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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien



Nadine2
17.01.2009, 11:56
Sicherlich sind wir mitten in einer Weltwirtschaftskrise und auch Deutschland wird die Auswirkungen in vollem Umfang erst noch spüren, doch die Nachrichten aus dem bisherigen EU-Musterknaben Spanien haben jetzt schon ganz andere Dimensionen erreicht.

Die Sonne scheint, das Meer ist nah, Urlaubseindrücke spiegeln eine glückliche, wohlhabende Nation vor. Dann sind, bzw. waren da die Einwanderer nach Spanien, die sich ja nicht alle irren konnten und ebenfalls nur positives berichtet haben.

UND JETZT

Die gemeldeten Arbeitslosenzahlen (ohne die hohe Zahl von Illegalen und Nichtanspruchsberechtigten) haben im Dezember 3.100.000 Personen erreicht - dies entspricht dem Wert in Deutschland - allerdings bei 48 zu 82 Millionen Einwohnern und ergibt eine Quote von 13,9 %. Eine Million Wohnungen in Spanien stehen leer.


Die spanische ökonomische Monokultur, die sich vor allem auf das Baugewerbe, die Dienstleistungen und den Tourismus stützt, wird nach einem zehnjährigen „Wirtschaftswunder“ mit im europäischen Vergleich antizyklischen Wachstumsraten nun auf all diesen Gebieten gebeutelt. Die „Ziegelsteine“ waren der stärkste Beschäftigungsmotor auf dem Kontinent, als in Spanien noch jährlich bis zu achthunderttausend Wohnungen errichtet wurden. Das ist vorbei, und auch der Tourismus verzeichnet schon einen Einbruch von rund acht Prozent. In der fragilen Fertigungsindustrie wiederum, wo Spanier für ausländische Hersteller tätig sind, hat die Flucht begonnen: Die Textilindustrie wandert nach Marokko oder Algerien ab, wo sie Monatslöhne von 200 statt 800 Euro zahlt. Die Automobilindustrie und ihre Zulieferer orientieren sich nach Tschechien, Polen, der Türkei oder sogar dem Nachbarn Portugal um. Pharmafirmen lassen ihre Pillen in China oder Lateinamerika verpacken.

Arbeitslose Maurer pflücken Oliven

Während gutbezahlte Jobs verschwinden, bieten sich arbeitslose Maurer, die zuvor 100 Euro am Tag verdienten, als Erntehelfer an und kommen, wenn sie Glück haben, auf 37 Euro. Am eindrucksvollsten ist der Wandel in Andalusien zu beobachten, wo die Olivenernte lange Jahre eine fast exklusive Domäne der Nordafrikaner und Rumänen war. Jetzt machen ihnen die Einheimischen diese Arbeit wieder streitig. 80.000 Arbeitslose haben sich in diesem Winter zum Pflücken angemeldet. Doch derlei ist bestenfalls ein Trostpflaster. Stand der Bausektor noch 2007 für 14 Prozent der Beschäftigung in Spanien, so waren es schon damals in der Landwirtschaft nur noch 4 Prozent, wegen der Rationalisierung mit sinkender Tendenz.

So wird das in diesem Jahrzehnt attraktivste Einwanderungsland Europas – im internationalen Vergleich die Nummer zwei hinter den Vereinigten Staaten – wieder zum Auswanderungsland. Bei der französischen Traubenernte verdingten sich zuletzt 20000 spanische Tagelöhner, weil sie in dem Nachbarland im Durchschnitt das Doppelte verdienen wie daheim.

Inaktiver User
17.01.2009, 21:29
so what ???


Wir leben jetzt in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, und das betrifft Spanien wie Deutschland oder auch Ungarn oder Schweden.

Ganz ehrlich - in einer solchen Situation ist mir Spanien ziemlich egal.


Vielleicht sollten mir die betroffen Menschen Leid tun - aber auch da tun mir zunächst mal die Betroffen hier bei uns Leid.

