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  1. #1

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    Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Entschuldigt bitte den komischen Titel, mir fiel echt nix besseres ein, um mein Anliegen zu beschreiben.

    In den Beschneidungsdiskussionen (die ich hier nicht wiederholen möchte, dafür gibt es schon zwei Threads) kam die These auf, dass Religionen/ Kirchen/ Glaubensgemeinschaften nur dadurch fortbestehen könnten, dass Kinder bereits sehr früh (Kindstaufe, frühkindliche Beschneidung) in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden und "indoktriniert" (absichtlich in Anführungsstrichen, denn ich finde diesen Begriff problematisch) würden. Das hieße ja, dass Erwachsene sich nicht oder wenn, nur sehr wenige für Glaubensgemeinschaften öffnen würden.
    Ich erlebe - direkt und indirekt - immer wieder Erwachsene, die eine Spiritualität suchen und in den verschiedensten Möglichkeiten finden: In den "großen" Kirchen und Religionen (Judentum, Christentum, Islam), in östlichen Glaubenssystemen (Buddhismus, Taoismus...), in archaischen Glaubenssystemen (Stichwort Druidenkult in England), in Sekten ...

    Ich würde dies Thema gerne zur Diskussion stellen. Meine Fragen:
    1. Brauchen Religionen und Glaubensgemeinschaften die Aufnahme von Kindern?
    2. Wäre es möglich, Religionszugehörigkeit erst im Erwachsenenalter anzugehen? Was spricht dafür, was dagegen?
    3. Welche Möglichkeiten gäbe es, Menschen ein breites Bild von Glauben und Nichtglauben aufzuzeigen, um Entscheidungsmöglichkeiten zu bieten?

    Wie gesagt, die Beschneidungsdiskussion hat mich sehr umgetrieben - ich bin gläubig, ich bin mit Sicherheit für Religionsfreiheit, aber um welchen Preis? Ist es richtig, Kinder schon früh nur mit einem Gedanken-/Glaubensgut aufwachsen zu lassen?
    Vielen Dank für eure Gedanken!
    Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung und Werte aufzuzwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen; also gleichsam zu dem Versuch ihre Seelen zu retten. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle K. R. Popper

  2. #2
    Avatar von Malina70
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Hallo ellipell,

    das ist eine interessante Frage.

    Ich habe in einem anderen Forum einen schönen Vergleich gelesen, den ich ganz passend fand. Dort schrieb jemand, Religion sei für ihn wie eine Sprache, die er von Kind an gelernt habe und daher mühelos beherrsche. Ich glaube, wenn man als Kind in eine Religion hineinwächst, dann steht einem diese erst mal als Ausdrucksform zur Verfügung. Man hat eine Form, in der man seine eigenen Glaubenserfahrungen ausdrücken und mit anderen teilen kann. Die eigene Glaubenserfahrung ist aber immens wichtig, wenn die Sprache lebendig bleiben soll. Die Erfahrung ist der Inhalt, die Religion die Form, in die man diesen Inhalt, der ja oft recht diffus und schwer mitteilbar ist, fasst. Religion ohne Erfahrung ist letztlich eine tote Sprache. Glaubenserfahrung ohne Religion bleibt hingegen diffus, isoliert.

    Ich finde es völlig richtig, Kindern diese Sprache beizubringen, damit sie ein Instrumentarium haben, um ihre Spiritualität einordnen und darüber kommunzieren zu können. Sollte es so sein, dass sie keinen Sinn für Spiritualität entwickeln, kein Interesse an Glaubensdingen haben, dann müssen sie diese Sprache als Erwachsene ja nicht sprechen. Sie können sie auch wieder verlernen.

    Aber Eltern entscheiden in sehr vielen Punkten, dass sie ihren Kindern das mitgeben möchten, was sie selbst im Leben als erfüllend und bereichernd erfahren haben. Musik und Sport wird Kindern ja auch von den Eltern nahegebracht, und manch einer ist froh, wenn man ihn früh ein Instrument hat lernen lassen. Manche Eltern legen Wert auf gesunde Ernährung, anderen ist es mehr oder weniger egal, was ihre Kinder essen. Da spricht man ja auch nicht von Indoktrination.

