Liebe Bri-Comm,
Mein Freund und ich sind seit 1.5 Jahren zusammen, davon seit einem Jahr in einer gemeinsamen Wohnung. Mittlerweile haben sich bestimmte "Baustellen" herauskristallisiert, mit denen ich nicht glücklich bin. Und die Preisfrage ist: Ist das verhandel- und bearbeitbar oder sitze ich auf einem toten Pferd und weigere mich abzusteigen?
Baustelle No. 1 ist Haushalt / sich verantwortlich fühlen:
Anfangs war er oft mit in der Wohnung, die ich mir mit einer Freundin geteilt habe und er war wirklich hilfsbereit und umsichtig, ich hatte nie das Gefühl, hinter ihm herräumen zu müssen. Vor ungefähr einem Jahr zog meine Freundin dann weg und er und ich suchten eine gemeinsame Wohnung.
Von da an hatte ich immer das Gefühl, dass für ihn Entspannung und sich zuhause fühlen darin besteht, seine dreckigen Socken da fallen zu lassen wo er sie gerade auszieht und sie dann für mehrere Tage da zu belassen (gerne auf dem Sofa oder auf dem Boden des Schlafzimmers). Generell habe ich den Eindruck, dass im Haushalt nichts passiert wenn es nicht von mir angeschubst wird und das gibt mir das Gefühl, die einzige zu sein, die sich zuständig fühlt. Natürlich ist mir klar, dass unterschiedlich Menschen ein unterschiedliches Ordnungsbedürfnis haben uns ich bin keinesfalls perfekt oder super-penibel. Herumliegende, dreckige Wäsche oder dreckiges Geschirr (mehr als einen Tag) bringen mich allerdings an einen Punkt, wo ich mich nicht mehr wohl fühle. Es ist für mich so, wie ständig Lärm ausgesetzt zu sein. Ich hab von Anfang an versucht, tolerant zu sein wo ich kann, aber auch nicht dem Impuls nachzugeben, seinen Kram selber weg zu räumen weil ich befürchte, dass sich das dann so einschleift und ich mich dann ausgenutzt und in die Roller der kostenlosen Putzhilfe gedrängt fühlen würde.
Für die ersten 6 Monate hoffte ich, dass sich die Dinge in dieser Hinsicht einpendeln würden.
Als das nicht geschah, sprach ich meinen Freund an und versuchte ihm zu erklären, wie ich mich mit dem bisherigen Status fühle und bat ihn, sich mit mir hinzusetzen und gemeinsam zu überlegen, was im Haushalt wann und wie oft von wem gemacht werden müsste. Er fühlte anscheinend persönlich angegriffen, wurde sehr aufbrausend und ungeduldig, weigerte sich, dieses Gespräch mit mir zu führen und sagte "Mach einen Putzplan und dann machen wir das eben so."
Das habe ich dann getan.
Er widersprach dem auch nicht und hielt sich tatsächlich die ersten 2 Wochen daran. Und danach nie wieder. :S
Obwohl die Idee war, kleinliche Zankereien zu vermeiden, muss ich ihn jedesmal daran erinnern, seinen Anteil zu erledigen. Jedes Mal reagiert er gereizt und aufbrausend, so dass das ganze recht unerfreulich ist. Wenn ich nichts sage, bleibt aber alles an mir hängen. Ich habe auch schon Vorschläge gemacht wie, eine Putzperle für zweimal im Monat zu engagieren oder einen Geschirrspüler zu kaufen. Da ist er vehement dagegen, weil er dafür kein Geld ausgeben möchte.
Ich habe daher nur die Wahl, mich unwohl zu fühlen, weil ich mich mit meiner Umgebung nicht wohl fühle oder mich unwohl zu fühlen, weil ich mir den Schuh der kostenlosen Putzhilfe anziehe.
Ich habe den Eindruck, dass wir mittlerweile in eine "nörgelnde Mutter, rebellierendes Kind"-Dynamik reingerutscht sind. Vor wenigen Wochen sagte ich ihm, dass ich mich wirklich unwohl in unserem Zuhause fühle und die Situation für auf Dauer so nicht tragbar ist, weil ich das Gefühl habe, dass ich ständig gegen "Verwahrlosung" ankämpfen muss und mein Partner nicht mit mir im selben Team spielt, sondern mir das Leben noch schwerer macht. Er meinte, dass er sich so halt entspannt, dass er sich von niemandem Vorschriften machen lässt und wenn er sich was von anderen vorschreiben lassen wollte, könne er ja noch bei seiner Mutter wohnen. Sich wild und frei und anarchistisch fühlen ist ja super. Aber wenn man es als so extreme Zumutung empfindet Kompromisse zu machen, weil die Person, mit der man zusammen wohnt, teilweise abweichende Bedürfnisse hat, wäre alleine wohnen vielleicht die beste Lösung.
Baustelle 2 (und darüber mache ich mir noch größere Sorgen) ist der gereizte bis respektlose Kommunikationsstil, der sich bei uns eingeschliffen hat: Er fühlt sich leicht persönlich angegriffen, selbst wenn ich a) meiner Meinung nach völlig harmlose, unkritische oder nicht auf ihn bezogene Dinge sage oder b) um eine Verhaltensänderung bitte und dabei ruhig, sachlich und freundlich mit ihm rede. Das Schema ist: anfangs "ich Armer, ich liebe Dich so und bin so gut zu Dir und Du kritisierst mich". Wenn ich mich davon nicht ablenken lassen, dann fängt er schnell an aufbrausend zu werden, zu schreien und beleidigend zu werden (Stinkefinger zeigen, Ausdrücke wie "Hure" oder "Schlampe". Und das ist für mich absolut nicht akzeptabel.
