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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Frage an andere mit Missbrauchserfahrung



zoeli72
22.10.2010, 11:34
Liebe Bricomler,

ich musste als Kind Missbrauch erleben (im Vergleich zu manch anderen noch ein "milder" Fall, es war ein halbwüchsiger Nachbar, keine Vertrauensperson, und ohne richtigen GV, dauerte aber Jahre). Mir geht es eigentlich ganz gut damit, ich habe Therapie gemacht und meine, es gut verarbeitet zu haben, ich lebe gut und glücklich.

Es gibt nur ab und zu Dinge, die mich unheimlich triggern. Aktuell ist es ein kleiner operativer Eingriff - mir wurden vorgestern 2 Muttermale herausoperiert. Körperlich war es natürlich nicht so schlimm, ich hatte ja lokale Betäubung. Aber dieser Gedanke, dass da an mir herumgeschnippelt und in meinen Körper eingegriffen worden ist, dieses Gefühl, so "verwundet" zu sein und mich verteidigen zu müssen... ich könnte gerade nur noch um mich schlagen und heulen, und mir wird richtig schwindlig davon. Gestern war's richtig übel, heute berappele ich mich langsam wieder. Mir kommt's vor, als ob mich vor allem solche Eingriffe in meinen Körper triggern würden, da reicht schon eine Nadel beim Blutabnehmen.

Ich komme mir schon blöd vor, das zu schreiben (wenn ich lese, was manch anderer hier durchmacht), aber mich würden doch mal die Erfahrungen anderer mit einer ähnlichen Geschichte interessieren.

Habt ihr auch solche Dinge, die euch triggern, obwohl sie gar nicht offensichtlich mit dem Missbrauch zu tun haben? Oder suche ich nur eine Ausrede für meine angeborene Zimperlichkeit? :smile:

Danke!
zoeli

Inaktiver User
22.10.2010, 17:42
Liebe zoeli72 :in den arm nehmen:

Was mir an deinem Text sofort aufgefallen ist, ist die Verniedlichung, die Verharmlosung, die du selbst für das, was dir passiert ist und worunter du ganz offensichtlich leidest, betreibst.

Wichtig sollte meiner Meinung nach allein das sein:



ich könnte gerade nur noch um mich schlagen und heulen, und mir wird richtig schwindlig davon. Gestern war's richtig übel, (...)


Ich habe leider kein Patentrezept gegen die triggernden Momente, erlebe sie selber manchmal und kann, glaube ich, sehr gut nachvollziehen, was du da empfindest.

Geholfen hat mir aber schon etwas (und hoffentlich kumulativ), dass ich offen kommuniziere, was mir einmal geschehen ist. Vor allem, mir selbst gegenüber :pfeifend: Anerkennen, dass das, was gewesen ist, ein Drama für die kindliche Seele gewesen ist. Punkt! Es WAR schlimm, es WAR ein Alptraum! Und ist durch nichts und niemanden wieder gutzumachen.

Es hat ewig gebraucht, bis ich etwas Wut in mir gefunden habe auf die A......lö.....er, die das damals mit mir gemacht haben. Ich nehme an, es hat etwas mit der Loslösung von der Opferrolle zu tun und damit zu beginnen, sich selbst zu lieben.


:blumengabe:


Schlaflos

zoeli72
22.10.2010, 18:59
Was mir an deinem Text sofort aufgefallen ist, ist die Verniedlichung, die Verharmlosung, die du selbst für das, was dir passiert ist und worunter du ganz offensichtlich leidest, betreibst.

Wichtig sollte meiner Meinung nach allein das sein:




Ich habe leider kein Patentrezept gegen die triggernden Momente, erlebe sie selber manchmal und kann, glaube ich, sehr gut nachvollziehen, was du da empfindest.

Geholfen hat mir aber schon etwas (und hoffentlich kumulativ), dass ich offen kommuniziere, was mir einmal geschehen ist. Vor allem, mir selbst gegenüber :pfeifend: Anerkennen, dass das, was gewesen ist, ein Drama für die kindliche Seele gewesen ist. Punkt! Es WAR schlimm, es WAR ein Alptraum! Und ist durch nichts und niemanden wieder gutzumachen.

Es hat ewig gebraucht, bis ich etwas Wut in mir gefunden habe auf die A......lö.....er, die das damals mit mir gemacht haben. Ich nehme an, es hat etwas mit der Loslösung von der Opferrolle zu tun und damit zu beginnen, sich selbst zu lieben.


:blumengabe:


Schlaflos

Danke für deine Rückmeldung, schlaflos... du findest, ich verniedliche? Weil ich meinen Missbrauch als noch vergleichsweise harmlos darstelle?

Da bin ich selbst im Zwiespalt... ich will mich eben gerade nicht mehr als Opfer sehen. Vor über 25 Jahren war ich ein Opfer. Jetzt bin ich es nicht mehr - jetzt liegt es an mir, was ich aus meinem Leben mache und wie ich mit dem, was mir passiert ist, umgehe. Aus diesem Grund erzähle ich das auch nur ganz selten, ich habe dabei irgendwie immer das Gefühl, Mitleid zu heischen oder Gefahr zu laufen, mich in dieser Opferrolle auszuruhen.

Andererseits hat sich während meiner Therapie (die ich vor einigen Jahren begann, nachdem ich Panikattacken bekam) auch herausgestellt, dass ich stärker traumatisiert war/bin als ich immer dachte.
Und solche Dinge wie eben diese Triggermomente zeigen mir auch, dass da tief in mir schon noch etwas da ist von diesen Wunden, die mir der Missbrauch zugefügt hat.

Diese Trigger, ist das bei dir auch irgendwas Konkretes, was du benennen kannst?

Gruß
zoeli

(PS: Ich bin am WE bei Freunden und nicht online und melde mich Mo früh wieder!)

zoeli72
23.10.2010, 14:27
Falls vielleicht noch jemand mitschreiben will... ich bin jetzt doch da, habe mir jetzt auch noch einen Virus eingefangen (Kopfschmerzen, Bauchkrämpfe...) und bin doch nicht zu meinen Freunden gefahren. Ja, komischer Zufall, es hat mich aber auch so gebeutelt, dass ich schon fast auf sowas gewartet habe.

