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  1. #1
    Sia
    Sia ist offline
    Avatar von Sia
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    Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Liebe Vera Sandberg,

    genau wie Sie habe ich mich gegen die Behauptung, die geschilderte Gewalt-Situation über Jahre könne "jeder Frau passieren" verwehrt und ich bleibe auch dabei.

    Der von Ihnen zitierten Frau Lefherz, die behauptet "mit dieser Einstellung schwächen Sie die Opfer" und auch noch unterstellt, Sie und ich würden mit unserer Überzeugung den Tätern "freie Bahn" machen, muß ich schärfstens widersprechen! Sie schiebt damit die "Schuld" auf die Falschen. Schuldig - wenn man bei dem Begriff bleiben möchte - machen sich jedoch im Wesentlichen nur zwei Beteiligte: Täter und Opfer. Ich möchte jetzt bitte nicht mißverstanden werden, selbstverständlich sind die Täter die Hauptschuldigen und meiner Meinung nach strengstens zu verfolgen und zu bestrafen. Aber in so einer immer wiederkehrenden Situation (im Gegensatz z.B. zu einer einmaligen Überfallsituation) - teilweise über Jahrzehnte - trägt auch das Opfer eine Schuld. Nämlich eine Schuld der Verantwortung sich selbst - und ggf. seinen Kindern - gegenüber. In so einer Situation gibt es zwar immer einen, der handelt, aber eben auch einen, der es sich gefallen läßt.

    Richtig ist, daß praktisch jede Frau in ihrem Leben einmal an einen gewalttätigen Partner geraten kann. Man kann schließlich niemandem in den Kopf schauen. Und oftmals sind ja gerade derart extreme Persönlichkeiten zu anderen Zeiten auch extrem charmant und können einwickeln. Wenn es allerdings dann einmal zu einer Gewaltsituation gekommen ist, muß man sofort die Notbremse ziehen und Gegenmaßnahmen ergreifen. Das kann sicher auch die Verpflichtung zu einer entsprechenden Therapie und deren konsequente Durchführung sein und muß nicht immer gleich beim ersten Vorfall zur Trennung führen. Aber sobald Wiederholungen auftreten gäbe es für mich keine Alternative zur sofortigen Abgrenzung. Und es möge mir jetzt bitte keiner mit "wenn man starke Liebe empfindet, kann man sich nicht so einfach trennen" kommen. Wenn mich jemand mißhandelt, dann kann ich definitiv auch nicht mehr die Liebe empfinden, die vielleicht vorher da war. Und selbst WENN, mein Selbsterhaltungstrieb und mein Selbstbewußtsein würden es mir verbieten, mich weiter an so einen Menschen zu binden.

    Mir drängt sich daher die Vermutung auf, daß der eigentliche Haken an der Geschichte der ist, daß es den betroffenen Frauen eher in den letztgenannten Bereichen (Selbstbewußtsein, Selbsterhaltung, etc.) mangelt. Und hier kann letztlich auch nur die Ursache für die Erduldung der Mißhandlungen beseitigt werden: Durch Aufbau oder Steigerung der eigenen Wertschätzung. Denn nur wer sich selbst wichtig nimmt und sich selbst wirklich WERT ist, der achtet auch auf sich und akzeptiert die Gewalt gegen sich nicht. Die von Ihnen interviewte Frau "Schuchardt" zeigt nämlich genau diese Defizite: "Sie fühlte sich als alleinerziehnde Mutter nicht vollwertig" oder "Ich suchte eine Erklärung, gab mir selbst die Schuld", "fühlt sich an ihr Schicksal gekettet", "sie will keinen belasten" und vor allem die Furcht vor "öffentlicher Demütigung". Da wird deutlich die eigene Außenwirkung über die körperliche Unversehrtheit gestellt und das sollte dringend behandelt werden. Wer diesbezüglich Defizite bei sich zu erkennen glaubt, dem sei eine Therapie dringendst angeraten. Leider wird dieser Schritt auch heutzutage noch aus falscher Scham viel zu selten oder zu spät gegangen. Dabei ist das doch nun wirklich absolut keine Schande, sich fachliche Hilfe zu holen. Wer Herzrhythmusstörungen hat, geht doch auch zum Cardiologen!

    Ich kann verstehen, daß es sich für Betroffene besser anfühlt, wenn Sie glauben können, daß sie nicht alleine sind. Und das sind sie ja in der Tat nicht. Es gibt leider sehr viele Frauen, die ein solches Schicksal erdulden und die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein, als die meisten Statistiken hergeben. Aber dennoch sage ich: Nein, das kann nicht JEDER Frau passieren.

    Vielen Dank trotzdem für den Artikel, denn vielleicht gibt er doch der einen oder anderen Betroffenen den Mut, sich endlich Hilfe zu holen.

    Sia
    Altern ist keine Strafe, sondern eine Gnade.
    Bedenke dies, wenn du das nächste Mal über ein Fältchen jammerst.



  2. #2

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    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Theoretisch kann es jeder Frau passieren, daß sie von häuslicher Gewalt betroffen ist.

    Tatsächlich sieht es aber so aus, daß das Risiko in manchen Bevölkerungsschichten ungleich größer ist als in anderen.

    In den Frauenhäusern sind es nur selten Akademikerinnen in gutbezahlten Jobs, die Unterschlupf suchen, als vielmehr Frauen (oft mit Migrationshintergrund), die von ihren Männern abhängig sind, weil ihnen so etwas wie Qualifikation, Status und ein eigenes Einkommen fehlen.

