die Zeit erträglich,
schüttelt die Benommenheit
aus den Gedanken.

Alma Maria Schneider

Monseure111
31.08.2006, 12:40
[von Novalis (1772-1801)]





Wenn nicht mehr ...
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen.

Wenn die so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen;
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurück begeben.

Wen sich dann wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die ew´gen Weltgeschichten;
dann fliegt vor einem geheimen Wort,


das ganze verkehrte Wesen fort.





Liebe Grüsse, Monseure

:smile:

Vienna
31.08.2006, 22:40
Und dein feuchtes Paradies ...

Ich liebe
ich begehre
dich
vor Sehnsucht
flammt mir schon das Herz
ich will mich
in dich
tief verströmen
bin voller Lust
fast bis zum
Schmerz

[Hans-Christoph Neuert]

Vienna
31.08.2006, 22:42
Wie wir waren

Wir haben uns gesucht.
Wir haben uns gefunden.
Wir haben uns verloren.
Wir haben uns vergessen.

Du bist gegangen.
Ich bin gerannt,
dich zu halten-
du warst zu schnell.

Es war eine reine Liebe.
Klar und blutrot.
Du kauftest weiße Farbe
sie zu tönen.

Wo ist es hin
das Rot dieser Blutliebe,
die mir das Herz brach
in eine rechte und eine linke Kammer?
Wo ist er hin
der Saft dieser Liebe,
versackt vor dem rechten Vorhof
in einer schlappen Vena cava?
Wo ist es hin, das Feuer,
das mich nie mehr schlafen ließ,
das mich letztendlich verbrannte
wie ein schwarzes Brikett

Es gibt keine Prinzessinen
Und keine Könige
Es gibt keine Phantasien und
Träume im Herzen.
Es gibt diese Welt.
Und manchmal ein wenig Luft zum Atmen.

Danke für den Duft -
Der Duft von Rose.der Duft von Liebe.
Unvergänglich.Unwiederholbar.

[Angelika Demel]

Pucky1
31.08.2006, 22:46
Ich träume mich satt
an Geschichten
und Geheimnissen
Unendlicher Kreis aus Sternen
ich frage sie
nach Ursprung Sinn und Ziel
sie schweigen mich weg
Den Orten die ich besuche
gebe ich neue Namen
nach den Wundern
die sie mir offenbaren
Nichts bleibt wie es ist
es wandelt sich
und mich

von Rose Ausländer

Carmelita
01.09.2006, 02:39
Berühre mich,
aber halte mich nicht fest.

Gib mir Geborgenheit,
aber sperr mich nicht ein.

Rede mit mir,
aber verbiete mir nicht den Mund.

Sag mir Deine Wünsche,
aber zwing mich zu nichts.

Mach mich atemlos,
aber nimm mir nicht die Luft zum Atmen.

Lass mich freiwillig zu Dir kommen,
denn Gefühle wachsen nur in Freiheit.

Lass mich frei,
damit ich frei und willig Dir alles geben kann,
was Du nicht festhalten kannst.
(Verfasser unbekannt)

Carmelita
01.09.2006, 02:40
Dich so loszulassen,
daß du die Fehler machen kannst,
die du machen willst,
daß du mich ablehnen kannst,
daß du neue Werte finden kannst,
daß du deine Meinung ändern kannst,
wenn ich dich gerade verstanden habe,
daß du dir zu viele Sorgen machen kannst,
daß du dir nicht genug Sorgen machen kannst,
dich so loszulassen,
das muß ich lernen.

Ich muß dich ziehen lassen
in ein unbehütetes Leben,
in ein einsames Leben,
in dein Leben,
getragen von deinen Entscheidungen,
denn ich kann nicht dein Vormund sein,
ich kann nicht über dich bestimmen,
auch nicht in Kleinigkeiten,
ich muß lernen, dich loszulassen
so einfach und doch so schwer.
(Ulrich Schaffer)

Vienna
01.09.2006, 07:44
Für Nevzat Yalcin zum 80. Geburtstag!



Lieber Freund Nevzat

Mit Dir kam die Sonne,
das Silber der Platanen,
das Licht des Morgens
ins Abendland.
Der Wind,
der die Gischt Deines Meeres trug,
brachte uns Dich.
Er verfing sich
in den Blättern unserer Buchen
und verweilte.

Hier suchtest Du Heimat,
trugst das Unbekannte hinein
in das Unbekannte,
trugst das Fremde und Weite
in unsere Welt,
reichtest Vertrauen
und Worte auf lächelnden Lippen,
reichtest die Hände,
öffnetest Deine und unsere Sinne,
berührtest die Herzen,
wurdest Freund.

