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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ich MUSS weniger arbeiten, traue mich aber nicht...



Inaktiver User
23.12.2011, 23:06
Hallo ihr auch Selbstständigen!

In diesem Jahr hat es sich besonders zugespitzt: Ich arbeite immer mehr und mehr. Es hat sich irgendwie ergeben - scheinbar gerate ich da in eine Spirale hinein, sehenden Auges - und kann mich nicht wehren.

Ich liebe meinen Beruf sehr (sozialer Bereich), er gibt mir auch viel. Das ist wahrscheinlich das Einzige, was mich noch aufrecht hält.

Ich mutiere zum Workaholic und gebe meine ganze Energie während der Arbeitsstunden her. Danach bin ich zu fast nichts mehr in der Lage. ICH WEIß, DASS DAS AUF DAUER NICHT GUT GEHEN KANN!!! Noch schaffe ich es, dass meine Arbeitsleistung nicht leidet.

Meine Familie spielt (noch) mit. Meine Gesundheit ist deutlich gefährdet. Ich merke es bei verschiedenen Gelegenheiten.

ABER ICH KANN NICHT E I N F A C H weniger arbeiten! Leute, die ebenfalls selbstständig sind, werden das eher verstehen als Angestellte, denke ich. Fakt ist wohl, dass mir das Vertrauen fehlt, auch weiterhin genug Arbeit zu haben, wenn ich mal NEIN sage, Leute wegschicke, statt mir noch einen und noch einen Termin mehr aufzubürden.

Wer von euch ebenfalls Selbstständigen hat es geschafft, aus dieser Spirale auszuscheren und WIE hat das geklappt? Ich freue mich auch von Jemandem zu lesen, der in ähnlicher Lage ist wie ich. Vielleicht schaffen wir es gemeinsam, kürzer zu treten?

Gruß von halb-lieb und schöne Weihnachten!

Inaktiver User
25.12.2011, 03:26
Liebe halb-lieb,

frohe Weihnachten Dir! Die Entscheidung, in einem angemessenen Verhältnis zu arbeiten, triffst Du ganz alleine. Du schreibst, du "musst" weniger arbeiten und du "kannst" nicht einfach weniger arbeiten. Und zwischen den Zeilen steht die Sorge, am Hungertuch zu nagen, wenn du mal nein sagst.

Wenn es um das liebe Geld geht, was würde im worst case passieren, wenn Du deinen Tagessatz anhebst? Mehr Geld für das gleiche Pensum Arbeit und die Chance, raus aus diesem Hamsterrad zu kommen.

Wie sieht es bei Dir aus mit Rücklagen zur Altersvorsorge? Generell Deine Einkommenslage? Hobbies? Partnerschaft? Freunde?

Was stehen Dir für Möglichkeiten zur Verfügung, deine eigene Sinnhaftigkeit aus anderen Bereichen als dem Beruf zu ziehen? Google mal Nathaniel Branden und die sechs Säulen des Selbstwertgefühls. Und vielleicht magst Du dir das Buch zu Weihnachten selbst schenken. :)

Damit hat es bei bei einer Freundin von mir geklappt. Hinten drin ist ein Selbsttest für mehrere Wochen. Und es hing letztendlich damit zusammen, dass sie dachte, ihre einzige Betstätigung, auf diesem Planeten zu sein, habe ihr der Beruf gegeben.

Gerade im sozialen Bereich ist durch die mögliche Dankbarkeit,das sich Aufopfern, die Gefahr des falschen Altruismus sehr hoch. falsch = wenn sich der Mensch, der gibt, damit selbst ausbeutet.

Liebe Grüße
Carla

Inaktiver User
25.12.2011, 06:10
ABER ICH KANN NICHT E I N F A C H weniger arbeiten! Leute, die ebenfalls selbstständig sind, werden das eher verstehen als Angestellte, denke ich. Fakt ist wohl, dass mir das Vertrauen fehlt, auch weiterhin genug Arbeit zu haben, wenn ich mal NEIN sage, Leute wegschicke, statt mir noch einen und noch einen Termin mehr aufzubürden.

An dem Punkt und noch tiefer war ich Mitte des Jahres. Die Qualität meiner Arbeit ließ nach, ich konnte mich nicht mehr auf die Inhalte meiner Mails konzentrieren und ich entwickelte einen Widerwillen gegen die Art meiner Arbeit. Zu einem radikalen Stopp sämtlicher Neuaufträge sah ich keine Alternative.
Es hat mir letzten Endes kaum geschadet, Meine Auftraggeber warteten nur ungeduldig bis ich wieder signalisierte, dass ich bereit war, neue Aufträge zu erledigen.

