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  1. #1

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    Meine Familie wird aussterben

    Liebes Forum,

    immer wieder lese ich hier, und es tut mir gut, wie respektvoll ihr mit den Ambivalenzen der hier Schreibenden umgeht. Deshalb versuche ich auch mal, meine wirren Gedanken aufzuschreiben.
    Ich bin fast 40 und seit einigen Jahren treibt mich nun doch auch die biologische Uhr um, die mich vorher eigentlich in Ruhe gelassen hat. Im Freundeskreis sind viele Eltern, in der Nachbarschaft und auch unter meinen Kollegen. Es wäre von den Gegebenheiten möglich, aber auch schwierig (Pendel-Beziehung, meine Eltern weiter weg, beruflich eingespannt und nicht ohne weiteres reduzierbar). Ich bin gern mit kleinen Kindern zusammen, zugleich bin ich ein Mensch, der seine Zeit sehr gern selbst einteilt, viel Ruhe braucht, viel Raum - das würde mir sehr fehlen, denke ich.

    Das Problem liegt aber eher in mir drin. Ich komme einfach mit der Entscheidung nicht weiter. Ich schreibe mal von mir, da ich das irgendwie auch für mich entscheiden möchte und nicht vorrangig von der Partnerschaft abhängig machen (es hängt natürlich zusammen, aber ich denke, ich habe mehr Ruhe, wenn ich das auch für mich entschieden habe).
    Ich versuche, in mich hinein zu spüren und spüre eben einfach Ambivalenz. Ich beneide Menschen mit Familienleben, den dazu gehörenden Strukturen, dem Lachen der Kinder. Zugleich schaue ich dann auf mein Leben, und denke: Puh. Würdest Du die Anstrengung stemmen können? Die Opfer nicht bereuen?
    (neben der offensichtlichen Frage, ob es überhaupt noch "klappen" würde)

    Ein Punkt, der mir auch keine Ruhe lässt:
    Ohne ein Kind von mir würde meine Familie mit meiner Generation enden. Ich habe zwar Geschwister, die aber keine Kindern bekommen werden (einmal biologisch, einmal da ohne Partnerschaft und wohl langsam zu alt...). Und das macht mich sehr traurig. Ich habe eine unfassbar tolle Großmutter, eine unfassbar tolle Mutter, eine insgesamt einfach liebevolle Familie, wir haben einen richtig klasse Umgang miteinander, wie ich finde. Da ist so viel Liebe, so viel Geschichte, so viel Erlebtes und ich bin traurig darüber, dass es keine weiteren Generationen mehr geben wird, die das fortführen. Das betrifft sowohl die Gene, als auch den anerzogenen Umgang, den Umgang mit dem Leben, den wir in unserer Generation eigentlich ganz gut hinbekommen. Übrigens stört es den Rest meiner Familie gar nicht so sehr, aber mich trifft das immer wieder (ok, zugegebenermaßen vor allem in den PMS-Zeiten ;-) ), wenn ich darüber nachdenke.
    Ich überlege auch, ob es vielleicht andere Lösungen gibt, die das auffangen könnten.

    Tja, soweit also ein kleiner Teil meiner Ambivalenzen, ich lasse es mal so stehen,
    vielleicht kann jemand von Euch etwas damit anfangen und hat eine Idee, wie man das aufdröseln könnte?
    Danke und sonnige Grüße
    Gini

  2. #2
    Avatar von Alaska
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    AW: Meine Familie wird aussterben

    Gibt es auch keine Cousins oder Cousinen mit Kindern?

    Ich habe die Tage mal meine Ahnenreihe rausgesucht, das Internet macht es möglich, und bin bis zum Jahr 1614 gekommen. Dazwischen liegen zehn Generationen und dieser dsmals geborene Mann ist Vorfahr von bestimmt sehr vielen heute lebenden Menschen.

    Da komme ich mir recht unbedeutend vor und finde es nicht so schlimm, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben.
    "Ich hatte keinen besonderen Anlaß, glücklich zu sein, ich war es aber."
    (Max Frisch, Homo Faber)

  3. #3
    dog_lover
    gelöscht

    AW: Meine Familie wird aussterben

    Hinter solchen Ambivalenzen steckt wohl, dass wir uns fast alle für was Besonderes halten. Ich finde es nicht schlimm, wenn Familien "aussterben". Der Mensch ist nur ein winziger Teil im Universum und überschätzt seinen Einfluss regelmäßig doch sehr. Ganz ehrlich, wen juckt es, ob eine "Blutlinie" weitergeht oder nicht? Dem Universum ist es egal. Und den meisten Mitgliedern der folgenden Generationen auch.

  4. #4

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    435

    AW: Meine Familie wird aussterben

    Liebe Gini,
    ich kann deine Gedanken verstehen- und theoretisch ist es auch traurig. Aber diese Dinge, die dein Leben ausmachen: Unfassbar tolle Vorfahren (Oma, Mutter...), viel Liebe, etc. finde ich viel wichtiger als die vererbte Nase und ähnliches. Sprich, um so etwas weiterzugeben braucht man keine eigenen Kinder mit den eigenen Genen- das kann man auch an andere Menschen weitergeben,; auf andere Weise der Welt hinterlassen als in Genen.

