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  1. Registriert seit
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    Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Ich kam vor Maueröffnung in den Westen. Ich war erst einmal arbeitslos. Beim Arbeitsamt wurde ich (ich hatte eine Berufsausbildung und ein Fachschulstudium absolviert) so eingestuft, als hätte ich nur die Berufsausbildung gehabt. Man konnte mit dem Fachschulstudium nichts anfangen.
    Ich habe dann noch an einer Hochschule studiert.
    Mir sind sehr viele wirklich gute und hilfsbereite Menschen begegnet. Beruflich war es aber sehr schwer. Man kam sich sehr exotisch vor. Mir hat ein (intelligenter) Kollege einmal direkt grinsend ins Gesicht gesagt: "Aus dem Osten? Das wertet schon ab." Wer kann so etwas verstehen? Wenn er ein Idiot gewesen wäre...

    Mir wurde grundsätzlich weniger Gehalt angeboten, als gebürtig westdeutschen Kollegen. Also habe ich mich selbstständig gemacht in einem eher untypischen Feld. Da kamen dann auch Erfolge und im Laufe der Jahre etablierte ich mich sehr gut auf meinem Gebiet, so, dass ich mich später wieder anstellen ließ mit einem vernünftigen Gehalt. (Inzwischen habe ich meine berufliche Tätigkeit absichtlich sehr reduziert.) Mir sind Ossis im Westen begegnet, bei denen es überhaupt nicht funktioniert hat. Manche sind regelrecht abgestürzt. Andere haben es ganz gut gepackt, aber einfach war es für keinen, es sei denn, man hatte schon von Anfang an gute Kontakte z. B. durch Verwandte.
    Ich komme auf das Thema, weil man in letzter Zeit viel über die zerstörten Biografien hört und ja, ich hatte auch immer das Gefühl, dass das was ich in meinem Leben gemacht hatte (und aus heutiger Sicht war das eine ganze Menge) nicht wertgeschätzt wurde, von Arbeitgebern, teilweise Kollegen und auch der angeheirateten Verwandschaft. Da meinten Leute sich ein Urteil erlauben zu müssen, die noch nie einen Fuß in die DDR gesetzt hatten und immer so ein Unterton "Ihr seid ja alle doof." Natürlich wusste ich mich zu wehren, aber es kostete immer Kraft und so etwas macht auch etwas mit einem.

    Es geht häufig um die Menschen im Osten. Was mit ihnen passiert ist, dass sie sich abgehängt fühlen könnten etc.. Aber es gibt viele, die von Ost nach West gegangen sind, besonders nach Maueröffnung. Wie ging und geht es Euch? Eine Zeit lang nannte man uns Wossis (Wie auch die Wessis die es in den Osten verschlagen hat.)
    Geändert von Wegwarteline (19.09.2019 um 09:11 Uhr)

  2. Avatar von Kleinfeld
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Ob jemand erfolgreich ist, ist sicher nicht abhängig vom Geburtsort. Nichts ist schlimmer, als noch 30 Jahre nach dem Mauerfall zu sinieren, was wäre wenn....

    Wobei mir persönlich nie in den Sinn gekommen wäre, mein Land zu verlassen. Ebenso wenig wie jetzt.
    Klar wäre ich gerne die, die vor dem Frühstück Yoga macht oder joggt.
    Ich bin aber die, die halb bewußtlos Kaffee macht und atmet.

  3. Avatar von Opelius
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Ich stamme nicht aus der DDR, sondern bin Kind einer Flüchtlingsmutter.

    In den Fünfzigern habe ich eine weiterführende Schule hier in Westdeutschland besucht. Mein Klassenlehrer trug ins Klassenbuch die Herkunft unter "reichsdeutsch" und "volksdeutsch" ein, warum auch immer. Als Halbwaise hatte ich insofern nur einmal Schwierigkeiten, als mein Lehrherr verlangte, dass mein Vormund, das Jugendamt, den Lehrvertrag unterschreiben sollte. Ich wusste bis zu dem Tag nicht, dass unverheiratete (oder in dem Fall verwitwete) Frauen damals nicht voll erziehungsberechtigt waren.

