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    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Ich bin bekennender Wessi und habe die DDR nur als Transitreisender vor und nach dem Mauerbau erlebt.
    Vor dem Transitabkommen 1972 war die Durchfahrt nach Westberlin immer eine Tortur.
    Man kam in Marienborn an, musste mit 10 Stundenkilometern (was mein Tacho nicht anzeigen konnte) bis zur Abfertigungsbaracke fahren, eine Hand kam durch einen Schlitz hervor, die verlangte Kfz-Schein und Pass. Im Gegenzug erhielt man eine Kontrollnummer. Und dann ging es an das Warten. Alle Nummern vor mir und nach mir wurden aufgerufen, nur meine kam nach gefühlten 2 Stunden. Im Pass hing nun ein Extrablatt als Transitvisum und dafür hatte man (das habe ich nicht mehr genau in Erinnerung) irgendetwas um die 5 DM zu zahlen. Ob das Visum oder die Straßenbenutzung soviel kostete, weiß ich nicht mehr.
    Dann konnte man weiter und erhielt am nächsten Kontrollposten einen Zettel mit der Uhrzeit, der in Dreilinden wieder kontrolliert wurde. Schon anhand dieses Zeitzettels war zu sehen, ob jemand die Strecke zu schnell gefahren hatte, dann gab’s saftige Buße, oder lange rumgetrödelt hatte, was zu Fahrzeugkontrollen führte.

    Auf der Strecke war es ganz schlimm, dass nach dem Dreieck Potsdam man die Abfahrt Richtung Drewitz finden musste, kein Hinweis auf Westberlin oder Grenzübergang. Das war so miserabel ausgeschildert und wurde offensichtlich nie geputzt. Wenn man als Wessi die Ausfahrt verpasst hatte, wurde man ein paar Kilometer weiter von der Vopo rausgewunken und konnte sich auf einen langen Vortrag gefasst machen, manchmal war der Vortrag auch kostenpflichtig. Dann durfte man drehen (auf der Autobahn!) und die genau beschriebene Ausfahrt finden.

    Die Abfertigung in Drewitz war ging meistens recht zügig, dann für man ja bekanntlich noch lange auf der Autobahn innerhalb der DDR, bis man endlich den sowjetisch Denkmal-Panzer sah und dann den Westberliner Kontrollpunkt Dreilinden. Danach auf der Avus fuhren alle, was ihr Hubraum hergab. Wie umgekehrt nach dem westdeutschen Kontrollpunkt Helmstedt wurde alles aus der Karre rausgeholt, was die Maschine hergab.

    Schön war auch mit der Reichsbahn ab Zoo in den Westen zu fahren. Jeder Zug komplett überfüllt, irgendwann stiegen die Grünen zu und kontrollierten die Pässe. An dem Zeitpunkt redete kein Mensch mehr im Zug. Erst, wenn die Grünen in Marienborn austiegen, ging das übliche Gesabbel wieder los.

    Jeder Wessi ließ sich von der Allmacht der Vopo während des Transits schwer beeindrucken. Nur in den Autobahnraststätten nach Grenzübertritt in den Westen (Helmstedt und Waldkater) hörte man die üblichen Heldengeschichten, die niemand glaubte.

    Am schlimmsten waren der Transit von Berlin in den Westen an Freitagnachmittagen und -abenden. Manchmal stand die ganze Avus bis zum Funktrurm voll mit Transitwilligen.

    Nach dem Transitabkommen 1972 war alles viel leichter, in Drewitz und Marienborn waren immer genug Schalter auf, um binnen von 20 Minuten durchzukommen ohne aussteigen zu müssen. Dafür gab es jetzt viele Radarmessungen auf der einigermaßen gut ausgebauten Transitstrecke (die auch am Dreieck Drewitz endlich Westberlin als Transitziel angab).

