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  1. Registriert seit
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Zitat Zitat von Fels Beitrag anzeigen
    Das tut mir sehr leid für dich, dass du so verzweifelt bist. Als Kind war ich nach etlichen Infekten (leider gabs damals noch nicht so wirksame Medikamente wie heute) schwerhörig. Nach einer Operation wurde es besser, da platzte mir mit 13 Jahren bei einem Unglück das Trommelfell. Leider ist das jetzt wohl vernarbt, ich höre links sehr schlecht.

    Von daher habe ich zumindest den Hauch einer Ahnung, wie es sein kann, wenn man sehr schlecht hört. Es ist anstrengend, man hat ständig das Gefühl, nicht alles mit zu bekommen. Oder man tut manchmal so, als ob man es verstanden hätte, obwohl dem nicht der Fall ist. Die einzigen, die das wirklich merken, sind meine (erwachsenen) Kinder, sie machen mich dann darauf aufmerksam.

    Auch ich habe es erlebt, dass Eltern da nicht gut mit umgehen können. Meinen war die Schwerhörigkeit z. B. irgendwie unangenehm. Als ich zur Schule kam, sind sie nicht etwa zum Rektor oder zum Lehrer gegangen und haben erzählt, was bei mir das Problem ist. Nein, sie beauftragten mich, mich in die 1. Reihe direkt vor den Lehrer zu setzen, damit ich alles mitbekomme.

    Ich mache ihnen keinen Vorwurf, früher ist man mit diesen Dingen halt anders umgegangen als heute. Eine Sonderstellung hätte ich auch gar nicht haben wollen.
    Wahrscheinlich habe ich dadurch aber auch gelernt, mich durch zu boxen, für mich selbst zu sorgen.
    Sozial isoliert war ich nie, dazu war die Behinderung wohl nicht stark genug. Bin auch in einem Beruf, in dem ich mit vielen Menschen zu tun habe, aber zum Glück nur immer einzeln, das Gehör hat sich nach meiner Kindheit nochmal verbessert.

    Einmal war ich in einem 4wöchigen Seminar, in der Pension neben mir im Zimmer war ein Mann, der blind war und auch in unserem Seminar. Dieser war komplett eingebunden. Wir gingen morgens rüber, nahmen ihn mit zum Seminar, lachten über Witze usw.

    Zugleich war da ein junger Mann, der schwer hörbeschädigt war. Dieser war tatsächlich sehr isoliert, da ist mir das wirklich zum ersten Mal richtig aufgefallen: jeder denkt immer, wenn man blind ist, das ist das Schlimmste für einen Menschen. Aber ich glaube, dass es zwar wirklich furchtbar ist, man ist ja praktisch immer auf Hilfe angewiesen, aber man nimmt am sozialen Leben mehr teil als ein Tauber.

    Vielleicht gelingt es dir über die sozialen Medien, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, da spielt das Gehör ja keine Rolle. Ich weiß ja nicht, was du studierst, aber eventl. wäre ja ein Beruf, wo du z. B. mit gehörlosen Kindern arbeiten könntest, eine Option für dich.

    Bitte verzweifele nicht, es gibt bestimmt auch für dich ein akzeptables, erfülltes Leben!
    Es gibt dieses Sprichwort, das besagt: „Blindheit trennt von den Dingen, und Taubheit von den Menschen.“ Es steckt leider Wahres drin :(. Leider kenne ich zu gut, was du beschreibst: ich tue oft, als ob ich verstanden habe, traue mich nicht, nachzufragen. Die Unterrichte an der Uni sind manchmal sehr anstrengend.

    Im Alter von vier Jahren würde ich infolge eines Meningitis taub. Ich erinnere mich bis jetzt immer noch an die Krankenhausaufenthalte.: ( Ich wünschte, sowas wäre nie passiert. Mein Vater hat mir einmal gesagt, als wir uns über mein zukünftiges Studium stritten: „Du bist Schwarz und Gehörlos, du wirst keine Arbeit in Europa finden, wenn du dich nicht doppelt anstrengst“.
    Es war ein sehr harter Kampf, bis er mir erlaubte zu studieren, was ich wollte. Er wollte mich dazu zwingen, etwas „Sinnvolles“ zu studieren. Deshalb habe ich nach dem Abitur ein Lückenjahr verbracht. :( Sorry, aber ich finde es sehr schade, dass man in dieser Welt vor allem arbeitet, um der Wirtschaft zu dienen. Das will ich nicht, ich will mich beruflich entfalten.
    Ich studiere jetzt Auslandsgermanistik (Linguistik, Literatur, Geschichte und Optionen, darunter Ungarisch und Dänisch). Ich will keine Pädagogin werden. Weil ich gehörlos bin, heißt nicht, dass ich mit Gehörlosen arbeiten möchte oder soll. :) Ich möchte Übersetzerin Französisch-Deutsch und Redakteurin werden. Ich finde es sehr schade, dass ich keine Dolmetscherin werden kann.

