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Inaktiver User
24.06.2006, 14:11
Für mich hat sich seit dem Tod meines Vaters nicht nur innerhalb meiner Familie alles verändert, sondern auch in meinem Freundeskreis. Mein angeblich bester Freund hat mir sofort den Rücken zugekehrt, als ich ihm sagte, dass mein Vater sehr krank ist und bald sterben wird. Hin und wieder führen wir heute noch Diskussionen darüber, denn er sieht das natürlich völlig anders. Er ist der Meinung, ich hätte mich ja melden können, wenn es mir nicht gut ging. Ich habe mehrmals vergeblich versucht, im klarzumachen, dass ich erstens einfach nicht die Kraft hatte mich zu melden und dass ich zweitens das Gefühl hatte, bei ihm mit meiner Trauer vollkommen unerwünscht zu sein. Daraufhin bekam ich von ihm zu hören, er hätte eben einfach keine Zeit gehabt.

Ich frage mich daher oft, ob ich von ihm und auch von anderen Freunden vielleicht zu viel erwartet habe. Und dann frage ich mich aber auch gleichzeitig, WAS ich denn eigentlich erwartet habe… Ich weiß, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie mit Trauernden umgehen sollen, aber einfach mal ein kleines Zeichen, sei es ein Anruf, eine E-Mail, eine sms, einfach mal fragen, wie es mir geht (und das nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil die Person WIRKLICH wissen will, wie es mir geht) oder einfach eine Umarmung… Solche Kleinigkeiten haben mir sehr gefehlt und fehlen mir auch heute – fünf Monate später – immer noch sehr.

Gott sei Dank gab es aber auch andere Freunde, die sofort für mich da waren, die bereit waren, sofort alles für mich stehen und liegen zu lassen, die mir immer wieder geduldig zuhören und mich ernst nehmen.

Wie haben Eure Freunde und Bekannte sich verhalten? Seid Ihr von jemandem enttäuscht oder vielleicht auch von jemandem positiv überrascht worden, von dem ihr es nicht erwartet hättet? Und wie seid Ihr vor allem mit den Enttäuschungen umgegangen? Könnt Ihr jemandem verzeihen, der Euch in der schwersten Zeit Eures Lebens allein gelassen hat? Ich kann es nicht – im Moment jedenfalls noch nicht. Vielleicht habe ich irgendwann die Kraft dazu, aber im Moment sind mein Schmerz und meine Enttäuschung einfach zu groß.

Inaktiver User
24.06.2006, 22:37
Liebe Sparkle,

ein sehr schwieriges Thema.
Da jeder Mensch auf seine eigene Weise trauert, gibt es ja kein Patentrezept für den Umgang mit Trauernden. Die einen ziehen sich zurück, wollen ihre Ruhe, wieder andere möchten reden, reden, reden. Und die, die beides wollen, die gibt es eben auch. Und für die Mitmenschen ist es unendlich schwer, zu erkennen, was der Trauernde zu welchem Zeitpunkt möchte.

Ich war noch sehr jung, als ich mein Kind verloren habe. Dementsprechend jung war auch mein Freundeskreis. Da wußte keiner so richtig, wie man sich verhalten soll, wir waren alle in einem Alter, in dem der Tod noch nicht eine so tragende Rolle gespielt hat, der Tod eines Kindes erst recht nicht. Mir ist man von Anfang an mit großer Unsicherheit begegnet. Bei uns im Dorf war ich die Mutter, die ihr Kind verloren hat. Man hat mir beim Bäcker nicht mehr in die Augen geschaut und eine Bekannte aus der Krabbelgruppe hat die Straßenseite gewechselt, um nicht mit mir reden zu müssen.

Die größte Enttäuschung war für mich meine bis dahin beste Freundin. Sie hat sich von heute auf morgen nicht mehr gemeldet bei mir. Ein Jahr später wurde sie selber Mutter, bei zufälligen Begegnungen im Supermarkt oder an der Tankstelle hat sie sich wortlos abgewandt. Vor 3 Jahren etwa kamen wir auf einer Hochzeitsfeier ins Gespräch (ich war es, die auf sie zuging) und sie erklärte mir ihr Verhalten mit "anfänglicher Hilflosigkeit" und als sie dann festgestellt hat, daß sie schwanger war, wollte sie mir nicht weh tun mit dieser Schwangerschaft. Ihr Rückzug sei also zu meinem Schutz gewesen.

Eine Hilfe war mir eine evangelische Pfarrerin aus dem Nachbarort. Sie war es, die mich zu einer Therapie überredet hat und die mich mit anderen trauernden Eltern in Kontakt brachte. Mit kirchlicher Hilfe hatte ich persönlich am wenigsten gerechnet. Ich war damals noch katholisch (inzwischen bin ich in die evangelische Kirche eingetreten) und hätte mir im Nachhinein betrachtet von unserem Pfarrer mehr Unterstützung erwartet.

Und da sind wir beim Thema "Erwartungen", das Du ja auch ansprichst. Was habe ich erwartet? Besser gesagt: was erwarte ich heute noch, nach 13 Jahren Trauer?
Vielleicht einfach, daß man nicht von mir erwartet, es nun endlich "gut sein zu lassen". Daß man meine Trauer akzeptiert, die ein Teil von mir geworden ist und es auf immer bleiben wird. Zumindest die Trauer um mein Kind, dessen Tod zu einer absoluten Unzeit kam.
Die Trauer um meinen Vater hat ein anderes Gesicht. Nach seinem Tod habe ich mehr Anteilnahme erfahren, gerade von Freunden.

Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wäre das Kind einer meiner Freundinnen verstorben, als ich selber noch so jung war. Sicher wäre ich mit derselben Hilflosigkeit dagestanden. Wahrscheinlich hätte ich mich zurückgezogen und hätte gewartet, daß die Freundin sich hilfesuchend an mich wendet. Und womöglich wäre ich mir dabei takt- und rücksichtsvoll vorgekommen.
Man muß wohl immer erst in einer bestimmten Situation gewesen sein, um sie beurteilen oder verstehen zu können.

Ich kann mit Trauernden heute gut umgehen. Weil ich mich hineinversetzen kann in ihre Gefühlslage und in die Leere im Kopf und im Herzen.

