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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Katastrophe in Sicht



pacnopac
17.06.2009, 20:51
Ich kann nur unterstreichen, was Frau Baumgarten in ihrem Artikel über den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz geschrieben hat, mehr noch, die Katastrophe ist wahrscheinlich gar nicht mehr abwendbar.
Was man Politikern konkret vorwerfen kann, ist ihre ambivalente Haltung: Einerseits wird die private Erziehungsarbeit nicht gewürdigt (gesellschaftlicher Status) oder gar angemessen honoriert (Rentenanspruch). Statt dessen wird auf eine staatliche Betreuung ab Geburt gesetzt, für die man dann aber nicht genügend Geld bereit stellen will, um die Qualität zu sichern.
Man könnte auch von einer fehlenden Wertschätzung von Arbeit für oder an Menschen generell sprechen und dies äußert sich nicht zuletzt in den niedrigen Löhnen für Pflegekräfte, ErzieherInnen, ArzthelferInnen (gibt es eigentlich Artzhelfer???) etc.
Ich kann selber von negativen Erfahrungen mit meiner einjährigen Tochter in der Kinderkrippe berichten, und das war noch in den Neunzigern. Eine Quote von einer Erzieherin und einer Kinderhelferin auf 10-12 Babies in diesem Fall ist viel zu wenig und gewährleistet keine qualitativ wünschenswerte Betreuung.
Bei den Tagesmüttern kommen oft auf eine einzige Frau mehrere Kinder im wickelfähigen Alter, damit es sich finanziell lohnt, auch dort muss man dann in der Betreuung Abstriche machen.
Letzten Endes bleibt man dann als Mutter doch wieder zu Hause.
Ein Akademikerpaar, das über zwei Einkommen verfügt - die Zielgruppe von Frau von der Leyen - und teurere Plätze bezahlen könnte, ist allerdings nicht auf ein staatliches Angebot angewiesen, eine Volltagesmutter oder Nanny können sich die so genannten Besserverdiener steuerlich absetzbar selbst finanzieren.
Wer ist also die Zielgruppe dieses Gesetzes?
Stellt man sich die Frage der Gerechtigkeit kann man nur resümieren, entweder unterstützt der Staat die Erziehungsarbeit in jeder FORM der Ausübung gleichermaßen in einer angemessenen Art oder er hält sich raus.

Tosa
10.07.2009, 18:53
Statt dessen wird auf eine staatliche Betreuung ab Geburt gesetzt, für die man dann aber nicht genügend Geld bereit stellen will, um die Qualität zu sichern.
...
Ich kann selber von negativen Erfahrungen mit meiner einjährigen Tochter in der Kinderkrippe berichten, und das war noch in den Neunzigern. Eine Quote von einer Erzieherin und einer Kinderhelferin auf 10-12 Babies in diesem Fall ist viel zu wenig und gewährleistet keine qualitativ wünschenswerte Betreuung.


Genau das ist es : dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht. Es war so katastrophal, dass ich mein Kind lieber zuhause behalten habe.
Übrigens : der Gipfel der Dreistigkeit ist m. E., dass zur Zeit die Tendenz dahin geht, Eltern pauschal für nicht so ganz befähigt zu erklären und die professionelle (sprich : institutionelle) Erziehung für ach so viel besser.
Tosa

pacnopac
10.07.2009, 19:54
Übrigens : der Gipfel der Dreistigkeit ist m. E., dass zur Zeit die Tendenz dahin geht, Eltern pauschal für nicht so ganz befähigt zu erklären und die professionelle (sprich : institutionelle) Erziehung für ach so viel besser.
Tosa

Allerdings! Meine Tochter besucht mittlerweile die 5.Klasse Gymnasium, mein Sohn die 2.Klasse Grundschule und mir fällt immer wieder auf, dass Lehrer VÖLLIG überrascht reagieren, wenn man Entscheidungen für sein Kind trifft, die vielleicht nicht mit dem Wollen des Lehrers übereinstimmen, so als ob man dazu gar nicht fähig, aber schlimmer noch, nicht BERECHTIGT wäre!!!

