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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ängste überwinden - mit Ängsten leben



Schnuppi
26.06.2006, 12:48
Phasenweise hatte ich Höhenangst, Flugangst, Schluckangst. Dazu Angst vor menschlicher Nähe, deshalb nie Beziehung zu Männern gehabt.

Jeder muß seinen eigenen Weg finden, mit seinen Ängsten angemessen umzugehen. Ich habe schon vor längerer Zeit festgestellt, daß mein Weg eine Mischung aus diesen Komponenten ist: absolute und dauerhafte Abstinenz von Alkohol, Medikamenten und Suchtmitteln, regelmäßiger Besuch einer Selbsthilfegruppe, sehr gut eingeübte Atem- und Vertrauensübungen, ganz leichter, sanfter, aber regelmäßiger Sport, Einübung von regelmäßiger Lebensführung wie z.B. darauf achten, daß ich gut für mich sorge, gut und gepflegt aussehe, gesund bin, regelmäßig esse und viel schlafe, zeitliche und räumliche Ruhezonen in meinem Leben habe, und Gartenarbeit. Das Wichtigste ist der regelmäßige Besuch der Selbsthilfegruppe, auch wenn die Menschen dort nicht unbedingt meine Lieblingsmenschen sind.

Hört sich langweilig an, was? Ich bin selbst überrascht, wie langweilig das klingt. Andererseits bin ich überrascht, daß mein Leben jetzt schöner, interessanter und spannender ist als jemals zuvor. Ich will alle ermutigen, sich auch mal auf Lösungswege und Möglichkeiten einzulassen, die scheinbar zu ihrer Persönlichkeit nicht passen. Aufhören und aussteigen kann man später immer noch.

Nach vielen Selbstexperimenten bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß meine Ängste sich vor allem physisch manifestieren, und daß ich mir immer neue Gründe für meine Ängste suche, sobald mal ein Grund wegfällt.

Ich will die therapeutische Begleitung nicht unterschätzen. Der erste Schritt auf meinem eigenen Weg war eine gute Therapie. Man sollte den Auslöser und den Mechanismus der Angst sehr gut kennenlernen. Die Art und Form der Therapie ist meiner Meinung nach aber zweitrangig. Entscheidend ist die menschliche Beziehung zur Therapeutin - die sollte humorvoll, freundlich und hartnäckig zugleich sein. In meiner Therapie habe ich zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder richtig gelacht. Das finde ich sehr wichtig. Ängste überwinden ist eine langwierige Angelegenheit. Das Ziel ist Lockerheit und Lebensfreude, da sollte unterwegs auch ein wenig Lebensfreude drin sein. Vor einem Therapeuten, der keine Zufriedenheit ausstrahlt, würde ich ganz schnell weglaufen.

Die Therapie war bei mir der erste, sehr wichtige Schritt. Durch das Erkennen alleine geht die Angst aber noch nicht weg. Sie ist im Körper sozusagen eingebrannt, als automatisiertes Verhalten. Denken ist auch Verhalten. Man hat es erlernt, und man kann es auch wieder verlernen. Das dauert.

Der Ausgangspunkt allen Handelns und Fühlens sind die Gedanken. Für mich war wichtig, zu erkennen, wie zerstörerisch und vernichtend meine automatischen Gedanken sind: ich sei häßlich, dumm und energielos, meine Situation sei völlig hoffnungslos. Andere Menschen seien immer übelwollend und in Kontrolle der Situation. Die Welt sei schlecht, und ich hätte keine Handlungsmöglichkeiten.

In der Meditation kann ich lernen, diese Gedanken zu erkennen. In der Selbsthilfegruppe kann ich sie aussprechen und mit der Zeit erkennen, daß sie substanzlos sind und nicht der Wirklichkeit entsprechen. In Vertrauens- und Geduldübungen kann ich üben, diese Gedanken durch positive Gedanken zu ersetzen, mich zu entlasten, freundlich zu mir zu sein, Geduld mit mir zu haben. Gute Vertrauensübungen gibts im Bereich Positives Denken, NLP etc. Aber auch Gebete sind eine sehr gute Vertrauensübung, wenn man an einen Gott glauben kann, der eine positive Kraft darstellt. Ich selbst ziehe die Meditation vor, da ich nicht an einen personalen Gott glaube, habe Gemeinde und Gebet aber auch ausprobiert und jetzt rückblickend festgestellt, daß das lerntechnisch genauso effektiv ist wie Positives Denken und Meditation.