    Soziale Kontakte über Medien habe ich immer gesucht. Ich bin immer auf Facebook unterwegs. Dort kann ich mich an den Diskussionen wenigstens beteiligen. Ich glaube sogar, wenn es keine soziale Medien gäbe, wäre ich sehr sehr geistig zurückgeblieben. Über soziale Medien erfahre ich, was unter Menschen geschieht.
    Ich habe den heutigen Tag verbracht, ohne einen Menschen zu sehen, weil ich zu deprimiert war, um rauszugehen. Ich habe mich verbarrikadiert. :(
    Und über Facebook habe ich einen Typen kennengelernt, der Deutscher ist und in meiner Stadt lebt. Wir haben uns getroffen, vorher viel geschrieben. Ich war da sehr extrovertiert. Aber ich wurde sehr schüchtern, als wir uns trafen, und meine sozialen Inkompetenzen sind zum Vorschein gekommen 😞. Deshalb verschiebt er immer Treffen mit mir. Ich habe das ganze beendet, weil ich den Eindruck habe, er will mich nicht mehr sehen. Das sind die Spätfolgen meiner Gehörlosigkeit, diese sozialen Inkompetenzen. Ich werde meinem Gegenüber sehr schnell langweilig.

    Ich habe keine Hoffnung mehr für diese Welt. Das kann auch meine Selbstmordpläne begründen. Die Menschen werden oberflächlicher, fauler, die Erde wird zerstört und die Zahl der an Krebs Erkrankten steigt weiter zu. Meine Mutter ist im Alter von 46 Jahren unerwartet an Darmkrebs verstorben, ein Jahr nach der Ankündigung ihrer Krankheit. Ich finde, es ist besser so, dass ich meinem Leben ein Ende setze, bevor ich ein ähnliches Schicksal erleide. Unsere Lebensmittel und unsere Umwelt sind vergiftet, keine Wunder, dass immer mehr Menschen erkranken.

  2. Avatar von Akzent
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Zitat Zitat von TiefsterSelbsthass Beitrag anzeigen
    Ich habe keine Hoffnung mehr für diese Welt. Das kann auch meine Selbstmordpläne begründen. {.....]Unsere Lebensmittel und unsere Umwelt sind vergiftet, keine Wunder, dass immer mehr Menschen erkranken.
    Du bist selbst allerdings auch keine Hoffnung für diese Welt. Welche Lebensmittel sind denn gerade akut vergiftet?

    Vielleicht kannst du versuchen deinen Selbsthass abzulegen, welchen du hier nicht zeigst. Du wirst zukünftig nicht um Kommunikationen drum herum kommen. Damit bist du nicht alleine. Kein Mensch kommt ohne Kommunikation aus. Ob sich ein soziales Umfeld damit organisieren lässt, damit geht es anderen Menschen auch so, diesich ähnliches fragen. So ist eben die Neuzeit mitsamt ihrer Entwicklung. Sozialität in der Gemeinschaft heisst heute meist Gruppenformationen verschiedener Ansichten, gab es allerdings shcon immer; Einzelgänger stehen meist etwas im Abseitseits. Aber die fühlen sich in der Regel gut.

    Ist es nicht besser du wirst Mitglied bei den Gehörlosen, die sich auch organisieren und Methoden zu verschiedenen sozialen Projekten haben. Versuch das doch.



  3. Avatar von Ivonne2017
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Du vermischt Gehörlosigkeit, die Folgen davon, mit dem Unterschied, wie jemand auf Facebook rüberkommt und im Real Life.
    Mir ist das auch schon passiert.
    LG Ivi

  4. Avatar von TheKat
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Ich habe dir eben eine PN geschrieben und hoffe, dass dir meine Gedanken etwas helfen.

    Wichtig ist mir noch an dieser Stelle zu sagen, dass all das, was einem das Leben so mitgibt, manchmal nicht in unserer Hand liegt. Was die (körperliche) Gesundheit angeht, was in der Kindheit und Schulzeit passiert, ob die Eltern einen adäquat unterstützen. Wichtig und leider nicht einfach ist es, genau diese Dinge, die man nicht (mehr) ändern kann, loszulassen. Du bist gehörlos, deine Eltern haben und werden dich vermutlich nicht mehr so unterstützen, wie du es bräuchtest, und was andere Kinder getan haben, ist (zum Glück) auch vorbei.

    Es ist nie zu spät, an der eigenen Selbstakzeptanz zu arbeiten. Und mit 21 schon gar nicht. Es liegt noch so viel Leben vor dir. Ich lese bei dir einfach heraus, dass du noch nicht akzeptiert hast, dass du gehörlos bist (mit all den Folgen, die das hat). Das ist auch schwer, das zu akzeptieren. Aber das musst du zulassen. Ab dem Moment, wo man das nämlich hinnimmt, als das, was es ist, kann man loslassen und damit leben.