Ich hab mal in irgendeinem Zusammenhang formuliert, dass ich als MUTTER eine Sache nicht ERLAUBE und der Lehrerin ist fast die Kinnlade runtergefallen . . . damit rechnen sie gar nicht, dass nämlich der so genannte ERZIEHUNGSBERECHTIGTE (als ob der Staat Eltern dazu berechtigen könnte) die letzte Entscheidung trifft.

Wir haben in unserem Bekanntenkreis schon darüber spekuliert, ob sich vielleicht mit den Jahren zu viel DDR Gedankengut irgendwie in die alte Bundesrepublik geschlichen hat (Staatserziehung) . . . .

Inaktiver User
11.07.2009, 10:08
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Wir haben in unserem Bekanntenkreis schon darüber spekuliert, ob sich vielleicht mit den Jahren zu viel DDR Gedankengut irgendwie in die alte Bundesrepublik geschlichen hat (Staatserziehung) . . . .

Sprach nicht irgendein Sozi mal von der Lufthoheit über die Kinderbetten? :knatsch: Ich sehe die Freiheit immer mehr schwinden. Der westdeutsche Semisozialismus ist zum k.....! :peinlich: Aufbau Ost. Der findet im Westen statt.

Inaktiver User
20.07.2009, 13:36
Wir haben in unserem Bekanntenkreis schon darüber spekuliert, ob sich vielleicht mit den Jahren zu viel DDR Gedankengut irgendwie in die alte Bundesrepublik geschlichen hat (Staatserziehung) . . . .


Wenn das mal kein akuter Fall von Verfolgungswahn ist!

Selbst hier in Bayern ermöglicht die Staatsregierung in den letzten Jahren den Eltern viel mehr Freiheiten. So kann z.B. ein Kind praktisch gegen den Willen der Eltern nicht mehr auf eine Förderschule abgeschoben werden.

Und Auch wenn ich jetzt hier in ein Wespennest steche: Eltern wissen nicht immer was das beste für Ihre Kinder ist. Katastrophale Fehlentscheidungen werden da getroffen!

Weil die Lehrer wissen, dass das Schulamt meist dem Elternwillen nachgibt haben viele Lehrer resigniert und lassen die Dinge so laufen. Unengagierte Lehrer sind dann nur eine der Folgen.

Nie würde man einem Maschinenbauer in seinen Beruf reinreden. Aber im Sozialberuf wird man von den Laien zum Idioten gemacht. Da meint jeder es besser zu wissen und mitreden zu können. Dabei ist die große Nähe und emotionale Beteiligung oft ein schlechter Ratgeber.

Lehrer können die Leistungen eines kindes oft, nicht immer, besser einschätzen.

Pirlipat

Inaktiver User
21.07.2009, 09:02
...
Ein Akademikerpaar, das über zwei Einkommen verfügt - die Zielgruppe von Frau von der Leyen - und teurere Plätze bezahlen könnte, ist allerdings nicht auf ein staatliches Angebot angewiesen, eine Volltagesmutter oder Nanny können sich die so genannten Besserverdiener steuerlich absetzbar selbst finanzieren.
Wer ist also die Zielgruppe dieses Gesetzes?
Stellt man sich die Frage der Gerechtigkeit kann man nur resümieren, entweder unterstützt der Staat die Erziehungsarbeit in jeder FORM der Ausübung gleichermaßen in einer angemessenen Art oder er hält sich raus.


Das würde ich so nicht bestätigen können, obwohl es rein faktisch stimmt.

Eine Akademikermutter wird mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit bemerken, dass gerade die krippen/tagheimmäßige Betreuung im Kleinstkindalter (unter 3), ob nun staatlich oder nicht, eine Massenabfertigung darstellt und, da diese Zeit eine sehr wichtige ist für ihr Kind ist, ihrem eigenen Kind nicht gut tun kann - bis gerade mal neutral.

Dito Tagesmutter.

Eine Nanny ist rein von den Gefühlslage her (wobei es manchmal zu starken Gefühlen zwischen Nanny und Kind kommt), auch nicht die Lösung und von dem Bildungsanspruch her schon gar nicht.