Wichtig ist für mich die Anbindung an andere Menschen. Ich muß mir Menschen suchen, die zugeben, daß sie nicht perfekt sind, und mit denen ich immer wieder zusammentreffen kann, auch wenn ich mir diese Menschen möglicherweise nicht als Freunde aussuchen würde. Dazu brauche ich positive Lehrer und Lehrerinnen, Menschen, denen ich ansehe, daß sie selbst gut leben und gelassen und freundlich sind. Das sind bei mir meine Meditationslehrer, einzelne Leute aus der Selbsthilfegruppe, und zunehmend auch Menschen, die ich Freunde nennen würde. Und immer wieder höre ich mir Vorträge verschiedener spiritueller oder philosophischer Richtungen an, auch schon mal ganz schräges Zeug. Ich fahre auch immer wieder mal zu Wochenenden, wo man Entspannungstechniken lernt, oder mache solche Kurse in der Volkshochschule. Ich muß mich nicht auf eine Richtung festlegen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß es gut ist, Kursen und Gruppen mehr als eine einzige Chance zu geben und mal ein paar Wochen oder Monate hinzugehen, bevor man sich dagegen entscheidet. Denn vereinfacht gesagt ist das prinzipielle Nicht-annehmen und Dagegen-sein ein Teil meiner Krankheit. Wenn ich mit mir und mit anderen Geduld aufbringe und auch mal ein wenig spiele oder so tue als ob, komme ich weiter. Ruhe, Zufriedenheit und Echtheit sind mein Ziel und mein Gradmesser. Unechtes Getue von Kursleitern und Lehrern stößt mich auf Dauer ab. Unechtes Getue von Kursteilnehmern kann ich inzwischen hinnehmen :smirksmile:

Hier ein paar Resultate. Die - ich nenne es mal - Übung des vielfältigen Weges dauert jetzt mehr als zehn Jahre an. Vor zwölf Jahren wollte ich mich umbringen. Ich trank viel zu viel, rauchte wie ein Schlot und lebte total isoliert. Meine Eltern haßte ich, meine Geschwister bedeuteten mir nichts, meine Freunde hatten sich zurückgezogen. Ich hatte starke Existenzängste und Panik und war fast handlungsunfähig. Durch die Depression konnte ich mich nicht mal pflegen und nicht für mich sorgen. Ich war wirklich häßlich wegen gesundheitlicher Probleme, meine Wohnung war verwahrlost, ich hätte nie jemanden reingelassen. An Beziehung zu einem Mann war gar nicht zu denken.

Inzwischen habe ich einen festen Job, der nicht so sehr spannend ist, aber eine Grundlage meinen Alltag ist. Dazu verfolge ich ein persönliches Projekt, das mich möglicherweise in einen neuen Beruf führen könnte, wenn ich genug Experimentierlust entwickele. Daraus ergeben sich auch sehr interessante Kontakte. Alte Freundschaften haben sich wiederbelebt, neue entwickeln sich. Ich bin umgezogen und in der Nachbarschaft integriert, wir grillen zusammen und gucken Fußball :smile: Dazu mußte ich vom Tage des Einzuges an zwei Jahre Geduld aufbringen. Meine Vorstellung von Liebe und Beziehung verändert sich. Mit Ängsten hat das nichts mehr zu tun, früher waren für mich Verliebtheit und Angst untrennbar verbunden. Und letzte Woche hat mich ein Mann angeflirtet, den ich wirklich sehr gern mochte. Ich konnte ein wenig zurückflirten :yeah:. Das ist der Anlaß, warum ich hier poste. Meine persönliche Revolution! Sowas hätte ich vor zwei Jahren nicht für möglich gehalten. Jetzt bin ich zuversichtlich, daß auch das nur eine Frage der Zeit ist.

