So, dann versuche ich mal, das Chaos halbwegs geordnet zu erklären... und hoffe, dass ihr viel dazu schreibt, denn ich brauche neue Meinungen, um meine eigene zu finden! Es ist wirklich dringend.
Mein Mann, nennen wir ihn Hagrid, stammt aus Ostdeutschland und ist 40, also bis zu seinem 20. Lebensjahr in der DDR sozialisiert. Ich stamme aus Südwestdeutschland, aus einer recht egozentrierten Familie, und war 10, als die Mauer fiel. Das gehört wirklich zum Thema dazu. Ich habe nämlich anfangs niemals für möglich gehalten, dass sich unterschiedliche Sozialisierungen in unterschiedlichen Systemen, wenn auch demselben Land (eigentlich) so sehr auswirken können. Darin sind Hagrid und ich uns auch einig - er ist auch davon überrascht worden. Aber eins nach dem anderen.
Hagrid war acht Jahre lang mit seiner Ex zusammen (nicht verheiratet), wurde von ihr betrogen. Als die gemeinsame Tochter sechs war, haben sie sich getrennt. Als die Lütte zehn war, haben Hagrid und ich uns kennengelernt und sind ziemlich schnell zusammengekommen, zusammengezogen, haben geheiratet und jetzt erwarte ich ein Kind. Seine Lütte ist nun 13, und Hagrid besucht sie trotz 400 Kilometer Entfernung alle 14 Tage - das Verhältnis zur Ex ist zerüttet, darum finden die Wochenenden bei meinen Schwiegereltern statt. Auch die Hälfte der Ferien hat er sie, und da Hagrid ein extremer Familienmensch ist, stehen seine Eltern und seine Lütte absolut an erster Stelle. Ich fühle mich dabei wie ein Etwas, das assimiliert werden soll, sich aber als widerspenstig erweist und darum unter "ferner liefen" läuft. Das würde Hagrid weit von sich weisen.
Probleme: 1) Hagrid hat im vergangenen Jahr trotz anderslautender Absprache bei uns nichts zur Miete, zum Strom oder zu sonstwas nennenswertem beigesteuert - weil er eben nur den 400-euro-job hatte und das ganze geld für den unterhalt der lütten draufgegangen ist. den zahlt er, obwohl er es rechtlich nicht müsste, aus angst, dass seine ex ihm die kleine vorenthält - was sie ja nicht dürfte. aber hagrid will keinen streit und zahlt darum brav. 2011 waren das mehr als 4000 euro. den rest seines lohns hat er eben in den tank gesteckt - die ständigen wochenendfahrten müssen ja bezahlt werden. Ich war mir zwar von vornherein darüber im Klaren, dass ich die Hauptverdienerin sein würde und dass er für seine Lütte sorgt - was ja auch super ist. Aber: Seine Ex und ihr Neuer verdienen jeder jeweils mehr als ich und kriegen von einem 400-Euro-Jobber Unterhalt? Das Kind wird von vorne und hinten verwöhnt - und die kriegt keine Hose und keinen Lippenstift weniger, wenn Hagrid nicht zahlt. Im Grunde finanziert Hagrid seiner Ex mit dem Mietgeld, das er mir eigentlich schuldet, die neue Frisur oder was immer sich diese Finanzbeamtin auch gönnen mag. Ich glaube nicht, dass das jetzt mit dem neuen Job, bei dem er mehr verdienen soll, wesentlich besser wird. Denn:
2.) Hagrid fährt nicht nur zu der Lütten, sondern dazwischen auch zu jedem Familienereignis, das sich sonst noch so in seiner Heimatstadt ergeben könnte. Zu jedem Geburtstag seiner Eltern, seines Bruders, seiner Schwägerin oder Neffen.... da kann es passieren: Erstes Wochenende im Monat ist er weg, weil Papa-Wochenende mit der Lütten ist, zweites Wochenende ist er weg, weil Schwägerin 38 wird, drittes Wochenende ist ja wieder Papa-Wochenende... und so weiter. Wer zahlt die Geschenke für die Eltern und die Verwandtschaft? Natürlich ich, und ich bin so widerspenstig mit meiner familienfeindlichen Sozialisation (mal überspitzt ausgedrückt), dass ich keinen Bock habe, jedes Mal mitzukommen. 