[(c) Annette Gonserowski]




Nevzat Yalcin

*1.September 1926 in Polis/Zypern, lebt und arbeitet in Halver/Nordrhein Westfalen

Stationen u.a.: Studium türkische Sprache und Literatur in der Türkei. Englandaufenthalt. Dozent an der Middle East Technical University in Ankara. 1964 -70 Radiosprecher bei Radio Ankara. 1964-70 Herausgeber von "Hisar" - Literarisches Magazin in Ankara. Seit 1971 Englischlehrer in Deutschland. 1986 Pensionierung.

Arbeitsgebiete: Gedicht, Essay, Kurzgeschichte

Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Staatspreis des türkischen Teils Zyperns (1989). Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur, Hagen (1989). Wappenschild der Stadt Halver.
- Seit 1977 Mitglied im Autorenkreis RUHR-MARK und im Kunst-Club der Türkischen Republik Nord-Zypern.

Veröffentlichungen (Auswahl): "A" Sokagi/"A" Straße, Gedichte (1969, Hisar-Verlag). En Eski En Uzark (1988, Önel). Daha Yeni Daha Yakin (1991, Önel). Die Sonne und der Mann, Gedichte (1977, Hisar-Verlag/1997, Haag+Herchen).

http://www.westfaelische-rundschau.de/wr/wr.halver.volltext.php?kennung=on2wrLOKStaHalver38 958&zulieferer=wr&kategorie=LOK&rubrik=Stadt&region=Halver&auftritt=WR&dbserver=1

Vienna
01.09.2006, 08:11
Der ägyptische Schriftsteller und Autor Nagib Mahfus starb am 29. August 2006 im Alter von 94 Jahren in Kairo.

Der 94-Jährige war der erste Araber, dem der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Er schrieb sogar noch Gedichte, als er kaum noch hören und sehen konnte.

Der Ägypter Mahfus war nicht nur ein großer Romancier und der erste Araber, der den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Der kleine Mann mit der großen Brille verkörperte auch all das, was an seinem Heimatland Ägypten liebenswert ist. Nagib Mahfus war bescheiden, kreativ, hatte einen großartigen Sinn für Humor und liebte die Gesellschaft anderer Menschen. Seine Neugierde auf die Menschen, die ihn umgaben, war letztlich auch der Schlüssel zu seinem Erfolg. Denn mit seiner Beobachtungsgabe und seiner Art, die Emotionen und Schwächen von Menschen aus verschiedenen Milieus darzustellen, eröffnete er dem arabischen Roman, der bis dato ein Stiefkind neben der Poesie war, neue Dimensionen.

Als alter Mann, der kaum noch sehen und hören konnte, verfasste Mahfus vorwiegend Kurzprosa. Unter anderem schrieb er mit Hilfe seines Freundes seine Träume auf. Fast schien es so, als wolle sich der wache Geist des ägyptischen Schriftstellers nicht von dem gebrechlichen Körper unterkriegen lassen.

http://img.stern.de/_content/56/88/568858/Mahfus250_250.jpg

Mein Lieblingsbuch von ihm:

Nagib Mahfus, "Die Midaq-Gasse", aus dem Arabischen von Doris Kilias, Unionsverlag

Vienna
01.09.2006, 08:23
Alles, was bleibt

Alles, was bleibt
Gefühl, Gedanken, seine Nähe,
der Ton seiner Stimme,
der Duft seiner Haut
all das bleibt

Der Schmerz über das Vergangene,
der Platz für ihn im Herzen,
die schönen Stunden
all das bleibt. Jedes Wort, jede Zärtlichkeit
jede Minute, an die man sich erinnert
an seine Worte, wie er sagte,
dass er sie liebt all das bleibt. Schmerz und Zorn über das Goodbye
ob nun echt, ob Eitelkeit,
auch der Kampf zwischen Gefühl und Verstand
auch das bleibt für sehr lange Zeit. Schau nach vorn, denk nicht zurück,
bewahr die schönen Stunden Dir im Herzen,
atme durch und lieb das Leben denn Leben ist es,
was für immer bleibt

[Erich Fried]

misfit
01.09.2006, 09:09
Brandung

Ich suche das Meer,
die Brandung,
die Wellen.
Sie spiegeln wieder,
was mich bewegt.
Aufgewühlt sind sie,
wild, aufbrausend,
in sich zusammen brechend
und im Sande
sich hilflos verlierend.
Der Wind kühlt die Schläfen
und das Herz
ist wie der Pulsschlag des Meeres,
das in gleichen Intervallen anklopft
ans Land,
das keinen Einlaß gewährt.

