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  1. #1

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    Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Ich stehe vor einem etwas heiklen Problem zur Zeit. Ein Kollege von mir ist an Krebs erkrankt - fiel von heute auf morgen erstmal aus. Ich will das jetzt nicht näher erläutern, bei uns ist es so, dass wir in einem Halbjahresrhythmus die Dinge organisieren müssen. Da klar war, dass der Kollege auf jeden Fall ein halbes Jahr ausfallen wird (Chemo, danach OP, danach evtl. nochmal Chemo), haben wir für das halbe Jahr erstmal die Vertretung komplett geregelt.

    Nach allem, was ich bei ihm so zwischen den Zeilen rausgehört habe (ich stehe ihm persönlich wohl noch am nächsten, aber er mag sich noch nicht so recht äußern, er verdaut die Angelegenheit auch noch) ist die Prognose wohl mittelprächtig - es kann alles gut werden, oder auch nicht. Da vor 3 Jahren mein Vater an einem (anderen) Krebs innerhalb von 6 Monaten verstorben ist, und wir uns damals durchaus darüber unterhalten haben, ist uns beiden natürlich diese Möglichkeit auch immer ziemlich präsent, auch wenn man natürlich immer lieber das Beste hoffen mag.

    Unsere Arbeit ist so speziell, dass man nicht so einfach eine Vertretung aus dem Ärmel ziehen kann, und wenn man eine hat, diese auch eine gewisse Perspektive braucht (deshalb habe ich bei meinen Schwangerschaften immer sehr früh genau geplant, wie lange ich mit welcher Teilzeit wegbleibe). Im Moment haben wir jemanden an der Hand, der die Vertretung teilweise übernehmen kann - aber da müsste man schon über Perspektiven reden (6-12 Monate). In 2-3 Monaten müssen wir anfangen zu planen für den nächsten Halbjahreszeitraum.

    Nun bin ich völlig unsicher, wie wir taktvoll am besten an die Sache rangehen, die Vertretung zu planen - irgendwie immer mit der Möglichkeit im Kopf, dass der Kollege wiederkommt (aber wann) oder aber nie wiederkommt. Diagnose war vor 6 Wochen, Chemo hat gerade begonnen - mit viel "Glück" hat die OP stattgefunden, wenn wir über den nächsten Halbjahreszeitraum reden. Gewisse Optionen müsste man aber vorher schon eruieren.

    Wird mein Kollege in 2-3 Monaten schon in der Lage sein, eine Prognose über seine Arbeitsfähigkeit im folgenden Halbjahreszeitraum abzugeben? Wird diese realistisch sein? Oder kann man einfach davon ausgehen, dass selbst im besten Fall (Chemo schlägt gut an, OP verläuft gut) er ein ganzes Jahr ausfallen wird? Wie spreche ich ihn am besten darauf an? Er ist so ein Typ, der die Dinge am liebsten mit sich selbst ausmacht, und im Moment auch niemanden sehen will, insofern kann ich die Lage gar nicht gut einschätzen.

    Versteht mich nicht falsch, mich schmerzt das alles sehr, aber gerade deshalb denke ich auch, dass er sich ruhig eine ausreichend lange Auszeit nehmen und wieder richtig auf die Beine kommen soll, wenn möglich, auch im besten Fall, das wäre gut für ihn, und würde nebenbei unsere Planung wahnsinnig erleichtern. Aber ich weiß gar nicht so recht, wann der beste Zeitpunkt wäre, das bei ihm anzusprechen...

    Keine Ahnung, ob mir jemand hier helfen kann, aber ich musste mir das jetzt mal von der Seele schreiben, als ich dieses Unterforum gefunden habe.

  2. #2
    Nathalie1000
    gelöscht

    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Hallo Tigerente, welch eine schreckliche Situation für Deinen Kollegen. Eine Kollegin meins Mannes befand sich in einer ähnlichen Situation, niemand konnte ad hoc ihre Arbeit übernehmen und sie selbst schätzte ihre Genesung viel zu optimistisch ein. Nach 2 - 3 Monaten kann wohl noch niemand eine realistische Prognose abgeben.