    Die Bundesrepublik hat mir aber alle Chancen eröffnet. Dass ich dreimal den Beruf wechseln und neu erlernen musste, lag an meiner Fehleinschätzung der Zukunft. Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt.
    Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel
    Geändert von Opelius (19.09.2019 um 09:56 Uhr)

  4. Avatar von Duisburgerin
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Ich bin ein Ossi, der 1999 erst in die alten Bundesländer gezogen ist. Da war es beruflich deutlich einfacher als unmittelbar nach der Wende. Ich konnte mir in meinem Beruf mehr oder weniger aussuchen, wo ich gern arbeiten würde.
    Sehr erstaunt war ich über die Menschen, die du auch beschreibst: niemals in der DDR gewesen, aber sie können einem erklären, wie man da gelebt hat. Ich habe auch erlebt, dass eine sehr intelligente Frau verwundert war, dass ich Kontakt zu meiner Tochter habe. Sie war der festen Meinung, dass man uns in der DDR die Kinder direkt nach der Geburt weggenommen hat . Stand schließlich in der Bildzeitung und die müssen es ja wissen.
    Diesen typischen Unterton , den du beschreibst kenne ich auch zur Genüge.
    Gepackt habe ich es auf jeden Fall, bin auch inzwischen mit einem "Wessi" verheiratet, aber einfach war es nicht hier Fuß zu fassen. Ich empfinde das Miteinander hier als oberflächlicher als im Osten. Dort waren Kollegen meist auch die besten Freunde, hier herrscht Konkurrenzdenken. Mir ist es anfangs im Job mehrfach passiert, dass Kollegen meinten, dass man ihnen den Job weggenommen hätte. Dabei haben sie aber leider vergessen, dass sie die erforderliche Qualifikation gar nicht besitzen.
    Vergiss niemals, dass ältere Frauen coole Mädchen sind, die nur schon lange leben.


  5. Registriert seit
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Mir ist es leider auch nicht gut ergangen. Nach dem Motto :Ossis brauchen wir nicht, haben auch Leute die den Job machen koennen. Und auch die Kinder von den Gastarbeiter haben, die nun im Westen Fuss gefasst hatten, waren unfreundlich und überheblich, und haben kundgetan.,dass man nicht gewollt ist. Ich muss sagen, dass hatte ich in keinster Weise so erwartet, ich war da ziemlich naiv wohl. Zeitweise habe ich mich als Mensch Dritter Klasse gefuehlt. Ich bin auch wieder zurueck. Ich durfte auch danach noch nette Westdeutsche kennenlernen, und das hat mich wieder etwas versöhnt. Ich wundere mich aber nicht mehr, ueber verschiedene Ansichten in Ost und West zu verschiedenen Themen. Die Erfahrungen im Leben prägen die Menschen, und verändern sie auch.

  6. Avatar von Antje3
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Ich habe einige Freundinnen, die aus dem Osten kamen – eine hochtalentiert – und wurde im Osten durchaus sehr gefördert – allerdings in eine Richtung, die der Staat brauchte. Sie machte auch ihren Abschluß – exzellent. Und hatte nicht das geringste Interesse, in diesem Beruf auch zu arbeiten.

    Sie ging dann „in den Westen“ – gezielt hat sie die weitest mögliche Entfernung zwischen ihren DDR-Heimatort und ihr neues Zuhause gebracht. Und eine komplett neue Ausbildung begonnen – völlig anderes Tätigkeitsfeld.

    Exzellent abgeschlossen. Sofort einen Job in einem renommierten Unternehmen bekommen. Sehr schnell hochgearbeitet. Integriert im Berufsleben und mit vielen Kollegen auch Jahrzehnte nach Stellenwechsel eng verbunden. Großer Freundeskreis.

    Die andere Freundin hat einen Beruf in der DDR erlernt, ging in meine Heimatstadt und fand sehr schnell Arbeit (ich bin gar nicht sicher, ob branchenfremd oder nicht). Ich hab nie von ihr gehört, daß sie sich schlechter behandelt fühlte, als westdeutsche Kollegen. Und sie hat auch schnell einen großen Freundeskreis gefunden.

    Meine Meinung: Beruflich hängt viel davon ab, ob man den Ursprungsberuf selbst gewählt hatte oder da mehr oder weniger reingerutscht ist. Natürlich auch, ob Arbeitsabläufe des Berufes relativ problemlos im Westen adaptierbar waren oder der Beruf in dieser Form nicht gebraucht wurde.