(Otto Reinhards)

misfit
01.09.2006, 09:13
Zeichen unserer Liebe

Wenn unsere Liebe nicht aus unseren Augen leuchtet,
wie soll sie sichtbar werden?
Wenn unsere Liebe nicht aus unseren Worten spricht,
wie soll sie dann hörbar werden?
Wenn unsere Liebe unseren Gefühlen nicht freien Lauf läßt,
wie soll sie dann spürbar werden?
Wenn unsere Liebe nicht vom zärtlichen Umgang
miteinander geprägt ist,
wie soll sie dann im Alltag bestehen können ?

(Ernst Ferstl)

Inaktiver User
01.09.2006, 12:08
Manfred Ach

BUCHSTÄBLICH

Mein Tagebuch,
mein Nachtbuch.

Ich streichle deinen Rücken,
bemale dein Schulterblatt.

Ich öffne dich
mit hastigen Fingern.

Ich blättere in dir
bis zu der Stelle
der letzten Eintragung.

Ich liefere mich aus.
Mag kommen, was kommt.

Kruina
01.09.2006, 18:26
Feldeinsamkeit

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlass,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
Durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume. -
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.

Hermann Allmers

Vienna
01.09.2006, 23:36
Nicht die Menge der
Worte und Weisheiten,
die einer von sich gibt,
zeichnen einen Menschen aus,
sondern die Qualität seiner Lebendigkeit,
die ansteckend wirkt.

[Autor unbekannt]

Carmelita
02.09.2006, 02:32
Rosen

Behutsam, zärtlich und still:

Mit dem
anbrechenden Tag
hast du mir
taufrische Rosen
geschickt.
Nun schleiche ich
spät in der Nacht
an dein Bett,
lege eine behutsam
auf die Decke.
Meinen Kuß habe ich
in ihre Blüte gehaucht,
weil ich dich
nicht wecken wollte.
(Alma Maria Schneider)

Carmelita
02.09.2006, 02:33
Eins

Zwei Menschen

Ein Blick

Ein Wort

Ein Gedanke

Ein Weg

Ein Leben

Eine Liebe

Wir beide

Du und ich
(Jennifer Kübler)

Vienna
02.09.2006, 12:22
Gedichte

Gedichte wachsen nicht auf Bäumen,
du kannst sie nicht auf einem Feld ernten
und auch in einer Fabrik werden sie nicht hergestellt.

Gedichte sind das ewig Ungewisse,
das staunende Wissen und all deine Träume
und zahlreichen Gedanken die aus dir herausfliessen.

Gedichte sind in Worte gegossene Sinnlichkeit.

[© Abendrot]

Vienna
02.09.2006, 12:24
Minimalismus

Aus vielen Worten
gestrichen
Wort um Wort.
Nur wenige blieben.

Gestrichen das eine -
es blieb,
unsichtbar
hinter den Sätzen.

Gestrichen die Sätze,
Satz um Satz.
Einsam, entblöst, frierend
das Wort:

Liebe.

[(c) Annette Gonserowski]

Vienna
02.09.2006, 12:26
Grafito

Ho allontanato quelle troppe cose
che proiettano un'ombra e fanno siepe,
Da me ho staccato a grappoli la vita
mia ma cresciuta su di me col tempo.
Mi sono vista come in controluce
si vedono le dita della mano.
E in quel grafito simplice, e in quell'albero
che non ha travuto fronde o le ha perdute,
tu c'eri ancora.

[Maria Luisa Belleli]


Graphik

Ich hab' die viel zu vielen Dinge entfernt,
die Schatten werfen und Hindernis sind.
Ich hab' mein Leben wie Trauben von mir gelöst,
doch über mir mit der Zeit gewachsen.
Ich hab' mich gesehn wie man im Gegenlicht
die Finger einer Hand sieht.
Und auf diesem einfachen Bild, in diesem Baum,
der kein Laub getragen oder verloren,
warst Du noch immer.

[Maria Luisa Belleli]

Aus dem Italienischen übertragen von [Charlotte Hochgründler-Hofmann]

Inaktiver User
02.09.2006, 13:39
Vorüber gezogen
sind die Stunden
mit dir.
Sie waren
warm und weich .