Ich achte darauf, meine Reputation, die ich mir erarbeitet habe, nicht zu schädigen. Ein Nachlassen der Qualität hätte weit größere Folgen, zumal ich das Risiko für Fehler nicht durch eine Versicherung abdecken kann, sondern selbst in vollem Umfang dafür hafte. Also habe ich mich entschieden, meiner Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit höchste Priorität einzuräumen. Beides erhalte ich mir nur durch genügend Sport, Familie, Freunde und Spaß.
Und seither suche ich nach einer Festanstellung, denn mir ist klargeworden, dass ich mit den Unabwägbarkeiten der Selbstständigkeit nur schwer klarkomme. Die Abhängigkeit von der Konjunktur und Zahlungswilligkeit meiner Auftraggeber sind alles Faktoren, die auf die ich keinen Einfluss nehmen kann, die mir aber jede Menge Energie rauben.

Inaktiver User
25.12.2011, 10:54
Liebe Carla!

Der worst case... meine Tages-/Stundensätze sind festgeschrieben, da kann ich nichts machen. Und was die Altersvorsorge betrifft sowie Rücklagen - eher schwindsüchtig, als stabil. Ich bin alleinerziehend, habe spät begonnen mit meinem jetzigen Job, bin in meinem Leben lange Zeit recht orientierungslos herumgependelt. Das rächt sich jetzt scheinbar. Manchmal denke ich, was ich früher nicht gearbeitet habe, muss ich jetzt doppelt und dreifach nachholen.

Wenn ich finanziell stark dastehen würde, hätte ich sicher mehr Gelassenheit, auch mal Nein zu sagen. Ja, ich habe wohl wirklich Angst, am Hungertuch zu nagen, wenn ich Nein sage und die Leute anderswo hingegen würden.

Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, als ich mal ein Vierteljahr krankheitsbedingt ausfiel, dass "meine Leute" geduldig auf mich warteten. Sie waren mir treu! Das war sehr schön. Aber die kannten mich ja auch schon. Die Neuen kennen mich noch nicht. Wissen nicht, wie gut ich bin :freches grinsen: !

Ich werde mir das Buch auf jeden Fall mal anschauen/besorgen. Es stimmt schon, ich habe oft das Gefühl, meine einzige Daseins-Berechtigung ist, dass "meine Menschen" so gut bei mir "ankommen" können. Wobei ich gut damit leben könnte, wenn es weniger Menschen sind als zur Zeit. Oder???!

Danke erstmal für deine Worte!

... schöne Feiertage noch!

Inaktiver User
25.12.2011, 11:03
Hallo Nathalie!

Danke auch für deine Antwort! Die Reputation, die ich mir erarbeitet habe, hat - denke ich - (noch) nicht gelitten. Ich liebe meine Arbeit ja sehr und schöpfe sogar Energie aus ihr (bis zu einem gewissen Punkt). Mir ist auch unendlich wichtig, jedem "meiner Menschen" gerecht zu werden (autschn, die Antwort sagt wieder Vieles aus... hab aber keine Lust, eine andere Formulierung zu suchen!)

Ich habe auch immer mal wieder überlegt, ob ich mich nicht anstellen lassen sollte. Ich habe auch schon mal beim Arbeitsamt gesessen und mich beraten lassen. Sah gar nicht mal so schlecht aus, bei meiner Ausbildung. Allerdings waren alle Positionen nur befristet (Jahresverträge oder so) und die Bezahlung sähe (eben sozialer Bereich) nicht rosig aus. Trotzdem - der Gedanke ist auch in meinem Kopf und wenn sich eine passende Gelegenheit bietet, werde ich sorgfältig überlegen.

Dir auch eine schöne Zeit!

frank60
30.12.2011, 06:43
Das Problem kenne ich zu gut. Irgendwann habe ich angefangen die Arbeit zu sortieren, nach Rentabilität. Half nicht wirklich.
Dann einen Lehrgang belegt, war auch nicht der Brueller.

Schreib gleich weiter, ehe erst mal ins Meer baden.

frank60
30.12.2011, 07:05
Irgendwann habe ich versucht meinen Schreibtisch leer zu arbeiten. Das dynamisiert den Auftragseingang, vergiss auch das.
Heute nehme ich mir etwas mehr Auszeit und versuche die Arbeit zu vergessen.
Tröste dich, es ist ein Luxusproblem. Wer hat schon das Glück, seine Arbeit als Spass zu empfinden, die meiste Zeit des Tages mit Freude und Elan zu verbringen.
Betrachte es von der Seite.

Sugarnova
31.12.2011, 02:19
Mal generell - sind deine Kunden Last-Minute-Kunden? Kannst du deine Arbeit irgendwie planen?