Das Verhalten Deines Freundes, wie Du es beschreibst, drückt für mich Hilflosigkeit aus. Vielleicht auch Angst. Der Tod, auch der nahende oder drohende, ist beängstigend, nicht jeder hat die Kraft, sich dem zu stellen. Eine Belastungsprobe für eine Freundschaft, die bislang von solch schweren Themen verschont war, nicht wahr?
Und die SMS, die eMail, der Anruf, auf die Du wartest, die erscheint Deinen Freunden vielleicht als zu oberflächlich, zu leichthin.

Wir Menschen denken zuviel nach in unserem kurzen Leben. Manchmal reicht das Lauschen ins Innere und wir wissen von ganz alleine den Weg. Eine spontane Umarmung ohne große Grüblerei zuvor, ein Anruf mit einem kurzen "Ich hab an dich gedacht" kann so vieles bewirken.
Aber auch wir Trauernde sind gefragt. Nicht denken "Ach, ich nerve die anderen mit meiner Trauer." - sondern sagen: "Ich möchte gerne reden über mein Kind, es geht mir heute nicht gut, ich wünsche mir so sehr das Gespräch mit Dir." Oder "Bitte begleite mich zum Friedhof, ich mag nicht alleine hin."

Sicher viele wirre Worte an Dich, liebe Sparkle, an diesem warmen, schönen Samstagabend. Aber wie in Worte fassen, was ich manchmal selber nicht verstehe ...

Ich wünsche Dir einen schönen Abend voller Erinnerungen.

Meine Zeilen möchte ich gerne schließen mit dem so sehr passenden "Segen der Trauernden".

Pass auf Dich auf!
Liebe Grüße,
Paula




Mitmenschen, nehmt uns Trauernde an.
Geht behutsam mit uns um, denn wir sind schutzlos. Die
Wunde in uns ist noch offen und weiteren Verletzungen preisgegeben.

Wir haben so wenig Kraft, um Widerstand zu leisten.

Gestattet uns unseren Weg, der lang sein kann. Drängt uns
nicht, so zu sein wie früher, wir können es nicht.

Denkt daran, daß wir in Wandlung begriffen sind.
Laßt euch sagen, daß wir uns selbst fremd sind.

Habt Geduld.

Wir wissen, daß wir Bitteres in eure Zufriedenheit streuen,
daß euer Lachen ersterben kann, wenn ihr unser
Erschrecken seht,
daß wir euch mit Leid konfrontieren, das ihr vermeiden möchtet

Wenn wir eure Kinder sehen, leiden wir.

Wir müssen die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellen.

Wir haben die Sicherheit verloren, in der ihr noch lebt.

Ihr haltet uns entgegen: auch wir haben Kummer!

Doch wenn wir euch fragen, ob ihr unser Schicksal tragen möchtet, erschreckt ihr.

Aber verzeiht: unser Leid ist so übermächtig, daß wir oft

vergessen, daß es viele Arten von Schmerz gibt.

Ihr wißt vielleicht nicht, wie schwer wir unsere Gedanken
sammeln können.

Unsre Kinder begleiten uns. Vieles, was wir hören,
müssen wir auf sie beziehen.

Wir hören euch zu, aber unsere Gedanken schweifen ab.

Nehmt uns an, wenn wir von unseren Kindern und unserer
Trauer zu sprechen beginnen.

Wir tun das, was in uns drängt.
Wenn wir eure Abwehr sehen, fühlen wir uns unverstanden
und einsam.

Laßt unsere Kinder bedeutend werden vor euch.

Teilt mit uns den Glauben an sie.

Noch mehr als früher sind sie eine Teil von uns.

Wenn ihr unsere Kinder verletzt, verletzt ihr uns.

Mag sein, daß wir sie vollendeter machen, als sie es waren,
aber Fehler zuzugestehen fällt uns noch schwer.

Zerstört nicht unser Bild.

Glaubt uns, wir brauche es so.

Versucht, euch in uns einzufühlen.

Glaubt daran, daß unsere Belastbarkeit wächst.

Glaubt daran, daß wir eines Tages mit neuem Selbst-
verständnis leben werden.

Euer “Zu-trauen” stärkt uns auf diesem Weg.

Wenn wir wes geschafft haben, unser Schicksal
anzunehmen, werden wir euch freier begegnen.

Jetzt aber zwingt uns nicht mit Worten und Blick, unser
Unglück zu leugnen.

Wir brauchen eure Annahme.

Vergeßt nicht: wir müssen so vieles von neuem lernen.

Unsere Trauer hat unser Sehen und Fühlen verändert.

Bleibt an unserer Seite.

Lernt von uns für euer eigenes Leben

Kaenguru
25.06.2006, 09:36
Sparkle,

ich glaube, dass viele Menschen mit dem Thema Trauer bzw. Tod schlichtweg überfordert sind.
Sie sehen sich indirekt selbst irgendwann damit konfrontiert, liebe Menschen (zunächst meist die Eltern) verlieren zu müssen - und damit leben zu müssen.

Als mein Vater vor 4 Jahren starb, hab ich sehr liebevolle Unterstützung bekommen.
Aber es gab auch Menschen (die ich für Freunde gehalten habe), die sich überhaupt nicht gerührt haben: da gabs keine Anrufe oder Hilfsangebote (es herrschte eisiges Schweigen).
Ich war damals zu tief mit meiner Trauer befasst als das alles klären zu können.

Ich habe seitdem aber besagte Menschen deutlich auf Distanz gehalten (mit einer Studienfreundin hab ich mich total verkracht deswegen - da lief aber auch sonst einiges schief!).

Wenn du dich auf ein paar Menschen verlassen kannst, dann ist das schon sehr schön und sehr viel wert.
:wangenkuss:

Bloodyzicke
25.06.2006, 15:55
Hallo Sparkle,

zunächst einmal denke ich nicht, dass man von vornherein zu viel erwartet. Ich habe ger nichts erwartet, zumal mein Freund bei allen sehr beliebt war und bei wirklich allen eine große Lücke hinterlassen hat. Die Enttäuschung kommt erst später, wenn man wieder ein wenig denken kann.Leider wird es solche Menschen immer geben.
Auch ich habe diese Erfahrung gemacht, zum einen mit einer Freundin von ihm, die sich bei mir gar nicht gemeldet hat und auch nicht zur Beerdigung erschienen ist, weil ihr Ex da war. Ich finde das kann man trennen, denn schließlich ging es um Stefan und nicht um ihre Beziehung. Aber sie hätte ja auch einfach mal ne SMS schicken können oder so...