Jetzt tickt die Uhr
lauter als je zuvor,
denn in jedem Schlag
liegt
Sehnsucht nach
Wiederkehr

Kristiane Allert-Wybranietz

Carmelita
03.09.2006, 04:00
Märchen

sprich leise
erzähl mir
von dem Märchen der Liebe
das wahr wurde
das Märchen von den
Königskindern
die Hand in Hand
über die Regenbogenbrücke
wanderten ungeachtet
des tiefen Wassers
unter ihnen
die sich fanden und
liebten und sich lieben
für immer
(Heidi Lachnitt)

Carmelita
03.09.2006, 04:01
Gemeinsam

Ohne Dich
atmet der Wind nicht mehr -
ist der Regen nicht nass -
singen die Vögel ohne Ton -
bin ich eine Reisende ohne Gepäck -

Mit Dir
kommt die Sprache der Zärtlichkeit
zurück -
erreicht der Regenbogen den Rosengarten -
sind wir nicht mehr im Rückstand
mit dem Leben
(Joraine Löhr)

Carmelita
03.09.2006, 04:12
Doppelzelle

Sich sehen,
sich anfassen
und sich nicht loslassen.

Gefangen sein,
sich fesseln lassen.
Sich einschließen.

Frei sein
zu zweit
im Gefängnis
der Wonne.

Lebenslänglich
ohne Bewährung.
(Heiner Eckels)

Vienna
03.09.2006, 12:12
Ein schwacher Duft von Parfüm

Lange noch
nachdem du gegangen warst
hingen deine Träume
in meinem Zimmer
zusammen mit dem
schwachen Duft
deines Parfüms
und der Erinnerung
an dich

Deinen Koffer hast du
mitgenommen
suchst neue Träume,
suchst neue Erinnerungen
läßt nur
deine ewige
Sehnsucht zurück
und den schwachen Duft
deines Parfüms

[Gerhard Rombach]

Inaktiver User
03.09.2006, 17:02
Wo
wenn nicht
hier
wann
wenn nicht
jetzt
wer
wenn nicht
du

Hans-Christoph Neuert

Vienna
03.09.2006, 20:29
mühsam
Vergessenes
Verborgenes
Verstecktes
kommt hoch

mit einem Mal
beherrscht es
meine
Gedanken
Gefühle

mein Sein
und lässt mich
unendlich traurig
zurück

Die Schatten
Der Vergangenheit
Sie sind wieder da
mit voller Härte.

[Paulchen 2003]

Vienna
03.09.2006, 20:46
Die Fähigkeit,
das Wort ‚nein’ auszusprechen
ist der erste Schritt
zur Freiheit.

[Nicolas Sébastian de Chamfort]

Carmelita
04.09.2006, 02:38
And so it is

Und so ist es
mein Aquarium
und so ist es
verwässert ohne Tiefe
und meine Augen trübe von dem
was sie hineinwerfen
das was sie Leben nennen
Liebe
verschwommene Konturen ohne Rand
zum fallen lassen
zum klammern
vor den Fluten
denen - die sich Tränen nennen
und so ist es
so wie du sagtest das es sein solle
ich vergesse meine Träume
in diesem Glas ohne Raum
und so ist es
meine Welt
(Anja Millen)

Carmelita
04.09.2006, 02:39
Erklärung

Ein Herz
das schlägt
nicht
einfach so
für Diesen
und für Jenen
es schlägt
sowieso
die ganze Zeit
auch ohne
Diesen oder
Jenen nur
manchmal
eben
schlägt es
etwas schneller
für einen Blick
von Dir
und einen Kuss
der auf den Lippen
brennt
auch wenn er
schon
lang
vorbei ist
(Nicole Paskow)

Vienna
04.09.2006, 07:21
Die Zeit

Die Zeit flieht -
dieses Mal
nur in Gedanken
die Kerze
im Dom angezündet,
Dich gestreift
beim Betrachten
des Bildes,
dieses Mal
gelächelt,
als die Nähe
spürbar wurde -
diese unüberbrückbare Nähe,
seit es Dich gibt.

[(c) Annette Gonserowski]

Inaktiver User
04.09.2006, 09:10
WENNS DOCH NUR SO EINFACH WÄR



Ich biete an: Meine Freundschaft

Lieferzeit: sofort aus dem Gefühlsvorrat

Preis: umsonst

Eigentumsvorbehalt: kein Eigentumserwerb möglich

Lieferung: Frei Haus; entgegen den üblichen Geflogenheiten unverpackt

Kristiane Allert-Wybranietz

Vienna
04.09.2006, 12:07
Es könnte viel bedeuten

Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch daß wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.

