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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Alkoholproblem meiner Mutter



toni2
02.01.2009, 20:42
Ich glaube ich brauche etwas seelische Unterstützung:

Meine Mutter hat seit meiner Kindheit ein starkes Alkoholproblem. Oft hat sie schon morgens zur Flasche gegriffen, bis mittags hatte sie genug, hat 2 Stunden geschlafen und dann ging es weiter. Das soll nicht heißen, dass sie sich nicht um uns gekümmert hat, aber ich habe schon als Kind darunter gelitten. Das war wohl auch mit ein Grund, dass ich mit 19 von zu Hause ausgezogen bin. Über die Jahre hinweg hat es mich immer - mal mehr und mal weniger - belastet wenn ich meine Mutter gesehen habe und gemerkt habe wie sie sich und ihren Körper kaputt macht. Sobald ich das Thema angesprochen habe, haben wir Krach bekommen und sie hat alles heruntergespielt: "Wenn ich mal ein Gläschen trinke....." leider war es NIE nur ein Gläschen.
Man könnte jetzt sagen: Warum bricht sie nicht einfach den Kontakt ab, aber so einfach ist das für mich nicht, weil ich immer das Gefühl habe, wenn ich das tue stürzt sie völlig ab. Ich habe auch schon mal eine Psychaterin aufgesucht, die meinte aber mir nicht helfen zu können.

Vor ca 1 1/2 Jahren wurde meine Mutter plötzlich krank, wollte aber - wie auch die Jahre zuvor - zu keinem Arzt. Nachdem sie 3 Wochen fast ausschließlich im Bett lag habe ich bei einem Besuch gesehen, dass ihr Bauch total aufgequollen war, als sei sie hoch schwanger.

Ich habe mit meiner Hausärztin gesprochen und ihr die Symtome erklärt. Sie meinte, meine Mutter brächte umgehend einen Arzt, alles weise auf eine Leberzirrhose (keine Ahnung wie man das schreibt) hin.
Direkt nach dem Gespräch habe ich meine Mutter angerufen und ihr gesagt, dass wenn sie nicht innerhalb weniger Tage einen Arzt aufsucht, möchte ich nichts mehr von ihr hören, weil ich es einfach nicht schaffe zuzuschauen wie sie sich kaputt macht (und mich mit).

Nach langen Diskussionen konnte ich sie überzeugen mit ihr zu meiner Ärztin zu gehen und es stellt sich heraus, dass es allerhöchste Zeit war - drei Wochen später hätte sie es wahrscheinlich nicht überlebt. Meine Ärztin sprach ganz offen mit meiner Mutter und seit diesem Tag hat sie keinen Alkohol mehr angerührt. Von heute auf morgen... ich war richtig stolz auf sie und auch ich habe mich richtig erleichtert gefühlt. Früher war es so wenn meine Mutter mich angerufen hat war ich schon innerlich total genervt. Das hat sich dann geändert als sie nichts mehr getrunken hat. Wir hatten ein richtig gutes Verhältnis. 1 1/2 Jahre lang. Seit ein paar Tagen merke ich, dass sie wieder trinkt. Ich würde nichts sagen, wenn es MAL gewesen wäre, aber es ist heute der 7. Tag infolge. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, dass ich machen soll. Ich weiß genau, wenn ich sie darauf anspreche, streitet sie es ab und fängt Zirkus an.
Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht und könnt mit einen Tip geben?

Inaktiver User
02.01.2009, 22:45
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, dass ich machen soll. Ich weiß genau, wenn ich sie darauf anspreche, streitet sie es ab und fängt Zirkus an.

Ihr zirkusartiges Verhalten ist typisch für Süchtige und Du wirst daran nichts ändern können. Das kann nur sie allein, ob nun durch eine auftretende Krankheit oder einen anderen heilsamen Schrecken.

Was Du aber für Dich machen kannst, ist die liebevolle Distanz und und Hilfe durch andere Betroffene:

Mach ihr keine Vorwürfe, sie ist nicht absichtlich wieder "nass". Aus welchen Gründen auch immer kann sie momentan nicht anders. Teile ihr mit, daß Dir das nicht gefällt, daß Du Dir Sorgen machst und Angst hast um sie.
Und das "Verlassen" sorgt nicht für einen weiteren Absturz, ganz im Gegenteil- dieses sogenannte "liebevolle Fallenlassen" bringt viele Süchtige erst zur Besinnung, da ihnen klar wird, WAS sie da aufs Spiel setzen.

Du hast als Angehörige einer Suchtkranken die Möglichkeit, in eine Selbsthilfegruppe für Angehörige zu gehen, jederzeit und formlos. Dort kannst Du Dich umhören, auskotzen und austauschen. Genau DIE verstehen Dich, weil sie exakt Deine geschilderten Erfahrungen bereits gemacht und durchgestanden haben.
Du findest sie bundesweit an die Selbsthilfegruppen angegliedert...als da wären: Anonyme Alkoholiker ( heißen dann Al- Anon), Blaukreuz, Freundeskreis, Guttempler.

toni2
02.01.2009, 23:16
Danke für Deine Nachricht. Ich hatte mich vor ca. 3 Jahren schon mal mit der Gruppe Angehörige der Anonymen Alkoholiker in Verbindung gesetzt. Dort sagte man mir, dass alle, d. h. mein Vater und auch mein Bruder (er wohnt im Haus meiner Eltern) in die Gruppe kommen müßten um meiner Mutter zu helfen. Leider sind beide dazu nicht bereit. Nicht weil es ihnen egal ist, sondern von solchen Gruppen nichts halten und ihnen wohl auch der ernst der Lage nicht so wirklich bewußt ist. Vielleicht sehen Männer das auch lockerer als Frauen bzw. Töchter

Inaktiver User
02.01.2009, 23:27
Danke für Deine Nachricht. Ich hatte mich vor ca. 3 Jahren schon mal mit der Gruppe Angehörige der Anonymen Alkoholiker in Verbindung gesetzt. Dort sagte man mir, dass alle, d. h. mein Vater und auch mein Bruder (er wohnt im Haus meiner Eltern) in die Gruppe kommen müßten um meiner Mutter zu helfen. Leider sind beide dazu nicht bereit. Nicht weil es ihnen egal ist, sondern von solchen Gruppen nichts halten und ihnen wohl auch der ernst der Lage nicht so wirklich bewußt ist. Vielleicht sehen Männer das auch lockerer als Frauen bzw. Töchter

Es mag sein, daß Männer das Thema Alkoholismus anders (und lockerer oder toleranter) sehen als Frauen- zumal Alkohol als absolut legale Droge gesellschaftlich anerkannt und unterstützt wird (siehe Werbung im TV). Das macht dieses Problem aber nicht weniger heikel.
Und sollte Dich nicht davon abhalten, Hilfe und Rat zu suchen.

Es ist ungeheuer hilfreich, sich unter gleichfalls betroffenen austauschen zu können und festzustellen, daß a) man nicht allein ist und b) das Leben weitergeht.

Die Reaktion der AA- Gruppe halte ich für grundlegend falsch; sobald ein Angehöriger Hilfe sucht, sollte er erstmal angehört werden. Unabhängig davon, ob der Rest der Familie ebenfalls kommen will oder nicht.

Du kannst Dich (auch telefonisch) mit der nächstgelegenen Suchtberatungsstelle in Verbindung setzen und dort nach Angehörigen- Selbsthilfegruppen fragen. Dort nennt man Dir Gruppen, die an die bundesweit vertretenen SHG wie Freundeskreis, Blaukreuz und Guttempler angegliedert sind als auch die freien Gruppen.
:blumengabe:

toni2
02.01.2009, 23:35
Ich muss wohl auf jeden Fall das Thema "vorsichtig" bei ihr ansprechen. Und ich werde mir auf jeden Fall auch Hilfe holen müssen, denn diese Situation macht mich wirklich fertig. Schade halt, dass ich aus der eigenen Familie so wenig Unterstützung bekomme

florales
04.01.2009, 00:46
hallo Toni
Deine Geschichte berührt mich sehr.
Nur zu gut kenne ich beide Seiten, in einer alkoholkranken Familie aufgewachsen, selbst Alkoholikerin kann ich das hin- und hergerissen sein sehr gut nachvollziehen.


