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  1. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Wort
    um Wort
    geschrieben
    mit schwarzer Tinte
    auf weißem Papier
    meine Liebe.

    Wort um Wort
    geschrieben,
    bis die Füllfedern,
    geleert waren
    und sie schwiegen,
    und das Herz
    noch so voll war,
    und nicht schweigen wollte.

    Da schrieb ich weiter
    mit den Augen
    unsichtbar
    auf weißem Papier
    von dieser Liebe.
    (c) Annette Gonserowski

    (mit Erlaubnis der Autorin)

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    AW: Gedicht des Tages (17)

    Chaplinesque

    Wir machen unsre minimalen Korrekturen
    zufrieden mit solch beiläufigem Trost
    wie ihn der Wind uns spendet
    in abgenutzte und zu weite Taschen.
    Noch können wir sie lieben, diese Welt, da wir ein halbverhungert Kätzchen von der Straßen fischen, ihm Zuflucht geben vor der Wut der Straße ihm warme abgewetzte Ärmelschoner schenken.
    Wir werden weichen, bis zum letzten Grinsen sie verhöhnen die Verdammung jenes unausweichlichen Daumens, der langsam seinen runzeligen Zeigefinger auf uns drückt, begegnen seinem scheelen Schielen mit solch Unschuld und so überrascht.
    Und doch sind diese Einbrüche noch keine Lügen nicht mehr als Pirouetten eines biegsam weichen Stocks; unsre Totenfeier ist in vieler Hinsicht uns kein Abenteuer.
    Wir können dir entfliehen, allem gar nur nicht dem Herzen:
    Wer will uns da verdammen, wenn das Herz uns weiterschlägt.
    Das Spiel erfordert Grinsen; doch wir sahen den Mond in menschenleeren Gassen aus Ascheneimern einen Gral des Lachens schaffen, und durch Geräusche noch von Frohsinn und Ersehnen hörten wir ein Kätzchen in der Wildnis.

    Hart Crane (1899-1932)

    (Grund: Mehr als 70 Jahre tot)

    <<Die guten Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben.>>

    Marcel Proust


  3. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Wunderliches Wort...


    Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
    Sie zu halten, wäre das Problem.
    Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
    wo ein endlich Sein in alledem? -

    Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
    jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
    Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
    und das willig Liegende verschwimmt -

    Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -
    aber auch in ihnen flimmert Zeit.
    Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
    obdachlos die Unvergänglichkeit.


    Rainer Maria Rilke

  4. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Es kann die Ehre dieser Welt
    Dir keine Ehre geben,
    Was dich in Wahrheit hebt und hält,
    Muss in dir selber leben.

    Wenn's deinem Innersten gebricht
    An echten Stolzes Stütze,
    Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
    Ist all dir wenig nütze.

    Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm
    Magst du dem Eitlen gönnen;
    Das aber sei dein Heiligtum:
    Vor dir bestehen können.

    Theodor Fontane
    (1819 - 1898)

  5. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Diese Rose von heimlichen Küssen schwer:
    sieh, das ist unsre Liebe.

    Unsre Hände reichen Sie hin und her,
    unsre Lippen bedecken sie mehr und mehr
    mit Worten und Küssen sehnsuchtsschwer,
    unsre Seelen grüßen sie hin und her -

    wie über ein Meer - -
    wie über ein Meer - -

    Diese Rose vom Duft unsrer Seelen schwer:
    sieh, das ist unsre Liebe.



    Christian Morgenstern (1871 - 1914)

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    AW: Gedicht des Tages (17)

    Im Grund deiner Augen

    Im Grund deiner Augen steht meine Welt auf dem Kopf,
    Dort lächle ich meinen Feinden zu und küsse dem Tod die Finger.

    Klopfe an mit dem warmen Hammer in deiner Brust,
    Es ist ein Schatz in meinem Meer. Täglich ging ich hinter dir her,

    Sammelte deine Worte und deine Gebärde, zog Gold darum
    Und versteckte sie unter roter Erde in einem roten Meer.

    Max Dauthendey
    (1867-1918)

  7. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Regenduft


    Schreie. Ein Pfau.
    Gelb schwankt das Rohr.
    Glimmendes Schweigen von faulem Holz.

    Flüstergrün der Mimosen.
    Schlummerndes Gold nackter Rosen
    Auf braunem Moor.

    Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln.
    Granit blank, eisengrau.
    Matt im Silberflug Kranichheere
    Über die Schaumsaat stahlkühler Meere.


    Max Dauthendey
    (1867 - 1918)

  8. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Ich habe dich so lieb


    Ich habe dich so lieb!
    Ich würde dir ohne Bedenken
    Eine Kachel aus meinem Ofen
    Schenken.

    Ich habe dir nichts getan.
    Nun ist mir traurig zu Mut.
    An den Hängen der Eisenbahn
    Leuchtet der Ginster so gut.

    Vorbei – verjährt -
    Doch nimmer vergessen.
    Ich reise.
    Alles, was lange währt,
    Ist leise.

    Die Zeit entstellt
    Alle Lebewesen.
    Ein Hund bellt.
    Er kann nicht lesen.
    Er kann nicht schreiben.
    Wir können nicht bleiben.

    Ich lache.
    Die Löcher sind die Hauptsache
    an einem Sieb.

    Ich habe dich so lieb.


    Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)

  9. Inaktiver User

    AW: Gedicht des Tages (17)

    Hoffnung


    Es reden und träumen die Menschen viel
    Von bessern künftigen Tagen,
    Nach einem glücklichen goldenen Ziel
    Sieht man sie rennen und jagen.
    Die Welt wird alt und wird wieder jung,
    Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

    Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
    Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
    Den Jüngling locket ihr Zauberschein,
    Sie wird mit dem Greis nicht begraben,
    Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
    Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

    Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
    Erzeugt im Gehirne des Toren,
    Im Herzen kündet es laut sich an:
    Zu was Besserm sind wir geboren!
    Und was die innere Stimme spricht,
    Das täuscht die hoffende Seele nicht.


    Friedrich Schiller (1759 - 1805)

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    AW: Gedicht des Tages (17)

    Engellieder

    Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
    und er verarmte mir in den Armen,
    und wurde klein, und ich wurde groß:
    und auf einmal war ich das Erbarmen,
    und er eine zitternde Bitte bloß.

    Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
    und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
    er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
    und wir haben langsam einander erkannt ...

    Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
    kann er frei seine Flügel entfalten
    und die Stille der Sterne durchspalten, -
    denn er muss meiner einsamen Nacht
    nicht mehr die ängstlichen Hände halten -
    seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

    Rainer Maria Rilke, (1875 - 1926)

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