[Ingeborg Bachmann]

Vienna
04.09.2006, 12:12
Wie wir waren

Wir haben uns gesucht.
Wir haben uns gefunden.
Wir haben uns verloren.
Wir haben uns vergessen.

Du bist gegangen.
Ich bin gerannt,
dich zu halten-
du warst zu schnell.

Es war eine reine Liebe.
Klar und blutrot.
Du kauftest weiße Farbe
sie zu tönen.

Wo ist es hin
das Rot dieser Blutliebe,
die mir das Herz brach
in eine rechte und eine linke Kammer?
Wo ist er hin
der Saft dieser Liebe,
versackt vor dem rechten Vorhof
in einer schlappen Vena cava?
Wo ist es hin, das Feuer,
das mich nie mehr schlafen ließ,
das mich letztendlich verbrannte
wie ein schwarzes Brikett

Es gibt keine Prinzessinen
Und keine Könige
Es gibt keine Phantasien und
Träume im Herzen.
Es gibt diese Welt.
Und manchmal ein wenig Luft zum Atmen.

Danke für den Duft -
Der Duft von Rose. Der Duft von Liebe.
Unvergänglich.Unwiederholbar.

[Angelika Demel]

Carmelita
04.09.2006, 19:11
Loslassen können
ist die Fähigkeit des Herzens
auch in Zeiten
der Enttäuschung,
des Verzichtes,
der Trennung,
des Abschieds,
die Hoffnung nicht zu verlieren.

Denn mag uns auch
noch so vieles genommen werden,
solange wir Hoffnung haben
kann uns das Leben doch
immer wieder neu beschenken.
(Irmgard Erath)

Carmelita
04.09.2006, 19:12
Hoffnung
kann überall wachsen
im tiefsten Inneren
jeder Ritze
meiner Seele

wie ein Pflänzchen
ein kleines
das sich überall
zwischen drängt

es will gegossen
und gehegt werden

achte nur drauf
dass niemand es
.... Ausreißt
(Karin Ernst)

Vienna
05.09.2006, 08:05
Schranken

Ich wollte
zu dir von meiner Freude sprechen,
über das Pastellblau des Himmels,
das die Sorgen aufhob.
Von den Träumen am Morgen,
den Gedanken am Mittag
und der Trauer am Abend.
Doch ein Blick
in deine ängstlichen Augen,
die nur ein ironisches Lächeln wagten,
ließ mich verstummen.

[(c) Annette Gonserowski]

Inaktiver User
05.09.2006, 09:22
Ruf

wärest du nur
eins
mit meiner Sehnsucht

unausgesprochen

hörtest du
ihren Ruf

kämest
auf Seelenpfaden
geflogen

erlöstest mich
mit einem Blick nur
stummen Verstehens

Svenja Piepenbrink-Henke

Vienna
05.09.2006, 13:43
Vertrauen und Angst

Worte voll Sehnsucht
umschmeicheln meine Seele -
umarmen mein Herz.

Geheimnisumwobenes
nahöstliches Paradies.

[Rosalva Godim]

Vienna
05.09.2006, 13:48
Zum Beispiel

Manches
kann lächerlich sein
zum Beispiel
mein Telefon
zu küssen wenn ich
deine Stimme
in ihm gehört habe
Noch lächerlicher
und trauriger
wäre es
mein Telefon
nicht zu küssen
wenn ich nicht dich
küssen kann

[Erich Fried]

Carmelita
05.09.2006, 17:14
Zuweilen werde ich bei dir sein,
So still und leise wie ein Duft.
Du siehst ihn nicht, du hörst ihn nicht,
Und dennoch küsst er deinen Mund

Und weckt dir alle Sehnsucht.
Du wirst nicht wissen, was geschieht,
Auf einmal bin ich ganz dein Herz,
Auf einmal bin ich ganz dein Lied.
(Alfons Petzold)

Carmelita
05.09.2006, 17:19
Annäherung

Wenn ich von
Dir fortgeh`
Bin ich nie
Auf dem
Nachhauseweg
Sondern immer
Doch schon
Wieder
Auf dem Weg
Zu dir
Geh` vorwärts
Selbst
Beim rückwärtsgeh`n
Jeder Schritt
Bringt mich dir
Näher
(Marian Cyrus)

Carmelita
05.09.2006, 17:20
Liebe, vielleicht:

In deinem Herzen
Wachen die Bilder
Meiner langen Nacht

In meiner Seele
Leben die Träume
Deines stillen Tages

So sind wir verbunden
Auf alle Zeit
(Andrea Sturm)

Vienna
06.09.2006, 09:47
http://www.conakry.diplo.de/fr/03/Bilaterale__Beziehungen/DL__dt-gin-Freundschaft,property=Daten.jpg


Freundschaft

Einen Tag mit Dir tauschen -
Dein Leben leben -
Deine Träume zu träumen.

