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AW: Dossier: Kann man Glauben lernen?
Hallo Malina!
die Frage, wer Gott gemach hat, lässt sich nicht beantworten, weil das eine naturwissenschaftliche Frage ist. Und so wie man naturwissenschaftliche Fragen seriös nicht religiös beantworten kann, so kann man Fragen nach Gott nicht naturwissenschaftlich beantworten. Ich würde sagen, Gott ist ewig. Und Ewigkeit ist in letzter Konsequent schon etwas, was sich unserem Verständnis entzieht. Wir kennen diesen Begriff, aber was er wirklich heißt, können wir nicht verstehen. Ich kann mir eine Zeit immer länger und länger vorstellen, aber nicht ohne Ende. Wenn Gott existiert, dann ist er so derart anders, dass wir ihn mit unseren Begrifflichkeiten ohnehin nicht erfassen könnten. Die bleiben immer bloß ungeschickte Annäherungen, unzureichende Versuche, ihn greifbar zu machen.
Und trotzdem formen sich die Menschen einen Gott nach ihrem Bilde... 
Hier weichst Du jetzt aber auf allgemein-philosophische Ausführungen aus - denen ich durchaus zustimme, was die Ewigkeit und die Unbegreifbarkeit eines göttlichen Wesens angeht, wenn es denn existierte. Nur löst das nicht das Dilemma, dass Du das Problem nur verschiebst, was die Entstehung der Welt angeht, indem Du einen ewigen Gott voraussetzt. "Wer hat Gott gemacht" - das war keine ganz ernst gemeinte Frage, weil ich davon ebenso wenig ausgehe wie davon, dass er die Welt gemacht hat: wenn es ihn gäbe, hätte ihn niemand gemacht. Trotzdem wäre aber die Frage: warum ist er da? Wieso soll ich die Existenz eines ewigen, noch viel unbegreiflicheren Wesens annehmen, weil ich sonst daran scheitere, die zumindest halbwegs begreifbare Entstehung und Existenz der Welt zu erklären? Wie geasgt, das verschiebt nur das Problem... 
Was Religion, Glauben und Kirche im Alltag angeht: Marginal geworden in ihrem Einfluss, ja. Und dennoch eben nicht aus der Gesellschaft wegzudenken. (Und natürlich hast Du Recht, was unsere Kultur angeht.)
Ich habe oben etwas verkürzt formuliert. Und bzgl. der Flyer hast Du schon irgendwo recht. Was ich nur meinte, war: ich wünsche mir eine wirklich klare Trennung von Religion/Kirche und Staat. Und die haben wir nicht. Und auch, wenn das als Atheistin vielleicht kontraproduktiv erscheint: ich wünsche mir, dass Menschen sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen - und nicht mit ihren Kindern zu Weihnachten in die Kirche gehen oder diese konfirmieren, weil es gesellschaftliche Konvention ist und es alle tun, ohne es zu hinterfragen. Das hat so etwas von Mitläufertum... Und stärkt die Macht einer Institution, die ich zumindest hinterfragen würde. So wie ich jede Insitution und ihre Ideologie hinterfragen würde, bevor ich beitrete/daran teilhabe und -nehme.
Der Gedanke, den Kindern etwas selbst als positiv Erlebtes mit auf den Weg geben zu wollen, wenn noch ein eigener Glaube vorhanden ist, leuchtet mir dagegen durchaus ein. Ich würde bloß hinterfragen, wieviel davon tatsächlich bei den Kindern ankommt. Und ebenso, wie ich nichts täte, wovon ich nicht persönlich überzeugt wäre, würde ich meinen Kindern eben das gleiche mitgeben wollen.
Gruß Sin
Geändert von Original-Sin (03.02.2012 um 15:51 Uhr)
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AW: Dossier: Kann man Glauben lernen?

Zitat von
Original-Sin
Und trotzdem formen sich die Menschen einen Gott nach ihrem Bilde...

