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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Heft 14 - Dossier "Die Stunde der Frauen"



palstek
15.06.2011, 20:19
Nachdem ich wieder einmal ein Dossier über Frauen und Karriere gelesen habe, stellt sich mir die Frage weshalb "Karriere" in Deutschland immer gleich mit Führungspositionen verbunden wird. Muss man immer zu den Entscheidern im Vordergrund gehören, Mitarbeiter führen und eine außertarifliche Bezahlung für nicht registrierte Überstunden erhalten, um als erfolgreich und Karriere machend zu gelten?

Nicht umsonst gibt es Dossiers über Burnout-Syndrom und Unzufriedenheit im Job. Wer sagt denn, dass jeder, der es WILL oder der GEFÖRDERT wird auch gleichzeitig mit der Rolle als Führungskraft glücklich, zufrieden und kompetent ist?

Und was passiert, wenn man merkt, dass man mit der neuen Rolle unzufrieden ist?

Sind Fachverantwortliche nicht genauso wichtig und karrrieregeil wie Führungskräfte? Nur mit dem Unterschied, dass sie bei ihrem auserwählten Fachgebiet geblieben sind. In Deutschland werden zu Führungskräften häufig die auserwählt, die die entsprechenden Seilschaften gebildet haben, die (hoffentlich) fachlich den Überblick haben. Vielfach fehlt es jedoch an der nötigen Sozialkompetenz,
an Einfühlungsvermögen, Kooperationsvermögen, Delegationsvermögen, Lebenserfahrung, Ruhe und Gelassenheit etc. Die Hauptaufgabe einer Führungskraft ist, wie der Begriff schon sagt, Menschen zu führen. Und das unterschätzen viele.

Ich habe selbst mehrere Jahre als Personalleiterin gearbeitet und war sehr unglücklich mit dieser Aufgabe. Es war die Idee meines Vorgesetzten, da ich fachlich gut ausgebildet und sehr beliebt in der Belegschaft war, mir die Leitung des Personalwesens zu übertragen. Ich kannte mich aus, war lange Jahre im Unternehmen und hatte den Überblick.

Ich sagte zu, obwohl ich ein ungutes Gefühl in der Magengrube hatte. Die folgenden Jahre wurden für mich, obwohl alle mit mir als Führungskraft super zufrieden waren, zur Qual. Ich habe meinen Job gehasst. Alles was ich bis dahin gerne bearbeitet hatte, wurde zur Nebensache, weil meine Mitarbeiterinnen diesen Job übernahmen. Ich saß nur noch in Führungskräfte-Konferenzen und leitete meine Mitarbeiterinnen an. Selbst die die pflegeleicht waren, gingen mir nach kurzer Zeit schon auf die Nerven. An Überstunden lag es nicht, die wurden gut bezahlt - die hatte ich auch vorher gerne gemacht.

Es nervte, dass ich nicht mehr das machen konnte, was mir vorher so viel Spaß gemacht hatte. Jedes Lob über meine Abteilung, wie toll alles läuft, prallte schlicht von mir ab. Ich merkte, dass ich keine Lust hatte, mich mit den Problemen, Macken, Fragen "anderer Leute" zu beschäftigen. Daraus noch einen "Erfolg" zu machen, ging mir an die Substanz und war sehr kräftezehrend.

Ich bin letztendlich durch eine Fusion aus der Führungs-Schiene wieder rausgekommen und arbeite heute glücklich und "karriere=erfolgsgeil" als Fachverantwortliche weiter. Ich arbeite gerne im Team und mit anderen zusammen. Aber ich will andere Menschen nicht anleiten. Ich bin keine Erzieherin.
Denn als solche habe ich mich vorher gefühlt.

Frauen sind wahrscheinlich deshalb oft so zögerlich:
- weil sie nachdenken über den Preis, den sie zahlen
- weil sie wissen wie schwierig es ist, Menschen zu leiten
- weil sie abwägen, ob Macht wichtig ist oder innere Zufriedenheit

Ich finde, Führungspositionen sollten nur von denen bekleidet werden, die die nötigen Sozialkompetenzen vorrangig mitbringen. Machtanspruch und Erhabenheitsgefühle haben hier nichts zu suchen. Nach GANZ OBEN kommt meistens GANZ UNTEN.

Und das betrifft Männer und Frauen gleichermaßen.

savo69
15.06.2011, 22:46
Wann ist denn die richtige Stunde der Frauen?

Es kommt nicht immer darauf an, wirklich karrieremäßig aufzusteigen! Dies wird in den Artikeln oft überbewertet.
Aber was mich wirklich etwas sauer macht, sind die Fakten, dass immer wieder große Unternehmen wie Henkel häufig als vorbildlich dargestellt werden und es lange Zeit nicht waren und zum Teil heute immer noch nicht sind.
Vor 20 Jahren habe ich als junge Ingenieurin(!) mit Fachhochschulabschluss bei Henkel in Düsseldorf angefangen und musste nach einiger Zeit feststellen, dass es mir als Frau - in einem sehr konsvervativ ausgerichteten Unternehmen - weder mein Frausein noch mein Fachhochschuldiplom halfen, um in die hausinterne Führungskraftentwicklung zu gelangen. Aussage der Personalabteilung, Fachhochschule reicht nicht, es müsste schon ein Hochschulabschluss idealerweise mit Promotion sein...
Mein Plan B war die Geburt meiner Tochter, die mir aber nicht half, Teilzeit im Unternehmen weiterzuarbeiten, da Betreuungsplätze nur für alleinerziehende Frauen vorgesehen waren!
Nach vielen Jahren Kinderpause habe ich nochmals studiert und bin jetzt verbeamtete Lehrerin für Mathematik und Physik.
Vielleicht müssen wir Frauen es auch Chance begreifen, dass wir durch Kinder (meist auch deren Erziehung) und die damit einhergehende Veränderungen in der Lebensgestaltung unser Leben und Arbeiten neu auszurichten und zu gestalten. Ich empfinde oft, dass Frauen den positiven Effekt leider nicht sehen oder für sich nicht gewinnbringend nutzen können. Wie arm würden sich viele von uns fühlen, wenn wir nicht doch den Hauptanteil an familiärer Organisation und Nähe erleben könnten.
Veränderungen bereichern unser Leben.