Deine Tränen weinen, dein
Lachen spüren, tief in mir.

[© Rosalva Godim + Annette Gonserowski]

Vienna
06.09.2006, 09:49
Erwartung

Deine ferne Stimme
ganz nahe am Telefon -
und ich werde sie bald aus der Nähe
entfernter hören
weil sie dann von deinem Mund
bis zu meinen Ohren
den langen Weg nehmen muß
hindurch zwischen deinen Brüsten
über den Nabel hin
und den kleinen Hügel
deinen ganzen Körper entlang
an dem du hinabsiehst
bis hinunter zu meinem Kopf
dessen Gesicht
vergraben ist zwischen deine gehobenen Schenkel
in deine Haare
und in deinen Schoß

[Erich Fried]

Vienna
06.09.2006, 09:52
Ins Dunkel

So zärtlich
nähert sich
die Dämmerung -
tröstet den Tag,
ist ihm Gefährtin
und trägt ihn
auf sanften Armen
ins Dunkel hinaus -

[(c) Charlotte De Laere]

Aus: ‚Leiser Ruf’

Vienna
06.09.2006, 11:19
Der Traum

Beim Gang über den Strand
beschloss ich, dich zu verlassen.

Ich trat auf dunklen Schlick,
der wankend nachgab,
sank ein, kam wieder heraus,
beschloss, du solltest
heraus aus mir, da du darin lastetest
wie ein kantiger Stein,
und ich plante, wie ich dich loswürde,
Zug um Zug:
dir die Wurzeln abhacken,
allein dem Wind dich überlassen.

Ach, in dieser Minute
mein Herz, überkam dich
ein Traum
mit seinen schaurigen Schwingen.

Du fühltest dich verschlungen vom Schlick
und riefst mich, und ich kam nicht herbei,
du gingst unter, starr,
ohne dich zu wehren,
bis du versankst im Strandschlund.

Später
stieß mein Entschluss auf deinen Traum,
und seit dem Bruch,
der uns die Seele zerbrach,
sind wir aufs neue aufgetaucht, rein und nackt,
uns liebend,
ohne Traum, ohne Strand,
vollständig und strahlend,
vom Feuer besiegelt.

[Pablo Neruda]

Inaktiver User
06.09.2006, 17:44
Lila Rose im SpätsommerDeine Liebe istnicht nur eine Sonnesondern auch ein Himmel
der sanft über die Seele streicht

Deine Liebe istnicht nur eine lila Rose sondern auch ein Meer
aus bunten Blüten
Deine Liebe istnicht nur eine Landschaftsondern auch Wiesen und Bäume

Deine Liebe istein einziger Baumder blüht, jetzt, im Spätsommer
für mich ganz allein.

Josef Schenk

Inaktiver User
06.09.2006, 18:21
Entmutigt

von so viel dichter Weisheit bass erschlagen
werd ich das Weisesein mal bleiben lassen
doch werde ich noch nicht gänzlich verzagen
und was zu blödeln finden , da wo es mög passen

PS: Bezieht sich auf den ganzen Thread hier

Carmelita
06.09.2006, 20:58
O dass es Augen wie die Deinen gibt

O dass es Augen wie die Deinen gibt
Und Hände, die so viel zu schenken wissen!
Mir ist, als hätte ich noch nie geliebt,

Als öffnete sich unter Deinen Küssen
Die Aussicht in ein niegeschautes Land.
Ich musste Dich ein Leben lang vermissen

Und weiß es nicht mehr, was ich je empfand
Für andere, und wie ich lachen konnte
Und weinen, Liebster, eh ich Dich gekannt,

Bevor ich mich in Deinem Feuer sonnte
Und sich der Strahl in meine Seele stahl,
Der ihren Grund bis heute noch verschonte...

Mir ist, als liebte ich zum ersten Mal.
(Annemarie Bostroem)

Carmelita
06.09.2006, 20:58
Überall

Wir schreien uns nicht an,
Wir streiten nicht.
Unsere Worte sind leise.