Aber das schlimmste ist, und das macht mich wirklich wütend, dass seine Firma, für die er sein Leben lassen musste, sich einfach nur scheiße verhält! Zum einen müssen wir die Auszahlung seiner Überstunden über einen Anwalt klären und zum anderen heißt es von der Geschäftsleitung, ich wäre raffgierig, weil ich das was ihm zusteht einklage.
Dabei bin ich noch nichtmal offiziell genannt, da ich "nur" Lebensgefährtin war, laufen diese offiziellen Sachen über die Eltern. Von der Chefin kam der Kommentar "der Herr L. ist noch keine vier Wochen tot und DIE will schon das Geld". Nur dass Stefan auch noch keine vier Wochen beerdigt ist und die Stadt und so weiter auch schon die Rechnungen schicken.

Und die Chefan sich auch nicht zu fein war, keine 24 std nach seinem Tod eine Rechnung an die gegnerische Versicherung zu schicken, bezüglich Motorradkleidung etc....

Um ehrlich zu sein, es ist zwar erst vier Wochen her das ganze, aber ich glaube nicht, dass ich solche Dinge verzeihen kann, zumal nicht ich mich angegriffen fühle, sondern einfach denke, dass es auch ein Angriff gegen Stefan ist, der sich nichtmal mehr wehren kann.

Sehr überrascht war ich jedoch von Leuten, mit denen ich kaum was zu tun hatte und die sich mächtig ins Zeug legen für mich. Dafür bin ich auch sehr dankbar!!!

Und eigentlich tut es ganz gut, Leute dazwischen zu haben, über die man sich einfach nur aufregen kann, die sind irgendwie mein Ventil, da ich die eigentlich Schuldige nicht kenne und auf sie nicht wütend sein kann.

Ich wünsche Dir alles Liebe und hoffe, dass Du irgendwann die Kraft hast, diesen Menschen nicht nachzutrauern, die Dich "im Stich gelassen haben" .

:blumengabe:

Liebe Grüße
Bloody

Inaktiver User
25.06.2006, 16:30
Liebe Sparkle,
erstmal mein herzliches Mitgefühl.
Ich schreibe mal aus meiner Sicht eines Menschen, der noch nie einen Todesfall nahe bei sich hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Menschn, der einen anderen betrauert, sehr Hilfe braucht. Es ist mir schon klar, dass er trauert, aber mir kommt es so vor, als sei es ein ihm eigenes Gefühl, wo ich mich dann auch gar nicht hineindrängen wollte und denken würde, er braucht Zeit und Ruhe um zu trauern.
Ich wüsste auch gar nicht, wie meine Hilfe da aussehen könnte oder sollte. Wenn ein Mensch aus meiner Umgebung einen Partner verliert oder mit ihm Schwierigkeiten hat oder krank ist, oder umzieht oder sich Sorgen um sein Kind macht, da weiß ich schon, was zu tun ist.
Also, wenn jetzt die Mutter einer meiner Freundinnen stürbe, was manchmal in meiner Umgebung vorkommt, würde ich mein Mitgefühl ausdrücken, wir würden vielleicht auch mal drüber sprechen, über Kindheitserinnerungen, über ungelöste Konflikte, die über den Tod hinweggehen, aber es wäre mehr so, dass es sich ergäbe. Mehr erwarte ich auch nicht von meinen Freunden. Also, ich hätte nicht das Gefühl, sie ließen mich hängen, wenn sie sich nicht besonders um mich kümmerten. Ich bin da eher nüchtern. Das weiß ich, weil ich so gedacht habe, als der Vater meiner Kinder mich verließ. Also konnte mich da niemand meiner Familie enttäuschen. Ich wurde ja verlassen und die Trauerarbeit lag bei mir.

Das sind natürlich mein subjektiven Gedanken.

Liebe Grüße herbstblatt

Elch
27.06.2006, 14:18
Als meine Mutter starb, war ich viel mit meinem Freund zusammen - der natürlich für mich da war. Kolleginnen im Büro versicherten mir zu helfen, wenn ich Hilfe bräuchte. Meine beste Freundin sagte auch, sie sei da, wann immer ich sie brauche.

Aber die Leute, die damals in meiner "Clique" waren, mit denen ich sehr viel Kontakt hatte und die ich davor täglich gesehen hatte, sagten nichts. Eine Zeitlang bin ich sowieso nicht hin, um abends mit ihnen zusammenzusitzen, aber als ich dann wieder dazu kam, waren sie nur verlegen. Ein, zwei, die auch schon ein Elternteil verloren hatten, murmelten was von "Beileid". Die anderen nicht. SAhen mich verlegen von der Seite an und hofften, nicht darüber reden zu müssen.

Klar verstehe ich, wenn Menschen nicht wissen, wie sie mit mir oder mit meiner Trauer umgehen sollen. Aber ich kann auch nur sagen: dann sollen sie fragen! JEDER kommt mal in die Lage, geliebte Menschen zu verlieren. Und ich denke, was so ziemlich kaum einer braucht und niemandem hilft, ist verlegenes Wegschauen, das später als "schonen oder Rücksicht nehmen" bezeichnet wird.

Ich finde es nicht schonend, sondern schrecklich belastend und es hat mich eingeengt und eingeschnürt, dazusitzen und den anderen beim Schwätzen und Lachen zuzusehen. Während ich gerade meine Mutter, den am längsten geliebten Menschen, verloren hatte und niemand was darüber wissen wollte. Mir war nach Weinen, aber wie soll ich mich denn sicher genug fühlen zu weinen, wenn alle um mich rum lachen und scherzen und garantiert meinen Schmerz nicht sehen wollen. Ihn nicht ertragen können. Ich fühlte mich lästig und unpassend unter all den lustigen Leuten.
Ich als Trauernde auf die Menschen zugehen, die WISSEN, dass ich trauere und die eigentlich meine Freunde sind und mir helfen sollten?! Wenn Freunde nicht dafür da sind, wofür denn dann? Nur zum Spaßhaben?

Nein, wenn ich einen solchen Verlust erleide, solchen Schmerz ertrage und Freunde WISSEN davon, dann erwarte ich, dass sie auf mich zukommen. Was soll ich in meinem Schmerz denn sonst noch alles tun - und wofür sonst hat man Freunde (und ich unterscheide sehr wohl zwischen Bekannten und Freunden), wenn nicht, dass sie auch in der Not für mich da sind und nicht nur in guten Zeiten?