Nadine2
18.01.2009, 14:34
Es geht mir nicht um Mitleid oder um direkte Vergleiche mit der Krise in Deutschland.

Spanien ist in diesen Zeiten, in vielerlei Hinsicht, eine Besonderheit. Zuerst schlägt eine lange andauernde Boomphase rasant in eine Depression (zumindest in der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen) um, dann haben Millionen Deutsche einen direkten Bezug zu diesem Land, sei es durch spanische Bekannte/Verwandte in Deutschland oder durch Urlaube in Spanien. Mit diesen Menschen würde ich gerne die Entwicklungen diskuttieren.

Die absolute Mehrheit der Spanier hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Eigentumswohnung oder ein Haus gekauft, der Mietwohnungsmarkt ist vielerorts nur in kleinen Einheiten präsent. Möglich wurde eine Finanzierung nur durch SEHR langlaufende und hohe monatliche Raten. Da die durchschnittlichen Immobilienpreise deutlich höher und die durchschnittlichen Einkommen deutlich niedriger als zBsp. in Deutschland sind, wird die Bedienung der Kredite in der Arbeitslosigkeit nahezu unmöglich. Mit einem geplatzten Kredit als Hypothek bekommt man allerdings auch keine Mietvertrag.
Eine garantierte staatliche Wohnungsversorgung wie bei uns über Harz4 garantiert, existiert nur für Sonderfälle und genereller Verfügbarkeit an Wohnraum.

Inaktiver User
18.01.2009, 17:05
Ja, so ist es.

Mal mit einem weiteren Unterschied zu Deutschland, dass nämlich in viel größerem Maße als hier die gegenseitige Unterstützung in der (Groß)-Familie sebstverständlich ist.

Ändert aber nix daran, dass mir (und - wie die fehlende Diskussion hier zeigt - scheinbar nicht nur mir) das Hemd näher ist als der Rock, also was uns in Deutschland betrifft mir (uns?) wichtiger ist als das was in Spanien (oder Timbuktu) passiert.

Inaktiver User
18.01.2009, 17:13
Ich habe diese Meldungen über Spanien in der Presse auch interessiert verfolgt. Meine Tochter ist im Moment als AuPair dort und wir wollen im Februar hinfliegen. Da interessiert es schon, was im Land so los ist.

Inaktiver User
19.01.2009, 11:54
Ganz ehrlich?

Ich habe schon lange darauf gewartet, dass den Spaniern ihre Auf-Pump-Wirtschaft bald um die Ohren fliegt. Ich habe Anhang dort, und was man so mitbekommt, was die Leute alles auf Kreditkarte oder Kredit kaufen... schon heftig, seine Einkäufe im Supermarkt z.B. (normale EC-Karten nehmen die teilweise gar nicht).

Ich persönlich glaube, das wäre auch ohne Finanzkrise bald mal passiert. Vielleicht nicht ganz so drastisch, aber "ich hab's kommen sehen".

Trotzdem unschön, keine Frage. :knatsch:

Nadine2
20.01.2009, 11:15
Almunia gibt zu, daß die Erholung der spanischen Wirtschaft aufgrund der Anpassung des Bausektors langsamer erfolgen wird. Er schätzt, daß die Arbeitslosenquote in 2010 18,7% erreichen wird.

Almunia reconoce que la recuperación española será más lenta por el ajuste de la construcción


Spanien kein erstklassiger Schuldner mehr
Mit der Herabstufung der Bonität des Landes durch die Rating-Agentur Standard & Poor's am Montag von „AAA“ auf „AA+“ haben die Euro-Skeptiker neuen Zulauf bekommen.

Die spanische Volkswirtschaft weise strukturelle Schwächen auf, die mit der Spitzenbonitätsnote „AAA“ nicht vereinbar seien. „Die Herabstufung spiegelt unsere Erwartung, dass die öffentlichen Finanzen infolge der zu erwartenden Eintrübung der spanischen Wachstumsaussichten leiden werden“, sagte Analyst Trevor Cullinan.