    Und ich entdeckte beim Transit auch eine böse Seite in mir: ich empfand riesige Schadenfreude, wenn die Vopo mal wieder einen Mercedes wegen Geschwindigkeitsübertretung rausgewunken hatte.
    Geändert von Opelius (29.10.2008 um 14:12 Uhr)
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

  2. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von HansDampf
    Jetzt habe ich nicht rechtzeitig gelesen, daß sich (fast) alle verabschiedet haben und poste fröhlich weiter. Schade.

    Eine schöne Zeit allen hier.

    Danke

    Hans
    Poste bitte fröhlich weiter!

  3. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von HansDampf
    das, zwischenrose, ist aber eine andere Diskussion.
    Natürlich übt die soziale Umgebung, in der man aufwächst, immer einen mehr oder weniger starken Zwang auf das Individuum aus. Das ist aber mit einem staatlichen Zwang nur sehr bedingt zu vergleichen. Die Loslösung aus meiner Herkunftswelt ist in erster Linie ein inneres Problem (da ich mich aus Vertrautem löse und Unsicherheit empfinde und mit Konsequenzen für die Beziehungen zu den Menschen meiner Herkunftswelt zu rechnen habe.)

    Die DDR Bürger waren niemals eine homogene Masse. Weder von ihren politischen Überzeugungen her noch von ihrer Herkunft. Es gab immer einen großen Anteil von Menschen, die sich nicht mit der DDR als Staat identifiziert haben (und die daher mit der Nichtanerkennung der DDR durch die BRD kein Problem hatten) und die diesem Staat die Legitimität abgesprochen haben. Es gab also keine traditionelle DDR-Landeskultur, der man entwachsen mußte, sondern das individuelle Schicksal des Geburtsortes, der über das Maß an Freiheit und Unfreiheit entschied.

    Hans
    hans, und da glaube ich, irrst du.

    ein österreichischer bauernort in den 60ern, 70ern...ein uneheliches kind...eine abtreibung....die existenz war futsch.
    (das "geschiedene" kind einer freundin, geboren in den 80ern, war das einzige in der klasse. sogar da gabs noch ne menge schiefe blicke für das arme kind....und ich rede hier nicht von "ganz am land", sondern von der kleinstadtidylle, katholisch)

    klar, staatlicherseits gab es keine konsequenzen (mehr). aber die sich daraus ergebenden ökonomischen waren auch nicht ohne.

    es geht um ein bisschen mehr als die "innere ablösung von der herkunftswelt"



    noch was zum letzten absatz: ich weiß es nicht, aber es erscheint mir manchmal so, als sei diese identifikation mit dem staat ddr für diejenigen, die mit dem mauerfall jugendliche oder junge erwachsene waren, besonders groß.

    österreich ist immer ein mulitkultiland gewesen, viel mehr als deutschland (die frage nach dem tschechischen großvater/ der kroatischen tante zu stellen erübrigt sich hier fast), wie hatten lange zeit probleme mit dem kleinen österreich als "nation", zwei unterschiedliche mentalitäten (die der alpen und die "wienerische"), eine sprache, die die deutschen (ähm, mit eigenheiten...) auch sprechen.....

    trotzdem, für meine generation ist österreich als herkunftsland, als "heimat", als identifikation unbestritten.
    das dauert eben seine zeit, denke ich.......(und die hatte die ddr offensichtlich nicht)

  4. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    hans, und da glaube ich, irrst du.

    ein österreichischer bauernort in den 60ern, 70ern...ein uneheliches kind...eine abtreibung....die existenz war futsch.
    (das "geschiedene" kind einer freundin, geboren in den 80ern, war das einzige in der klasse. sogar da gabs noch ne menge schiefe blicke für das arme kind....und ich rede hier nicht von "ganz am land", sondern von der kleinstadtidylle, katholisch)

    klar, staatlicherseits gab es keine konsequenzen (mehr). aber die sich daraus ergebenden ökonomischen waren auch nicht ohne.

    es geht um ein bisschen mehr als die "innere ablösung von der herkunftswelt"
    Sorry, da muss ich jetzt mal protestieren: Es ist doch wohl ein himmelweiter Unterschied zwischen gesellschaftlich/sozialer und staatlicher Ausgrenzung.