Inaktiver User
27.06.2006, 16:33
Lieben Dank für Eure Antworten und dass Ihr Euch die Zeit dafür genommen habt…

Paula – Deine Worte waren überhaupt nicht wirr. Im Gegenteil. Ich wünschte, ich könnte meine Gedanken und Gefühle in so passende Worte fassen, wie Du es bei diesem Thema - und auch in vielen anderen Threads - getan hast. Ich danke Dir sehr für Deine lieben Worte…

Bloodyzicke – Ich kann Deine Wut über den Ärger mit dem Arbeitgeber Deines Freundes so gut nachvollziehen. Nach dem Tod eines geliebten Menschen muss man sich sowieso schon mit so vielen Dingen beschäftigen, für die einem eigentlich die Kraft fehlt. Wenn dann noch Probleme auftauchen, die eigentlich von anderer Seite vermeidbar gewesen wären, ist es nur verständlich, dass man wütend wird.

Was die Erwartungen an Freunde angeht, so spricht Elch mir aus dem Herzen. Genau das habe ich auch so oft gedacht. Fragt mich doch einfach, wie es mir geht, oder sagt mir doch einfach, dass Ihr nicht wisst, wie ihr reagieren sollt, anstatt zu schweigen. Ich erwarte doch keine psychologische Beratung und keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung, sondern lediglich mal ein kleines Zeichen und ein bisschen Verständnis für meine Situation - für meine Trauer und hin und wieder auch für meine Launen. Mein „bester“ Freund hingegen hielt mir genau das auch noch vor. Nämlich, dass ich nur schlechte Laune verbreiten würde und zickig wäre. Ja, ich war teilweise zickig und solange er noch nicht wusste, dass mein Vater so krank ist (ich habe es ihm und auch anderen Freunden erst sehr spät gesagt), konnte ich auch verstehen, dass meine manchmal sehr heftigen Reaktionen auf Lappalien für ihn unbegründet schienen und dass er dafür auch kein Verständnis haben konnte. Aber auch im Nachhinein – nachdem er dann die Gründe für mein Verhalten kannte - beharrter er weiterhin auf seiner Meinung.

Ich KANN einfach oft nicht fröhlich sein, so gerne ich es auch wollte. Ich gebe mir mittlerweile auch größte Mühe, mich gerade in großer Runde mit vielen Freunden/Bekannten nicht zu sehr zurückzuziehen, sondern immer ein bisschen „mitzumischen“, um nicht negativ aufzufallen, um mir nicht vorwerfen lassen zu müssen, ich sei zickig oder würde mit meiner Laune andere 'runterziehen. Aber manchmal geht es einfach nicht. Das kann auch von einer Sekunde auf die andere kommen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit anderen gelacht habe und gleichzeitig schon wieder Tränen in den Augen hatte und dann anschließend schnell auf’s Klo gerannt bin, damit keiner mitbekommt, dass ich weinen muss.
Auch wenn es einige wenige Freunde gibt, bei denen ich so sein könnte, wie ich will, und bei denen ich mich wahrscheinlich auch täglich ausheulen könnte, bin ich sehr schnell dazu übergegangen, mir in Gesellschaft anderer eine Maske aufzusetzen, um die an mich gestellten Erwartungen zu erfüllen. Trauer zeige ich nur noch selten, und von mir aus greife ich dieses Thema schon gar nicht auf. Dafür weine ich, sobald ich die Wohnungstür hinter mir zugezogen habe. Und bevor ich zickig oder barsch auf Bemerkungen und Verhalten anderer reagiere, überlege ich mir lieber ganz erstmal ganz genau, was ich sage und was dann doch ich lieber für mich behalte. Ich habe Angst, dass sich andere aufgrund meines Verhaltens von mir abwenden. Ich könnte es unmöglich ertragen, noch mehr Menschen zu verlieren.

Erwähnen möchte ich aber noch, dass es auch einen Menschen gegeben hat, der mich sehr positiv und besonders unerwartet „überrascht“ hat und der ungefragt für mich da war, als es mir besonders schlecht ging. Ich wollte ihm nichts erklären, also verlangte er auch keine Erklärung, sondern nahm sich einfach Zeit für mich, die er eigentlich gar nicht hatte. Einfach, weil er wusste, dass mir nicht gut ging und dass ich Ablenkung brauchte. Das werde ich ihm nie vergessen.

Liebe Grüße,
Sparkle

Inaktiver User
03.07.2006, 21:18
Zum Thema "Freunde" möchte ich gerne etwas Schönes beitragen.

Sonntag, 4. April 1993, Stuttgarter Hauptbahnhof. Nach einem schönen, langen, unbeschwerten Tag nur für uns - der erste nach langer Zeit, ein Geschenk unserer Trauzeugen - steigen wir aus dem Zug. Lachend und voller Freude auf zu Hause und mit vielen schönen Erlebnissen "im Gepäck". Als am Ende des Gleises ein Teil unserer Familie steht, denken wir an eine Überraschung und freuen uns. Erst als wir merken, daß keiner lacht und daß bei den vertrauten Menschen auch Leute stehen, die wir nicht kennen, wird uns klar, es ist etwas passiert. Wenn ich zurückdenke an diesen Moment, in dem uns eröffnet wurde, Schlimmes sei geschehen, dann denke ich an die graue, rauhe Strickweste der Frau von der Bahnhofsmission, die mich am Arm hatte und dieses Gefühl der Strickjacke ist für mich die bleibende Erinnerung an diesen Moment. Grau und rauh.

Ich war seit diesem Tag nie wieder im Stuttgarter Hauptbahnhof und habe viele große Umwege in Kauf genommen, wenn es ums Zugfahren ging. Auch wollte ich nie alleine fahren. Vor wenigen Wochen habe ich mich mit einer sehr lieben Freundin aus der Bricom in Stuttgart verabredet - gegenüber vom Hauptbahnhof und an diesem Tag habe ich Mut gefasst - er hat an diesem schönen, strahlenden Sommertag ein Stück Bedrohung verloren.

