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  1. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    Nachsatz: Wer mehr in Konflikt kommt mit den herrschenden Regeln, hat auch mehr zu leiden.
    Das Zitat ist jetzt nur abgekürzt und insofern verstümmelt.

    Genauso sehe ich es jedoch auch.

    Was die diffusen Ängste betrifft: Ich rede mal von meinen:

    Ich wusste natürlich, dass es die Stasi gab, dass in der Zeit Stalins Menschen für immer verschwunden gewesen waren und dass das wiederkommen konnte, zumal das alles immer im Grauen getuschelt wurde, 1968 Prag habe ich 9jährig mitbekommen, weil meine Mutter Angstzustände hatte (sie hatte Dresdens Bombennacht überlebt), während die in die Tschechoslowakei fahrenden Armeefahrzeuge der sozialistischen Staatengemeinschaft tage- und nächtelang von der Autobahn zu hören waren und sich auch am Himmel diesbezüglich viel tat. Es war mir klar, dass in Bautzens Gefängnis Staatsfeinde saßen (ich wusste nicht genau, was das war).
    Als ich eine junge Erwachsene war, war ich inzwischen gleichgültig geworden, als Freiberufliche stand ich eh' neben den üblichen Strukturen. Aber dass ich mich in Gefahr bringen würde, wenn ich laut die staatlichen Strukturen in Fragen stellen würde, war mir natürlich klar. Ich war abgestumpft. Es ist auch kein angenehmes Gefühl mitzubekommen, wie ringsum nach und nach das Land in mehr oder weniger potenziellen, grauen Ruinen versinkt ... und ich auch nichts dagegen tu.

    So im nachhinein würde ich sagen, ich habe in Lähmung und Dämmerschlaf gelebt.

    Ich rede mal noch von etwas, was ich nicht weiß, ob es mein persönliches Erleben war oder anderen Kindern auch so ging:

    Ich hatte also so meine gesellschaftlich fundierten Ängste (meine jetzigen Kinder, die mich oder die Eltern ihrer Freunde ständig ums berufliche Überleben kämpfen oder mehr oder weniger daran scheitern sehen, haben die ihrigen, diesem System entsprechenden). Wahrscheinlich ist es normal, dass ein Kind dann auch gewisse Ängste vor seinen Eltern hat, weil sie einfach an der Schaltzentrale sitzen (dürfte bei meinen Kindern auch so sein).
    Ich hatte noch doppelt Angst vor meinen Eltern, weil sie zu Hause immer Staatsgegner waren und sich gegen dieses nur zu Hause praktizierte Heldentum zu widersetzen, war für mich dann noch schwieriger, wenn es mal familiäre Probleme gab. Denn ich hätte ja denen widersprochen, die sich gegen die Ausbeuter und Unterdrücker aussprachen ... ich denke, das ganze sozialistische System war so aufgebaut, von oben nach unten (das hiesige ist es wahrscheinlich auch, nur die Namen heißen anders, denn wenn ich gegen die hiesige Demokratie bin, werde ich doch nicht etwa den Sozialismus wollen, ge).
    Meine Eltern hatten dieses Problem wiederum mit ihren Eltern während des 3. Reiches und in der Stalinzeit, in der sie junge Menschen waren, selbst gehabt, die Angst sozusagen verinnerlicht ... und meine Kinder werden wohl mal Ähnliches in 20 Jahren in der Bricom über mich schreiben ... fürchte ich.

    Insofern: für meine Eltern.

    Hier lebe ich schon bewusster und meine Angst ist schärfer und fundierter, auch ist die Gefahr näher. Sobald ich aus der normalen Mitte, nämlich einen Arbeitsplatz zu haben, herausfalle, was ich nur bedingt steuern kann, lande ich in einem Überwachungs- und Kontrollstaat im Staate - nämlich dem Arbeitslosenverwaltungs- und Kontrollierungssystem - einschließlich Ein-Euro-Jobs, die natürlich nur dazu sind um meine sündige und gefallene Seele zu retten.