Das alles lässt mich mal wieder viel über meinen Missbrauch nachdenken. Ich fürchte mich seit meiner Therapie viel weniger als früher vor vermeintlichen Abgründen, die ich irgendwo in mir habe - weil ich weiß, dass die nicht so tiefschwarz und nicht so bedrohlich sind, wie ich immer dachte.

Aber irgendsoein "Kästchen", das normalerweise gut verschlossen ist und dann bei bestimmten Auslösern aufgeht und mich einmal komplett bis in den Kern durchschüttelt, das gibt's immer noch.

Gruß
zoeli

Inaktiver User
23.10.2010, 18:20
Gute Besserung wünsche ich dir :in den arm nehmen:

:blumengabe:





ich will mich eben gerade nicht mehr als Opfer sehen.

Diesen Wunsch kann ich gut verstehen, aber nicht anzuerkennen, dass das, was dir als Kind geschehen ist, sehr schlimm war und die Auswirkungen auf dein Leben bis heute, als Erwachsene, alles andere als harmlos sind - das ist nicht das Einnehmen einer Opferhaltung. Ganz im Gegenteil: Damit stellst du dich noch im Nachhinein auf dieselbe Position wie der Täter :knatsch:


Opferhaltung wäre doch, wenn dir das Vergangene ständig herhielte als Begründung für die vielen großen und kleinen Misserfolge in deinem Leben. Wenn du jammern würdest und haarsträubende Zusammenhänge erschaffen.

Aber diesen Eindruck hast du bislang nicht auf mich gemacht :smirksmile:


Natürlich liegt es jetzt an dir, was du aus deinem Leben machst. Und doch kannst du nur mit den Ressourcen haushalten, die dir gegeben sind, und dazu gehört auch die Missbrauchserfahrung aus deiner Kindheit. Es ist eine Erfahrung, die dich AUCH zu DEM Menschen gemacht hat, der du bist.




Diese Trigger, ist das bei dir auch irgendwas Konkretes, was du benennen kannst?


Also, bei mir bezieht es sich auf das rein Sexuelle. Da gibt es zwei Aspekte: Einmal versuche ich, über hemmungslos sexuelles Verhalten mir das Herz eines Mannes zu erobern. Wenn ich es "geschafft" habe, triggert mich quasi jede seiner Berührungen so sehr, dass ich Sexualität kaum noch ertragen kann :peinlich:



Schlaflos

Inaktiver User
23.10.2010, 18:27
Liebe zoeli

Ich bin nicht "wirklich" missbraucht worden, aber mir geht es genauso bei medizinischen Eingriffen jeder Art.
Ich habe da nie eine Parallele gezogen zu Kindheitserfahrungen. Ich habe auch schon von anderen ohne so eine Geschichte gehört, daß die damit auch nicht gut umgehen können.

Ich will Dein Erleben nicht relativieren, erzähle Dir nur, was ich selber so erlebt und gehört habe.

zoeli72
24.10.2010, 10:27
Diesen Wunsch kann ich gut verstehen, aber nicht anzuerkennen, dass das, was dir als Kind geschehen ist, sehr schlimm war und die Auswirkungen auf dein Leben bis heute, als Erwachsene, alles andere als harmlos sind - das ist nicht das Einnehmen einer Opferhaltung. Ganz im Gegenteil: Damit stellst du dich noch im Nachhinein auf dieselbe Position wie der Täter :knatsch:

Interessanter Gedanke, so hab ich das noch nie gesehen. Die Auswirkungen habe ich allerdings wirklich viele Jahre lang nicht wahrhaben wollen, bis ich eben diese schlimmen Panikattacken bekam und auch bei einer kinesiologischen Behandlung immer wieder bei dem Missbrauch hängen geblieben bin. Das hat damals so gut getan, da endlich mal ranzukommen und das aufzuarbeiten, obwohl es während der Behandlung oft ganz schön hart war und ich jedesmal mit Schwindelanfällen usw. da drin saß.


Opferhaltung wäre doch, wenn dir das Vergangene ständig herhielte als Begründung für die vielen großen und kleinen Misserfolge in deinem Leben. Wenn du jammern würdest und haarsträubende Zusammenhänge erschaffen.

Nein, ich glaube nicht, das ich das tue. Jedem ist doch irgendwas passiert, was ihn prägt, bei uns ist es halt das... ich bilde mir ein, einen ziemlich guten Instinkt für Menschen zu haben, der vielleicht gerade mit dieser Erfahrung zusammenhängt.


Also, bei mir bezieht es sich auf das rein Sexuelle. Da gibt es zwei Aspekte: Einmal versuche ich, über hemmungslos sexuelles Verhalten mir das Herz eines Mannes zu erobern. Wenn ich es "geschafft" habe, triggert mich quasi jede seiner Berührungen so sehr, dass ich Sexualität kaum noch ertragen kann :peinlich:

Kenne ich auch in Ansätzen, vor allem bei Berührungen an den Brüsten *uah*... und dass ich mir anscheinend die Lust vergeht, wenn ich von einem richtig gut und respektvoll behandelt werde :knatsch:



Liebe zoeli

Ich bin nicht "wirklich" missbraucht worden, aber mir geht es genauso bei medizinischen Eingriffen jeder Art.
Ich habe da nie eine Parallele gezogen zu Kindheitserfahrungen. Ich habe auch schon von anderen ohne so eine Geschichte gehört, daß die damit auch nicht gut umgehen können.

Ich will Dein Erleben nicht relativieren, erzähle Dir nur, was ich selber so erlebt und gehört habe.

Ja, das war ja auch mein Zweifel, wegen dem ich hier gepostet habe - ich weiß es einfach nicht, ob der Zusammenhang da ist oder ich mir da was zusammendenke. Meine beste Freundin z. B. ist nicht missbraucht worden und reagiert aber ganz ähnlich. Ich frage mich nur, warum ich in solchen Situationen immer so viel an meinen Missbrauch denke und mich so mies und missbraucht fühle.

Schönen Sonntag und Danke für eure Gedanken
zoeli

Schmitti
24.10.2010, 17:35
Hallo Zoeli,

erstmal vorweg-eine sexuelle Mißbrauchserfahrung habe ich auch nicht, aber es gibt genügend andere Erfahrungen, bei denen meine Grenzen überschritten wurden - nicht jetzt, aber früher, als ich mich noch nicht wehren konnte.