    Ich denke darüber hinaus, daß es ist eine Persönlichkeitsfrage war. Hat man Anschluß gesucht, war man offen oder hat man gehadert über alles, was nicht so lief, wie man es sich gedacht hatte. Haben einen die neuen Möglichkeiten eher begeistert oder eher verschreckt. Hatte man sich mit seinem planbaren Leben in der DDR gut arrangiert oder eher nicht.

    Unzweifelhaft gibt es gebrochene Lebensläufe – was mir aber häufig an Erkenntnis fehlt ist die Tatsache, daß auch Westlebensläufe nicht alles geradelinig verlaufen.

    Mir erscheint es so, daß viele ehemalige DDR Bürger glauben, für „Westler“ läuft alles immer toll und „Ostlern“ werden alle Steine in den Weg geschmissen.

    Und mit einer Attitüde von „ihr seid immer alle gemein zu mir, ich tu mir leid“ durchs Leben schreiten.

    Auch im Westen gehen Firmen pleite, stehen tausende auf der Straße und müssen sich neu orientieren. Manchen passiert das sogar mehrfach.
    Wer glaubt, daß Abteilungsleiter Abteilungen leiten, glaubt auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten..

  7. Avatar von Kleinfeld
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Zitat Zitat von Antje3 Beitrag anzeigen
    Unzweifelhaft gibt es gebrochene Lebensläufe – was mir aber häufig an Erkenntnis fehlt ist die Tatsache, daß auch Westlebensläufe nicht alles geradelinig verlaufen.

    Mir erscheint es so, daß viele ehemalige DDR Bürger glauben, für „Westler“ läuft alles immer toll und „Ostlern“ werden alle Steine in den Weg geschmissen.

    Und mit einer Attitüde von „ihr seid immer alle gemein zu mir, ich tu mir leid“ durchs Leben schreiten.

    Auch im Westen gehen Firmen pleite, stehen tausende auf der Straße und müssen sich neu orientieren. Manchen passiert das sogar mehrfach.
    So sehe ich das eben auch.
    Klar wäre ich gerne die, die vor dem Frühstück Yoga macht oder joggt.
    Ich bin aber die, die halb bewußtlos Kaffee macht und atmet.

  8. Avatar von brighid
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    ich habe seit 1990 immer wieder kolleginnen die aus dem osten kamen.

    in meinem beruf war die ausbildung in der ehemaligen ddr wesentlich besser und umfangreicher.

    mir war durchaus daran gelegen von den kolleginnen auch zu lernen. wurde sehr sehr unterschiedlich aufgenommen.

    und da es diese zusatzausbildungen hier nicht üblich waren- gab es auch keine regelung von extra-vergütung dafür.

    da gab es durchaus so manchen sehr nachdenklichen gesichtsausdruck der kolleginnen.


    ein stückweit habe ich zur zeit ein deja-vu.

    in meiner direkten nachbarschschaft sind mehrere migranten-familien eingezogen.
    manche mit vorstellungen und erwartungen, die sie mitgebracht haben und manche, die sich umgucken und an den gegebenheiten orientieren.
    hinfallen ist keine schande, liegenbleiben schon.

    das leben ist kostbar, lasst uns jeden tag gebührlich feiern


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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Kleinfeld- deine Aussage, daß der Erfolg nicht vom Geburtsort abhängt, find ich oberflächlich und falsch.
    Stammst du aus der DDR?

  10. Avatar von Kleinfeld
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    AW: Ossis im Westen - Wie ist es Euch ergangen?

    Zitat Zitat von Ruba Beitrag anzeigen
    Kleinfeld- deine Aussage, daß der Erfolg nicht vom Geburtsort abhängt, find ich oberflächlich und falsch.
    Stammst du aus der DDR?
    Ja.
    Was hat das mit oberflächlich zu tun? Egal aus welchem Teil der Republik man stammt, Erfolg hängt immer von einem selbst ab.
    Klar wäre ich gerne die, die vor dem Frühstück Yoga macht oder joggt.
    Ich bin aber die, die halb bewußtlos Kaffee macht und atmet.

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