Deine Erörterungen, liebe pacnopac, finde ich sehr interessant!!!

Acorna
22.07.2009, 10:56
Also wer glaubt, dass sich jedes Akademikerehepaar mal eben ne Kinderfrau leisten kann, lebt an der Realität vorbei. Das klappt nur bei sehr gut verdienenden Doppelverdienern, und die sind mit Kindern die absolute Ausnahme. Die mit Akademiker die ich kenne, sind idR keine Vollzeit-Doppelverdiener, und die sog "prekären" Arbeitsverhältnisse nehmen ja gerade bei jungen Akademikern, die im besten Fortpflanzungsalter sind zu. Bin zwar sehr froh über das Elterngeld (hat die Entscheidung für noch ein Kind sehr erleichtert), aber ebenso wichtig wäre kostenlose Betreuungsmöglichkeiten für alle ausser den absoluten Topverdienern.

Und seit wann bekommt man die kompletten Kinderbetreuungskostenzurück? Abgesehen davon, dass meine normalen Kita Kosten im Jahr schon über den von mir gezahlten Steuern liegen....und das dürfte einigen Akademiker-Eltern so gehen...

pacnopac
22.07.2009, 20:36
Also,
ich sollte vielleicht anmerken, dass ich in München wohne und sehr wohl die sogenannten "Akademikerpaare" kenne, die sich eine Tagesmutter leisten könnten. Tagesmütter gehören jetzt auch nicht unbedingt zu den Spitzenverdienern in unserer Gesellschaft, und deswegen ist das auch nicht soooo teuer, wie man landläufig vielleicht so meint.

Komplette Kinderbetreuungskosten kriegt man natürlich nicht komplett zurück (wir haben hier ja nicht mal die Befreiung von der Umsatzsteuer auf Babyartikel), aber sie sind für "Besserverdiener" steuerlich besser absetzbar gemäß unserem Steuersystems, dass Besserverdiener steuerlich besser entlastet als geringer Verdienende.

Aber, beide Modelle sind nicht das, was man sich für sein Kind wünscht, wahrscheinlich ist die "Fremdbetreuung" immer die schlechtere Wahl. Nachdem unsere Tochter eine üble Windeldermatitis bei der Tagesmutter, wegen fehlender Zeit zum Wickeln, erlitten hatte, bin ich damals in die Kinderkrippe gewechselt, wo sie dann den Vormittag auf dem Töpfchen verbracht hat (das Personal war unisono aus Thüringen, vielleicht deshalb meine Phobie!!!), weil keine Zeit war, sie da ZEITNAH wieder runterzuholen.

Ich hab danach meinen Beruf an den Nagel gehängt und mache mir noch heute Gedanken, weil unsere Tochter ein distanzierteres Verhältnis zu uns Eltern hat als unser Sohn. Vielleicht gibt es da doch einen Zusammenhang, wer weiß das schon - der tagtägliche Trennungskampf, das Geschrei, die Tränen, mein blutendes Mutterherz, mein schlechtes Gewissen, das übrigens ein ganz schlechter Erzieher ist.

Um abzuschließen, ich glaube nicht, dass man "soziales Handeln und Tun an seinen Mitgeschöpfen" sozusagen als Profi ERLERNEN kann, entweder ist man sozial veranlagt und kann dann darauf aufbauen oder nicht. Wenn man es nicht ist, wird der Mensch zum reinen Gegenstand, den man nach Vorschrift "bearbeitet", ein Vorgang der in all unseren SYSTEMEN zu beobachten ist.

Inaktiver User
23.07.2009, 18:49
Toll finde ich es immer Akademikerpaare mit besserverdienend gleichzusetzen.

Wenn ich meinen Gehaltszettel (öffentlicher /kirchlicher Dienst ) betrachte, merke ich davon nichts.

Wenn hinter diesen Vorurteilen der TE nicht einfach Bildungsfeindlichkeit oder Minderwertigkeitsgefühle stecken!