Direkt nach dem Gespräch habe ich meine Mutter angerufen und ihr gesagt, dass wenn sie nicht innerhalb weniger Tage einen Arzt aufsucht, möchte ich nichts mehr von ihr hören, weil ich es einfach nicht schaffe zuzuschauen wie sie sich kaputt macht (und mich mit).

auch wenns sehr schwer fällt hier hast Du Dir die Antwort schon selbst gegeben.
In Liebe darauf hinweisen, dass Du Dir das nicht länger anschaust.

Ansonsten gut für Dich selbst sorgen. Wenn Du bei Al-Anon schlechte Erfahrungen gemacht hast, so gibt es noch die Gruppen EKA (erwachsene Kinder von Alkoholikern) und EKS (erwachsene Kinder süchtiger Eltern).

Die Erfahrung zu machen, dass es vielen heute Erwachsenen so ergangen ist, lässt einem vieles klarer und leichter sehen und durch den Austausch bekommt man eigentlich erst mit was es für einem selber bedeutet.

Ich wünsche Dir viel Kraft und Mut.

toni2
04.01.2009, 20:08
oh von den beiden Gruppen habe ich noch nicht gehört. Ich guck gleich mal ob ich darüber was im Internet finde. Vielen Dank.
Heute hat sie mich gefragt, warum ich mich nicht melde. Ich habe es nicht geschafft ihr die Wahrheit zu sagen :-(

Schnubbelohr
09.01.2009, 18:15
Hallo Toni2,
Dein Eingangspost liest sich so wie ich es schreiben würde, nur der schluß ist anders... meine Mutter ist an der Leberzirrhose inkl. kompletten Organversagen nach über 30 Jahren Alkohol verstorben.
Hole Dir unbedingt Hilfe von den hier schon genannten Gruppen. Du findest Dich in jeder Lebensgeschichte die dort hörst wieder. Leider sind wir als Kinder so machtlos.
Ich habe gebettelt, gefleht ,geschrien .... es hat alles nichts geholfen. meine Ma hatte wohl nicht den Willen aufzuhören. Schön das es Deine zumindest schon mal für einen Zeitraum geschafft hat.
Ich könnte mir aber vorstellen wenn Dein Vater und dein Bruder Dich unterstützen würden das deine Ma es vielleicht noch mal schaffen kann. Versuche in einer nüchternen Stunde mit Ihr zureden wieso sie wieder angefangen hat. Vielleicht könnt Ihr drei sie dann unterstützen den quallvollen Entzug nochmals durchzuziehen.
Meine Mutter hat es drei mal in einer geschlossenen Suchtstation machen "müssen".
Die Zeit wo sie dann noch in der Klinik war, 14 Tage, habe ich eigenlich genossen.. Auf einmal benahm sie sich wie eine richtige "Mutter"Sie nahm an meinem Leben Anteil und man konnte sich toll mit Ihr unterhalten . Leider hat sie es dann "draußen" nicht geschafft standhaft zu bleiben. Erschwerend kam hinzu das zwei Jahre vorher mein Vater verstorben war im Jahr drauf Ihre Mutter und Ihr Bruder. Im nachhinein hatte sie wohl keine lust mehr zu Leben und hat sich jedenTag ein Stück mehr zu Tode getrunken. Leider konnte ich und meine Schwester nicht helfen.
Nach Ihrem Tod bin ich dann auch zu einer Gruppe gegangen, aber für mach war das nicht das richtige... es hat mich jedes mal total fertig gemacht wenn die anderen Ihre Geschichte erzählt haben. es war überall das gleiche...
Heute , fast zwei Jahre nach Ihrem tod, verstehe ich so langsam warum sie so war. Sie hat schon immer getrunken, nur nie so viel, nach dem tode von meinem Vater ist sie einfach komplett abgestürzt.. Ich habe zumindest für mich gelernt, das ich mir nicht die schuld daran geben muß. Ich wollte fast mein ganzes Leben helfen,aber sie hat es nicht angenommen. Ich schweife ab...

Liebe Toni, laß Dich von einer Gruppe unterstützen notfalls ohne den Rest Deiner Familie.
Ich schicke Dir viel Kraft und hoffe das deine Ma es nochmals schafft...

Liebe Grüße
Schnubbelohr

toni2
09.01.2009, 21:14
Hallo Schnubbelohr,

jetzt habe ich aber erstmal Gänsehaut bekommen beim Lesen. Es tut mir leid, dass Deine Mutter es nicht geschafft hat.

Ich war wirklich total überrascht, dass meine Mutter den Entzug ohne fremde Hilfe / Unterstützung geschafft hatte. Ich habe ihr auch ganz oft gesagt, wie stolz ich auf sie bin.

Und Dein Satz:
"Die Zeit wo sie dann noch in der Klinik war, 14 Tage, habe ich eigenlich genossen.. Auf einmal benahm sie sich wie eine richtige "Mutter"Sie nahm an meinem Leben Anteil und man konnte sich toll mit Ihr unterhalten ."

kann ich so gut nachvollziehen, genauso ging es mir auch.

Vor einer Stunde habe ich mit ihr telefoniert und habe das Gefühl dass Sie nichts getrunken hat. Mal schaun wie sich die nächsten Tage entwickeln.

Schnubbelohr
10.01.2009, 10:27
Hallo Toni,
finde ich schon mal positiv das Deine Mutter um diese Uhrzeit noch nichts getrunken hat, zumindest nicht soviel das sie daneben war.
Bei meiner Mutter konnte man eigentlich nur vormittags anrufen. Nach zwölf am Mittag waren die Telefonate meist nicht sehr freundlich.
Ich habe es eigentlich auch vermieden sie am Nachmittag oder Abend zu besuchen.In der Regel eskalierte die Situation meist. dabei wollte ich nur helfen.
Darf ich fragen warum Dein Vater und Dein Bruder die veränderte Situation nicht erkennen...wollen...?
Vielleicht macht Ihr , ich kann nur vermuten, gleichgültigkeit innerhalb der Familie zu schaffen...
Eigentlich gibt es tausend Gründe zu trinken, aber so wirklich helfen können wir nicht. Ich habe allerdings bis heute nicht verstanden warum ich so labil war den Kontakt komplett abzubrechen. Auch ich bin mit sehr früh zu Hause ausgezogen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Warum hatte man nicht die Kraft zusagen, ok.. das wars jetzt. Ich möchte keinen Kontakt mehr haben. Einige schaffen das wohl... Aber ich hatte immer ein schlechtes Gewissen wenn ich mich mal ein zwei Tage nicht gemeldet hatte.
Ich diskutiere da öfters mit meiner Schwester drüber und die meinte das ist irgendwie ein Betteln um Liebe...! Ich weiß es nicht....

Ich wünsche Dir weiterhin sehr viel Kraft....:blumengabe:

Liebe Grüße

Schnubbelohr

toni2
11.01.2009, 20:29
Hallo Schnubbelohr,

ich bin mir nicht sicher ob es mein Vater und mein Bruder überhaupt mitbekommen. Mein Bruder hat z. Z. selbst einige Probleme mit Job usw.

Früher habe ich auch immer so früh wie möglich angerufen, aber am Freitag habe ich bewußt etwas später angerufen, einfach um mal zu hören, ob es tatsächlich wieder zum Dauerzustand wird.

Ich habe ganz oft mit dem Gedanken gespielt, den Kontakt abzubrechen und habe mich auch einfach nicht mehr bei ihr gemeldet. Ich hatte aber - genau wie Du - ständig ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich weiß, dass sie sehr an mir hängt und deswegen dachte ich immer, wenn ich jetzt den Kontakt abbrecht stürzt sie komplett ab.

Ich war vor ca. 10 Jahren mal zu einer Mutter-Kind-Kur mit meinen Jungs und auch da kam das Thema in den Einzelgesprächen zur Sprache. Die Therapeutin riet mir damals den Kontakt abzubrechen und ihr klipp und klar zu sagen, dass sie uns nicht mehr sieht, bis sie aufgehört hat zu trinken. Das hätte ich niemals übers Herz gebracht.