    Finde am besten Strategien, wie du damit lernen könntest, umzugehen. Mir hat es geholfen, mich damit auseinanderzusetzen, wie es anderen Menschen geht, weil ich mich dadurch selbst besser verstanden habe. Viele Dinge hatten auf einmal eine Erklärung. Ich war nämlich nicht einfach nur komisch und meine Schuld ist das schon gleich 3x nicht.
    A quiet mind is able to hear intuition over fear


  5. Registriert seit
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Da ist ein sehr großer Weltschmerz in dir. Aber versuche doch auch mal, deine doch sehr negativen Thesen zu hinterfragen. Es ist leicht, zu sagen: die Welt ist schlecht, alles ist vergiftet, immer mehr Menschen sterben an Krebs.

    Aber stimmt das? Ich lebe nun schon etliche Jährchen auf diesem Planeten und ich muss sagen, es hat sich doch auch einiges zu Guten verändert. Z. B. konnte man in unserem Flüsschen früher nicht baden, es gibt weiter hinten im Tal etliche Holz- und Papierfabriken, die viele Giftstoffe, u. a. Bleiche eingeleitet haben. Heute wird gefiltert und z. T. Giftiges vermieden und siehe da, wir haben wieder einen tollen Fluss, mit vielen Wassertieren und man kann wieder baden darin.

    Auch sterben nicht mehr Menschen als früher an Krebs, das Gegenteil ist der Fall. Krebs ist heute in vielen Bereichen gut behandelbar und muss nicht mehr zum Tod führen. Dass mehr Menschen erkranken, stimmt auch so nicht, die Leute werden einfach älter als früher und je älter man wird, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben. Wären die Menschen vor 100 Jahren so alt geworden wie wir heute und auch nicht an anderen Krankheiten gestorben (Diphterie, Tuberkulose usw.), dann hätten sie sicher genauso viel Krebs bekommen wie wir.

    Verstehst du, was ich dir damit sagen möchte? Ich will nicht als Klugscheißer rüber kommen, aber es ist doch immer eine Sache des Standpunktes.
    Wie wäre es, wenn du mal eine Woche versuchst, nur das Gute und Positive heraus zu picken? Wenn ich mich mal wieder gerade über viele Dinge ärgere und aufrege (siehe auch den Strang über die Hortkinder) dann hilft mir das ungemein. Ich nehme mir vor, mich mal nur auf die guten Dinge zu konzentrieren.

    Und siehe da, im Fernsehen sehe ich junge Menschen, die für eine lebenswerte Umwelt auf die Straße gehen. Eine alte Dame wollte ihrem Hund zu Hilfe eilen, der von einem Fluss erfasst wurde, fiel selbst hinein und prompt eilten 5 junge Männer ihr zu Hilfe, zogen sie und ihren Hund heraus, geschehen letzte Woche nach einem Wolkenbruch in unserer Nachbarstadt. Es gibt soviele Beispiele.

    Es gibt viele Probleme, es gibt viel Schlechtes, aber lass es doch nicht die Oberhand gewinnen!
    Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg (Mahatma Gandhi)


  6. Registriert seit
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Da ich selbst unter einer Krankheit leide,die mich deutlich einschränkt,finde ich dieses Thema sehr interessant.

    Ich habe in einer Verhaltenstherapie mal gelernt,dass der Verstand (eines jeden Menschen) immer Recht behalten will.
    Deswegen ist es auch so schwierig,neue Denkweisen zu entwickeln.

    Insgesamt kann ich nur sagen,dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat,was hier ja auch schon angesprochen wurde.
    Nur das eigene Päckchen erscheint einem am schwersten...

    Eine Lösung habe ich hier auch nicht.
    Am Anfang steht die Aktzeptanz,dass man eben ist,wie man ist,nicht besser oder schlechter als andere.

    Die meisten Defizite beinhalten auch Stärken.
    Und wenn man eben schwach ist,ist das auch kein Drama.
    In unserer Leistungsgesellschaft gerät man da schnell in´s Abseits,darunter hab ich auch lange gelitten,weil man nicht so mithalten kann.

    Mittlerweile finde ich das "Abseits" viel schöner als die breite Masse denn ich kann ich selbst sein und das ganz unverstellt.


  7. Registriert seit
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    sehr schöner Beitrag

    Zitat Zitat von GreenTree Beitrag anzeigen
    Mittlerweile finde ich das "Abseits" viel schöner als die breite Masse denn ich kann ich selbst sein und das ganz unverstellt.
    Und diese Sichtweise erleben viele Menschen, wenn sie älter werden- wenn dieser lange K(r)ampf nach Zugehörigkeit in den vielen Gruppen, die die Welt hervorbringt, enden kann.
    Denn das ist es für viele- ein Krampf- weil man ein Teil sein möchte und es gefühlt nie "richtig dabei sein" schafft.
    Umso schöner, wenn man dann "seinem Weg" folgen kann.


  8. Registriert seit
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    AW: Gehörlos, identitätslos und Sterbehilfe

    Wie geht es dir, liebe TE? Melde dich doch noch mal.

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