Quirin
01.01.2012, 14:03
Du könntest jemand anstellen, wenn Du gar so viele Aufträge reinbekommst. Du könntest fachfremde Aufgaben jemand anderen erledigen lassen (Abrechnung, Telefondienst, Auftragsannahme durch Auslagern oder Anstellung, gibt vielleicht auch Neurentner, die noch ein paar Stunden in der Woche was machen wollen wie Abrechnung und Auftragsannahme). Und regelmäßig "zwangsweise" Urlaub.

Inaktiver User
10.03.2012, 20:38
Oh je!!! Hier ging es ja weiter...

Tut mir Leid, dass ich mich nicht weiter gemeldet habe. Hier in der BriCom passiert es ja manchmal, dass ein Thema im Sande verläuft, dachte, meins wäre auch so eines. SORRY!!!

Frank, Sugarnova und Quirin: Danke für eure Antworten!!! Hier nun meine dazu:

Frank: Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich meine Arbeit so sehr liebe. Ich bin sogar schon dazu übergegangen, meine besonders netten Menschen als eine Art "Pause" zu betrachten. Verrückt, ich weiß... Aber ich habe in meinem Leben gelernt, dass es manchmal enorm hilft, den Blickwinkel zu ändern. Das hilft mir auch nur begrenzt, denn mein Problem ist einfach, dass ein Tag nur 24 Stunden hat! Und wenn ich dann nach Hause komme, schaffe ich eigentlich nichts mehr. Und habe viel zu wenig Zeit für mich allein! Und die brauche ich doch dringend. Und Zeit zum Treffen mit meinen Freunden/meinem Freund/meiner Familie.

Sugarnova: Meine Kunden melden sich telefonisch bei mir an. Wenn ich ihnen keinen Termin in den nächsten Wochen zusichern kann, gehen sie natürlich woanders hin. Es sei denn, sie kennen mich (selbstbewusstes Lächeln...), dann warten sie oft auch länger, weil sie wieder zu mir wollen. Das ist wieder ein Grund, warum ich diese Arbeit so liebe. Sie bietet mir auch viel Selbstbestätigung. - Doof ist das Gefühl, Kunden gehen lassen zu müssen. Denn als Selbstständige weißt du nie, wann und ob der nächste anruft.

Quirin: Ich habe eine Teilzeit-Mitarbeiterin und mittlerweile eine weitere, die erstmal klein anfängt. Eine "Sekretärin" zu beschäftigen, kann ich mir leider nicht leisten. Dafür wirft mein Berufszweig nicht genug ab, es sei denn, ich hätte 8 oder mehr Mitarbeiter... Das traue ich mich aber nicht und ich denke, das gibt unser Nest auch auftragstechnisch nicht her. Zudem bin ich nicht wirklich Geschäftsfrau genug. Sozialer Bereich eben... Bin eher zu sehr Mensch als geschäftstüchtig. Naja, muss sich ja eigentlich nicht gegenseitig ausschließen, bei mir nur leider (bislang?) schon.

Vielen Dank nochmal für eure Gedankengänge! Ich schau jetzt mal öfter hier rein, damit ich diesmal mitkriege, ob nochmal jemand schreibt.

Ich gebe jedenfalls nicht auf!

Euch alle guten Wünsche!

halb-lieb

frank60
11.03.2012, 12:01
Ich habe meine gesamten häuslichen Arbeiten delegiert, das hilft mir ungemein. Ich konzentriere mich auf de Dinge die ich nicht delegieren kann. Wenn dein Job so wenig bringt, dass du dir kein Personal halten kannst, solltest du Dein Konzept generell überdenken.

Inaktiver User
11.03.2012, 12:48
Hallo Frank!

"Personal halten" kann ich in gewissen Grenzen schon: 2 Mitarbeiterinnen mit der gleichen Ausbildung wie ich, eine Reinigungskraft für meinen Betrieb und hin und wieder auch für zu Hause.

Mein Konzept überdenken-hmmm... Leider bin ich an gewisse Gegebenheiten gebunden, mein Handlungs-/Abrechnungsspielraum ist nicht sehr groß. Aber eigentlich bin ich immer wieder dabei, innerhalb dieser Grenzen mein Konzept zu überdenken. Tatsächlich...

Delegieren kann ich 1.) gerade besonders arbeitsintensive und nervige Dinge NICHT, da negative Folgen irreparabel, wenn´s schief ginge und 2.) fällt es mir wohl sowieso nicht wirklich leicht. Aber ich arbeite dran.

Schönen Sonntag noch!

halb-lieb