Prüfend, nicht kontrollierend,
Aussparend, nicht zensierend,
Überzeugend, nicht überredend.

Wenn wir uns anschweigen,
Tun wir es beredt. Wir verstehen uns,
Auch wenn wir verstummen.

Unser Gespräch kann nicht unterbrochen,
Unsere Verbindung nicht getrennt werden,
Wir sind über allem, überall.
(Manfred Ach)

rubis
07.09.2006, 00:03
Einen Stein kann ich lieben, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge, und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche, keine Farben, kein Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirwana sind bloße Worte. Es gibt kein Ding, das Nirwana wäre; es gibt nur das Wort Nirwana.

- Hermann Hesse, Siddhartha

Kruina
07.09.2006, 09:30
Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.


Mörike, Eduard (1804-1875)

Pucky1
07.09.2006, 09:52
Dein Lachen

Dein Lachen ist schön
wie gezackte Ahornblätter im Wind.

Schön ist diese hautsüße Wärme,
anders als Wolle,
anders als Seide
anders als Schwanenflaum ...

Da träumte ich:
ich möchte nisten
in deiner Achselhöhle.

Da weiß ich:
ich werde wohnen
in deiner geschlossenen Hand.

von Jeannie Ebner (*1918)

Vienna
07.09.2006, 11:01
Alles ist anders

Die Grenzen begreifen
und ertragen,
dass alles anders ist.

Du bist Du
und Du bist anders.

Anders Deine Gedanken,
anders Deine Zeit,
anders Deine Nähe,
oft so weit von mir entfernt.

Du bist da,
und alles ist anders:

Dein Lächeln noch wärmer,
Deine Worte meine Gedanken
und diese Nähe -
nur eine Illusion?

Danach
ist alles anders.

Näher die Nähe,
enger die Grenzen
und tiefer die Trauer,
als ausgesprochen.

Die Grenzen begreifen
und ertragen,
dass alles anders ist.

[(c) Annette Gonserowski]

Vienna
07.09.2006, 12:55
Flugkraft Hoffnung

Im Gefieder der Angst
die Flugkraft
Hoffnung -
Weit eilt ihr Flügel
über das Scheitern hinaus.
Federleicht
enthebt sie sich
der Schwerkraft
menschlicher Sorge.
Selig manchmal:
Allein im Gleitflug
mit neuem Lied.

[© Charlotte De Laere]

Vienna
07.09.2006, 13:01
„Mehr von etwas Gutem kann wunderbar sein!“

[Mae West]

Carmelita
07.09.2006, 21:15
DER KUSS
( Skulptur von Auguste Rodin)

Die laute Welt verschwindet,
das Gestern ist verblasst,
das Morgen hat noch nicht Kontur.

Die Lust am Du verbindet
im Heute sie. Die Last
wird leicht. Die Zeit hat keine Uhr.

Das stumme Sehnen mündet
im Einssein ohne Hast.
Sie folgen einer Gottesspur.
(Heiner Eckels)

Carmelita
07.09.2006, 21:22
ich will

lorbeer um
deinen kopf winden
rosen in
deinen schoß legen
stöhnen von
deinen lippen saugen
stürme in
dein herz wünschen
helden in
deine seele küssen
(Gabriella Wollenhaupt)

Inaktiver User
08.09.2006, 09:25
aus der mitte

wenn du nicht mehr da bist
mich aufzufangen -
werde ich den mut haben
mich selbst zu fangen?

© Karin Rohner

Vienna
08.09.2006, 14:21
Illusion versus Realität

Wenn Nähe zu nahe kommt,
Vertrauen Angst weicht,
Worte zu Pfeilen werden …

Wenn der Traumwelt ein Spiegel
vorgehalten wird, der grinst …

[Rosalva Godim]

Vienna
08.09.2006, 14:23
Nicht was wir erleben, sondern wie wir es empfinden, macht unser Schicksal aus.

[Marie von Ebner-Eschenbach]

Vienna
08.09.2006, 14:25
Vorbei

Der Tag
an dem der Himmel hoch,
das Herz weit
und das Schweigen licht
ist.
Der Tag,
an dem die Worte
nicht fehlen,
der Dich unverletzbar
macht.
Dieser Tag,
an dem es
vorbei ist.