Ich finde es interessant, dass auch Du ein schlechtes Gewissen hattest, wenn Du Dich nicht bei Deiner Mutter gemeldet hast, ist schon wirklich komisch.

Inaktiver User
12.01.2009, 08:35
Hallo Schnubbelohr,

ich bin mir nicht sicher ob es mein Vater und mein Bruder überhaupt mitbekommen. Mein Bruder hat z. Z. selbst einige Probleme mit Job usw.

Früher habe ich auch immer so früh wie möglich angerufen, aber am Freitag habe ich bewußt etwas später angerufen, einfach um mal zu hören, ob es tatsächlich wieder zum Dauerzustand wird.

Ich habe ganz oft mit dem Gedanken gespielt, den Kontakt abzubrechen und habe mich auch einfach nicht mehr bei ihr gemeldet. Ich hatte aber - genau wie Du - ständig ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich weiß, dass sie sehr an mir hängt und deswegen dachte ich immer, wenn ich jetzt den Kontakt abbrecht stürzt sie komplett ab.

Ich war vor ca. 10 Jahren mal zu einer Mutter-Kind-Kur mit meinen Jungs und auch da kam das Thema in den Einzelgesprächen zur Sprache. Die Therapeutin riet mir damals den Kontakt abzubrechen und ihr klipp und klar zu sagen, dass sie uns nicht mehr sieht, bis sie aufgehört hat zu trinken. Das hätte ich niemals übers Herz gebracht.

Ich finde es interessant, dass auch Du ein schlechtes Gewissen hattest, wenn Du Dich nicht bei Deiner Mutter gemeldet hast, ist schon wirklich komisch.

Und es ist doch ganz normal, daß man ein schlechtes Gewissen hat, wenn man einen geliebten Menschen fallen lässt, der auch noch krank ist und offenbar große Probleme hat.

Bei jeder anderen Krankheit würde man dem Betroffenen zur Seite stehen und alles tun, damit er gesund wird.

Es bleibt einfach unendlich schwierig, jemanden vorerst im Stich zu lassen- in der Hoffnung, daß dieser Gnadenstoß ihn zur Besinnung bringt. Zumal diese Besinnung nicht unbedingt sofort eintritt, sondern in der Regel wirklich zu einem weiteren Absturz führt. Und oft ist es genau dieser noch tiefere Absturz, der einen Süchtigen dazu bringt, sich auf die Hinterbeine zu stellen und zu sagen "Ich will das so nicht mehr, ich brauche Hilfe".

Denn erst, wenn der Betroffene diesen Wunsch nach Veränderung und Verbesserung selber verspürt, hat er überhaupt Erfolgschancen.

Ich habe in der Therapie Menschen kennengelernt, die für mein Empfinden schon sehr am Boden waren- Schulden, Beziehungstrümmer, Arbeitslosigkeit und knallharte Auflagen vom Arbeitsamt. Das hat noch nicht gereicht, zwei brauchten nach einigen Rückfällen und Therapiebabbrüchen erst einen Aufenthalt auf der Intensivstation, um aus der Sucht zu finden.
Andere hat auch eine komplett zerstörte Leber nicht vom Trinken abgehalten, wieder andere waren mit deutlich weniger "zufrieden" und haben ihr persönliches Schlüsselerlebnis in einem viel früheren Stadium ihrer Suchtkarriere gehabt und den Schalter im Kopf umlegen können.




Vielleicht hilft es Dir, mal den Begriff "Co- Abhängigkeit" bei google einzugeben, dort findest Du sicher viele interessante Hinweise und auch Tipps.
Denn Du bist mit diesem Verhalten nicht alleine.

Alles Gute :blumengabe:

Inaktiver User
12.01.2009, 10:51
Die Therapeutin riet mir damals den Kontakt abzubrechen und ihr klipp und klar zu sagen, dass sie uns nicht mehr sieht, bis sie aufgehört hat zu trinken. Das hätte ich niemals übers Herz gebracht.
Ich finde solche Ratschläge mehr Schlag als Rat. Allerdings ist einstweiliger Kontaktabbruch oft sinnvoll und zwar aus den Gründen, die Mäusi schreibt.
Aber wenn deine Mutter in Therapie ist, kannst du sie doch unterstützen. Und auch bei einem Rückfall, denn das macht sie - wie gesagt - nicht um dich zu ärgern.
Du brauchst aber auf jeden Fall auch Unterstützung, Völliger Quatsch übrigens der Spruch bei Al-Anon, dass auch andere Familienangehörige mitmüssen. Al-Anon ist eine anonyme Selbsthilfegruppe für einzelne Angehörige, keine Familientherapie.:knatsch:
Ich wünsche dir auch viel Erfolg beim "Hilfe holen" für Dich!

toni2
12.01.2009, 20:51
ui der Tip mit der Co-Abhängigkeit war gut, habe da schon ganz interessante Sachen gefunden, danke....

@ Inari: Sie ist ja nicht in einer Therapie, ich glaube das macht es um so schwieriger.

Seit ein paar Tagen habe ich das Gefühl, dass sie sich wieder gefangen hat, trotzdem habe ich seit dem ein ganz komisches Gefühl und hören bei unseren Telefonaten SEHR genau hin. Ich wäre total froh, wenn sie rechtzeitig nochmal die Kurve bekommen hätte.
Die Hausärztin hat mir gesagt, dass es für meine Mutter tödlich wäre, wenn sie wieder anfangen würde zu trinken.

Inaktiver User
13.01.2009, 07:31
ui der Tip mit der Co-Abhängigkeit war gut, habe da schon ganz interessante Sachen gefunden, danke....

@ Inari: Sie ist ja nicht in einer Therapie, ich glaube das macht es um so schwieriger.

Seit ein paar Tagen habe ich das Gefühl, dass sie sich wieder gefangen hat, trotzdem habe ich seit dem ein ganz komisches Gefühl und hören bei unseren Telefonaten SEHR genau hin. Ich wäre total froh, wenn sie rechtzeitig nochmal die Kurve bekommen hätte.
Die Hausärztin hat mir gesagt, dass es für meine Mutter tödlich wäre, wenn sie wieder anfangen würde zu trinken.

Hast Du die Möglichkeit einer Therapie denn mal bei Deiner Mutter angesprochen?

Ich hatte als Therapiekollegen einen Herrn im zarten Alter von 75 Jahren, der das richtig gut durchgezogen hat und total gut drauf war dabei/ danach.

Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Die Rückfallquote von therapierten Süchtigen ist nur halb so hoch wie die von lediglich entgifteten Betroffenen. Und speziell beim Alkoholismus ist es dann so, daß die Rückfallzahlen mit voranschreitender Zeit immer geringer werden- ebenfalls bei therapierten Patienten.

painkiller
13.01.2009, 07:49
Ich habe absoluten Respekt vor der Droge Alkohol und verstehe nicht warum dieser freiverkäuflich ist.

Das Problem ist wahrscheinlich, dass man ja seinen Elternteil liebt und hin und her gerissen ist zwischen der Hilfe, die man geben möchte und der Angst und den Sorgen, die man sich um seinen Elternteil macht.

Außerdem fehlt die Lösung für das Problem ansich.

Zweifelsohne wird das Kontrollieren unsererseits von dem Suchtkranken oft missverstanden.

Ich kann Dir nur einen Tipp geben. Mach etwas bevor Deine Mutter stirbt. Und mach das was Dir Dein Herz sagt. Hinterher kannst Du nur noch trauern und hast keine Möglichkeit mehr sie nach dem warum und wieso zu fragen. Sie wird Dir definitiv nicht mehr antworten, wenn sie im "Himmel" ist.

Gruß
painkiller

Inaktiver User
13.01.2009, 17:43
Ich habe absoluten Respekt vor der Droge Alkohol und verstehe nicht warum dieser freiverkäuflich ist.

Das Problem ist wahrscheinlich, dass man ja seinen Elternteil liebt und hin und her gerissen ist zwischen der Hilfe, die man geben möchte und der Angst und den Sorgen, die man sich um seinen Elternteil macht.

Außerdem fehlt die Lösung für das Problem ansich.