Nach welchem Bild sollten sie ihn auch sonst formen? Wir können ja letztlich nur auf Begrifflichkeiten zurückgreifen, die wir kennen, Analogien aus unserer Welt verwenden, so wie Jesus es auch in seinen Gleichnissen tut. Dabei sollte aber eben immer klar sein, dass es letztlich nur Bilder sein. Keins davon ist absolut wahr, alles sind maximal Annäherungen.
Und zu Deinem zweiten Punkt:
Ich würde mich auch wünschen, dass die Menschen sich mehr mit dem Glauben auseinandersetzen. Und es gibt ja auch innerhalb der Kirche Stimmen, die sagen, sollen doch all die lauen, halbherzigen, die nur zu Weihnachten kommen, wegbleiben. Dann bleibt halt nur ein kleiner Kern, der aber wirklich überzeugt ist von dem, was er da glaubt und tut. Ich kann diese Haltung grundsätzlich nachvollziehen, teile sie aber nicht. Ich denke, dass das Interesse der Menschen an spirituellen Themen unterschiedlich ausgeprägt ist. Und ich schätze auch, dass es so was wie spirituelle Begabung gibt. Ähnlich wie Musikalität oder ein künstlerisches oder sportliches Talent gibt es Menschen, die über ein spirituelles Talent verfügen, die offener sind für diese Dimension des Seins (unabhängig davon, ob diesem Interesse dann tatsächlich etwas entspricht). Und die machen sich dann auch ganz bewusst auf die Suche, innerhalb oder außerhalb der etablierten Religionen, weil sie dieser Sehnsucht in ihrem Inneren nachgehen wollen. Anderen hingegen reicht es, wenn da nur ein loses Band besteht. Manch einer findet vielleicht auch irgendwann in seinem Leben, z.B. in einer existenziellen Notsituation, die Zeit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, die ja dann meist dringlicher werden. Ich finde, für diese Menschen darf in der Kirche auch Platz sein, so lange sie wollen. Diese Gattung wird m.E. eh früher oder später aussterben, eben weil die Zugehörigkeit zur Kirche nichts Selbstverständliches mehr ist.
Ich finde es jetzt auch nicht toll, wenn Leute nur kirchlich heiraten, weil das eben etwas feierlicher ist als nur standesamtlich. Aber ich habe z.B. einen Freund, dem es, obwohl er mit Kirche an sich nicht viel am Hut hat, tatsächlich wichtig war, kirchlich zu heiraten und die Kinder taufen zu lassen. Und er hat das auch gegenüber seiner Frau durchgesetzt. Klar, der Glaube spielt in seinem Alltag keine große Rolle, aber ich will mir nicht anmaßen zu beurteilen, welche Bedeutung er für ihn persönlich hat. Ich selbst war jahrzehntelang total kirchenfern, aber mein Glaube war mir immer sehr wichtig. Und in letzter Zeit nähere ich mich auch der Kirche wieder an, betrachte sie differenzierter, neugieriger, interessierter.
Ich habe durchaus Respekt vor Atheisten, weil ich finde, es gehört auch ein gewisser Mut dazu. Ich weiß noch, wie Kappuziner hier im Forum kurz vor ihrem Tod schrieb, sie sehe das Leben als Spiel, in dem sie leider schlechte Karten bekommen hätte, aber sie nehme das sportlich. Das fand ich schon sehr mutig und konsequent. Auf der anderen Seite bewundere ich auch Menschen, die dem Tod mit unerschütterlichem Glauben entgegengehen. Auch dazu gehört in meinen Augen Mut, sich ganz und gar auf eine Macht zu verlassen, deren Existenz letztlich nicht beweisbar ist.
Für mich ist mein Glaube eben eine bestimmte Dimension meines Seins, in meinem tiefsten Inneren verankert, in einer Schicht, die nicht ohne weiteres zugänglich ist. Und ich empfinde es als Geschenk und tiefe Bereicherung, dass diese Erfahrung machen darf. Aber mir ist eben auch klar, dass diese Erfahrung letztlich nicht vermittelbar ist.
So, und nun wartet die Wäsche darauf, aufgehängt zu werden - der schnöde Alltag halt
. Aber ich finde die Diskussion auch sehr spannend und merke, wie sie mich beschäftigt.
Gruß,
Malina
Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
(Eduard Mörike)
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AW: Dossier: Kann man Glauben lernen?

Zitat von
Original-Sin
Ja, ich weiß, aber in dem Punkt ist Dein Weltbild so anders geprägt als meines, dass ich Dir nicht nur nicht zustimmen, sondern einfach nicht mehr ganz folgen kann.
ja ich weiss dass ich ein etwas exotisches Weltbild habe.

Zitat von
Original-Sin
Ich meine: sie sagt etwas darüber aus, wie Menschen die Leere nach ihren Bedürfnissen füllen.
Das ist ja eine gute Sache, wenn die Fülle in der Leere wahrgenommen werden kann. Dann ist ein Mensch glücklich.
grüsse, barbara
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