    Natürlich kann man auch als Erwachsener noch zu einer Religionsgemeinschaft finden, wenn man merkt, dass dort die eigene Glaubenserfahrung in eine Form gegossen wird, die einen anspricht. Aber manchmal denke ich, das ist wie beim Erlernen einer Fremdsprache, so richtig mühelos und selbstverständlich wird das nicht mehr. Deshalb fallen Konvertiten ja auch oft durch einen besonderen Eifer, eine besondere Rigorosität auf, während geborene Religionsangehörige oft viel lässiger sind. Sie haben das quasi im Blut, für sie ist ihre Religion einfach selbstverständlich, was ja nicht heißt, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen und Dinge hinterfragen.

    Ich weiß nicht, ob ich katholisch geworden wäre, wenn man mich weltanschaulich neutral aufgezogen und mir im Jugendalter alle Religionen wertneutral vorgestellt hätte. Vielleicht hätte mich am Ende keine angezogen, vielleicht eine andere. Aber ich glaube angesichts der vielen Menschen, die sich, obwohl mit einer religiösen Grunderziehung versorgt, wieder vom Glauben abwenden, dass durch eine religiöse Grunderziehung kein unabwendbarer Schaden entsteht. Von daher finde ich, man darf das schon risikieren. In meinen Augen sollte man es sogar riskieren, aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung, aus meinem persönlichen Glauben heraus.

    Gruß,

    Malina

  3. #3
    Avatar von rosemary_
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Malina, das hast du sehr treffend ausgedrückt.

    Mich interessiert nicht, ob Religionsgemeinschaften Kinder "brauchen" - wenn ich als Elternteil meinem Kind den (christlichen) Glauben nahe bringen möchte, so tue ich das von Anfang an. Das ist Teil meines Elternrechts, das ich in Anspruch nehme.

    Natürlich machen die Eltern dem Kind insoweit eine Vorgabe, so wie sie viele andere Dinge entscheiden (siehe Malinas Beispiele).

    Ich stelle es mir als Eltern, die ihren Glauben - in welcher Intensität auch immer - leben, auch sehr schwierig vor, das Kind glaubensneutral zu erziehen. Es käme mir sogar falsch vor.
    Kinder erfordern ein dickes Fell - aber ein ganz weiches!

  4. #4
    Avatar von Tirami-Sue
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Ein wunderbarer Beitrag, Malina, dem ich mich anschließen möchte.

    Außerdem gebe ich zu bedenken, dass gelebter Glaube eben mehr beinhaltet als z.B. den Gottesdienst zu besuchen, von dem man ja die Kinder noch fernhalten könnte. Für mich gehört auch dazu, in der Kirchengemeinde etwa Kirchweih zu feiern, ein Singspiel für Weihnachten vorzubereiten etc. All diese Aspekte gelebter Religion gehören dazu, damit eine Glaubensgemeinschaft eben auch eine Gemeinschaft ist.
    Kinderlärm ist Zukunftsmusik.

  5. #5
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Zitat Zitat von ellipell2 Beitrag anzeigen
    1. Brauchen Religionen und Glaubensgemeinschaften die Aufnahme von Kindern?
    wozu?

    Zitat Zitat von ellipell2 Beitrag anzeigen
    2. Wäre es möglich, Religionszugehörigkeit erst im Erwachsenenalter anzugehen? Was spricht dafür, was dagegen?
    dafür spricht ganz klar die freie und objektive Wahlmöglichkeit hinsichtlich einer Religionszugehörigkeit, welcher oder gar keiner. Kinder sind hierzu von Natur aus nicht in der Lage, nur mündige Bürger können das

    dagegen spricht nichts, nur wird es höchstwahrscheinlich zu einem drastischen Mitgliederschwund innerhalb der christlichen Konfessionen kommen

    Zitat Zitat von ellipell2 Beitrag anzeigen
    3. Welche Möglichkeiten gäbe es, Menschen ein breites Bild von Glauben und Nichtglauben aufzuzeigen, um Entscheidungsmöglichkeiten zu bieten?
    möglich wäre zB ein unabhängiger Religionsunterricht, in welchem sämtliche großen Religionen in ihren Grundzügen neutral abhandelt werden, so dass sich jeder ein grobes Bild darüber machen kann. falls sich jemand von einer bestimmten Religion angesprochen fühlt, wird er sich automatisch näher damit befassen