Montag, 3. Juli 2006, Stuttgarter Hauptbahnhof. Vollgepackt mit tausend wunderbaren Erinnerungen nach einem wahnsinnig schönen Kurzurlaub bei der Familie, in der Heimat, komme ich an, an diesem Ort - nach 13 Jahren steige ich alleine aus, aus dem Zug. Und ich glaube sogar, es ist dasselbe Gleis. Spontan habe ich das Ticket mit Ziel Stuttgart gebucht und nicht sonst den unbequemen Umweg über Ulm genommen. Und ich war alleine unterwegs.

Und da steht dann am Ende des Gleises - lachend und strahlend - Gabi, meine Freundin und Schwägerin. Bis vor wenigen Tagen war sie noch in der Klinik und hat doch heraus bekommen, wann mein Zug kommt. Und sie wußte um meine Ängste vor dieser Fahrt, vor dem "Ankommen". Kein Wort hat sie verloren über den Grund, daß sie da steht. Aber in dem Augenblick ging mir das Wort "Freunde" durch den Kopf. Als ich Gabi umarme, liegt mein Gesicht an ihrer Schulter, weiches, gut riechendes Leinen. Und es legt sich wie ein weicher, warmer Schleier über graue, rauhe Wolle.

Paula

Inaktiver User
04.07.2006, 07:27
Paula, danke :blumengabe:
für diese schöne Schilderung.

Hab jetzt feuchte Augen und denke an die Orte, die ich noch meide.
Es werden mit der ZEIT weniger, Gott sei Dank.

Deine Freundin Gabi bekommt jetzt von mir unbekannter-u. virtuellerweise ein :wangenkuss: und ein paar Blümchen (http://www.blumen-hofgarten.de/assets/images/handenter.jpg) von mir !



Lavendelmond

Schlemmerroulade
10.07.2006, 17:43
Liebe(r) Sparkle,

der Verlust deines Vaters tut mir leid für dich und es tut mir auch leid das du die Erfahrung machen musstest, das viele Freundschaften nicht das sind für was wir sie halten.
Ich glaube gerade die Zeit der Trauer ist eine grosse Bewährungsprobe für eine Freundschaft, oder eher für eine Freundschaft die wir eigentlich immer als solche empfunden haben.
Weil wahre Freunschaft bedarf nicht vieler Worte. Es geht ja auch im Trauerfall nicht darum das Richtige oder das Falsche zu sagen, ich denke es geht eher darum für Sparklejemanden da zu sein, ihn einfach weinen zu lassen und ihm zuzuhören. Die Trauer zuzulassen.
Ich würde nie von einem "Bekannten" erwarten sensibel mit einer solchen Situation umzugehen, aber von einem Freund erwarte ich das schon.
Als mein Vater letztes Jahr gestorben ist, hat meine ehemals beste Freundin mit
Schweigen darauf reagiert. Ich schäme mich bald es zu schreiben, aber sie hat seit
eineinhalb Jahren nicht ein Wort des Bedauerns, der Trauer, oder sonstiges verloren.
Ich war so traurig über diese Tatsache, aber noch trauriger über die Erkenntnis, dass diese Freundschaft keine gewesen ist.
Auch im Nachhinein ist nie der Versuch unternommen worden etwas zu erklären, vielleicht Hilflosigkeit ihrerseits oder Unsicherheit. Mein Entsetzen über ihr Verhalten war so groß dass ich nie wieder versucht habe mit ihr darüber zu reden.
Irgendwann ist auch genug mit reden, mann muß lernen einen Haken hinter eine Sache zu setzen, auch wenn es weh tut. Auch heute ist ihr Verhalten für mich noch total unglaublich.
Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht das lockere Bekannte mich einfach in den Arm genommen haben und mich einfach haben weinen lassen.
Das hat so gut getan, mal nicht mit einem dicken Klos im Hals wo stehen, weil die Leute einen wieder angucken, als hätte man Aussatz.
In so einem Momant tut es einfach gut angenommen zu werden, die Trauer zulassen zu dürfen und nicht immer stark sein zu müssen.

Sparkle, fühl dich von mir umarmt

Inaktiver User
10.07.2006, 19:29
Liebe Schlemmerroulade,

ich danke Dir für Deine Antwort. :blumengabe: Ich fühle mich verstanden - und das tut gut.

Liebe Grüße,
Sparkle

WolkeSienna
14.07.2006, 14:57
Hallo Sparkle, ich habe deine Geschichte verfolgt und frage mich wie es dir jetzt wohl geht.

Inaktiver User
30.07.2006, 13:26
So langsam habe ich das Gefühl, die Situation nicht mehr im Griff zu haben … MICH nicht mehr im Griff zu haben. Ich komme einfach nicht mehr mit den Menschen um mich herum klar und merke, dass ich vielen oft vor den Kopf stoße. Ungewollt… oder vielleicht auch nicht?!? Ich weiß es nicht.

Ich bin in dieser typischen Situation, die sicher jeder kennt, der schon einmal um einen Menschen getrauert hat. Es ist jetzt über ein halbes Jahr her, da gehen alle davon aus, dass ich wieder o.k. bin. Die Trauerzeit hat vorbei zu sein. Aber ich habe das Gefühl, ich habe noch nicht einmal richtig ANGEFANGEN, zu trauern. Ich hatte ja gar keine Zeit bisher. Man lässt mich ja gar nicht zur Ruhe kommen. Dieses Jahr ist voller Veränderungen für mich, keine davon bisher positiv. Wie soll ich das denn alles verarbeiten? Ich komme keinen Schritt voran…

Bloodyzicke
30.07.2006, 14:46
Liebe Sparkle,

ich kann das so gut nachvollziehen, bei mir ist es jetzt gerade mal zwei Monate her und auch meine Freunde denken, es hat alles wieder gut zu sein.

Lavendelmond hat mir in meinem Strang etwas gesagt, was ich sehr treffend finde.

"ein Mensch kann innerlich in Trümmern liegen, und keiner merkt es

wie auch merken, wenn nur das Äußere sichtbar ist und "funktioniert" und so tut als ob es weiterlebt ???"

So ähnlich ist es halt bei mir. Anfangs war ich ständig auf Achse und hab alles verdrängt, nun wo es immer schlimmer wird, meinen alle es geht mir ach so gut und ich trau mich nicht mehr öffentlich was raus zu lassen. Ich glaube am meisten Angst habe ich davor, dann nochmehr enttäuscht zu werden.