  3. #3
    Avatar von chironex_fleckeri
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    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Zitat Zitat von Sonderzeichen Beitrag anzeigen
    Theoretisch kann es jeder Frau passieren, daß sie von häuslicher Gewalt betroffen ist.

    Tatsächlich sieht es aber so aus, daß das Risiko in manchen Bevölkerungsschichten ungleich größer ist als in anderen.

    In den Frauenhäusern sind es nur selten Akademikerinnen in gutbezahlten Jobs, die Unterschlupf suchen, als vielmehr Frauen (oft mit Migrationshintergrund), die von ihren Männern abhängig sind, weil ihnen so etwas wie Qualifikation, Status und ein eigenes Einkommen fehlen.
    Aus dem Umstand, dass in den Frauenhäusern weniger Frauen Zuflucht suchen, die über eigene materielle Ressourcen verfügen, kann nicht automatisch geschlossen werden, dass Frauen aus diesen Schichten / Akademikerinnen seltener betroffen oder Gewalt dort kein Thema wäre.

    Man muss die Thematik differenziert und unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren betrachten.

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  4. #4

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    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Hallo Sia,

    ich kann Ihren Beitrag voll unterschreiben!!
    Meine Erfahrung am eigenen Leibe bestätigt mir Ihre These, da ich von meinem ersten Mann körperlich und psychisch gequält wurde. Das konnte er aber nur, weil ich NICHT das Selbstbewusstsein hatte, das man im Umgang mit diesen Menschen haben sollte. Ich habe mich nach 15 jähriger Abhängigkeit von diesem Menschen gelöst und mit Hilfe einer Therapie mein - seit Kindheit unterdrücktes - Selbstbewusstsein aufgebaut. Heute bin ich aus der Distanz in der Lage auch mir eine gewisse Mitverantwortung zu geben, da ich nach der ersten Gewaltwiederholung nicht sofort die Konsequenzen gezogen habe, sondern den Weg mitgegangen bin.
    Heute WEISS ich , das passiert mir nie mehr! Ich bin nicht mehr finanziell oder emotional "abhängig" von einem Mann und kann selbstbewusst und ruhig entscheiden! Und KEIN MENSCH hat das Recht mir meine körperliche und seelische Unversehrtheit zu nehmen! In meinem Bekanntenkreis sind zwei Frauen die körperlich misshandelt werden und sie tragen
    auch eine Mitschuld, weil sie extrem INKONSEQUENT sind! Jedes Kind weiss heute, wenn mir immer nur gedroht wird und
    nie umgesetzt, kann ich so weitermachen wie bisher.

  5. #5

    Registriert seit
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    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Hallo Sia, super differenziert analysiert und sehr einleuchtend!

  6. #6

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    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Zitat Zitat von Sonderzeichen Beitrag anzeigen
    Theoretisch kann es jeder Frau passieren, daß sie von häuslicher Gewalt betroffen ist.

    Tatsächlich sieht es aber so aus, daß das Risiko in manchen Bevölkerungsschichten ungleich größer ist als in anderen.

    In den Frauenhäusern sind es nur selten Akademikerinnen in gutbezahlten Jobs, die Unterschlupf suchen, als vielmehr Frauen (oft mit Migrationshintergrund), die von ihren Männern abhängig sind, weil ihnen so etwas wie Qualifikation, Status und ein eigenes Einkommen fehlen.
    Ich denke, das liegt eher daran, dass Akademikerinnen in gutbezahlten Jobs die Möglichkeit haben, sich übergangsweise ein Hotel zu leisten und schneller an eine eigene Wohnung kommen. Sagt m.E. nichts darüber aus, wie oft in Akademiker-Haushalten Gewalt vorkommt.

    Tessa

  7. #7

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    5.754

    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Die bessere finanzielle Lage von hochqualifizierten Frauen ist mit Sicherheit ein Faktor, denn solche Frauen können ihre Siebensachen packen und ausziehen, bevor es zu körperlichen Übergriffen kommt, etwa wenn die verbalen Ausfälle immer häufiger werden und die Aggressivität sich steigert.

    Abhängige Frauen dagegen haben oft keine andere Wahl als entweder beim Schläger zu bleiben oder im Frauenhaus Unterschlupf zu suchen.

    Dies bedeutet aber letztlich auch, daß in Haushalten gehobener Schichten körperliche Gewalt seltener vorkommt, wobei hier nicht nur die bessere finanzielle Lage der Frauen eine Rolle spielt, sondern auch die generell günstigeren Lebensbedingungen.

  8. #8
    tilbage
    gelöscht

    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Nö, das ist mal wieder ein Fehlschluss.

  9. #9
    schnellschnell
    gelöscht

    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Zitat Zitat von tilbage Beitrag anzeigen
    Nö, das ist mal wieder ein Fehlschluss.
    Seh ich auch so. Wieso soll die durchschnittliche Schuhverkäuferin ein weniger stabiles Selbstwertgefühl haben als die durchschnittliche Germanistin? Das hat doch mit Intelligenz und Ausbildung nichts zu tun...

    Außerdem tut sich letztere wohl eher schwerer damit, einen Job zu finden wenn sie keinen hat.

  10. #10

    Registriert seit
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    AW: Heft 17 - Aktuell Gewalt - "Das kann jeder Frau passieren"

    Vermutlich auch deshalb, weil die Germanistin nicht gerade als Schuhverkäuferin arbeiten will...

    Ansonsten dürfte die durchschnittliche Germanistin bereits dadurch einen Vorteil haben, daß sie aus besseren Verhältnissen stammt als die durchschnittliche Schuhverkäuferin.

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