800 km an einem Wochenende Autobahn - sehr erholsam. Aber der Familiensinn geht dort ja auch so weit, dass wir einfach im Ehebett der Eltern einquartiert werden, wenn deren Ferienwohnung belegt ist, und meine Schwiegereltern auf der Luftmatratze im Wohnzimmer schlafen. Das erdrückt mich, ich finde es distanzlos. Wenn sie bei uns zu Besuch sind, darf ich sie auch nicht in der Pension einquartieren, dann wären sie beleidigt, nein, sie pennen dann bei uns, und ich fühle mich dadurch erheblich in meiner Privatsphäre gestört. Zumal meine Schwiegermama auch schon in meiner Abwesenheit meinen Wäschekorb durchwühlt und meine Wäsche gewaschen hat - ich bin völlig ausgerastet. Ich würde niemals auf die Idee kommen, ihre dreckigen Unterhosen ungefragt zu waschen, aber Hagrid findet das alles ganz normal. Genauso, wie er es ganz normal findet, mit seiner 13-jährigen Lütten, wenn ich nicht mit dabei bin, in einem Bett zu schlafen - nicht nur wegen der beengten Situation bei seinen Eltern, sondern auch, weil die Lütte das einfordert und noch seine Nähe sucht und er das nicht ablehnen will. Das ich das bei einem Mädel, das mittlerweile körperlich extrem weit entwickelt ist, unangenehm und nicht mehr altersgemäß finde, wird mir nur als gemeine Eifersucht angekreidet. Und dass die Lütte und Hagrid sich lange auf den Mund küssen - das gab es in meiner Familie auch nie und ich kenne das nicht und finde es im höchsten Maße befremdlich.
Hagrid erklärt mir nur, dass das bei ihnen alles immer ganz normal gewesen ist, dass in der DDR die Familie eben auch näher zusammengerückt ist und ich ihn nicht unter druck setzen darf.
3. Ich darf alles zahlen, ich habe alles hinzunehmen und zu akzeptieren, soll entweder mit zur Familie fahren oder alleine zu hause bleiben - dass er sich mal für ein Wochenende alleine mit mir entscheidet, wenn ein Geburtstag da drüben anstünde, das steht gar nicht zur Debatte. Ich musste hier in unserer Wohnung sogar ein Lütten-Zimmer einrichten, damit sie sich willkommen fühlt, aber sie hat seit Monaten nicht mehr geruht, uns zu besuchen, denn dann müsste Hagrid sie ja abholen oder sie müsste sich von den Schwiegereltern bringen lassen, womit ich die ganze Familie dann übers Wochenende im Haus hätte. Der Punkt ist aber: Die Kleine findet es bei uns langweilig, und darum will sie nicht her. Also haben wir dieses Zimmer, das mit quasi ungenutzten Möbeln vollgestellt ist. Und nun kommt mein Kind im Dezember auf die Welt - und es gibt keinen Raum für ein weiteres Kinderzimmer. Die Lütte hat geheult, als sie von der Schwangerschaft erfahren hat, findet es scheiße und ist sauer und hat Angst, dass sie bei Papa nicht mehr die Nummer 1 ist. Er versicherte ihr natürlich sofort das Gegenteil - was mich einiges befürchten lässt.
Eigentlich mag ich die Lütte. Sie ist eben in der Pubertät, aber sonst ein liebes Mädel. Aber Hagrid verhält sich völlig unreif - Mama besuchen ist wichtiger als erkältungskranker, schwangerer Ehefrau am Wochenende etwa beim Einkaufen zu helfen, und er tut alles, um seine Ex und Lütte zufrieden zu stellen - mein zunehmendes Gemecker scheint er aber nur als Gemecker zu sehen. Er sieht gar nicht, wie unglücklich ich bin.
So! Das war ne ganze Menge. Hat überhaupt jemand das alles gelesen? Und blickt noch durch? Das wäre ein Wunder....













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