Ich würde dir gerne etwas anderes sagen, aber das ist die Erfahrung die ich im Moment gemacht habe, und ich weiß wie ungerecht das Verhalten ist.
Vielleicht ist es jedch auch ein Selbstschutz deiner Freunde, weil sie selbst nicht wissen wie sie damit umzugehen haben. Das denke ich mir oft, aber ob ich es glauben kann weiß ich nicht.

Aber eins kann ich dir sagen, mit dieser Situation bist du nicht alleine, habe bereits mit einigen Menschen gesprochen die geliebte Personen verloren haben und viele berichten von den gleichen Erlebnissen... Leider...!!!

Vielleicht suchst Du Dir eine Selbsthilfegruppe oder andere Trauerbegleitung, denn da darfst du trauern ganz so wie du es möchtest, ich uche bereits auch nach der richtigen Möglichkeit für mich. Habe allerdings bereits psychologiche Hilfe.
Auch wenn das nicht das gleiche ist, so erfährt man immer wieder Unterstützung und wenn man es braucht auch noch nach Jahren wo bei anderen die Welt schon wieder völlig in ordnung ist.

Ich wünsche dir noch einmal ganz viel Kraft!!!!

Liebe Grüße

Bloody

Inaktiver User
30.07.2006, 19:59
Aber ist es nicht absurd, liebe Bloodyzicke, dass wir, denen es schlecht geht, Rücksicht nehmen auf die, denen es gut geht? Das kostet SO viel Kraft, die wir doch eigentlich gar nicht haben, oder? An manchen Tagen habe ich kaum Kraft, morgens aufzustehen. Woher nehme ich dann die Kraft, mich vor anderen Leuten so zu verstellen? Jetzt merke ich eben, dass mir so langsam aber sicher die Kraft dafür fehlt. Das heißt nicht, dass ich vor anderen Leuten meine Trauer zeige. Aber ich glaube, dass ich ziemlich schwierig geworden bin. Es ist sicher nicht leicht für die anderen, mit mir umzugehen. Ich mag nicht mehr nett sein, wenn mir eigentlich danach zumute ist, wütend zu sein. Ich mag nicht mehr meine eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um anderen einen Gefallen zu tun. Oder besser gesagt, ich KANN das alles nicht mehr. Geht nicht. Wie denn auch? Seit mir bewusst wurde, wie krank mein Vater ist und dass er sterben wird, bin ich nicht mehr ICH gewesen.

Bloodyzicke – Deine Aussage, dass Du Dich gar nicht mehr traust, öffentlich was rauszulassen, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe am Anfang auch alles verdrängt, was ständig unterwegs, hab immer dafür gesorgt, dass ich beschäftigt bin und nicht zur Ruhe komme. "Damals" haben mir einige Leute gesagt, dass sie es ganz toll finden, wie ich mit der Situation umgehe, wie ich den Tod meines Vaters verarbeite und wie stark ich bin (für sie hatte es ja den Anschein, als wäre es tatsächlich so). Damals waren sie überrascht, heute ist es für sie selbstverständlich, dass ich "stark" bin. Wenn diese Leute damals schon teilweise mit meiner Trauer überfordert gewesen sind, dann wären sie es jetzt sicherlich erst recht, weil es für sie überraschend und unerwartet kommen würde. Ich befürchte, sie würden mit völligem Unverständnis reagieren.

Ich lese viel in diesem Forum, melde mich aber selten zu Wort, weil es mir immer noch schwer fällt, alles in Worte zu fassen. Aber es tröstet mich, zu wissen, dass es Menschen gibt, die mich verstehen, ohne mich zu kennen. Obwohl es doch eigentlich irgendwie seltsam ist, dass man Trost darin findet, dass andere das gleiche durchmachen, wie man selbst…

Liebe Grüße,
Sparkle

Kurvenfieber
30.07.2006, 20:16
Ich bin in dieser typischen Situation, die sicher jeder kennt, der schon einmal um einen Menschen getrauert hat. Es ist jetzt über ein halbes Jahr her, da gehen alle davon aus, dass ich wieder o.k. bin. Die Trauerzeit hat vorbei zu sein. Aber ich habe das Gefühl, ich habe noch nicht einmal richtig ANGEFANGEN, zu trauern.

Ja, das kenne ich sehr gut, erlebe ich auch gerade. Mein "kleiner" Bruder ist vor 10 Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Während er 10 Tage im Koma lag, wussten nur meine engsten Bezugspersonen davon und sie waren auch für mich da, bis er dann gestorben ist.
Doch mit der Beerdigung hatte es sich dann buchstäblich erledigt. Es ist einfach nicht mehr Thema. Dabei fange ich jetzt erst so richtig an, das Ganze zu verarbeiten, also auch zu trauern.
Wenn ich darüber sprechen wollte, müsste ich das Thema wohl selbst aufbringen. Und da geht es schon los: Ich will niemandem dieses Thema aufzwingen. Ich verstehe, dass es für die anderen wohl sehr schwer ist, sich mit dem Tod im Allgemeinen und meinen Gefühlen in diesem persönlichen Fall auseinander zu setzen. Aber ich würde so gerne mal sagen, wie traurig ich manchmal bin.

Erschwerend kommt hinzu, dass mein Bruder und ich die letzten 5 Jahre (von seiner Seite aus) praktisch keinen Kontakt hatten. Dies beruhte auf einem Missverständnis, das er mich aber nie hat ausräumen lassen. D.h. ich muss nicht nur mit seinem Tod an sich, sondern (vor allem) auch damit zurecht kommen, dass wir unser Verhältnis nicht mehr bereinigen konnten. Zu diesem Thema mach ich aber gleich einen anderen Strang auf, weil das hier zu weit führen würde.

Jedenfalls habe ich daraus gelernt: Für die anderen, die meinen Bruder nicht kannten, geht das Leben (natürlich!) ganz normal weiter. Der Schock durch meine Nachricht und das Bewusstmachen der eigenen Sterblichkeit währte nur kurz, jetzt ist wieder alles wie gehabt. Vielleicht ist das ja gut so?
Und "Familie" bedeutet - zumindest bei mir - auch keine Unterstützung. Meine Mutter zwingt fast jedem die Geschichte meines Bruders auf, sowohl sein Leben als auch sein Sterben. Mein Vater, mit dem ich eigentlich immer gut reden konnte, blockt total ab. Und mein (anderer) Bruder schweigt sich ebenfalls einfach aus, lässt das Thema nicht an sich ran.