    Ihr Chef hat ihr damals signalisiert, dass ihre Genesung absoluten Vorrang vor allem anderen hat und sie sich so viel Zeit nehmen soll wie sie benötigt. Vielleicht kannst Du Deinem Kollegen gegenüber ähnlich argumentieren, dass er keinen Druck bekommt und sich ganz auf seine Genesung konzentrieren kann. Nur Du kannst einschätzen, ob er eine solche Aussage als Entlastung oder Beginn eines Rauswurfs empfindet. Eigentlich wäre das Gespräch Angelegenheit Eures Chefs.

    Viel Glück für Euer Gespräch und alles Gute für deinen Kollegen.

  3. #3
    Moderation Avatar von skirbifax
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    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Wir hatten vor ein paar Jahren einen ähnlichen Fall. Die Kollegin fiel von heute auf morgen aus und musste ersetzt werden. Sie hat sich vom Krebs mittlerweile vollständig erholt und arbeitet heute wieder bei uns, auch wenn die 5 Jahre, nach denen man erst als geheilt gilt, noch nicht um sind.

    Während ihrer Krankheit hat sie zwar Kontakt zu uns Kollegen gehalten, hat sich jedoch auf ihre Genesung konzentriert und auch wir haben nichts von der Arbeit (oder eben nur ganz, ganz wenig) von der Arbeit erzählt. Wenn ich die Kollegin als Maßstab nehme - sie hat in der akuten Behandlungsphase keine Prognosen abgegeben. Ich glaube auch nicht, dass das möglich wäre. Eine Prognose spiegelt in meinen Augen höchstens den Wunsch wider.

    Nachdem sie wieder arbeiten durfte, war sie nicht voll belastbar. Sie hatte eine lange Wiedereingliederung, sie war auch viel bei irgendwelchen Untersuchungen. Wenn dein Kollege zurückkommt, wird es ihm wahrscheinlich ähnlich gehen. Könnte er nicht mit der Vertretung gemeinsam arbeiten? Das wäre im Sinne der Wiedereingliederung sicher auch wünschenswert. Er kommt wieder rein, bringt sich auf den neuesten Stand, ist aber noch nicht voll verantwortlich. Bei uns war das möglich, v. a. im Hinblick darauf, dass der Arbeitnehmer in der Wiedereingliederungsphase ja noch krank geschrieben ist und deshalb dem Betrieb keine Kosten verursacht.
    Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.
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  4. #4
    schnellschnell
    gelöscht

    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Ganz ehrlich: wenn ich plötzlich eine lebensbedrohende Krankheit hätte wäre mir der Job sch... egal.

    Ich weiß ja nun nicht was genau ihr arbeitet - aber irgendwie wird es schon gehen. Das kann echt nicht die Sorge des Kollegen sein - auch wenn ich deine Sicht verstehe. Ich finde aber, das muss da einfach zurücktreten. Jeder ist irgendwie ersetzbar und muss es auch sein, ohne dass alles exakt planbar ist.

    Jetzt zu überlegen was ist wenn er nicht mehr zurückkommt und wie man das am besten regelt find ich schon krass.

    Es ist nur ein Job - aber sein Leben.

  5. #5
    Moderation Avatar von skirbifax
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    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Zitat Zitat von Nathalie1000 Beitrag anzeigen
    Vielleicht kannst Du Deinem Kollegen gegenüber ähnlich argumentieren, dass er keinen Druck bekommt und sich ganz auf seine Genesung konzentrieren kann. Nur Du kannst einschätzen, ob er eine solche Aussage als Entlastung oder Beginn eines Rauswurfs empfindet. Eigentlich wäre das Gespräch Angelegenheit Eures Chefs.
    Natürlich ist das Chefsache! Bei uns war es selbstverständlich, dass der Posten meiner Kollegin "aufgehoben" wird, die Kollegin wusste das auch. Die Vertretung hatte auch nur einen zeitlich befristeten Vertrag, Grund war Krankheitsvertretung. Wenn es einen Betriebsrat gibt, hätte und hat der sowohl bei einem Rausschmiss als auch bei den Vertretungen ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.
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  6. #6

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    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Ich wollte nichts ins Detail gehen, aber ein bisschen mache ich es doch. Wir sind Beamten, um seinen Job fürchten muss er nicht. Das mit der Vertretung ist knifflig, wir sind FH-Professoren, d.h. es muss irgendwie feststehen, welche Vorlesungen er hält und welche ein anderer Kollege oder die Vertretung übernimmt - die Lehrveranstaltungen müssen stattfinden. Der Job hängt leider schon sehr an der Person.
    Der Chef, der das regeln müsste, ist er selbst (innerhalb einer kleineren Untereinheit), ich bin in der Chefposition teilweise seine Vertreterin, d. h. es ist schon irgendwie meine Angelegenheit.

    Nathalie, das was Du schreibst, habe ich schon beim Schreiben meines ursprünglichen Postings gedacht (manchmal klärt schreiben ja die Gedanken). Ich denke auch, wir werden ihm signalisieren, dass seine Genesung absoluten Vorrang hat, dass wir das mit der Vertretung schon regeln, und er sich nicht stressen soll, zu früh wieder zurückzukommen. Der Job läuft ihm nicht weg.

  7. #7
    Avatar von Lorelei
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    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Zitat Zitat von Tigerente Beitrag anzeigen
    Das mit der Vertretung ist knifflig, wir sind FH-Professoren, d.h. es muss irgendwie feststehen, welche Vorlesungen er hält und welche ein anderer Kollege oder die Vertretung übernimmt - die Lehrveranstaltungen müssen stattfinden.
    So ganz verstehe ich das Problem nicht - man kann doch mit Honorarkräften arbeiten ?

    Und auch befristet eingestellten Leuten kann man das doch entsprechend erklären/ den Vertrag abfassen ?
    Ich wurde mal für 3 Monate als Schwangerschaftsvertretung eingestellt, mit Option auf einen Einjahresvertrag wenn bei der Geburt alles gut geht + die Kollegin den Mutterschaftsurlaub antritt. Wäre das Kind bei der Geburt gestorben + sie kurzfristig wieder gekommen, hätte ich diese Verlängerung halt nicht gekriegt. Und das war auch ein anspruchsvoller akademischer Job.

    Bei dem, was Du von seiner Erkrankung schreibst, würde ich nicht davon ausgehen, das er binnen 6 Monaten wieder voll einsatzfähig ist. Eine Chemo VOR der OP macht man i.d.R. bei schon fortgeschritteneren Tumorerkrankungen.
    "Lieber der Kopf einer Fliege als der Schweif eines Löwen !" (Victor Hugo)

  8. #8
    Avatar von Lorelei
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    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Zitat Zitat von schnellschnell Beitrag anzeigen
    Ganz ehrlich: wenn ich plötzlich eine lebensbedrohende Krankheit hätte wäre mir der Job sch... egal.
    Mir auch, aber da sind die Leute verschieden.

    Meine Kollegin ist todkrank, ihr bleiben im besten Fall noch 2 Jahre.
    Trotzdem arbeitet sie nach wie vor noch etwas, ich denke, es ist ihr wichtig, diese Normalität in ihrem Leben zu erhalten.
    "Lieber der Kopf einer Fliege als der Schweif eines Löwen !" (Victor Hugo)

  9. #9
    Nathalie1000
    gelöscht

    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Wenn die Jobsicherheit kein Thema ist, der Stress und die Verantwortung in dieser Position sind es auf jeden Fall. Studenten benoetigen Planungssicherheit und Zeit sich auf den Pruefer einzustellen, ein volles Jahr geplanter Auszeit scheint mir sinnvoll. Auch fuer ihn selbst waere es besser, eine laengere Wiedereinliedungsphase zu planen, man kann z. B. mit Verwaltungsaufaben beginnen und dann aufbauen, dass er zum Ende des Jahres wieder voll einsteigen kann.

    Du schriebst, dass er derzeit niemanden sehen moechte. Das macht es natuerlich sehr schwer, den richtigen Zeitpunkt fuer ein Gespraech zu finden. Der Schock nach der Diagnose, die gebotene Eile, die Behandlung zu beginnen, all der Schriftverkehr mit den zustaendigen Stellen und das Beduerfnis nach Ruhe stehen dem entgegen.
    Ausserdem veraendern sich Menschen nach der Diagnose, stellen ihre eigenen Beduerfnisse staerker in den Vordergrund. Kannst Du ihm einen Brief, nicht Mail, schreiben, in dem Du ihn um einen Termin bittest, um diese Frage zu besprechen? Mach deutlich, dass dieser Termin als eine Entlastung fuer ihn gedacht ist, damit er sich auf sich seine Heilung konzentrieren kann.

    Ich wuensche Dir viel Kraft und die richtigen Worte.

  10. #10

    Registriert seit
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    AW: Kollege hat Krebs - wie Vertretung "vernünftig" regeln

    Jede Prognose, jede Statistik ist hinfällig, denn es geht um den einzigen Menschen, den es getroffen hat. Was nützt eine vom Kollegen abgegebene Prognose, wenn zwei Tage bevor er wieder arbeiten kann/soll, ihn eine Grippe ereilt oder schlimmer, es doch ein Rezidiv gibt. Und es nützt auch niemanden, wenn man sagt, an so etwas solle man doch nicht denken.

    Wenn Ihr an einer FH arbeitet, dann gibt es dort doch sicherlich einen Personalrat, eine Geschäftsführung, einen Betriebsrat, einen Uni-Arzt und ich denke, dass die Krebserkrankung auch kein Einzelfall ist. Wobei es unerheblich ist ob Krebs oder eine andere Erkrankung.

    Warum musst Du dieses Planungsproblem alleine lösen. Für Mitarbeiter (auch Beamte) die länger krank sind, gibt es seit 2008 in Deutschland das "Betriebliche Wiedereingliederungsmanagement" und das ist dann Sache der Geschäftsführung/des Personalbüros.
    Eine Chemo läuft nach einem ziemlich festen Zeitschema ab, daran kann man den ungefähren Zeitraum absehen. Dabei sind natürlich nicht berücksichtigt, Zeiten die hinzukommen, weil durch Absinken der Blutwerte, eventuelles Fieber, Unwohlsein, einzelne Chemoblöcke verschoben werden. Im Zeitfaktor spielen auch noch "einfache" Krankschreibungen eine Rolle, die der Erkrankte eben zur Erholung braucht, dann nach der OP eine Anschlussheilbehandlung und zum Abschluss des ganzen Procedere noch eine eventuelle stationäre Rehabilitation. Auch steht Beamten eine Wiedereingliederung (Hamburger Modell) zu, diese kann sich über mehrere Monate hinziehen. Dann hat der Erkrankte Anspruch auf seinen kompletten Urlaub, den Rest von diesem Jahr und den Urlaub von 2013. Diesen darf er direkt im Anschluss z. B. des Hamburger Modells nehmen.
    Du siehst also, es kommen eine Menge an Monate zusammen und ich denke, eine Planung von zwei Halbjahren solltet Ihr ohne ihn machen.
    Sollte er das Hamburger Modell machen (er muss es nicht), dann wäre er sowieso nur stundenweise vor Ort, also wäre eine Doppelbesetzung der Stelle notwendig.

    Im Moment würde ich den Kollegen nicht kontaktieren, außer eventuell mit einer Karte, dass man an ihn denkt... Ich denke, dass er genug mit sich zu tun hat und er vom Intellekt gut einschätzen kann, dass der Betrieb weiter gehen muss und eben auch geht. Signalisiert ihm aber, dass von Eurer Seite her jederzeit Gesprächsbereitschaft besteht. Aber dies ist sowieso alles im Betrieblichen Wiedereingliederungsmanagement vorgeschrieben, da gibt es Fristen die einzuhalten sind.

    Der Mitarbeiter kann auch einen Grad der Behinderung beantragen, dann einen Gleichstellungsbescheid bei der Arbeitsagentur (Integrationsamt) in die Wege leiten. Auch dieses Amt ist für Arbeitgeber beratend tätig. Wenn sich die Erkrankung sehr lange hinzieht, wäre auch an eine befristete Erwerbsminderungsrente zu denken.

    Ich habe versucht, das Ganze ohne Emotionen zu schreiben, diese Situation ist so belämmert für den Erkrankten, dass es für alle Seiten sehr schwer ist.

    Hol Dir Unterstützung bei der Planung, Du musst und solltest das nicht alleine machen. Alles Gute

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