Komm sehr auf die Branche an, denke ich. Ich manchen Bereichen mag es gehen, in anderen ist es absolut unrealistisch.
14-Stunden-Schichten gibt es offiziell nicht, das wäre nicht gesetzeskonform. De facto werden trotzdem solche langen Schichten gearbeitet, weil alles das, was über 10 Stunden hinausgeht, als Bereitschaftsdienst deklariert wird. Dieser zählt, nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2000, als Arbeitszeit, ist aber von seiner Länge her nicht gesetzlich begrenzt. Vorgeschrieben ist allein, dass die Mehrarbeit innerhalb einer bestimmten Zeit ausgeglichen werden muss. Da das deutsche Arbeitszeitgesetz gerade in Bezug auf Beschäftigte in Krankenhäusern großzügige Ausnahmeregelungen und Kannbestimmungen enthält, ist in diesem Bereich weiterhin fast alles möglich.
Ich finde es schon interessant, dass der 6-Stundentags-Versuch nicht in einer Behörde oder einem beliebigen Büro irgendeiner Firma durchgeführt wird - wo er vermutlich erfolgversprechender wäre, jedenfalls dem Tenor einiger hier geäußerter Meinungen zufolge, sondern in einem klassischen Schichtbetrieb: einem Altenheim. Allerdings frage ich mich natürlich: Was passiert denn, wenn die Mitarbeiter um, sagen wir mal, 14 Uhr statt um 16 Uhr nach Hause gehen: wurde da eine zusätzliche Schicht eingeführt, um die Lücke zu überbrücken?Denn der Spätdienst ist dann ja wohl auch entsprechend verkürzt. Und was ist mit der Nacht? Oder handelt es sich am Ende nicht, wie zunächst von mir vermutet um ein Altenpflegeheim, sondern um eine Einrichtung, in der fitte Alte wohnen und allenfalls Putz- und Kochdienste zu verrichten sind? Leider wird dies auch aus dem im Bri-online-Arikel verlinkten Artikel einer schwedischen Zeitung nicht deutlich.
Die Aussage im Eröffnungsposting, dass an dem erwähnten Versuch "ganz Göteborg" mitmachen würde, scheint jedenfalls nicht zuzutreffen - es scheint sich um einen Versuch in einem einzelnen Göteborger Betrieb zu halten. Was auch immer dabei herauskommt - dass die Ergebnisse dieses Versuchs sich auf Deutschland übertragen lassen werden, halte ich für praktisch ausgeschlossen.
Zum einen handelt es sich bei dem Beruf der Altenpflegerin in D tatsächlich um einen Mangelberuf - er steht auf der offiziellen, von der Bundesanstalt für Arbeit erstellten Liste der Mangelberufe (http: //mangelberufe.de), für die Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten angeworben werden dürfen. Außerdem ist die Festlegung der regulären Wochenarbeitszeit hierzulande Sache der Gewerkschaften - nicht des Staates.
Und 3.: Ich habe zwar seit ca. 20 Jahren kein Altenpflegeheim mehr von innen gesehen, aber nach allem, was ich höre, lese und durch meine eigene Berufstätigkeit am Rande mitkriege, kann ich mir im Leben nicht vorstellen, dass in deutschen Pflegeheimen in 6 Stunden das geleistet werden kann, wofür man bisher acht Stunden brauchte.
Ich arbeite selbst in der Pflege (allerdings im Krankenhaus) und kann nur sagen: Die Arbeitsverdichtung im Laufe der letzten 20 Jahre war enorm. Es gibt so gut wie überhaupt keine Leerläufe mehr, nicht einmal mehr nachts. Die Liegezeiten der Patienten haben sich radikal verkürzt, entsprechend sind die Patienten, die man hat, im Durchschnitt kränker und pflegeaufwändiger. Gleichzeitig werden Stellen gekürzt oder zumindest eingefroren, pflegerische Hilfskräfte, die schlechter ausgebildet sind, erleben ein Revival und besetzen teilweise Stellen, die früher Pflegekräfte mit 3jähriger Ausbildung innehatten. Gleichzeitig steigen die Dokumentationspflichten. Ich habe schon oft am Tage 8 bis 9, in der Nacht 10 Stunden durchgearbeitet, ohne Pause, geschweige denn den von Lukulla erwähnten informellen Pausen von 90 Minuten am Tag fürs Plaudern, Rumlaufen oder privates Surfen.
Bei den Ärzten sieht es nicht viel anders aus - mit dem Unterschied allerdings, dass Krankenhausärzte in den letzten 15 Jahren Stellen hinzugewonnen haben (die Quelle spricht von einem Anstieg um 18% in acht Jahren), während sie in der Pflege abgebaut wurden).
Interessant finde ich aber, dass bei der Umfrage (jetziger Stand) 44% der User ihr Kreuzchen bei Antwort 1 gemacht haben: "Ja – nach sechs Stunden Job sitzen die meisten doch nur Ihre Zeit ab". Mich wundert diese hohe Zahl. Bei allen Berufen, die, wie es so schön heißt, "mit Menschen zu tun haben", neben den genannten fällt mir noch ein: Lehrer, Erzieherinnen, Angestellte im Verkauf, im Verkehr, im Gastgewerbe ... kommt es nicht so gut, wenn sie zwei Stunden vor Schichtende nach Hause gehen
Genau das war ja jahrzehntelang der Hintergrund für die Forderung von Gewerkschaften nach Verkürzung der Arbeitszeit. Nur haben viele der Branchen, in denen Quasi-Akkord gearbeitet wird, mittlerweile ein Nachwuchsproblem.