Das Ende vom Lied: Ich sitze sehr oft am Grab meines Bruders und halte Zwiesprache mit ihm. Nein, ich bin sicher nicht verrückt. Aber es ist wohl auch ein Beweis dafür, dass sich jeder seinen eigenen Weg sucht, mit der Trauer umzugehen.

Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin: Hätte ich mir früher vorstellen können, was es für ein Gefühl ist, so einen nahestehenden Menschen zu verlieren?
Obwohl ich den Tod schon oft direkt erlebt habe, im Rettungsdienst und bei der AIDS-Hilfe. Aber dies waren (relativ) fremde Menschen ...

Ja, es entstehen Enttäuschungen. Aber ich hoffe, dass ich - wenn in meinem Freundeskreis so etwas geschieht - dann tatsächlich auch anders damit umgehe ... wenn es der Betroffene zuläßt!

Ich wünsche dir, Sparkle, und allen anderen hier, die einen lieben Menschen verloren haben, alles Gute und viel Kraft und schöne Erinnerungen.

Kurvenfieber

Bloodyzicke
31.07.2006, 00:15
Oh Sparkle, du sprichst mir aus der Seele. Die Kraft fehlt mir auch, dabei brauche ich sie gerade jetzt so dringend, da ich Dienstag meine Ausbildung anfange. Alles was mir Kraft gibt, ist dass er so stolz war dass ich diese Stelle bekommen habe und allein deshalb muss ich schon so ehrgeizig sein wie er mich kennt. Einfach für ihn.

Aber das ist ja das widersprüchliche, ich möchte stark sein für ihn, und andererseits entzieht er mir die Kraft.

Ich denke man bekommt nur deshalb Trost bei Leuten denen es ähnlich geht, weil nur diese Menschen die eigene Situation überhaupt nachvollziehen können. Die anderen, denen es gut geht, setzen sich damit gar nicht auseinander...


Liebe Grüße

Bloody

Karli
01.08.2006, 15:58
Lieber Sparkle,
mein Mann ist vor 9 Monaten einfach so in der Nacht gegangen und was du so schreibst, ist als ob ich es bin die da schreibt. Es ist ein ganz komisches Gefühl. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben.
Aber lass dich nicht drängen - es heißt nicht umsonst Trauerjahr und auch nach dem 1. gibt es ein 2. Aber dieses wird sicherlich nicht mehr so schlimm wie das erste - ich hoffe es zumindest für mich.
Meine Standardantwort auf die Frage "Wie geht es dir?" ist "Es gibt gute und schlechte Tage und heute ist ein guter Tag!" Und schon sind alle zufrieden!
Bleib stark für dich - das Leben wartet!
Karli

Inaktiver User
02.08.2006, 22:21
Doch mit der Beerdigung hatte es sich dann buchstäblich erledigt. Es ist einfach nicht mehr Thema. Dabei fange ich jetzt erst so richtig an, das Ganze zu verarbeiten, also auch zu trauern.
Wenn ich darüber sprechen wollte, müsste ich das Thema wohl selbst aufbringen. Und da geht es schon los: Ich will niemandem dieses Thema aufzwingen. Ich verstehe, dass es für die anderen wohl sehr schwer ist, sich mit dem Tod im Allgemeinen und meinen Gefühlen in diesem persönlichen Fall auseinander zu setzen. Aber ich würde so gerne mal sagen, wie traurig ich manchmal bin.


Das ist genau das, was ich meine, Kurvenfieber. Ich habe festgestellt, dass meine Umwelt alle möglichen Ursachen in Betracht zieht, wenn ich mir mal anmerken lasse, dass es mir nicht gut geht (was ich allerdings weitestgehend vermeide): Stress im Büro, die Hitze/der Regen (je nachdem, was gerade überwiegt), Müdigkeit, Kopfschmerzen… Aber niemand kommt auf das Naheliegendste oder traut sich, es zur Sprache zu bringen.

Ich wollte Dich gerade fragen, wie es Dir an den ersten beiden Tagen Deiner Ausbildung ergangen ist, Bloody, und jetzt lese ich in einem anderen Strang, dass es Dir gar nicht gut geht. Das tut mir sehr leid.
Du hast hier vor ein paar Tagen geschrieben, Du musst so ehrgeizig sein, wie Dein Freund Dich kannte. Und genauso klang der ganze Beitrag – ehrgeizig. Deshalb bin ich mir eigentlich sehr sicher, dass Du Deine neue Aufgabe meistern wirst. Ich wünsche es Dir!

Aber ich weiß, wie schwer das ist. Auch ich musste mich in den letzten Monaten einigen Herausforderungen stellen, die jede für sich schon sehr belastend gewesen wären und durch den Tod meines Vaters fast unerträglich für mich wurden. Ich weiß eigentlich immer noch nicht, wie ich das alles überstanden habe. Ich bin direkt am Tag nach der Trauerfeier wieder zur Arbeit gegangen, habe „nebenbei“ auch meine schulische Fortbildung ohne Unterbrechung durchgezogen und letzten Monat meine Prüfung gemacht. Zwar weiß ich noch nicht, ob ich bestanden habe, aber ich kann es irgendwie kaum glauben, dass ich es überhaupt geschafft habe, zur Arbeit zu gehen, zur Schule zu gehen, in meiner kaum vorhandenen Freizeit zu lernen und noch möglichst viel Zeit mit meiner Mutter zu verbringen - wo es mir eigentlich doch oft schon schwer fällt, überhaupt zu atmen…

Weißt Du, was ich auf die Frage, wie es mir geht, immer antworte, Karli? Ich sage einfach „Wie immer“ – dann können sich die Leute selbst aussuchen, ob sie denken, dass es mir „wie immer schlecht“ geht oder „wie immer gut“. Eine ehrliche Antwort erwarten (erhoffen) sie sowieso nicht. Die Frage „Wie geht’s?“ ist doch leider häufig eine genauso unbedeutende Floskel wie eine Bemerkung über’s Wetter.

Ich wünsche Euch eine gute Nacht!

Sparkle

Bloodyzicke
05.08.2006, 09:38
Liebe Sparkle,

auch wenn die Frage hier wahrscheinlich schon hundert mal gestellt wurde und ich selbst sage, keiner kann das verstehen außer jemand der das erlebt hat, aber an manchen Tagen ist das einfach keine ausreichende Antwort für mich.