Zweifelsohne wird das Kontrollieren unsererseits von dem Suchtkranken oft missverstanden.

Ich kann Dir nur einen Tipp geben. Mach etwas bevor Deine Mutter stirbt. Und mach das was Dir Dein Herz sagt. Hinterher kannst Du nur noch trauern und hast keine Möglichkeit mehr sie nach dem warum und wieso zu fragen. Sie wird Dir definitiv nicht mehr antworten, wenn sie im "Himmel" ist.

Gruß
painkiller

Wenn Alkohol heute erst erntdeckt würde- er würde dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen.

Dem ist aber nicht so- ganz im Gegenteil, er wird mehr als nur akzeptiert in der heutigen Gesellschaft.
Wenn ich mir ansehe, wie z.B. die Flensburger Brauereien auf Neukundenfang gehen und versuchen, die Bandbreite der Kundenwünsche abzudecken ( indem sie bizarrerweise seit einigen Jahren ein Weizenbier anbieten....), wird mir übel.

Genauso pervers ist es, daß grundsätzlich jede Sportsendung von einem Bierbrauer präsentiert wird und der Zuschauer mittendrin mit Krombacher-Jingles zugedröhnt wird- wo sich Sport und Alkohol eigentlich gegenseitig ausschließen sollten.

Und wenn ich sehe, daß im Fitnessstudio die Männer direkt nach dem Sport an die Bar stürzen und sich zwei Weizenbiere reindrehen... frage ich mich auch, wie zur Hölle in einem Studio denn Alkohol angeboten werden kann?!


Die Kontrolle der Süchtigen durch Familie und Freunde KANN zu Ärger und Problemen führen- dem muss man aber durch offene und ehrliche Formulierung der Gründe dafür vorbeugen.
Denn auch das mit einer Sucht und Rückfällen einhergehende Misstrauen muss man ansprechen- so zu tun, als wäre alles in Butter, halte ich für einen Kardinalfehler.

Ich als Süchtige habe ja mal Shyce gebaut und muss mir klar sein, daß ich Vertrauen erst wieder aufbauen muss.
So wie ich einen Rückfall nicht absichtlich und aus Bosheit bauen würde ( dieser kelch ist GottseiDank bisher an mir vorbeigegangen), muss ich die Kontrollen und Nachfragen der mir nahestehenden Menschen als Ausdruck ihrer Anteilnahme und auch Sorge begreifen können, damit dieses Thema entschärft wird.

:blumengabe:

toni2
13.01.2009, 19:57
Ich habe mich wohl gestern zu früh gefreut. Heute ist es wieder soweit... ich habe natürlich wieder nichts gesagt und lieber eine Stunde lang geheult und meinem Mann die Ohren vollgejammert.
Ich weiß genau - wenn ich es anspreche und sie frage ob sie wieder trinkt - wird sie es abstreiten.
Ach es ist alles so schwer. Aber mir helfen die Beiträge hier schon ein wenig. Vielen Dank dafür.

Inaktiver User
13.01.2009, 21:45
Toni, sie macht das nicht aus böser Absicht- sie kann nicht anders.

Sie hat keine andere Möglichkeit, um ihre Ängste, Sorgen, Nöte und Probleme anzugehen und kennt nur diesen leider so zuverlässigen Fluchthelfer Alkohol.
Ihr fehlen schlicht andere Strategien und Lösungswege- vielleicht weiss sie nicht einmal genau, WO das Problem liegt oder will es nicht sehen.

Du brauchst sie nicht zu fragen, ob sie getrunken hat- natürlich würde sie das abstreiten ( wir streiten das ab, das gehört zu unserer Sucht dazu, wir betreiben sie so heimlich wie möglich, wir können im Rückfall nicht hinschauen).
Aber Du kannst ihr sagen, daß es Dich fertig macht, daß sie trinkt, daß es Dir Angst macht und Du Dich sorgst.

Versuch, bei DIR zu bleiben, werde Deine Befürchtungen dort los, wo sie verursacht werden.
DAS kann sie vertragen, das muss sie ertragen. Innendrin weiss sie es nämlich ( wir wissen was, wir unseren nahestehenden Menschen antun, wir wissen das ganz genau) .
Achte auf Dich, besinn Dich drauf, was diese Sucht mit DIR macht.
Sei traurig, wein und finde es beschissen- das steht Dir zu, absolut.

Deine Mutter wird nur den nächsten Schritt (Entgiftung und Therapie) andenken können,wenn sie anfängt an SICH zu denken.
Nicht vorher.

Ich drück Dich!
:blumengabe:

Schnubbelohr
14.01.2009, 12:53
Hallo toni,

maeusi hat egentlich schon alles gesagt und absolut recht.
Du kannst weinen und dich elend fühlen aber Deine Ma muß von sich aus aus wollen.
Vielleicht macht Ihr mal was zusammen? Shoppen oder Frühstücken, da kannst Du in aller Ruhe "befragen" warum sie wieder angefangen hat.
Vielleicht kannst du Ihr ja dann helfen?
Meine Eltern waren die Generation....man läßt sich nicht scheiden....und so blieben sie zusammen obwohl sie sich besser hätten scheiden lassen sollen. aber das mache man ja nicht. Ich denke bei meiner Mutter war das mit ..ein.. Grund das sie getrunken hat.

Ich hoffe Dein Mann hat Verständniss das Du Dich sorgst und fertig bist.

Alles Liebe
Schnubbelohr

painkiller
15.01.2009, 05:42
Hallo,

das Schlimme ist auch, dass sich ein Mensch mit der Droge Alkohol sukzessive selbst zugrunde nichtet. Eine Leberzirrohse ist ja nun keine Krankheit, die genetisch oder so bedingt ist. Im Gegenteil.

Es handelt sich schlicht und einfach um die Folge des langjährigen Alkoholmissbrauchs. Irgendwann machen die Organe das nicht mehr mit. Angegriffen werden oft auch Milz und im Endstadium eigentlich alle "Innereien" und zwar solange bis zum Schluss das Herz nicht mehr mitmacht. Ende.

Ich kann nur noch einmal massiv auf jeden Versuch mit dem lebenden Elternteil zu kommunizieren hinweisen. Es kann hinterher sehr schnell zu Ende gehen.
Ich finde es gibt kaum etwas schlimmeres als offene Fragen an jemandem zu haben, die durch dessen Tod für immer unbeantwortet bleiben.
Fragen nach dem warum sind wichtig. Schließlich will man als erwachsenes Kind ja auch wissen, wann was wie schief gelaufen ist und ich meine man spricht hier über einen schleichenden Prozess, der sich über viele, viele Jahre hinzieht.

Genauso wird niemand von heute auf morgen zum Kettenraucher.

Gruß
und immer den Kopf hoch halten

painkiller

toni2
16.01.2009, 20:30
Die Frage nach dem warum kann ich mir sparen. Sie ist der Meinung sie hat so viel Streß..... hat sie nicht... im Gegenteil. Und was ich ganz merkwürdig finde, in der Zeit in der sie nicht getrunken hat, war sie die Ruhe selbst, ich täglich mal nach draußen gegangen - auch wenn sie nichts einzukaufen hatte - einfach mal spazieren gegangen. Jetzt wo sie wieder trinkt ist sie - wie auch früher - schon gestreßt wenn kochen soll, oder wenn es auch nur an der Tür klingelt.

Inaktiver User
16.01.2009, 20:57
Die Frage nach dem warum kann ich mir sparen. Sie ist der Meinung sie hat so viel Streß..... hat sie nicht... im Gegenteil. Und was ich ganz merkwürdig finde, in der Zeit in der sie nicht getrunken hat, war sie die Ruhe selbst, ich täglich mal nach draußen gegangen - auch wenn sie nichts einzukaufen hatte - einfach mal spazieren gegangen. Jetzt wo sie wieder trinkt ist sie - wie auch früher - schon gestreßt wenn kochen soll, oder wenn es auch nur an der Tür klingelt.

Hi, Toni!