    Ich empfinde so etwas als ganz großes Geschenk- ich selber habe das so nicht erlebt. Meine Familie stirbt im Moment noch nicht aus, da Kinder in der nächsten Generation da sind, aber wenn es mal so weit ist, finde ich das bezogen auf die Gene nicht besonders problematisch.

  5. #5

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    AW: Meine Familie wird aussterben

    ...ja natürlich steckt dahinter, dass man seine Familie für bedeutsam hält, sein Leben für wichtig. Ich würde philosophisch wahrscheinlich etwas ähnliches vertreten und bin auch eher vom Existentialismus geprägt, insofern stimmt es, dass der Mensch "ein winziger Teil des Universums" ist, finde aber auch, es gehört zum menschlichen Leben auch dazu, sich selbst, seine Familie, sein Leben für bedeutsam zu halten (nicht zwingend im Sinne von Einfluss, sondern auch als Wertschätzung des Lebens). Und natürlich steckt hinter dem Wunsch, Kinder zu haben, auch ein biologischer Grund.
    Doch zum einen ist das nur ein Teil der Ambivalenzen. Zum anderen geht es mir nicht um eine "Blutlinie", sondern es geht eher um die Erinnerungen, die Liebe, die in unserer Familie herrscht, und mir ist auch bewusst, dass das verblasst, dass es schwindet - aber es ist so, auf diese Weise, schon ein sehr radikaler Schnitt. Und mir ist wiederum für mein Empfinden, meine persönlichen Lebensentscheidungen, genau anders herum egal, ob es das Universum juckt, was ich denke ;-)

    Ich merke beim Lesen übrigens, dass ich über das Wort "unbedeutend" stolpere. Nein, ich fühle mich, auch wenn ich nur ein kleines Puzzle-Teil bin, nicht unbedeutend, ich finde das Leben meiner Großmutter nicht unbedeutend, und das gilt für alle anderen Menschen, die mir lieb und teuer sind, auch.

  6. #6
    dog_lover
    gelöscht

    AW: Meine Familie wird aussterben

    Klar, für einen selbst und für die Lieben um einen herum ist das einzige Leben natürlich nicht unbedeutend, im Großen und Ganzen jedoch nur ein winziges Stück der Evolution.

  7. #7

    Registriert seit
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    AW: Meine Familie wird aussterben

    Zitat Zitat von teamsheldon Beitrag anzeigen
    Liebe Gini,
    ich kann deine Gedanken verstehen- und theoretisch ist es auch traurig. Aber diese Dinge, die dein Leben ausmachen: Unfassbar tolle Vorfahren (Oma, Mutter...), viel Liebe, etc. finde ich viel wichtiger als die vererbte Nase und ähnliches. Sprich, um so etwas weiterzugeben braucht man keine eigenen Kinder mit den eigenen Genen- das kann man auch an andere Menschen weitergeben,; auf andere Weise der Welt hinterlassen als in Genen.

    Das ist sicher richtig - und das tue ich auch schon in unterschiedlicher Art und Weise (in meinem Job geht das recht gut, sowohl politisch als auch mit Blick auf die nächsten Generationen, und auch ehrenamtlich mache ich das), und sage mir genau das auch selbst. Aber es ist trotzdem nicht dasselbe. Es fühlt sich nicht ausreichend an. Es fehlt etwas.

    Und gerade überlege ich ja fast, ob ich das so ausführlich hätte schreiben sollen mit meiner Familie, weil ich merke, es erfasst wohl meine Ambivalenzen nicht ganz, diese abstrakten Überlegungen über das Weiterleben von Genen - hm, vielleicht passt mein Eingangsposting doch nicht ganz zu meinen Gedanken...

  8. #8

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    AW: Meine Familie wird aussterben

    Zitat Zitat von dog_lover Beitrag anzeigen
    Klar, für einen selbst und für die Lieben um einen herum ist das einzige Leben natürlich nicht unbedeutend, im Großen und Ganzen jedoch nur ein winziges Stück der Evolution.
    ja, aber gibt es nur Evolution? Ich finde die Tradition auch wichtig.

  9. #9
    dog_lover
    gelöscht

    AW: Meine Familie wird aussterben

    Das ist ja kein Gegensatz. Dennoch ist das alles nur ein winziger Augenblick im Kosmos und schon in hundert Jahren kräht kein Hahn mehr nach einzelnen Personen.

  10. #10

    Registriert seit
    31.07.2015
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    AW: Meine Familie wird aussterben

    Zitat Zitat von dog_lover Beitrag anzeigen
    Klar, für einen selbst und für die Lieben um einen herum ist das einzige Leben natürlich nicht unbedeutend, im Großen und Ganzen jedoch nur ein winziges Stück der Evolution.
    Aber inwieweit soll das die eigenen Lebensentscheidungen beeinflussen? Die eigenen Emotionen?

    Der Mensch ist in diese Spannung hineingeboren, sich selbst immer Mittelpunkt zu bleiben, trotz des Wissens um die Größe des Universums und seiner eigenen Sterblichkeit. Das stimmt.
    Aber trotzdem hat man doch seine Emotionen, Verantwortung für seine Lebensgestaltung, ist einem vieles eben trotz all diesen Wissens wichtig?

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