    Aus der zitierten pifigen Kleinstadtidylle blieb immer noch der Umzug in eine tolerantere Großstadt, den staatliche Zwängen und Indoktrinationen entkam man in der DDR nicht so einfach.

    Dekada

  5. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    dekada, ich sagte ja bereits, dass es einen unterschied macht.

    ABER: wenn ich recht gelesen habe, sind sowohl hans als auch du in der ddr aufgewachsen.

    und ich möchte, als "westlerin", mal sagen, dass die jugend der 50er bis 70er auch im westen keineswegs frei von ökonomischen und gesellschaftlichen zwängen und indoktrinierungen aufgewachsen ist. (da hat sich in den letzten 20, 25 jahren auch hier sehr viel verändert)
    ich bekomme inzwischen nämlich ein ganz klein wenig das gefühl, dass einige, die diese zeit nicht im kapitalismus (hier mit klerikalem gemischt..) verbracht haben, das auch ein bisschen idealisieren..

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    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    ha!
    veto!


    das kapitlisitische system HAT indoktrinierung!
    genau darüber tippen wir uns ja die finger wund...

    die westliche systeme beinhalten persönliche freiheit, reisefreiheit, freiheit auf verlust des arbeitsplatzes.
    ja.

    ich lebe ganz gern im kapitalismus, teilweise, keine frage. ist gemütlich, wenn man sichs halbwegs eingerichtet hat / einrichten konnte.

    aber dass der westen frei von indoktrinierung oder manipulation ist, das kann ich nicht unterschreiben.
    Ich habe bewußt kein Land genannt (Als Beispiel von Ländern mit sehr wenig politischer Manipulation sehe ich vor allem die skandinavischen Länder.) . Natürlich betreibt auch der Kapitalismus Doktrinierung. Allerdings gibt es keine Gesellschaftsordnung, die so viel interne Kritik verträgt wie der demokratische Kapitalismus. Das ist ein gutes Zeichen, daß die Notwendigkeit von Doktrinen am Schwinden ist.
    Manipulation sehe ich natürlich auch. Allerdings empfinde ich die Manipulationsversuche des Staates im Vergleich zu denen des "Marktes" als geradezu harmlos. In diesem Sinne werden wir weniger als homo politikus manipuliert, sondern mehr als Konsumenten.

    Hans

    P.S. Und eine offene Gesellschaft gibt den Menschen die Möglichkeit, sich gegen Manipulation (wenn erkannt) lautstark zu wehren. Das und nicht die Menge an Unrecht, die gescheit, unterscheidet sie von der Diktatur.
    ----------------------------------------------------------------
    "Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.

  7. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Allerdings empfinde ich die Manipulationsversuche des Staates im Vergleich zu denen des "Marktes" als geradezu harmlos. In diesem Sinne werden wir weniger als homo politikus manipuliert, sondern mehr als Konsumenten.
    volle zustimmung.

    im kapitalismus regiert ja auch das kapital (und die politik erst dann, wenn das kapital versagt, wie wir grade sehen....)

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    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    hans, und da glaube ich, irrst du.

    ein österreichischer bauernort in den 60ern, 70ern...ein uneheliches kind...eine abtreibung....die existenz war futsch.
    (das "geschiedene" kind einer freundin, geboren in den 80ern, war das einzige in der klasse. sogar da gabs noch ne menge schiefe blicke für das arme kind....und ich rede hier nicht von "ganz am land", sondern von der kleinstadtidylle, katholisch)

    klar, staatlicherseits gab es keine konsequenzen (mehr). aber die sich daraus ergebenden ökonomischen waren auch nicht ohne.

    es geht um ein bisschen mehr als die "innere ablösung von der herkunftswelt"
    zwischenrose,

    da unterscheiden sich unsere Lebenserfahrungen. Lassen wir es so stehen, OK?