Zum ersten Mal passierte es aus einer für mich relativ harmlosen Alltagssituation. Wir sassen nebeneinander auf dem Soda und ich wollte ihm etwas auf meinem Laptop zeigen. Er reagierte für zwei Minuten nicht, daher wiederholte ich was ich gesagt hatt, worauf er anfing mich an zu schreien. Ich war ziemlich baff und fragt ihn in einem verwunderten, unsarkastischen Ton: "Wieso redest Du so mit mir? Ist es in deiner Familie normal, diesem Ton miteinander zu reden?" Worauf er aufsprang, mich als Hure beschimpfte und Anstalten machte, den Raum zu verlassen.
Ich habe dann auch nur schlicht und nachdrücklich zu ihm gesagt: "Stopp! Es ist nicht ok, so mit mir zu reden!" Er meinte dann ich hätte ihn provoziert indem ich seine Familie beleidigt hätte und daher sei das ja meine Schuld. Auf diese Deutung der Geschehnisse habe ich mich aber nicht eingelassen. Ich habe dann die Nacht auf dem Sofa verbracht und als er am nächsten Tag so getan hat, als wäre nichts passiert zu ihm gesagt, dass solche Beleidigungen für mich nicht akzeptabel sind und die Beziehung in Frage stellen, weil ich das Gefühl haben, wenn ich meinem Partner erlaube so mit mir zu reden, macht mich das seelisch so kaputt dass ich irgendwann anfange zu glauben, ich hätten keinen respektvolleren und liebevolleren Umgang verdient.
Er fing wieder an, mir zu erzählen, dass ja alles meine Schuld sei, weil ich ihn provoziert hätte. Ich habe dann zum ersten und bisher letzten Mal seit wir und kennen, meine Stimme erhoben und geschrien "Ich lasse mir keinen Stinkefinger zeigen und ich lasse mich auch nicht als Hure bezeichnen!" und habe den Raum verlassen. Er kam mir dann hinterher und hat sich entschuldigt, verlangte dann aber sofort dass ich mich zurück entschuldigen müsse. Ich meinte dann, dass das so nicht funktioniert.
Zwei Monate später kam es dann wegen einer weiteren Haushaltsbagatelle zum nächsten Ausraster wo ich als "verdammte Schlampe" bezeichnet wurde. Diesmal sprachen wir vier Tage nicht mit einander. Er kam dann mitten in der Nacht ins Bett und sagte so was wie "Lass uns vertragen, mein Leben ohne dich ist Schexxe." Ich meinte dann "Gut, aber lass uns morgen nochmal in Ruhe reden." Ich meinte dann zu ihm, dass es mir Sorgen macht, dass kleine Alltagsstreitigkeiten so eskalieren. Sollten wir wirklich dauerhaft zusammen bleiben kommen sicher noch viel belastendere Situationen auf uns zu. Im Moment hat keiner den anderen betrogen, hat ein Elternteil verloren oder ist schwer krank, was für mich alles irgendwie Situationen wären, in denen es verständlich wäre, auszurasten. Und mir wird bei diesem Verhalten mulmig weil ich das Gefühl habe, dass es von hier bis zum Zuschlagen nicht mehr weit ist. Auch Liebesschwüre a la "Ich kann ohne Dich nicht leben" mögen ja romantisch klingen, aber ich finde das in Kombination mit seiner Eifersucht und den Ausrastern eher bedrohlich. (Eher in Richtung Bedürftigkeit / Kontrolle).
Dazu kommt, dass ich schon beim ersten Vorfall sehr klar gesagt hat, dass das für mich absolut nicht geht, da es aber nach zwei Monaten wieder vorkam. Das wirkt nicht so, als würde es wirklich ankommen. Und ich frage mich, wie oft ich noch eine letzte Chance einräumen sollte.
Hintergrund-Info: Ich bin Anfang 30, er Mitte 20. Wir haben uns auf der Arbeit kennen gelernt, waren Kollegen im selben Team. (Mittlerweile bin ich zu einer anderen Firma gewechselt, er ist immer noch in unserem alten Team.) Als Kollege war er immer der Lustige, Charmante, ewig Geduldige und Hilfsbereite. Er arbeitet extrem viel, was wahrscheinlich auch zu seiner Gereiztheit beiträgt. Aber wenn immer ich vorsichtig anmerke, dass er ja vielleicht ein bisschen kürzer treten sollte, damit er nicht ausbrennt, reagiert er wie ein Alkoholiker der einem versichert, dass er ja jeder Zeit aufhören könnte. (Seine Überstunden bewegen sich so in der Grössenordnung 9-22.30 Uhr und die Firma nimmt das natürlich gerne mit, offiziell fordern sie so was aber nicht ein und es gibt in diesem Team auch Leute, die locker 9-18.00 Uhr machen und trotzdem nicht um ihren Job zittern müssen.) Das ist natürlich nicht wirklich meinen Baustelle und letztendlich muss er entscheiden wie er das für sich handhabt. Es hat aber sicherlich Einfluss auf unsere Situation. Abends uns am Wochenende ist Herr Elfenwels nämlich so knülle, dass er eigentlich nur noch auf dem Sofa sitzen und auf der Playstation Ballerspiele spielen will. (Was wiederum seine Sache ist, aber so gar nicht dem Mann entspricht, den ich mal kennen gelernt habe.)
Sorry, ist sehr lang geworden. Würde mich freuen wenn trotzdem die eine oder andere mir einen Anstoß geben könnte.
Danke!











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(27.05.2011)