Dieses Verhalten ist nicht merkwürdig, sondern ganz typisch für "praktizierende" Süchtige( oder eben nasse Alkoholiker): Sie ziehen sich zurück, sie empfinden kleinste Tätigkeiten als Streß und problematisch. Sie bleiben zuhause und trinken alleine, weil der Alkohol als Medikament genommen wird, nicht als Genussmittel. Denn im Grunde genommen wissen sie, daß sie nicht wegen des guten Geschmacks trinken, sondern ausschließlich wegen der Wirkung.
Da wird die kleinste Unterbrechung als lästig und anstrengend empfunden.

Streß muss auch nicht heißen, daß jemand mit Arbeit zugeballert ist und kaum noch Zeit zum Luftholen hat- Streß ist eine persönliche Empfindung und kann auch durch fehlende Beschäftigung und Kontaktarmut verursacht werden, durch plötzliche und ungewollte Einsamkeitm das gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden... es gibt tausend mögliche Gründe.

Ich empfehle Dir (mal wieder :freches grinsen:) bei google die Begriffe "Eustress" und "Disstress" einzugeben, das sind die beiden Aspekte (positiv und negativ) des Oberbegriffes Stress.

Und sie hat in Ermangelung anderer Lösungstrategien eben den Alkohol als Fluchthelfer gefunden und nimmt ihn in verzweifelten Momenten ganz gezielt zum Wegspülen.

Solange sie keine anderen Wege kennt, mit ihren Problemen umzugehen, wird sie weitertrinken. Denn der Alkohol ist (wie jedes Suchtmittel) nicht nur der einfachste, sondern auch der zuverlässigste "Helfer". Der perfekte Weichspüler....:knatsch:

Zumal es ungeheuer schwer ist, seine Probleme zu erkennen, benennen und dann dran zu arbeiten. Es ist tierisch anstrengend und oft schmerzhaft- und meiner Meinung nach nicht im Alleingang zu schaffen, sondern nur mit professioneller Hilfe.


Ich wünsche Dir trotzdem ein schönes Wochenende.
:blumengabe:

painkiller
17.01.2009, 07:05
Hallo,

ich finde, dass was Maeusi hier formuliert, sehr passend und es hört sich schlüssig an.

Aber ich will trotzdem auch noch mal meinen Senf dazugeben.

M.E. ist diese Kontaktarmut nach draußen völig normal für einen Alkoholiker, weil

1. er/sie riecht danach
2. er/sie geniert sich deswegen
3. man sieht es ihm/ihr an (aufgedunsenes Gesicht, dünne Beine)
4. er/sie will vielleicht auch nicht unbedingt auf der Straße trinken
(bei den Pennern sitzen)(so tief ist sie doch nicht gesunken)
5. da der Alkohol als solches ja gar nicht mehr bei ihr/ihm wirkt,
vermag ein Alkohiker ja selten noch feste Nahrung zu sich zu
nehmen.
6. in der Öffentlichkeit ist das Alkoholikerleben viel schwieriger als zu
Hause
7. der Reiz in einen Supermarkt zu gehen und an den Spiritousen
vorbeizugehe ist schwer (hier hilft die Mitnahme einer kleinen
Mineralwasserflasche in der Handtasche, weil es oft nur um den
Vorgang des Trinkens geht)

Und ich glaube besonders Frauen genieren sich auch wegen dieser o.g. Punkte.

Da ist es doch viel einfacher zu Hause im Selbstmitleid zu ersticken.

Don't give up

painkiller

Inaktiver User
17.01.2009, 07:38
7. der Reiz in einen Supermarkt zu gehen und an den Spiritousen
vorbeizugehe ist schwer (hier hilft die Mitnahme einer kleinen
Mineralwasserflasche in der Handtasche, weil es oft nur um den
Vorgang des Trinkens geht)


Ganz so einfach ist es dann doch nicht: bei nassen Alkoholikern ist der Weg in den Supermarkt ( gerne auch nach einem sorgfältig überlegten Muster der abwechselnden Martkauswahl, damit es niemndem auffällt, daß man fast ausschießlich Schnaps kauft) genau zu diesem Zweck (Nachschub besorgen) noch möglich und auch nötig. Das Vorbeilaufen an den alkoholischen Getränken steht da überhaupt noch nicht auf der Möglichkeiten- Liste, nicht ansatzweise.

Der Trick mit der Mineralwasserflasche funktioniert nicht wirklich- wenn ein Alkoholiker eigentlich konsumieren möchte und "nur " Wasser trinkt, wird ihm sein präzise funktionierendes Suchtgedächtnis etwas husten und laut aufschreien "WO bleibt die Wirkung, verdammt?!"

Genau dieses Suchtgedächtnis ist ja so tückisch, da wir es nie wieder loswerden. Wir wissen für alle Zeiten ganz genau, wie wir im Handumdrehen ein ganz bestimmtes Gefühl hervorrufen können. Extrem verlockend, wenn man sich beschissen fühlt.

toni2
17.01.2009, 19:46
mit merkwürdig meinte ich auch eigentlich, dass sie diese "Stresssymptome" nicht hatte, als sie nichts getrunken hat. Das muss sie doch auch merken, meint ihr nicht?
Bevor sie aufgehört hatte zu trinken, sah man es ihr wirklich extrem an, das aufgedunsene Gesicht, eine blaue Nase und ständig Ausschläge im Gesicht. Das hat sich in den 1 1/2 Jahren in denen sie nicht getrunken hat, wirklich wieder schön gemacht. Heute hat sie mir allerdings erzählt, dass sie ein ganz geschwollenes Gesicht hätte und schiebt es auf einen vereiterten Zahn.

Noch eine Frage. Kann man denn wirklich so schnell wieder richtig süchtig werden??? Man hört es immer wieder, aber ich kann es mir gar nicht vorstellen

Inaktiver User
18.01.2009, 13:17
mit merkwürdig meinte ich auch eigentlich, dass sie diese "Stresssymptome" nicht hatte, als sie nichts getrunken hat. Das muss sie doch auch merken, meint ihr nicht?
Bevor sie aufgehört hatte zu trinken, sah man es ihr wirklich extrem an, das aufgedunsene Gesicht, eine blaue Nase und ständig Ausschläge im Gesicht. Das hat sich in den 1 1/2 Jahren in denen sie nicht getrunken hat, wirklich wieder schön gemacht. Heute hat sie mir allerdings erzählt, dass sie ein ganz geschwollenes Gesicht hätte und schiebt es auf einen vereiterten Zahn.

Noch eine Frage. Kann man denn wirklich so schnell wieder richtig süchtig werden??? Man hört es immer wieder, aber ich kann es mir gar nicht vorstellen

Natürlich merkt Deine Mutter, daß es ihr im trockenen Zustand körperlich besser geht und sie selbständiger ist.
Trotzdem bleibt ihr in kritischen Momenten nur der Alkohol als Ausweg, und da spielen dann rationale Betrachtungen und Appelle an die Vernunft nichts mehr. Die Vernunft macht dann nämlich grade schwer Pause, ist nicht verfügbar.

Du siehst an ihrer Aussage über den vereiterten Zahn, daß ihr sehr wohl auffällt, wie sie aussieht- aber sie legt sich eine Geschichte zurecht, um sich nicht mit der Sucht auseinandersetzten zu müssen.
Lieber einen vereiterten Zahn vorschieben als ernsthaft über den Alkohol nachdenken- klassisches Suchtverhalten.

Wir sind unser Leben lang süchtig, diese Krankheit ist nicht heilbar! Wir können lernen, damit umzugehen und den allgegenwärtigen Suchtdrachen im Zaum zu halten- durch eine Verhaltenstherapie, durch den regelmässigen Besuch einer Selbsthilfegruppe., durch offenen und ehrlichen Umgang mit diesem Problem.
Aber wir werden, und daß muss Dir klar sein, diese Krankheit nie wieder los.

Deine Mutter ist Alkoholikerin- für immer.
Insofern ist der berüchtigte erste Probeschluck für viele Alkoholiker der erneute Beginn einer sehr vertrauten Spirale- denn sie können einfach nicht nach einem Glas wieder aufhören. Wenn sie trinken, dann solange, bis sie betrunken sind.
Und benötigen in der Regel sehr schnell wieder sehr viel Alkohol, um in den gewünscten Zustand zu kommen, das nennt man Toleranzentwicklung.
"Trainierte" Alkoholiker sind bei 4 Promille erst funktionsfähig- ein für gesunde Menschen tödlicher Wert!