Und unser Körper ist nun mal unser Ureigenstes, Unmittelbares - da wollen wir natürlich ein Wörtchen mitreden, wenn Eingriffe (Eingriff - das Wort klingt schon so......) medizinischer Art anstehen, ich finde es an sich ganz gesund, wenn man da eine Art Abwehr empfindet.

Sich nicht gern "unters Messer" legt, womit man für einen Moment die Möglichkeit auf Selbstkontrolle, vielleicht sogar Selbstbestimmung, ein bißchen abgeben muß - ich halte es für einen natürlichen Reflex, das nicht zu wollen, jetzt unabhängig von einer Mißbrauchserfahrung.

Wichtig ist erstmal, daß man diese Eingriffe trotzdem macht!
Was Du getan hast, trotz Abwehr, finde ich einfach sehr gut, um Deiner Gesundheit willen.

Das andere ist Deine eigene Mißbrauchserfahrung, die womöglich da mit reinspielt und Deine jetzigen starken Gefühle verursachen könnte.

Ich finde, Schlaflos hat das sehr gut beschrieben: es geht darum, anzuerkennen, daß die damalige Situation für Dich schwerwiegend war und vielleicht noch ein paar offene Stellen in Dir hinterlassen hat, die noch verheilen wollen.

Ich denke schon, daß man seine alten Wunden mit Aufmerksamkeit und Zuwendung behandeln kann, ohne deswegen ein "Opfer" zu sein, daß seine Verletzungen als Schutzschild vor sich her trägt.
(Und meine Güte, wenn jemand nach einem erlittenen Trauma das mal eine Zeitlang tut - ganz ehrlich, das wär doch auch einfach nur menschlich! Solange man nicht darin verharrt.)

Und Dich um Dich zu kümmern, hast Du sowieso jedes Recht, auch wenn es wohl Menschen gibt, die Schlimmeres erlitten haben - aber ich finde, eine Grenzverletzung über mehrer Jahre hinweg durchaus keine Kleinigkeit.

Aber weißt was, magst Du nicht nochmal mit einer Therapeutin darüber sprechen, jemand vom Fach?
Ich glaube, es ist schön, in solchen Themen von einem kompetenten Menschen aufgefangen und angeleitet zu werden, einfach auch so als "Vorsorge" für Deine Zukunft in gesundheitlichen und beziehungsmäßigen Dingen.

Sehr liebe Grüsse :blumengabe:

zoeli72
25.10.2010, 10:37
Hallo Schmitti,


Sich nicht gern "unters Messer" legt, womit man für einen Moment die Möglichkeit auf Selbstkontrolle, vielleicht sogar Selbstbestimmung, ein bißchen abgeben muß - ich halte es für einen natürlichen Reflex, das nicht zu wollen, jetzt unabhängig von einer Mißbrauchserfahrung.

Für mich ist das auch so - so wehrlos dazuliegen und jemanden an sich rumschnippeln lassen zu müssen, ich finde das auch irgendwie logisch, dass sich da der innerste Instinkt dagegen sträubt. Und je nach Prägung oder "dickem Fell" reagiert der eine mehr, der andere weniger stark drauf...
Wahrscheinlich gibt es auch einfach viele Menschen, die schon Grenzverletzungen erlebt haben - da gibt es ja viele Möglichkeiten, nicht nur sexueller Art -und deswegen eben auch diese Panik vor Kontrollverlust haben.


Wichtig ist erstmal, daß man diese Eingriffe trotzdem macht!
Was Du getan hast, trotz Abwehr, finde ich einfach sehr gut, um Deiner Gesundheit willen.

Ja, ich bin auch froh und ein bisschen stolz, dass ich mich dazu durchgerungen habe. Die Muttermale haben sich zwar nicht verändert, waren also nicht gefährlich, aber mir wurde vor 10 Jahren schon gesagt, dass ich die irgendwann entfernen lassen soll, weil sie so groß und dunkel sind. Besser jetzt, bevor sie wirklich gefährlich werden.


Ich denke schon, daß man seine alten Wunden mit Aufmerksamkeit und Zuwendung behandeln kann, ohne deswegen ein "Opfer" zu sein, daß seine Verletzungen als Schutzschild vor sich her trägt.

Ja, das habe ich sei dem Eingriff auch getan, meine Wunden geleckt, viel geschlafen und mich gepflegt und die schlechten Gefühle zugelassen. Und was mich trotz der heftigen Gefühle irgendwie beruhigt, ist, dass ich inzwischen soweit bin, dass ich solche Reaktionen zulassen kann und die mir nicht noch mehr Angst machen (gab's früher auch mal). Jetzt weiß ich irgendwie, ok, ich fühle mich jetzt scheiße, ich lecke ein paar Tage meine Wunden und verkrieche mich unter der Bettdecke und dann wird es mir wieder besser gehen.


Aber weißt was, magst Du nicht nochmal mit einer Therapeutin darüber sprechen, jemand vom Fach?
Ich glaube, es ist schön, in solchen Themen von einem kompetenten Menschen aufgefangen und angeleitet zu werden, einfach auch so als "Vorsorge" für Deine Zukunft in gesundheitlichen und beziehungsmäßigen Dingen.

Würde ich eigentlich gerne machen, aber die Therapeutin, zu der ich gerne gehen würde, macht nur privat und müsste ich selber zahlen, was momentan schwierig ist - aber wenn ich wieder Geld übrig habe, gönne ich mir vielleicht wieder ein paar Sitzungen.

Danke auch für deine Gedanken und lieben Wünsche :blumengabe:
Zoeli

Inaktiver User
25.10.2010, 10:50
Hallo Zoeli - schlimm zu hören was dir da passiert ist.

ich habe übrigens gar keine Problem bei Eingriffen jedweder Art - ich vertraue dem Arzt vollkommen.

Ich kenne Mißbrauch selbst zum Glück nicht, weiß aber von einer Freundin und aus dem weiteren Familienkreis von Mißbrauch.