Pirlipat

Inaktiver User
24.07.2009, 12:13
Toll finde ich es immer Akademikerpaare mit besserverdienend gleichzusetzen. ...



Ja, das stimmt, ich hatte vergessen zu schreiben (weil es für mich selbstverständlich war), dass es diesen Punkt betreffend natürlich nicht so ist.

Ich meinte: Zwei Einkommen - unabhängig Akademiker oder nicht - erleichtern eine bezahlte Betreuung außerhalb der Familie.

Meist durch mickrigst bezahlte Arbeitskräfte/Frauen.

.

Acorna
29.07.2009, 16:01
Übrigens ist unsere Kita sehr sehr gut- allerdings ist es auch eine Elterninitiative, was bedeutet, dass wir mehr Geld zahlen und noch mitarbeiten müssen. Die Öffnungszeiten sind gut, aber nicht so gut, dass zwei Leute Vollzeit arbeiten könnten, zumal man ja auch noch einen gewissen Arbeitsweg hat. Ich glaube, dass meine Kinder dort deutlich besser betreut und gefördert werden (beide sind mit 1 1/2 reingekommen) als zu Hause (da hat man ja nicht ununterbrochen für die Kinder Zeit und sie erleben auch keine anderen Kinder). Natürlich gibt es auch schlechte externe Betreuung, keine Frage, aber unsere Lösung ist ganz gut (abgesehen von den Öffnungszeiten, die einfach nicht ausreichen, und die meisten Kitas haben hier in diesem Rahmen auf).

Bin übrigens auch im ÖD und damit gehts mir verglichen mit anderen Akademikern noch ganz gut und die wirklich gut doppelverdiendenden Paare mit Kindern gibst hier (NRW) halt wirklich kaum.

Inaktiver User
29.07.2009, 16:40
Wenn das mal kein akuter Fall von Verfolgungswahn ist!


Wenn hinter diesen Vorurteilen der TE nicht einfach Bildungsfeindlichkeit oder Minderwertigkeitsgefühle stecken!

Pirlipat

Hej, Du bist aber heute nicht gut drauf!:blumengabe: Hat dich jemand geärgert?:in den arm nehmen:



Selbst hier in Bayern ermöglicht die Staatsregierung in den letzten Jahren den Eltern viel mehr Freiheiten. So kann z.B. ein Kind praktisch gegen den Willen der Eltern nicht mehr auf eine Förderschule abgeschoben werden.

Und Auch wenn ich jetzt hier in ein Wespennest steche: Eltern wissen nicht immer was das beste für Ihre Kinder ist. Katastrophale Fehlentscheidungen werden da getroffen!

Lehrer können die Leistungen eines kindes oft, nicht immer, besser einschätzen.

Weil die Lehrer wissen, dass das Schulamt meist dem Elternwillen nachgibt haben viele Lehrer resigniert und lassen die Dinge so laufen. Unengagierte Lehrer sind dann nur eine der Folgen.
Pirlipat


Tja bei den eigenen Kinder ist jeder nunmal im höchsten Maße emotional beteiligt. Da liegen die Nerven und die Gefühle schnell blank.

In NRW entscheiden ja jetzt die Lehrer, wo es nach der Grundschule hin geht und ich glaube, sie haben keine höhere Erfolgsquote als vorher als noch der Elternwille zählte.

Aber hier können wir uns schnell einigen, dass es blöde Eltern und blöde Lehrer gibt und tolle Eltern und tolle Lehrer!

Und wenn dann noch die tollen Eltern auf die tollen Lehrer treffen - dann ist Weihnachten an Ostern!:freches grinsen:

Wegen der Betreuungplätze finde ich das mit dem Rechtsanspruch insofern schon bedenklich, als dass ich z.B. damals erfahren habe, dass ich gerne meinen Rechtsanspruch gelten machen könnte. Es gäbe nur eine Kita mit freien Plätzen am anderen Ende der Stadt! Um pünklich zur Arbeit zu kommen hätte ich da mein Kind vor der Öffnungszeit auf den Bürgersteig stellen müssen!:knatsch:

Sehr hilfreich. :grmpf: