Monogamie beim Menschen
Polygamie ist in rot und gelb markierten Ländern illegal.
Anthropologen und Sozialwissenschaftler verwenden die Bezeichnung „Monogamie“ beim Menschen oft als „soziale Monogamie“, die in menschlichen Gesellschaften häufig als monogame Ehe definiert wird.[81]
Da es über das soziale Leben der stammesgeschichtlich unmittelbaren Vorfahren des Menschen keine Daten gibt, untersucht man stattdessen „ursprünglich“ lebende menschliche Gesellschaften.[82] Der Anthropologe George P. Murdock veröffentlichte 1949 Untersuchungen zur Sozialstruktur von 238 verschiedenen menschlichen Gemeinschaften auf der ganzen Welt. Dabei war das System der monogamen Ehe in 43 Gemeinschaften vorhanden.[83] Daraus wurde geschlossen, dass vor dem Kontakt mit der westlichen Welt 80 % der menschlichen Gemeinschaften polygyn lebten.[84] Da ein Harem Männern mit Macht und sozialem Status vorbehalten war, lebten aber die meisten Männer mit einer Frau zusammen.[85]
Andere Schätzungen von Anthropologen über die Häufigkeit monogamer menschlicher Gesellschaften bewegen sich zwischen zirka 20 und 50 Prozent, haben aber den Mangel, dass sie nur die offiziellen Verhältnisse widerspiegeln, nicht aber die tatsächlich gelebte Praxis. Gleichwohl lassen sich diese Schätzungen so interpretieren, dass streng eingehaltene Monogamie eine eher seltene Verhaltensweise in menschlichen Gesellschaften ist.[86] Neuere anthropologische Untersuchungen, wie z. B. von Helen Fisher, zeigen Verhaltensmuster wie Seitensprünge und den Wechsel von Partnern als in allen Epochen bis zur Frühgeschichte wiederkehrende Merkmale des menschlichem Paarungsverhaltens auf.[87] Neben traditionell polygamen Kulturen, beispielsweise in Afrika, treten heute polyamore Beziehungsformen zum Beispiel in Nordamerika, Westeuropa und Australien auf.
Beim Menschen ist das weibliche und männliche Paarungsverhalten sehr variabel und hat sich abhängig von Umwelt- und erlernten Faktoren entwickelt.[88] Durch genetische Untersuchungen am X-Chromosom und Autosomen wurden Argumente für Polygynie (z. B. bei den Aka in Zentralafrikanische Republik, Mandinka in Senegal, San in Namibia, Basken, Han und Melanesier auf Papua-Neuguinea) über lange Zeiträume der menschlichen Evolution gefunden, wobei sich die Ergebnisse geographisch unterscheiden.[89][90] Für Zeit der menschlichen Expansion von Afrika vor 80.000 bis 100.000 Jahren, zeigen Untersuchungen der mitochondrialen DNA eine Zunahme der weiblichen, aber keine wesentliche Zunahme der männlichen Population der Frühmenschen. Die Abstammung heutiger Menschen von wenigen Männern wird u. a. als Ergebnis sexueller Selektion gedeutet.[91] Erst vor 18.000 Jahren nahm auch die männliche Population der Menschen zu, was mit dem Aufkommen des Ackerbaus zusammenfällt.[92][93] Aus den Ergebnissen wurde z. B. geschlossen, dass polygynes Verhalten menschlicher Gemeinschaften durch unterschiedliche Anforderungen der Umwelt verschieden ausgeprägt war und mit dem Aufkommen des Ackerbaus eine Veränderung hin zur Monogamie stattfand.[92][94] Für den heutigen Menschen zeigen Untersuchungen rezessiver Erbanlagen (z. B. Blutgruppen) von Eltern und Kindern, je nach Land und Region, einen Anteil unehelich gezeugten Kindern zwischen 5 % und 30 %.[95][96][97] Nach verschiedenen Studien seit den 1950er Jahren haben z. B. in den USA 20 bis 40 % der Frauen und 30 bis 50 % der Männer mindestens eine Affäre während der Ehe[