Ich würde mich so gerne einmal richtig fallen lassen können, ohne Angst haben zu müssen dass alle blöd gucken oder betreten daneben stehen. Ich möhte einfach aufgefangen werden und mir dessen auc sicher sein können. Ich hätte vor einem halben Jahr nie geglaubt, dass ich einmal so enttäuscht werden könnte aber so ist es nunmal. Und ich hoffe wirklich sehr dass ich die acht Stunden Arbeit weiterhin überstehe ohne das jemand etwas merkt.
Bisher geht das, es sind halt die Abende...

Dieses Unverständnis, was schlechtes Befinden angeht, kenn ich also auch sehr wohl, sogar von meiner Besten Freundin...

Letztes Wochenende war hier Dorffest und ich hatte so gar keine Lust auf Party und Saufgelage, hab das auch genau so gesagt und was krieg ich zu hören? Nicht etwa kann ich verstehen oder so nein, stell dich nicht so an du alter Jammerlappen... Ich mein, das ist ein Spruch den sie früher auch immer öfter gebraucht hat, aber in dem Moment hab ich mich so mies gefühlt, ist man also ein Jammerlappen, wenn man zwei Monate nach dem Tod des einzig wirklich geliebten Menschen doch tatsächlich die Frechheit besitzt noch immer zu trauern. Dieses Unverständnis macht mich einfach wahnsinnig. Und das Wegschieben, wenn man versucht was loszuwerden, eine schnelle Antwort erhält und das Thema sofort gewechselt wird.

Ich wünsche Dir , dass es besser wird als bei mir!

Fühl dich gedrückt

Bloody

Inaktiver User
06.08.2006, 05:50
Ach Bloody… Siehst Du – das ist das, was ich meine. Wir kennen uns nicht, wir führen ganz unterschiedliche Leben und dennoch - wir wissen genau, was der andere durchmacht und erleben mit unterschiedlichen Menschen dieselben Dinge.

Vor gar nicht allzu langer Zeit hat mein angeblich bester Freund, den ich hier bereits Anfangs einmal erwähnt habe, zu mir gesagt (im Zusammenhang mit einer der unzähligen Diskussionen, die wir um unsere offensichtlich nicht vorhandene Freundschaft führen), alles, was er von mir kennen würde, wäre meine schlechte Laune.

Ja, aber ist das denn ein Wunder?!?

Ich muss dazu sagen, dass wir uns noch nicht allzu lange kennen. Schon kurz nachdem unsere „Freundschaft“ begann, ging es mit der Gesundheit meines Vaters rapide bergab, nur habe ich meinem „Freund“ nie etwas davon erzählt. Mittlerweile denke ich, dass ich im Unterbewusstsein gewusst habe, dass er nicht wirklich ein Mensch ist, dem man in solchen Situationen vertrauen kann. Dennoch hat mich seine Aussage über meine „schlechte Laune“ SEHR verletzt. Vor allem, weil er das sagte, nachdem er schon lange wusste, was der Grund für meine „schlechte Laune“ war. Solche Aussagen machen mich fassungslos und sprachlos. Diese Gefühlskälte erschreckt mich sehr.

Ich weiß, was Du meinst, Bloody, wenn Du sagst, dass Du Dich gerne einmal fallen lassen würdest. Ich habe höchstens zwei, drei Freunde, denen gegenüber ich mich überhaupt noch traue, den Tod meines Vaters irgendwie ins Gespräch zu bringen. Aber selbst bei denen lasse ich nicht durchblicken, wie es mir wirklich geht. Ich habe einfach Angst, die Freundschaft überzustrapazieren. Ich habe riesige Angst, auf Unverständnis zu stoßen.

Dabei geht es mir gerade in letzter Zeit sehr schlecht. Vielleicht, weil ich nach dem ganzen Prüfungsstress zum ersten Mal ein bisschen Zeit zum Nachdenken habe und von daher auch zum ersten Mal Zeit habe, zu trauern. Ich weine sehr viel, kann mich zu nichts mehr aufraffen… Ich mag einfach nicht mehr…

Dennoch hatte ich heute bzw. gestern einen sehr schönen Tag, an dem ich mich etwas ablenken und Kraft tanken konnte. Daher schicke ich Dir ein bisschen von dieser Kraft und grüße Dich ganz lieb. :blumengabe:

Sparkle

Bloodyzicke
08.08.2006, 18:29
Ich danke dir für die geschickte Kraft, kann sie wirklich brauchen...

Ich kann das so gut nachvollziehen, dass du gerade jetzt trauerst, so war es bei mir ja auch, nachdem der Stress erstmal verflogen war, das schlimme ist nur, dass ich da jetzt nicht mehr so wirklich raus finde.

Keine Ahnung warum... Im moment fällt es mir auch sehr schwer, mich in die Arbeit einzufinden und auf die neuen Leute zuzugehen, wobei das sonst nie mein Problem war.
Aber ich habe einfach gar keine Lust mich auf neue Leute einzulassen und mich mit ihnen zu beschäftigen.

Erst ging es heute morgen sogar, dann kam aber das Gesräch auf Autos. Bzw, auf den Calibra der aufm Parklatz steht, "der sieht ja geil aus..." und ich blöde kuh hab auch noch gesagt, dass es meiner ist (ist ja numa auch ne typische prollkarre für die großen Jungs). Naja und dann kam halt "Boah, wie kommst du denn zu so nem Auto?" Tja, wie komme ich dazu...?! Da war es wieder dieses Gefühl der totalen Leere... Lieber wärs mir es wär nicht mein Wagen, sondern es wäre noch Stefans...
Von da an gings steil bergab...

Aber was soll ich sagen? Kenne die Leute ja nicht also war das eben ein Zufall dass ich zu dem Auto kam...
Ich weiß das war mehr als unfair Stefan gegenüber, aber ich kann doch nicht sagen, joa, also, mein Frreund ist verunglückt, nu hab ich sein Auto...

Und das mit deinem Besten Freund tut mir so leid für dich! Und ich weiß genau wie du dich fühlst. Dass Menschen so sein können, will mir einfach nicht in den Kopf gehen... Ich verstehe es nicht.

Tut mir leid dass ich mal wieder etwas wirsch antworte, aber ich glaube heute ist einfach ein echt schlechter Tag.

Gruß

Bloody