[Annette Gonserowski]

Vienna
09.09.2006, 23:35
Mein Herz

Nein, ich wollte mich nie mehr verlieben,
hab´ mein Herz gehütet,
mit beiden Armen fest umschlungen,
mit beiden Händen festgehalten,
auf dass mir nie mehr jemand wehtun könnte,
- doch dann bist Du mir begegnet
und es ist mir mit aller Kraft entschlüpft
und voller Freude zu Dir gesprungen,
- ich hab´ es noch gewarnt und geflüstert:
"Tue es nicht! Bleib bei mir!",
- doch es liebte Dich,
hat sich ganz fest an Dich gedrückt
und nur noch für Dich geschlagen ....
Du hast es genommen,
geherzt, liebkost....,
....ein Liebestaumel im Wirbelsturm der Glücksgefühle,
Träume voller Seligkeit....
und dann hast Du es plötzlich
- aus einer Laune heraus -
einfach weggetreten ....
Jetzt ist es wieder bei mir
....und weint.

[Gundela Patricia Koller]

Vienna
09.09.2006, 23:37
Melancholie

Heut mal ich mir
keinen lachenden Mund,
gebiete den Vögeln
zu schweigen,
damit Dich
mein Herzschlag
erreicht.

Nur die Augen
bedeck ich
mit seidenem Tuch,
damit Du die Trauer
in ihnen nicht siehst
nicht Dein Bild darin,
nicht das meiner Seele.

[(c) Annette Gonserowski]

Vienna
09.09.2006, 23:38
Zuflucht

Lass los -
deine Vergangenheit,
deine Ängste
und
alles was dich ausbremst.

Sei frei -
in deinen Gedanken,
deiner Seele
und
den Dingen, die du tun willst.

Und du wirst
Dich und deine Träume
wiederfinden
und wenn du mich brauchst,
werde ich deine Zuflucht sein.

[© Abendrot]

Carmelita
10.09.2006, 19:50
A Song of Love

FÜR IHN, DER...

Sein Atem ist Musik auf meiner Haut
und in seinen Händen blüht die Lilie meines Leibes

Unser Duft verströmt Vanille und Honig
noch jenseits von Traumland

Mit ihm
kann ich fliegen!
(Barbara BaLo* Lorenz)

Carmelita
10.09.2006, 19:51
Ich denke nach

Ich denke nach
was ich dir zu geben habe
und warum es gut für dich ist
oder schlecht für dich
dass ich dich liebe
Ich denke nach
was ich dir alles sein kann
und ob ich ein Recht habemich zu sehnen nach dir

Ich denke nach
ob es Sinn hat
so nachzudenken
und wie ich wissen soll
was ich dir alles sein kann
Ich denke nach
warum ich ein Recht haben will
dir etwas zu geben zu haben
und mich nach dir zu sehnen

Ich sehne mich nach dir
weil ich mich nach dir sehne
Ich will dir etwas sein
weil du mir mehr bist als etwas
und weil ich nicht ohne dich sein will
Ich liebe dich
nicht weil es gut oder schlecht ist
und nicht weil es recht oder unrecht ist
sondern weil ich dich liebe.
(Erich Fried)

Carmelita
10.09.2006, 20:05
Nicht mehr

als ein Murmeln des Windes
hinter hohen Mauern.

Bäume und Steine:
Schatten mit blättrigen Stimmen
und verlorene Stimmen.

Verschlungen
in letzter Umarmung:
Wind und Stille
Stimme und Stein.
(Dietrich Pietsch)

Vienna
10.09.2006, 22:00
Das Gespräch

Dieses Gespräch
am Abend
mit dem Vertrauten,
dem sich Entfernenden,
dem Freund.

Dieses Gespräch,
das alte Wunden berührte,
das Klüfte aufzeigte,
das Nähe bezeugte,
es machte betroffen

Dich
und
mich.

Hände,
schützend vor dem Herzen verschränkt,
lösten sich langsam,
umschlungen die Hände des Freundes,
fingen auf

Dich
und
mich.

In großen Pupillen
sahen wir

uns.

[(c) Annette Gonserowski]

Carmelita
11.09.2006, 13:20
Erst seit du mich kennst
Kenn ich mich selbst!

Einst lag mein Körper mir fern
Wie ein entlegener Erdteil

Und ich wusste von mir
Weder Osten noch Süd

Einsam war meine Schulter
Wie ein vergessener Fels

Bis deine Hand sie berührte:
Da erst fühlte ich mich!

Da bekam ich Augen
Und mein Mund eine Form

Ahnte mein Fuss seinen Lauf
Und mein Herz seinen Schlag

Nun erst liebe ich mich
Da du mich liebst!
(Ivan Goll)