Ja, sie sind sofort wieder süchtig- zumal sie den Alkohol absichtlich getrunken haben. denn egal wie lange sie trocken waren, sie trinken ihn nicht weils Spaß macht, sondern aus demselben grund wie immer: Wegen der Wirkung, als Medizin, Fluchthelfer, Weichspüler.

Und das ist Sucht.

Irgend etwas im Leben, Fühlen, Denken Deiner Mutter muss ihr so große Sorgen, Probleme, Ängste machen, daß sie diesen Helfer braucht. Du musst akzeptieren, daß sie nicht anders kann- daß der Alkohol ihr einziger derzeitiger Verbündeter ist.

Du musst und sollst allerdings nicht herausfinden, was der Grund sein könnte- das wäre Aufgabe von Fachleuten. Denn nur durch das Herausfinden ihrer Nöte werden sie nicht besser, sie muss lernen, damit gesund umzugehen.

Den Grund für diese Sucht empfindet vielleicht nur Deine Mutter so, den kann unter Umständen niemand sonst verstehen oder nachvollziehen. Sie nennt den Streß als Grund, Du sagst, sie hätte keinen.
Es kann also nicht an Dir sein, diesen Streß zu beseitigen oder ihr abzunehmen ( das wäre sowieso schwer co-abhängig)- das könnte nur jemand machen, der neutral und fachkundig zuhört, nicht wertet und sie behutsam und kompetent in eine andere Wahrnehmnung führt und sie bei allen positiven Dingen unterstützt.

:blumengabe:

Inaktiver User
18.01.2009, 13:57
Mäuse, deine Beiträge sind wirklich sehr wertvoll! :blumengabe::blumengabe::blumengabe:
Du weißt ja eine Menge und bringst auch deine praktischen Erfahrungen beeindruckend sortiert und anschaulich rüber.
Ich finde solche Infos sind generell viel zu rar. :knatsch:
Jeder hat irgendwie schon einmal mit dem Problem Alkoholsucht zu tun gehabt, entweder in der Familie, bei Freunden oder ist selber elend abgestürzt. Dennoch wissen die wenigsten wie komplex diese Sucht ist und es existieren viele Vorurteile darüber.



"Trainierte" Alkoholiker sind bei 4 Promille erst funktionsfähig- ein für gesunde Menschen tödlicher Wert!
Das muss man sich wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wieviele Menschen wissen das?
Eine meiner besten Freundinnen ist trockene Alkoholikerin und bei ihr habe ich auch erlebt, dass man als Betroffene (Freundin) viel falsch machen kann, wenn man Null Ahnung hat, obwohl man ja wirklich helfen will.
Wichtig zu wissen ist, dass es verschiedene Trinkertypen gibt.
Da gibt es beispielsweise diese Einteilung nach Jellinek (http://www.bist-du-staerker-als-alkohol.de/index.php?id=279):
1. Der Alpha-Trinker (Erleichterungstrinker)Auch so genannte “Erleichterungs- und Problemtrinker“. Sie trinken Alkohol wegen der Wirkung und erfahren beim Trinken Erleichterung, Enthemmung, Entspannung, Zufriedenheit. Dieser Trinkertyp kann in den meisten Fällen mit dem Alkoholkonsum aufhören
2. Der Beta-Trinker (Gelegenheitstrinker) Sie werden als “Gelegenheitstrinker” umschrieben. Dieser Trinkertyp entwickelt weder eine psychische noch eine physische Abhängigkeit.
3. Der Gamma-Trinker (Rauschtrinker) Wird glaube ich auch Absturztrinker genannt. Dieser Trinkertyp entwickelt sich über viele Jahre hinweg zum “Rauschtrinker”. Er hat längere abstinente Phasen, die sich mit Phasen starker Berauschung abwechseln. Die Kontrolle hat er schon längst verloren. Er kann nicht zu trinken aufhören, auch wenn er bereits das Gefühl hat, genug zu haben. Auch wenn er sich wegen der Fähigkeit zu längeren Abstinenzphasen sicher fühlt, ist er alkoholkrank
4. Der Delta-Trinker (Spiegeltrinker) Mir auch als Pegeltrinker bekannt. Sind sogenannte “funktionierende Alkoholiker”. Das heißt, sie bleiben lange Zeit sozial unauffällig, funktionieren im Alltag und sind selten erkennbar betrunken. Dennoch besteht eine starke körperliche Abhängigkeit, sodass sie ständig Alkohol trinken müssen, um Entzugssymptome zu vermeiden. Durch das ständige Trinken entstehen körperliche Folgeschäden.
5. Der Epsilon-Trinker (Quartalssäufer)Sie werden gerne auch als „Quartalssäufer" bezeichnet. In unregelmäßigen Intervallen stellen sich Phasen des exzessiven Alkoholkonsums ein, die Tage oder Wochen dauern können. Dazwischen können sie monatelang abstinent bleiben. Dieser Trinkertyp ist alkoholabhängig und leidet unter starkem Kontrollverlust. (Typologie nach Jellinek)

Inaktiver User
18.01.2009, 14:13
Du siehst an ihrer Aussage über den vereiterten Zahn, daß ihr sehr wohl auffällt, wie sie aussieht- aber sie legt sich eine Geschichte zurecht, um sich nicht mit der Sucht auseinandersetzten zu müssen.
Lieber einen vereiterten Zahn vorschieben als ernsthaft über den Alkohol nachdenken- klassisches Suchtverhalten.
Das ist wirklich der Knackpunkt. Einem Alkoholiker kann man normalerweise erst dann helfen, wenn er selber einsieht ein Alkoholiker zu sein.
Damit tun sich die meisten Leute wirklich schwer. Bei den meisten dauert es wirklich lange, bis sie sich eingestehen, dass sie alkoholkrank sind. Ich war mal bei einer AA-Veranstaltung und es war sehr bewegend zu hören, wie bei allen irgendwann der Punkt kam, dass sie das zugeben konnten. Die meisten wünschten es schon eher getan zu haben, vor allem weil ihr Umfeld ja auch gelitten hat.
Zur AA: Meiner Freundin haben keine Therapien geholfen. Vielleicht weil die damals in den 80er Jahren noch nicht so gut waren. Aber der Gang zur AA hat ihr geholfen über viele Jahre trocken zu bleiben. Konkret: 1x Woche zu einem Gesprächskreis.

Toni: immerhin hat deine Mutter es schon einmal 1,5 Jahre geschafft trocken zu bleiben. Vielleicht kannst du das noch einmal als etwas sehr Positives herausstreichen. Sehr schwer das alleine durchzuziehen. Dann kannst du ihr vielleicht verdeutlichen, dass sie sich Hilfe holen kann, wenn sie wieder trocken werden will. Aber dafür muss sie natürlich selber einsehen, dass sie alkoholkrank bist.
Und wenn du ihr nun etwas ähnliches sagen würdest wie:
"Mutti, wir wissen beide, dass du ein großes Problem mit Alkohol hast. Du kannst nichts dafür. Das ist eine Sucht. Eine Krankheit. Ein Kranker braucht professionelle Hilfe, oder? Ich möchte dich dabei unterstützen, wenn du diese Hilfe in Anspruch nimmst. Aber wenn du die Augen verschließt kann dir niemand helfen."
Dann würde ich das einfach mal so stehen lassen und nicht darüber diskutieren. Vielleicht auch einen Brief schreiben....
Kommt natürlich darauf an, was dir liegt, und was genau du rüberbringen willst.

Inaktiver User
18.01.2009, 15:37
Diese 1,5 Jahre sind wirklich eine bemerkenswerte Leistung und sprechen ja für eine beachtliche Willensstärke.
Grundsätzlich ist es ihr also möglich, trocken zu bleiben- über längere Zeit.
Das ist ja schonmal ein Pfund, mit dem man wuchern kann.
Letztlich geht es aber darum, eine zufriedene Abstinenz zu erreichen, eine, in der der nicht mehrstattfindende Alkohol nicht als Verlust empfunden wird.