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Ergebnis 51 bis 55 von 55
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18.04.2014, 16:42
AW: Glauben Sie, dass ein Sechs-Stunden-Arbeitstag funktionieren kann?
Moderation in der Religion, der Politik und im Glücklicher Leben.
... und seit dem 16.11. unter demselben Nick bei Be Friends Online unterwegs
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18.04.2014, 17:00
AW: Glauben Sie, dass ein Sechs-Stunden-Arbeitstag funktionieren kann?
Ich habe einen anderen Artikel gefunden, in dem meine Fragen von oben teilweise beantwortet werden: Sechs Stunden arbeiten, Basler Zeitung vom 11.4.2014
Darin heißt es: Ein Jahr lang sollen 20 bis 30 Mitarbeiter in den Genuss des Sechsstundentages kommen, Pausen nicht inbegriffen. Alle anderen leisten weiter ihre regulären acht Stunden ab. Am Ende wird Pilhems These überprüft. Der sagt: «Wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver.» Der Kommunalpolitiker hofft, dass die Kurzarbeiter seltener krank werden. Am Ende, glaubt er, spart die Stadt dabei sogar Geld.
Und weiter:
Doch erst mal muss sie investieren: Göteborg stellt neue Mitarbeiter ein, um die vakanten Stunden abzudecken. Umgerechnet 550'000 Euro hat Pilhem dafür eingeplant – gemäss der ersten Schätzung. Wer die Glücklichen sind, denen er mehr Freizeit erkauft, entscheidet eine externe Agentur, die das Experiment plant. Wahrscheinlich wird sie für den Test Mitarbeiter eines kommunalen Altenheims auswählen, sagt Pilhem.
Es geht also nicht darum, dass man glaubt, die Mitarbeiter würden in sechs Stunden das schaffen, was sie vorher in acht geschafft haben. Es sollen neue Mitarbeiter eingestellt werden, das ganze Projekt kostet einen Haufen Geld. Klar ist die Idee, die Kräfte des Altenpflegepersonals zu schonen, löblich, zumal wenn dies bei vollem Lohnausgleich geschehen soll. Dass dieser Versuch Modellcharakter für eine ganze Branche oder vielleicht sogar für ein ganzes Land haben könnte, kann ich mir trotzdem schlecht vorstellen.
In Deutschland würde ich es schon für einen Fortschritt halten, wenn die maximale Tagesarbeitszeit auf 8 Stunden begrenzt werden würde - davon können die Angehörigen vieler Berufe nur träumen.Moderation in der Religion, der Politik und im Glücklicher Leben.
... und seit dem 16.11. unter demselben Nick bei Be Friends Online unterwegs
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22.04.2014, 08:09
AW: Glauben Sie, dass ein Sechs-Stunden-Arbeitstag funktionieren kann?
Schön wäre es schon. Nur, es wird halt wieder mal am Gelde scheitern

Auch wenn viele auf Lohnausgleich verzichten würden, es müssten ja doch neue Leute eingestellt werden. So zahlt man lieber 40 Stunden und die Mitarbeiter arbeiten halt 50 oder 60.
Klar. wie schon geschrieben, im Moment werden lieber 20 oder 30 Stunden Jobs ausgeschrieben, arbeiten sollte man aber am liebsten natürlich 40 Stunden oder mehr.
Alles Liebe, Nellie
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WEDER HARTZER NOCH ARBEITSLOS. Trotzdem prügel ich nicht auf diese ein
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29.04.2014, 14:17
AW: Glauben Sie, dass ein Sechs-Stunden-Arbeitstag funktionieren kann?
Ich denke, dass es klappen könnte, aber auch nach hinten los gehen kann. Einerseits hat man natürlich viel mehr Stress wenn man Aufgaben für 8 stunden in 6 stunden erledigen muss. Zudem könnte auch die produktivität darunter leiden. Andererseits ist die Arbeitsmotivation viel höher, wenn man 2 Stunden früher nach Hause gehen kann.
Ich denke also auch das es nicht funktionieren würde
Just do it!
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29.04.2014, 14:36Inaktiver User
AW: Glauben Sie, dass ein Sechs-Stunden-Arbeitstag funktionieren kann?
Hat nicht Porsche letztes Jahr die Wochenstundenzahl seiner Mitarbeiter zurückgefahren auf 34 Stunden (bei gleichem Gehalt), wegen enormer Produktivität der motivierten Produktionsmitarbeiter ?
Grundsätzlich glaube ich, dass es in bestimmten Bereichen schon klappen kann. Ich bekomme von meinem Chef auch Gehalt für 40 Stunden, obwohl ich nur 34 Stunden arbeite. Trotzdem schaffe ich m.E. genauso viel wie vorher als Vollzeitkraft im alten Büro, wo ich für 40 Stunden rund 30 % weniger Gehalt bekommen hatte im Vergleich zu meinem jetzigen Teilzeitgehalt.
Motivation und Mitarbeiterzufriedenheit ist das Stichwort.



Denn der Spätdienst ist dann ja wohl auch entsprechend verkürzt. Und was ist mit der Nacht? Oder handelt es sich am Ende nicht, wie zunächst von mir vermutet um ein Altenpflegeheim, sondern um eine Einrichtung, in der fitte Alte wohnen und allenfalls Putz- und Kochdienste zu verrichten sind? Leider wird dies auch aus dem im Bri-online-Arikel verlinkten Artikel einer schwedischen Zeitung nicht deutlich.
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