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  1. #1

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    Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Guten Tag,

    mein Berufsleben war von Anfang an nicht einfach. Ich stamme aus einer mittelständischen Familie, erzkonservativ und streng. Meine Schullaufbahn schloss ich mit dem qualifizierenden Hauptschulabschluss ab. Mehr hielt meine Familie nicht für erstrebenswert, da ich ja eh ein Mädchen war und irgendwann mal heiraten und Kinder kriegen würde.

    Als ich mit 15 dann eine Ausbildung beginnen sollte, wusste ich eigentlich gar nicht so richtig, was ich werden wollte. Aber ich wurde gedrängt, einen "anständigen Beruf" zu erlernen und meiner geschiedenen Mutter nicht auf der Tasche zu liegen.

    Da ich in Deutsch immer sehr gute Noten hatte, strebte ich einen Beruf als Sekretärin oder Bürokauffrau an und bewarb mich an einigen Stellen. Einem Notar gefiel meine Bewerbung damals so gut, dass er mich als Auszubildende genommen hätte. Das scheiterte leider daran, dass ich immer jeweils 6 Wochen nach München gemusst hätte zur Berufsschule. Meine Familie malte mir in den düstersten Farben aus, war mir in diesem Sündenpfuhl der Großstadt alles geschehen konnte. Entführung, Vergewaltigung, Drogenszene.
    Am Ende war ich dermaßen eingeschüchtert, dass ich mich kaum noch mit dem Bus in die nächste Kleinstadt zu fahren traute. Und da meine Mutter als Erziehungsberechtigte mir die Unterschrift auf dem Ausbildungsvertrag verweigerte, wurde es nichts aus der Ausbildung zur Notariats- und Rechtsanwaltsgehilfin.

    Es wurden schließlich Erkundigungen eingeholt, welche für ein Mädchen geeignete Berufe in der nächst gelegenen Kleinstadt an der Berufsschule vertreten waren. Dies waren Bürokauffrau, Einzelhandel und Hauswirtschaft. Die Entscheidung fiel zunächst auf den Beruf der Bürokauffrau. Doch an diesem Arbeitsplatz erwartete man eigentlich eine voll ausgebildete Kraft, so dass ich vor Ablauf der Probezeit gekündigt wurde und das Ausbildungsverhältnis aufgehoben wurde. Ich war damals am Boden zerstört und weinte mir tagelang die Augen aus. Ich wollte doch so gerne unbedingt arbeiten um meiner Mutter nicht auf der Tasche zu liegen und wollte doch ein anständiger und tüchtiger Mensch sein, der seiner Arbeit nachgeht.

    Über das Arbeitsamt wurde mir damals ein Berufsgrundschuljahr angeboten, wo ich mehrere Berufe hätte ausprobieren können um für mich das geeignete zu finden. Rückblickend hätte ich das machen sollen. Doch damals lehnte ich dies ab, aus Angst der Mutter auf der Tasche zu liegen.

    Schließlich fand ich eine Ausbildungsstelle zur Kauffrau im Einzelhandel, welche ich auch erfolgreich abschloss. Doch der Beruf machte mir nie so wirklich Spaß. Ich hatte auch einige Jobs im Verkauf, doch das war nie das, was ich gerne machen wollte.

    Inzwischen bin ich in einem Kaufhaus als Reinigungskraft gelandet. Ein Notbehelf um wenigstens etwas Geld zu verdienen. Dort bin ich erst recht todunglücklich, was auch mit dem Chef und dem Umgang mit mir zu tun hat. Außerdem habe ich noch einen bald 12 jährigen, autistischen Sohn, der auch ein Mehr an Betreuung braucht.

    Ich will da unbedingt weg!!! Aber zurück in den Verkauf will ich auch nicht mehr! Nur was ich eigentlich will, das weiß ich leider nicht so recht. Ich weiß nur, dass ich einen Beruf haben will, der mir Spaß macht, wo ich gern jeden Tag zur Arbeit gehe. Eine Arbeit, die mich fordert aber nicht überfordert, wo ich kreativ sein kann und eigene Ideen einbringen und verwirklichen kann.

    Nächstes Jahr werde ich 40. Bei sehr vielen Menschen ist das ja sowieso ein Zeitpunkt, wo viele ins Nachdenken und Grübeln kommen, was sie bisher so aus ihrem Leben gemacht haben. Meine Bilanz sieht da sehr vernichtend aus. Ein einziges Desaster! Kann ich jetzt noch das Ruder herumreißen und was besseres aus meinem Berufsleben machen oder ist der Zug abgefahren und ich muss die nächsten 25 Jahre noch einen Beruf ausüben, der mir eigentlich gar keinen Spaß macht? Und wenn doch noch eine Hoffnung besteht, wie fängt man sowas an? Am besten ohne große finanziellen Einbußen? Denn diesmal möchte ich nicht mehr der Mutter, sondern meinem Ehemann nicht auf der Tasche liegen.