Eine verbissene Abstinenz ( in der man sich mantraartig vorbetet "Ichdarfnichttrinkenichdarfnichttrinken") kreist letztlich doch nur um den Verlust des Alkohols und ist , zumindest meiner Meinung nach, eher zum Scheitern verurteilt.

fussballbine
18.01.2009, 23:29
Auch ich weiß ein trauriges Lied von Alkoholproblem meiner Mutter zu singen.
Meine Eltern waren beide starke Trinker. Mein Vater war ein sehr geselliger Mensch, der unbedingt nach der Arbeit noch mit seinen Kollegen "einen trinken" gehen musste. Das war ein Ritual!
Meine Mutter musste immer mit gehen und aufpassen, dass mein Vater nicht das Geld rauswirft. Auch sie musste dann mittrinken, wenn es die anderen am Tisch taten.
1994 starb mein Vater dann an Herzversagen und das gab meiner Mutter mehr oder weniger den "Todesstoß". Sie wurde zur totalen Säuferin, weil sie nicht über den Tod meines Vaters hinweg kam. Ich war damals 15 und was sollte ich schon tun? Natürlich habe ständig auf meine Mutter eingeredet, sie solle doch mit der Sauferei aufhören. Ich habe geheult, gebettelt, mit Selbstmord gedroht.... Es ging ihr schlicht am Arsch vorbei!!!!
Unsere Wohnung wurde zum Saustall (wer ein Foto sehen will, wie es am ENDE aussah kann mir eine PN mit Mailadresse schicken).
Sie wollte sich nicht helfen lassen. Noch nicht mal von ihrer Familie, die wohl wussten dass sie trank, aber nicht wie schlimm es wirklich war.
Ende 2005 brach sie dann mit einen epileptischen Anfall aufgrund von Alkoholmissbrauch Zuhause zusammen und kam ins Krankenhaus. Zu einer Therapie oder Entzug war sie nicht bereit. Zwei Wochen nach ihrer Enlassung hing sie wieder an der Flasche.
Im Februar 2007 ging ihr Leben dann dem Ende entgegen. Sie bekam Wahnvorstellungen und fiel ins Delirium. Sie sah Tiere und Menschen, die gar nicht exestierten. Sie saß auf der Couch und führte mit den unsichtbaren Menschen Gespräche oder sie weckte mich mitten in der Nacht auf und wollte mit mir auf Schlangensuche gehen. Als sie schließlich nicht mehr aufstehen konnte und ihr Geschäft in eine Plastikeimer verrichten musste, ließ ich sie ins Krankenhaus einweisen. Ich konnte einfach nicht mehr! Ich stand kurz davor mich selber umzubringen, wollte mich vor eine Zug werfen.... Meiner Mutter musste ein Bein amputiert werden (Raucherbein). Nach der OP erlangte sie nie wieder das Bewusstsein! Ich konnte mich noch nicht mal von ihr verabschieden..... Sie starb an einer Lungenembolie.

painkiller
19.01.2009, 05:54
Hallo,

und das ist das was ich immer sage, redet mit den Menschen bevor es zu spät ist.

Es ist erstaunlich wie viele Parallelen es in den einzelnen Schicksalen gibt. Es scheint immmer nach demselben Schema abzulaufen.

Ich bin schockiert über Dein Erlebnis Fussballbine und froh, dass Du Dich nicht umgebracht hast.

Furchtbar ist auch der Sog, den Alkoholiker mit sich ziehen und damit ihre eigenen Kinder mit in der Gosse ablegen.

Schrecklich stelle ich mir auch das Verheimlichen vor anderen vor (z.B. Freunden und Mitschülern). Man kann niemanden mit nach Hause nehmen. Es ist einem peinlich.

Ein Ex-Freund von mir hatte auch alkoholsüchtige Eltern. Ich habe mich nie wohl gefühlt, wenn ich mal dort zu Besuch war. Dort herrschte viel Gewalt, Chaos und Gebrüll. Kein Familienleben was mich besonders angesprochen hat. Eigentlich alles eher asimäßig.

Man muss auch immer aufpassen, dass man die Achtung nicht vor einem Süchtigen verliert. Das ist nicht immer einfach. Oft sind die Verhaltensweisen und Aussagen sowie Handlungen Suchtkranker schwer nachzuvollziehen. Besonders gesunde Mitmenschen mit klarem Menschenverstand, verstehen dann die Welt nicht mehr.

Ich hörte mal, dass jedes Mal, wenn man betrunken ist, tausende von Gehirnzellen absterben und zwar irreparable. Dies würde zumindest erklären, warum Süchtige oft so seltsam agieren und reagieren. Sie leben in ihrer eigenen Welt.

Und man darf ja auch nicht vergessen, dass es sich hier um einen schleichenden Prozeß handelt. Niemand wird von heute auf morgen Alkoholiker. Es zieht sich über Jahre. Vielleicht wollen Alkoholiker es deshalb auch nicht zugeben. Und dann ist es irgendwann zu spät und sie hängen an der Flasche.

Und auch wenn ich mich wiederhole. Ich kriege das nicht auf den Schirm. So ein gefährliches Gift für den Körper steht in jedem Supermarktregal freiverkäuflich rum. Irre.

Es ist und bleibt ein schwieriges Thema.

Für heute kann ich Euch nur folgendes sagen:

Das Leben ist schön.
Genießt den Augenblick.

Gruß
painkiller

Inaktiver User
19.01.2009, 07:24
Natürlich habe ständig auf meine Mutter eingeredet, sie solle doch mit der Sauferei aufhören. Ich habe geheult, gebettelt, mit Selbstmord gedroht.... Es ging ihr schlicht am Arsch vorbei!!!!



und das ist das was ich immer sage, redet mit den Menschen bevor es zu spät ist.


Fussballbine hat genau das versucht- und ist mit ihren Bemühungen leider gescheitert.
Solange Süchtige (noch) nicht bereit sind, ihre Erkrankung anzugehen und sich mit den Problemen, die dazu geführt haben, auseinanderzusetzen, können Angehörige und Freunde sich den Mund fusslig sabbeln.

Und wenn die Sucht das gesamte Familienleben überschattet und zu einer unerträglichen Qual macht, dann ist es an der Zeit, sich als Angehöriger auf sich selbst zu besinnen, den Blick wieder auf die eigene Person zu richten.
Niemandem ist geholfen, wenn alle um den Süchtigen kreisen wie die Planeten um die Sonne.
Das heißt ja nicht, daß man den Süchtigen fallen läßt- es geht lediglich darum, ihn nicht mehr zu unterstützen in seiner Sucht.
Wenn man (als Beispiel) abgemacht hat, daß man miteinander Schwimmen gehen will, und der Süchtige ist zum verabredeten Zeitpunkt betrunken, dann wäre die Ansage, daß man eben allein schwimmen geht, klug. Gleichzeitig steht weiterhin das Angebot für einen anderen Termin, allerdings unter der Prämisse "Du bist nüchtern, wenn wir schwimmen gehen".
Es geht darum,sich a) nicht mehr das Leben komplett von der Sucht des Anderen bestimmen zu lassen und b) aufzuhören, die durch die Sucht eingetretenen Probleme zu kompensieren ( wie Einkaufen, Saubermachen, beim Chef anrufen und Ausreden finden, warum derjenige heute nicht zur Arbeit kommen kann, Termine allein wahrnehmen...kurz: den Süchtigen in Watte zu packen).
DAS ist klassische CO- Abhängigkeit und nützt dem Betroffenen nichts, ganz im Gegenteil: Er wird in seinem Verhalten nur bestärkt, da entgegen zu den verbal geäußerten Wünschen nach Abstinenz ja alles dafür getan wird, daß der Laden trotzdem läuft. Er erlebt keine Konsequenzen, oft ist ihm nicht klar, wie sehr die Sucht bereits alltägliche Dinge einschränkt, da ihm ja alles abgenommen wird.
Wenn er morgens den Wecker nicht hört, weil er schlicht hackedicht ist und aber allmorgendlich geweckt wird, damit er aufsteht und zur Arbeit geht- dann kann es (in seinen Augen) ja nicht sooooo schlimm sein.