    Wobei, eine letzte Bemerkung: keine "Mauer" hat das Mädchen aus der katholischen Kleinstattidylle gehindert, in die Großstadt zu gehen und dort ihr eigenes Leben zu leben.



    noch was zum letzten absatz: ich weiß es nicht, aber es erscheint mir manchmal so, als sei diese identifikation mit dem staat ddr für diejenigen, die mit dem mauerfall jugendliche oder junge erwachsene waren, besonders groß.

    österreich ist immer ein mulitkultiland gewesen, viel mehr als deutschland (die frage nach dem tschechischen großvater/ der kroatischen tante zu stellen erübrigt sich hier fast), wie hatten lange zeit probleme mit dem kleinen österreich als "nation", zwei unterschiedliche mentalitäten (die der alpen und die "wienerische"), eine sprache, die die deutschen (ähm, mit eigenheiten...) auch sprechen.....

    trotzdem, für meine generation ist österreich als herkunftsland, als "heimat", als identifikation unbestritten.
    das dauert eben seine zeit, denke ich.......(und die hatte die ddr offensichtlich nicht)
    Ich habe eher das Gefühl, daß die Generation der heute 40jährigen und jünger die geringste Identifikation mit der DDR hatte (zur Wende so um die 20). Den Älteren geht es verständlicherweise anders. Mit jedem Jahr des Erwachsenenlebens in diesem Staat hat man sich mehr eingerichtet in die Situation. Mit der Zunahme der Kompromisse stieg auch diese eigenartige, eher unbewußte Identifikation - weniger mit dem Staat als eher mit dem Lebensumfeld. Die partielle Zerstörung des letzteren war vermutlich für die meisten schmerzlicher als das Verschwinden von Honnecker und Krenz.

    Gruß

    Hans
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    "Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.

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    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    dekada, ich sagte ja bereits, dass es einen unterschied macht.

    ABER: wenn ich recht gelesen habe, sind sowohl hans als auch du in der ddr aufgewachsen.

    und ich möchte, als "westlerin", mal sagen, dass die jugend der 50er bis 70er auch im westen keineswegs frei von ökonomischen und gesellschaftlichen zwängen und indoktrinierungen aufgewachsen ist. (da hat sich in den letzten 20, 25 jahren auch hier sehr viel verändert)
    ich bekomme inzwischen nämlich ein ganz klein wenig das gefühl, dass einige, die diese zeit nicht im kapitalismus (hier mit klerikalem gemischt..) verbracht haben, das auch ein bisschen idealisieren..
    Wer sich etwas intensiver mit der Studentenbewegung um 1968 befasst hat, weiß, wie spießig und muffig die Bundesrepublik damals in weiten Teilen war. In diesem Sinne glaube ich nicht, daß ich die Vergangenheit idealisiere.

    Ein qualitativer Unterschied zwischen einer autoritären Demokratie a la Adenauer und einer Diktatur a la Ulbricht besteht für mich trotzdem.

    Gruß

    Hans
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  10. Inaktiver User

    AW: Die DDR war kein "Unrechtsstaat"

    @herbstblatt,
    etwas OT...
    wir sind uns in manchen Dingen einig und in manchen nicht,
    das ist der Lauf der Dinge. Warum sollten wir uns deshalb virtuell das Leben schwer machen?
    Hier ist so viel kluges von dir gekommen und ich bin in diesem Strang als "Privatmann" und ehemaliger DDR-Bürger unterwegs, der Vergleich war für Bignosekate zum Verständnis. Nicht um meine Fähigkeiten als Moderator zu preisen.
    Dafür gibts noch viel zu viel Arbeit auf'm Hof.
    Schöner Ausspruch übrigens.

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