    Ich überlege gerade, ob ich aus der Ev. Kirche (wo ich ziemlich stark engagiert bin) austrete, weil meine Bank von mir wissen will, welche meiner Konten privat oder beruflich sind (bin freiberuflich) und ... hupps in welcher Religion ich bin ... um dann flugs die Kirchensteuer, die mit der Abgeltungssteuer ab 2009 auf sämtliche Bankzinsen fällig wird, von sich aus abzuführen ...
    Hallo, sage ich mir da: Schon wieder wird das Überwachungsnetz enger geknüpft. Will ich wirklich, dass meine Bank solche Dinge von mir weiß, die für mich doch eher privater Natur bzw. notgedrungenermaßen bisher eine Sache zwischen dem Finanzamt und mir waren - auf jeden Fall nicht Sache meiner Bank???

    Arbeitslosigkeit: Dann bin ich auch ziemlich sicher vom Partnerwahlfenster weg und wahrscheinlich wähle ich genauso erbarmungslos meinen Partner aus. Denn ich bin da wieder in der Norm ...

    Ich sag's mal so: Verarscht werde ich hier und da, nur die Methode sieht nach außen anders aus. Verarschen tu ich wahrscheinlich auch hier und da ... es kann nicht nur Verarschte geben, sondern es muss ja auch dann im Gegenzug Verarscher geben. Wahrscheinlich ist in jedem von uns ein Stück von beiden.

    Jedenfalls lebe ich lieber jetzt als früher und ich bin durch meine Übersiedlung ein wacherer und aktiverer Mensch geworden, auch was das Ehrenamtliche betrifft (war es zwar schon bei den Jungen Pionieren).
    Geändert von Inaktiver User (20.10.2008 um 22:05 Uhr)

  2. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von corvus
    Berufsverbote im Westen fand ich klasse.
    Warum sind die eigentlich abgeschafft worden?

  3. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Herbstblatt: Danke für deine beiden letzten Postings! Sehr spannend.

  4. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    herbstblatt, ich schließe mich zitro an!
    danke!


  5. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Und es ist hinreißend süß, dass du das mit deinen Eltern da noch schnell reingeändert hast.

  6. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Dachte ich, das müsste jetzt Ehrensache sein, wenn ich schon so über meine Eltern spreche.

  7. gesperrt

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    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    Wieso? Bist Du auf die Art um einen Lehrerberuf herum gekommen und konntest etwas anderes machen, was Dir bis heute Freude macht?
    Nein. Ich war damals gegen alles, was mit Kommunismus und Sozialismus zu tun hatte.
    In den letzten Jahren hat sich ein Wandel in meinem Denken vollzogen, so daß ich nun wesentlich besser verstehen kann, was in den Köpfen der mit damals Berufsverboten belegten vor sich ging.

  8. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von corvus
    In den letzten Jahren hat sich ein Wandel in meinem Denken vollzogen, so daß ich nun wesentlich besser verstehen kann, was in den Köpfen der mit damals Berufsverboten belegten vor sich ging.
    Dass man so etwas noch erleben darf!

    Aber Frau von der Leyen hat es ja auch geschafft und zieht dabei reichlich viele ihrer Parteigenossen mit.

    Im Übrigen, falls dich das tröstet: Auch bei mir (als Vertreterin der Gegenposition) haben sich viele Ansichten gewandelt, aber gewiss nicht alle.

    Ich war damals gegen alles, was mit Kommunismus und Sozialismus zu tun hatte.
    Kennst du den Grund dafür?

  9. gesperrt

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    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Das System. Die Indoktrinierung. Die Schule. Die Eltern. Der Beruf. Ich selbst.

  10. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Sprachlos

    Auch die große - immer wieder hoch beschworene Freiheit - ist ja doch eng an die Grenzen des Geldbeutels gekoppelt.

    Hallo sprachlos,
    das sehe ich nicht so. Sicherheit ist an den Geldbeuteil gekoppelt. Und Abhängigkeit.
    Sicher kann man sich mehr "Freiheiten" leisten, wenn man einen dicken Geldbeutel hat. Ich unterscheide aber materielle Freiheit von ideeller und letztere ist für mich z.B. zu lesen, was ich möchte.

    "freedom is just another word for nothin' left to lose"

    LG
    Bignosekate

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