Das alles heißt aber nicht, daß man nicht immer wieder Gespräche anbieten soll- natürlich ist Reden immer gut!
Man soll als Angehöriger bloß nicht vergessen, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern und muss damit aufhören, die Sucht über alles zu stellen und sein Leben danach auszurichten.

Sich in kleinen Schritten weg von dem Süchtigen und zurück zu sich selbst zu bewegen, kann dem Süchtigen auch klarmachen, inwiefern er bereits im Suchtkreislauf steckt und ihn "aus der Reserve" locken.

Mir ist wichtig, daß dieses sogenannte "liebevolle Fallenlassen" nichts mit Repressalien oder einem abrupten Verlassen in allen Konsequenzen zu tun hat, sondern eine Unterstützung der Sucht und ihrer Konsequenzen ausschließt.
Hilfe durch Nichthilfe ist letztlich für alle Beteiligten der gesündeste (wenn auch schwierigste) Schritt aus diesem Teufelskreis.

Als ich zur Entgiftung aufgebrochen bin, sagte mein Mann zu mir: "Du bist die Frau meines Lebens und ich liebe Dich mehr, als ich sagen kann. Aber ich werde nicht mit Dir leben, wenn Du weiterhin dieses Zeug nimmst."

Der erste Teil dieses Satzes hat mich umgeworfen und entscheidend dazu beigetragen, daß ich den zweiten Teil des Satzes ganz ernsthaft und konzentriert angegangen bin.

Es hat mir direkt klargemacht, daß mein Mann mich bei allem unterstützt, was mir aus der Suchtspirale raushilft, und das nach besten Kräften. Und gleichzeitig war mir klar, daß er es nicht unterstützt oder kompensiert, wenn ich die Finger nicht von meinem Stoff lasse, daß er nicht bereit ist, sein Leben an der Sucht zu orientieren.

Vielleicht habe ich genau diesen Satz gebraucht?!

painkiller
07.02.2009, 06:44
Hallo,

ja, manchmal kann ein einziger Satz in einem mehr bewirken als tausend leere Phrasen.

Da Alkoholismus ein schleichender Prozeß ist, also niemand wird ja von heute auf morgen zum Alkoholiker, sind die Grenzen der Anhängigkeit schwer zu erkennen.

Auch die Belastungsgrenzen der Abhängigen und der Co-Abhängigen sind oft verschoben. Jeder baut manchmal in seiner Verzweiflung eine hohe Mauer um sich rum auf.

Die Kunst besteht darin zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort mit den richtigen Worten diese Schallmauer beim Süchtigen zu durchbrechen.

Dieses kann mit einem einzigen Satz erfolgen, der in dem Süchtigen alle Alarmglocken aktiviert.

Man darf generell wohl nie die Hoffnung aufgeben.

Gruß
painkiller

Inaktiver User
07.02.2009, 15:51
Als ich zur Entgiftung aufgebrochen bin, sagte mein Mann zu mir: "Du bist die Frau meines Lebens und ich liebe Dich mehr, als ich sagen kann. Aber ich werde nicht mit Dir leben, wenn Du weiterhin dieses Zeug nimmst."
Der erste Teil dieses Satzes hat mich umgeworfen und entscheidend dazu beigetragen, daß ich den zweiten Teil des Satzes ganz ernsthaft und konzentriert angegangen bin.

Wirklich sehr beeindruckend, dass dein Mann das so klar formulieren konnte und du das auch angenommen hast. :blumengabe:
Vielleicht hätte wirklich nichts anderes dich so sehr bestärken können in deinem Weg aus der Abhängigkeit heraus.
Ich war auch mal co-abhängig, allerdings nicht bei einem Alkoholsüchtigen, und habe meinen Partner am Schluss eigentlich eher als kleines Kind gesehen. Vielleicht gefiel ich mir teilweise auch in der Rolle der Super-Steffi, die alle bösen Einflüsse von außen fernhielt.
Aber eine Beziehung auf Augenhöhe war das natürlich nicht.
Daher finde ich solche Erfolgsgeschichten als positive Vorlage auch so wichtig. Und rührend. :smile:

Inaktiver User
07.02.2009, 17:10
Die Kunst besteht darin zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort mit den richtigen Worten diese Schallmauer beim Süchtigen zu durchbrechen.

Wobei kein Süchtiger erwarten darf oder kann, von anderen Menschen aus dieser Sucht geholt zu werden.
Der Wille muss in einem selbst sein, der kann durch welche Sätze auch immer nicht von außen implantiert werden. Niemals.

Ich wollte ja schon zur Entgiftung und mein Mann hat diesem Willen durch seinen Satz nur Vorschub geleistet.

Von daher denke ich nicht, daß "die Kunst" der Angehörigen gefragt ist, beileibe nicht.

Ich schrieb es im Nachbarstrang schon einmal: Ich habe mich mit Anlauf in die Scheiße geritten, denn was ich mache, mache ich gründlich.Und genau dieses Talent konnte ich nutzen, um mich genauso gründlich wieder aus besagter Scheiße zu holen. ICH wars, beide Male und niemand anders.
Mit sehr guter Hilfe, aber die eigentliche Arbeit habe ich geleistet- und die war total anstrengend.

Inaktiver User
16.02.2009, 10:42
Hallo Toni,

es gibt sicher ganz viele Möglichkeiten, mit einer trinkenden Mutter umzugehen.

Mich hat in meinem Rückfall aufgeweckt, dass meine Tochter sehr klar und entschieden war. Sie war sehr wütend auf mich und ging auf mich los, ich war betrunken, fiel hin und lag auf dem Rücken wie ein Maikäfer.

Sie stand über mir - ich werd diesen Blick nie vergessen, und sie weinte vor Zorn und sagte:

"Du weisst doch genau, was du zu tun hast! Du gehst ins Krankenhaus und danach in deine Selbsthilfegruppen. Ich liebe dich, ich begleite dich, ich pack dir deinen Koffer und fütter die Katze und kümmer mich um die Post, aber steh auf und geh los!"

Hab ich gemacht.

Manchmal braucht es einen Schubs aus Liebe von aussen.

OT: Du hast ne seltsame Al-Anon-Truppe erwischt... such dir ne andere!

toni2
20.02.2009, 21:01
Ich glaube ich bin da wirklich zu schwach für. Jetzt ging es ein paar Tage wieder gut, nachdem ich ihre gesagt habe, dass ich glaube, dass sie wieder trinkt (sie streitet es natürlich wieder ab), aber Dienstag und heute war sie schon nachmittags total angetrunken. Ich habe mich bisher nicht getraut es ihr direkt zu sagen, wenn ich es merke.

Inaktiver User
21.02.2009, 09:53
Ich glaube ich bin da wirklich zu schwach für. Jetzt ging es ein paar Tage wieder gut, nachdem ich ihre gesagt habe, dass ich glaube, dass sie wieder trinkt (sie streitet es natürlich wieder ab), aber Dienstag und heute war sie schon nachmittags total angetrunken. Ich habe mich bisher nicht getraut es ihr direkt zu sagen, wenn ich es merke.

Liebe Toni,

ich kann dir wirklich nur dringend raten, dir eine gute Gruppe zu suchen. Aus den Erfahrungen der andern kannst du sehr viel für dich lernen, und herausfinden, welche Möglichkeiten für DICH stimmig sind.

Du kannst dort auch die Kraft bekommen, klarer und direkter im Umgang mit der Krankheit deiner Mutter zu werden und deinen eigenen Standpunkt finden.

Natürlich streiten wir alles ab, wenn wir "ertappt" werden - und was das mit dir macht ist doch logisch: Du fängst an, an dir und deiner Wahrnehmung zu zweifeln und hast gute Chancen, irre zu werden!

Eine "irre" Geschichte hat mir mal der Leiter einer Entzugsklinik erzählt, bei dem sich eine Krankenschwester vorstellte, die mit Schnapsfahne zum Bewerbungsgespräch kam.
Sie hat das aber so überzeugend abgestritten, dass sogar dieser Experte völlig verwirrt wurde und seiner eigenen Nase nicht mehr traute und schliesslich zum Alkometer griff. Erst dann gab sie es zu...