    Bin für Ratschläge dankbar.

  2. #2
    Avatar von Fourthhandaccount
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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Dir kann geholfen werden. Eine andere Userin hier, exakt in Deinem Alter, mit einem verblüffend ähnlichen, um nicht zu sagen gleichen Werdegang, mit tausendprozentig demselben Problem hat hier mehrere Threads geschrieben, gerne auch gleichzeitig. Du wirst dort sicher sehr, sehr viele Tipps von uns finden. Die helfen Dir sicher weiter. Dann müssen wir nämlich jetzt nicht alles noch einmal schreiben.

    DAS HEISST ANTIBIOTIKUM, HIMMELHERRGOTTSAKRA!

  3. #3

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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Zitat Zitat von Fourthhandaccount Beitrag anzeigen
    Dir kann geholfen werden. Eine andere Userin hier, exakt in Deinem Alter, mit einem verblüffend ähnlichen, um nicht zu sagen gleichen Werdegang, mit tausendprozentig demselben Problem hat hier mehrere Threads geschrieben, gerne auch gleichzeitig.
    Gerade steh sogar ich auf dem Schlauch.

  4. #4

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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Hi,

    also, ich mache mal den Anfang. Vielleicht ist es auch noch "jugendlicher Leichtsinn", aber ich glaube, dass man immer das Ruder noch mal rumreißen kann, bzw. es zumindest wenigstens versuchen sollte. Sonst denkt man sich am Ende seines Lebens "Ach, hätte ich doch.."
    Bin Mitte 20 und irgendwie jetzt schon ernüchtert vom Arbeitsleben und habe deswegen meine Ansprüche was "Spaß" an der Arbeit angeht drastisch runter geschraubt. Gerne hingehen, sich nicht Hinzwingen müssen find ist für mich das Ziel geworden, das ich angemessen finde (für mich).

    Ich glaube, für dich wäre es wichtig, dich von den Horrorszenarien deiner Familie zu lösen und den Schritt in das Ungewisse zu wagen. Es wird immer Leute geben, die Zweifel und Ängste äußern, weshalb es wichtig ist, seinen eigenen Weg zu kennen und diesen auch gehen zu wollen.
    Aber dafür muss man ihn erstmal kennen.
    Helfen könnte dir da
    1) eine Berufsberatung. Ich würde eher zu einem professionellen Coaching gehen, habe damit bessere Erfahrungen gemacht, aber die kosten auch um die 100 €/Stunde.
    Ansonsten hilft die Berufsberatung der Arbeitsagentur auch weiter. Frag da mal nach, ob sie dir den Explorix geben können(ist ein ein einfacher Fragebogen, der einem einen guten Überblick über seine Interessen gibt und dementsprechende Berufe auflistet).
    2) beim Amt könntest du dich auch über Weiterbildungs- oder Umschulungsmaßnahmen schlau machen.


    Wünsch dir auf jeden Fall noch viel Erfolg auf deinem weiteren Weg :)

  5. #5

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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Zitat Zitat von Fourthhandaccount Beitrag anzeigen
    Dir kann geholfen werden. Eine andere Userin hier, exakt in Deinem Alter, mit einem verblüffend ähnlichen, um nicht zu sagen gleichen Werdegang, mit tausendprozentig demselben Problem hat hier mehrere Threads geschrieben, gerne auch gleichzeitig. Du wirst dort sicher sehr, sehr viele Tipps von uns finden. Die helfen Dir sicher weiter. Dann müssen wir nämlich jetzt nicht alles noch einmal schreiben.
    ok, ich glaube, dann wäre es für die Threaderstellerin gut zu wissen, wie der Thread heißt :)

  6. #6
    Avatar von Lakotia
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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Lernen kann der Mensch ein Leben lang. Ich finde es gut, wenn du etwas anpacken willst.

    Möchtest du in einem Büro arbeiten oder ganz etwas anderes machen?

    Für Bürojobs wäre die Position einer Projektassistenz o.ä. Eher vielseitig. Dazu solltest du MS Office gut beherrschen.
    Kurse dazu bietet die VHS preiswert an.

    Einen Büroanschluss kannst du bei der IHK machen. Das würde Abendschule bedeuten.

    Nicht leicht mit Kind aber machbar. Hast du einen Partner an deiner Seite?

    Wenn du eher praktisch arbeiten willst: wie sieht es denn mit der Altenpflege aus?

    Reicht dir denn dein Einkommen als Reinigungskraft? Ansonsten wäre es nicht besser, doch eher an die Kasse zu Aldi und co zu gehen, ist zwar auch Verkauf aber kein " Verkaufen" in dem Sinne.

    Was hat dich am Verkauf eigentlich so gestört? Da kann man doch in alle Branchen rein.

    Einbringen kannst du dich oft bei Teamarbeiten.

    Könntest du dir 2 Wochen Praktikum leisten?