Nadine2
28.01.2009, 11:37
Die EU-kommission revidiert ihre bisherigen Schätzungen für die Arbeitslosenzahlen in Spanien nochmals nach unten. Jetzt wird bereits für 2009 mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf 19 % gerechnet. Die Zahl der Arbeitslosen unter 25 Jahren, die zur Zeit bereits bei knapp 30 % liegt, könnte im Jahrsverlauf auf 36 % steigen.

In Baden-Württemberg waren im Dezember ´08 dagegen 3,3% der unter 25-jährigen arbeitslos.

Noodie
28.01.2009, 19:37
Das ist krass. Das brütet dann Langeweile, Frust und Kriminalität aus. :knatsch:

Vielleicht sollte der Strang ins Weltweit oder ins Wirtschaftsforum verschoben werden um mehr Anklang zu finden.

Ich finde ihn interessant. Danke Nadine :blumengabe:

Nadine2
08.02.2009, 08:26
Ende des Selbstlobs

"Der spanische Arbeitsmarkt hat eine Besonderheit", sagt Gayle Allard, Volkswirtin an der IE Universidad in Segovia. "Er reagiert über. In guten Zeiten schafft er Beschäftigung wie kein zweiter, in schlechten Zeiten zerstört er sie wieder in atemberaubender Geschwindigkeit." Spanien erlebte bis vor kurzem ein Beschäftigungswunder: Zwischen 1993 und Anfang 2008 stieg die Zahl der Beschäftigten von zwölf Millionen auf mehr als 20 Millionen. Die Politiker klopften sich dafür selber auf die Schulter, erst die Konservativen unter José María Aznar, dann die Sozialisten unter José Luis Rodríguez Zapatero.

Das Bild hat sich schlagartig gewandelt. Nach der jüngsten Umfrage des Nationalen Statistikinstituts stieg die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen zwölf Monaten um fast 1,3 Millionen, allein im letzten Quartal 2008 gab es gut 600 000 neue Arbeitssuchende. Die Arbeitslosenrate sprang auf 13,9 Prozent im Dezember und auf 14,4 % im Januar 2009. Und was schlimmer ist: Sie wird weiter klettern. Die EU rechnet für 2010 mit einer Arbeitslosenrate von 18,7 Prozent - doppelt so viel wie der EU-Schnitt.

Spanien leidet besonders stark unter der Finanzkrise, weil die Kreditklemme mit dem Ende des jahrelangen Baubooms zusammentreffen. Jährlich 800 000 neue Wohnungen waren mindestens 400 000 zu viel. Jetzt entlassen die Baufirmen ihre Arbeiter, die nichts mehr zu bauen haben. Um den Absturz abzufedern, hat die Regierung im November ein Elf-Milliarden-Euro-Konjunkturprogramm aufgelegt: Nun sollen öffentliche Bauvorhaben die weggebrochene Privatnachfrage ersetzen.

"Spanien hat einen der unflexibelsten Arbeitsmärkte der industrialisierten Welt", sagt Expertin Allard. "Festangestellte zu entlassen ist so teuer, dass die Firmen viele Leute lieber nur mit Zeitarbeitsverträgen einstellen. Ist die Auftragslage schlecht, verlieren diese Leute sofort ihren Arbeitsplatz." Mehr als ein Drittel der Beschäftigten mussten bis vor Kurzem mit Zeitarbeitsverträgen vorlieb nehmen, erst die jüngste Entlassungswelle hat diese Quote deutlich sinken lassen. So hat der teure Schutz der Festangestellten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt entstehen lassen: aus regulär Beschäftigten und aus Parias, die jederzeit gefeuert werden können - und in Zeiten wie diesen auch gefeuert werden.