Die Freundin hat den Mißbrauch z.B. 20 Jahre völlig "vergessen" ihr Unterbewußtsein hat das total gestrichen. Bis sie Verhaltensauffällig wurde bei einer anderen Geschichte und eine Therapie begann...der Fall aus der Familie ist ähnlich: Verhaltensauffälligkeiten aber noch keine Bereitschaft zur Aufarbeitung durch Therapie.

So aus dem Bauch heraus würde ich dir eine weitere Therapie empfehlen wollen - mir scheint du bist noch lange nicht fertig damit.

Du verniedlichst das Geschehene und schreibst es war keine "Vergewaltigung" - aber dir wurde Gewalt angetan, über dich wurde bestimmt, etwas gegen deinen Willen mit dir getan - DAS ist Vergewaltigung, es braucht dazu nicht den Akt ansich!

zoeli72
25.10.2010, 13:40
schreibst es war keine "Vergewaltigung" -

Das habe ich nicht geschrieben, ich habe geschrieben, "es hat kein richtiger GV stattgefunden" - einfach, um darzustellen, worin der Missbrauch bestand. Und ich denke tatsächlich, dass Missbrauch durch den eigenen Vater oder Stiefvater nochmal eine ganz andere Dimension hat, ja.

Trotzdem, über so lange Zeit hinweg immer wieder die Angst, die Panik, die Umklammerung, wenn er mich erwischt hatte, das Unterworfenwerden - das sitzt bestimmt noch tiefer, als ich wahrhaben will, und wahrscheinlich habe ich noch viel aufzuarbeiten, das mir auch immer wieder in meinem Leben begegnen wird.

Vielleicht verharmlose ich, ich bin da wirklich im Zwiespalt. Es ist gut, dass Missbrauch endlich etwas ist, womit man Ernst genommen wird und was man aussprechen darf. Aber als Kehrseite der Medaille wird auch sehr viel pauschalisiert und stigmatisiert. Von einem Mann, mit dem ich mal kurz zusammen war, wurden mir z. B., nachdem ich ihm von meinem Missbrauch erzählt hatte, alle möglichen Störungen angedichtet, die ich einfach nicht habe, nur damit er von seiner eigenen Angst ablenken konnte. Ich will einfach nicht, dass ich auf diesen Missbrauch reduziert werde.

Gruß
Zoeli

Inaktiver User
25.10.2010, 19:19
Liebe zoeli,

niemand verlangt von dir, dass du damit hausieren gehst. Mein Ex war auch so ein Exemplar und hat mich in dieser Hinsicht total enttäuscht. Aber er ist eben auch aus diesem Grunde heute mein Ex. Nicht nur, aber es war mit ein wesentlicher Punkt gewesen. Mein Partner sollte damit umgehen können, was mir geschehen ist. Ansonsten ist er nicht der Richtige für mich und mein besonderes Schicksal :smirksmile:

Übrigens habe ich keinerlei Probleme bei Ärzten, ganz im Gegenteil. Ich habe ein beinahe blindes Vertrauen in die Götter in Weiß. Komischerweise. Dafür leide ich unter ausgewachsener Platzangst, und ich kann "echte Nähe" nicht wirklich gut aushalten.

Und mir erging es auch wieder Bekannten von @Dharma: erst vor wenigen Jahren ist es mir plötzlich wieder eingefallen. Stück für Stück, und so rutschte ich in die tiefste Krise meines Lebens.

Heute weiß ich: Ich war endlich stark genug dafür, dieses Trauma aufzuarbeiten :smile:




Und ich denke tatsächlich, dass Missbrauch durch den eigenen Vater oder Stiefvater nochmal eine ganz andere Dimension hat, ja.


Ich frage mich, weshalb du dich niemanden anvertrauen konntest. Inwiefern ist da schon Vertrauen in deine Bezugspersonen gestört gewesen?!



Schlaflos :blumengabe:

Inaktiver User
26.10.2010, 02:41
Ich will einfach nicht, dass ich auf diesen Missbrauch reduziert werde.

Gruß
Zoeli

Den Satz finde ich total gut!
Ich habe mal eine Dokumentation von einer Frau gesehen, die in ihrer Wohnung vergewaltigt wurde. Sie sagte, daß sie gar nicht einsieht, sich als ewiges Opfer zu sehen. Sie ist vielmehr eine Überlebende - eine Kämpferin, irgendwie so.
Vielleicht meintest Du's nicht so. Ich schreib' das nur mal einfach so.

Mir haben sie mal die Weissheitszähne herausoperiert - graunehafte Brecherei war das. Erstmal bin ich aus den Latschen gekippt und zu Hause habe ich nur noch geheult, vor allem, wenn rührselige Werbung im TV lief.

zoeli72
26.10.2010, 10:37
Übrigens habe ich keinerlei Probleme bei Ärzten, ganz im Gegenteil. Ich habe ein beinahe blindes Vertrauen in die Götter in Weiß. Komischerweise. Dafür leide ich unter ausgewachsener Platzangst, und ich kann "echte Nähe" nicht wirklich gut aushalten.

Platzangst habe ich auch, die ist aber seit einer kinesiologischen Behandlung so viel besser geworden, ich kann mittlerweile sogar völlig ruhig und lesend im Flugzeug sitzen, auch wenn es voll ist, wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.


Ich frage mich, weshalb du dich niemanden anvertrauen konntest. Inwiefern ist da schon Vertrauen in deine Bezugspersonen gestört gewesen?!

Ja, das frage ich mich auch und das finde ich auch am traurigsten an der ganzen Geschichte, dass ich mich damals nicht gewehrt habe, es nicht mal versucht habe.
Vor fast 30 Jahren in einem winzig kleinen Dorf (20 Einwohner) auf dem Land... nach außen hin alles wie eine große Familie, im Sommer alle zusammen gegrillt, man hat sich täglich gesehen... meine Scham und Verschlossenheit waren wohl einfach zu groß, das auszusprechen - ich hätte gar nicht die Worte dafür gehabt.

Andererseits, wenn ich so zurückdenke, bin ich sicher, dass sowohl meine Mutter als auch z. B. eine sehr engagierte, unangepasste Lehrerin aus dem Dorf, die für mich wie eine Zweitfamilie war, zu mir gehalten und das ganze unterbunden hätten, und es macht mich unheimlich traurig für mich selbst, dass ich mich auch noch bemüht habe, damit nur ja keiner was merkt. :knatsch:



Ich habe mal eine Dokumentation von einer Frau gesehen, die in ihrer Wohnung vergewaltigt wurde. Sie sagte, daß sie gar nicht einsieht, sich als ewiges Opfer zu sehen. Sie ist vielmehr eine Überlebende - eine Kämpferin, irgendwie so.
Vielleicht meintest Du's nicht so. Ich schreib' das nur mal einfach so.

Doch, genau so meine ich es, Danke!! In den 38 Jahren meines bisherigen Lebens ist doch viel passiert, ich wehre mich dagegen, diesen Missbrauch da so übermächtig werden zu lassen.

Gruß
Zoeli

VanDyck
27.10.2010, 00:41
@ zoeli72 und schlaflos68

An euch beide einfach nur ein :in den arm nehmen: :wangenkuss: :blumengabe:

VanDyck

zoeli72
27.10.2010, 11:31
@ zoeli72 und schlaflos68

An euch beide einfach nur ein :in den arm nehmen: :wangenkuss: :blumengabe:

Danke :blumengabe:

Inaktiver User
29.10.2010, 18:30
Lieber VanDyck, vielen Dank :peinlich::smile::kuss:



Liebe zoeli,

du wirfst dir selbst vor, dich nicht gewehrt zu haben, sogar schuldig am Vertuschen gewesen zu sein.

Aber ich denke, das ich eine zu erwachsene Sichtweise. Zur Erinnerung: Du warst ein Kind, ein durch einen dich in jeder Hinsicht Missbrauchenden manipuliertes, verunsichertes Kind. Du stülpst diesem Kind deine heutige Sichtweise über. Das tun wir leider oft. Wir vergessen, was Kinder schaffen können, was von einem Kind allgemein zu erwarten ist.

Kennst du ein Kind, das in etwa dasselbe Alter hat, das du damals hattest? Schau es dir an und stelle dir vor, ihm geschieht heute genau das, was du hast erleben müssen. Bleibe aber bei diesem Kind jetzt!

Was fühlst du? Wut? Willst du es beschützen? Würdest du ihm vorwerfen, es müsse sich doch wehren oder hättest du Mitleid mit ihm, täte es dir leid, würdest du diesem Kerl lieber eine knallen, anstatt dieses Kind verurteilen für seine ängstliche Heimlichkeit?!


Ich finde es auch traurig, dass du niemandem vertrauen konntest. Aber, liebe zoeli, das war nicht deine Schuld. Das war die Schuld (wenn man da jetzt überhaupt von Schuld sprechen mag) der Erwachsenen. Deine Bezugspersonen hätten in dir ein sicheres Gefühl erzeugen müssen und haben es aber aus irgendeinem Grund nicht geschafft.

Diese Erwachsenen sind es, die versagt haben!!!



Andererseits, wenn ich so zurückdenke, bin ich sicher, dass sowohl meine Mutter als auch z. B. eine sehr engagierte, unangepasste Lehrerin aus dem Dorf, die für mich wie eine Zweitfamilie war, zu mir gehalten und das ganze unterbunden hätten, (...)

Dieser Ansicht bist du heute!!! Die Realitäten jedoch damals waren andere. Da warst du dir nicht sicher - ganz im Gegenteil. Und wie schon erwähnt: Seit wann sind Kinder diejenigen, die die Sicherheit bei ihren Eltern einfordern müssen :knatsch:

Auch das übrigens: Opferhaltung. Eingeimpft irgendwann vor langer-langer Zeit. Höre auf, bei dir nach Anteilen zu suchen. Du warst ein Kind. Da gibt es nichts. Suche in deinem Umfeld, betrachte die Verhältnisse damals. Entlarve deine alten Glaubenssätze, die eigentlich gar nicht deine eigenen sind. Hinterfrage vor allem jeden einzelnen Selbstvorwurfe: Ist das wirklich so? Warum ist das so? Inwiefern eigentlich?

:blumengabe: Schlaflos

VanDyck
29.10.2010, 19:04
@ schlaflos68

Das hast du großartig geschrieben. Und immer gilt:

Du kannst nichts dafür!

Das gilt selbst dann, wenn man in gewissem Sinn 'mitgemacht' hat. Und es gilt selbst dann, wenn (ungeheuerliche!?!) Lustgefühle mit im Spiel waren.

Und ja: wie typisch ist die Neigung zu Verniedlichungen und Verharmlosungen - diese Zweifel, war es wirklich so? Oder war es nicht doch ein wenig anders?

Mein positiv gewendeter Trigger: meine besondere Vorliebe nach weiten Blicken ... große und hohe Räume und Hallen ... weit aufgerissene Flügeltüren ... großes Schlafzimmer mit nur ganz wenigen Möbelstücken ...

VanDyck

zoeli72
30.10.2010, 16:02
@schlaflos,
Danke für das großartige Posting, da ist sooo viel Wahrheit drin und so viel zum Nachdenken :blumengabe: Und irgendwie tröstlich, dass ihr das in Worte fasst, was für mich so schwer zu fassen ist, auch du, VanDyck.


Kennst du ein Kind, das in etwa dasselbe Alter hat, das du damals hattest? Schau es dir an und stelle dir vor, ihm geschieht heute genau das, was du hast erleben müssen. Bleibe aber bei diesem Kind jetzt!

Was fühlst du? Wut? Willst du es beschützen? Würdest du ihm vorwerfen, es müsse sich doch wehren oder hättest du Mitleid mit ihm, täte es dir leid, würdest du diesem Kerl lieber eine knallen, anstatt dieses Kind verurteilen für seine ängstliche Heimlichkeit?!

Ja, ich bin einerseits irgendwie enttäuscht von der kleinen Zoeli, die sich vielleicht so leicht hätte retten können und nicht den Mut dazu hatte... andererseits, wenn ich so an mich zurückdenke... ich hatte einfach Angst, so viel Angst. Mein Missbrauchstäter hat mich ja auch bedroht (mit lächerlichen Drohungen wie "er würde alles im Dorf rumerzählen" - was natürlich im Nachhinein einfach absurd und zynisch ist, nachdem ER ja der Täter war). Aber es hat trotzdem gewirkt. Und immer wieder die Panik, dass er mich erwischt. Und wenn ich Kinder von Freunden in dem Alter sehe, wie kindlich die sind.

Nein, erstaunlich ist es nicht, dass das so war damals.
Das Gedankenspiel mit dem fremden Kind habe ich bis gerade eben noch nie so bewusst gemacht (Danke!)... aber wenn ich das durchdenke, dann käme ich gar nicht auf die Idee, dem Kind einen Vorwurf zu machen... es täte mir einfach nur unendlich leid, dass es mit diesem Geheimnis leben muss.

Und ich denke, ich hatte solche Angst davor, dass mir vielleicht doch nicht geglaubt wird und ich dadurch noch mehr gedemütigt werde, dass ich es erst gar nicht riskiert habe.

Wenn ich da so zurückdenke, ist es wie im Film. Einerseits diese Idylle, die Ruhe, die wunderschöne Landschaft, der Geruch nach frischem Heu im Sommer... und dann, unter der Oberfläche, die Angst und die dunklen Geheimnisse.



Deine Bezugspersonen hätten in dir ein sicheres Gefühl erzeugen müssen und haben es aber aus irgendeinem Grund nicht geschafft.

Das stimmt, nur auf das Warum bin ich noch nicht gekommen... vielleicht irgendwann,


Auch das übrigens: Opferhaltung. Eingeimpft irgendwann vor langer-langer Zeit. Höre auf, bei dir nach Anteilen zu suchen. Du warst ein Kind. Da gibt es nichts. Suche in deinem Umfeld, betrachte die Verhältnisse damals. Entlarve deine alten Glaubenssätze, die eigentlich gar nicht deine eigenen sind. Hinterfrage vor allem jeden einzelnen Selbstvorwurfe: Ist das wirklich so? Warum ist das so? Inwiefern eigentlich?

Genau die richtigen Fragen, da werde ich weiter drüber nachdenken, das Thema beschäftigt mich zur Zeit eh (mal wieder) oft...

Liebe Grüße
Zoeli

zoeli72
30.10.2010, 16:04
Das gilt selbst dann, wenn man in gewissem Sinn 'mitgemacht' hat. Und es gilt selbst dann, wenn (ungeheuerliche!?!) Lustgefühle mit im Spiel waren.

Als es passiert ist, war es nur Angst, Angst und nochmal Angst, aber später, in der Pubertät, gabe es diese Lustgefühle in Bezug auf die Erinnerung an den Missbrauch tatsächlich mal :peinlich:


Mein positiv gewendeter Trigger: meine besondere Vorliebe nach weiten Blicken ... große und hohe Räume und Hallen ... weit aufgerissene Flügeltüren ... großes Schlafzimmer mit nur ganz wenigen Möbelstücken ...

Schön... ist bei mir auch so ähnlich...

:blumengabe:

Inaktiver User
30.10.2010, 18:02
Liebe zoeli,

ich habe eine kleine Tochter, ich habe auch noch einen Sohn, aber erst durch meine Tochter sehe ich gnadenlos klar. Ich sehe mich damals - und ich verspüre nur noch Verachtung, wenn ich an die Personen denken, die mir das einmal angetan haben. Jeden Tag sehe ich dieses kleine Mädchen in all seiner Unschuld, seiner blinden Liebe zu mir: Ich könnte ihr alles Böse der Welt antun, und sie würde mich weiterlieben. Kinder lieben ihre Bezugspersonen - weil sie müssen!!! Täten sie es nicht, würden sie diejenigen verlieren, die für ihr Überleben sorgen. Es ist ein Ur-Instinkt!!! Deshalb sind sie sehr darauf angewiesen, alle Last der Eltern auf ihre Schultern zu nehmen; deshalb sind sie geradezu darauf programmiert, grundsätzlich und immer zuerst eine Schuld bei sich zu suchen.

Es gibt auch viel "harmlosere" Beispiele: Kinder fühlen sich schuldig, wenn sich die Eltern streiten. Kinder fühlen sich schuldig, wenn das kleine Geschwisterchen erkrankt. Kinder glauben, sie hätten sich nicht richtig verhalten, wenn die Mutter weint, der Vater schlechte Laune hat. Es ist ein Fass ohne Boden.

Und was die Lust betrifft: Schon Säuglinge haben Triebe. Das ist vollkommen normal. Sie können deshalb auch stimuliert werden. So entstehen übrigens auch bestimmte sexuelle Fehlleitungen (wenn man das so nennen will), Fetische, extreme Neigungen. Auch, wenn das ein weites Feld ist und von vielen Komponenten abhängt, so ist der Ursprung immer derselbe.

Das Schlimmste ist, wenn du durch empfundene Lust während der Phase der eigenen sexuellen Prägung eine Vorliebe entwickelt hast, die du gleichzeitig durch die stete triggernde Wirkung aus tiefster Seele hasst :knatsch:



Übrigens: Mein Bruder rechtfertigte sich damit, es wären doch nur pubertäre Sexspielchen gewesen. Da blieb mir fast "die Spucke weg". Er scheint vergessen zu haben, dass ER sich in der Pubertät befunden hat, ich jedoch nicht. Ich war 9 Jahre alt gewesen :ooooh:

Wenn du also nach Ursachen suchst, vergiss auch nicht, dass wir alle leider vor allen Dingen uns selbst sehen, unsere Ansichten als gottgegeben allem und jeden überstülpen.


Es ist gut, dass du durch-denkst. Dann treibt dich etwas, dann ist da Entwicklung. Alles Gute!


Schlaflos :blumengabe:

zoeli72
02.11.2010, 09:37
Liebe schlaflos,

Danke dir für ein weiteres wertvolles Posting :blumengabe:
Ich habe vorletzte Nacht zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren von demjenigen geträumt, der mich missbraucht hat. Es war ein bizarrer Traum und mir war richtig flau beim Aufwachen... aber vielleicht ist es auch gut und heißt, dass ich wieder etwas verarbeite oder mir ins Bewusstsein hole, was irgendwo vergraben war.


Kinder lieben ihre Bezugspersonen - weil sie müssen!!! Täten sie es nicht, würden sie diejenigen verlieren, die für ihr Überleben sorgen. Es ist ein Ur-Instinkt!!! Deshalb sind sie sehr darauf angewiesen, alle Last der Eltern auf ihre Schultern zu nehmen; deshalb sind sie geradezu darauf programmiert, grundsätzlich und immer zuerst eine Schuld bei sich zu suchen.

Es gibt auch viel "harmlosere" Beispiele: Kinder fühlen sich schuldig, wenn sich die Eltern streiten. Kinder fühlen sich schuldig, wenn das kleine Geschwisterchen erkrankt. Kinder glauben, sie hätten sich nicht richtig verhalten, wenn die Mutter weint, der Vater schlechte Laune hat. Es ist ein Fass ohne Boden.

Sehr richtig. Meine Eltern haben sich meine ganze Kindheit hindurch ihre Firma aufgebaut und standen, gerade in den ersten Jahren, ständig unter Druck und Existenzängsten. Das haben sie mir zwar erst viel später gesagt (leider), aber ich glaube, ich habe es trotzdem gespürt und versucht, ihnen möglichst wenig zur Last zu fallen. Könnte auch da mit reinspielen, warum ich nichts gesagt habe... keine Ahnung.


Das Schlimmste ist, wenn du durch empfundene Lust während der Phase der eigenen sexuellen Prägung eine Vorliebe entwickelt hast, die du gleichzeitig durch die stete triggernde Wirkung aus tiefster Seele hasst

:knatsch:


Übrigens: Mein Bruder rechtfertigte sich damit, es wären doch nur pubertäre Sexspielchen gewesen. Da blieb mir fast "die Spucke weg". Er scheint vergessen zu haben, dass ER sich in der Pubertät befunden hat, ich jedoch nicht. Ich war 9 Jahre alt gewesen :ooooh:

:in den arm nehmen: Genau so war's bei mir, nur dass es ein Nachbar war. Ich habe ihn seit ca. 20 Jahren nie wieder gesehen, will ihn auch nie wieder sehen, aber ich denke, er würde ganz ähnlich argumentieren von wegen pubertäre Spielchen. :regen:
Ich frag mich manchmal, ob er irgendeine Ahnung hatte, was er mir damit eigentlich angetan hat und dass das für mich mit dem Ende der Missbrauchshandlungen nicht vorbei war und noch nicht mal jetzt, über 25 Jahre später, vorbei ist.

Dir auch alles Gute!

Zoeli

pom
08.12.2010, 19:01
Hallo Zoeli und schlaflos. Mir wird schlecht, wenn ich eure Berichte lese. Es ist so traurig, dass sowas passieren kann. Ich hab alles längst vergessen gehabt und es immer wieder unterdrückt. Und da kommt ihr! Soviel zu mir: Vater: Missbrauch, Stiefvater: Missbrauch, bester Freund: Vergewaltigung. Therapie: negativ. Abschluss: Abi 1,3, danach Staatsexamen Lehramt, jetzt Polizeianwärterin. Familienstand: ledig, keine Kinder. Soziales Netz: negativ. Freund: ja, doch fühle ich mich hier als ob ich ihn, wie alle vor ihm, benutze. Sex: wenn, nur wann und wie ich es will, auch extrem. Allgemeinzustand: Unglücklich. Ich glaube inzwischen, dass ich das nie los werde und anerkennen muss, wer ich bin und dass es alles nunmal so war. Ich muss damit leben lernen.
Ihr seid unglaublich. pom

MrsShort
14.12.2010, 16:53
Es hört nie auf, es sei denn, man ist bereit, sich dem Wahnsinn zu stellen und sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Ich habe in diesem Sommer, mit 45, eine Traumatherapie gemacht und mir 3 Monate lang jeden Tag aufs Neue die Frage gestellt, ob ich das wirklich haben muss. Dieses Selbstzerpflücken, alles in Frage stellen, hingucken, graben, Wunden aufdecken, Krusten abkratzen, endlose Tränen heulen, weinen, schreien, verzweifeln, Erklärungen suchen, Halt aufgeben, Strukturen aufbrechen, sich verabschieden...

Jeden Tag habe ich mit den Dämonen meiner Vergangenheit gekämpft, obwohl ich den Schritt in die Therapie selbst gewählt habe. Und letztlich habe ich gewonnen. Ich habe meine große Sehnsucht erkannt und aufgegeben, habe verstanden, warum ich mein ganzes Leben lang auf der Suche und auf der Flucht war, warum Liebe und Beziehung nie wirklich funktioniert hat und was mein Anteil an meinem heutigen Leben ist und sein muss.

Die Opferrolle (die ich glaubte, schon lange vorher aufgegeben zu haben) letztlich ganz abzulegen bedeutete u.a. auch, im Ganzen erwachsen zu werden, Verantwortung zu 100% für mich selber zu übernehmen.

Es hieß nie: Du musst vergessen. Im Gegenteil. Es hieß: Du musst erkennen, was Deine Vergangenheit mit Dir und aus Dir gemacht hat. Nur dann hast Du die Chance, die Hebel umzulegen.

Und soll ich euch was sagen? Das ist zwar verdammt unbequem aber es funktioniert.

@pom
Tu Dir selber einen Gefallen und such Dir einen Traumatherapeuten. Alleine ist es kaum zu schaffen.
:wangenkuss:

zoeli72
15.12.2010, 10:50
Liebe Pom,

das klingt ganz grausam, was du durchmachen musstest :in den arm nehmen:
Ich habe gerade erst gesehen, dass es neue Beiträge in dem Strang gibt. Ja, vorbei ist es nie, und ich halte es auch für sehr wichtig, dass man irgendwann den Mut aufbringt, in diese Abgründe zu schauen und sich mit diesen mächtigen, dunklen Gefühlen zu konfrontieren, die in einem stecken.
Ich bin der gleichen Meinung wie MrsShort (@MrsShort: Hut ab für den Schritt, den du mit deiner Therapie getan hast, und den Mut, den du aufgebracht hast!):
Lass dir helfen, pom. Du kannst nichts ungeschehen machen, aber dir jetzt Hilfe und Unterstützung holen und jemanden, der dich auf deinem Weg begleitet, wenigstens das kannst du und auch das kann unheimlich gut tun.

Gruß und alles Gute für dich
Zoeli



Hallo Zoeli und schlaflos. Mir wird schlecht, wenn ich eure Berichte lese. Es ist so traurig, dass sowas passieren kann. Ich hab alles längst vergessen gehabt und es immer wieder unterdrückt. Und da kommt ihr! Soviel zu mir: Vater: Missbrauch, Stiefvater: Missbrauch, bester Freund: Vergewaltigung. Therapie: negativ. Abschluss: Abi 1,3, danach Staatsexamen Lehramt, jetzt Polizeianwärterin. Familienstand: ledig, keine Kinder. Soziales Netz: negativ. Freund: ja, doch fühle ich mich hier als ob ich ihn, wie alle vor ihm, benutze. Sex: wenn, nur wann und wie ich es will, auch extrem. Allgemeinzustand: Unglücklich. Ich glaube inzwischen, dass ich das nie los werde und anerkennen muss, wer ich bin und dass es alles nunmal so war. Ich muss damit leben lernen.
Ihr seid unglaublich. pom

Luziana
03.01.2011, 19:46
Ich habe in diesem Sommer, mit 45, eine Traumatherapie gemacht und mir 3 Monate lang jeden Tag aufs Neue die Frage gestellt, ob ich das wirklich haben muss.
Jeden Tag habe ich mit den Dämonen meiner Vergangenheit gekämpft, obwohl ich den Schritt in die Therapie selbst gewählt habe. Und letztlich habe ich gewonnen.


Wie lang hat die Therapie gedauert, bis du Erfolge gesehen hast? Waren es die drei Monate nur? Oder hattest du drei Monate die Zweifel und die Therapie an sich dauerte länger? Wie lange braucht man, bis es was hilft?




Zum Topic:

Ich habe totale Angst vorm Zahnarzt. Sogar, wenn ich sicher weiß, dass es nicht wehtun wird, wegen der Betäubung. Ich gehe raus aus der Praxis und fühle mich - ich nenne es immer gezahnarztet - aber ich fühle mich einfach missbraucht danach. Denke mal, es liegt daran, dass man dabei ja nunmal den Mund aufmachen MUSS und zwischendurch noch der Kommentar "weiter aufmachen" - dann ists echt vorbei bei mir.
War Jahrelang gar nicht und dann selten Mal immer nur mit echten Panikanfällen und zittern und nun hab ich eine ganz tolle Zahnärztin. Bei der gehts so einigermaßen. Es wird besser mit jedem Mal, was ich hingehe...

So Allgemein gehe ich auch echt ungern zum Arzt, aber richtig mit unkontrolliertem zittern uns so ist es nur beim Zahnarzt gewesen. Nichtmal der Gyn war so schlimm, was ich gar nicht verstehen kann. Müsste doch eigentlich umgekehrt sein - hm - ka...:knatsch:

MrsShort
09.01.2011, 17:41
Wie lang hat die Therapie gedauert, bis du Erfolge gesehen hast? Waren es die drei Monate nur? Oder hattest du drei Monate die Zweifel und die Therapie an sich dauerte länger? Wie lange braucht man, bis es was hilft?

Ich habe hier selber einen Thread eröffnet, in dem so gut wie alles steht, was vorher und nachher passiert ist. http://bfriends.brigitte.de/foren/sucht-gewalt-und-missbrauch/128707-gewissheit-nach-20-jahren-missbrauch.html

Hier in Kürze:
Ich habe mit Mitte 20 schwere Depressionen bekommen, die Ende 1991 in einem Suizidversuch endeten. Danach folgten viele Jahre Therapie, begleitet von der Vermutung meiner Therapeuten, ich sei als Kind missbraucht worden. Erinnern konnte ich aber gar nichts.

Im Mai letzten Jahres, kurz vor Beendigung meiner letzten, sehr erfolgreichen Therapie, hatte ich einen Traum, der mich den Missbrauch sehr real wiedererleben ließ. Ich war völlig von den Socken, musste mit meinem Therapeuten Rücksprache halten, weil ich es nicht glauben wollte/konnte und sah doch ganz klar.

Dann ging gar nichts mehr. Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch, aus dem ich nicht mehr herauskam und sah eine stationäre Traumatherpie als letzte Rettung, um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Bis dato war ein Klinikaufenthalt für mich immer indiskutabel gewesen. Z.T. wohl auch, weil ich meine "Probleme" nicht ernst genug genommen habe.

Die Erfolge kamen dann relativ schnell, was wohl auch daran lag, dass ich in den 20 Jahren vorher schon viel Vorarbeit geleistet habe. Zudem wollte ich endlich frei sein.
Die Zweifel kamen immer zwischendurch, wenn es richtig schwierig wurde. Mich emotional von der künstlich beschönigten "heilen Kindheit" verabschieden zu müssen, zu erkennen, wie erfolgreich meine Mutter den Missbrauch an mir ignoriert hat und wahrzunehmen, wieviel Leid ich auch meinen jeweiligen Partnern angetan habe - das ging an meine Grenzen. Teilweise so schlimm, dass ich glaubte, es nicht zu schaffen.

Therapie hilft eigentlich fast vom ersten Tag an, wenn man bereit ist, sich wirklich darauf einzulassen. Es wird Dir nichts geschenkt, Du musst Dir alles selber erarbeiten, gnadenlos offen und ehrlich mit Dir selber sein und vor allem musst Du bereit sein, Dich von Deinen alten Verhaltens- und Gedankenmustern zu trennen. Das ist weit leichter gesagt als getan.

Ich bin Anfang September entlassen worden und lasse mich weiter von meinem Therapeuten coachen. Der Weg ist noch nicht zu Ende gegangen, aber er ist klarer geworden.

Luziana
10.01.2011, 19:35
Danke für Deine Antwort und die Zusammenfassung ...

Es klingt nicht gerade "einladend" :knatsch:

MrsShort
15.01.2011, 16:44
Was hattest Du erwartet?

Einladend ist es erst dann, wenn man kapiert hat, dass man keine andere Wahl hat, will man sein Leben zurück.

Die Alternative für mich wäre der Tod gewesen. Auch nicht sehr einladend.

Luziana
16.01.2011, 13:38
Hm ja... tut mir leid, wegen der Formulierung.

Vielleicht fehlen mir noch ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung, bis ich es kapieren kann.