  6. #6

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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Man kann Kinder nicht neutral erziehen. Es ist ja nicht nur die Religion, die unsere Gesellschaft bestimmt, sondern eine Fülle von Wertvorstellungen, Gewohnheiten, Ritualen, Annahmen, Erwartungen.... die lernen Kinder ja auch von ihren Eltern. Und ganz viele davon sind - ohne dass uns das bewußt wäre - von unserer christlichen Vergangenheit geprägt. Weihnachten ist ein eher harmloses Beispiel. In all das wachsen Kinder durch das Beispiel ihrer Eltern hinein - und zwar nicht wirklich in alles, sondern in genau den Teil, den Eltern für die Kinder auswählen. Das ist der Job von Eltern. Wenn Eltern sich für Musik begeistern, werden sie ihrem Kind diese Begeisterung mitteilen, und zumindestens hat das Kind dann eine größere Chance, Zugang zu Musik zu finden, als eines, dessen Eltern völlig desinteressiert an Musik sind.
    Das bedeutet: wenn Eltern Religion wichtig ist, dann haben sie das Recht, ihre Kinder da hin zu führen. Sie können sie mit Glaubensinhalten, mit Ritualen, mit Gemeinschaft bekannt machen und ihnen vorleben, was sie glauben. Ob die Kinder das später für sich annehmen, sollte ihnen allerdings m.E. tatsächlich vorbehalten sein - und ist es ja auch. Es GIBT doch den Mitglieder-Schwund schon, unter anderem deshalb, weil religiös desinteressierte Eltern ihre Kinder gar nicht erst an Religion heranführen. Die bleiben doch nicht, nur weil sie getauft (oder konfirmiert) wurden, einer Religion verhaftet!
    Davon trennen würde ich aber Aufnahme-Rituale: die - finde ich - sollten religionsmündigen jungen Erwachsenen wirklich zur Entscheidung vorgelegt werden. Ich verstehe die Kinder-Taufe auch eher als ein Ritual der Eltern (wenn sie denn gläubig sind): sie bringen ihr Kind sozusagen in der Gemeinde zu Gott und vertrauen es ihm an. Das ist nicht unbedingt notwendig, um von ihm geliebt zu werden, aber es ist ein rituelles Bekenntnis - und zwar der Eltern, nicht des Kindes. Das verpflichtet das Kind zu nichts, es verpflichtet allerdings die Eltern (in der Theorie), ihrem Kind zumindest die Religion nahezubringen.
    Das finde ich gut und richtig - es ist in meinen Augen das Gleiche, wie dem Kind Werte zu vermitteln (z.B. dem immanenten Egoismus entgegen zu wirken), ihm Familientraditionen beizubringen (an Weihnachten gibt es immer......), es gesellschaftliche Umgangsformen wie z.B. Höflichkeit (so wie sie eben jeweils verstanden wird) zu lehren und weitere Dinge, die bewirken, dass das Kind im Leben und in der Gesellschaft, in die es hineingeboren wurde, zurecht kommt.
    Und es ist das Recht der Eltern, diese Dinge zu entscheiden. Nur mit Körperverletzung u.s.w. soll es eben nichts zu tun haben. DIESE Rituale sollten die Erwachsenen freiwillig ausüben.

  7. #7
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Zitat Zitat von Willhelmine Beitrag anzeigen
    Man kann Kinder nicht neutral erziehen.
    du hast recht, ein neutrale Erziehung ist in der Tat eine Idealvorstellung, in der Realität praktisch nicht umsetzbar. diese Idealvorstellung aber mal gedanklich vorausgesetzt, hätte wie bereits gesagt extremen Mitgliederschwund und den damit verbundenen Zusammenbruch des ganzen aufgeblähten Apparates Namens Christentum zur Folge, welches sich doch nur durch Zwangsmissionierung derartig verbreiten konnte (wobei Kindertaufe und religiöse Erziehung ja nur eine Art Zwangsmissionierung ist, zugegeben immer noch die mildeste Art von Zwangsmissionierung)

    was für das Christentum zutrifft, würde nebenbei gesagt aller Wahrscheinlichkeit nach auch für den Islam zutreffen

  8. #8

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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    @ Malina

    klasse beitrag!

  9. #9
    Avatar von Libentia
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Aber ich glaube angesichts der vielen Menschen, die sich, obwohl mit einer religiösen Grunderziehung versorgt, wieder vom Glauben abwenden, dass durch eine religiöse Grunderziehung kein unabwendbarer Schaden entsteht.
    Welch ein Glück.

  10. #10
    Avatar von Libentia
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    AW: Beitritt in eine Glaubensgemeinschaft im Kindesalter und Selbstbestimmung

    doppelt
    Geändert von Libentia (07.07.2012 um 00:58 Uhr)

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