Meine Angst ist mir nicht unbedingt der liebste Begleiter. Lieber wäre ich sie los. Aber wenn sie auftaucht, kann ich sie erkennen und ich verwechsele sie nicht mehr mit der Wirklichkeit. Sie ist das Zeichen, daß ich in der konkreten Situation freundlicher zu mir oder zu anderen sein muß, daß ich für mich sorgen und mir Ruhe gönnen muß, mich zurückziehen darf, daß ich zu meinen Begrenzungen stehen darf und nicht alles regeln muß.

Ich möchte alle ermutigen, geduldig mit sich zu sein und weiter zu machen. Es lohnt sich :zauberer:

Euer Schnuppilein

Inaktiver User
27.06.2006, 09:55
Hallo Schnuppi,

ich habe dein Posting mit großem Interesse gelesen und möchte dir sagen, wie toll ich es finde, dass du deine Genesungsgeschichte hier aufgeschrieben hast. Sicherlich kann sich so manch einer etwas davon für sich herausziehen.

Ich wünsche dir noch viel Erfolg und auch Freude auf deinem Weg :blumengabe:

Liebe Grüße...Jela

Morgana42
27.06.2006, 16:40
Hallo Schnuppi,
auch ich möchte ganz herzlich "Danke" sagen für die detaillierte Beschreibung Deiner Genesung.

Es vermittelt die Sicherheit, daß man auch trotz Angst ein gutes und zufriedenes Leben führen kann.

LG
Morgana

Seerosen1
28.06.2006, 09:27
Hi,
ich bewundere dich, wie du es schaffst mit den ängsten umzugehen. bei mir ist das auch ein großes thema, aber ich bin meilenweit davon entfernt, damit leben zu können.
aber wenn ich deine geschichte lese, gibt sie mir mut, daß man es doch annehmen kann und damit auch leben kann. danke für deine offenheit.
liebe grüße
seerosen1

Schnuppi
24.08.2006, 10:55
Hi, aber wenn ich deine geschichte lese, gibt sie mir mut, daß man es doch annehmen kann und damit auch leben kann

Danke für Eure Reaktionen. Sie zeigen mir, daß ich mein Posting nicht umsonst geschrieben habe.

Ja, man kann damit leben, und es wird besser. Aber das heißt, dass man dafür auch was tun muß, und daß man sehr viel Geduld mit sich selbst aufbringen muß.

Seit ich mein Posting geschrieben hatte, hatte ich wieder einen kleinen Einbruch. Ich war bei der Arbeit überfordert. Habe dann meine Arbeit schlecht gemacht, meine Kolleginnen nicht gut behandelt, darauf hin bekam ich Gewissensbisse und bekam heftige Schlafstörungen, am nächsten Tag war ich bei der Arbeit übermüdet, und so weiter. Ein typischer Teufelskreis.

In solchen Situationen kommen dann auch diese negativen Gedanken über mich selbst. Daß ich es nicht verdient habe, eine Arbeit zu haben, wenn ich sie nicht gut mache. Daß ich launisch, dumm und häßlich bin und sowieso nie einen Mann finden werde, und daß das sowieso alles keinen Zweck hat.

Zum Glück weiß ich jetzt, daß das nicht mein ursprünglicher Charakter ist, sondern nur die alte Denkgewohnheit, die sich wieder Bahn gebrochen hat. Durch die Selbsthilfegruppe gelingt es mir, solche Negativ-Spiralen zu erkennen. Ich brauche die Anbindung an andere Menschen, gerade wenn es mir schlecht geht. Sonst verbeiße ich mich in meinen privaten Horror.

Jetzt habe ich wieder Boden unter den Füßen. Früher dauerte es Monate, bis ich wieder hochkam. Jetzt geht das schon innerhalb von wenigen Tagen, wenns ganz schlimm ist, dauert es manchmal ein paar Wochen. Aber es geht dann wieder, und zwar nicht nur so la la, sondern gut. Und es geht immer besser.

Meistens hilft es, zu erkennen, welche Erwartungen ich an mich habe, und die ein wenig herunterzuschrauben :)

Euer Schnuppilein