    Auf alle Fälle wirst du dafür einige Jahre einplanen müssen. Falls nicht der Zufall kräftig nachhilft.

    Aber es lohnt sich. Du musst immerhin noch 25 Jahre arbeiten.

    Du bist jünger als ich. Die Haltung deiner Eltern ist absolut unverantwortlich. Als du erwachsen wurdest war die Welt schon keine Hausfrauenwelt mehr.

    Eventuell müsstest du auch Schulabschlüsse nachholen.
    lg Lakotia

    -------------------------------------------------------------------------------------

    Bleib wer du bist, es sei denn du kannst ein Einhorn sein.
    Dann sei ein Einhorn!

  7. #7

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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Danke für eure Antworten.
    @Lakotia: was mich am Verkauf so gestört hat? Ich weiß es nicht mal so genau, vielleicht war es die falsche Warengruppe. Ich habe als Fachverkäuferin für Spielwaren meinen Abschluss gemacht und danach einige Jahre als Bäckereiverkäuferin gearbeitet. Das hat mir großen Spaß gemacht.
    Mein Mann ist LKW Fahrer und hat nie pünktlich Feierabend.
    Mein Problem mit einem Job im Verkauf sind unter anderem die Arbeitszeiten. Bis 20 Uhr oder länger ist ja normal, das kann (und will) ich mit meinem Sohn gar nicht leisten. Der hat um 17 Uhr Hort Schluss und hat eine Behinderung. Den kann man nicht so einfach ein paar Stunden allein zu Hause lassen wie "normale" Kinder. Es muss abgeholt werden. Fahrdienst gäbe es auch, aber er wäre halt wieder allein zu Hause. Meine Mutter ist selbst noch berufstätig.

    Eine Zeitlang hab ich damit geliebäugelt, die Ausbilderprüfung zu machen und selbst Lehrlinge auszubilden. Ich hab früher in meiner Zeit in der Bäckerei auch schon immer die Lehrlinge im Geschäft mitbetreut und das hat mir großen Spaß gemacht. Aber da bräuchte ich ja auch erst mal einen Arbeitgeber.

    MS Office bin ich - bis auf Excel recht fit. Schulabschlüsse. Welche denn? Abitur muss es ja hoffentlich nicht gleich sein. Weiß nicht, ob ich mittlere Reife packen würde. Berufsberatung mach ich mich mal schlau. Arbeitsamt war leider nicht so hilfreich. Umschulung wird nicht genehmigt, da ich gesund bin und im Einzelhandel jede Menge Jobs vorhanden.

    Altenpflege ist nicht mein Ding. Ich habe Respekt vor jedem der das machen kann. Ich würde zu sehr mitleiden und könnte nicht abschalten. Das muss man können.

  8. #8

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    AW: Beruflicher Neuanfang, aber wie? Achtung, lang.

    Zitat Zitat von Nika78 Beitrag anzeigen
    Eine Zeitlang hab ich damit geliebäugelt, die Ausbilderprüfung zu machen und selbst Lehrlinge auszubilden. Ich hab früher in meiner Zeit in der Bäckerei auch schon immer die Lehrlinge im Geschäft mitbetreut und das hat mir großen Spaß gemacht. Aber da bräuchte ich ja auch erst mal einen Arbeitgeber.
    Das klingt doch gut. ob du dafür erstmal wieder in den Verkauf müsstest um dann die Ausbilderprüfung zu machen oder ob du auch - du hast ja schon Erfahrung - so dich für solch einen Lehrgang bewerben kannst, weisst du sicher besser als ich.

    Wenn du mit jungen Leuten gut kannst, wie ist es mit Kindern? ErzieherInnen werden bundesweit gesucht und die Ausbildung kannst du parallel zum Berufseinstieg machen. Dein Alter spielt im Sozialen Bereich keine grosse Rolle.KiTa/Krippe dürfte evtl. mit deinem Zeitfenster gehen.

    Macht aber nur Sinn, wenn dir sicher bist dein Berufsfeld auch wechseln zu wollen.

    MS Office bin ich - bis auf Excel recht fit. Schulabschlüsse. Welche denn? Abitur muss es ja hoffentlich nicht gleich sein. Weiß nicht, ob ich mittlere Reife packen würde. Berufsberatung mach ich mich mal schlau. Arbeitsamt war leider nicht so hilfreich. Umschulung wird nicht genehmigt, da ich gesund bin und im Einzelhandel jede Menge Jobs vorhanden.
    In manchen Bundesländern kannst du dir mit einer gewissen Anzahl an Berufsjahren die fachgebundene Hochschulreife zuerkennen lassen. Ob das in deinem Bundesland und in deinem Berufsfeld auch geht, müsstest du erfragen. Vorausgesetzt du würdest mit einem Studium an einer FH /HS liebäugeln.
    "Das höchste Glück ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit." Erasmus von Rotterdam...

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